Gedankentod.

„Weißt du, manchmal mache ich mir Gedanken, wie es ist, wenn man stirbt. Ob man dabei etwas verspürt, wenn der Schmerz ein Ende hat, wenn das bisher bekannte Leben ausgehaucht wird. Ob man sein eigenes Ableben überhaupt in unserem Sinne realisiert. Ob es überhaupt erlebenswert ist, das Sterben.“

Die Eiswürfel in diesem Vodka Red Bull scheinen, der Hitze ausgesetzt, doch nur für kurze Zeit ansehnlich zu sein. Der Strohhalm liegt ungebraucht daneben. Er muss schnell trinken, um die Gedanken zu verdrängen. Ein, zwei Schluck, das Glas verliert beträchtlich an Inhalt. Er möchte woanders hin. Möchte Stille, Ruhe, möchte träumen. Die Bar um ihn herum aber scheint ihn einzuschließen, überall rund um ihn all die zahllosen unbekannte Gesichter. Nur hie und da ein paar Bekannte, wenige Freunde.

„Noch einmal, bitte!“, brüllt er quer über den Tisch (und doch scheint es so, als würde er flüstern), während sein aktuelles Glas noch beinahe halb voll ist. Aber wenige Sekunden danach stellt er es ab und wartet auf Nachschub.

„Ich stelle mir den Tod einsam vor. Alles im Leben ist irgendwie  umfangen von verschiedenen Menschen. Von Geburt an schon. Aber den Tod kann man nur alleine meistern. Er passiert und niemand anderer kann dir nun etwas abnehmen, an keinen anderen Menschen kannst du dich nun festhalten. Man stirbt in trauter Einsamkeit.“

Die schwüle Luft in dem Lokal scheint ihm in den Kopf zu steigen. Er packt sich sein Getränk, bezahlt und deutet seinen Freunden an, dass er nur kurz mal raussehen würde. Wie war er nur hierher gekommen? Ein Freund folgt ihm. Er scheint bemerkt zu haben, dass mit ihm eben in diesem Moment irgendetwas gerade total falsch läuft.

„Warum ich über all das nachdenke? Besteht denn etwa seit Kurzem dieser unbändige Todeswunsch? Nein. Wie schon lange nicht mehr bin ich zum Leben aufgelegt. Es ist noch nicht Zeit dafür. Noch lange nicht. Aber manchmal versucht mich die Gedankenwelt vollkommen gnadenlos aus der Ruhe zu bringen.“

Sein Freund tut das einzig Richtige. Er umarmt ihn und klopft ihm auf die Schulter. ‚Komm, lass uns wieder reingehen‘, meint er und schließlich betreten die Beiden wieder das Lokal. Drei oder vier Gläser später fehlt ihm jede Erinnerung. Er hat es geschafft.

photocredits: DerrickT | flickr

Du zitterst.

Zigarette

Als sich die Nacht um uns verdichtet, deuten nur mehr die glühenden Spitzen unserer Zigaretten unseren Standort an. Jedes Mal, wenn du an ihr ziehst, kann ich dein Gesicht betrachten, nur für einen kurzen Moment. Du zitterst.

Ich würde mich ganz nah zu dir stellen. Würde dich umarmen, mit meinen Armen an deinem Rücken dir Wärme schenken, würde dir durch unsere Umschlungenheit all meine übermäßige Wärme abgeben. Nur damit du endlich zu zittern aufhörst. Und du könntest dich an mich kuscheln, könntest mir mit deinen Händen durch meine Haare streichen. Und mir deine Gedanken, all deine Gedanken ins Ohr flüstern.

Mein nächster Zug erhellt nun mein eigenes Gesicht. Du siehst mich an. Deiner sonst überschwänglichenFröhlichkeit sind Angst, Stille und Dunkelheit nachgefolgt. Nicht einmal deine Hand kann ich halten.

Wir sind uns noch viel zu fern. Obwohl ich mich dir so oft so nahe fühle.

Revolution.

Manchmal wünschte ich mir, in eine andere Welt eintauchen zu können. Und ich würde dich mitziehen, wir würden fliehen. Vor dieser Welt und all dem Schrecklichen, all dem Unvorhersehbaren und all dem Offensichtlichen. Wir würden verschwinden, aus Angst.

Diese Welt erdrückt einen manchmal. Ist man nur ein kleines bisschen politisch interessiert, könnte man beinahe ununterbrochen kotzen, und das allein aufgrund des ewiggestrigen Abschaums, der immer noch durch unsere Straßen zieht und all die Parolen von vor 60 Jahren brüllen kann. Ohne wahrscheinlich überhaupt irgendetwas von dieser Zeit zu wissen. Oder wir werden erdrückt von unserer eigenen Generation. Die Generation Krise kommt nicht zurecht ohne irgendeinem Wirtschaftseinbruch, einer Pandemie oder was auch immer. Es muss immer was los sein, weil immer was los ist. Und wäre die Welt auch einfach nur angenehm und lebenswert, wäre sie doch nicht mehr gut genug.

Wir würden entfliehen und uns unser ganz kleines, eigenes Leben aufbauen. Abgeschotet von dieser Welt, die so viel Grausames beinhaltet. So viel Schmutz und auch so viel Lärm. Wir würden es uns still machen, wir hätten alle Zeit der Welt. Unserer Welt. Wir würden ein neues Leben, jenseits von dieser Welt beginnen.

Und müssten uns nicht aufhalten, mit all den Verpflichtungen, die uns Tag für Tag verfolgen. Wären sorgenfrei und atemlos. Könnten stundenlang durch frische grüne Wiesen laufen und uns fallen lassen. Müssten nicht nachdenken über die Welt und über uns, wir wären zu zweit und hätten doch keine Sorge um uns, da nichts uns passieren kann.

Träumst du nicht manchmal auch davon?
Einfach nur weg?

Bild

Abseits der Tagesordnung. [Ein Monolog]

„Als ich dich das erste Mal sah, bist du mir aufgefallen. Nicht so besonders. Vielleicht stellst du dir jetzt vor, dass die Welt um mich herum plötzlich langsamer wurde, und du in einem hellen Schein dastandst und ich mit leuchtenden Augen in die deinen blickte. Nein. Ich fand dich einfach nur auffallungswürdig. Vielleicht erklärt das ja auch, warum ich dich anschließend die ganze Zeit ansehen musste. Immer kurz den Blick schweifen lassen, deinen Kopf, deinen Körper erkennen, verharren. Bis du dich für den kurzen Moment eines Augenblicks bewegtest. Immer und immer wieder musste ich zu dir hinsehen. Glaubst du, ich hätte es zu diesem Zeitpunkt schon geschafft, dich anzusprechen? Nein. Dafür bin ich viel zu schüchtern. Wenn mir jemand so besonders auffällt, so … besonders ist womöglich, kann ich mich noch weniger dazu überwinden, ein kurzes Hallo zu spenden und zu lächeln und in tiefen Smalltalk zu verfallen. So blieb mir einfach nur die Zeit, in der ich dich betrachten konnte. Und ich habe sie genossen. Aber weißt du eigentlich, wie komisch es sich anfühlte, als du plötzlich wieder weg warst? Meine Augen hatten Urlaub, mein Kopf erlaubte ihnen nicht einmal mehr, irgendjemand anderen anzusehen. Er wollte dich wieder sehen. Mein Kopf genauso wie meine Augen und mein Herz. Es dauerte lange, aber es stimmt wirklich. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben. Dass es nun schon so lange Zeit her ist, überrascht mich. Hast du dich doch kaum verändert. Noch immer strahlt dein Auftreten etwas Besonderes aus. Und du wirkst so … unschuldig, so brav. Als hätte es all die Jahre zuvor nicht gegeben. Als wärst du an diesem einen ersten Tag nach Hause gegangen und heute wäre das Morgen von gestern. Vielleicht hast du mich ja auch erkannt. Obwohl. Hast du mich denn überhaupt bemerkt, damals? Ich weiß es nicht. Und jetzt sitze ich neben dir und erzähle dir die Geschichte meines Lebens. Ach nein. Es ist die Geschichte von uns beiden. Von dir und mir und wir kennen uns nicht einmal. Ich weiß nur wie du aussiehst, und jetzt auch wie du riechst. Wie du lächelst und wie du dich bewegst. Dir kommt das komisch vor? Es ist ganz normal. Man bemerkt die überraschendsten und nebensächlichsten Dinge wenn man jemanden beobachtet. Aber dein Lächeln ist definitiv nicht nebensächlich. Es ist vielmehr wunderschön und setzt auf das Besondere an dir noch eine Piemont-Kirsche hinauf. Ich weiß nicht, wie du das getan hast, aber damals, an diesem einen Tag hast du mich verzaubert. In einem Moment, als Verzaubern ja mal sowas von gar nicht auf der Tagesordnung stand. Hast mich gepackt, nicht mehr losgelassen und bist schließlich einfach abgehauen. Hast mich alleine gelassen in dieser Traumwelt, in diesem Gedankenkomplex und tauchst jetzt plötzlich wieder auf. Wirbelst mein ganzes Leben durcheinander. Vielleicht hast du heute Lust, den Abend mit mir zu verbringen. Wir würden Wein trinken, Weißwein. Würden auf einer Decke liegen und reden. Würden reden über die Sterne, über das frische Gras, welches noch so saftig duftet und mit jedem Frühlingsregen weiter aus der Erde sprießt. Wir würden über Kinofilme reden und über Musik, die vielleicht Tränen in uns erzeugt hat. Über unser Leben und unserer Erlebnisse. Wir würden die ganze Nacht damit verbringen, uns kennen zu lernen. Und. Ach ja. Ich bin übrigens Dominik.“

Bild von fotologic

Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

Bangboombang. Da bin ich nun. Den Geschmack einer frisch verfaulten Ratte in meinem Mund, nachdem ich so früh am Morgen nur Kaffee und Zigaretten zu vertragen scheine. Und mit der nächsten Zigarette in der Hand stehe ich an der Bushaltestelle. Die Augen raffen sich heute noch nicht dazu auf, die Welt um mich zu betrachten. Der nächste Zug aber, als mir der Rauch der Zigarette auf frontalem Wege in die Nasenhöhlen kriecht und ich – wie jedes Mal – erschrecke, erblicke ich den schönen Tag um mir herum.

Okay. Was ist schon ein schöner Tag. Eigentlich lässt nur ein tolles Wetter darauf hoffen, dass es schön werden könnte. Die Sonne lächelt selbst an diesem frühen Vormittag ganz selbstbewusst zwischen den weißen Wolken hervor. Um wirklich etwas Einzigartiges aus diesen kommenden Stunden zu machen, bin ich selbst gefragt. Das wird hart.

Der Bus hält an, und schon jetzt steigen Unmengen an verbitterten Menschen aus. Irgendwann kann schließlich auch ich mich die drei Stufen hinaufzwängen. Es überrascht mich, dass ein Zweiersitz frei ist, und so lasse ich mich nieder. Und während ich meinen Kopf an die innen wie außen dreckige Glasscheibe lehnen möchte, stößt mir dieser Geruch in die Nase. Hat hier vor kurzem irgendwie hingepisst? Das gibt es doch nicht. Klar, das riecht genau so. Ich untersuche meinen Sitz und den Boden, doch es ist nichts zu sehen. Verdammt. Das kann ja noch etwas werden. Der Geruch verschwindet nicht, aber die fünf Stationen sind schnell vorüber.

Die Luft auf der anderen Seite des Busses, an der Außenwelt, ist dagegen schon wieder um einiges besser. Ich atme tief durch. Ein Glück, dass man hier nie lange mit dem Bus fahren muss. Einige Momente trete ich auf der Stelle, nach Orientierung ringend und zünde mir sogleich eine weitere Zigarette an. Was habe ich hier eigentlich vor? Und wie soll ich es nun bitte schaffen, aus diesem anfangs im wortwörtlichen Sinne bepissten Tag etwas Schönes zu machen?

Meine Beine führen mich die Einkaufsstraße entlang, vorbei an all den vollgestopften Boutiquen und diesen Menschenmassen, die scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit diese Straße säumen. Außer um 3 Uhr früh. Da ging ich schon mal nach Hause und diese Straße entlang und da waren wirklich nur ich und diese sechs Menschen auf diesen zwei Kilometern verteilt. Man darf in solchen Situationen Angst haben und auch gerne mal mehrmals die Straßenseite wechseln. Habe ich mir zumindest sagen lassen. Weil man sich ja sowieso in einer dunklen Nacht von allen Seiten verfolgt fühlt.

Als ich an einem Fußgängerübergang stehen bleibe, – die Ampel zeigt nur dieses ruhige rote Männchen – erkenne ichh plötzlich mein Forschungsinteresse für den heutigen Tag. Da drüben, da rüber. Da möchte ich hin. Die Autos auf der dreispurigen Straße halten, ich überquere, mit diesem kleinen Tick, so gut es geht nur die weißen Stellen des Zebrastreifens zu berühren, die Straße und stehe vor dem Park, der wohl schon heute morgen in meinen Gedanken aufgetaucht war. Jetzt, und das überrascht selbst mich, ist es schon beinahe Mittag. Scheinbar habe ich mir einige Zeit gelassen, als ich die Einkaufsstraße hinunterwanderte.  

Da ist er also nun, der Park. Das erste saftige Grün seit langem. Und da steht sie auch nun, meine Parkbank. Kein „Frisch gestrichen“-Schild, keine alten Menschen, die sie besetzen und dabei auch noch die unnötigen Tauben füttern. Ich lasse mich nieder und fühle mich mit einem Mal einerseits schwer und müde, aber andererseits ebenso lebensfroh. Genau das habe ich wahrscheinlich die ganze Zeit gesucht. Diese Natur, die mir zwischen all den Häuserschluchten und den brutal hingepflanzten Bäumchen so gefehlt hat. 

Ich könnte euch jetzt von hohen Häusern erzählen. Ich komme mir so oft so verdammt klein vor. One in more than a million. Zwischen all den Unmenschen hier. Irgendwann einmal möchte ich an einem wirklich hohen Haus anläuten und die Treppen hinaufsteigen. Ein Haus, mit einer Dachterasse. Und da raus möchte ich gehen, und hinunter blicken. Und dann wäre ich ganz groß und könnte auf all die Menschen sehen, die zwar noch nicht ameisengroß aber zumindest doch schon klitzeklein wären. Wie wäre wohl das Gefühl dabei. Und will ich das überhaupt?

Wäre es nicht gar zu schlimm, sich plötzlich unendlich groß zu fühlen? Hier in diesem Park lässt es sich leben, hier bin ich immer noch eine unter vielen. Und. Bangboombang. Ich hab‘ es wohl geschafft. Es könne nun kommen, was wolle. Die vierte Zigarette an diesem Tag lässt mich hineinsinken. Und weiter träumen. Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

… [Ein Dialog]

I

Manchmal möchte man auch einfach nur still daliegen.
Hm?
Still daliegen. Und einfach mal nichts sagen.
Stimmt.
Aber vor genau so etwas haben so viele Menschen Angst.
Mhm.
Sie haben Angst vor der Stille.
Die Stille, so verrückt es klingt, macht einen ganz unruhig.
Und wibbelig.
Mhm. 
Aber manchmal tut es gut.

II

Woran mag das liegen?
Was?
Dass so viele Menschen nicht einfach mal schweigen können.
Weil … hm. Weil man Angst hat, dass irgendetwas Unausgesprochenes zwischen sich selbst und dem Anderen steht.
Mhm.
Wahrscheinlich ist das auch oft so.
Stimmt.

III

Ich kann das nur mit ganz wenigen Menschen.
Mhm. Ich auch.
Dabei gibt es ja kaum etwas Schöneres.
Wenn man in einer Frühlingswiese liegt, die Wolken betrachtet und einfach mal still ist.
Kommt es dir auch oft so vor, als liegt in diesen Momenten vollkommener Stille mehr Verständnis, mehr Kommunikation, als in all den Gesprächen. 
Mhm.
Eigentlich genial, so etwas.
Du?
Hm?
Wohin gehen wir eigentlich?
Ach, lass‘ dich doch überraschen.
Es ist schon dunkel.
Mhm.
Ich kenne den Weg hier nicht.
Frage einfach nicht. 

IV

Warte einen Moment.
Wieso?
Ich möchte eine rauchen.
Ach komm.
Hm.
Du hast später noch genug Zeit dafür.
Wie lange gehen wir denn noch?
Gleich. 
Hm?
Wir sind gleich da.

V

Komm. Setz‘ dich hin.
Wo sind wir hier?
Das ist doch egal. Setz‘ dich. 
Und was machen wir hier?
Still sein.

So. Jetzt kannst du eine rauchen.
 



 

Dunkel ist es. [Ein Dialog]

I

Du riechst gut.
Beginnst du eigentlich immer auf diese Art und Weise eine Konversation? Wir kennen uns ja kaum.
Hm. Ist mir nur aufgefallen.
Schön.
Mhm. Schön.
Nach was rieche ich denn?
Weiß nicht. Irgendwie natürlich.
Ich schwitze? Willst du mir das sagen?
Nein. Nein. Ach, nein. Natürlich nicht. Du riechst…-
Natürlich. Ich weiß. Und sonst?
Sonst?
Mhm. Sonst?
Nichts. Du riechst nur außergewöhnlich gut.
Schön. 

II

Wieso so griesgrämig?
Ich? Griesgrämig. Ist das nicht alles nur eine subjektive Meinung von dir?
Ach? Und du fühlst dich also wohl, oder wie?
Mhm.
Und nicht vielleicht irgendwie…-
Griesgrämig?
Mhm.
Hm. Nei..- Naja. Vielleicht.
Und wieso?
Wieso was?
Wieso so griesgrämig?
Ach. Du würdest dich ja doch nicht auskennen.
Schön.
Was?
Das Lächeln eben, als ich statt Schade nur Schön vorweisen konnte. 
Hab ich etwa gelächelt?
Mhm.
Tut mir Leid.
Da! Schon wieder! Hast du es wenigstens jetzt mitbekommen?
Hm.

III

Ach, es ist schon dunkel.
Wie?
Dunkel ist es.
Mhm.
Hm. 

IV

Ist dir kalt?
Warum?
Du zitterst.
Wirklich? Das habe ich bei all dem Zähneklappern beinahe übersehen.
Schon wieder. Komm.
Wohin?
Nirgendwo hin. Komm. Nimm meine Jacke.
Und du?
Wie?
Erfrierst du denn nicht?
Ach wo. Kalt ist es zwar schon, aber…-
Aber?
Aber ich hasse es, wenn Menschen in meiner Umgebung frieren. Komm!
Wohin?
…-
Ha. Jetzt hast du gelächelt. Für mich. Na, gib‘ sie schon her!
Was?
Die Jacke. Die Jacke möchte ich bitte.

V

Ich friere noch immer.
Wir kennen uns kaum.
Ich weiß. Aber …-
Aber was?
Aber hindert es uns an irgendetwas?
Woran sollte es uns hindern?
Ich weiß nicht.
Na, komm schon her.
Aber eigentlich sollte ich ja dich unter meiner … äh, deiner Jacke aufwärmen. 
Egal. Komm her. Wenn wir ganz nah nebeneinander gehen, dann wärmen wir uns gegenseitig.
Stimmt.
Stimmt.
Weißt du eigentlich…-
Mhm. 
Deine Hand ist warm.
Und du riechst gut.
Als würden wir uns schon ewig kennen.
Und uns nicht verlieren. In Träumen.
Von uns?
Mhm. Von uns beiden. 
Schade.
Wie?
Es wär‘ schade drum.  Würden wir uns schon ewig kennen.
So ohne Träume, wie?
Mhm. Das…- Das wär schrecklich. 
Drum..- Drum lass uns uns nie kennenlernen. 

Das wars. [Ein Liebesbrief]

Hallo, du.

Ich würde ja jetzt gerne behaupten, dass sich dieser Brief hier in wenigen Sekunden von selbst auflösen wird. Oder dass er in Flammen aufgeht, und nur die Asche zurückbleibt. Doch das ist es nicht. Dieser Brief ist für die Ewigkeit, beziehungsweise so lange, wie du ihn aufbehalten willst. Vielleicht haben dir diese wenigen Zeilen schon gereicht, um an der ersten Ecke zu Knüllen zu beginnen. Aber warte. Das hier ist ein Liebesbrief.


(via seanmcgrath | Flickr)

Aber glaube es mir, ich werde dir nicht die Frage stellen, ob du mit mir gehen willst. Und du bekommst auch keine drei Antwortmöglichkeiten. Du brauchst dich nicht zu entscheiden. Lies den Brief einfach weiter, und du wirst einsehen, warum es zumindest einen Versuch wert ist. Am Besten, du setzt dich mit diesem Text in irgendeinen menschenleeren Raum und liest ihn dir selbst vor. Das wirkt besser, vor allem wenn nur der Schein einer Kerze Licht auf dieses Blatt fallen lässt. Aber lassen wir das. Ich wollte dir ja etwas sagen.

Weißt du, manchmal frage ich mich, was mit meinen Gefühlen los ist. Ich weiß noch ganz genau, wie es war, als wir uns das erste Mal sahen. Kennst du das Gefühl, wenn man glaubt, dass beim ersten Blickkontakt auch schon ein kleiner Funke übergesprungen ist? Genau das war es nicht. Ich fand dich hübsch und dein Lächeln mutete mir so ehrlich an, dass ich darauf vertrauen könnte. Aber unsere Wege trennten sich damals. Bevor wir uns überhaupt erst begegnen konnten. Dieser eine Abend dauerte noch lange und ich lernte wieder unzählige neue Menschen kennen, welche mich auch schon auf Facebook oder studiVZ geaddet haben. Internetbekanntschaften, die man zuallererst im Real-Life kennenlernt. Vielleicht kennst du das. Aber dich habe ich schnell vergessen. Vielleicht war es der Alkohol, oder die Rauchschwade, die in diesem einen Lokal immer verdächtiger nach unten sank. Oder diese frühe Morgenstunde, in der ich mich befand.

Als ich an diesem Morgen beinahe schon zu Mittag aufwachte, brummte mein Kopf. Und sofort – bitte frage mich nicht wieso – dachte ich an dich. Man könnte sagen, von Anfang an begann ich, dich mit dem Schmerz in meinem Kopf zu assoziieren. Ich hörte dein Lachen in meinen Ohren, obwohl letzte Nacht wohl ein Dutzend Menschen zwischen uns tuschelten. Es musste deines gewesen sein. Und das ist der Punkt. Von hier an begleitest du mich. Und nein, ich tagträumte nicht jeden Tag von dir, wobei mir die Kopfschmerzen womöglich Anlass dazu gegeben hätten. Aber es gab einfach diese Momente, an denen ich an dich dachte. Nur kurz huschtest du durch meine Gedanken, und mit der Zeit verschwamm auch die Erinnerung an dein Gesicht. Und an dein Lächeln.

Irgendwann sind wir uns dann schließlich begegnet. Du hast mich angesprochen, wir haben uns gemeinsam diese Zigarette geteilt. Und das war auch dieser eine Abend, an dem du das erste Mal für mich lachtest. Aber du kennst die Geschichte, ich weiß. Und da ich schon oft genug Menschen kennengelernt habe, die beim Flirt mit der nächstbesten Person die Tragödie der vergangenen Liebe zu erzählen pflegen, überspringe ich das. Ich bin wohl nicht der Einzige, welcher von diesem Palaver entgültig genug hat. Der Vorteil einer vergangenen Liebe ist, dass sie vergangen ist. Vielleicht ist sie noch ein fixer Bestandteil im Kopf oder vielleicht sogar im Herzen, aber es muss doch nicht die ganze Welt etwas davon erfahren.

Worüber ich eigentlich mit dir sprechen wollte, ist die Tatsache, dass ich mich in dich verliebt habe. Es passierte nicht Hals über Kopf, es war eher eine Herzsache. Und möglicherweise auch Schicksal, auf welches ich normalerweise nur selten vertraue. Wir haben uns kennengelernt. Und ich dich lieben.

Wie soll ich jetzt nun anfangen. Hm. Glaubst du eigentlich an die große Liebe? Die „endgültige“ Liebe? Wo man sich trifft, sich verliebt und dann miteinander stirbt. Dazwischen eine Zeitspanne von, sagen wir, mindestens vierzig Jahren. Soll es das gewesen sein? Manchmal träume auch ich davon, aber es ist eben doch schon viel mehr Utopie, als ich mir einzugestehen getraue. Vielleicht wirst du einmal eine große Liebe. Vielleicht bleiben wir auf längere Zeit ein Paar. Man kann ja nie wissen. Aber ich möchte dich nicht zu sehr einengen. Ich will dich nicht nur für mich beanspruchen, wie es Freunde von mir mit ihren Partnerinnen und Partnern machen. Ich möchte dich leben lassen, so wie du bist. Nur möchte ich auch ein Teil von deinem Leben werden.

[Wir müssen nicht hüpfend durch ein Blumenfeld hüpfen oder gemeinsam aus einem Eisbecher löffeln.] Ich möchte dich manchmal einfach nur umarmen. Mal für ein paar Sekunden. Und ich möchte meinen Kopf in deinen Schoß legen können, wenn wir uns den Sternenhimmel ansehen und ich dir zum unzähligsten Mal den Großen Wagen zeige. Ich möchte dir meine Probleme erzählen können und würde mir wünschen, dass du mir zuhörst. Ich möchte gerne mit dir einschlafen, meine Hand um deinen Bauch gelegt. Ich möchte mit dir zum Ufer unseres Sees gehen, und einen ganzen Tag nur unsere Beine im Wasser baumeln lassen. Ich möchte Geschichten über dich schreiben und dir Gedichte widmen. Ich möchte mit dir streiten, wenn wir uns endlich mal irgendwo uneinig sind. Ich möchte weinen, wenn dir danach zumute ist. Ich möchte dich festhalten, wenn du zu fallen gedenkst. Ich möchte dich meine Freundin nennen. Und ich würde wohl auch etwas mit dir prahlen.

Du sollst dein eigenes Leben führen, und ich würde auch nicht für dich leben. Aber wir könnten unsere gemeinsame Zeit einzigartig werden lassen. Und hab keine Angst. Ich würde auch nicht sagen, dass ich dich für immer lieben werde. Die Ewigkeit ist ein viel zu langer Zeitraum, als dass ich mich jetzt schon festlegen würde. Lassen wir uns doch überraschen.

Aber jetzt kannst du wahrscheinlich irgendwie erkennen, was du von mir erwarten würdest. Es wäre doch zumindest einen Versuch wert, findest du nicht? Wir müssen nicht erfolgreich sein, es kann auch gerne ein Bruchlandung werden, für uns beide. Aber erst wenn wir hart auf dem Boden gelandet sind, können wir behaupten, dass wir es versucht haben. Man kann nicht immer erfolgreich sein, das weiß ich. Wir müssten es nur versuchen, um es der Welt zu zeigen. Dass die Liebe meist nicht ewig weilt, aber man sich auch nur eine kurze Zeitspanne zu einer der Schönsten des ganzen Lebens werden lassen kann. Komm! Lass es uns versuchen.

Und das war er nun. Nicht mein erster Liebesbrief, aber vielleicht mein ehrlichster. Vielleicht hast du verstanden, was ich dir sagen wollte. Und sollte ich dir auch nur einen kleinen Hauch deines Lächelns auf deine Lippen gezaubert haben, dann hat dieser Brief schon seinen Auftrag erledigt. Jetzt kannst du ganz einfach zu Knüllen beginnen (bzw. es fortsetzen). Das war es von meiner Seite. Jetzt bist du dran.

[Und ja. Ich bin unfähig, abschließende Worte zu finden. Ein „Bye“ ist zu englisch, ein „Hab dich lieb“ zu teenisch, ein „In Liebe“ zu dramatisch und ein „Liebe Grüße“ zu unpersönlich. Vielleicht belasse ich es dabei und sage einfach und abschließend …]

Das wars.

Finished: 3:39 Uhr, 29. Jänner 2009
Eine Inspiration: hoch21 mit
Das hier ist ein Liebesbrief. Ich will es lieber gleich schreiben, falls Du es nicht bereits ahnst.

Auch auf: NEON.de, jetzt.de und Ci-Jou


Download MP3 [10,9 MB]

[11:54 min] [Aufnahmedatum: 26. Februar 2009]

Song: So Finally A Love Song (Demo) von Paul Goodwin

What am I to you?

Er lächelt, als er sich in diesem wunderschönen Park, mit herbstlichen Farben und bestrahlt von dieser wärmenden Sonne, auf der Bank niederlässt. Das Lächeln war überraschend und erzählte die Geschichte der Schmetterlinge, die sich in seinem Bauch breit gemacht hatten. Er blickt in den Himmel, der sich mit kuschelig weichen Wolken zu füllen beginnt. Lange schon war er nicht mehr in dieser Stadt gewesen und selbst dieser Ausflug heute war eher spontan entschieden worden. Er wollte nur mal wieder den See sehen und die Natur, die an diesem Plätzchen der Erde so einzigartig und wundervoll ist.

Wie lange hatte er sie nun schon nicht mehr gesehen? Jahre müssen das sein. Seit fünf Jahren war er ständig unterwegs, kam nur mehr kurz nach Hause, in seine Wohnung. Alleine, in einer Großstadt, Stunden von seiner Heimat entfernt. Und dann zieht es ihn zufällig mal wieder nach Hause und er erblickt sie. Sie, deren braune Augen so berührend, deren Lächeln so entwaffnend ist. Sie, die ihm vor so vielen Jahren den Kopf verdreht und anschließend auch das Herz gebrochen hatte. Er hatte lange gebraucht, um über sie hinweg zu kommen. Aber obwohl Jahre ins Land einzogen und sich alles verändert hatte, selbst der Park hier schien erst vor kurzem angelegt worden zu sein. Obwohl nichts so ist, wie es damals war, haben sich die Beiden beim ersten Aufeinandertreffen der Blicke wiedererkannt.

Zwischen all den Büchern. Er kramte gerade, um ein Buch einer Freundin zu finden. Erst kürzlich sagte sie, dass ihr neuer Roman erscheinen würde, und um nichts wollte er ihr neues Werk versäumen. Und während er so suchte, versuchte er zudem, nicht daran zu denken, dass auch der Verlag von ihm ein neues Buch erwartete. Er konnte nie auf Kommando schreiben, und das hatte er dem Vorstand auch schon erklärt. Wenn es Zeit wäre, und vor allem wenn er die richtige Eingebung hatte, dann könnten sie in Kürze schon seinen neuen Roman lesen. Aber das konnte dauern. Und während er suchend und über seine nahe Zukunft nachdenkend im Bücherladen umherirrte, stellte sich plötzlich eine Frau in den Weg.

Dunkle Haare, so natürlich wie eh und je. Und es kam ihm vor, als würden sie auch noch immer so riechen. Ja, es war der Geruch, der ihn aufblicken ließ und im seine erste Vermutung bewahrheitete. „Hey.“, sagte er, etwas zu impulsiv. Sie blickt überrascht auf und das war er dann. Der Moment der sich begegnenden Blicke. „Hey!“, antwortete sie freudig und das Lächeln zauberte sich in ihr Gesicht. Jetzt im Nachhinein, die Sonne kitzelte ihn immer noch im laubverschneiten Park, erkennt er erst, wie jung sie doch noch aussieht. Sie mag jetzt … 28 Jahre alt sein. Ja, genau. Achtundzwanzig, ungefähr zwei Jahre jünger als er. 

Und während er so in dieser Buchhandlung steht, neben ihm sie und dazwischen diese peinliche Stille möchte er beinahe schon mit diesem unsäglichen Smalltalk beginnen, als sie das in der Luft schwebende Wort ergriff. „Du … du schreibst über uns. Nicht wahr?“ Und schon ließ sie den Blick zwischen dem Boden und seinen Augen schweifen. Früher tat er das immer. „Ich hab‘ es gelesen. Dein erstes Buch. Es … es ist gut.“ Er schwieg, die ganze Zeit. Auch das tat er früher genauso. „Du schreibst doch über uns, oder?“ Er nickte und er fühlte sich gerade so, als wäre das womöglich der peinlichste Moment seines bisherigen Lebens, ausgenommen natürlich seiner Zeit des Bettnässens. „Ja. Stimmt. Ich schreibe von uns.“

„Denkst du eigentlich noch manchmal an mich?“, fragte er sie, einfach so frei heraus. „Nein. Und du?“ „Ne, nicht wirklich.“ Und er begann zu lächeln, ein ganz kleines Bisschen. „Wie geht’s es dir eigentlich? Was machst du denn so?“ „Musik.“, sagte sie. Schon damals spielte sie zwei oder drei Instrumene. Er hatte so etwas erwartet. Als er das nächste Mal den Blick schweifen ließ, erblickte er das Buch seiner Freundin. Er zog es heraus, drehte sich noch einmal zu ihr um. „Schön, dich wieder einmal getroffen zu haben.“ „Ja. Stimmt. Vielleicht sieht man sich ja wieder.“

Und da sitzt er also nun. Nach Jahren hatte er seine erste große Liebe wiedergesehen. Sie hatte bemerkt, dass sein erstes Buch zu einem Teil auch von ihr handelte. Sie hatte das Buch auch gelesen. Und. Und sie denkt noch an ihn. So wie er. Da ist er sich sicher. Aber er will sie nun einfach nicht wieder sehen. Es war ein schönes Aufeinandertreffen, aber ein Kaffee mit ihr wäre schon wieder zu viel gewesen. Und so blickt er hinaus auf den See. Als er gehen möchte, bemerkt er, dass sie nun von hinten auf ihn zukam. „Es ist. Es ist wunderschön. Das … das Buch. Die Geschichte. Von uns und dir und mir. Ich liebe sie.“ Sie wirkt etwas aufgewühlt. Er will jetzt einfach nicht zu viel sagen. Vielleicht wäre ein Kaffee doch nicht so schlecht. „Dankeschön.“

Foto von orangeacid

Und inspiriert übrigens von Bridschi