Ganz sanft schläfst du, liegst hier, neben mir. [14]

Hauptbahnhof. 07122010

Ganz sanft schläfst du, liegst hier, neben mir. Ich kann nicht schlafen, so sehr ich es auch versuche. Kann nicht aufhören nachzudenken, und fühle die Wärme deines Bauches, und wie er sich hebt und senkt, wenn du atmest. Keinen Zentimeter gibt es zwischen uns und diese Stille hier wird nur selten durchbrochen von vorbeifahrenden Zügen und quietschenden Reifen zu schnell gefahrener Autos. Kann nicht einschlafen und liege hier neben dir, ganz nah.

Ich habe nicht geglaubt, dass das passiert, nicht erwartet, dass wir uns an diesem Abend so wunderbar verstehen würden und du irgendwann einmal, etwas betrunken, deinen Kopf auf meine Schulter gelegt hast. Und wir haben geredet, hatten Spaß, fühlten uns frei alles zu tun, was in unserer Macht stand. Stießen an auf ich weiß nicht was, und waren inmitten von Menschen, die uns im Laufe der vergangenen paar Monate und Jahre so wichtig geworden waren.

Und dann dein zärtliches Hauchen, die Bitte, doch bei mir schlafen zu können. Als ich verzweifelt den Haustürschlüssel suchte, kaum ins Schloss fand, und wir irgendwann einmal im Bett lagen. Und unsere Blicke auf die Decke gerichtet, noch so wundervolle Gespräche ermöglichten. Und uns immer wieder mal ansehen, fast neckisch, so neugierig. Und wie du dann, meine Hand um deine Taille liegend, schließlich eingeschlafen bist.

Ich kann nicht schlafen, so sehr ich es auch versuche. Möchte diesen Moment noch viel genauer spüren, möchte Herr über dieses Gefühl sein, möchte jede einzelne Portion dieser Minuten auskosten. Möchte nie wieder weg hier, möchte liegen bleiben, für immer. Da, für einen kurzen Moment wachst du auf, und deine Hand wandert ganz langsam zu der meinen, legt sich darauf, bis du schließlich wieder einschläfst.

Der Morgen beginnt schon sich weiter auszubreiten, und ich, etwas zitternd, liege hier neben dir und warte. Warte, dass ich endlich einschlafen kann oder warte, dass du wieder aufwachst. Es ist ein außergewöhnliches Gefühl, hier, neben dir, neben diesem zarten Wesen zu liegen und zu wissen, dass da irgendetwas ist, was uns verbindet. Lege meinen Kopf an deinen Nacken, atme ein und atme aus. Genau so soll es sein, für immer. Wir beide, hier.

Liebeslied.

Es muss dieser eine Traum gewesen sein. Als ich kurz davor, der Timer meines Fernsehers zeigte mir 4.35 Uhr an, nach anfänglicher bösartiger Schlaflosigkeit endlich den Weg in Richtung Traumwelt beschreiten durfte. Seit damals, als vor drei oder vier Tagen aufwachte, habe ich dieses Lied in meinem Kopf.

Ich hörte es, als ich ganz nah an dieser beinahe unbekannten jungen Frau stand. Mit ihr tanzte, so wie man es von Abschlussbällen einer typisch amerikanischen High School-Serie gewohnt war. Ganz nah. Und nur dieses Lied. Diese Frau und ich. Gemeinsam auf diesem Tanzparkett. Meine Hände an ihrer Hüfte, ihre Arme um meinen Hals gelegt.

Vielleicht schleicht sich dieses Lied immer wieder in mein Kopf, weil ich in diesem Traum zum ersten Mal wieder so etwas wie Liebe in mir spürte. Kein sanftes Verliebtsein, sondern die brutale und beinahe schon ungewohnte Liebe. Es fühlte sich so wunderschön an, so einzigartig, so herzerwärmend an. Fast beinahe schon so, als könnte ich mich wieder daran gewöhnen.

Und ich hoffe, es geht dir gut.

Weißt du, manchmal denke ich noch darüber nach, wie es wäre, wenn wir es geschafft hätten. Wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Er war mir wichtig und ging mir monatelang nicht aus meinem Kopf. Und doch habe gerade ich die Verwirklichung eben dieses meinen Wunsches torpetiert. Mit jeder dummen Nachricht, die ich dir in diesen Social Communities geschickt habe. Mit jeder melanchotraurigen SMS, welche ich dir nächtens, um zwei oder drei in beinahe brennender Schlaflosigkeit gesendet habe. Mit all diesen Gedanken und den Gefühlen, denen ich viel zu lange viel zu viel Platz eingeräumt habe in meinem Leben. Ja, selbst heute denke ich noch manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn das Danach irgendwie anders verlaufen wäre. Wenn ich weniger Kind und dafür mehr Mensch gewesen wäre. 

Ich habe im Versuch, aus Liebe Freundschaft zu machen, vielleicht sogar aufgehört zu leben. Rein geistig. Ich schritt zwar körperlich weiter voran, und wechselte geografisch sogar meinen Wohnort. Aber im Gedanken blieb ich bei dir und hoffte manchmal auf eine mögliche noch aufkeimende Freundschaft, und leider viel zu oft auch noch auf möglicherweise noch nicht erloschene Liebesgefühle. 

Ich weiß nicht, ob ich dir zurecht nachgetrauert habe. Ob meine Stalking-Auswüchse gesunder Natur waren. Ich weiß einfach nur, dass die Zeit mit dir eine wundervolle und – trotz allem – erinnerungswürdige (und wahrscheinlich auch eine exquisit schöne) Zeit war. Ich hätte mit unserer Vergangenheit nicht spielen, mit meinen Gefühlen nicht jonglieren und mit meinen Worten nicht noch weiter Öl ins Feuer gießen sollen.

Ob ich nun für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass es nicht möglich ist. Dass man nicht von einen Tag auf den anderen von Liebe auf Freundschaft umswitchen kann. Ich würde es auch gar nicht. Aus Liebe kann Freundschaft werden. Zwar bedeutet es viel (wirkliche) Arbeit und einen schönen Batzen Zeit. Aber es funktioniert. Ich weiß nicht, ob du es denn jemals versucht hast. Aber ich weiß zumindest, dass die wohl größte Schuld hier bei mir liegt.

Ich weiß. Du hasstest meinen Blog, du hasst ihn möglicherweise immer noch, aber du wirst ihn wahrscheinlich nicht mehr lesen. Ich verstehe dich. Warst du doch mehr als ein Jahr lang Vorlage für rund 90 Prozent meiner Texte über Liebe. Selbst ich würde mich im Nachhinein für all dies hassen, wäre ich denn in einem Zustand wie jetzt zu so etwas im Stande.

Mein Leben hat sich verändert. Von einem Moment auf den anderen. Es geschah. Irgendwann Anfang des Jahres. Völlig unscheinbar und anfangs nur spärlich bemerkbar veränderte ich meine Sicht der Dinge. Ich bin viel gesonnener, viel ruhiger. Und ja, erst seit diesem Datum, beinahe zwei Jahre nach unserer Trennung, kann ich mich mit einem Lächeln an unsere Zeit zurückerinnern. Erst seit diesen Tagen bin ich über dich hinweg. Vielleicht freut es dich, das zu hören.

Ich finde es traurig, dass es so lange hat dauern müssen. Dass so viel passsieren musste. Am Liebsten würde ich mich hiermit mit einem Schlag für alles entschuldigen. Aber dazu müsste ich mir selbst erst einmal verzeihen. Ja, hörst du es. Ich bin unfähig, mich selbst zu hassen. Aber ebenso unfähig, mir selbst zu verzeihen. Eine dieser Ungereimtheiten in meinem Leben, die dich damals oft den Kopf schütteln ließen. 

Ob ich denn jetzt noch Interesse an einer Freundschaft habe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Womöglich, weil es mir auch jetzt gerade so überhaupt nicht in mein Leben passt. 

Seit einigen Monaten (und eben seit diesen ominösen Tagen zu Jahresbeginn) schwebe ich auf einer Welle. Bin mit mir selbst zufrieden, glaube an meine Träume, tauche in Optimismus, und fröhne dem Genuss. Nichts kann mich unterkriegen (selbst einige Selbstversuche zeigten glücklicherweise keine veränderte Wirkung). Man könnte einfach sagen: ich lebe. Womöglich zum ersten Mal seit ungefähr zwei Jahren. 

Es freut mich.  
Und ich hoffe, es geht dir gut.

All Alright.

Es ist schon die zweite Nacht, in der ich nicht einschlafen kann. Obwohl ein anstrengender und zeitraubender Tag voranging. Und so liege ich hier im Bett. Es wird beinahe schon drei Uhr. Morgen soll ich früh raus, ein Projekt abschließen, packen und rechtzeitig wieder nach Wien fahren. Weil ein ganz spezielles Highlight auf mich zu warten scheint. Mein Konzert, nach mehr als einem Jahr Ruhe mein großes Comeback als Statist in einem schwitzenden und schunkelnden Publikums. Und dann es ist auch noch Pete Murray, ein wundervoller australischer Gitarrenpop-Sänger. 

Die zweite Nacht also. Von Freitag auf Samstag. Und von heute auf morgen. Oder von gestern auf heute. Wie man es gerne sehen möchte. Am Freitag war ich mir ja noch bewusst, warum ich die Augen nicht lange wirksam zudrücken konnte. Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich bekam einfach keinen klaren Kopf hin, alles wurde mit allem verbunden, ich dachte an den Tod und was wäre wenn. Und kam einfach nicht zur Ruhe. Bis ich irgendwann, ebenfalls einige Zeit nach Mitternacht endlich die Möglichkeit hatte – in einem kurzen Moment Gedankenpause – die Augen ganz fest zuzudrücken und so dem Schlaf die Vorfahrt gewährte.

Heute Gestern bin ich verkatert und nach ebenso wenig Schlaf aufgewacht und habe sogleich mit der Arbeit an einem Projekt, welches morgen heute fertig sein muss. Es ist nicht mehr viel zu tun, eigentlich handelt es sich nur um die Aufgabe, Texte in ein vorgefertigtes Layout einzufügen und druckbereit zu machen. Aber es ist nicht immer so alles, wie es sich vielleicht anfänglich anhört. Vor allem, wenn man mit einem veralteten und komplizierten Programm arbeitet. Aber egal. Mit meinem Kater saß ich so stundenlang vor dem Computer und probierte und arbeitete. Ich könnte eigentlich müde sein. Aber.

Die Augen wollen eigentlich schon. Doch irgendwie habe ich wieder Angst vor meinen Gedanken. Sie würden mich heute erdrücken. Ich hasse es, wenn sie erst so spät (und in geballter Ladung) kommen. Entschuldigung, hallo? Ihr hattet doch den ganzen Tag Zeit, um auf mich einzuprasseln. Aber Gedanken sind scheinbar Nerds. Sehr nachtaktiv.

Und mit Sigur Rós in der Playlist, ein bisschen með suð í eyrum við spilum endalaust und plötzlich auch noch das Lied All Alright völlig jungfräulich in meinen Gehörgängen. Wundervoll. Dazu fällt mir jetzt nur The Killers ‚Everything will be alright‘ ein. Ja. Hoffen wir es. Denn zurzeit fühle ich mich gerade wieder an dem Punkt, wie wirklich gar nichts zu nothing passt. Alles komisch und schräg und alles kaputt was irgendwann einmal auch noch funktionierte. Es nervt gerade. Alles, ehrlich. Die Welt ist doof und mit ihr alle Menschen. Und Houellebecq hat also doch Recht. (Und obwohl er zu meinen Lieblingsautoren zählt, stimme ich nur selten mit ihm überein; außer eben, ich fühle mich so wie eben gerade). Und nach dieser einen Zigarette, welche ich gleich im Anschluss rauchen werde, versuche ich es noch einmal. Ein letztes Mal. Die Augen ganz fest zuzudrücken um auf einen besseren Tag zu hoffen. Manchmal funktioniert das. Wirklich.

Foto von kevindooley

What tomorrow.

„Kannst du nicht schlafen?“ – „Nn.“ Müde antwortet er in seinen Polster hinein, jeden Konsonanten einzeln und teilnahmslos betonend. Der neue Tag liegt in seinen ersten Morgenstunden und aus den Boxen erklingen unbekannte Laute einer französischen Chanson-Sängerin. Der zweite Tag schon, voll mit leeren und überflüssigen Stunden, in diesem Bett, in dieser Dunkelheit. Er hasst solche Tage. Solche Momente. Vollkommen auf sich allein gestellt, zu dieser heillosen Zeit. 

Die verwünschenswertesten Stunden des ganzen Tages. Die gesamte Welt schläft, nur manche versuchen mit Kreuzworträtsel den schwer erreichbaren Schlaf zu finden, oder mit Fernsehen, und irgendwo üben sicher noch ein paar Menschen gerade Beischlaf aus. Es gibt wahrscheinlich keine Minute, in welcher nicht Hunderte oder Tausende Menschen gerade Sex haben. Aber darüber möchte er sich jetzt keine Gedanken machen. Er möchte schlafen.

Gedanken verfolgen ihn. Gespräche mit seiner besten Freundin. Oder Träume. Wunschträume, Tagträume, Erinnerungen, Hoffnungen. Gerade in solchen Stunden kommen sie einem unter. Bohren sich tief in das Gehirn, geben kaum Zeit, die Augen lange genug geschlossen zu halten, um den Schlaf auf irgendeine Art und Weise zu erzwingen. Er könne noch spazieren gehen, meint er, aber sogleich lässt er auch diesen Gedanken fallen. Es ist beinahe ein Uhr dreißig. Irgendwann bekommt jede Dunkelheit ihr furchteregendes Antlitz. Er könnte nur wenige Meter gehen, um dann aufgeregt, mit laut pochendem Herzen ins Bett zurückzukehren. Und es regnet. Es hat keinen Sinn wenn es regnet.

Und so lauscht er weiter der Musik. Isländischer Pop ist es nun. Es zieht dahin, die ganze Nacht verliert an Macht, wenn sie so zwanghaft versucht, ihn wach zu halten. Es hat keinen Sinn. „Kannst nicht schlafen, wie?“ – „Nn.“ Der Polster ermöglicht die wiederholte Dämpfung des Gesprochenen. Nein, er kann nicht schlafen. Aber es gibt doch nur eine Möglichkeit, um all das zu überwinden.

Und langsam schließt er die Augen. Irgendwann wird er schon kommen. Irgendwann. Früher oder später.

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