Grenzen.

AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by Kate Dreyer

„Weißt du, in Wahrheit gibt es nämlich gar keine Grenzen. Und jene, denen wir begegnen, sind allesamt in unseren Köpfen. Allein unser Gehirn birgt dieses Unheil, diesen Wall aus unberechtigter Angst und wohltuender Überheblichkeit. In Wahrheit sind wir uns nämlich alle unglaublich nah. Grenzen sind nur etwas für Verlierer, weißt du?“

Du versuchst mich zu verstehen, versuchst meinen Worten zu folgen. Doch es gelingt dir nicht. „Ich will kein Verlierer sein.“, murmelst du, während ich dir durch deine Haare streiche. Ich lächle. „Du verstehst doch, was ich sage. Es liegt alles in deiner Hand.“ Ein Nicken folgt meinen letzten Worten. Es scheint angekommen zu sein. „Wir können es verändern, können die Welt, nein, warte. Wir können unsere Welt zu einer besseren machen. Völlig grenzenlos.“

„Das wäre schön.“, sagst du und siehst mir ganz tief in die Augen, „Aber …“ Darauf habe ich gewartet. „… aber wir sind doch in einer Gesellschaft, in einem System gefangen, dass so etwas wie Grenzenlosigkeit nicht einmal in Betracht zieht. Das ist nicht möglich, weißt du?“ Ich nicke. Derselbe Gedanke ist mir selbst schon untergekommen. Haben wir uns doch die vergangenen hunderttausend Jahre damit beschäftigt, systematisch Mauern aufzuziehen, die unseren Weg vorbestimmen.

„Du hast Recht, natürlich. Und wir werden hier kein System zu Sturz bringen, keine Gesellschaft umwandeln. Aber vieles, was wir für vorbestimmt halten, ist uns in Wahrheit doch nur selbst überlassen. Wir müssen das nicht tun. Wir dürfen auch einmal nicht so funktionieren, wie man es von uns verlangt. Wir sind, wie man so schön sagt, ja auch nur Menschen. Und nach und nach werden wir es schaffen, dass wir sie einreißen. Die Grenzen, die uns aufhalten, all das zu tun, was unser Leben so viel schöner machen könnte. Wir dürfen nur nicht daran scheitern, es nicht versucht zu haben.“ Du nickst und lächelst. Und siehst dabei wunderschön aus.

Und bleibe.

»Weißt du, ich hatte immer Angst vor der Zukunft. Ich wollte mich nicht auf Pläne einlassen. Und dann kamst du. Und nahmst mir die Furcht vor der Ewigkeit.«

Etwas mehr als zwei Monate ist es her, seit wir wir sind. Zwei solch wundervolle Monate, geschützt unter einer Decke aus Schmetterlingen. Zwei Monate, in denen mir kein Weg zu weit war und zwei Monate, in denen du mir gezeigt hast, wie sehr du mich liebst. Für uns hat Zeit ihre Macht verloren. Sieben Jahre kennen wir uns schon und in Wahrheit fühlt es sich an wie eintausend Stück davon. Fühlt es sich an wie eine wundervolle Ewigkeit.

In zwei Jahren werde ich meinen Abschluss machen, in der Stadt, die ich schon so liebgewonnen habe. Die zum einen Heimat und zum anderen auch Zufluchtsort für mich geworden ist. Und all die Monate werden wir pendeln müssen, wenn wir uns sehen wollen. Eine Stunde ist nicht die Welt, aber ein Brocken voll elendigem Vermissen.

»Und weißt du, es gibt eine Sache, auf die ich mich am meisten freue. Wenn ich mit Sack und Pack vor deiner Tür stehen werde, du mir in die Arme fällst und ich sage: ›Hier bin ich und hier bleibe ich auch, mein Schatz.‹ Darauf freue ich mich.«

Vulnerable. [8]

„Wir sind zu weit gegangen.“ Verdutzt blicke ich dich an, kann kaum verstehen was du meinst. Liegen hier seit Stunden an diesem See, trinken Wein, der immer mehr an erfrischender Kühle verloren hat. Es waren schöne Stunden. Wir haben geredet, haben uns manchmal tief in die Augen gesehen, bis irgendjemand eine Grimasse schnitt und es lachend ein Ende fand. Vollkommene Sorglosigkeit, einfach nur das Leben, in seiner vollen Pracht und ganz ohne irgendeine negative Ablenkung.

„Was haben wir gemacht?“, frage ich. „Ach, nein. Nicht wir haben etwas falsch gemacht. Nicht wir, nur ich. Ich und meine Gefühle.“, blubbert es aus dir heraus, doch plötzlich machst du Halt. Sprichst nicht zu Ende und hinterlässt mich mit fragender Miene hier auf dieser Wiese. Du gehst zum Steg, drehst dich nicht mal um. „Gefühle irren nicht. Die machen nichts falsch.“, sage ich in deine Richtung, du lässt dich auf dem Holz nieder und die Füße sanft ins Wasser baumeln. „Wir sind zu weit gegangen.“, wiederholst du dich.

„Warum mag ich dich nur? Warum nur liebe ich es, Zeit mit dir zu verbringen, mit dir über so viele Dinge zu reden. Warum nur habe ich es zugelassen, warum nur? Warum habe ich dich zu einem Menschen gemacht, der du vielleicht gar nicht bist?“ Ich scheine nur langsam zu verstehen. „Warum hast du es zugelassen, dass ich mich verliebt habe? Das ich mein Herz an dich verloren habe? Weißt du, was ich für dich aufgegeben habe?“ Fragende Blicke. „Alles habe ich aufgegeben. All die unsichtbaren Barrieren, die ich um mich aufgebaut habe, um noch etwas Schutz zu haben. Du hast sie eingerissen, ich habe dich hinter die Barrieren eingeladen. Du hast mich verletzlich gemacht, weißt du?“ – „Aber-…“ – „Aber ja, natürlich liebe ich dich und natürlich fühlt es sich gut an. Es fühlt sich großartig an. Aber ich habe Angst.“

„Ich werde dich nicht verletzen.“ Du lachst. Vielleicht hast du das schon viel zu oft gehört, vielleicht sagen das auch irgendwie alle Menschen in solchen Situationen. Vielleicht hat es bei mir hier einfach nur zu einer 08-15-Antwort gereicht. „Das glaube ich dir. Also: ich glaube dir, dass du mich nicht mutwillig verletzen willst. Aber du kannst es mir nicht versprechen. Du weißt nicht, was sein wird.“

„Ist das wirklich so schlimm? Dadurch, dass du deine Barrieren aufgegeben hast, hast du dich mir geöffnet, hast dich weiterentwickelt. Du lächelst viel mehr, weißt du?“ Ein Grinsen huscht über dein Gesicht. „Ich glaube-„, lege ich nach, „Ich glaube, dass man das in Kauf nehmen muss. Dass mit der Liebe eine Verletzbarkeit einherzieht. Dass es das nur im Doppelpack gibt. Und wenn du es gut erwischt, hält sich diese Verletzbarkeit in Grenzen, weißt du?“ Du nickst. „Und ja, du hast recht. Ich kann nichts versprechen, will es auch gar nicht. Aber wenn die Liebe einmal ein Ende findet, werde ich sorgsam mit dir umgehen, okay?“ Du nickst, und zum ersten Mal scheint es so, als ob ein Ende keine Möglichkeit mehr für dich ist. Vorerst zumindest.

Mehr als das.

Manchmal, da gibt es wieder die Momente, in denen ich zu zweifeln beginne. Und mir Gedanken mache, die nicht wirklich zielführend sind. Und in Wahrheit baut sich all das durch einer furchtbaren Ungewissheit auf. Ich will nicht mehr daran denken.

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„Wir müssen reden.“, hätte ich schon einhundertmal sagen sollen. „Ich hab‘ da so eine Frage.“, wäre auch angebracht. Aber es passiert nicht. Es ist nie der richtige Zeitpunkt dafür. Es ist niemals der richtige Zeitpunkt. Was ist schon richtig? Ich weiß es nicht.

Aber irgendwann muss es wohl so weit sein. Irgendwann brauche ich sie, die Gewissheit. Muss wissen, woran ich bin. Möchte spüren, was nun ist. Und dann möchte ich dich in den Arm nehmen, egal, was passiert. Möchte nur einmal unsere Zweisamkeit spüren, nur für diesen einen Moment.

Und du kannst dann entscheiden, wie lang dieser Moment dauert. Kannst mir zeigen, was du fühlst. Wir sind mehr als nur Freunde. Mehr als das. Freunde reden über alles, aber über so einiges haben wir noch nie geredet. Über einige Dinge schweigen wir, vielleicht ganz bewusst, vielleicht auch nur, weil wir es nicht wahrhaben wollen.

„Wir müssen reden.“, wäre das i-Tüpfelchen über uns. Es wäre das, worauf ich seit Monaten warte. Müssen wir reden? Weißt du denn nicht längst, wie ich mich, nein, was ich fühle? Und fühlst du nicht genauso? Ich weiß es nicht und daran scheine ich zu zerbrechen. Jedes Mal, wenn meine Gedanken nichts anderes zulassen. Und du wischt sie immer wieder weg, wenn ich dich sehe, du lächelst, wenn wir nebeneinander gehen.

„Wir müssen reden.“ Findest du nicht?

Es musste sein. [21]

Bahnhof. 18122010

Es ist der 21. Deze

Warum so förmlich. Egal, wer jetzt gerade diesen Brief hier liest. Es wird zu spät sein. Zu spät sein, um mich aufhalten zu können, denn ich habe meinen Entschluss gefasst. Habe bereits das getan, was ihr mir nie verzeihen werdet. Nicht heute, vor allem nicht in dieser Zeit und wahrscheinlich auch nie während eures gesamten Lebens. Ihr werdet mich dafür hassen und doch werde ich euch einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ich und diese schrecklichen Bilder, die ihr wegen mir ertragen musstet. Es tut mir Leid, wisst ihr.

Aber ich musste es tun. Und ich weiß, dass es genügend andere Möglichkeiten gebe, um das zu tun und genau das was ich tat schon viel zu oft falsch endete. Aber wenn ihr diesen Brief hier lest, werde ich es wahrscheinlich schon geschafft haben. Warum werdet ihr euch fragen und ihr werdet euch das noch lange, lange Zeit fragen, aber gibt es darauf überhaupt eine Antwort? Was soll ich euch erzählen?

Dass ich überfordert war? Mit dem Leben, mit den Aufgaben, die an mich gestellt wurden? Dass ich enttäuscht war: von mir, von dem, was ich zu erreichen gewillt war. Es hätte so viel besser laufen können, aber irgendwie blieb alles nur furchtbare Scheiße. Nichts hat sich jemals verbessert und nichts wird es in Zukunft tun. Alles bleibt wie es ist, nur ich muss diesen ganzen Mist jetzt nicht mehr ertragen.

Ich habe mir schon oft meine Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wenn ich es täte. Und immer und immer wieder blieb ich bei dieser einen Frage hängen: Wer würde denn um mich trauern. Und ich wüsste es nicht. Viele würden zwar ihr entsetztes, mitleidendes Gesicht aufsetzen, manche würden aus reiner Höflichkeit heulen, aber wer würde mich wirklich vermissen? Wem würde ich fehlen, wer hat ein Stück seines Herzens an mich verloren, dass nun für immer verschwunden sein wird? Ich weiß es nicht, und obwohl ich nie zu Ende gedacht habe, machte mich diese Frage traurig. Denn was, wenn niemand je an meinem Grab stehen werde und niemand eine Träne vergießen würde. Weil ich zu feige war, um mich den Herausforderungen zu stellen und weil das wohl der einfachste Weg sei.

Aber ich sag es euch: der einfachste Weg ist das sicher nicht. Es zog sich schon über Wochen, über Monate hin, also nein: Das hier ist keine Kurzschlussreaktion. Ich weiß schon was ich getan habe. Ich musste einfach weg, denn das alles machte mich krank. Ich konnte kaum mehr schlafen, in den letzten Tagen, meine Ängste wurden immer schlimmer, aus meinen wenigen Träumen erwachte ich immer schweißgebadeter. Jetzt habe ich es gewagt.

Seid bitte nicht traurig. Oder nein. Bitte seid traurig, wenn ihr es denn wirklich seid. Gebt mir eure Ehrerweisung, die ich mir verdient habe. Redet mit anderen über mich, redet mit mir über andere. Es ist egal. Ich bin nicht mehr hier und ich glaube, es geht mir gut. Und euch wird es auch schon bald wieder besser gehen, das weiß ich.

Ich vermisse eu

Es musste sein.
In Liebe.

Alleine. [11]

Feels like Home? 08122010

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. „Ich habe Angst.“* Therapiesitzungen waren auch schon mal besser. Beinahe ist es wie eine Prüfungssituation aus meinen Albträumen. Es wird einem vollste Konzentration abverlangt, man muss alles geben. Und in Wahrheit wird man nur verwirrter und verstörter, weil jede Antwort eine neue Frage aufwirft. „Ich habe Angst“, wiederhole ich.

„Wovor?“ Gute Frage. „Dass es das gewesen sein könnte. Dass ich die eine, die einzige Chance hatte, auf ewige Liebe und Leben und Sein. Und das habe ich vermasselt.“ – „Hm.“ Es stimmt wohl, Therapeuten finden zu allem die richtigen Worte. „Hm.“, wiederholt sie sich. Ich hätte jetzt auf ein „Ach nein, Dominik!“ gehofft oder auf ein sofortiges Kopfschütteln oder sowas.

„Hm. Und warum glaubst du das?“ Weiter gehts. „Weil die Zeit keine Wunden heilt und es immer noch so verdammt weh tut und ich nicht in der Lage bin, mich auf irgendetwas Neues einzulassen und selbst zu feige bin, um irgendwann einmal den ersten Schritt zu wagen.“ – „Hm.“ – „Und weil ich so furchtbare Angst davor habe, allein zu sein. Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn da niemand ist, der einem die Schulter anbietet, wenn einem nach Weinen zumute ist. Und das schon seit Jahren.“

„Du fühlst dich also einsam.“ – „Nein. Nicht einsam. Manchmal genieße ich es, einmal nur etwas Zeit für mich zu haben. Ziehe mich zurück, werfe melancholische Lieder in die Playlist und mich ins Bett und lasse mich einfach nicht stören. Das ist nicht das Problem, nein. Es ist die Angst allein zu bleiben.“

„Dann wird es dir wohl auch nicht helfen, wenn ich dir sage, dass du so etwas sowieso nicht erzwingen kannst und dass es keinen Sinn macht, erwartungsvoll darauf zu hoffen. Dass es passieren wird, wenn du es am Wenigsten erwartest und du die größten Chancen hast, wenn du es schaffst, mit all dem abzuschließen.“ – „Nein, liebt gemeint, das hilft mir auch nicht.“ Die 50 Minuten sind vorüber und ich erhebe mich, öffne die große Tür und drehe mich doch noch einmal um. „Wissen sie, es ist einfach … ich lebe zwischen den Welten, bin einen Tag mal da, dann dort, und irgendwann eben hier. Ich lebe ohne Unterhalt, ohne Rückzugsort. Alles nur temporäre Unterkünfte. Dieses eine Etwas, nennen wir es Liebe, oder Zuneigung oder ganz einfach ‚ein Wir‘ würde mir etwas geben, was ich schon lange suche. Ich glaube, man nennt es … ein Zuhause, oder Heimat oder so.“

Du hast mich verstanden, als ich vor deiner Tür stand, etwas zitternd und mit der Bitte auf den Lippen, einfach nur mal abzuhauen.

Langsam treiben wir auf dem See entlang, etwas hilflos versuche ich, unser Boot zu rudern. Du hast mich verstanden, als ich vor deiner Tür stand, etwas zitternd und mit der Bitte auf den Lippen, einfach nur mal abzuhauen. Du hast das Nötigste eingepackt, und dann sind wir losgefahren. Fremde Straßen, unbekannte Autobahnen, überraschende Abfahrten. Und irgendwo ein See.

Da war es plötzlich, dieses nicht ganz sicher aussehende Boot. Uns war es egal, wir haben ganz wenig gesprochen, seit ich dich abgeholt habe. Du steigst ein, das Boot wackelt und ich folge dir, schnapp mir die Ruder und jetzt sind wir hier. Irgendwie auf einem See, irgendwohin unterwegs. Es ist warm hier draußen.


via  theartistbloo (Flickr)

„Da!“
– „Hm?“
„Da, schau mal. Das ist … eine Insel, glaub ich.“

Du hast Recht und ich bin richtig erstaunt, wie gut du in dieser Dunkelheit die Umgebung untersucht hast. Ich rudere auf das ‚Land in Sicht‘ zu. Es ist gut, dass du da bist.

Als wir die Insel, die so völlig überraschend hier in diesem See auftauchte, erreichen, ziehe ich noch schnell das Boot an Land. Wir wollen nicht stranden, wollen nicht von heute an hier gefangen sein, ohne einer Ahnung, wann hier der nächste Flüchtling vorbeikommt. Ja, ich bin geflohen, weil mich, trotz allem, irgendwie alles zu erdrücken droht.

Wir setzen uns in der Nähe des Ufers hin, und ich – furchtbar aufgewühlt und vollkommen irritiert – lege meinen Kopf in deinen Schoß. Langsam streichst du mir zärtlich durch meine Haare, kraulst mir das Gesicht. Immer noch haben wir kaum etwas gesagt.

„Ich dachte nicht, dass es so kommen würde.“
– „Hm?“
„Ach, ich weiß nicht. Es … es wird mir gerade einfach irgendwie zu viel. Ich lade mir zu viel auf, obwohl ich selbst weiß, dass ich nicht dazu im Stande bin, es zu schaffen. Und nein, das ist keine chronische Selbstunterschätzung sondern meine Erfahrung  aus meiner eigenen Erwartungshaltung. Ich enttäusche mich nur zu gerne selbst.“
– „Mhm.“
„Ich muss endlich mal wieder versuchen, das kleine bisschen Chaos zu beseitigen. Ich verliere den Überblick. Aber weißt du was?“
– „Hm?“
„Ich dachte nicht, dass es so weit kommen würde. Da lerne ich mich plötzlich von einer ganz neuen Seite kennen, stolpere von neuen Erfahrungen in wunderbare Erkenntnisse. Es wäre eigentlich gerade wieder das Up nach Jahren der Downs, weißt du? Und jetzt das.“

Die Sterne stolzieren am Himmelszelt entlang und manchmal treffen Wellen auf diese Insel ein.

„Aber weißt du, auch wenn es dir gerade nicht gut geht. Ich spür‘ das. Ich hab‘ mir das schon bei dem Telefonat heut‘ Nachmittag gedacht. Auch wenn es dir gerade scheiße geht. Ich kenne dich ja nun doch schon ein bisschen. Du schaffst das.“
– „Glaubst du wirklich?“
„Mhm. Du schaffst das. Du hast diese Ausdauer, die so vielen Leuten fehlt. Und ich glaub‘ auch nicht, dass es jetzt wieder bergab geht. Solche Tage hat doch jeder einmal. Auch wenn das Drumherum eigentlich perfekt ist, plötzlich fühlt man sich wieder so hilflos, wie ein Kleinkind, dass durch und durch auf die Bezugspersonen angewiesen ist.“

Ich sehe dich an. Als du diese Sätze sagtest, hast du deinen Blick auf die Weite des Sees gerichtet. Jetzt senkst du dein Gesicht zu mir, lächelst mich an, streichst mir weiter durchs Haar. Küsst mich und gibst  mir so einen kleinen Teil meiner Zuversicht zurück, die mir auf dem Weg durch die vergangenen Tage wohl verloren ging.

Es wird schon irgendwie, da bin ich mir sicher. Du lässt dich zurückfallen, gibst mir deine Hand, und gemeinsam betrachten wir noch eine Zeit lang die hellen Punkte über uns. Ich robbe zu dir rüber, ganz nah an dich ran. Und küsse dir ein Danke auf deine Schulter. Für alles.

[Coming of Age]

„Ich wünsche mir nichts mehr, als dass du endlich sterben würdest.“ Im selben Moment, wie ich diese Gedanken scheinbar laut gedacht habe, bemerke ich diese unpassende Wortwahl. „Sterben könntest‘ wäre besser, denn es ist wahrlich eine Kunst, mit Stil zu sterben. Ohne dabei nicht auch nur ansatzweise den Respekt vor dem Leben zu verlieren. Aber komm‘ schon, reden wir über etwas anderes …

[Coming of Age] weiterlesen

Was wäre nur. [Ein Abschied]

Was wäre nur, wenn ich dich nie wieder sehen würde. Wenn du jetzt weggehen würdest und nie wieder zurückkämest. Wenn das Aus-den-Augen-Verlieren einfach nur ein Resultat deines überraschenden Todes wäre. Wenn du in meinem Kopf nicht als stets fröhlicher, manchmal verwirrter Mensch in Erinnerung bleiben würdest, sondern mir tage- und wochenlang dein Gesicht nach deinem Tod, oder die Atmosphäre deines Begräbnisses verfolgen würde. Was wäre, wenn ich dann vor deinen Grab stehe, und alles, was mir einfällt, ist ein müde gehauchtes „Ich liebe dich.“

Und niemand würde antworten. Weil ich meine Liebe zu dir zu lange in mir trug und aus reiner Feigheit nicht der Welt offenbaren konnte. Ich wette es würde regnen. Einfach aus Prinzip. Weil ich es mir verdient habe, so wie niemand sonst. Und womöglich breche ich auch einfach vor deinem Grab zusammen, die Kieselsteine bohren sich in meine Knie und ich spüre es nicht. Und ich heule, weil ich dich nur noch ein letztes Mal in den Arm nehmen möchte, dich ein letztes Mal küssen, mit dir ein letztes Mal in die Sterne schauen.

Selbst das müsste ich aufgeben. In die Sterne zu schauen. Weil es nicht mehr dasselbe wäre. Und weil unser gemeinsamer Stern mich Nacht für Nacht an dich erinnern würde. Und der Große Wagen? Er wäre bedeutungslos. Und trächtig. An Erinnerungen und Gefühlen für dich. Ich würde meine stille Liebe zum Nachthimmel aufgeben müssen, weil du nicht mehr da bist. Kannst du dir das vorstellen? Wo wäre ich nur heute, hätte ich nicht vor ein paar Jahren die Genialität des Unendlichen entdeckt. Und das Ende von Ewigkeiten. Jene Ewigkeiten, welche Sterne dort verbrachten, bis sie verglühten und für uns zum Wunschkonzert wurden.

Wie könnte ich schlafen. Wenn du mich jede Nacht begleitest, durch meine absurdesten Träume. Und wenn ich aufwache und mit einem Lächeln dein Gesicht erwarten würde, weil all das in dieser Nacht so real und fassbar vor meinen Augen auftauchte. Und ich Tag für Tag immer und immer wieder bitter enttäuscht werden würde. Jeden Morgen die selbe Prozedur. Würdest du da noch gerne die Augen schließen, nach einem langen und anstrengenden Tag?

Ich habe mal gesagt, ich würde die Ewigkeit hassen. Ich hasse sie immer noch. Von ganzem Herzen. Aber in meinem Kopf, so scheint es, wirst du immer gespeichert bleiben. Du und meine ungenützte Chance, dir meine Gefühle zu offenbaren. Und ich würde mich hassen und am liebsten den Spiegel zertrümmern wollen, welcher mich zu zeigen versucht. Weil ich es nicht geschafft habe und es auf ewig in mir bleiben würde. Weil du es nie erfahren hast. Weil niemand davon erfahren hat. Niemand. Außer mir. Wie hätte ich die Gefühle unterdrücken können, wenn du mir einfach dieses Gefühl der Geborgenheit gabst. Und mir die Angst vor der Nähe nahmst. Wie hätte ich je erfahren können, wie schön schweigsame Zweisamkeit ist. Vielleicht wusstest du es schon lange und warst selbst nicht sicher, wie ich darauf reagieren würde. Vielleicht sind wir gemeinsam an unserer Angst zugrunde gegangen und jetzt lässt du mich allein.

Allein hier auf dieser Welt.
Auf dieser großen, verstörenden Welt.

Und du weißt doch, wie sehr ich Angst vor Einsamkeit habe.

Auch auf Ci-Jou und jetzt.de

Weil du es bist.

Habe ich Angst. Lächle ich still. Sehe ich dich nur so lange an, bis du es bemerkst. Und kann danach nur mehr schwer nicht mehr hinsehen. Kann ich nicht darüber reden. Habe ich mich verändert; zum Besseren, wie mir scheint. Muss ich ständig an dich denken. Und wie schön es wäre. Möchte ich dich berühren. Wünsche ich mir Mut. Offensivität. Weg von der Schüchternheit. Liege ich jetzt hier in diesem Bett und denke nach. Über dich, mich, uns. Kann nicht aufhören und will es auch gar nicht.

Weil du es bist.