Freunde.

Emilys Frage, und all meine Ausschweifungen haben wieder viele Gedanken aufgeworfen.
Hannah und ich. Meine Erlebnisse mit ihr. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Zum briefeschreibenden Typen, zum harmoniebedürftigen Nachdenkmenschen. Zum
Ewigkeitshasser. All das bin ich wegen ihr geworden. Und bis ich Emily kennen-, bis ich sie
liebengelernt habe, habe ich dieses Gefühl, diese Schmetterlinge, dieses Gefühl eine Frau auf diese Art und Weise so nah zu sein, bis dahin habe ich es vermisst.

„Und ihr habt euch im Guten getrennt oder etwa nicht?“
– „Doch, doch. Wir haben uns, nachdem wir beschlossen haben, Schluss zu machen, sogar
noch stundenlang am Küchenboden unterhalten, haben geredet, gelacht. Und geschwiegen. Es fühlte sich wirklich richtig an. So … wie ein perfektes Ende einer beinahe perfekten Beziehung, sozusagen.“
„Und dann?“
– „Dann haben wir etwas Unmögliches versucht.“
„Was denn?“
– „Freunde zu bleiben.“
„Was ist daran unmöglich. Klar … es ist schwierig, aber unmöglich?“
– „Naja, die meisten Leute vergessen, dass es in einer Beziehung in erster Linie um Liebe geht. Kennt man sich zuvor noch nicht allzu lange, so ist danach immer noch nichts da, worauf man aufbauen könnte. Viel besser wäre es, zu sagen: ‚Lass uns Freunde werden.‘, findest du nicht?“
„Hm.“
– „Weil Liebe nicht Freundschaft ist. Umgekehrt vielleicht. Auf einer Freundschaft kann man wunderbar eine Liebe aufbauen. Aber andersrum? Unmöglich. Da muss man bei Null beginnen. Von Grund auf.“
„Vielleicht hast du recht.“
– „Emily?“
„Mhm?“
– „Lass uns Freunde werden, Emily. Okay? Bitte! Lass uns Freunde werden.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 15 „Berührungen“]

Wir sind mehr.

„Weißt du, ich glaube, mit Liebe hat das Ganze hier gar nichts zu tun. Das hier ist nicht Liebe. Es ist etwas Anderes, etwas Besonderes, eine unglaubliche Verbundenheit, eine ganz besondere Beziehung. Mit nichts vergleichbar, vor allem nicht mit diesem Wort. Pfft. Liebe ist doch viel zu alltäglich. Wir sind mehr.“

*Foto: AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by izahorsky

An Tagen wie diesen bin ich so unglaublich glücklich, genau dieses Leben erwischt zu haben.

Wir sind so viel mehr. Wenn wir mit alten Rädern querfeldein fahren, eine Flasche Wein im Gepäck, dem Sonnenuntergang entgegen und uns an den verlassensten Orten niederlassen. Und über Schicksal, über das Gute im Menschen, und über Freundschaft sprechen. Über Seelenverwandtschaft, oder wie wir es auch immer nennen wollen. Und unsere Arme auf den Schultern des anderen liegen.

Wenn ich alles daran setze, und sind es auch nur fünfzehn Minuten, dich an diesem Tag zu sehen. Mit einer Schultüte voll Geschenke, für deinen ersten Schultag als Lehrerin. Und mein Herzklopfen beinahe in den Ohren klingt, als ich dein überraschtes Gesicht sehe. Auch wenn ich muskelbedingt keine Bäume ausreiße kann, so versuche ich all das zu tun, was dir gefällt und ich habe es mir stets zur Aufgabe gemacht, dich zu überraschen. Einfach um des Blickes wegen.

Seit Jahren schon leben wir diesen Traum einer Freundschaft, fühlen mit, leiden mit, freuen uns für den jeweils anderen. Schlafen nebeneinander ein, und erzählen uns am Tag darauf von unseren Träumen. Sprechen über so Persönliches, erzählen uns unsere Geheimnisse und wissen, dass sie beim Anderen gut verwahrt sind. Man hört sich zu, man ist immer füreinander da. Und ist sich gewiss, dass das womöglich nur der Anfang ist. Dass sich unsere Verbundenheit, unsere Connection noch tiefer in uns hineinwinden wird.

Dass aus Freundschaft, die es früher war, Liebe entstanden ist. Aus dieser Liebe eine innige Verbundenheit und wir nun an einem Punkt angelangt sind, für welchen es wohl noch keinen Ausdruck gibt. Kein Leben könnte ich mir vorstellen ohne euch. Eine Welt ohne euch wäre mein Albtraum, wäre wohl das Ende. Aber ihr bleibt, ihr zwei. Ihr, meine Seelenverwandten.

Und dann verliere ich dich.

Kurz ziehen. 07122010

Und dann verliere ich dich und habe keine Ahnung, wie ich mich fühlen soll. Möchte verstehen, warum das Ganze so passieren musste, und möchte dich anbrüllen und möchte dich umarmen und dir klarmachen, dass man so schnell nicht aufgeben kann und darf und es ganz sicher wieder besser wird. Aber du nennst mir Gründe, und ich verstehe sie nicht. Denn in Wahrheit erzählst du mir nur die Oberbegriffe, aber jeder tiefergehende Frage blockst du ab, lässt nicht mit dir reden, blockierst und lässt mich so zurück.

Du hättest dir keinen beschisseneren Zeitpunkt aussuchen können, um komplett aus meinem Leben abzuhauen. „Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.“ Das waren Zeitangaben, die uns beiden wohl lieb waren, aber du hast dich damit wohl selbst übertroffen. Und ich kann es kaum fassen, dass jemand etwas aufgibt, was jahrelang so etwas wie ein Fixpunkt war. Bin enttäuscht und aufgewühlt und schenke dem Ganzen viel zu viel Gedankengut. Kann nicht aufhören, darüber nachzudenken und Gründe zu finden, die zu finden nicht sind.

Ich kann nicht verstehen und möchte dich einfach vergessen. All die Jahre, die wir so oft Seite an Seite verbracht haben, möchte ich vergessen. Dass ich es nicht kann, das weißt du so gut wie ich. Und hoffe insgeheim, dass das nicht nur so eine Laune von dir ist, denn damit hast du alles zerstört. Alles was schon in leichten Trümmern lag, hast du zu Kieselsteinen zerschlagen und wenn du wieder einmal meine Schulter zum Ausweinen brauchst, werde ich nicht da sein. Und ich werde es wohl auch nie wieder sein.

Du hast den einfachsten Ausstieg genützt, hast dich gescheut vor einer notwendigen Aussprache, hast meine Worte unterbrochen und willst plötzlich du selbst sein. Ich war, bis vor kurzem, nur ich wenn ich dich und viel andere meiner Freunde bei mir wusste. In Gedanken, in Person oder in geschriebenen Worten. Ich bin gespannt, wie ich deinen Platz nachbesetzen werde und die Fußspuren, die du hinterlassen hast, schlussendlich wegwischen kann. Du hast es vermasselt, ein für alle mal. Und genau das tut mir Leid.

Nach meinen Spielregeln.

(via  Mon Labiaga Ferrerflickr)

Es ist scheiße, zu bemerken, dass man ganz einfach nur benutzt wurde. Von einer so besonderen Freundin, mit der man schon so viele Scheiße gebaut hat, die einen durch so furchtbare Zeiten einfach mal locker lässig hindurchtrug, und der man in den vergangenen Monaten eben bei ihrer Scheiße beistand. Und dann das.

Ich fühle mich verarscht, aber aufgrund unserer Freundschaft habe ich es nicht nötig, mich darüber lange aufzuregen. Das ist ein Kapitel, über das wir nicht mehr reden sollten, und mir geht es gut und bitte jetzt … umblättern, weiter gehts. Ich bin ein unkomplizierter Typ, in Sachen Beziehung und Freundschaft und so.

Doch dann die SMS eines Freundes. “Fuck. Das gibts nicht. Lass dich halt nicht verarschen, hat auch keinen Sinn”. Das hat mich aufgeweckt, hat mir klar gemacht, dass ich mal eben nicht alles hinunterschlucken muss. Dass ich nicht so tun muss, als wäre das hier eh alles egal und als hätte mich das Ganze nicht irgendwie verletzt. Nein. Das Leben geht nicht so weiter, wie es war, und nein, das hier vergessen wir nicht ganz schnell, denn in Wahrheit ist ja eben doch etwas passiert. Es ist etwas passiert, und ich finde es scheiße.

Aber keine Sorge. Ich werde mich schon melden und es wird alles wieder gut werden. Nur jetzt genehmige ich mir die Zeit, die ich brauche. Das habe ich bisher viel zu selten getan; um das alles sickern zu lassen, um abzuwägen, um nachzudenken. Und um dazuzulernen. Um mir vollen Ernstes bewusst zu werden, wer mich hier verarscht hat, warum, und wie ich mich nur verarschen lassen konnte. Und daraus werde ich meine Konsequenzen ziehen.

Und während ich so über deinen Blog stolpere, jeden Tag einmal, falls der Feedreader etwas Neues herauspresst, muss ich oft lachen. Du hast schon so vieles von einem psychologischen Standpunkt aus betrachtet, hast über Menschen geurteilt, zu diesen Menschen deine Meinung gesagt. Stay calm, und schau‘ mal lieber bei dir selbst. Egoismus tut in gewissen Situationen ganz gut, vor allem, wenn man selbst Scheiße baut, und die Scheiße bevorzugt immer noch bei den anderen sieht.

Und nein. Das bedeutet hier nicht das Ende. Wir sind uns viel zu wichtig (deswegen verstehe ich diese ganze Scheiße auch nicht), wir geben uns nicht auf. Ich gebe unsere Freundschaft ganz sicher nicht auf. Aber vielleicht kommt es dazu, dass manches in unserer Freundschaft auch mal mit meinen Spielregeln geschehen wird. So einfach ist das.

Sommermorgensonne.

Die Schuhe in der einen Hand, dich neben mir. Gehen wir langsam und die unsicher richtige Richtung. Wir wollten ja eigentlich mit dem Bus fahren, aber scheinbar ist die Stadt zu blöd dafür. Es ist schon wieder Morgen und die Sonne kommt da hinten, drei, vier, fünfzehn Ampelkreuzungen später irgendwo hoch und deckt diesen Teil dieser unbekannten Stadt in ein ganz besonderes Ambiente.

Wir reden über Gott und die Welt. Okay, in Wahrheit: Kein Gott, dafür ganz viel Welt. Die Welt mit uns und um uns und die ganze Scheiße dieser Welt, und unsere Scheiße. Und während die ganze Nacht eigentlich wunderbar warm war, kühlt es jetzt, unverständlicherweise wieder ab. Wir sind uns immer noch nicht sicher, ob das hier der richtige Weg ist. Der Sonne entgegen kann aber doch nie falsch sein.

Das Leben und die Liebe. Unser immer wiederkehrendes Thema, all die vielen Jahre, die wir uns jetzt schon kennen, und all die vielen sonnenaufgangsgetränkten Morgen, die wir leicht betrunken nach Hause getorkelt sind. Wir sind älter geworden, viel älter. Wir haben vieles erlebt, und auch vieles verloren. Wir haben wunderbare Hochs gehabt, und atemraubende Tiefs. Und dann gehen wir hier heute, nebeneinander, und reden von eben diesem einen Thema. Liebe.

Und wieder einmal merke ich, dass wir uns nicht verändert haben. Die Antworten klingen zwar klüger, die scheinbare Abgebrühtheit wurde amateurhaft antrainiert. Aber im Grunde genommen haben wir die selben Probleme wie vor fünf Jahren. Haben die selben Gedanken, die gleichen Gefühle. Und sind immer noch unfähig, die richtige Entscheidung zu treffen. Oder selbst herauszufinden, was denn nun die Richtige sei.

Während die Sonne von Minute zu Sekunde immer höher steigt, möchte ich mich ganz einfach auf den Randstein des Gehwegs setzen, die Beine von mir gestreckt, und mir mit dir das Aufwachen des großen orangegelbroten Kolosses ansehen. Und vielleicht auch einfach nur schweigen. Einfach nur da sitzen und nichts tun. Und irgendwann, das sag‘ ich dir, wird es verschwinden. Die Angst vor dem Unüberwindbaren, die Komplexität der Kompliziertheit, deine und meine Probleme. Daran glaube ich, ganz fest. Ganz, ganz fest.

Es war schön hier, der Weg hier. Mit dir hier. So enden sie am Besten, die Freitag- oder Samstagsabende. Irgendwann am späten Vormittag des Folgetages. Irgendwo in einer fremden Stadt, in einem Studentenheimzimmer mit 8 Leuten, die quer am Boden verstreut zu schlafen versuchen. Und es war mir wirklich eine Ehre, mit genau dir das erste Mal bei McDonalds zu frühstücken und mit genau dir unabsichtlich unseren Eistee über die ganze McDo-Theke auszuschütten. Du wirst mir fehlen, wenn die jetzt knapp ein Jahr einfach weg bist, weißt du. Deshalb müssen wir noch so viele Sonnenaufgänge sehen, so viel reden und irgendwann den Fast-Food-Videoabend machen. Eindeutig!

Flickr: nateOne
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Die Antizipation des Unvorhersehbaren.

Ich spüre nichts. Rein gar nichts. Außer … ja, da kommt sie. Die Abneigung. Die Welt ist verrückt, nicht wahr? Da hätte ich vor Tagen noch die ganze Erdkugel hoch gehoben, wenn du dir darunter den Fuß eingeklemmt hättest, und jetzt würde ich wahrscheinlich einfach nur vorbeigehen. Nimmst du mir das übel? Ich kann es verstehen. Aber so musst auch du mich verstehen. Ich kann nicht mehr.

Ich hab‘ genug in meiner Traumwelt zu leben. In einer Traumwelt mit dir. Weißt du, normalerweise versucht man doch immer, seine Träume irgendwie zu verwirklichen. Ich habe mir gedacht, ich könnte es auch so. Könnte einen Strich ziehen zwischen dem was ich träume und dem was ist. Aber ich kann es nicht. Ich kann mich einfach nicht täglich Stunden um Stunden selbst belügen.

Weißt du, manchmal würde ich mir einfach nur wünschen, es wäre nie passiert. Ich hätte nie mehr gefühlt für dich. Hätte mich nie an dir festgehalten, als ich dich so wunderbar brauchte. Hätte mich nie fallen gelassen, mit der unfairen Gewissheit, von dir aufgefangen zu werden. Weißt du, ich habe dir viel zu früh mein Vertrauen geschenkt. Ich mach‘ das immer so. Vielleicht scheitert daran früher oder später alles. Denkst du nicht?

Irgendwie schaffe ich es immer, mich nach außen hin normal zu benehmen. Und ich sollte nicht Journalist oder Schriftsteller werden. Die Kunst des Schauspielens übe ich doch Tag für Tag. Und kann es ehrlich nicht schlecht. Dass es da einen Menschen unter dieser Fassade, weg von dieser Rolle gibt, siehst du nicht und ich. Ich auch nicht. Will es nicht sehen und will mich nicht spüren. Will den Schmerz und die Angst und die Ungewissheit vorbeiziehend wissen. Aber es geht nicht immer.

Und dann ist es hart. Aber es gehört dazu. Das ist die Konsequenz meiner unglücklichen Liebe. Jeder meiner unglücklichen Lieben, welchen ich zu Genüge abbekam in den letzten Wochen und Monaten (oder besser gesagt: zweieinhalb Jahren). Aber ich bin froh, glaubst du mir das? Bin froh auch diese Seite wieder einmal in mir kennengelernt zu haben. Bin froh, auch dieses ungute Gefühl mal wieder zwischen Herz und Kopf herumzuswitchen wissend. Vielleicht gehört das ja zu mir dazu, wie das Müsli am Morgen. Und wenn das so ist, so kann ich sagen: Dieses Gefühl wieder einmal zu erleben ist, so banal die Umstände auch wieder sein mögen, doch einfach wundervoll, nicht wahr? Es ist gut so.

photocredits: ok23 |flickr | creative-commons

[Coming of Age]

„Ich wünsche mir nichts mehr, als dass du endlich sterben würdest.“ Im selben Moment, wie ich diese Gedanken scheinbar laut gedacht habe, bemerke ich diese unpassende Wortwahl. „Sterben könntest‘ wäre besser, denn es ist wahrlich eine Kunst, mit Stil zu sterben. Ohne dabei nicht auch nur ansatzweise den Respekt vor dem Leben zu verlieren. Aber komm‘ schon, reden wir über etwas anderes …

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Es sind Momente wie diese.

„Komm, nimm meine Hand. Es ist rutschig hier.“

Der Regen verunstaltete den Weg zu einem großen Feld aus Matsch und Schlupflöchern. Er hatte fast vergessen, dass noch jemand mit ihm unterwegs war, aber natürlich. Sie war mitgekommen, als er sich plötzlich dazu entschloss, durch den Regen spazieren zu wollen. Und selbst die Tatsache, dass er nicht mal annähernd irgendeine Kleidung für dieses Wetter bei sich hatte, hielt ihn von seinem Entschluss nicht ab. Und da gingen sie nun dahin, die Wolken über ihnen herziehend. Als Sommerregen würde man es heute nicht mehr bezeichnen, viel zu kalt waren die Tropfen und viel zu windig die Nacht. Er nimmt die ihm entgegengestrecke Hand.

Es sind Momente wie diese. In denen er genießt, dass trotz großer Gefühle die gemeinsame Freundschaft so wunderbar und einzigartig ist. Dass da ein Mensch ist, auf den man sich verlassen kann, der eben auch solche Wege mit einem gemeinsam geht. Und andererseits macht er sich immer und immer wieder die Gedanken, ob da denn nun mehr ist. Ob er seinen Mut zusammenpacken soll. Früher machten ihn solche Momente immer fertig. Da fand man ihm meistens verstört. Aber es sind Momente wie diese. Denn heute fühlt er sich zufrieden damit. Ihm gefällt die Zweisamkeit, egal wie die Gefühle bei ihr aussehen. Er will nicht zuviel verändern an diesem Leben. Viel zu schön sind die Stunden und Tage und Nächte, die man miteinander verbringt.

„Oh.“

Es hatte zu regnen aufgehört.

Eben.

photocredits: Peter Kaminski | flickr

Der Schlag ins Gesicht. Aber so richtig.

Niemand wird sich mehr an diesen einen Eintrag erinnern: We used to be friends befasste sich mit einem Menschen, der in der ersten Klasse Gymnasium zu meinem besten Freund (zumindest was man zu dieser Zeit und in diesem Alter darunter bezeichnete) wurde, und dann wieder wegzog. Seine Geschichte ist schräg, brutal, hart. Mir wäre all das viel zu heftig, was ihm passiert ist. Und ihm war es das schlussendlich auch.

Vor – was weiß ich – zwei Wochen (oder so) warf er sich vor einen Zug oder legte sich auf die Schienen. Ich will keine genauen Einzelheiten haben, mir hat allein schon die Nachricht, dass er das war, zutiefst hinuntergerissen. Er lebte ja seit Jahren wieder hier, wir waren uns wieder einige Male begegnet. Er, immer mit seinem typischen Lächeln, welches er schon als 10 oder 11-Jähriger hatte, und welches mich ungeheim mitriss und mein Gemüt erhellte. Er sitzt nun im Krankenhaus, Bereich Psychiatrie. Der Zug hat ihm einen Arm zerstört, sodass er amputiert werden musste, sein Gesicht ist verletzt.

Es war hart, als diese Person, dieses unpersönliche Wesen, welches Selbstmord begehen wollte, kein Unbekannter mehr war. Sondern eine Person, die ich noch wenige Tage zuvor am See gegrüßt habe. Ein Mensch mit Namen, und mit einer Geschichte, in der auch ich kurz einmal vorkomme. Es war ein Schlag ins Gesicht, als ich diese Nachricht während meines Urlaubes erfuhr. Jeder kannte ihn übrigens irgendwie.

Und ich dachte mir immer nur, was gewesen wäre, wenn wir uns in diesen frühen Jahren nicht aus den Augen verloren hätten. Wenn wir jetzt noch Freunde wären, womöglich beste Freunde. Und besonders brutal wirken nun die Worte aus meinem alten Text: Ich hätte dich vielleicht davor bewahren können.

Ja, verdammt.
Vielleicht hätte ich das.

Und ich hoffe, es geht dir gut.

Weißt du, manchmal denke ich noch darüber nach, wie es wäre, wenn wir es geschafft hätten. Wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Er war mir wichtig und ging mir monatelang nicht aus meinem Kopf. Und doch habe gerade ich die Verwirklichung eben dieses meinen Wunsches torpetiert. Mit jeder dummen Nachricht, die ich dir in diesen Social Communities geschickt habe. Mit jeder melanchotraurigen SMS, welche ich dir nächtens, um zwei oder drei in beinahe brennender Schlaflosigkeit gesendet habe. Mit all diesen Gedanken und den Gefühlen, denen ich viel zu lange viel zu viel Platz eingeräumt habe in meinem Leben. Ja, selbst heute denke ich noch manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn das Danach irgendwie anders verlaufen wäre. Wenn ich weniger Kind und dafür mehr Mensch gewesen wäre. 

Ich habe im Versuch, aus Liebe Freundschaft zu machen, vielleicht sogar aufgehört zu leben. Rein geistig. Ich schritt zwar körperlich weiter voran, und wechselte geografisch sogar meinen Wohnort. Aber im Gedanken blieb ich bei dir und hoffte manchmal auf eine mögliche noch aufkeimende Freundschaft, und leider viel zu oft auch noch auf möglicherweise noch nicht erloschene Liebesgefühle. 

Ich weiß nicht, ob ich dir zurecht nachgetrauert habe. Ob meine Stalking-Auswüchse gesunder Natur waren. Ich weiß einfach nur, dass die Zeit mit dir eine wundervolle und – trotz allem – erinnerungswürdige (und wahrscheinlich auch eine exquisit schöne) Zeit war. Ich hätte mit unserer Vergangenheit nicht spielen, mit meinen Gefühlen nicht jonglieren und mit meinen Worten nicht noch weiter Öl ins Feuer gießen sollen.

Ob ich nun für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass es nicht möglich ist. Dass man nicht von einen Tag auf den anderen von Liebe auf Freundschaft umswitchen kann. Ich würde es auch gar nicht. Aus Liebe kann Freundschaft werden. Zwar bedeutet es viel (wirkliche) Arbeit und einen schönen Batzen Zeit. Aber es funktioniert. Ich weiß nicht, ob du es denn jemals versucht hast. Aber ich weiß zumindest, dass die wohl größte Schuld hier bei mir liegt.

Ich weiß. Du hasstest meinen Blog, du hasst ihn möglicherweise immer noch, aber du wirst ihn wahrscheinlich nicht mehr lesen. Ich verstehe dich. Warst du doch mehr als ein Jahr lang Vorlage für rund 90 Prozent meiner Texte über Liebe. Selbst ich würde mich im Nachhinein für all dies hassen, wäre ich denn in einem Zustand wie jetzt zu so etwas im Stande.

Mein Leben hat sich verändert. Von einem Moment auf den anderen. Es geschah. Irgendwann Anfang des Jahres. Völlig unscheinbar und anfangs nur spärlich bemerkbar veränderte ich meine Sicht der Dinge. Ich bin viel gesonnener, viel ruhiger. Und ja, erst seit diesem Datum, beinahe zwei Jahre nach unserer Trennung, kann ich mich mit einem Lächeln an unsere Zeit zurückerinnern. Erst seit diesen Tagen bin ich über dich hinweg. Vielleicht freut es dich, das zu hören.

Ich finde es traurig, dass es so lange hat dauern müssen. Dass so viel passsieren musste. Am Liebsten würde ich mich hiermit mit einem Schlag für alles entschuldigen. Aber dazu müsste ich mir selbst erst einmal verzeihen. Ja, hörst du es. Ich bin unfähig, mich selbst zu hassen. Aber ebenso unfähig, mir selbst zu verzeihen. Eine dieser Ungereimtheiten in meinem Leben, die dich damals oft den Kopf schütteln ließen. 

Ob ich denn jetzt noch Interesse an einer Freundschaft habe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Womöglich, weil es mir auch jetzt gerade so überhaupt nicht in mein Leben passt. 

Seit einigen Monaten (und eben seit diesen ominösen Tagen zu Jahresbeginn) schwebe ich auf einer Welle. Bin mit mir selbst zufrieden, glaube an meine Träume, tauche in Optimismus, und fröhne dem Genuss. Nichts kann mich unterkriegen (selbst einige Selbstversuche zeigten glücklicherweise keine veränderte Wirkung). Man könnte einfach sagen: ich lebe. Womöglich zum ersten Mal seit ungefähr zwei Jahren. 

Es freut mich.  
Und ich hoffe, es geht dir gut.