Müde.


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Ich versuche mir die Welt zu erklären
als ob zwischen Punkten Linien wären
als ob die Worte mir die Welt in Streifen teilten
Ich greife nur und kann nicht begreifen

Stiller – Wir sind Helden

Manchmal fehlt mir wieder das Gefühl, irgendwo anzukommen. Bin nirgends wirklich daheim, ständig auf der Suche nach dem Fixpunkt, nach dem Ende aller Anstrengungen. Doch Zeiten ändern sich und der Lichtblick am Ende der Tage rückt näher. Dieses Neue, dieser Schlusspunkt. All das hier war nur eine Zwischenstation, ein kurzer Halt, bevor die Summe aller Dinge zu entstehen scheint. Ich bin müde, von all diesem Nicht-Ankommen. Doch ankommen kann ich nur mit dir. Und genau das ist unser Ziel.

So ganz ohne Milchschaum.

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Cause everybody’s changing
and I don’t feel the same.

Der Milchschaum versucht zu verschwinden, und ich blicke in die Ferne, aus dem Fenster dieses alten Cafés als würde ich irgendetwas erkennen oder nach jemanden Ausschau halten. Es ist niemand und es ist nichts. Es überschlagen sich nur die Dinge, die bis vor wenigen Tagen, vor Woche noch ganz alltäglich waren. Wir haben es nicht erwartet, haben gedacht, dass wir endlich einmal irgendwo angekommen sind. Haben den Boden gefunden, der uns Halt geben, haben das Leben erfunden, dass uns tragen soll. Heute ist alles anders.

Wenn Nächte unruhig werden und man aufwacht, mit Kopfschmerzen und Gedanken und der abgekühlten Wut des Vortages, und immer wieder prasselt es ein. Etwas Neues, eine Kurve, eine Kehrtwende, ein Ende. Beständigkeit tut gut, ist so unglaublich wichtig und doch leider nur allzu selten. Aber all diese Veränderungen, diese Stolpersteine, denen man auszuweichen versucht und dabei auf neue Wege stößt, tragen so viel Mut und so viel Herausforderung in sich, die mich unruhig machen. Was wird nur sein? Wie wird es kommen. Ich weiß es nicht.

Und irgendwie freue ich mich darauf. Freue mich auf all das Ungeplante, auf die Erlebnisse, die in den kommenden Wochen und Monaten auf mich, auf uns, zukommen werden. „Mach immer, was dein Herz dir sagt.“, habe ich heute zu dir gesagt. Und „Es ergibt sich immer ein Weg.“ Mehr kann ich all dem nicht hinzufügen. Hauptsache, wir bleiben noch lange Zeit hier sitzen, bei diesem Kaffee. So ganz ohne Milchschaum.

Schatten.

Weihnachten ist. Ja, was ist Weihnachten. Ich weiß es nicht. Und dieses Jahr scheint, das, was all die Jahre, seit ich mich erinnern kann und noch viele Jahre zuvor wahrscheinlich, ein Fixpunkt war, ein Ende zu nehmen.

Weihnachten hat sich entwickelt. Von den leuchtenden Kinderaugen, als die Schachteln, in der die Geschenke verpackt waren, noch das Interessanteste waren. Über das Geschenkemassaker, als die Wunschliste schon im Sommer feststand. Bis zu dem, was es bis zum letzen Jahr war: eine Zusammenkunft der Menschen, die ich liebe. Mit meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Oma, Tante, Onkel, Cousin, Cousine und deren Partnern. Das wird es dieses Jahr in dieser Form nicht geben.

Weihnachten hätte, wäre es nach meiner Mama gegangen, schon einmal ausgefallen. 2007, in dem Jahr, als unsere Familie den schmerzlichsten Verlust, den Tod eines Kindes verarbeiten musste. Ich habe darauf bestanden, so wie jedes Jahr zu feiern: bei meiner Oma, mit der Familie. Es war ein hartes Weihnachten, ein Weihnachten voller Tränen und Traurigkeit, aber doch etwas, das uns vielleicht noch viel weiter zusammengeschweißt hat.

Weihnachten soll dieses Jahr anders werden. Weil man manchmal nicht Manns genug ist, um über seinen eigenen Schatten zu springen. Um Kompromisse einzugehen. Um auf die Menschen, die man eigentlich lieben sollte, Rücksicht zu nehmen. Vielleicht ist man sich einfach gar nicht bewusst, was man hier aufs Spiel setzt. Was das für mich bedeutet. Für mich und meine ganze Familie.

Schatten können sich zu einem Teufelskreis entwickeln. Wenn man in ihnen gefangen ist, und die Angst hat, beim Überspringen sein Gesicht zu verlieren. Aber vielleicht muss man dieses eine Gesicht verlieren, um in Wirklichkeit das eigene Gesicht zu wahren. Ich habe nun schon überlegt, Weihnachten in diesem Jahr vollkommen ausfallen zu lassen, mich in die leere WG kilometerweit entfernt der Familie in eine Decke einzuwickeln und mit Popcorn und Chips einen traurigen Film anzusehen. Doch ich werde dabei sein. Werde Weihnachten feiern. Und vielleicht auf ein kleines Weihnachtswunder hoffen. Denn so unüberwindbar sind diese Schatten in Wahrheit gar nicht.

Grenzen.

Komm, wir müssen weg. Müssen laufen, weg von hier, hinaus in die Welt. Uns verstecken, vor der Angst und uns mutig entgegenstemmen. Nimm meine Hand, ganz fest, nimm sie und versprich mir, dass du sie nie wieder loslassen wirst. Wir ziehen davon, haben die Macht, haben den Mut und trotzdem keine Ahnung. Keine Ahnung wohin, keine Möglichkeiten, und doch hindert es nicht, uns hineinzustürzen. In den Sog der Gewalten, in die Summe der Ereignisse. Lass mich hinein, in deinen Kopf, deine Gedanken, lass mich Teil werden deiner selbst. Nur gemeinsam können wir es wagen, können träumen vom Leben gemeinsam zu zweit. Gemeinsam allein. Und doch müssen wir weg hier, müssen raus, hinaus in die Welt. Hinaus aus der Stadt, über Grenzen hinweg, über Hürden und über Mauern. Nichts soll uns aufhalten auf unserem Weg ins Irgendwo. Und wir würden uns trauen, würden das Auto nehmen, würden losfahren. Verdammt, wer braucht schon ein Ziel. Wir würden halten, halten im Niemandsland, würden uns betrinken, würden kotzen vor Freude, würden Drogen nehmen, einfach nur um der Drogen wegen. Würden leben als gebe es kein Ende. Wir würden Geheimnisse zieren, du die meinen und ich die deinen und wir wären so unvernünftig, so verdammt einzigartig. Und dann, meine Liebe, dann hätten wir, ja, dann hätten wir wohl alles erreicht.

[Leichte Inspiration: Text 51: Ein Geheimnis, das Ihr niemandem erzählen könnt | Roman Held]

Elf Tage #nanowrimo.

Die Zeit läuft mir davon. Wenn das Leben (oder zumindest der Monat) nur aus dem #nanowrimo bestehen würde, wäre alles um einiges leichter. Aktuell bin ich irgendwo zwischen fünfzehn- und sechzehntausend Worten. [Das Ziel für heute wäre 16.666.] Eine Meisterleistung bisher. So viel von #vdnzd gab es bisher, soweit ich mich erinnern kann nicht. Die Geschichte ist genau da, wo sie sein sollte. Ich bin geistig zwar nur mehr halb anwesend und sogar mein Bett beschwert sich schon über die wenige Zeit, die ich mit ihm verbringe. Aber es wird was. Ich bin zuversichtlich, wisst ihr? Das wird groß. Ganz, ganz groß!

November ist #nanowrimo.

Tausende Menschen quer über den Erdball schreiben gerade Geschichtenz. 50.000 Wörter in einem Monat. „National Novel Writing Month“ nennen sie das und schon mehrere Male bin ich daran unglücklich gescheitert. Doch dieses Jahr: Eh schon keine Zeit, dann auch noch die verrückte Idee, fünfzigtausend Worte mit der Hand schreiben zu wollen und ein Moleskine. Man wünsche mir Glück. Das, was hier rauskommt, wird Volle Distanz. Näher zu dir. Ich halte euch auf dem Laufenden. Zu mehr Literarischem wird es wohl in diesem Monat hier nicht mehr kommen. Aber das ist zum Wohle von allen.

Vier Jahre.

Und die Welt dreht sich unaufhaltsam weiter. Für sie gibt es keinen Stopp, kein Innehalten, kein Durchatmen, kein Trauern. Für sie ist der Alltag, was für uns der Untergang gewesen ist. Der Absturz aus dem trauten Leben, die Kehrtwende nach glücklichen Jahren. Vier Jahre ist es nun her, tut nicht minder weh, fällt nicht weniger schwer.

Wenn ein Mensch stirbt, der einem die Welt bedeutet, hat die Welt in Wahrheit ihre Bedeutung verloren. Und dann sitzt man da, hört Musik, stellt Kerzen auf die Fensterbank und zittert in sich hinein. Wenn die Welt mit einem Schlag aus den Fugen gerät und man selbst mittendrin ist, kann kein tröstendes Wort, kein Mitleid helfen, darüber hinwegzukommen. Damit leben zu können, mit dieser Bürde, dieser Geschichte, diesem Schmerz – das war meine Aufgabe. Und ich habe es wohl geschafft, habe meine Art der Therapie (nach einer wirklichen) in Form des Schreibens gefunden. Walk away habe ich diese Geschichte genannt, und erst als die letzten Worte geschrieben und das letzte Mal in großem Ausmaß geweint worden war, konnte ich dieses Erlebnis, in all seiner Dramatik und Unberechenbarkeit, annehmen, als das, was es ist.

All das hat mich wachsen lassen, hat mich wohl auch zu dem gemacht, was ich heute bin. Und vielleicht hat es mir auch dabei geholfen, an meine Träume zu glauben und an ihnen zu arbeiten. Aber andererseits hat es eines entstehen lassen. Diese Angst, während eigentlich großer Glücklichkeit. Die Angst, das mit einem Schlag alles anders, der Mensch an meiner Seite weg, der Mensch an meiner Seite tot ist. Das ist kein schönes Gefühl, bringt die Kälte zurück in mein Leben, macht mich unruhig, macht mich krank. Aber mein naiver Optimismus, der mein ganzes Ich bestimmt, holt mich dann wieder zurück. Irgendwie zumindest, denn ein Funken Angst bleibt.

Vergangenen Juni wärst du fünf Jahre alt geworden. Ich musste schmunzeln, als ich bemerkt habe, dass mir dein Todestag viel mehr in Erinnerung geblieben ist, als dein Geburtstag. Eineinhalb Jahre bist du alt geworden, seit vier Jahren nun schon tot. Die Welt ist so dermaßen ungerecht, so verflucht anders, als ich sie mir mit dir vorgestellt habe. Aber sie dreht sich weiter, die Welt. Unaufhaltsam. Und ohne Grund. Immer wirst du ein Teil meines Lebens bleiben, wirst mir nah sein. Immer wieder sprechen meine Freunde mit mir über dich. Und immer noch ist dein Button, der Schmetterling, auf meiner Tasche.

Es wäre schön, jetzt hier mit dir. Aber ich denke, das weißt du.

Wir sind mehr.

„Weißt du, ich glaube, mit Liebe hat das Ganze hier gar nichts zu tun. Das hier ist nicht Liebe. Es ist etwas Anderes, etwas Besonderes, eine unglaubliche Verbundenheit, eine ganz besondere Beziehung. Mit nichts vergleichbar, vor allem nicht mit diesem Wort. Pfft. Liebe ist doch viel zu alltäglich. Wir sind mehr.“

*Foto: AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by izahorsky

An Tagen wie diesen bin ich so unglaublich glücklich, genau dieses Leben erwischt zu haben.

Wir sind so viel mehr. Wenn wir mit alten Rädern querfeldein fahren, eine Flasche Wein im Gepäck, dem Sonnenuntergang entgegen und uns an den verlassensten Orten niederlassen. Und über Schicksal, über das Gute im Menschen, und über Freundschaft sprechen. Über Seelenverwandtschaft, oder wie wir es auch immer nennen wollen. Und unsere Arme auf den Schultern des anderen liegen.

Wenn ich alles daran setze, und sind es auch nur fünfzehn Minuten, dich an diesem Tag zu sehen. Mit einer Schultüte voll Geschenke, für deinen ersten Schultag als Lehrerin. Und mein Herzklopfen beinahe in den Ohren klingt, als ich dein überraschtes Gesicht sehe. Auch wenn ich muskelbedingt keine Bäume ausreiße kann, so versuche ich all das zu tun, was dir gefällt und ich habe es mir stets zur Aufgabe gemacht, dich zu überraschen. Einfach um des Blickes wegen.

Seit Jahren schon leben wir diesen Traum einer Freundschaft, fühlen mit, leiden mit, freuen uns für den jeweils anderen. Schlafen nebeneinander ein, und erzählen uns am Tag darauf von unseren Träumen. Sprechen über so Persönliches, erzählen uns unsere Geheimnisse und wissen, dass sie beim Anderen gut verwahrt sind. Man hört sich zu, man ist immer füreinander da. Und ist sich gewiss, dass das womöglich nur der Anfang ist. Dass sich unsere Verbundenheit, unsere Connection noch tiefer in uns hineinwinden wird.

Dass aus Freundschaft, die es früher war, Liebe entstanden ist. Aus dieser Liebe eine innige Verbundenheit und wir nun an einem Punkt angelangt sind, für welchen es wohl noch keinen Ausdruck gibt. Kein Leben könnte ich mir vorstellen ohne euch. Eine Welt ohne euch wäre mein Albtraum, wäre wohl das Ende. Aber ihr bleibt, ihr zwei. Ihr, meine Seelenverwandten.