5 Jahre Neon|Wilderness. [Ein Jubiläum]

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann es denn wirklich los ging. Und wie ich überhaupt auf die Idee kam, so etwas zu starten. Aber mit Dezember 2010 wird mein wohl tiefster Fußabdruck im Internet 5 Jahre alt.

Ist es Zeit mir zu gratulieren? Wofür denn? Ich will hier nicht eine tolle Selbstbeweihräucherung starten. Jetzt will ich erstmal ganz grundsätzlich erklären, warum ich den ganzen Scheiß hier immer noch mache. Was mir dazu verhalf, in meinem Blog eine ganz wichtige Anlaufstelle entstehen zu lassen.

Fortsetzung folgt. 08122010

Das Warum und andere Geschichten.

In Wahrheit kenne ich den Grund nicht mehr wirklich, warum das alles begann. Aber es hat mir von Beginn an Spaß gemacht. Und wie man hier sogar noch nachlesen kann, waren die Einträge meist sogar noch trivialer als sie es heute sind. Kommentare aus meinem Leben, die wohl nur die interessieren (wenn überhaupt), die mich kennen. Das war mein Beginn, damals noch bei Blogger.com. Und warum ich schließlich zu WordPress.com wechselte, weiß ich auch nicht mehr. [Schön langsam glaube ich, diese Geschichte hat wohl keinen sehr großen Nachrichtenwert.] Aber damit begann im Grunde das, worauf auch heute noch dieser Blog aufbaut: Privates, Empfehlungen und literarische Versuche. Und auch wenn „Vom Verlieren und Wiederfinden der Liebe“ das erste halb-literarische Werk von mir ist, liebe ich den Text immer noch. Die verkehrte Erzählweise wurde erst 2010 ein weiteres Mal versucht. Wunderbar.

Ich kann mich noch an den Beitrag von Luca erinnern, als er seine Beweggründe und seine Musen nannte: ich habe so etwas nicht. Ich begann Blogs erst zu lesen, als ich selbst einen schrieb. Aber erst Roman Held war, wie schon einmal erwähnt, eine Inspiration, mich vom rein-trivial-langweiligen Lebensblog etwas abzuwenden, um auch etwas Literatur einzubauen. Und ich denke, das hat dem Blog ganz sicher gut getan.

Und dann schrieb ich vor mich hin und schrieb mehr und wurde häufiger gelesen und kommentierte auf anderen Blogs, und andere kommentierten bei mir. Das Typische eintauchen in die Materie. Es fühlte sich gut an. Die Leute lobten meinen Schreibstil (schon damals), und diese Kommentare waren immer mehr Aufforderung für mich, hier damit weiterzutun. Nicht einfach aufzuhören, wegen „Stammlesern“ und so.

Volle Distanz. 16112009

Meine kleinen feinen Erfolge.

Es klingt wohl reichlich pathetisch, wenn ich behaupte, dass Bloggen mein Leben und mich verändert hat. Wahrscheinlich hat es das auch nicht, aber bei einem hat es mir geholfen. Nach der (mehr oder weniger) überraschenden Trennung im Frühjahr 2007, dem Tod meines Neffen im Herbst desselben Jahres, bei der Begräbnisserie im Sommer 2009. Dieser Blog war immer Anlaufstelle für etwas, worüber ich zu reden nicht im Stande war. Dieser Blog wurde sozusagen ein Sprachrohr für mich, ich konnte meine Gedanken, meine Gefühle ausdrücken, ohne auf Widerstand zu stoßen. Und ich bekam Feedback. Helfende Worte, berührendes Lob. Und wie ich so im Jahresrückblick 2009 las, fällt mir auf, dass ich seit diesem Jahr bei meiner Schreiberei ganz offen von „Kunst“ spreche. Und aus „Minimal Literarisches“ wurde ganz einfach „Literarisches“. Das ist schon gut so. Und nein, ich nehme mich dabei nicht zu Ernst.

Denn wenn Menschen sich in meinen Texten wiederfinden, ich sie zu Tränen rühre, wenn sie durch mich vielleicht auch manchmal neuen Lebensmut oder zumindest frische Denkanstöße erhalten. Wenn meine Worte treffen, ich Menschen sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringe. Wenn ich Literarisches so lebendig und nah erzähle, dass ich oft versichern muss, hier nichts Autobiografisches geschrieben zu haben. Wenn mir von Menschen aller Altersgruppen hier im Internet und auch bei persönlichen Gesprächen Anerkennung für meine Kunst, mit den Worten umzugehen, entgegengebracht wird. Dann … ja dann nenne ich es ganz einfach Kunst.

Aber was sind meine messbaren Erfolge? NEON hat einmal in einer Coverstory zum Thema „Ewiger Geschwisterstreit“ einen meiner Texte, den ich auch auf NEON.de veröffentlicht habe, als einer der drei besten Texte zu diesem Thema ausgewählt und einen kleinen Hinweis abgedruckt. Durch einen anderen Text wurde ich Teil einer durch Deutschland reisenden Ausstellung zum Thema „Vom Tagebuch zum Weblog“. Ich. Provinzmensch auf neuen Wegen. Ich tauche plötzlich in Berlin, Nürnberg und Frankfurt auf. Das hat schon was.

Frühstück. 16112010

Warum das Ende keine Möglichkeit ist.

Es gibt immer wieder Menschen, die sich ganz bewusst aus dem Internet zurückziehen. Ihre Blogs löschen und damit einen großen Haufen Kunst und Erinnerungen einfach aus dem Internet eliminieren. Blogs zu löschen ist wie Digitalfotos von der Karte zu eliminieren. Erinnerungen auf Knopfdruck gelöscht. Wahrscheinlich behalten die Menschen zwar ein Backup des Blogs irgendwo auf der Festplatte, um es womöglich mal ihren Kindern zu zeigen. Aber für mich ist das Ganze kein Thema.

Bis vor kurzem dachte ich: ich kann hier sagen, kann hier sein, wer ich will. Die meisten Leser hier kennen mich nicht, oder wenn nur sehr spärlich oder durch andere Social-Media-Dienste wie Twitter oder so. Niemand, mit dem ich öfter zu tun habe, sieht hier vorbei (fragt mich nicht wieso). Aber plötzlich lesen auch einige Studienkollegen hier mit, oder Arbeitgeber. Ist das jetzt etwa das Ende?

Nein. Denn immer noch bestimme ich, was ich hier schreibe. Und ich weiß schon, wann genug ist, und was jetzt so raus darf oder nicht. Dadurch, dass ich meine halbwegs anonyme Phase schon vor einiger Zeit aufgab, meine privaten Texte aber eher zunahmen, habe ich einen ganz besonderen Weg gewählt. Ich stelle mich in den Mittelpunkt dieses Blogs. Ein Problem? Für mich zumindest nicht.

Und deshalb gilt das, was ihr auf diesem Bild oben seht: Fortsetzung folgt. Mir fällt bis jetzt kein triftiger Grund ein, hier irgendeinmal Schluss zu machen. Wahrscheinlich kommen mir solche Gedanken zwar später mal unter, aber seid euch gewiss: Ich habe so viel Herzblut, so viel Arbeit, so viel Fürsorge in dieses kleine Ding Kunst gesteckt, dass ich es nicht wagen könnte, es zu löschen. Neon|Wilderness ist vielleicht etwas für die, von mir so verhasste, Ewigkeit. Zumindest für die eine, die meine Ewigkeit.

Ein Dankeschön.

Ich möchte mich hiermit für all das Lob, welches ich hier im Blog, auf Facebook oder auch im „Real Life“ für meinen Schreibstil erhalten habe, von ganzem Herzen bedanken. Ihr seid ein Grund, warum ich mich immer wieder vor dem Computer setze, und auf eine Eingebung hoffe. Ihr helft mir manchmal mit euren Kommentaren über schwere Zeiten, schenkt mir Denkanstöße. Wegen euch schreibe ich all das hier. Vielen Dank!

[Und wegen meinem nicht zu unterschätzenden Selbstpublikationszwang natürlich.]

Eintauchen.

Das kalte Wasser legt sich um seine Haut.
Er spürt den Schmerz.
Und folgt ihm.
Hinein in das eiskalte Nass.
Eintauchen.

Wahrscheinlich muss ich meist hineingestoßen werden. So wundervoll einfach ich selbst gerne in unbekannte Gewässer springe, so scheint die Metapher nur unter Mithilfe eines anderen Menschen zu funktionieren. Ein Stoß reicht meist aus, und ich gelange an den Punkt, an dem sich keine Rückkehr mehr auszahlt.

Dann heißt es: nach vorne sehen. Nicht in der Vergangenheit schwelgen. Sich den neuen Aufgaben stellen. Und immer und immer (und noch so viele verdammte Male) über den eigenen Schatten springen. Selbst wenn die Glieder nach jedem Sprung schmerzen. Sie bringen einen nach vorne. Weiter. Weiter hinauf auf den Berg, den man zu besteigen zuvor nicht bereit war.

Das wahre Leben beginnt wahrscheinlich erst, wenn man bereit ist, sich hinzugeben. Und einzutauchen.

Bild von bourdrez

Revolution.

Manchmal wünschte ich mir, in eine andere Welt eintauchen zu können. Und ich würde dich mitziehen, wir würden fliehen. Vor dieser Welt und all dem Schrecklichen, all dem Unvorhersehbaren und all dem Offensichtlichen. Wir würden verschwinden, aus Angst.

Diese Welt erdrückt einen manchmal. Ist man nur ein kleines bisschen politisch interessiert, könnte man beinahe ununterbrochen kotzen, und das allein aufgrund des ewiggestrigen Abschaums, der immer noch durch unsere Straßen zieht und all die Parolen von vor 60 Jahren brüllen kann. Ohne wahrscheinlich überhaupt irgendetwas von dieser Zeit zu wissen. Oder wir werden erdrückt von unserer eigenen Generation. Die Generation Krise kommt nicht zurecht ohne irgendeinem Wirtschaftseinbruch, einer Pandemie oder was auch immer. Es muss immer was los sein, weil immer was los ist. Und wäre die Welt auch einfach nur angenehm und lebenswert, wäre sie doch nicht mehr gut genug.

Wir würden entfliehen und uns unser ganz kleines, eigenes Leben aufbauen. Abgeschotet von dieser Welt, die so viel Grausames beinhaltet. So viel Schmutz und auch so viel Lärm. Wir würden es uns still machen, wir hätten alle Zeit der Welt. Unserer Welt. Wir würden ein neues Leben, jenseits von dieser Welt beginnen.

Und müssten uns nicht aufhalten, mit all den Verpflichtungen, die uns Tag für Tag verfolgen. Wären sorgenfrei und atemlos. Könnten stundenlang durch frische grüne Wiesen laufen und uns fallen lassen. Müssten nicht nachdenken über die Welt und über uns, wir wären zu zweit und hätten doch keine Sorge um uns, da nichts uns passieren kann.

Träumst du nicht manchmal auch davon?
Einfach nur weg?

Bild

Als ich noch nicht wusste, was Liebe ist, wurde ich mit Gesteinsbrocken überschüttet und jetzt, wo ich mir vielleicht schon zumindest  im Ansatz der Komplexität dieser einen Sache halbwegs bewusst bin, wäre ich um jeden Kieselstein dankbar.

[…]

Manche Menschen glauben wirklich, die ganze Sache wäre gegessen, wenn sie ihrem Gegenüber ihre mit unzähligen Bakterien belegte Zunge  in dessen Mundhöhle hineinrammen. 

[…]

Frühlingsgefühle nerven. Hat man eine beschissene Zeit und wird mit ihnen konfrontiert, ist man hilflos und überfordert. Durchlebt man eine tolle Zeit, so wie ich jetzt, kommen sie dann wieder gar nicht. Oder melden sich bei mir nur unter falschem Namen.

[…]

Manchmal möchte ich auch einfach nur mal geküsst werden. Es muss auch niemandem etwas bedeuten. Ich habe nur etwas Angst, dass meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet irgendwann einmal verkümmern werden. 

[…]

In einem meiner vorangegangenen Texte habe ich gelogen. Sex ist kein notwendiges Übel sondern wunderschön. Und mitunter auch richtig lustig.

[…]

Mit jedem Jahr, das man älter wird, schwindet auch die Unbeschwertheit. Seit dem 16. Lebensjahr gehts abwärts. Das wären also schon 5 Jahre Abwärtstrend. Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach mal keine Verpflichtungen habe, und keine Gedanken verschwende. Das würde wohl so einiges erleichtern.

[…]

Ich weiß: Das gibt einen Pluspunkt. Nur weil ich, wenn ich von Frauen angemacht werde (und ja, das kommt schließlich auch so manches Mal vor), sie meistens vollkommen betrunken und ich viel zu nüchtern bin, um ihren Freund, von dem sie mir im nüchternen Zustand schon so oft erzählt hat, oder meinen guten Geschmack nicht zu vergessen. Und doch sollte es mich nachdenklich stimmen, dass die Frauen zumeist eben vollkommen betrunken sind.

[…]

Und wenn es wieder so weit sein soll, würde ich wahrscheinlich von Endorphinen erschlagen werden. Und unter den Trümmern, mit all den Schmetterlingen, die sich in meinen Bauch gebohrt haben, und all der Heftigkeit des Erlebten, werde ich wohl wieder einmal nur lächeln. Und tagträumen. Und reden. Mit allem und jeden über die Genialität meines Lebens.

[…]

Und. Ich bin mir sicher: Es wird nicht mehr lange dauern. Aus rein optimistischen Sichtpunkten.

[Ein paar, zum Teil unzusammenhängende, Gedanken zum Thema Liebe]

An den Sonnenstrahl klammernd.

Es knarzt etwas, als  er auf das immer noch feuchte Holz steigt. Und beinahe glaubt er sogar, dass er bei jedem seiner folgenden Schritte von der Morschigkeit der alten Bretter überlistet und er schließlich einbrechen würde. Am Ende des vom Regen des Vortages noch durchtränkten Steges lässt er sich nieder. Es ist ruhig hier.

Die Gegend ist eingetaucht in dieses dichte Feld aus undurchsichtigem Nebel, welches sich nun schon tagelang über dem See zu halten versucht. Was ist aber auch die Seele gerade eben wieder kaputt. In der selbstgewünschten Einsamkeit hier fühlt er sich eben einsam. Und entgegen seiner Erwartung nagt dieser Prozess des Nachdenkens, in welchen er sich immer tiefer hineinzudrängen bereit war, an seiner Fassung.

Manchmal drängen sich Gedanken in seinen Kopf. Dass die Liebe womöglich doch alles ein klein bisschen einfacher machen würde. Dass das Leben vielleicht nur oberflächlich so großartig ist, und er nur aufgrund der ausgeschütteten Endorphine auf dieser Welle weiterwandeln möchte. Wer kann es ihm denn überhaupt verübeln. Dass er einfach mal aufhören sollte, nachzudenken.

Und während die Sonne sich immer weiter durchkommt und der kalte Wind ein kleines bisschen abflaut. Und während die Stimme in seinem Kopf immer lauter zu pochen beginnt, lehnt er sich zurück und legt sich auf den immer noch ungetrockneten Steg. Und irgendwie erinnert ihn all das hier an die bittersüße Symphonie. 

„cause it’s a bittersweet symphony, this life …“

Plötzlich durchbricht ein Sonnenstrahl die Nebelwand und trifft lautlos auf dem See auf. Einfach nur festhalten. Er muss sich nur festhalten an diesem Strahl, muss sich an ihn klammern. Um in nächster Zeit womöglich auch einfach nur mal wieder die ganze Sonne erleben zu können.

Foto von ok23|flickr

Urbanes Gedankengut. [Ein Spaziergang]

„In wenigen Minuten erreichen wir den Zugendbahnhof: Wir bedanken uns bei ihnen und hoffen, dass sie …“

Die Ohrstöpsel verschwinden unter den Haaren, und ich nehme meine Tasche und sehe dieser monotonen Masse zu, die mit aller Macht versucht, so schnell wie möglich den Zug zu verlassen. Bis sich bei beiden Ausstiegen je eine Schlange gebildet hat, und sie sich ungefähr in der Mitte des Waggons treffen (was natürlich für die Fahrgäste in diesen Reihen unpassend ist, denn zwei Möglichkeiten erleichtern die Entscheidung definitiv nicht), lege ich meinen Kopf gegen die Scheibe des Zuges. Es ist dunkel, Nacht. Ungefähr zweiundzwanzig Uhr. Woran man merkt, dass man wieder in Wien ist? Es sind die Lichter. Die Lichter, die selbst in der Nacht die Stadt nicht schlafen lassen. Der Zug kommt zum Stillstand und schön langsam lichten sich auch wieder die Gänge. Und schon auf dem Weg aus dem Zug krame ich in meiner Hosentasche nach der zerknüllten Packung Zigaretten.

Das erste kleine Plätzchen, auf welchem man an diesem Bahnhof rauchen darf, wird für die kommenden fünf Minuten mein Lebensraum. Ich denke nach. Über die Dunkelheit hier, und über mich selbst. Eigentlich ist es ja bemerkenswert, wie viel man an einem Tag nachdenkt. Ich kann ungefähr dreißig Leute aufzählen, an die ich täglich zumindest ein einziges Mal denke. Und bei einem Großteil von diesen Menschen belasse ich es nicht bei einem einzelnen Gedanken. Meine Gedankenwelt ist groß.

Manchmal denke ich auch über die Liebe nach. Wie schön es war, damals. Und ja, verdammt. Es war eine wundervolle Zeit. Und wie lange seit damals, seit ungefähr zwei Jahren so vieles in Sachen Liebe einfach falsch gelaufen ist. Denn Liebe ist nämlich gemein. Ganz bösartig gemein.

Die Zigarette nähert sich schon dem Ende. Irgendwie habe ich heute keine Lust, mit U-Bahn (und vermischtem Schweißduft) ins Studentenheim zu fahren. Und da mir ja Bewegung mehr als gut tut, mache ich mich per pedes auf den Weg zu meinen geliebten fünfzehn oder zwanzig Quadratmetern, die ich mir mit einem unsozialen Nerd teilen muss. Die Luft heizt selbst jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, noch beachtlich, es dürfte so um die fünfzehn Grad haben. Doch es riecht nach Regen. Ein bemerkenswerter Duft übrigens.

Wo waren wir? Ach ja, die Liebe. Ist es denn nicht lächerlich, wie viele Gedanken man an sie verliert? Aber die Liebe hat eben diese Macht, dass sie einen nicht mehr loslässt. Einmal Blut geleckt, kann man nicht aufhören an sie und das Schöne daran zu denken und sich mit manch zerstörerischen Fragen beinahe selbst zu verletzen. Die Liebe ist, und das muss jeder wohl zugeben, wundervoll. Aber wie auch beim Menschen selbst darf man nie und niemalsnimmer von perfekter Liebe sprechen. Nichts ist perfekt und gerade dieses Unperfekte macht es so real. 

Ich weiß noch, wie es damals war (und wie könnte ich auch jemals vergessen): Das Tagträumen, und das Dauerlächeln, dieses mulmige Gefühl kurz vor unserem ersten Kuss. Dieses einzigartige Gefühl nebeneinander einzuschlafen. Genau nach solchen Dingen sehnt man sich, wenn man sie nur ein einziges Mal erlebt hat. Doch die Liebe spielt so oft einfach nicht mit bei der Suche nach ihr selbst. So wird man selbst geliebt und sucht verzweifelt nach Gefühlen für die andere Person. Denn man möchte nicht enttäuschen und muss es dann eben doch tun. Oder man verliert sich schon wieder in einer Traumwelt und gerät in Gefahr wieder in ihr zu versinken.

Dass es manchen Menschen auch einfach nur um Küssen und Sex geht, finde ich zu einem großen Teil relativ abartig. Liebe beginnt für mich z.B. wenn ich von einem gestressten Tag nach Hause komme, und ich von der Liebsten in ihren Armen, in ihrer Umarmung aufgefangen werde. Wenn ich mit ihr redeen kann und wir bei gemeinsamen Spaziergängen in der späten Nacht einfach mal stehenbleiben um uns den Sternenhimmel anzusehen. Das ist für mich Liebe. Wenn sich jemand um einen sorgt und am liebsten mitweinen möchte, wenn es einem selbst nach Weinen zumute ist. Und ja, man möge hier Recht haben, wenn man meint, dass Freundschaft doch genauso aussieht. Dafür gibt es eben dann Küssen und Sex um sich ein bisschen von der Freundschaft abzusondern. Man könnte sagen, als notwendiges Übel. (Aber natürlich als schönes notwendiges Übel).

Während meines Weges durch die leuchtende Dunkelheit (es stimmt wohl, diesen Teil der Urbanität werde ich wohl nie toll finden), kommt es zu einer weiteren Kollision einer Zigarette mit meinem Mund. Ich bleibe stehen, krame nach einem Feuerzeug und beginne sogleich auch schon wieder routinemäßig zu inhalieren.

Auf die Liebe soll man nicht warten, heißt es. Man soll nicht nach ihr suchen, sagt man. Sie wird einfach geschehen. Und ich bin bereit, auf all das zu warten, bis die Suche ein Ende hat. Es geht mir auch gut, so ohne Liebe. Ich, im Inbegriff, seit Jahren endlich wieder einmal mein Leben in vollsten Zügen zu genießen, kann auf die besten Freunde, auf die großartigste Familie bauen. Aber trotzdem wird es mir nicht gelingen, nicht an sie zu denken. Die Liebe.

Oh, ich bin in die falsche Querstraße eingebogen. Etwas verloren blicke ich mich um und erkenne einfach rein gar nichts wieder. Also zurück zu dieser Kreuzung, die mich falsch hat abbiegen lassen. Von hier aus dürfte es ja nicht mehr allzu weit sein. Aber eines sage ich mir. Ich habe ehrliche Angst davor, dass, sollte es irgendwann wieder zu gegenseitiger Liebe kommen, ich zu feige und zu unsicher sein, um mich darauf einzulassen. Wie auch bei all dem, was jetzt gerade hier abläuft gilt: Man muss sich einfach nur trauen. Muss Mut oder manchmal auch das viel schönere Wort Courage zeigen. Und manchmal muss man womöglich über den eigenen Schatten springen. Und selbst den ersten Schritt wagen. Sturzgefahr natürlich inklusive.

Die erste Tür öffnet sich und ich betrete den Eingangsbereich des Studentenheims. Den Weg in den ersten Stock kenne ich nun schon auswendig und deshalb verzichte ich auch auf diese grelle Lichtshow, welche ich durch den Schalter ausgelöst hätte. Die Zimmertür ist verschlossen und nachdem ich dem Schlüssel zu seinem abschließenden Einsatz verholfen habe, werfe ich die Tasche auf den Boden und lege mich ins Bett. Genug gedacht für heute.

Wobei …

Foto von flickr, unter Creative Commons Lizenz. 
Auch auf jetzt.de und Ci-Jou.

Temporary Remedy.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

Als ich am nächsten Tag aufwache, ist die Welt noch genau so, wie ich sie gestern verlassen hatte. Ich hatte es über Nacht nicht vergessen und so ist mein erster Gedanke an diesem Tag ident mit dem letzten Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Das kann es ja wohl nicht sein. 

Ich marschiere hinauf, ins Wohnzimmer, wo meine  Schwester und meine Mutter gestern Nacht, leer von jeglicher Energie, und wahrscheinlich auch von jeglichem Lebenswunsch, eingeschlafen waren. Die Decken sind noch nicht weggeräumt und irgendwie wirkt dieses Haus hier noch ruhiger, als es üblicherweise sowieso schon ist. Eine Zigarette am Morgen, auf der Terasse. Und den Kopf voller Gedanken. Ich könne ja nach München fahren und Papa vom Flughafen abholen. Ich muss meinen Text noch abändern und umschreiben und verbessern, wenn ich ihn den wirklich am Begräbnis vortragen möchte, so wie es sich meine Schwester gewünscht hat. Ich. Ach, man sollte mich doch einfach nur vorschicken, für alles und jeden. Ich möchte all das organisieren, möchte. Möchte.

Meine Mutter kommt ebenfalls auf die Terasse. Es folgt eine Umarmung. Sie nimmt sich eine Zigarette und beginnt zu erzählen. Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen. [1]

Es vergeht einige Zeit, und Gerhard, unser Pfarrassistent  erscheint auch an diesem Tag wieder. Spricht mit uns. Lässt uns schweigen. Wir beide, er und ich, beginnen, über das Begräbnis zu sprechen. Ich erkläre, dass ich so gut es geht, vieles übernehmen möchte. Die Fürbitten, meinen Text, die Musik. Gegen Mittag ist es dann soweit. Mein Vater kommt mit dem Zug in Attnang-Puchheim an. Er hat seit der Nachricht gestern Nachmittag nichts geschlafen, kämpft mit Jetlag und allem drum herum. Als er aus dem Zug aussteigt erblickt er mich, dann meine Mutter, seine Frau. Und zum ersten Mal, ja. Ich glaube zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, weint mein Papa. Er, der starke Mann, der Retter aus jeder Scheißlage, er, der auf alles eine Antwort weiß, steht jetzt einfach nur da, umarmt mich, ist ratlos und zutiefst schwach. In meinem Kopf beginnen die Gehirnwindungen wieder zu rattern.

‚Verdammt. Gerade auf dich hatte ich gehofft. Du bist doch normalerweise der starke Mann. Wir hätten uns die Verantwortung, die jetzt auf mir alleine ruht, teilen können. Wir hätten gemeinsam da sein können. Aber nein. Verdammt. Du bist schwach, du heulst, du.‘ – Agierst zutiefst menschlich.

Nachdem immer mehr Leute in unser Haus kommen, wie jetzt z.B. die Taufpatin von Timi, beginnt meine Mama damit, zu kochen. Niemand wollte etwas essen (auch ich, der sonst nie lange nichts essen kann, hungere seit dieser Nachricht am gestrigen Morgen), doch sie kocht. Spaghetti für 10 oder 15 Leute. Sauce für wahrscheinlich noch mehr. Sie braucht einfach diese Abwechslung, diese Rückkehr zur Routine, die so wünschenswert aber doch so unmöglich ist.  

Entgegen meiner anfänglichen Behauptungen versuche es trotzdem, einige Bissen hinunterzukriegen. Der Tisch ist gedeckt, von den fünf Leuten essen nur zwei. Doch ein Problem habe ich. Der Platz, an dem Timis Sessel immer war (das war so ein rot-blauer Sessel, den man am Tisch anmacht, damit er nicht runterfällt oder irgendwie umfallen kann), stand ein ganz normaler herkömmlicher Sessel. Und schon war es zu Ende.

Rien ne va plus, würde man beim Roulette sagen. Die Gabel fällt zurück auf ihr Teller und ich renne, den Tränen nicht mehr nur nahe, sondern geradezu vor ihnen flüchtend, in einen anderen Raum. Den Abstellraum. Und weine mich dort zum ersten Mal seit Timis Tod aus. Ich weine und heule und schmecke das salzig-warme Wasser zwischen meinen Lippen. Ich sitze da, und will nicht mehr aufhören zu heulen. Will alles rauslassen, um endlich wieder voll durchstarten zu können, um wieder für alle da sein zu können. Für Michaela, meine Mama und … und meinem Papa. Plötzlich betritt eine weitere Person den Raum.

Meine Mama. Sie setzt sich zu mir auf den Boden, nimmt mich in den Arm, reicht mir ein Taschentuch. „Es ist schon gut. Lass‘ es raus.“ Und in ihren Armen aufgefangen, von meinem beinahe erdrückenden Schmerz und mir selbst aufgeladenen schmerzenden Druck befreit, lasse ich mich zum ersten Mal selbst fallen und bin so klein, so winzig, so hilflos, so unfähig und. So menschlich.

Der Tag vergeht. Irgendwann wird auch noch der Termin für das Begräbnis bekannt gegeben. Am Samstag würde es soweit sein und bis dahin müssen wir noch so vieles erledigen, denke ich. Aber vielleicht sollte man einfach nur in einem solchen Moment zu denken aufhören. Vielleicht würde all das die Sache irgendwie einfacher machen. Aber ich befürchte, dass es dafür schon viel zu spät ist. 

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Der Schmerz., 31.10.2007

Stumm.

Ruhelos sitzt du da, möchtest mit mir sprechen, möchtest mir dein Herz ausschütten. Doch du bleibst stumm und mit dieser Stille wühlst du dich immer weiter auf. Keine Spur von Sorglosigkeit, von Freude auf deinem Gesicht. Du siehst bekümmert aus, und trotz meiner Gesellschaft fühle ich deine Einsamkeit. Nichts und niemand könnte jetzt diese Wand zwischen dir und dieser Welt hier einbrechen. Du mauerst dich ein und bleibst stumm.

Ich möchte dich halten, möchte dich auffangen, während du fällst, in dieses tiefe Loch. In welches du schon seit Stunden, seit Tagen hineinblickst. Möchte dir einen Arm reichen, damit du nicht stürzt. Aber du wendest dich ab. Trotz allem, was zwischen uns immer war und wohl auch sein wird. Du bist allein.

In mir keimt Unmut. Ich möchte helfen. Möchte bei dir sein und dir zuhören. Möchte deinem Kummer lauschen, möchte dir Hilfe sein, so wie du immer Hilfe für mich bist. Möchte dieses Ding der Begierde, dieses Wutobjekt sein, welchem du all deinen Frust, deine Wut und deine Angst entgegenschreien möchtest. Ich wäre dir auch gar nicht böse, ich würde es verstehen. Verstehst du mich?

Aber du möchtest allein sein. Mit deinem Kummer, deiner Trauer, deiner Wut und deiner Angst. Möchtest womöglich erst alleine damit zurechtkommen. Aber immer mehr mauerst du dich ein und verlierst den Anschluss hier. Sitzt zwar ruhelos neben mir, befindest dich aber meilenwert entfernt. 

Ich möchte mit dir sprechen, möchte dich nach deinem Befinden befragen. Möchte deinen Erzählungen lauschen und dich trösten. Dir die Tränen aus dem Gesicht wischen und dich umarmen. Dir einen Teil meiner Wärme schenken und mit dir leiden. 

Doch du.
Bleibst stumm.