Revolution.

Manchmal wünschte ich mir, in eine andere Welt eintauchen zu können. Und ich würde dich mitziehen, wir würden fliehen. Vor dieser Welt und all dem Schrecklichen, all dem Unvorhersehbaren und all dem Offensichtlichen. Wir würden verschwinden, aus Angst.

Diese Welt erdrückt einen manchmal. Ist man nur ein kleines bisschen politisch interessiert, könnte man beinahe ununterbrochen kotzen, und das allein aufgrund des ewiggestrigen Abschaums, der immer noch durch unsere Straßen zieht und all die Parolen von vor 60 Jahren brüllen kann. Ohne wahrscheinlich überhaupt irgendetwas von dieser Zeit zu wissen. Oder wir werden erdrückt von unserer eigenen Generation. Die Generation Krise kommt nicht zurecht ohne irgendeinem Wirtschaftseinbruch, einer Pandemie oder was auch immer. Es muss immer was los sein, weil immer was los ist. Und wäre die Welt auch einfach nur angenehm und lebenswert, wäre sie doch nicht mehr gut genug.

Wir würden entfliehen und uns unser ganz kleines, eigenes Leben aufbauen. Abgeschotet von dieser Welt, die so viel Grausames beinhaltet. So viel Schmutz und auch so viel Lärm. Wir würden es uns still machen, wir hätten alle Zeit der Welt. Unserer Welt. Wir würden ein neues Leben, jenseits von dieser Welt beginnen.

Und müssten uns nicht aufhalten, mit all den Verpflichtungen, die uns Tag für Tag verfolgen. Wären sorgenfrei und atemlos. Könnten stundenlang durch frische grüne Wiesen laufen und uns fallen lassen. Müssten nicht nachdenken über die Welt und über uns, wir wären zu zweit und hätten doch keine Sorge um uns, da nichts uns passieren kann.

Träumst du nicht manchmal auch davon?
Einfach nur weg?

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Als ich noch nicht wusste, was Liebe ist, wurde ich mit Gesteinsbrocken überschüttet und jetzt, wo ich mir vielleicht schon zumindest  im Ansatz der Komplexität dieser einen Sache halbwegs bewusst bin, wäre ich um jeden Kieselstein dankbar.

[…]

Manche Menschen glauben wirklich, die ganze Sache wäre gegessen, wenn sie ihrem Gegenüber ihre mit unzähligen Bakterien belegte Zunge  in dessen Mundhöhle hineinrammen. 

[…]

Frühlingsgefühle nerven. Hat man eine beschissene Zeit und wird mit ihnen konfrontiert, ist man hilflos und überfordert. Durchlebt man eine tolle Zeit, so wie ich jetzt, kommen sie dann wieder gar nicht. Oder melden sich bei mir nur unter falschem Namen.

[…]

Manchmal möchte ich auch einfach nur mal geküsst werden. Es muss auch niemandem etwas bedeuten. Ich habe nur etwas Angst, dass meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet irgendwann einmal verkümmern werden. 

[…]

In einem meiner vorangegangenen Texte habe ich gelogen. Sex ist kein notwendiges Übel sondern wunderschön. Und mitunter auch richtig lustig.

[…]

Mit jedem Jahr, das man älter wird, schwindet auch die Unbeschwertheit. Seit dem 16. Lebensjahr gehts abwärts. Das wären also schon 5 Jahre Abwärtstrend. Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach mal keine Verpflichtungen habe, und keine Gedanken verschwende. Das würde wohl so einiges erleichtern.

[…]

Ich weiß: Das gibt einen Pluspunkt. Nur weil ich, wenn ich von Frauen angemacht werde (und ja, das kommt schließlich auch so manches Mal vor), sie meistens vollkommen betrunken und ich viel zu nüchtern bin, um ihren Freund, von dem sie mir im nüchternen Zustand schon so oft erzählt hat, oder meinen guten Geschmack nicht zu vergessen. Und doch sollte es mich nachdenklich stimmen, dass die Frauen zumeist eben vollkommen betrunken sind.

[…]

Und wenn es wieder so weit sein soll, würde ich wahrscheinlich von Endorphinen erschlagen werden. Und unter den Trümmern, mit all den Schmetterlingen, die sich in meinen Bauch gebohrt haben, und all der Heftigkeit des Erlebten, werde ich wohl wieder einmal nur lächeln. Und tagträumen. Und reden. Mit allem und jeden über die Genialität meines Lebens.

[…]

Und. Ich bin mir sicher: Es wird nicht mehr lange dauern. Aus rein optimistischen Sichtpunkten.

[Ein paar, zum Teil unzusammenhängende, Gedanken zum Thema Liebe]

An den Sonnenstrahl klammernd.

Es knarzt etwas, als  er auf das immer noch feuchte Holz steigt. Und beinahe glaubt er sogar, dass er bei jedem seiner folgenden Schritte von der Morschigkeit der alten Bretter überlistet und er schließlich einbrechen würde. Am Ende des vom Regen des Vortages noch durchtränkten Steges lässt er sich nieder. Es ist ruhig hier.

Die Gegend ist eingetaucht in dieses dichte Feld aus undurchsichtigem Nebel, welches sich nun schon tagelang über dem See zu halten versucht. Was ist aber auch die Seele gerade eben wieder kaputt. In der selbstgewünschten Einsamkeit hier fühlt er sich eben einsam. Und entgegen seiner Erwartung nagt dieser Prozess des Nachdenkens, in welchen er sich immer tiefer hineinzudrängen bereit war, an seiner Fassung.

Manchmal drängen sich Gedanken in seinen Kopf. Dass die Liebe womöglich doch alles ein klein bisschen einfacher machen würde. Dass das Leben vielleicht nur oberflächlich so großartig ist, und er nur aufgrund der ausgeschütteten Endorphine auf dieser Welle weiterwandeln möchte. Wer kann es ihm denn überhaupt verübeln. Dass er einfach mal aufhören sollte, nachzudenken.

Und während die Sonne sich immer weiter durchkommt und der kalte Wind ein kleines bisschen abflaut. Und während die Stimme in seinem Kopf immer lauter zu pochen beginnt, lehnt er sich zurück und legt sich auf den immer noch ungetrockneten Steg. Und irgendwie erinnert ihn all das hier an die bittersüße Symphonie. 

„cause it’s a bittersweet symphony, this life …“

Plötzlich durchbricht ein Sonnenstrahl die Nebelwand und trifft lautlos auf dem See auf. Einfach nur festhalten. Er muss sich nur festhalten an diesem Strahl, muss sich an ihn klammern. Um in nächster Zeit womöglich auch einfach nur mal wieder die ganze Sonne erleben zu können.

Foto von ok23|flickr

Urbanes Gedankengut. [Ein Spaziergang]

„In wenigen Minuten erreichen wir den Zugendbahnhof: Wir bedanken uns bei ihnen und hoffen, dass sie …“

Die Ohrstöpsel verschwinden unter den Haaren, und ich nehme meine Tasche und sehe dieser monotonen Masse zu, die mit aller Macht versucht, so schnell wie möglich den Zug zu verlassen. Bis sich bei beiden Ausstiegen je eine Schlange gebildet hat, und sie sich ungefähr in der Mitte des Waggons treffen (was natürlich für die Fahrgäste in diesen Reihen unpassend ist, denn zwei Möglichkeiten erleichtern die Entscheidung definitiv nicht), lege ich meinen Kopf gegen die Scheibe des Zuges. Es ist dunkel, Nacht. Ungefähr zweiundzwanzig Uhr. Woran man merkt, dass man wieder in Wien ist? Es sind die Lichter. Die Lichter, die selbst in der Nacht die Stadt nicht schlafen lassen. Der Zug kommt zum Stillstand und schön langsam lichten sich auch wieder die Gänge. Und schon auf dem Weg aus dem Zug krame ich in meiner Hosentasche nach der zerknüllten Packung Zigaretten.

Das erste kleine Plätzchen, auf welchem man an diesem Bahnhof rauchen darf, wird für die kommenden fünf Minuten mein Lebensraum. Ich denke nach. Über die Dunkelheit hier, und über mich selbst. Eigentlich ist es ja bemerkenswert, wie viel man an einem Tag nachdenkt. Ich kann ungefähr dreißig Leute aufzählen, an die ich täglich zumindest ein einziges Mal denke. Und bei einem Großteil von diesen Menschen belasse ich es nicht bei einem einzelnen Gedanken. Meine Gedankenwelt ist groß.

Manchmal denke ich auch über die Liebe nach. Wie schön es war, damals. Und ja, verdammt. Es war eine wundervolle Zeit. Und wie lange seit damals, seit ungefähr zwei Jahren so vieles in Sachen Liebe einfach falsch gelaufen ist. Denn Liebe ist nämlich gemein. Ganz bösartig gemein.

Die Zigarette nähert sich schon dem Ende. Irgendwie habe ich heute keine Lust, mit U-Bahn (und vermischtem Schweißduft) ins Studentenheim zu fahren. Und da mir ja Bewegung mehr als gut tut, mache ich mich per pedes auf den Weg zu meinen geliebten fünfzehn oder zwanzig Quadratmetern, die ich mir mit einem unsozialen Nerd teilen muss. Die Luft heizt selbst jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, noch beachtlich, es dürfte so um die fünfzehn Grad haben. Doch es riecht nach Regen. Ein bemerkenswerter Duft übrigens.

Wo waren wir? Ach ja, die Liebe. Ist es denn nicht lächerlich, wie viele Gedanken man an sie verliert? Aber die Liebe hat eben diese Macht, dass sie einen nicht mehr loslässt. Einmal Blut geleckt, kann man nicht aufhören an sie und das Schöne daran zu denken und sich mit manch zerstörerischen Fragen beinahe selbst zu verletzen. Die Liebe ist, und das muss jeder wohl zugeben, wundervoll. Aber wie auch beim Menschen selbst darf man nie und niemalsnimmer von perfekter Liebe sprechen. Nichts ist perfekt und gerade dieses Unperfekte macht es so real. 

Ich weiß noch, wie es damals war (und wie könnte ich auch jemals vergessen): Das Tagträumen, und das Dauerlächeln, dieses mulmige Gefühl kurz vor unserem ersten Kuss. Dieses einzigartige Gefühl nebeneinander einzuschlafen. Genau nach solchen Dingen sehnt man sich, wenn man sie nur ein einziges Mal erlebt hat. Doch die Liebe spielt so oft einfach nicht mit bei der Suche nach ihr selbst. So wird man selbst geliebt und sucht verzweifelt nach Gefühlen für die andere Person. Denn man möchte nicht enttäuschen und muss es dann eben doch tun. Oder man verliert sich schon wieder in einer Traumwelt und gerät in Gefahr wieder in ihr zu versinken.

Dass es manchen Menschen auch einfach nur um Küssen und Sex geht, finde ich zu einem großen Teil relativ abartig. Liebe beginnt für mich z.B. wenn ich von einem gestressten Tag nach Hause komme, und ich von der Liebsten in ihren Armen, in ihrer Umarmung aufgefangen werde. Wenn ich mit ihr redeen kann und wir bei gemeinsamen Spaziergängen in der späten Nacht einfach mal stehenbleiben um uns den Sternenhimmel anzusehen. Das ist für mich Liebe. Wenn sich jemand um einen sorgt und am liebsten mitweinen möchte, wenn es einem selbst nach Weinen zumute ist. Und ja, man möge hier Recht haben, wenn man meint, dass Freundschaft doch genauso aussieht. Dafür gibt es eben dann Küssen und Sex um sich ein bisschen von der Freundschaft abzusondern. Man könnte sagen, als notwendiges Übel. (Aber natürlich als schönes notwendiges Übel).

Während meines Weges durch die leuchtende Dunkelheit (es stimmt wohl, diesen Teil der Urbanität werde ich wohl nie toll finden), kommt es zu einer weiteren Kollision einer Zigarette mit meinem Mund. Ich bleibe stehen, krame nach einem Feuerzeug und beginne sogleich auch schon wieder routinemäßig zu inhalieren.

Auf die Liebe soll man nicht warten, heißt es. Man soll nicht nach ihr suchen, sagt man. Sie wird einfach geschehen. Und ich bin bereit, auf all das zu warten, bis die Suche ein Ende hat. Es geht mir auch gut, so ohne Liebe. Ich, im Inbegriff, seit Jahren endlich wieder einmal mein Leben in vollsten Zügen zu genießen, kann auf die besten Freunde, auf die großartigste Familie bauen. Aber trotzdem wird es mir nicht gelingen, nicht an sie zu denken. Die Liebe.

Oh, ich bin in die falsche Querstraße eingebogen. Etwas verloren blicke ich mich um und erkenne einfach rein gar nichts wieder. Also zurück zu dieser Kreuzung, die mich falsch hat abbiegen lassen. Von hier aus dürfte es ja nicht mehr allzu weit sein. Aber eines sage ich mir. Ich habe ehrliche Angst davor, dass, sollte es irgendwann wieder zu gegenseitiger Liebe kommen, ich zu feige und zu unsicher sein, um mich darauf einzulassen. Wie auch bei all dem, was jetzt gerade hier abläuft gilt: Man muss sich einfach nur trauen. Muss Mut oder manchmal auch das viel schönere Wort Courage zeigen. Und manchmal muss man womöglich über den eigenen Schatten springen. Und selbst den ersten Schritt wagen. Sturzgefahr natürlich inklusive.

Die erste Tür öffnet sich und ich betrete den Eingangsbereich des Studentenheims. Den Weg in den ersten Stock kenne ich nun schon auswendig und deshalb verzichte ich auch auf diese grelle Lichtshow, welche ich durch den Schalter ausgelöst hätte. Die Zimmertür ist verschlossen und nachdem ich dem Schlüssel zu seinem abschließenden Einsatz verholfen habe, werfe ich die Tasche auf den Boden und lege mich ins Bett. Genug gedacht für heute.

Wobei …

Foto von flickr, unter Creative Commons Lizenz. 
Auch auf jetzt.de und Ci-Jou.

Stumm.

Ruhelos sitzt du da, möchtest mit mir sprechen, möchtest mir dein Herz ausschütten. Doch du bleibst stumm und mit dieser Stille wühlst du dich immer weiter auf. Keine Spur von Sorglosigkeit, von Freude auf deinem Gesicht. Du siehst bekümmert aus, und trotz meiner Gesellschaft fühle ich deine Einsamkeit. Nichts und niemand könnte jetzt diese Wand zwischen dir und dieser Welt hier einbrechen. Du mauerst dich ein und bleibst stumm.

Ich möchte dich halten, möchte dich auffangen, während du fällst, in dieses tiefe Loch. In welches du schon seit Stunden, seit Tagen hineinblickst. Möchte dir einen Arm reichen, damit du nicht stürzt. Aber du wendest dich ab. Trotz allem, was zwischen uns immer war und wohl auch sein wird. Du bist allein.

In mir keimt Unmut. Ich möchte helfen. Möchte bei dir sein und dir zuhören. Möchte deinem Kummer lauschen, möchte dir Hilfe sein, so wie du immer Hilfe für mich bist. Möchte dieses Ding der Begierde, dieses Wutobjekt sein, welchem du all deinen Frust, deine Wut und deine Angst entgegenschreien möchtest. Ich wäre dir auch gar nicht böse, ich würde es verstehen. Verstehst du mich?

Aber du möchtest allein sein. Mit deinem Kummer, deiner Trauer, deiner Wut und deiner Angst. Möchtest womöglich erst alleine damit zurechtkommen. Aber immer mehr mauerst du dich ein und verlierst den Anschluss hier. Sitzt zwar ruhelos neben mir, befindest dich aber meilenwert entfernt. 

Ich möchte mit dir sprechen, möchte dich nach deinem Befinden befragen. Möchte deinen Erzählungen lauschen und dich trösten. Dir die Tränen aus dem Gesicht wischen und dich umarmen. Dir einen Teil meiner Wärme schenken und mit dir leiden. 

Doch du.
Bleibst stumm.

Ein Geschenk. Für mich.

Daniel Glattauer

Dieses Geschenk habe ich mir selbst zu meinem 21. Geburtstag gemacht. Eine Lesung von Daniel Glattauer aus seinem neuen Buch „Alle sieben Wellen“ (dem Nachfolger zu „Gut gegen Nordwind“) und seiner Kolumnensammlung „Schau ma‘ mal“. Es war einfach wundervoll großartig, unterhaltsam, muskelaufbauend (und trotzdem war es ein schöner Stehplatz). Und seit gestern weiß ich auch, dass Herr Glattauer mein großes Vorbild ist. Er wollte schon als Jugendlicher Autor werden, wurde dann aber Journalist. Hörte jedoch nie auf weiter zu schreiben und hat eben nach mehreren zwar schon erfolgreichen Büchern schließlich mit „Gut gegen Nordwind“ den großen Durchbruch geschafft. So mach‘ ich das auch. Genau so. Und dann werden bei mir 97 Prozent Frauen drinnen sitzen und meinen Worten lauschen. Tjaja. So wird das.

Abseits der Tagesordnung. [Ein Monolog]

„Als ich dich das erste Mal sah, bist du mir aufgefallen. Nicht so besonders. Vielleicht stellst du dir jetzt vor, dass die Welt um mich herum plötzlich langsamer wurde, und du in einem hellen Schein dastandst und ich mit leuchtenden Augen in die deinen blickte. Nein. Ich fand dich einfach nur auffallungswürdig. Vielleicht erklärt das ja auch, warum ich dich anschließend die ganze Zeit ansehen musste. Immer kurz den Blick schweifen lassen, deinen Kopf, deinen Körper erkennen, verharren. Bis du dich für den kurzen Moment eines Augenblicks bewegtest. Immer und immer wieder musste ich zu dir hinsehen. Glaubst du, ich hätte es zu diesem Zeitpunkt schon geschafft, dich anzusprechen? Nein. Dafür bin ich viel zu schüchtern. Wenn mir jemand so besonders auffällt, so … besonders ist womöglich, kann ich mich noch weniger dazu überwinden, ein kurzes Hallo zu spenden und zu lächeln und in tiefen Smalltalk zu verfallen. So blieb mir einfach nur die Zeit, in der ich dich betrachten konnte. Und ich habe sie genossen. Aber weißt du eigentlich, wie komisch es sich anfühlte, als du plötzlich wieder weg warst? Meine Augen hatten Urlaub, mein Kopf erlaubte ihnen nicht einmal mehr, irgendjemand anderen anzusehen. Er wollte dich wieder sehen. Mein Kopf genauso wie meine Augen und mein Herz. Es dauerte lange, aber es stimmt wirklich. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben. Dass es nun schon so lange Zeit her ist, überrascht mich. Hast du dich doch kaum verändert. Noch immer strahlt dein Auftreten etwas Besonderes aus. Und du wirkst so … unschuldig, so brav. Als hätte es all die Jahre zuvor nicht gegeben. Als wärst du an diesem einen ersten Tag nach Hause gegangen und heute wäre das Morgen von gestern. Vielleicht hast du mich ja auch erkannt. Obwohl. Hast du mich denn überhaupt bemerkt, damals? Ich weiß es nicht. Und jetzt sitze ich neben dir und erzähle dir die Geschichte meines Lebens. Ach nein. Es ist die Geschichte von uns beiden. Von dir und mir und wir kennen uns nicht einmal. Ich weiß nur wie du aussiehst, und jetzt auch wie du riechst. Wie du lächelst und wie du dich bewegst. Dir kommt das komisch vor? Es ist ganz normal. Man bemerkt die überraschendsten und nebensächlichsten Dinge wenn man jemanden beobachtet. Aber dein Lächeln ist definitiv nicht nebensächlich. Es ist vielmehr wunderschön und setzt auf das Besondere an dir noch eine Piemont-Kirsche hinauf. Ich weiß nicht, wie du das getan hast, aber damals, an diesem einen Tag hast du mich verzaubert. In einem Moment, als Verzaubern ja mal sowas von gar nicht auf der Tagesordnung stand. Hast mich gepackt, nicht mehr losgelassen und bist schließlich einfach abgehauen. Hast mich alleine gelassen in dieser Traumwelt, in diesem Gedankenkomplex und tauchst jetzt plötzlich wieder auf. Wirbelst mein ganzes Leben durcheinander. Vielleicht hast du heute Lust, den Abend mit mir zu verbringen. Wir würden Wein trinken, Weißwein. Würden auf einer Decke liegen und reden. Würden reden über die Sterne, über das frische Gras, welches noch so saftig duftet und mit jedem Frühlingsregen weiter aus der Erde sprießt. Wir würden über Kinofilme reden und über Musik, die vielleicht Tränen in uns erzeugt hat. Über unser Leben und unserer Erlebnisse. Wir würden die ganze Nacht damit verbringen, uns kennen zu lernen. Und. Ach ja. Ich bin übrigens Dominik.“

Bild von fotologic

Und ich hoffe, es geht dir gut.

Weißt du, manchmal denke ich noch darüber nach, wie es wäre, wenn wir es geschafft hätten. Wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Er war mir wichtig und ging mir monatelang nicht aus meinem Kopf. Und doch habe gerade ich die Verwirklichung eben dieses meinen Wunsches torpetiert. Mit jeder dummen Nachricht, die ich dir in diesen Social Communities geschickt habe. Mit jeder melanchotraurigen SMS, welche ich dir nächtens, um zwei oder drei in beinahe brennender Schlaflosigkeit gesendet habe. Mit all diesen Gedanken und den Gefühlen, denen ich viel zu lange viel zu viel Platz eingeräumt habe in meinem Leben. Ja, selbst heute denke ich noch manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn das Danach irgendwie anders verlaufen wäre. Wenn ich weniger Kind und dafür mehr Mensch gewesen wäre. 

Ich habe im Versuch, aus Liebe Freundschaft zu machen, vielleicht sogar aufgehört zu leben. Rein geistig. Ich schritt zwar körperlich weiter voran, und wechselte geografisch sogar meinen Wohnort. Aber im Gedanken blieb ich bei dir und hoffte manchmal auf eine mögliche noch aufkeimende Freundschaft, und leider viel zu oft auch noch auf möglicherweise noch nicht erloschene Liebesgefühle. 

Ich weiß nicht, ob ich dir zurecht nachgetrauert habe. Ob meine Stalking-Auswüchse gesunder Natur waren. Ich weiß einfach nur, dass die Zeit mit dir eine wundervolle und – trotz allem – erinnerungswürdige (und wahrscheinlich auch eine exquisit schöne) Zeit war. Ich hätte mit unserer Vergangenheit nicht spielen, mit meinen Gefühlen nicht jonglieren und mit meinen Worten nicht noch weiter Öl ins Feuer gießen sollen.

Ob ich nun für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass es nicht möglich ist. Dass man nicht von einen Tag auf den anderen von Liebe auf Freundschaft umswitchen kann. Ich würde es auch gar nicht. Aus Liebe kann Freundschaft werden. Zwar bedeutet es viel (wirkliche) Arbeit und einen schönen Batzen Zeit. Aber es funktioniert. Ich weiß nicht, ob du es denn jemals versucht hast. Aber ich weiß zumindest, dass die wohl größte Schuld hier bei mir liegt.

Ich weiß. Du hasstest meinen Blog, du hasst ihn möglicherweise immer noch, aber du wirst ihn wahrscheinlich nicht mehr lesen. Ich verstehe dich. Warst du doch mehr als ein Jahr lang Vorlage für rund 90 Prozent meiner Texte über Liebe. Selbst ich würde mich im Nachhinein für all dies hassen, wäre ich denn in einem Zustand wie jetzt zu so etwas im Stande.

Mein Leben hat sich verändert. Von einem Moment auf den anderen. Es geschah. Irgendwann Anfang des Jahres. Völlig unscheinbar und anfangs nur spärlich bemerkbar veränderte ich meine Sicht der Dinge. Ich bin viel gesonnener, viel ruhiger. Und ja, erst seit diesem Datum, beinahe zwei Jahre nach unserer Trennung, kann ich mich mit einem Lächeln an unsere Zeit zurückerinnern. Erst seit diesen Tagen bin ich über dich hinweg. Vielleicht freut es dich, das zu hören.

Ich finde es traurig, dass es so lange hat dauern müssen. Dass so viel passsieren musste. Am Liebsten würde ich mich hiermit mit einem Schlag für alles entschuldigen. Aber dazu müsste ich mir selbst erst einmal verzeihen. Ja, hörst du es. Ich bin unfähig, mich selbst zu hassen. Aber ebenso unfähig, mir selbst zu verzeihen. Eine dieser Ungereimtheiten in meinem Leben, die dich damals oft den Kopf schütteln ließen. 

Ob ich denn jetzt noch Interesse an einer Freundschaft habe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Womöglich, weil es mir auch jetzt gerade so überhaupt nicht in mein Leben passt. 

Seit einigen Monaten (und eben seit diesen ominösen Tagen zu Jahresbeginn) schwebe ich auf einer Welle. Bin mit mir selbst zufrieden, glaube an meine Träume, tauche in Optimismus, und fröhne dem Genuss. Nichts kann mich unterkriegen (selbst einige Selbstversuche zeigten glücklicherweise keine veränderte Wirkung). Man könnte einfach sagen: ich lebe. Womöglich zum ersten Mal seit ungefähr zwei Jahren. 

Es freut mich.  
Und ich hoffe, es geht dir gut.

Sternschnuppennacht.

„Weißt du, dass ich jede einzelne Sekunde hier genieße.“
– „Mhm.“
„Es is einfach so schön hier.“
– „Und die Sonne. Wundervoll.“

Sie senkt sich gerade. Und taucht den Himmel in dieses Orange, für welches Abende zu dieser Jahreszeit schließlich bekannt sind. Die Campingsessel gebieten uns die nötige Gemütlichkeit für diese Uhrzeit. In dem einen Getränkehalter befindet sich diese Dose Bier, die nach der Mittagssonne sich wieder etwas abkühlt. Ich war noch nie der geborene Biertrinker. Und wenn ich schon nicht der Genussraucher bin, so kann ich mich zumindest als Genussbiertrinker bezeichnen. Nur liegt mein Problem vor allem darin, dass mein Bier (ob nun in Dose oder Flasche) nach mehr als zwei Stunden schon eher wie ein warmes Cervisia schmeckt. Dann ist schließlich der Genuss auch hin.

Im anderen Getränkehalter befindet sich, wie gewohnt, ein Päckchen Zigaretten. Lucky Strike, die Marke, mit der ich meinen Konsum begonnen habe. Vor ungefähr drei Jahren oder so. Schon wieder nuckle ich an einer der 20 Dinger, ziehe den Rauch in meine Lunge und lasse das Restgift aus meinem Mund entschwinden. Der Freund, der mir in diesem Ambiente beisteht, tut es mir gleich und so sitzen wir hier, trinken Bier, rauchen, und betrachten die Sonne beim Verschwinden.

„Wenn wieder einmal…“
– „Hm?“
„Wenn mal wieder eine Sternschnuppennacht ist…“
– „Mhm?“
„Dann suchen wir uns alle einen Platz. Und wünschen einfach drauf los.“

Einfach drauf loswünschen. Als hätte man nichts anderes zu tun. Nur den Platz, einen ganz besonderen, einen wunderschönen ruhigen Platz müssen wir uns noch suchen. Dürfen diese Nacht nicht verpassen. Aber ich habe keine Angst. Wir haben die letzten Tage genossen, habe unsre Leben gelebt, haben die Welt vorbeiziehen lassen. Es wird dunkel um uns herum, die Sonne ist verschwunden. Der Mond, hinter uns, schenkt noch einen dunkelgrauen Schimmer. Und die Sterne beginnen zu funkeln.

„Siehst du diesen Stern dort?“
– „Diesen Bunten?“
„Mhm.“
– „Den nenn‘ ich immer Diamantstern.“

Es gibt da wirklich einen Diamantstern. Er funkelt in allen Farben, wechselt von blau zu rot zu grün zu gelb. Faszinierend. Und während wir immer weiter uns in Gespräche vertiefen blicken wir zum Himmel hinauf. Und während der Tag beinahe zu Ende ist, erscheint am Himmel diese eine Sternschnuppe. Doch was wünscht man sich denn nun? Wenn man schon wunschlos glücklich ist.

Foto von jhoc

Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

Bangboombang. Da bin ich nun. Den Geschmack einer frisch verfaulten Ratte in meinem Mund, nachdem ich so früh am Morgen nur Kaffee und Zigaretten zu vertragen scheine. Und mit der nächsten Zigarette in der Hand stehe ich an der Bushaltestelle. Die Augen raffen sich heute noch nicht dazu auf, die Welt um mich zu betrachten. Der nächste Zug aber, als mir der Rauch der Zigarette auf frontalem Wege in die Nasenhöhlen kriecht und ich – wie jedes Mal – erschrecke, erblicke ich den schönen Tag um mir herum.

Okay. Was ist schon ein schöner Tag. Eigentlich lässt nur ein tolles Wetter darauf hoffen, dass es schön werden könnte. Die Sonne lächelt selbst an diesem frühen Vormittag ganz selbstbewusst zwischen den weißen Wolken hervor. Um wirklich etwas Einzigartiges aus diesen kommenden Stunden zu machen, bin ich selbst gefragt. Das wird hart.

Der Bus hält an, und schon jetzt steigen Unmengen an verbitterten Menschen aus. Irgendwann kann schließlich auch ich mich die drei Stufen hinaufzwängen. Es überrascht mich, dass ein Zweiersitz frei ist, und so lasse ich mich nieder. Und während ich meinen Kopf an die innen wie außen dreckige Glasscheibe lehnen möchte, stößt mir dieser Geruch in die Nase. Hat hier vor kurzem irgendwie hingepisst? Das gibt es doch nicht. Klar, das riecht genau so. Ich untersuche meinen Sitz und den Boden, doch es ist nichts zu sehen. Verdammt. Das kann ja noch etwas werden. Der Geruch verschwindet nicht, aber die fünf Stationen sind schnell vorüber.

Die Luft auf der anderen Seite des Busses, an der Außenwelt, ist dagegen schon wieder um einiges besser. Ich atme tief durch. Ein Glück, dass man hier nie lange mit dem Bus fahren muss. Einige Momente trete ich auf der Stelle, nach Orientierung ringend und zünde mir sogleich eine weitere Zigarette an. Was habe ich hier eigentlich vor? Und wie soll ich es nun bitte schaffen, aus diesem anfangs im wortwörtlichen Sinne bepissten Tag etwas Schönes zu machen?

Meine Beine führen mich die Einkaufsstraße entlang, vorbei an all den vollgestopften Boutiquen und diesen Menschenmassen, die scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit diese Straße säumen. Außer um 3 Uhr früh. Da ging ich schon mal nach Hause und diese Straße entlang und da waren wirklich nur ich und diese sechs Menschen auf diesen zwei Kilometern verteilt. Man darf in solchen Situationen Angst haben und auch gerne mal mehrmals die Straßenseite wechseln. Habe ich mir zumindest sagen lassen. Weil man sich ja sowieso in einer dunklen Nacht von allen Seiten verfolgt fühlt.

Als ich an einem Fußgängerübergang stehen bleibe, – die Ampel zeigt nur dieses ruhige rote Männchen – erkenne ichh plötzlich mein Forschungsinteresse für den heutigen Tag. Da drüben, da rüber. Da möchte ich hin. Die Autos auf der dreispurigen Straße halten, ich überquere, mit diesem kleinen Tick, so gut es geht nur die weißen Stellen des Zebrastreifens zu berühren, die Straße und stehe vor dem Park, der wohl schon heute morgen in meinen Gedanken aufgetaucht war. Jetzt, und das überrascht selbst mich, ist es schon beinahe Mittag. Scheinbar habe ich mir einige Zeit gelassen, als ich die Einkaufsstraße hinunterwanderte.  

Da ist er also nun, der Park. Das erste saftige Grün seit langem. Und da steht sie auch nun, meine Parkbank. Kein „Frisch gestrichen“-Schild, keine alten Menschen, die sie besetzen und dabei auch noch die unnötigen Tauben füttern. Ich lasse mich nieder und fühle mich mit einem Mal einerseits schwer und müde, aber andererseits ebenso lebensfroh. Genau das habe ich wahrscheinlich die ganze Zeit gesucht. Diese Natur, die mir zwischen all den Häuserschluchten und den brutal hingepflanzten Bäumchen so gefehlt hat. 

Ich könnte euch jetzt von hohen Häusern erzählen. Ich komme mir so oft so verdammt klein vor. One in more than a million. Zwischen all den Unmenschen hier. Irgendwann einmal möchte ich an einem wirklich hohen Haus anläuten und die Treppen hinaufsteigen. Ein Haus, mit einer Dachterasse. Und da raus möchte ich gehen, und hinunter blicken. Und dann wäre ich ganz groß und könnte auf all die Menschen sehen, die zwar noch nicht ameisengroß aber zumindest doch schon klitzeklein wären. Wie wäre wohl das Gefühl dabei. Und will ich das überhaupt?

Wäre es nicht gar zu schlimm, sich plötzlich unendlich groß zu fühlen? Hier in diesem Park lässt es sich leben, hier bin ich immer noch eine unter vielen. Und. Bangboombang. Ich hab‘ es wohl geschafft. Es könne nun kommen, was wolle. Die vierte Zigarette an diesem Tag lässt mich hineinsinken. Und weiter träumen. Von hohen Häusern und kleinen Menschen.