Momente.

Auch wenn Magazine wie NEON beinahe in jeder zweiten Ausgabe schreiben, dass eine Freundschaft zwischen Mädchen und Jungs zwangsläufig immer auf Liebe, entweder einseitig oder gar von beiden Seiten, hinausläuft. Es funktioniert. Aber vielleicht muss man den Weg mit der Liebe zumindest einmal versucht haben, um gestärkt daraus hervorzugehen und sich auf die Wahrhaftigkeit dieser Beziehung, dieser Verbundenheit zu konzentrieren. Immer noch streicht mir Sophie durch mein Haar, krault mir den Kopf, ich sehe sie an. Ihre Augen sind voll mit Erinnerungen, und erzählen vom Vermissen, vom Verlieben, vom Verlieren. Und als sie plötzlich lächelt, kann ich all die glücklichen Momente sehen, mit Schmetterlingen, mit Freunden, mit Liebe.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 5 „Steg“]

Halt.

Du weißt, ich denke viel zu gerne nach. Zerlege alle Erlebnisse, alle Ängste und alle Gefahren in ihre Einzelgedanken. Was, wenn irgendwann einmal unsere Liebe aufhört? Wenn uns der Zug nicht mehr reicht? Wenn wir uns noch näher kommen wollen, und zumindest von meiner Seite würde ich das gerne. Was, wenn irgendwann einmal etwas passiert, womit keine rechnen konnte? Liebe ist unberechenbar, ich glaube, das weißt du, Emily. Ich will dich nicht verlieren, aber irgendwie erscheint es mir, als würde ich dich bei jedem Abschied, bei jedem Halt in deiner Ausstiegsstelle ein weiteres Stück verlieren. Nur um ein weiteres Stück von dir wieder zu erhalten, wenn wir uns fünf oder zwei Tage später wieder sehen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 12 „Annäherung“]

Irgendwann.

„You’re so fucking special.“

Am Liebsten würde ich dir stundenlang über dein Gesicht streichen. Würde dir sanft über die Haare fahren, die Augen schließen und sie wieder öffnen. Würde mich konzentrieren, auf deinen Atem, auf deine Bewegungen. Aber es fällt mir so schwer. Dir so nahe sein zu dürfen, bedeutet mir die Welt. Mich an deine Haut zu schmiegen, dich zu küssen.

Manchmal frage ich mich echt, womit ich das verdient habe. Womit ich dich verdient habe. Ich habe immer nach dir gesucht, nach dieser Person, bei der man ankommen kann. Bei der man ist, wie man ist und nicht sein muss, wie man soll. Nach diesem einen Menschen, der mir alles gibt, und mit einem Lächeln schon die Welt verändern kann. Es ist so unglaublich, dass es nun Wirklichkeit ist. Dass du Wirklichkeit bist und all meine Liebe nicht mehr nur Theorie ist.

Es fühlt sich an, als wären wir schon ewig ein Paar, und die nahende Ewigkeit kann nicht schnell genug vergehen. Und irgendwann wird es dann endlich soweit sein. Dass ich dir stundenlang übers Gesicht streiche, dir sanft über die Haare fahre und mich auf deinen Atem konzentriere. Tag für Tag.

Freunde.

Emilys Frage, und all meine Ausschweifungen haben wieder viele Gedanken aufgeworfen.
Hannah und ich. Meine Erlebnisse mit ihr. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Zum briefeschreibenden Typen, zum harmoniebedürftigen Nachdenkmenschen. Zum
Ewigkeitshasser. All das bin ich wegen ihr geworden. Und bis ich Emily kennen-, bis ich sie
liebengelernt habe, habe ich dieses Gefühl, diese Schmetterlinge, dieses Gefühl eine Frau auf diese Art und Weise so nah zu sein, bis dahin habe ich es vermisst.

„Und ihr habt euch im Guten getrennt oder etwa nicht?“
– „Doch, doch. Wir haben uns, nachdem wir beschlossen haben, Schluss zu machen, sogar
noch stundenlang am Küchenboden unterhalten, haben geredet, gelacht. Und geschwiegen. Es fühlte sich wirklich richtig an. So … wie ein perfektes Ende einer beinahe perfekten Beziehung, sozusagen.“
„Und dann?“
– „Dann haben wir etwas Unmögliches versucht.“
„Was denn?“
– „Freunde zu bleiben.“
„Was ist daran unmöglich. Klar … es ist schwierig, aber unmöglich?“
– „Naja, die meisten Leute vergessen, dass es in einer Beziehung in erster Linie um Liebe geht. Kennt man sich zuvor noch nicht allzu lange, so ist danach immer noch nichts da, worauf man aufbauen könnte. Viel besser wäre es, zu sagen: ‚Lass uns Freunde werden.‘, findest du nicht?“
„Hm.“
– „Weil Liebe nicht Freundschaft ist. Umgekehrt vielleicht. Auf einer Freundschaft kann man wunderbar eine Liebe aufbauen. Aber andersrum? Unmöglich. Da muss man bei Null beginnen. Von Grund auf.“
„Vielleicht hast du recht.“
– „Emily?“
„Mhm?“
– „Lass uns Freunde werden, Emily. Okay? Bitte! Lass uns Freunde werden.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 15 „Berührungen“]

Wir sind mehr.

„Weißt du, ich glaube, mit Liebe hat das Ganze hier gar nichts zu tun. Das hier ist nicht Liebe. Es ist etwas Anderes, etwas Besonderes, eine unglaubliche Verbundenheit, eine ganz besondere Beziehung. Mit nichts vergleichbar, vor allem nicht mit diesem Wort. Pfft. Liebe ist doch viel zu alltäglich. Wir sind mehr.“

*Foto: AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by izahorsky

An Tagen wie diesen bin ich so unglaublich glücklich, genau dieses Leben erwischt zu haben.

Wir sind so viel mehr. Wenn wir mit alten Rädern querfeldein fahren, eine Flasche Wein im Gepäck, dem Sonnenuntergang entgegen und uns an den verlassensten Orten niederlassen. Und über Schicksal, über das Gute im Menschen, und über Freundschaft sprechen. Über Seelenverwandtschaft, oder wie wir es auch immer nennen wollen. Und unsere Arme auf den Schultern des anderen liegen.

Wenn ich alles daran setze, und sind es auch nur fünfzehn Minuten, dich an diesem Tag zu sehen. Mit einer Schultüte voll Geschenke, für deinen ersten Schultag als Lehrerin. Und mein Herzklopfen beinahe in den Ohren klingt, als ich dein überraschtes Gesicht sehe. Auch wenn ich muskelbedingt keine Bäume ausreiße kann, so versuche ich all das zu tun, was dir gefällt und ich habe es mir stets zur Aufgabe gemacht, dich zu überraschen. Einfach um des Blickes wegen.

Seit Jahren schon leben wir diesen Traum einer Freundschaft, fühlen mit, leiden mit, freuen uns für den jeweils anderen. Schlafen nebeneinander ein, und erzählen uns am Tag darauf von unseren Träumen. Sprechen über so Persönliches, erzählen uns unsere Geheimnisse und wissen, dass sie beim Anderen gut verwahrt sind. Man hört sich zu, man ist immer füreinander da. Und ist sich gewiss, dass das womöglich nur der Anfang ist. Dass sich unsere Verbundenheit, unsere Connection noch tiefer in uns hineinwinden wird.

Dass aus Freundschaft, die es früher war, Liebe entstanden ist. Aus dieser Liebe eine innige Verbundenheit und wir nun an einem Punkt angelangt sind, für welchen es wohl noch keinen Ausdruck gibt. Kein Leben könnte ich mir vorstellen ohne euch. Eine Welt ohne euch wäre mein Albtraum, wäre wohl das Ende. Aber ihr bleibt, ihr zwei. Ihr, meine Seelenverwandten.

Jedes Mal, jeden verdammten Abend. [10]

Jalousien. 09122010

Da war dieser eine, dieser leicht betrunkene, etwas trockene Kuss. Dieser eine magische Moment, resultierend aus einer Umarmung, am Ende einer besonderen Nacht. Dieser eine Kuss, der das Tüpfelchen auf dem i sein sollte, der Beginn vom Nichts. Wir haben uns beide belogen und wir haben beide versagt.

Monatelang schon gingst du mir nicht mehr aus dem Kopf, ich genoss die Abende, an denen wir uns sahen, genoss die Gespräche und genoss die Zeit. Wir sahen uns Sterne an, wo keine Sterne waren. Ließen uns zurückfallen, wenn wir mit Freunden nach Hause gingen. Aber zu einem waren wir nicht im Stande. Jedes Mal, jeden verdammten Abend. Komme ich zuhause an, werfe den Schlüssel in die eine Ecke und krame in der anderen nach Zigaretten, die meine Unfähigkeit besänftigen sollen.

Irgendwann kam der Break, weil das Aussichtslose Überhand nahm und weil das Leben weitergehen musste. Unerwiderte Liebe als Jahresprojekte habe ich schon zur Genüge hinter mir und die Zeit läuft und der Unmut wächst. Das muss nicht wieder sein, denn wir haben doch auch noch was anderes zu tun. Anstatt uns in den Armen zu liegen und gemeinsam über Gott und die Welt zu reden. Anstatt unsere Gedanken zu teilen und gemeinsam Kaffee zu trinken. Wir Vollidioten.

Und dann, Monate nach unserem ersten Aufeinandertreffen, den ersten Gesprächen, dieser eine Kuss. Ich wusste schon, dass eine Ära vorüber, ein Ende gesetzt war. Unsere Ära, unser Ende. Du hast es mir dann ein paar Tage darauf erklärt, während Coldplay auf meinem iPod lief. Dass wir zu lange gewartet hätten, und dass, was jetzt kommen würde, nicht richtig sei, und dass es schön war, aber nicht jetzt. Für dich war es wohl mehr als dieser eine Kuss. Für mich war es der Anfang von etwas Unbestimmtem. Ein Bruchteil eines Nichts und nicht mehr. Wir haben beide versagt, erwachsen genug zu sein.

Warum ich es heute ablehne, dass NEON einen Artikel mit mir veröffentlicht.

In den vergangenen Wochen habe ich oft daran gedacht. Vor rund zwei Jahren, es war im Sommer, hat mich Annabel Dillig auf meinem NEON.de-Account angeschrieben. Sie hat einen Text von mir gelesen, einen persönlichen literarischen Text, zum Thema Liebe und Abhängigkeit und sie arbeite an einer Story. Ob sie mich interviewen könne, über Telefon und ob sie auch einen Fotografen vorbeischicken könnte. Ich sagte zu. Das hörte sich gut an und ich war froh, so etwas mit einem meiner Texte erreicht zu haben. Und verdammt, Leute: NEON ist ein unglaublicher Erfolg, ein sagenhaft funktionierendes Magazin.

(via  Baptiste Pons flickrCC)

Gerade habe ich deinen Text „Führe mich sanft“ gelesen, den du 2007 auf NEON.de veröffentlicht hat. Er hat mich sehr bewegt!

Ich schreibe dir, weil ich gerade an einer Geschichte für NEON arbeite, die dem Thema deines Textes entspricht.

Es soll darin um Beziehungen gehen, die manchmal zur Sucht werden. Und um die Frage, wie man aus einer solchen Situation herauskommt. Vor allem, weil du und deine Freundin es noch einmal miteinander versucht haben, finde ich das, was du schreibst spannend! Ich bin mir sicher, was du erlebt hast, fänden viele NEON-Leser, die in ähnlichen Situationen sind, sehr hilfreich. [NEON.de – 17062008]

Das Interview verlief gut, manchmal suchte ich zwar nach Worten, weil Interviews, bei der ich der befragte bin, mir stets schwer fallen (was mir zuletzt bei einem Kurzinterview mit dem ORF, welches nicht gesendet wurde, immer noch passierte.) Aber es lief gut. Ich konnte darüber reden, wie all das war. Sie hörte zu.  Und sendete mir den Text, der aus unserem Gespräch resultierte. Es war nicht das was ich erwartet habe, aber ich ließ es durchgehen. Heute weiß ich nicht mehr warum. Und ein oder zwei Wochen später kam auch Andrew Phelps, ein Fotograf aus Salzburg. Er machte gute Fotos, und die sendete er mir auch zu. Als CC, und da erfuhr ich auf den Titel der Story. „Hilfe, ich liebe ein Arschloch.“

Ich war traurig, dass es schließlich darum gehen sollte. Ich habe in dem Gespräch über Abhängigkeit und Liebe gesprochen, nicht darüber, dass meine damalige Freundin ein Arschloch war. Ich war wohl einfach zu jung und engte ein. Ich erwartete zuviel und fiel dafür auf die Schnauze. Das war es. Und ich kam schließlich auch schwer weg davon. Der Artikel, die Story wurde nie veröffentlicht und trotzdem dachte ich zuletzt wieder daran. Früher dachte ich: nein, der Artikel darf nicht veröffentlicht werden, denn wenn es auch nur eine kleine Möglichkeit gebe, dass wir zwei noch Freunde werden könnten, wäre es mit dieser Story zerstört. Heute denke ich anders. Denn schließlich stimmt die ganze Geschichte nicht. Ich sehe das heute anders und sehe das Problem an der Beziehung und dem Ende bei mir. Bei mir und den Umständen, in denen die Liebe entstand und wieder verloren ging.

Heute bekam ich eine Mail, von Frau Dillig. Und diese Mail machte mich unruhig. Die Story passte die letzten zweieinhalb Jahre nicht ins NEON, aber jetzt hätten sie Platz. Ob ich mit meinem Text noch so zufrieden bin, und ob sie noch einmal einen Fotografen vorbeischicken solle. Hier der Text.

»Von meiner ersten Liebe war ich komplett abhängig, alles in meinem Leben drehte sich nur um meine Freundin. Wenn sie krank war, bin ich durch die ganze Stadt gefahren, um ihr Medikamente zu bringen. Aber sie reagierte genervt – wie bei allem, was ich aus Liebe tat. Am Ende der Beziehung schien sie innerlich nur noch mit den Augen zu rollen. Alles hat sie auf die Palme gebracht, jede Überraschung, jede Aufmerksamkeit. Alles nutzte sie, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Dann kam immer der Vorwurf, dass ich mich nicht wehren würde. Irgendwann kam ich mir wie ein Hund vor, der getreten wird und nicht zurückbeißt. Als Paar waren wir auch nicht mehr erkenntlich. Wenn wir zusammen irgendwo hingegangen sind, zog sie ihre Hand aus meiner. Wie schlimm das war! Doch obwohl sie mich manchmal übel behandelt hat, wollte ich sie ein Jahr lang zurück. Erst eine Therapie hat mir gezeigt, dass man Liebe nicht erzwingen kann.« [Der Text, der so ins NEON kommen würde]

Keine Ahnung, wie ich diese Geschichte durchgehen lassen konnte. Ich war nicht von der ersten Liebe abhängig, ich wurde es wohl erst, als es vorbei war. Ich bin nicht aufgrund der Abhängigkeit quer durch die Stadt gefahren, sondern weil ich sie liebte. Sie reagierte nicht immer genervt. Und ja, das Ende der Beziehung war nicht so prächtig, wobei der Abschluss trotzdem schön war. Am Küchenboden, mit stundenlangen Gesprächen. Und das mit der Therapie: ich erzählte am Telefon, dass ich die Therapie wegen des Todes meines Neffen machte, und da eben auch darüber sprach. Und es mir half. Aber ich machte die Therapie nicht deswegen.

Wir hatten 2008 mal Kontakt, es ging um eine NEON-Geschichte zum Thema, wie es ist mit jemandem zusammenzusein, der einem nicht gut tut. [Mail – 01122010]

[Man beachte den Themenunterschied.] Und was, wenn ich ihr nicht gut tat? Wenn ich genug Scheiße gebaut habe, die es rechtfertig, so mit mir umzugehen? Heute weiß ich es und es tut mir leid. Jetzt habe ich in meinem NEON.de-Postfach nachgeschaut und schon damals, im Sommer 2008 so gedacht. Ich habe Annabel einen Vorschlag als Text geschrieben, bei dem sie aber sagte, dass sie zwar ihren Text angepasst habe, aber nicht zu viel umändern möchte.

Meine erste Beziehung, meine erste große Liebe, ging nach einigen schönen Monaten immer mehr den Bach hinunter. Es entstand eine gewisse Abhängigkeit, ich engte sie ein, wollte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen und bekam sofort die typische Reaktion darauf. Ich hätte alles versuchen können, um sie zu überraschen, gab mich immer mehr für diese Beziehung auf, aber für sie war dies alles zu übertrieben. Wenn wir gemeinsam unterwegs waren, verdrehte sie oft genervt die Augen, zog ihre Hand aus der meinen und mit der Zeit konnte man uns gar nicht mehr als Paar erkennen. Ein Jahr und eine Therapie später habe ich aufgehört, ihr die Schuld an Zerbrechen der Beziehung zu geben, und es nun endlich eingesehen: Liebe kann man einfach nicht erzwingen.

Das wäre so im Stile: Ich spreche über meine Beziehung und die Abhängigkeit. Da wollte ich noch herausheben, dass war anfangs wunderbare Monate hatten und dass ich nun endlich soweit bin, nicht mehr ihr die Schuld zu geben. [NEON.de – 26062010]

Und deswegen werde ich Annabel antworten. Dass es mir Leid tut, und ich sie bitte, meinen Text nicht zu veröffentlichen. Dass es das nicht ist. Dass es ganz einfach nicht der Wirklichkeit entspricht. Und dass ich nie, nie, niemals ein Arschloch geliebt habe. [Und ich vielleicht einfach nur dieses Gefühl, geliebt zu werden, so wunderschön fand, dass ich süchtig danach wurde.] Tut mir Leid, liebes NEON. Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.

Liebe. [Ein Abschiedsbrief]

(via  Sara Alfredflickr)

Hey, du.

Es war wohl nie schwieriger, irgendwelche Worte zu finden. Worte, die auch nur ansatzweise dem gerecht werden könnten, was mir auf dem Herzen liegt. Ich erinnere mich noch an deinen letzten Blick zurück, als du mit dem Auto in meiner Einfahrt umdrehtest und dann den Weg zu dir nach Hause in Angriff nahmst. Und ich weiß auch, was ich dabei fühlte. Es ist kein schönes Gefühl. Es ist nicht schön, zu spüren, dass da etwas ist, was hier nicht sein sollte.

Erinnerst du dich noch an unseren ersten Kuss? Es war ein Kampf, eine Überwindung, eine persönliche Mutprobe. Ich habe schon andere Mädchen geküsst, aber bei dir war es trotzdem etwas Anderes. Als sich unsere Lippen zum ersten Mal berührten, war ich einfach nur froh, dass wir saßen. Meine Knie zitterten und die Welt um mich herum verlor mehr und mehr an Bedeutung. Es war wohl eines der schönsten Gefühle, die ich bis heute verspürte. Ich weiß nicht, wie du dich fühltest, aber das tut hier nichts zur Sache. Das hier ist mein Brief.

Erinnerst du dich an den Abend am Lagerfeuer, oder als wir gemeinsam in der Wiese lagen, die Wolken Wolken sein ließen und die Sonne hinter uns für den damaligen Tag das Zeitliche segnete? Als das Blau des Himmels überschattet war von den wunderbarsten Nuancen des Abendrots? Oder als wir durch das alte Gewölbe dieser Buchhandlung wanderten, an den vielen Säulen und Durchgängen vorbeihuschten und du irgendwann mit einem Reclambuch vor mir standest? Gedichte von Erich Fried und du hauchtest sie mir leise in meine Ohren, dass sich meine Nackenhaare noch heute wohlig aufstellen, wenn ich daran denke.

Manchmal ist es nicht gut, darüber nachzudenken, was war. Wir waren ein Traum, wir passten zueinander wie. Ach, es gibt nichts, mit dem wir zu vergleichen wären. Wir lebten unser eigenes Leben, in unserer eigenen Welt, sobald sich unsere Hände berührten und unsere Schritte der gleichen Richtung folgten. Wir bauten uns unsere Traumschlösser gemeinsam auf, hatten den Mut, schon nach so kurzer Zeit die unzähligen Zimmer mit IKEA-Möbeln zu bestücken und aus dem Nichts, das vorher war, entstand etwas ganz Besonderes. Aber vielleicht haben wir uns irgendwo nicht genug angestrengt.

Irgendetwas muss passiert sein und ich kann mir nicht erklären, was es ist. Unzählige Tage habe ich mir schon den Kopf darüber zerbrochen und mir überlegt, welchen Auslöser das nur haben konnte. Ich weiß es bis heute nicht, meine Liebe. Aber irgendwie fühlt es sich gerade so unendlich falsch an, in deinen Armen zu liegen und so unendlich falsch, in ihnen wieder aufzuwachen.

Es war keine Bestimmung, kein Schicksal, dass wir uns trafen, kein Glück, dass wir uns küssten und kein Wunder, dass aus dir und mir wir wurde. Es passte ganz einfach, und es fühlte sich gut an. Ich weiß nicht, ob du sie auch hattest. Aber mein Bauch war tage-, wochen-, monatelang voller Schmetterlinge, die sich mit ihren Flügelschlägen beinahe überschlugen. Es war mir alles Recht, Hauptsache, ich würde dich sehen, dich hören, dich spüren, ganz nah hier bei meiner Seite. Aber jetzt? Würde ich dich nun eine Woche nicht sehen, nichts von dir hören, es würde mir trotzdem gut gehen. Die Schmetterlinge sind weg, meine Liebe, und irgendwie ist jetzt alles anders.

Habe ich dir jemals von meiner Theorie des perfekten Moments erzählt? Nein? Diese Theorie besagt, dass Liebe nicht zwangsläufig etwas Unendliches ist. Du weißt, wie sehr ich die Ewigkeit hasse. Aber woran ich glaube, ist die Liebe für genau diesen einen Moment. Überschwängliche Liebe. Liebe, so sehr, dass es einen selbst überrascht, dass man so zu lieben im Stande ist. Und dieser Moment kann nur einen Blick lang dauern, ein paar Wochen oder manchmal sogar Jahre. Dieser Moment wird gefüllt mit Geborgenheit, Nähe, Zärtlichkeit. Mit Auf-den-Händen-Tragen und Gemeinsam-die-höchsten-Berge-Überwinden. Und ja, ich glaube, unser Moment liegt hinter uns.

Das ist das Furchtbare am Mensch sein. Nicht einsehen zu wollen, was jeder andere sieht. Bestreiten, was ist, um vorzutäuschen, was nicht ist. Dein letzter Blick zurück, gestern oder wann immer das war. Er war anders als all die anderen Tage davor. Und wie du vielleicht bemerkt hast, war mein Blick leer, während ganz langsam die Erinnerungen an uns in meinem Gehirn zu rattern begannen. Ich blickte deinem Auto noch nach, bis es um die Ecke des Hauses verschwand und zündete mir eine Zigarette an. Scharrte mit meinen Füßen am Boden und musste beinahe heulen, als all das Schöne an mir vorbeizog.

Wir beide haben gewagt, wovor viel zu viele Menschen Angst haben. Wir haben unsere Einsamkeit geteilt und begonnen, uns wortlos zu verstehen. Ein Blick von dir reichte oft schon, um mir den Mut zuzusprechen, den ich oft brauchte, um im täglichen Leben zu bestehen. Du hast mir Botschaften dagelassen, kleine Post-Its, wenn du mal früher weg musstest und ich noch schlief. Ich liebte es, wenn ich dann, nach dem Aufstehen aufs Klo ging, und mich eines deiner Post-Its daran erinnerte, mich hinzusetzen. Du bist der erste Mensch, der mich in seiner Nichtpräsenz so sehr zum Lachen brachte.

Und jetzt fühlt es sich plötzlich so komisch an. Sind es die Schmetterlinge, die in meinem Bauch womöglich ratzeputz verdaut wurden? Ist es womöglich die hoffende Gewissheit, dass uns nichts mehr auseinanderbringen könnte. Oder ist es vielleicht sogar deshalb, weil die Liebe fehlt? Ja, ich habe mir selbst Letzteres immer wieder durch den Kopf gehen lassen.

Doch dann spüre ich trotzdem wieder diese einzigartige Vorfreude, wenn mein Handy vibriert, ich abhebe und Sekunden warte, bis du dein erstes, fragendes „Hallo?“ zu mir rübersendest. Und ich fühle mich immer noch so nah bei dir, wenn du mir ganz zärtlich durch die Haare streichst, wenn wir wieder einmal nebeneinander einschlafen, Gesicht an Gesicht, Hand an Körper. Es darf nicht die Liebe sein, weißt du. Nicht das, nicht jetzt.

Vielleicht habe ich mir mit diese Theorie des richigen Moments ja irgendein Hirngespinst zusammengesponnen. Vielleicht besagt diese Momenttheorie ja einfach nur, dass es am Besten wäre, gemeinsam mit den Schmetterlingen zu gehen. Schmetterlinge sind wie Feuerwerkskörper und wenn die einmal erloschen sind, ist da eben auch nur mehr das Schwarz des Himmels. Vielleicht fühlt es sich nur deshalb so verdammt falsch an, weil wir in gewisser Weise ganz einfach berechenbar wurden. Aus unserer Liebe wurde Brauchen. Wir haben uns auf eine ungesunde Abhängigkeit eingelassen.

Wir haben es verlernt, verliebt zu sein. Wir spüren noch immer, dass wir etwas ganz Besonderes sind, aber es fühlt sich anders an. Veränderungen sind angsterregend und mir fehlt der Mut. Ich liebe dich, ja, das mache ich. Aber, warum ich dir eigentlich diesen Brief schreibe. Liebe mich. Zeige mir mit jeder Faser deines Körpers, dass du mich liebst, nimm mich in den Arm und fang mich auf, denn ich fühle mich gerade dem Fallen so nah. Mehr ist es nicht. Nur einmal noch dieses Gefühl.

Und dann können wir ganz rational vorgehen. Wir wären dann nicht mehr diese Menschen, die bei jeder Rolltreppe auf- und abwärts, küssend die gestressten Linksüberholer aufhalten. Wir könnten auch auf den Pärchensitz im Kino verzichten, weißt du. In Wahrheit ist es mir eben doch lieber, auf beiden Seiten meines Sitzes eine Lehne für mich zu haben. Und wenn du Lust auf Chinesisch und ich auf Pizza habe, dann machen wir das auch. Wir sind nicht eins. Wir hätten wohl auch nie dieses Gefühl bekommen sollen.

Ich glaube, jetzt ist es gerade noch rechtzeitig genug, um wieder damit zu beginnen, du und ich zu sein. Du und ich und wir beide hätten die Möglichkeit, ein außergewöhnliches Leben zu führen, mit dir an meiner Seite. Wir hätten die Macht, all unsere Träume zu verwirklichen und würden niemals aufgeben. Niemals. Wir haben aufgehört, verliebt zu sein. Vielleicht ist es jetzt unsere Aufgabe, uns täglich neu zu verlieben.

Es wäre schön, wenn wir das schaffen würden, weißt du.

Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Wenn wir es nicht schaffen, dann ist es okay. Wir sind auch keine Menschen, die Wunder vollbringen können. Wir sind auch nur genau solche Menschen, die manchmal ganz einfach mit dem offenen Mund in einen Haufen Hundescheiße stolpern. Wir dürfen uns irren und wir dürfen auch der Liebe freien Lauf lassen. Die Liebe ist nicht für ewig, nichts ist für ewig, nichts.

Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Aber vielleicht kommt irgenwann einmal der Tag, an dem ich deine Post-Its wutentbrannt von allen Stellen der Einrichtung herunterreiße und am Klo ganz einfach aus Protest stehen bleibe. Wenn du neben mir einschläfst und ich kein Auge zubekomme. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass nach dem Ende der Schmetterlinge, früher oder später auch ein Ende von allem hier ansteht.

Wenn das wirklich eintreten sollte, dann lass uns ehrlich zueinander sein. Zueinander und zu jener Welt, die außerhalb der Unseren ihren Alltagstrott ausbreitet. Lass uns nicht nach Gründen suchen, oder nach Möglichkeiten, wie wir es eben doch schaffen könnten. Weil wir es ja doch nicht würden. Wir würden uns einen Plan für die Zukunft zusammenschustern, was wir nicht alles tun würden, um diese Beziehung aufrecht zu erhalten, und in Wahrheit schaufeln wir weiter und weiter ein Grab für unsere Wunschvorstellung. Lass es uns bitte akzeptieren, lass uns darüber reden.

Wir sind keine Zauberer und wir schaffen auch keine Wunder. Wir sind ordinary people. Mit der architektonischen Kraft, Schlösser bis hoch in den Himmel zu bauen. Aber wir haben auch die Fähigkeit, all das wieder einstürzen zu lassen. Und wenn wir mal unter einem unserer Trümmer begraben liegen, sollten wir wissen, dass es genau so gut war. Das es das jetzt war und dass ein Wiederaufbau nur wenig Sinn hätte. Lass uns die Zerstörer unseres Imperiums sein und schenken wir uns dann einen letzten Kuss.

Finished: 23:03 Uhr, 19. September 2010
In gewisser Weise eine Inspiration:
hoch21 mit
Ein Brief über Liebe [2008]
Bald auch auf: NEON.de, jetzt.de
und womöglich auch als Podcast

[Coming of Age]

„Ich wünsche mir nichts mehr, als dass du endlich sterben würdest.“ Im selben Moment, wie ich diese Gedanken scheinbar laut gedacht habe, bemerke ich diese unpassende Wortwahl. „Sterben könntest‘ wäre besser, denn es ist wahrlich eine Kunst, mit Stil zu sterben. Ohne dabei nicht auch nur ansatzweise den Respekt vor dem Leben zu verlieren. Aber komm‘ schon, reden wir über etwas anderes …

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