Irrsinn.

Halt. Ihr müsst mich nicht verstehen. „Zugestiegen?“ – „Hier, bitte.“ Der Schaffner. Ein weiteres Mal und ich krame in meiner Tasche nach Lektüre, nach Unterhaltung, nach irgendeiner Form der Ablenkung. Ein Notizblock. Und da … ein Kugelschreiber. Ich beginne zu kritzeln, male kleine Formen darauf, schreibe Worte, kratze Gedankenblasen in das Papier. Manche würden es als Kunst bezeichnen, für mich ist es ein Abbild meines inneren Chaos. Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein verrückter, vereinsamter Freak. Nein, wirklich nicht. Aber ich kenne mich und es ist nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert.

Nicht in dieser Form, natürlich nicht. Aber es gibt gravierende Ähnlichkeiten. Und ich ärgere mich ganz einfach darüber, dass ich nichts daraus gelernt habe. Ich bin einfach der Typ für dieses „Hals über Kopf“, für dieses „Auf den ersten Blick“. Ich bin dieser verträumte, hoffende Typ, der auch schon mal zwei Jahre einem Mädchen hinterherläuft, dass in Wahrheit nichts von einem will. Und dabei würde es doch soviel einfacher gehen. Nur, in Sachen Liebe nehme ich nur sehr ungern diesen Weg der Einfachheit. Wenn, dann kompliziert … und dann natürlich auch wenig zielführend.

Die Stationen ziehen vorbei, der Zug leert sich schön langsam. Nicht mehr lange, und ich stehe wieder am Bahnsteig, an dem meine Geschichte begann. In diesem Dorf, dessen einziger Vorteil es ist, dass es nahe an einem See liegt und man auch einfach mit dem Zug woanders hinfahren kann. Ein Ort, der aufgrund fehlender Relevanz vor allem eines ist: ein Paradies für alte Menschen. Grausam, an genau so einem Ort aufzuwachsen. Aber im Grunde habe ich die bisherige Hälfte meines Lebens in der Nachbarstadt, an genau jenem See verbracht. Mein Dorf ist so etwas wie die Vorstädte aus den amerikanischen Filmen. Nur hatten wir keine großen Gärten mit radfahrenden Kindern, keine Briefkästen am Gehweg, keinen Zeitungsjungen und keine weitläufigen Straßen, die zum Fußballspielen oder Rollschuhhockey einluden. „Wunderbare Jahre“, wie die Serie über damals, konnte man hier nur mit sehr viel Willenskraft und Optimismus hinter sich bringen. Aber ich übertreibe wahrscheinlich. Zumindest kann ich behaupten, dass ich, seit ich 13 war, begann, mich in Wien zu verlieben. Diese Gegensätze: hier ein paar Tausend Einwohner, dort die Millionen. Hier die gähnende Leere, dort das pulsierende Leben und die unglaublichen Möglichkeiten. Und während andere noch nicht wussten, was sie nach ihrem Abschluss machen möchten, hatte ich schon jahrelang einen Plan für mich festgelegt. Und genau den habe ich diese Woche angetreten.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 3 „Kennenlernen“]

Alleine.

„Wir werden immer alleine sein.“, flüstert sie in mein Ohr und ich will nicht begreifen, was sie mir damit zu sagen gedenkt. Doch meine Gedanken spinnen sich ihren Weg und ich lasse mich mitreißen, von dieser Ahnungslosigkeit, von dieser Aussichtlosigkeit. Will vergessen was war, und begreifen, was schlussendlich ist. Aber im Grunde ist es vollkommen irrelevant, wie man hierher gekommen ist. Hier, zu diesem Punkt, an dem die wortlose Sprache zu überwiegen droht.

Wie lange ist es eigentlich her, seit ich damals, seit wir. Seit wir uns kennengelernt haben, uns das erste Mal sahen? Vielleicht ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, keine Ewigkeit. Nichts Gröberes, nur etwa ein paar hundert Tage. Damals, in diesem Zug, in einem dieser Züge.

„Mein Name ist Noah.“, werfe ich in einen Dialog ein, der gerade sein Ende zu finden scheint. Die junge Frau mir gegenüber steht plötzlich auf, kurz bevor der Zug seinen Stillstand findet, grinst mir zu, nimmt ihre Leinentasche und meint nur ein leises „Tschüss, Noah.“ Und schon ist sie weg. Ist weg, so schnell und leise, wie sie auch in meinem Leben aufgetaucht ist.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 1 „Heimat“]

Personenschaden.

Lippen.

Als sich unsere Lippen das erste Mal berühren, bin ich einfach nur glücklich über die Tatsache, dass ich bereits sitze und mich meine Beine nicht halten müssen. Unsere Lippen passen so wunderbar zusammen, unsere Augen sind geschlossen, ich spüre ihre Zunge. Herzklopfen. Stille.

„Vielleicht ist es das hier.“

Ich fasse sie an, berühre ihren Hinterkopf, streiche ihr durch die Haare. Immer noch hängen wir an unseren Lippen, kurz habe ich die Augen geöffnet. Sie streicht mir über den Rücken. Wir denken nicht daran, uns voneinander zu lösen. Soweit wir es hören, öffnet sich kurz die Abteiltür, aber niemand steigt ein. Niemand setzt sich dazu.

„Was? Was meinst du?“

Wir lösen uns. Emily sieht mir tief in die Augen, sieht mich an, als würde ich ihr alles erzählen. Oder als würde sie bereits alles erfahren, durch ihren in mich eindringenden Blick. Ein weiterer, kurzer Kuss. Auf den Mund, die Wange, den Hals. Sophie wird mir nicht glauben, was hier passiert ist. Wird nicht glauben, dass ich jetzt erstens neben Emily sitze und wir uns zweitens schon geküsst haben. Das habe nicht mal ich geglaubt, in meinen kühnsten Vorstellungen. In meinen Träumen von ihr, die mich einige Nächte bisher mal besser, mal weniger gut haben schlafen lassen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

Eine eigene kleine Welt.

Mein Kopf lehnt an dem überdimensionierten Fenster. Jedes Rattern des Zuges über die unebenen Schienen überträgt sich mit voller Wucht auf meinen Körper. Züge sind etwas Sonderbares. Ein Treffpunkt für Schicksale, eine eigene kleine Welt, zusammengepfercht auf wenige Waggons. Mit den assozialen Typen, den herumtollenden Kindern, den schlafenden Studenten. Und mit mir.

Es regnet. Seit Tagen wohl schon, oder vielleicht auch erst seit gerade eben. Wie ein Wasserfall bricht ein Schwall vom Dach des Zuges herab, meine Aussicht verschwimmt wie ein Aquarellbild. Meine Welt, eingetaucht in ein Meer aus Regentropfen. Eine seltsame, beunruhigend beruhigende Welt. Beim Blick aus dem Fenster beobachte ich die anderen Menschen; Jene alte Frau, die ihren Kopf auf einen zusammengeknüllten Pullover und diesen auf eines dieser Zugfenster gepresst hat, und dabei so wundervoll zufrieden schnarcht als gäbe es kein Morgen mehr. Vielleicht stimmt das in ihrem grauhaarigem, drittzähnigem Fall ja tragischerweise sogar.

Oder diese junge Familie, die Uno oder irgendein anderes furchtbar einfaches Kartenspiel spielt und das kleine Mädchen eine außergewöhnlich nervige Stimme hat. Mir ist es ja egal, aber in Wahrheit ist es kaum mehr auszuhalten. Und jedes Mal, wenn das Mädel ihren Mund öffnet, zischt ihre Mama ihr gleich ein „Pscht.“ vorweg ins Gesicht. Keine Chance, dieses Mädel, dass sie irgendwann einmal die Stimme gegen irgendjemanden erhebt. Schlussendlich flüstert sie nur mehr und ich bemerke, dass das Nervigste an all dem wohl nur Mutters Zischen war.

Dann gibt es da noch diese dickliche Frau, die beim Versuch, eine Limoflasche zu öffnen, versehentlich geschätzte eineinhalb Liter klebriges Zeug über den Boden verteilt und diesen mit unzähligen 676 cm² großen Taschentüchern aufzuwischen versucht, und der Typ mit offensichtlich asiatischem Migrationshintergrund, dem zuerst ein Kichern entwischt und welcher schließlich dann auch noch von der Brühe erwischt wird. Mein Schmunzeln verstummt noch bevor es die Erdoberfläche erblicken konnte.

Und dieser eine Typ, der auf der Suche nach einer funktionierenden Toilette seit Minuten quer durch den Zug eilt und man von Schritt zu Schritt mehr merkt, dass es sich wohl möglicherweise nicht mehr bis zum Lokus ausgehen wird. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, das Gesicht wird immer blasser. Und der ihm entgegenkommende Schaffner erklärt ihm nur, dass er in jene Richtung zurückgehen müsse, aus welcher er gekommen sei … „Hier hinten funktionieren sie nicht.“ – „Ihre Fahrscheine, bitte!“

Ich beginne zu kramen, so wie ich es die vergangenen hundert Male auch schon immer gemacht habe. Werde beinahe schon hektisch, bis ich bemerke, dass ich meine Geldbörse erst Minuten vorher aus meiner Hosentasche raus und neben mich hingelegt habe. „Hier, bitte.“ Das wars für mich. Aufmerksamkeitsspanne zu Ende. Kopf an Zugfenster. Und hinein in die Schicksale andere Menschen. Ein komischer Ort hier. Zusammengepfercht und für Stunden beinahe so etwas wie eine kleine Familie. Mit Zwangsverwandtschaften, Blickfreundschaften und Menschen, die einem wie Geschwister erscheinen.

Ein Halt im Nirgendwo. [4]

Und während der Zug weiter über die Schienen trottet, wache ich von der Vibrations des Fensters auf. Ich weiß nicht wo ich bin. Im Zug einzuschlafen ist einerseits über weite Strecken wirklich nicht bequem und außerdem nimmt es einem vollkommen das Zeit- und vor allem das Ortsgefühl. Die Außenwelt zeigt nichts, selten ein paar verstreute Häuser, viele Felder und ein aussagelose Waagerechte. Das muss Niederösterreich sein.

Die Nacht ist noch nicht viele Stunden her. Und wenig Schlaf bot sie mir außerdem. Ich will hier jetzt nicht sein, fühle mich fehl am Platz und bewundere mit abstoßendem Interesse die Aufgewecktheit so mancher Kinder, die schon so früh in diesen Zug verschleppt wurden. Alles in allem ist mein Waggon aber überraschend leer, eine verwirrte alte Dame zwei Sitzreihen weiter, ein paar junge Familien mit offensichtlichem Ziel ein paar Reihen hinter mir. Ich bleibe planlos.

Ich musste das tun, musste weg von da, weiß nicht wirklich wohin. Es wird die Endstation werden und ich lehne ein weiteres Mal meinen Kopf gegen das überdimensionierte Zugfenster. Ein paar Minütchen Schlaf würden mir zwar nicht helfen, mich aber vielleicht im Laufe des Tages im Glauben lassen, ich könnte nun munter sein.

Und dabei hatte alles so wunderbar ausgesehen. Ich hatte keine Angst, war kein bisschen nervös. Ich fühlte mich wohl und freute mich auf dich. Habe die Stunden gezählt, und kam gar nicht mehr zu den Minuten. Habe ständig auf mein Handy gesehen, wollte eine SMS schreiben und habe es dann doch gelassen. Wo geht es jetzt hin? Ich habe nichts dabei, außer meine kleine Tasche und etwas Kleingeld. Die Welt wird sich von mir abwenden.

Du hättest kommen sollen, wir hätten uns gesehen, ich hätte dich umarmt und du hättest es erwidert. Wir wären unterm Sternenhimmel gelegen, in der eben getrockneten Wiese, wären spazieren gegangen und hätten minutenlang gemeinsam geschwiegen. Doch während all des Wartens plötzlich dieses Gefühl. Als würde etwas fehlen, als wäre hier irgendetwas vollkommen falsch gelaufen. Und meine hektischer werdenden Bewegungen und meine miese Intuition. Die dieses eine verdammte Mal recht behalten sollte.

Wir hatten Pläne, setzten Ziele, erschufen Träume. Und jetzt will ich weg hier, kann nicht bleiben, wo ich war. Du hättest nicht auf dieser Straße fahren sollen und du hättest diesem anderen Fahrzeug nicht begegnen sollen. Du hättest zuhause bleiben sollen und wir hätten telefoniert und wir hätten geflirtet. Hätten die Stunden damit verbracht, über unser Leben zu reden. Hätten Geheimnisse ausgetauscht und mit unseren Gedanken gespielt. Der Zug bremst. Ein Halt im Nirgendwo. Ich steige aus.

Du hättest gestern Nacht nicht sterben dürfen.

In vollen Zügen. [7]

Ich sehe ihnen schon lange zu. Wie sie sich über jede weitere Durchsage der Verspätung aufregen und sich schwören, so etwas nie wieder zu tun. Nie wieder mit dem Zug zu fahren, denn wer sind sie denn und was erlaubt sich der Zug überhaupt, zehn Minuten später anzukommen. Schlussendlich fährt er ein, von außen sehe ich, dass er schon jetzt zumindest nicht unterfüllt ist. Immer mehr Leute quetschen sich hin, können kaum warten, bis die Letzten ausgestiegen sind und machen sich anschließend verzweifelt auf die Suche nach den wenigen, eben frei gewordenen Sitzplätzen. Ich atme tief ein und beschließe ganz einfach, heute nicht mit dem Zug zu fahren.

„Bleibe heute doch zu Hause. Habe keine Lust. Irgendwie sind die heute alle irgendwie verrückt. Willst du noch etwas machen? Mich aufmuntern? Mir Geschichten erzählen? Dich mit mir betrinken? Bin für alle Schandtaten bereit!“

Senden. Wir sollten das nicht tun. Der Zug fährt ab, es wird wieder ruhig. Und beunruhigend leer ist es hier nun, auf diesem Bahnsteig, der an wenigen Stellen noch mit Schnee gesäumt ist, und hier ein Zigarettenstummel und dort eine zerknüllte Coladose. Die Beine von mir gestreckt, die Hände tief in meinen Jackentaschen vergraben, warten nur darauf dass mein Handy etwas Vibrierendes von sich gibt, eine Nachricht von dir, eine Antwort. Es vergehen Minuten, bis ich endlich meine Hand mit dem Handy aus der Tasche ziehen kann, in freudiger Erwartung deiner Worte.

„Hey! Klar, hab‘ Zeit. Komm einfach vorbei. Aber läut nicht an, klopfen reicht. Oder ruf mich an. Egal. Hauptsache du kommst vorbei. Und was wir nun von deinen Vorschlägen ausführen? Sehen wir mal. Bis gleich! Ciao!“

So einseitig verlief das Telefonat natürlich nicht. Hier ein „Mhm.“, dort ein „Ok.“, zum Ende hin ein „Bis gleich.“ Und ächzend, als würde ich schon seit Tagen auf dieser eiskalten Eisenbank sitzen, erhebe ich mich und mache mich schließlich auf den Weg. Wir sollten das nicht tun. Ich zähle die Schritte. Das mache ich immer, in solchen Momenten. Wenn der Kopf mit Gedanken durchzudrehen droht und ich mich einfach mal ablenken will. „34, 35.“ Ich bleibe stehen. Den Weg müsste ich eigentlich auswendig wissen.

„Ding-Dong.“ Verdammt. Vergessen. Du öffnest, trotzdem, mit dem Lächeln auf den Lippen, als hättest du schon vorher gewusst, dass ich auf dieses wichtige Detail vergessen würde. „Schön dich zu sehen“, meinst du und umarmst mich. Aufmuntern? Geschichten erzählen? Schandtaten? Ich bin ratlos und erwidere die Umarmung. „Mhm. Schön.“ Aber du lässt mir nicht mal Zeit, um aus meiner Winterjacke rauszukommen, selbst bei den Schuhen scheitere ich schon an den Schnürsenkeln. „Komm mit, komm … ich muss dir etwas zeigen.“

Du ziehst mich raus, schnappst dir noch schnell den unbekannten Schlüsselbund und läufst mit mir durch die Gänge deines Wohnhauses, Stiegen rauf, wieder irgendwelche Stiegen hinunter, an Feuerschutztüren vorbei, immer weiter hinauf. „Ich muss dir etwas zeigen.“ Du wiederholst dich und obwohl wir wohl schon den ganzen Gebäudekomplex durchquert haben, scheinst du noch die volle Orientierung zu haben. Irgendwann bleibst du stehen, suchst am Schlüsselbund nach dem einen und steckst ihn in eine wildfremde Tür. „Was-, was machen wir da?“

„Ich zeig‘ dir was.“ Du führst mich quer durch diese Wohnung eines Unbekannten, bis hin zum Balkon. Und deutest nach oben. Eine Feuerleiter scheint der einzige Weg dorthin zu sein und du nimmst sie auch schon in Angriff. Oben angekommen, fällt es mir auf: weiter gehts nicht. „Und?“

Für einen kurzen Moment bin ich atemlos: so weit weg von allem, so hoch oben, einen solchen Ausblick habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Du stellst dich hinter mich, legst deine Arme um meine Hüfte und fragst noch einmal. „Und?“ – „W-… wow!“ Als du mich umdrehst, sehe ich einen Liegestuhl, der wetterbedingt schon eine Schneeschicht angesammelt hat. Aber scheinbar hast du schon vorgesorgt, putzt den Schnee herunter und breitest eine dicke, warme Decke aus. „Komm schon.“

Und als wir da so liegen, wir beide in unseren Armen, und den Ausblick und die Sonnenstrahlen genießen. Beginnen wir zu reden und hören nicht auf. Beginnen zu erzählen und hören stets zu. Beginnen zu rauchen und teilen uns die Zigarette. Irgendwann erklärst du auch, wie die zu all dem gekommen bist. Katzen füttern, Pflanzen gießen. Und dafür den Schlüssel. Es hat sich gelohnt, meine Liebe.

Es wird dunkel, die Kälte zieht an, und wir rücken näher aneinander. „Und weißt du, genau hier kommen mir die schönsten Gedanken. Die reinsten Gefühle. Die bunteste Fantasie.“ Und ich verstehe, was du meinst. Das ist ein wunderbarer Ort. Vielleicht haben das alle Dachterrassen so an sich, aber hier fühlt es sich so verdammt gut an. „Hier fühle ich das Leben, in vollen Zügen.“ Und ich nicke und schmiege mein Gesicht an deine Schulter. Es ist schön hier.

Nie wiedersehen.

(via  astromooseflickrCC)

Du erkennst mich nicht wieder. Wie du da so stolz, mit dem Blick voraus an mir vorbeigehst und ich … ich sitze hier auf dieser einen gittrigen Eisenbank auf dem schließlich doch etwas unterfüllten Bahnsteig. Du bist ganz einfach an mir vorbeigelaufen, lachend, mit dem Handy in deiner Hand, wahrscheinlich in ein Gespräch vertrieft.

Oder hoffentlich. Hoffentlich hast du mich nicht schon von Weitem gesehen und versucht, mir nun das perfekte Faketelefonat zu servieren. Das hättest du nicht nötig. Nein. Sowas würde ich dir ganz einfach nicht zutrauen. Du blickst umher, zehn, zwanzig Meter entfernt, blickst überall hin, nur nicht zu mir.

Ich schüttle meinen iPod und erwarte die kommenden Überraschungen. „17“. Kings of Leon. Wie passend. Wir waren zu jung, denkst du nicht? Wir sollten uns jetzt noch einmal kennenlernen. Wir würden uns wahrscheinlich gar nicht mehr mögen, aber vielleicht würde das irgendwobei helfen. Einzusehen, dass wir nicht mehr die Kinder von damals, sondern die unausstehlichen Menschen von heute sind.

Volle Lautstärke, der Bahnsteig füllt sich. Ich stehe auf, bewege mich sogar noch ein paar Meter von dir weg, hin zum Raucherbereich und zünde mir eine Zigarette an. Weggedreht von dir, hineinblickend in eine erdrückende Leere. Du hast mich einfach übersehen, wiederholt mein Kopf den einzigen Gedanken, den ich in diesem Moment fassen kann. Einfach übersehen.

Die Zigarette ist am Ende, der Zug fährt ein. Auf der Suche nach einem Sitzplatz treffen wir uns schließlich doch. „Hey! Wow.“ – „Hey.“ – „Und … wie … wie gehts dir?“ – „Da-danke gut.“ Hinter mir drängeln schon die anderen ungeduldigen Mitfahrenden und stoßen mir ihre Taschen und Koffer in die Kniekehlen. „Ich- … ich muss weiter. Man sieht sich!“

Nein, tut man nicht.

Said it’s a culmination of a story
and a goodbye session
It’s a tick of our time and the tick in her head
that made me feel so strange

In der Gegenwart angekommen.

In der Gegenwart angekommen. Vieles hat sich verändert, vieles ist nun vollkommen anders. Anders als ich es selbst erwartet habe. Hannah habe ich noch ein, zwei Mal gesehen. Selbst wenn ich mit meinen Freunden ausging, sind wir uns kaum begegnet. Es hat lange gedauert, bis ich über den Schmerz, den unsere gemeinsame Unfähigkeit uns ganz einfach zu lieben, in mir verursacht hat, hinweggekommen bin. Und auch heute noch denke ich oft an die schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben, zurück. Ja, es war eine schöne Zeit.

Gerade bin ich auf dem Weg nach Wien. Stehe am Bahnhof, wo vielleicht noch zwei oder drei andere Menschen auf denselben Zug in die gleiche Richtung warten. Meine Sporttasche ist kaum gefüllt, mein Kopf schon wieder irgendwo anders. Im Grunde genommen habe ich noch sehr wenig realisiert, dass sich mein Lebensmittelpunkt schon in Kürze von diesem einen provinziellen Menschenhaufen in die 1,5 Millionen Metropole verlagern wird. Im Moment denke ich einfach nur daran, wie ich die zweieinhalb Stunden andauernde Zugfahrt bestmöglich überbrücken kann.

Ich habe nicht viel geliebt in den letzten zwei Jahren. Natürlich gab es da das eine oder andere Mädchen, in welches ich mich verkuckt habe, manchmal gingen meine Gefühle sogar darüber hinaus. Aber ungefähr jedes Mal bin ich damit auch auf die Fresse gefallen. Einseitigkeit tut einer Beziehung niemals gut, selbst wenn sie gerade erst im Entstehen ist. Es waren hübsche junge Frauen, nett, liebenswürdig. Aber irgendwie verspürten sie eben nicht dasselbe wie ich und immer mal wieder bin ich dann im Regen gestanden, kurz nachdem meine Gefühle und meine Erwartungen alles zu übersteigen schienen. Es hat sich nicht viel getan in den letzten paar Monaten. Nicht viel.

Ich habe die Schule abgeschlossen, nicht mit Bravour, aber schließlich doch irgendwie. Und ich habe meinen Zivildienst abgeleistet, scheinbar ebenfalls nur irgendwie. Ich habe den Sommer genossen und die Nächte gelebt. Ja, selbst wenn es mir die Liebe so schwer machte, sie zu mögen, hat das Leben mich immer weiter und weiter gezogen bis ich bemerkte, dass ein beinahe andauerndes Lächeln auf meinem Gesicht ruht. Der Zug fährt ein.

Jetzt im Nachhinein erinnert mich die Szene des Einsteigens in den schon da überfüllten Zuges an die vielen Filmszenen amerkanischer Antikriegsfilme, als die jungen Rekruten, nur bepackt mit einer Tasche und vielen Erinnerungen, in den Bus stiegen, um die Reise ins Ungewisse aufzunehmen. Es wirkt vielleicht ein wenig melodramatisch, aber schließlich war ich bisher erst ein oder zwei Mal in Wien und wagte somit einen sehr überraschenden und doch schon jahrelang geplanten Weg in die Großstadt.

Es wird getuschelt, ich werde hie und da angesehen als wäre ich vom Mond, vorsichtig zwänge ich meinen Körper und das Gepäck an unnötig den Weg versperrenden Gesellschaften. Bis ich schließlich irgendwo einen freien Platz finde, auf einem dieser Vierer-Plätze, in deren Mitte sich ein kleiner Tisch befindet. Meine Sitznachbarn nicken nur, als ich frage, ob denn dieser eine Platz frei wäre, und setzen dann unentwegt ihre Konversation fort. Über die Wetterkapriolen der letzten Tage reden sie, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als hurtig den iPod auszupacken, die Kopfhörer einzustöpseln, auf »Play« zu drücken und schließlich mit geschlossenen Augen und dem Kopf gegen das Zugfenster gelehnt, einzuschlafen.

»Ihre Fahrkarten, bitte!«

Mit einem Mal bin ich wieder wach, blicke mich vollkommen überfordert im ganzen Zug um und versuche durch das Fenster hindurch in der Dunkelheit herum Umrisse zu entdecken, die mir verrieten, wo wir uns jetzt gerade befanden. Erst ein paar Sekunden später realisiere ich, dass der Zugschaffner immer noch auf meine Fahrkarte wartete, und beginne hektisch in meiner Tasche zu wühlen.

»Hier, bitte!«

Klick-Klack.

So viel Aufregung wegen so wenig Klick und Klack. Nachdem ich meine Geldbörse wieder verstaut habe, die Kopfhörer wieder richtig platziert, sucht mein Kopf schon wieder den Weg in Richtung Zugfenster, als ich bemerke, dass sich die Umstände hier im Waggon verändert haben. Es ist eindeutig leerer geworden. Nur wenige, die schon da saßen, als ich einstieg, befinden sich jetzt noch im Zug. Scheinbar eine ganze Schulklasse hat das Abteil verlassen. Und zu guter Letzt bemerke ich, dass eine hübsche, junge Frau meine neue Sitznachbarin ist. Sie sieht mich an, grinst bis über beide Ohren und meint nur: »Hey!«

Verdammt. Ich war ihr aufgefallen. Und wahrscheinlich grinst sie nur, weil ich mich gerade so furchtbar idiotisch anstellte, als mich der Schaffner überraschte. Bitte keinen Smalltalk, bitte keinen Smalltalk. Bitte keinen Smalltalk.

»Hey!“«
– »Sorry, dass ich lache. Ähm, es sah einfach so lustig aus, als du aus dem Schlaf hochgeschreckt bist.«

Mir ist das natürlich peinlich. Aber wenigstens ist sie ehrlich und sagt frei heraus, warum ich sie so wunderbar belustigte.

»Das sind die schlimmsten Momente. Ich bin furchtbar, so kurz nach dem Aufwachen. Da sollte man mich liebe nicht ansprechen.«

Vielleicht springt sie ja auf diesen Zug auf und versucht nicht weiter, dieses relativ belanglose Gespräch aufrecht zu erhalten. Denn, es ist spät nachts und ich habe einfach keine Lust, mit wildfremden Leuten Smalltalk zu führen. Vor allem im Zug, wo es kaum eine Fluchtmöglichkeit gibt.

»Wie weit fährst du?«, fragt mich die junge Frau schräg gegenüber. Sie hat scheinbar keine Lust, still zu sein.
– »Wien. Und- … und du?«
»Mal sehen. Keine Ahnung.«
– »Das ist ja mal eine Ansage.«

Urbanes Gedankengut. [Ein Spaziergang]

„In wenigen Minuten erreichen wir den Zugendbahnhof: Wir bedanken uns bei ihnen und hoffen, dass sie …“

Die Ohrstöpsel verschwinden unter den Haaren, und ich nehme meine Tasche und sehe dieser monotonen Masse zu, die mit aller Macht versucht, so schnell wie möglich den Zug zu verlassen. Bis sich bei beiden Ausstiegen je eine Schlange gebildet hat, und sie sich ungefähr in der Mitte des Waggons treffen (was natürlich für die Fahrgäste in diesen Reihen unpassend ist, denn zwei Möglichkeiten erleichtern die Entscheidung definitiv nicht), lege ich meinen Kopf gegen die Scheibe des Zuges. Es ist dunkel, Nacht. Ungefähr zweiundzwanzig Uhr. Woran man merkt, dass man wieder in Wien ist? Es sind die Lichter. Die Lichter, die selbst in der Nacht die Stadt nicht schlafen lassen. Der Zug kommt zum Stillstand und schön langsam lichten sich auch wieder die Gänge. Und schon auf dem Weg aus dem Zug krame ich in meiner Hosentasche nach der zerknüllten Packung Zigaretten.

Das erste kleine Plätzchen, auf welchem man an diesem Bahnhof rauchen darf, wird für die kommenden fünf Minuten mein Lebensraum. Ich denke nach. Über die Dunkelheit hier, und über mich selbst. Eigentlich ist es ja bemerkenswert, wie viel man an einem Tag nachdenkt. Ich kann ungefähr dreißig Leute aufzählen, an die ich täglich zumindest ein einziges Mal denke. Und bei einem Großteil von diesen Menschen belasse ich es nicht bei einem einzelnen Gedanken. Meine Gedankenwelt ist groß.

Manchmal denke ich auch über die Liebe nach. Wie schön es war, damals. Und ja, verdammt. Es war eine wundervolle Zeit. Und wie lange seit damals, seit ungefähr zwei Jahren so vieles in Sachen Liebe einfach falsch gelaufen ist. Denn Liebe ist nämlich gemein. Ganz bösartig gemein.

Die Zigarette nähert sich schon dem Ende. Irgendwie habe ich heute keine Lust, mit U-Bahn (und vermischtem Schweißduft) ins Studentenheim zu fahren. Und da mir ja Bewegung mehr als gut tut, mache ich mich per pedes auf den Weg zu meinen geliebten fünfzehn oder zwanzig Quadratmetern, die ich mir mit einem unsozialen Nerd teilen muss. Die Luft heizt selbst jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, noch beachtlich, es dürfte so um die fünfzehn Grad haben. Doch es riecht nach Regen. Ein bemerkenswerter Duft übrigens.

Wo waren wir? Ach ja, die Liebe. Ist es denn nicht lächerlich, wie viele Gedanken man an sie verliert? Aber die Liebe hat eben diese Macht, dass sie einen nicht mehr loslässt. Einmal Blut geleckt, kann man nicht aufhören an sie und das Schöne daran zu denken und sich mit manch zerstörerischen Fragen beinahe selbst zu verletzen. Die Liebe ist, und das muss jeder wohl zugeben, wundervoll. Aber wie auch beim Menschen selbst darf man nie und niemalsnimmer von perfekter Liebe sprechen. Nichts ist perfekt und gerade dieses Unperfekte macht es so real. 

Ich weiß noch, wie es damals war (und wie könnte ich auch jemals vergessen): Das Tagträumen, und das Dauerlächeln, dieses mulmige Gefühl kurz vor unserem ersten Kuss. Dieses einzigartige Gefühl nebeneinander einzuschlafen. Genau nach solchen Dingen sehnt man sich, wenn man sie nur ein einziges Mal erlebt hat. Doch die Liebe spielt so oft einfach nicht mit bei der Suche nach ihr selbst. So wird man selbst geliebt und sucht verzweifelt nach Gefühlen für die andere Person. Denn man möchte nicht enttäuschen und muss es dann eben doch tun. Oder man verliert sich schon wieder in einer Traumwelt und gerät in Gefahr wieder in ihr zu versinken.

Dass es manchen Menschen auch einfach nur um Küssen und Sex geht, finde ich zu einem großen Teil relativ abartig. Liebe beginnt für mich z.B. wenn ich von einem gestressten Tag nach Hause komme, und ich von der Liebsten in ihren Armen, in ihrer Umarmung aufgefangen werde. Wenn ich mit ihr redeen kann und wir bei gemeinsamen Spaziergängen in der späten Nacht einfach mal stehenbleiben um uns den Sternenhimmel anzusehen. Das ist für mich Liebe. Wenn sich jemand um einen sorgt und am liebsten mitweinen möchte, wenn es einem selbst nach Weinen zumute ist. Und ja, man möge hier Recht haben, wenn man meint, dass Freundschaft doch genauso aussieht. Dafür gibt es eben dann Küssen und Sex um sich ein bisschen von der Freundschaft abzusondern. Man könnte sagen, als notwendiges Übel. (Aber natürlich als schönes notwendiges Übel).

Während meines Weges durch die leuchtende Dunkelheit (es stimmt wohl, diesen Teil der Urbanität werde ich wohl nie toll finden), kommt es zu einer weiteren Kollision einer Zigarette mit meinem Mund. Ich bleibe stehen, krame nach einem Feuerzeug und beginne sogleich auch schon wieder routinemäßig zu inhalieren.

Auf die Liebe soll man nicht warten, heißt es. Man soll nicht nach ihr suchen, sagt man. Sie wird einfach geschehen. Und ich bin bereit, auf all das zu warten, bis die Suche ein Ende hat. Es geht mir auch gut, so ohne Liebe. Ich, im Inbegriff, seit Jahren endlich wieder einmal mein Leben in vollsten Zügen zu genießen, kann auf die besten Freunde, auf die großartigste Familie bauen. Aber trotzdem wird es mir nicht gelingen, nicht an sie zu denken. Die Liebe.

Oh, ich bin in die falsche Querstraße eingebogen. Etwas verloren blicke ich mich um und erkenne einfach rein gar nichts wieder. Also zurück zu dieser Kreuzung, die mich falsch hat abbiegen lassen. Von hier aus dürfte es ja nicht mehr allzu weit sein. Aber eines sage ich mir. Ich habe ehrliche Angst davor, dass, sollte es irgendwann wieder zu gegenseitiger Liebe kommen, ich zu feige und zu unsicher sein, um mich darauf einzulassen. Wie auch bei all dem, was jetzt gerade hier abläuft gilt: Man muss sich einfach nur trauen. Muss Mut oder manchmal auch das viel schönere Wort Courage zeigen. Und manchmal muss man womöglich über den eigenen Schatten springen. Und selbst den ersten Schritt wagen. Sturzgefahr natürlich inklusive.

Die erste Tür öffnet sich und ich betrete den Eingangsbereich des Studentenheims. Den Weg in den ersten Stock kenne ich nun schon auswendig und deshalb verzichte ich auch auf diese grelle Lichtshow, welche ich durch den Schalter ausgelöst hätte. Die Zimmertür ist verschlossen und nachdem ich dem Schlüssel zu seinem abschließenden Einsatz verholfen habe, werfe ich die Tasche auf den Boden und lege mich ins Bett. Genug gedacht für heute.

Wobei …

Foto von flickr, unter Creative Commons Lizenz. 
Auch auf jetzt.de und Ci-Jou.