Uns verabschieden.

Und immer, wenn wir uns verabschieden. Und ich plötzlich nicht mehr weiß, was mit mir los ist. Und all meine großen Pläne der Nichtigkeit zugeführt werden. Und statt Berührungen nur Worte bleiben und diese Worte ihren Platz hier nicht verdienen. Und während ich die Stufen hinaufgehst und du den Rest zu dir nach Hause wanderst, drehe ich mich immer noch ein Mal um. Sehe dir zu, wie du da so fortschreitest, will kehrt machen. Will dir nachlaufen, dir nachrufen: „Halt!“, und würde dich einladen , dass wir uns hier, auf diesen Stufen hinsetzen sollen. Würde dich in den Arm nehmen und dir erzählen, was du mir bedeutest. Würde dir zeigen, dass ich dich mag. Und würde dir so oft wie möglich in deine wundervollen Augen sehen.

Stattdessen gehe ich die Stufen hinauf und krame in der Tasche nach meinen Zigaretten, die Erste seit Stunden und setze mich auf die Mauer kurz vor dem Eingang. Sehe in den Himmel und zähle die Sterne und hätte wohl dasselbe auch mit dir getan, denke ich mir. Kann nicht aufhören, immer und immer wieder durchzuspielen, was in meinem Kopf so schön hatte ausgesehen. Kann nicht aufhören, dich mit meinen Gedanken zu überschütten und werde innen ganz still und denke nach und hör nicht auf.

Und liege im Bett und denke daran, wie schön es doch wäre, wenn du hier neben mir liegen würdest und wir würden noch reden, über unseren Tag und über unsere Träume, bevor wir überhaupt beginnen, sie für diese Nacht zu erleben. Würden einschlafen, ich an deinem Nacken. Doch du bist nicht da. Bist nicht da, wo ich es mir wünsche. Weil ich zu feige für all meine Taten bin und.

Und so genieße ich die unzählige gemeinsame Zeit, die so wundervoll und atemberaubend ist, wie nichts anderes hier gerade. Die mir Kraft schenkt und mich glauben lässt. Die mich kaum ruhen lässt und schon die eine oder andere fast schlaflose Nacht zu verantworten hat. Am Verabschieden müssen wir noch arbeiten, ich weiß. Aber auch das schaffen wir, glaubst du nicht auch?

In vollen Zügen. [7]

Ich sehe ihnen schon lange zu. Wie sie sich über jede weitere Durchsage der Verspätung aufregen und sich schwören, so etwas nie wieder zu tun. Nie wieder mit dem Zug zu fahren, denn wer sind sie denn und was erlaubt sich der Zug überhaupt, zehn Minuten später anzukommen. Schlussendlich fährt er ein, von außen sehe ich, dass er schon jetzt zumindest nicht unterfüllt ist. Immer mehr Leute quetschen sich hin, können kaum warten, bis die Letzten ausgestiegen sind und machen sich anschließend verzweifelt auf die Suche nach den wenigen, eben frei gewordenen Sitzplätzen. Ich atme tief ein und beschließe ganz einfach, heute nicht mit dem Zug zu fahren.

„Bleibe heute doch zu Hause. Habe keine Lust. Irgendwie sind die heute alle irgendwie verrückt. Willst du noch etwas machen? Mich aufmuntern? Mir Geschichten erzählen? Dich mit mir betrinken? Bin für alle Schandtaten bereit!“

Senden. Wir sollten das nicht tun. Der Zug fährt ab, es wird wieder ruhig. Und beunruhigend leer ist es hier nun, auf diesem Bahnsteig, der an wenigen Stellen noch mit Schnee gesäumt ist, und hier ein Zigarettenstummel und dort eine zerknüllte Coladose. Die Beine von mir gestreckt, die Hände tief in meinen Jackentaschen vergraben, warten nur darauf dass mein Handy etwas Vibrierendes von sich gibt, eine Nachricht von dir, eine Antwort. Es vergehen Minuten, bis ich endlich meine Hand mit dem Handy aus der Tasche ziehen kann, in freudiger Erwartung deiner Worte.

„Hey! Klar, hab‘ Zeit. Komm einfach vorbei. Aber läut nicht an, klopfen reicht. Oder ruf mich an. Egal. Hauptsache du kommst vorbei. Und was wir nun von deinen Vorschlägen ausführen? Sehen wir mal. Bis gleich! Ciao!“

So einseitig verlief das Telefonat natürlich nicht. Hier ein „Mhm.“, dort ein „Ok.“, zum Ende hin ein „Bis gleich.“ Und ächzend, als würde ich schon seit Tagen auf dieser eiskalten Eisenbank sitzen, erhebe ich mich und mache mich schließlich auf den Weg. Wir sollten das nicht tun. Ich zähle die Schritte. Das mache ich immer, in solchen Momenten. Wenn der Kopf mit Gedanken durchzudrehen droht und ich mich einfach mal ablenken will. „34, 35.“ Ich bleibe stehen. Den Weg müsste ich eigentlich auswendig wissen.

„Ding-Dong.“ Verdammt. Vergessen. Du öffnest, trotzdem, mit dem Lächeln auf den Lippen, als hättest du schon vorher gewusst, dass ich auf dieses wichtige Detail vergessen würde. „Schön dich zu sehen“, meinst du und umarmst mich. Aufmuntern? Geschichten erzählen? Schandtaten? Ich bin ratlos und erwidere die Umarmung. „Mhm. Schön.“ Aber du lässt mir nicht mal Zeit, um aus meiner Winterjacke rauszukommen, selbst bei den Schuhen scheitere ich schon an den Schnürsenkeln. „Komm mit, komm … ich muss dir etwas zeigen.“

Du ziehst mich raus, schnappst dir noch schnell den unbekannten Schlüsselbund und läufst mit mir durch die Gänge deines Wohnhauses, Stiegen rauf, wieder irgendwelche Stiegen hinunter, an Feuerschutztüren vorbei, immer weiter hinauf. „Ich muss dir etwas zeigen.“ Du wiederholst dich und obwohl wir wohl schon den ganzen Gebäudekomplex durchquert haben, scheinst du noch die volle Orientierung zu haben. Irgendwann bleibst du stehen, suchst am Schlüsselbund nach dem einen und steckst ihn in eine wildfremde Tür. „Was-, was machen wir da?“

„Ich zeig‘ dir was.“ Du führst mich quer durch diese Wohnung eines Unbekannten, bis hin zum Balkon. Und deutest nach oben. Eine Feuerleiter scheint der einzige Weg dorthin zu sein und du nimmst sie auch schon in Angriff. Oben angekommen, fällt es mir auf: weiter gehts nicht. „Und?“

Für einen kurzen Moment bin ich atemlos: so weit weg von allem, so hoch oben, einen solchen Ausblick habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Du stellst dich hinter mich, legst deine Arme um meine Hüfte und fragst noch einmal. „Und?“ – „W-… wow!“ Als du mich umdrehst, sehe ich einen Liegestuhl, der wetterbedingt schon eine Schneeschicht angesammelt hat. Aber scheinbar hast du schon vorgesorgt, putzt den Schnee herunter und breitest eine dicke, warme Decke aus. „Komm schon.“

Und als wir da so liegen, wir beide in unseren Armen, und den Ausblick und die Sonnenstrahlen genießen. Beginnen wir zu reden und hören nicht auf. Beginnen zu erzählen und hören stets zu. Beginnen zu rauchen und teilen uns die Zigarette. Irgendwann erklärst du auch, wie die zu all dem gekommen bist. Katzen füttern, Pflanzen gießen. Und dafür den Schlüssel. Es hat sich gelohnt, meine Liebe.

Es wird dunkel, die Kälte zieht an, und wir rücken näher aneinander. „Und weißt du, genau hier kommen mir die schönsten Gedanken. Die reinsten Gefühle. Die bunteste Fantasie.“ Und ich verstehe, was du meinst. Das ist ein wunderbarer Ort. Vielleicht haben das alle Dachterrassen so an sich, aber hier fühlt es sich so verdammt gut an. „Hier fühle ich das Leben, in vollen Zügen.“ Und ich nicke und schmiege mein Gesicht an deine Schulter. Es ist schön hier.

Weißt du?

Gestern Nacht, als wir uns Garden State angesehen haben. Und ich immer stiller wurde und mir so ganz nebenbei wieder ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischte. Wie ich es jedes Mal bei diesem Film mache. Und als dann das Ende angebrochen war, der Abspann begann und aus der Stille plötzlich Stimmengewirr wurde. Und man über die Sinnhaftigkeit des Filmes diskutierte.

Ich war teilweise wütend aufgrund der blöden Worte, die meine Freunde hier streuten. Und so stand ich einfach mal auf und ging runter und raus. Und bei dieser einen Zigarette vor der Tür dachte ich nach. Über die Tode in diesem Jahr. Dass ich eines der besten Jahre meines bisherigen Lebens erlebe und mir liebgewonnene Menschen einfach so wegsterben. Und ich irgendwie rein gar nichts fühle. Keine Trauer. Kein Ärger. Ich lebe mit der Akzeptanz und dem Schönreden. Dinge, die ich bis vor kurzem abgrundtief gehasst habe.

Und weißt du, als ich da vor dem Haus am Boden saß, und die Grillen so penetrant zirpten, hatte ich einfach nur gehofft, dass du kommen würdest. Und dass wir reden könnten, für fünf, zehn, fünfzehn Minuten. Dem Freundewirrwarr zu entfliehen, die Stille zu genießen. Aber du bist nicht gekommen und ich bin nach dieser einen Zigarette wieder hinauf in die Wohnung gegangen und habe mich so rein überhaupt nicht zurechtgefunden, zwischen all diesen Menschen, die ich doch eigentlich so unglaublich gern habe.

Dass ich dann beim Nachhausefahren für den kurzen Augenblick einer Sekunde höchstwahrscheinlich eingeschlafen bin und mit so unglaublich viel Glück einfach überhaupt nichts an den Passagieren (einem Freund und mir) passiert ist, und selbst das Auto nur minimal beschädigt war, könnte ich jetzt auch noch erwähnen.

Dieser Moment gehört uns. Uns ganz allein.

Als ich tief einatme, spüre ich den herbstlich kalten Wind meine Luftröhre hinunterzischen. Es hat mächtig abgekühlt, und doch kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, als wir halbnackt am See lagen oder nackt im Fluss schwammen. Doch es sind Wochen, die sich seither dazwischen geschoben haben. Es ist Herbst geworden und die ausgemergelte Landschaft bekommt wieder ihren nötigen Kraftstoff. Regnet es nicht eigenlich nun schon seit Tagen?

Sie, die die ganze Zeit neben mir an dieser Hausmauer lehnte, schnippt den Stummel ihrer Zigarette in die Wiese vor uns. Langsam rückt sie näher zu mir und legt ihren Kopf auf meine Schulter. Obwohl ich es nicht sehen kann, weiß ich, dass sie ihre Augen geschlossen hat. Ich tue es ihr gleich und gemeinsam lauschen wir noch einige Momente lang dem Tascheln des Regens. Ich höre ihren Atem, und sie wahrscheinlich den meinen. Was wollten wir hier eigentlich tun?

Ich zünde mir noch eine Zigarette an, öffne dafür kurz meine Augen und genieße diesen Moment hier mit einem tiefen ersten Zug. Sie ist so sanft und ruhig. Nur das Heben ihrer Brust macht es mir deutlich, dass sie atmet und eben neben mir steht und wahrscheinlich gerade auf meiner Schulter eingeschlafen ist. Es sind Momente wie diese, die mich aus tiefstem Inneren lächeln lassen. Die dazu beitragen, dass ich mich gerade so glücklich fühle.

Unsere Freunde werden uns vermissen, wenn wir nicht gleich zurückgehen würden. Aber es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Dieser Moment  gehört uns, uns ganz allein. Und nachdem ich eine Kurznachricht ausgeschickt habe, wird er wohl noch einige Zeit uns allein gehören. Ich lege meinen Kopf, ganz sanft, um sie auf gar keinen Fall auufzuwecken, auf den ihren. Wieso können wir nicht so sitzen bleiben, bis zum nächsten Morgen. In dieser unglaublich vertrauten Zweisamkeit. Gefangen, hier, zwei Individiuen, in dieser Unendlichkeit.

Plötzlich bewegt sie sich wieder. Mit verschlafenem Blick sieht sie mir ganz tief in meine Augen. Und als wir nun hier sitzen, kommen sich unsere Gesichter immer näher. Unsere Lippen berühren sich, ganz sanft, zärtlich. Ihre Lippen wandern den Hals hinab, bis sie ihren Kopf wieder auf meine Schulter legt. Ich bin ein weiteres Mal sprachlos hier.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, unsere Körper aneinandergekuschelt und von irgendeinem Freund irgendwann nachts mit einer dicken Decke zugedeckt, spüre ich nicht. Ob es nun ein Traum war, oder eben nicht.  Aber es muss beinahe einer gewesen sein. So schön, wie all das war. Als die Morgensonne unsere Gesichter zu kitzeln beginnt, und auch sie wieder munter wird, wird es mir klar.

Es ist egal. Es ist doch verdammt noch einmal egal.

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Doch es ist nichts.

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„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

Du zitterst.

Zigarette

Als sich die Nacht um uns verdichtet, deuten nur mehr die glühenden Spitzen unserer Zigaretten unseren Standort an. Jedes Mal, wenn du an ihr ziehst, kann ich dein Gesicht betrachten, nur für einen kurzen Moment. Du zitterst.

Ich würde mich ganz nah zu dir stellen. Würde dich umarmen, mit meinen Armen an deinem Rücken dir Wärme schenken, würde dir durch unsere Umschlungenheit all meine übermäßige Wärme abgeben. Nur damit du endlich zu zittern aufhörst. Und du könntest dich an mich kuscheln, könntest mir mit deinen Händen durch meine Haare streichen. Und mir deine Gedanken, all deine Gedanken ins Ohr flüstern.

Mein nächster Zug erhellt nun mein eigenes Gesicht. Du siehst mich an. Deiner sonst überschwänglichenFröhlichkeit sind Angst, Stille und Dunkelheit nachgefolgt. Nicht einmal deine Hand kann ich halten.

Wir sind uns noch viel zu fern. Obwohl ich mich dir so oft so nahe fühle.

Urbanes Gedankengut. [Ein Spaziergang]

„In wenigen Minuten erreichen wir den Zugendbahnhof: Wir bedanken uns bei ihnen und hoffen, dass sie …“

Die Ohrstöpsel verschwinden unter den Haaren, und ich nehme meine Tasche und sehe dieser monotonen Masse zu, die mit aller Macht versucht, so schnell wie möglich den Zug zu verlassen. Bis sich bei beiden Ausstiegen je eine Schlange gebildet hat, und sie sich ungefähr in der Mitte des Waggons treffen (was natürlich für die Fahrgäste in diesen Reihen unpassend ist, denn zwei Möglichkeiten erleichtern die Entscheidung definitiv nicht), lege ich meinen Kopf gegen die Scheibe des Zuges. Es ist dunkel, Nacht. Ungefähr zweiundzwanzig Uhr. Woran man merkt, dass man wieder in Wien ist? Es sind die Lichter. Die Lichter, die selbst in der Nacht die Stadt nicht schlafen lassen. Der Zug kommt zum Stillstand und schön langsam lichten sich auch wieder die Gänge. Und schon auf dem Weg aus dem Zug krame ich in meiner Hosentasche nach der zerknüllten Packung Zigaretten.

Das erste kleine Plätzchen, auf welchem man an diesem Bahnhof rauchen darf, wird für die kommenden fünf Minuten mein Lebensraum. Ich denke nach. Über die Dunkelheit hier, und über mich selbst. Eigentlich ist es ja bemerkenswert, wie viel man an einem Tag nachdenkt. Ich kann ungefähr dreißig Leute aufzählen, an die ich täglich zumindest ein einziges Mal denke. Und bei einem Großteil von diesen Menschen belasse ich es nicht bei einem einzelnen Gedanken. Meine Gedankenwelt ist groß.

Manchmal denke ich auch über die Liebe nach. Wie schön es war, damals. Und ja, verdammt. Es war eine wundervolle Zeit. Und wie lange seit damals, seit ungefähr zwei Jahren so vieles in Sachen Liebe einfach falsch gelaufen ist. Denn Liebe ist nämlich gemein. Ganz bösartig gemein.

Die Zigarette nähert sich schon dem Ende. Irgendwie habe ich heute keine Lust, mit U-Bahn (und vermischtem Schweißduft) ins Studentenheim zu fahren. Und da mir ja Bewegung mehr als gut tut, mache ich mich per pedes auf den Weg zu meinen geliebten fünfzehn oder zwanzig Quadratmetern, die ich mir mit einem unsozialen Nerd teilen muss. Die Luft heizt selbst jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, noch beachtlich, es dürfte so um die fünfzehn Grad haben. Doch es riecht nach Regen. Ein bemerkenswerter Duft übrigens.

Wo waren wir? Ach ja, die Liebe. Ist es denn nicht lächerlich, wie viele Gedanken man an sie verliert? Aber die Liebe hat eben diese Macht, dass sie einen nicht mehr loslässt. Einmal Blut geleckt, kann man nicht aufhören an sie und das Schöne daran zu denken und sich mit manch zerstörerischen Fragen beinahe selbst zu verletzen. Die Liebe ist, und das muss jeder wohl zugeben, wundervoll. Aber wie auch beim Menschen selbst darf man nie und niemalsnimmer von perfekter Liebe sprechen. Nichts ist perfekt und gerade dieses Unperfekte macht es so real. 

Ich weiß noch, wie es damals war (und wie könnte ich auch jemals vergessen): Das Tagträumen, und das Dauerlächeln, dieses mulmige Gefühl kurz vor unserem ersten Kuss. Dieses einzigartige Gefühl nebeneinander einzuschlafen. Genau nach solchen Dingen sehnt man sich, wenn man sie nur ein einziges Mal erlebt hat. Doch die Liebe spielt so oft einfach nicht mit bei der Suche nach ihr selbst. So wird man selbst geliebt und sucht verzweifelt nach Gefühlen für die andere Person. Denn man möchte nicht enttäuschen und muss es dann eben doch tun. Oder man verliert sich schon wieder in einer Traumwelt und gerät in Gefahr wieder in ihr zu versinken.

Dass es manchen Menschen auch einfach nur um Küssen und Sex geht, finde ich zu einem großen Teil relativ abartig. Liebe beginnt für mich z.B. wenn ich von einem gestressten Tag nach Hause komme, und ich von der Liebsten in ihren Armen, in ihrer Umarmung aufgefangen werde. Wenn ich mit ihr redeen kann und wir bei gemeinsamen Spaziergängen in der späten Nacht einfach mal stehenbleiben um uns den Sternenhimmel anzusehen. Das ist für mich Liebe. Wenn sich jemand um einen sorgt und am liebsten mitweinen möchte, wenn es einem selbst nach Weinen zumute ist. Und ja, man möge hier Recht haben, wenn man meint, dass Freundschaft doch genauso aussieht. Dafür gibt es eben dann Küssen und Sex um sich ein bisschen von der Freundschaft abzusondern. Man könnte sagen, als notwendiges Übel. (Aber natürlich als schönes notwendiges Übel).

Während meines Weges durch die leuchtende Dunkelheit (es stimmt wohl, diesen Teil der Urbanität werde ich wohl nie toll finden), kommt es zu einer weiteren Kollision einer Zigarette mit meinem Mund. Ich bleibe stehen, krame nach einem Feuerzeug und beginne sogleich auch schon wieder routinemäßig zu inhalieren.

Auf die Liebe soll man nicht warten, heißt es. Man soll nicht nach ihr suchen, sagt man. Sie wird einfach geschehen. Und ich bin bereit, auf all das zu warten, bis die Suche ein Ende hat. Es geht mir auch gut, so ohne Liebe. Ich, im Inbegriff, seit Jahren endlich wieder einmal mein Leben in vollsten Zügen zu genießen, kann auf die besten Freunde, auf die großartigste Familie bauen. Aber trotzdem wird es mir nicht gelingen, nicht an sie zu denken. Die Liebe.

Oh, ich bin in die falsche Querstraße eingebogen. Etwas verloren blicke ich mich um und erkenne einfach rein gar nichts wieder. Also zurück zu dieser Kreuzung, die mich falsch hat abbiegen lassen. Von hier aus dürfte es ja nicht mehr allzu weit sein. Aber eines sage ich mir. Ich habe ehrliche Angst davor, dass, sollte es irgendwann wieder zu gegenseitiger Liebe kommen, ich zu feige und zu unsicher sein, um mich darauf einzulassen. Wie auch bei all dem, was jetzt gerade hier abläuft gilt: Man muss sich einfach nur trauen. Muss Mut oder manchmal auch das viel schönere Wort Courage zeigen. Und manchmal muss man womöglich über den eigenen Schatten springen. Und selbst den ersten Schritt wagen. Sturzgefahr natürlich inklusive.

Die erste Tür öffnet sich und ich betrete den Eingangsbereich des Studentenheims. Den Weg in den ersten Stock kenne ich nun schon auswendig und deshalb verzichte ich auch auf diese grelle Lichtshow, welche ich durch den Schalter ausgelöst hätte. Die Zimmertür ist verschlossen und nachdem ich dem Schlüssel zu seinem abschließenden Einsatz verholfen habe, werfe ich die Tasche auf den Boden und lege mich ins Bett. Genug gedacht für heute.

Wobei …

Foto von flickr, unter Creative Commons Lizenz. 
Auch auf jetzt.de und Ci-Jou.

Winter-Frühling-Sommer

Die Kippe brennt langsam dahin, während er sie behutsam in seiner durch dünne, schwarze Handschuhe umhüllte Hand zu halten versucht. Er lacht. Gefühlsmasochist. Dieses Wort kam ihm gerade eben in den Sinn und er überlegt, wie er diesen neuen Terminus am Besten beschreiben könnte.  Jemand; jemand, welcher es für sich beansprucht, auf Gefühlsebene verletzt zu werden. Aus purem Genuss. Es ist noch tiefster Winter.

An den meisten Stellen der Stadt, auf den meisten Dächern die Vororte. Es liegt überall noch Schnee. Manchmal dreckig von all dem Autodreck, manchmal sieht man auch den Versuch, mit gelber Farbe den vollständigen Namen in den Schnee zu schreiben. Und ist auch nur mehr minder überrascht, plötzlich einen Frauennamen im weißesten Weiß zu finden. Es ist noch Winter, doch die Temperaturen lassen zum ersten Mal seit langem zu, mit der Zigarette in einer, mit einem Handschuh eingepackten, Hand auch mal für etwas längere Zeit draußen zu sitzen und zu reden.

Diese vier Grad, um welche das Thermometer neuerdings die magische Null überschreitet, geben Anlass zur Hoffnung. „Ich freue mich auf den Sommer. Auf den See und das Grün. Auf das Grillen und die langen Nächte mit Bier, Wein, Zigaretten und dem Sonnenuntergang“, meint der Freund, der sich hier neben ihm hingesetzt hatte. „Und ich auf den Frühling. Wenn nach dem Verlust der Schneemassen langsam und da noch im wunderschönsten Grün die Natur wieder das Leben anfängt. Wenn alles noch frisch ist und gerade erst 15 Grad warme Sonne deine Nase kitzelt.“, antwortet er, welcher die Kippe, um den Handschuh nicht anzukokeln, in den Aschenbecher fallen lässt. Die Beiden lächeln sich an, erheben sich von ihrer aufgetauten Sitzbank und gehen wieder hinein, in die Stube, die mit etwas mehr als der durchschnittlichen Innentemperatur prahlen kann.

Doch zurzeit ist es beinahe noch Winter.

All Alright.

Es ist schon die zweite Nacht, in der ich nicht einschlafen kann. Obwohl ein anstrengender und zeitraubender Tag voranging. Und so liege ich hier im Bett. Es wird beinahe schon drei Uhr. Morgen soll ich früh raus, ein Projekt abschließen, packen und rechtzeitig wieder nach Wien fahren. Weil ein ganz spezielles Highlight auf mich zu warten scheint. Mein Konzert, nach mehr als einem Jahr Ruhe mein großes Comeback als Statist in einem schwitzenden und schunkelnden Publikums. Und dann es ist auch noch Pete Murray, ein wundervoller australischer Gitarrenpop-Sänger. 

Die zweite Nacht also. Von Freitag auf Samstag. Und von heute auf morgen. Oder von gestern auf heute. Wie man es gerne sehen möchte. Am Freitag war ich mir ja noch bewusst, warum ich die Augen nicht lange wirksam zudrücken konnte. Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich bekam einfach keinen klaren Kopf hin, alles wurde mit allem verbunden, ich dachte an den Tod und was wäre wenn. Und kam einfach nicht zur Ruhe. Bis ich irgendwann, ebenfalls einige Zeit nach Mitternacht endlich die Möglichkeit hatte – in einem kurzen Moment Gedankenpause – die Augen ganz fest zuzudrücken und so dem Schlaf die Vorfahrt gewährte.

Heute Gestern bin ich verkatert und nach ebenso wenig Schlaf aufgewacht und habe sogleich mit der Arbeit an einem Projekt, welches morgen heute fertig sein muss. Es ist nicht mehr viel zu tun, eigentlich handelt es sich nur um die Aufgabe, Texte in ein vorgefertigtes Layout einzufügen und druckbereit zu machen. Aber es ist nicht immer so alles, wie es sich vielleicht anfänglich anhört. Vor allem, wenn man mit einem veralteten und komplizierten Programm arbeitet. Aber egal. Mit meinem Kater saß ich so stundenlang vor dem Computer und probierte und arbeitete. Ich könnte eigentlich müde sein. Aber.

Die Augen wollen eigentlich schon. Doch irgendwie habe ich wieder Angst vor meinen Gedanken. Sie würden mich heute erdrücken. Ich hasse es, wenn sie erst so spät (und in geballter Ladung) kommen. Entschuldigung, hallo? Ihr hattet doch den ganzen Tag Zeit, um auf mich einzuprasseln. Aber Gedanken sind scheinbar Nerds. Sehr nachtaktiv.

Und mit Sigur Rós in der Playlist, ein bisschen með suð í eyrum við spilum endalaust und plötzlich auch noch das Lied All Alright völlig jungfräulich in meinen Gehörgängen. Wundervoll. Dazu fällt mir jetzt nur The Killers ‚Everything will be alright‘ ein. Ja. Hoffen wir es. Denn zurzeit fühle ich mich gerade wieder an dem Punkt, wie wirklich gar nichts zu nothing passt. Alles komisch und schräg und alles kaputt was irgendwann einmal auch noch funktionierte. Es nervt gerade. Alles, ehrlich. Die Welt ist doof und mit ihr alle Menschen. Und Houellebecq hat also doch Recht. (Und obwohl er zu meinen Lieblingsautoren zählt, stimme ich nur selten mit ihm überein; außer eben, ich fühle mich so wie eben gerade). Und nach dieser einen Zigarette, welche ich gleich im Anschluss rauchen werde, versuche ich es noch einmal. Ein letztes Mal. Die Augen ganz fest zuzudrücken um auf einen besseren Tag zu hoffen. Manchmal funktioniert das. Wirklich.

Foto von kevindooley

Hier und im Augenblick.

Ein Blitz durchschlägt die Dunkelheit. Nur kurz, für wenige Zehntel einer Sekunde. Die kaputte Straßenlaterne hatte versucht, doch noch ein einziges Mal zu leuchten. Sie ist gescheitert. Nach diesem kurzen Augenblick hat mich die Nacht wieder. Ich sitze hier, am Straßenrand. Kein Fahrzeug fährt die Straße hinab, kein anderer Fußgänger wandert den Gehweg hinauf. Ich bin allein. Wen wundert es denn, jetzt, um gerade mal 3 Uhr früh.

Nein, ich konnte nicht schlafen. Gedanken hielten mich wach, und Träume ließen mich immer nur kurz schlafen. Und als ich denn nun endlich den Versuch des Einschlafens als geglückt ansah, weckte mich das Fahrzeug des Zeitungsausträgers auf. Leuchtet mir frontal in mein Zimmer, taucht die Stelle, wo mein Bett steht, in elektrisches Licht. Von nun an sollte ich es nicht mehr schaffen, ein Auge zuzutun. Nach einigem Wälzen stehe ich auf, ziehe mir eine Jeans an, und klettere, barfuß versteht sich, aus dem Fenster. Es ist dunkel, und selbst der Mond, gerade noch eine milimeterschmale Sichel, versteckt sich hinter den nächtlichen Wolken. Ich kenne den Weg, bin ihn schon Tausende Mal gegangen, gefahren, und selbst in meinen Träumen hat dieser Weg, die Zufahrt zum Haus meiner Eltern, eine häufige Erwähnung erfahren.

Die Zigarette in meiner Hand wird langsam inhaliert. Selbst jetzt, um kurz vor drei, ist die Luft noch nicht kühl und klar. Und während ich den bekannten Weg in unbekannt dichter Dunkelheit voranschreite, höre ich den reißenden Bach, gehe wenige Meter weiter und höre das gemächliche Rauschen des kleinen Flusses. Der Wald auf der anderen Seite erstickt so manches Geräusch und der Duft von am Vortag gemähten Gras legt sich über die Landschaft. Es ist doch egal, wohin mein Weg mich führt. Es ist die Dunkelheit, die mich immer wieder anzieht und mich so manches vergessen lässt. Und irgendwann lasse ich mich nieder. Setze mich auf einen Randstein des Gehweges. Kein Aufblitzen der Straßenlaterne mehr, wieder nur die Dunkelheit und ich. Ein paar Minuten noch, noch eine Zigarette. Noch einen kurzen Teil der Nacht. Noch einen Atemzug.

Foto: thp365 (flickr)