Eintauchen.

Das kalte Wasser legt sich um seine Haut.
Er spürt den Schmerz.
Und folgt ihm.
Hinein in das eiskalte Nass.
Eintauchen.

Wahrscheinlich muss ich meist hineingestoßen werden. So wundervoll einfach ich selbst gerne in unbekannte Gewässer springe, so scheint die Metapher nur unter Mithilfe eines anderen Menschen zu funktionieren. Ein Stoß reicht meist aus, und ich gelange an den Punkt, an dem sich keine Rückkehr mehr auszahlt.

Dann heißt es: nach vorne sehen. Nicht in der Vergangenheit schwelgen. Sich den neuen Aufgaben stellen. Und immer und immer (und noch so viele verdammte Male) über den eigenen Schatten springen. Selbst wenn die Glieder nach jedem Sprung schmerzen. Sie bringen einen nach vorne. Weiter. Weiter hinauf auf den Berg, den man zu besteigen zuvor nicht bereit war.

Das wahre Leben beginnt wahrscheinlich erst, wenn man bereit ist, sich hinzugeben. Und einzutauchen.

Bild von bourdrez

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„Und, was ist so passiert bei dir?“

Sie fragt mich, nachdem wir uns jetzt wohl genau ein Jahr nicht mehr gesehen haben. Ich lächle. 

„Willst du eine Kurzfassung oder die ganze Geschichte?“

Diesen dummen Klischeefilmsatz hasse ich und deswegen habe ich ihn hier auch benutzt. Ich kenne die Antwort ja schon. Bevor ich mit meiner Geschichte beginne, suche ich mir noch einen gemütlichen Platz für meinen Kopf in ihrem Schoß. Und kaue an diesem saftig grünen Grashalm herum.

„Eigentlich ist es ja nichts. Nicht wirklich. Eigentlich war das letzte Jahr nur das „Danach“ worauf ich so lange Zeit wartete und hoffte.“
– „Und?“
„Ich wurde enttäuscht. Derbstens enttäuscht.“

Sie streicht mir durchs Haar und sieht mir dabei in die Augen. Als würden ihre Augen in ein tiefes schwarzes Loch fallen, verlieren sie sich in den meinen.

„Wien war nicht das, was ich erwartete. Wien war Neubeginn. Und für das war ich einfach noch nicht bereit. Und ich bin es selbst jetzt noch nicht. Ich mache mir einfach nur eine schöne Zeit daraus.“
– „Wien ist … anders.“
„Mhm. Und mal sehen, wie es in St. Pölten sein wird. Dahin möchte ich nämlich nächstes Jahr ziehen.“
– „Ein neues ‚Danach‘, oder wie?“
„Mhm. Nur eben irgendwie anders.“

Ihr Hand berührt sanft meinen Hals. Die Nackenhaare bäumen sich auf.

„Aber. Wie soll ich es sagen. Es … es geht mir gut!“
– „Ah. Das ist schön.“
„Ja. Es … es kam über Nacht.“
– „Das ‚Gutgehen‘?“
„Mhm. Ich kann mich zumindest an keinen Auslöser erinnern. Es geschah.“

Und es fühlt sich gut an. Verdammt gut. Sie hat immer noch diese schönen Augen.

„Und … das heißt: Ich bin scheinbar wirklich über meine Exfreundin hinweg gekommen. Und ich habe einen Weg gefunden, mit dem Tod meines Neffen umzugehen. Ich bin gerade der größte Optimist, der geborene Selbstüberschätzer, der Träumer, der Held von morgen. Und heute. Und gestern.“

Als sie blinzelt, erkenne ich, dass sie sich für mich freut.

Foto von sophiea

Der Stein und das Herz.

Manchmal geht es um einiges schneller als man glaubt. Und von einem Moment auf den anderen entschließt man sich zu etwas, und verändert damit so gut wie alles, was in den letzten Jahren Bestand hatte, was sich nie veränderte. Aus kleinen Holpersteinen wurden schlussendlich Brocken, aus kleinen Gefühlsungereimtheiten ein Stein auf dem Herzen. Manchmal packt man den Mut und tut es.

Auch wenn es weh tut.
Auch wenn es sich möglicherweise falsch anfühlt.
Auch wenn man es in zehn Minuten wieder zurücknehmen würde.

Ich melde mich ab. Versuche zu helfen, wo es etwas zu helfen gibt. [Es geht nicht um mich.]

Genießt die nächsten Tage, ich werde es schlussendlich wohl auch tun.

[…] was wir im Grunde für das Richtige halten.

Plötzlich dreht er sich um und sagt, ganz so als würden wir ein Gespräch führen, zu mir: “Aber was mich wirklich beeindruckt ist, dass wir eigentlich die größte Angst vor genau dem haben, was wir im Grunde für das Richtige halten.” [4404 | Alternativen]

Nachdem der Wind meine sowieso schon störrischen Haare ein weiteres Mal durchfährt und ein Chaos zurücklässt, bleibe ich stehen und sehe mich um. Die Sonne scheint, zwischen den Häuserschluchten ist immer noch der blaue Himmel zu sehen. Doch für den kurzen Moment scheint gerade wieder einmal nichts wirklich zu passen. Überlegungen müssen angestrengt werden, um am Ende nicht vollkommen überrumpelt dazustehen. Doch schon der nächste Schritt ist gezeichnet von Zuversicht. Blinder, naiver Zuversicht. Wie ein kleines Kind, welches stolpert, sich erschreckt, die Kieselsteine aber sofort wieder sorgfältig aus den zarten Kniescheiben herauspuhlt um unbesorgt den Weg fortzusetzen. 

Es ist nicht schwer, sich glücklich zu fühlen. Man kann sich vieles einreden, kann vom unendlichen Glücksgefühl sprechen, sich hineinsteigern und plötzlich ist es ein Muss. Ich weiß nicht, ob es das ist, was mich seit Wochen und Monaten so schweben lässt, ganz sanft. Aber es ist doch immer unsere Aufgabe, einfach mal aufzustehen. Genau das ist es doch, wofür wir leben. Würden wir bei jedem kleinen Hindernis liegen bleiben, wäre die Welt gesäumt von liegengebliebenen Gestalten. Man muss noch vorne blicken. Und voller Angst in die ungewisse Zeit hineinleben.

Ich erinnere mich noch an die Magenkrämpfe, die mich vor und während meiner ersten Wochen in Wien begleiteten. Der Neuanfang, den ich mir so lange wünschte wurde zu einem schmerzhaften Pfad, der erst nach und nach durch Bekanntschaften und Begegnungen aufgelockert wurde. Was für mich noch ein viel größeres Problem als die Angst selbst darstellt, ist die ständige Frage, ob es das Richtige ist, was ich hier tue. Ob ich nicht für etwas anderes bestimmt bin. Der eingeschlagene Weg ist die Notlösung bis ich endlich dazu im Stande bin, meinen großen Traum zu verwirklichen. So denke ich zumindest. Wie lange es noch dauern wird, und wie ich mich dann schließlich verhalten werde, weiß ich nicht.

[…] was wir im Grunde für das Richtige halten. Was ist richtig und was falsch? Ich entscheide dabei immer aus dem Bauch heraus. Und nach der einfachen Grundregel: Richtig ist, was mich glücklich macht. Bis jetzt bin ich immer gut damit durch die Welt spaziert. Dass sich in diesem Jahr sowieso wieder alles zum Guten, zum Besten und womöglich gar zum Großartigsten wenden wird, davon bin und bleibe ich überzeugt. So ganz naiv und blind. 

Bild von Sam Jolly

Nein. Es wird nie wieder so sein. Es wird anders. Anders schön.

Ich weiß nicht, ob sich jeder in meine Situation und in meine Gedanken hineinversetzen kann. Wer von euch hat schon einmal etwas so sehr liebgewonnen und – innerhalb eines kurzen Tages, eigentlich innerhalb weniger Sekunden, innerhalb eines Moments – ist alles so, wie es nie hätte sein sollen. Am Schrecklichsten ist es, wenn es sich dabei um einen Menschen, ein Kind handelt. Hätte ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass all das passieren würde, ich hätte mich selbst ausgelacht. So unrealistisch, so unwirklich mutet all das an.

Nicht verstehen, sondern akzeptieren. Warum all das passiert ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es passiert ist. So schmerzhaft allein dieser Gedanke ist, so soll er mich doch nicht davon abhalten, nach vorne zu blicken. Ich weiß: Damals, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht nur das, versank ich in ein Loch, in eine Höhle, verlor den Kontakt zur Außenwelt und orienterte mich vollkommen neu. Über diese Neuorentierung freue ich mich nun im Nachhinein, muss ich  zugeben. Vieles hat sich zum Besseren gewandt. Aber es hat lange gedauert, bis ich die Tatsache akzeptieren konnte, dass es nie wieder so sein würde. Dass nie wieder sein Lächeln mich aufmuntern kann.

Ein Gespräch mit meiner Mutter, eines unserer täglichen Telefonate, brachte mich zurück zu diesem Thema. Der Wunsch meiner Schwester, ein Kind zu kriegen, wächst von Tag zu Tag. Und jeder von uns kann verstehen, warum. Niemand von uns kann fühlen, wie es innen drin in ihr aussieht. Aber ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass ihr Wunsch bald in Erfüllung geht.

„Aber es wird nie wieder so sein.“
„Nein. Ich weiß.“
„…“
„Es  wird anders schön.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und all unser Leben nach der Vorstellung konzipieren, wie es war, als es war. Es ist nicht mehr, und selbst wenn es heute noch so oft schmerzt, so bin ich mir vollkommen sicher, dass alles gut wird. Anders gut, wahrscheinlich. Aber gut.

[Und Menschen nach Maßstaben zu messen ist niemals okay.]

Und ich hoffe, es geht dir gut.

Weißt du, manchmal denke ich noch darüber nach, wie es wäre, wenn wir es geschafft hätten. Wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Er war mir wichtig und ging mir monatelang nicht aus meinem Kopf. Und doch habe gerade ich die Verwirklichung eben dieses meinen Wunsches torpetiert. Mit jeder dummen Nachricht, die ich dir in diesen Social Communities geschickt habe. Mit jeder melanchotraurigen SMS, welche ich dir nächtens, um zwei oder drei in beinahe brennender Schlaflosigkeit gesendet habe. Mit all diesen Gedanken und den Gefühlen, denen ich viel zu lange viel zu viel Platz eingeräumt habe in meinem Leben. Ja, selbst heute denke ich noch manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn das Danach irgendwie anders verlaufen wäre. Wenn ich weniger Kind und dafür mehr Mensch gewesen wäre. 

Ich habe im Versuch, aus Liebe Freundschaft zu machen, vielleicht sogar aufgehört zu leben. Rein geistig. Ich schritt zwar körperlich weiter voran, und wechselte geografisch sogar meinen Wohnort. Aber im Gedanken blieb ich bei dir und hoffte manchmal auf eine mögliche noch aufkeimende Freundschaft, und leider viel zu oft auch noch auf möglicherweise noch nicht erloschene Liebesgefühle. 

Ich weiß nicht, ob ich dir zurecht nachgetrauert habe. Ob meine Stalking-Auswüchse gesunder Natur waren. Ich weiß einfach nur, dass die Zeit mit dir eine wundervolle und – trotz allem – erinnerungswürdige (und wahrscheinlich auch eine exquisit schöne) Zeit war. Ich hätte mit unserer Vergangenheit nicht spielen, mit meinen Gefühlen nicht jonglieren und mit meinen Worten nicht noch weiter Öl ins Feuer gießen sollen.

Ob ich nun für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass es nicht möglich ist. Dass man nicht von einen Tag auf den anderen von Liebe auf Freundschaft umswitchen kann. Ich würde es auch gar nicht. Aus Liebe kann Freundschaft werden. Zwar bedeutet es viel (wirkliche) Arbeit und einen schönen Batzen Zeit. Aber es funktioniert. Ich weiß nicht, ob du es denn jemals versucht hast. Aber ich weiß zumindest, dass die wohl größte Schuld hier bei mir liegt.

Ich weiß. Du hasstest meinen Blog, du hasst ihn möglicherweise immer noch, aber du wirst ihn wahrscheinlich nicht mehr lesen. Ich verstehe dich. Warst du doch mehr als ein Jahr lang Vorlage für rund 90 Prozent meiner Texte über Liebe. Selbst ich würde mich im Nachhinein für all dies hassen, wäre ich denn in einem Zustand wie jetzt zu so etwas im Stande.

Mein Leben hat sich verändert. Von einem Moment auf den anderen. Es geschah. Irgendwann Anfang des Jahres. Völlig unscheinbar und anfangs nur spärlich bemerkbar veränderte ich meine Sicht der Dinge. Ich bin viel gesonnener, viel ruhiger. Und ja, erst seit diesem Datum, beinahe zwei Jahre nach unserer Trennung, kann ich mich mit einem Lächeln an unsere Zeit zurückerinnern. Erst seit diesen Tagen bin ich über dich hinweg. Vielleicht freut es dich, das zu hören.

Ich finde es traurig, dass es so lange hat dauern müssen. Dass so viel passsieren musste. Am Liebsten würde ich mich hiermit mit einem Schlag für alles entschuldigen. Aber dazu müsste ich mir selbst erst einmal verzeihen. Ja, hörst du es. Ich bin unfähig, mich selbst zu hassen. Aber ebenso unfähig, mir selbst zu verzeihen. Eine dieser Ungereimtheiten in meinem Leben, die dich damals oft den Kopf schütteln ließen. 

Ob ich denn jetzt noch Interesse an einer Freundschaft habe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Womöglich, weil es mir auch jetzt gerade so überhaupt nicht in mein Leben passt. 

Seit einigen Monaten (und eben seit diesen ominösen Tagen zu Jahresbeginn) schwebe ich auf einer Welle. Bin mit mir selbst zufrieden, glaube an meine Träume, tauche in Optimismus, und fröhne dem Genuss. Nichts kann mich unterkriegen (selbst einige Selbstversuche zeigten glücklicherweise keine veränderte Wirkung). Man könnte einfach sagen: ich lebe. Womöglich zum ersten Mal seit ungefähr zwei Jahren. 

Es freut mich.  
Und ich hoffe, es geht dir gut.

Vor dem Ertrinken.

260309nw

Eiskaltes Wasser. 
Langsam füllen sich die Nasenflügel. Die Augen, fest zugepresst. Die Stirn beinahe in Windeseile erfroren. Nur noch Sekunden. Und. 

Er taucht wieder auf. Das Waschbecken ist bis zum Rand gefüllt, nur der kleine Abfluss am oberen Ende hindert es daran, den ganzen Raum unter Wasser zu setzen. Und immer noch läuft der Wasserhahn und pumpt mehr und mehr Wasser hinzu. Die Sinne scheinen versagen zu wollen, und der Kopf nickt. Sollen sie doch. Einfach fallen lassen. In dieses dunkle Loch aus eiskaltem Wasser. Es tötet ab und zerstört. Zerstört mit einem Mal so vieles.

Und. Die Luft ist angehalten. Er taucht wieder ein, in dieses kleine Becken. Die Eiseskälte läuft von seinem Hinterkopf hinab. Die Augen schmerzen. Doch er muss immer stärker versuchen, ruhig zu bleiben. Es sind Schmerzen. Und.

Ein letztes Mal taucht er auf. Mit nassen Haaren erinnert er sich an die letzten Tage zurück. So vieles hat er erledigt, hat Dinge geschafft, die er sich schon seit Tagen, seit Wochen, seit Monaten. Ja, sogar seit einem Jahr vorgenommen hat. Er scheint alles zustande zu bringen und trotzdem braucht er gerade dieses Gefühl. Diesen Schmerz. Steine sind von seinem Herzen gefallen, sein Kopf wird immer leerer. Immer leerer und seine Angst immer größer. 

Diese eisige Wärme legt sich um seinen Kopf. Und er setzt zum alles entscheidenden Punkt an. 

Er brüllt all‘ seine Wut, seine Angst, seine Ungewissheit hinein in dieses stille Wasser. Niemand hört ihn dabei. Und doch. Seine weit aufgerissenen Augen zeigen ihm. Er hat sich gerade selbst vor dem Ertrinken gerettet.

Foto: Ein Ausschnitt dieses Bildes von Martin Kingsley

Du liebst mich. Ich liebe dich nicht.

Hey.

Ich weiß es. Und ich wusste es schon vor Monaten. Und warum habe ich nichts gesagt, warum habe ich nicht die Initiative ergriffen, um es zu sagen, um es zur Sprache zu bringen? War es meine eigene Feigheit über gerade dieses Thema zu sprechen, welches mich selbst schon viel zu viele Male selbst betroffen hat? Oder ist es einfach die Angst davor, jemand anderen gehörig zu enttäuschen? Man enttäuscht sehr ungerne, aber manchmal geht es einfach nicht anders. Manchmal ist es einfach so und man kann nichts daran ändern. Warum jetzt das Ganze? Ich weiß es nicht.

Es tut mir Leid, dass Liebe weh tun kann. Oder das Verliebtsein. Liebe ist ein zu mächtiges (und auch ein so schönes Wort), als dass man davon überhaupt zu reden beginnen sollte. Aber das tut es. Es tut weh und manchmal glaubt man wirklich, dass einem das Herz zerspringt. In Tausend Teile und ohne Anleitung zum Wieder-Zusammenbauen. Ich wollte nie ein Grund dafür sein, dass jemand das schmerzhafte Verliebtsein erlebt. Aber wie schon gesagt: Manchmal geht es einfach nicht anders.

Ich kann hier jetzt keine Lösung nennen, oder ein Kummerheilrezept. Könnte ich das, wäre ich wohl auch noch zu anderen Wundern im Stande. Aber man muss, so Leid es mir tut, da einfach durch. Durch all die Schmerzen, die gedanklichen Dauerregenfälle, durch tränendurchweichte Gedanken. Das gehört genauso dazu. Leider. Liebe sollte eigentlich schön sein, ich weiß. Ich habe es selbst sogar schon ein Mal erlebt. Jeder sollte das Anrecht auf das Erleben dieser wundervollen Liebe haben.

Aber ich kann dir nicht geben, was du von mir verlangst. Du weißt doch: Zur gegenseitige Liebe braucht man immer zwei. Aber das fehlt bei mir. Kein Knistern, kein Wusch, kein Leuchten in meinen Augen, keine Schmetterlinge. Nichts. So ist es eben. Ich selbst kann daran nichts ändern und eine alte Weisheit aus all meinen misslungenen Verliebtheitserfahrungen lautet: Man kann/darf/soll nichts erzwingen. Vor allem kann man es nicht. Hätte es irgendwann einmal Klick gemacht, oder Wusch oder wie auch immer, du hättest davon erfahren. Aber es fand nicht statt.

Ich selbst habe schon einmal am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man in jemanden verliebt ist, aber dieser jemand nicht bereit ist, sich voll und ganz der Beziehung hinzugeben. Keine 100 Prozent.Manchmal hat man einfach nicht die Kraft, den Willen oder die Möglichkeit dazu. Wobei es wahrscheinlich vermessen ist, so etwas überhaupt zu verlangen.  Aber man sollte nie eine Beziehung starten, wo man schon zu Beginn das nahe Ende vorhersehen kann. Deshalb kann man eigentlich einfach nur froh sein, dass nichts passiert ist. Die Verletzung danach wäre viel tiefgehender, viel herzausschürfender, viel beschissener. Das wünsche ich niemanden, und ich möchte auch nicht der Grund für so etwas sein.

Wahrscheinlich kann ich mir nur schwer vorstellen, wie es dir jetzt geht. Es tut mir Leid. Für jedes mögliche Anzeichen, das du vielleicht falsch interpretiert hast. Für all deine Erwartungen, die nun unerfüllt bleiben. Für dich. Das hast du nicht verdient und das hat niemand verdient. Es tut mir Leid, dass ich Grund für all die Enttäuschung bin. 

Wie kommen wir über all das hinweg? Gibt es dafür einen Ausweg? Einen Notausgang, der uns noch einmal bei 0 beginnen lässt, als wäre nichts geschehen. Nein, den gibt es nicht. Man kann maximal versuchen, aus all dem noch das Beste rauszuholen. Behalten wir doch unsere – in den letzten Monaten – entstandene Freundschaft bei. Ich genoss es, mit dir bei Kaffee oder Jugendgetränk über die verschiedensten Themen zu sprechen oder im Weltcafé einen ruckelnden Film anzusehen. Tun wir doch einfach so, als wäre nichts geschehen. Zwar kann man Gefühle nicht von einen Moment auf den anderen abschalten. Dazu fehlt eindeutig der Stopp-Taste. Sie werden noch bleiben, soweit ich weiß. Noch einige Zeit. Außer man versucht, sie mit aller Gewalt zu unterdrücken (was aber höchstwahrscheinlich nicht den erhofften Effekt hervorrufen würde). Aber lass‘ es uns doch einfach gemeinsam versuchen, über diese Zeit hinwegzukommen. Vielleicht bist du ja an der Weiterführung der Freundschaft interessiert, und vielleicht verschwinden die Gefühle in absehbarer Zeit auch wieder. 

Was ich aber jetzt brauche, ist vielleicht mal eine Pause. Zu vieles läuft gerade in meinem Leben ab. Ein arbeitsintensives Studium, viele Veranstaltungen, immer auf Achse. Und wie gewöhnlich brauche ich jetzt gerade sehr viel Zeit für mich allein. Gib mir die Zeit, die ich brauche. Und dann verspreche ich dir, dass ich alles daran setzen werde, unsere Freundschaft zu erhalten. 

Ich hoffe, du liest diesen. Brief? Ich hoffe, du verstehst ihn. Ich würde am Liebsten keine weiteren Worte mehr darüber verlieren, bin am Ende angelangt, hab‘ geschrieben, was geschrieben werden musste und fühle mich jetzt nur etwas müde und ausgelaugt. Und um nicht mit den berühmten (und wahrscheinlich schon geflügelten Worten) Das wars. zu enden, überlege ich mir noch schnell, die richtigen Worte zum Schluss.

[…]

Ich wünsche dir, dass du die Person findest, mit der du glücklich wirst. Ehrlich.
Nur ich.

Ich bin es nicht.

Angst vor. [Ein Epilog]

Manchmal, wenn wirklich beinahe alles irgendwie gut aussieht. Dann hat man plötzlich Ängste. Vor ganz banalen Dingen.

Eine Angst, die mir zurzeit sehr oft unterkommt, ist die Angst, beim Auswahlverfahren für das Publizistikstudium zu scheitern. Dieses Semester dürfen „nur“ 962 Studenten ins zweite Semester aufsteigen und so die Studieneingangsphase womöglich schon im zweiten Semester abschließen. Und eigentlich sieht es ja beinahe schon so aus, als müsste man nicht wirklich viel können, um da hinein zu kommen. Drei Prüfungen entscheiden über das Weiterkommen. Und die Prüfung mit den meisten Anmeldungen umfasst gerade mal 1015 Studenten. Wenn man die Tatsache, dass vielleicht 10 Leute nicht antraten und weitere 5 oder so schon zum dritten Mal antreten (und so nicht in unser Auswahlverfahren fallen), müssten gerade einmal 35 Menschen es nicht schaffen. Das heißt: 35 Menschen müssten schlechter sein als ich. Warum ich denn nun Bedenken habe?

Ich bin vielleicht einer, der für das Publizistikstudium, allein vom Interesse her, sehr gut geeignet ist. Ein Wissenstest (30 Fragen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen) endete mit rund 700 Studenten, die zwischen 0 und 10 Fragen wussten, 300 die zwischen 11 und 20 Fragen richtig beantworten konnten. Und genau 11 [in Worten: elf] die 21 bis 30 Fragen wussten. Laut meiner eigenen Einschätzung war ich einer der 11. Ich könnte auch die Aufnahme in die Journalistenschule in Wien schaffen, und ich bin auch einer der wenigen Erstsemestrigen, die von den Medien 2.0 und auch all dem Papierkram 1.0 schon zu einem großen Teil Bescheid wussten. Ich wäre also perfekt für das Publizistikstudium (und natürlich auch für das vorzeitig abgebrochene Politikwissenschaftsstudium, welches ich im 2. Semester wieder aufnehme). Und trotzdem die Angst vor dem Scheitern?

Das erste Semester in Publizistik (und scheinbar auch in allen anderen Studienrichtungen) ist voll mit unumgehbarer Theorie: Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten, Einführung in das wissenschaftliche Schreiben, das wissenschaftliche Denken, das wissenschaftliche Lesen. [Horror!]. Und die Prüfungen waren zum Teil zwar logisch, aber das dumpfe Erlernen der Statistik-Theorie stößt mir selbst jetzt noch ungut auf. Und so habe ich Angst: Angst, dass Leute, die ihre ganze Schulzeit auf purem Auswendiglernen aufbauten und das nun auch bei ihrem Studium fortsetzen, ihren Platz im Auswahlverfahren bekommen, obwohl sie vielleicht überhaupt keine Ahnung vom aktuellen Weltgeschehen und von den Medien haben, in denen sie irgendwann einmal arbeiten wollen. 

Es wäre peinlich. Ich würde mich schämen, wenn ich einer der 35 oder der 50 Leute wäre, die es nicht schaffen würden. Die Prüfungen waren schwer und ich habe vielleicht auch etwas zu spät angefangen, zu lernen. Und es ist sehr wahrscheinlich dass ich es ja nun auch wirklich geschafft habe. Aber die Angst bleibt eben da. Und ich halte euch natürlich auf dem Laufenden. (der 15. Februar gilt als das Datum der nächsten Woche). 

Und das hier war jetzt ein Epilog. Ein Nachwort. Nach all den ersten Wochen und Monaten meines ersten Semester. Es war aufregend, erdrückend, langweilig, spannend, interessant. Es war so vieles. Und deswegen freue ich mich auch schon auf das zweite Semester, welches im März schon wieder losgeht. Und habe nun jetzt noch einige Aufgaben in den Ferien: das Schreiben einer Bewerbung für die Fachhochschule in St. Pölte, das Schreiben einer Bewerbung für ein Volontariat beim Standard. Und irgendwas wird dann eben so passieren. Das Gefühl, dieses „Es geht mir gut“-Ding, ist immer noch da. Und das ist auch gut so.

Im Müllsack. [Ein Abschiedsbrief]

Und dann.

Ich muss zugeben, ich musste erst unter all dem Müll suchen, bis ich den dafür vorgesehenen Sack fand. Schon vor Wochen hatte ich ihn mir bereitgelegt, um endlich ein bisschen auszumisten. Oder besser gesagt: Um den Boden wieder begehbar zu machen. Aber die Motivationskrise, wahrscheinlich resultierend aus dem stupid-einfärbigen Anblick des verschneiten Winters und dem Zustand der Weltwirtschaft an sich, ließ ihn beinahe schon mit dem eigenen Verfallsprozess beginnen. Aber heute habe ich ihn gefunden, herausgekramt und fühle mich nun dazu im Stande, mit diesem Chaos Schluss zu machen. Vor allem, um auch den immer stärker werdenden Geruch zu bekämpfen.

Ich will jetzt nicht wie dieser Typ klingen, der mit 30 Jahren, in Jogging-Hose, Brille und zerwuschelten Kurzhaar zuhause wohnt, [wobei Brille und zerwuscheltes Haar eindeutig hinkommen würden], aber meine Mutti sagt immer, das Aufräumen hier in meinem Zimmer ist der erste Schritt, um den Chaos in meinem Leben entgültig zu bekämpfen. Meine Mutti glaubt nämlich, mein Leben sei chaotisch. Nur weil ich eben nicht dieser Typ bin, der mit dem Terminkalender in der Hosentasche durch das Leben rennt, auf der Suche nach Terminen, die meinen Alltag beeinflussen. Und ich bin eben auch nicht der Typ, der ’ne Stunde vorher losfährt, um ja überpünktlichst eben einen solchen Termin einzuhalten. Bei mir muss man immer die geplante Ankunftszeit plus der durchschnittlichen Fahrzeit einplanen. Und dass ich nicht der Typ bin, der sich schnell entscheidet und sich an Stimmungsschwankungen manchmal fast zu sehr verschluckt, haben wohl auch schon so einige erkannt. Aber ich würde nicht sagen, dass mein Leben chaotisch ist. Und dass mein Zimmer, diese (geräumigen, aber unglaublich schlecht genutzten) dreißig Quadratmeter, irgendetwas mit meinem innersten Ich zu tun haben, habe ich meiner Mutter sowieso schon mal nicht abgenommen.

Nach einigem Stöbern finde ich ihn wieder. Diesen einen Pullover, im Übrigen mein Lieblingspullover. Stimmt. Ich hatte ihn nach diesem einen Mal in diesem verrauchten Lokal spät nachts einfach ausgezogen und habe ihn auf den Boden geworfen. Der Rest hier im Zimmer war wohl schon zu voll mit all der Schmutzwäsche. Und so krame ich ihn heraus und erfreue mich auf absolut kindliche Weise über diese wohlwollende Entdeckung zu Beginn meiner Expedition. Und während ich all die Wäsche schnell in meine ausgebreiteten Arme stopfe, und sie hinübertrage in die Waschküche (zwischen ihr und mir liegen tatsächlich nur wenige Meter und zwei Türen), erkenne ich zum ersten Mal seit Langem diesen einen tollen Teppich wieder. Er, mit seinem rot-schwarz-gekringelten Etwas, welches ihn auf irgendeine Art und Weise wundervoll psychedelisch wirken lässt. Und mit einer umgreifenden Armbewegung schiebe ich all den Mist auf diesem Boden (neben Zeitschriften, und verschiedenen Discs auch mal das ein oder andere Teller und Besteck) immer weiter vom Teppich weg. Das würde es also sein. Meine ersten Quadratmeter dieser neuen Welt. Und wie auch schon bei der Entdeckung des Pullovers, fühlte ich mich jetzt wie Kolumbus 1492, als er Indien zu entdecken glaubte. 

Um mein Land zu verteidigen, lasse ich mich auf meinem Teppich nieder, den Müllsack nur knapp neben mir platziert. Und beginne, all den Kram am verschobenen Boden zu Sortieren. Neben dem einen Stoß namens „Vielleicht noch nützlich“ befindet sich auch noch ein „Du Vollidiot. Das sind Akten!“-Stoß. Und eben der Müllsack. Der das entgültige Ende bedeuten solle. Und so greife ich jeden einzelnen Zettel auf, beginne manchmal zu lesen, blättere in Zeitschriften und bohre auch mal aus purer Laszivität in meiner Nase. Die Zeit hier auf meiner rot-schwarz-gekringelten Insel scheint stillzustehen. Und von Fortschritt kann man deshalb auch nichts sehen. Denn irgendwann verliert der Sack immer mehr seine Daseinsberechtigung und man sieht in jedem Müll-Utensil irgendeine Bedeutung für die nähere Zukunft. Und schließlich packe ich all das zusammen und schiebe es in ein freies Fach in diesem einen riesigen Raumteiler vom schwedischen Möbelhaus. 

Mein Raumteiler ist ja eine Besonderheit. Denn leider kann er seine Profession nicht direkt ausleben, da er aufgrund komplett falscher Architektur meines im Gedanken aufgebauten Zimmers nicht wirklich Platz hat, um den Raum zu teilen. Und so nimmt er einen beträchtlichen Teil der länglichen Teilseite ein. Und je nach Motivation sieht man die Wichtigkeit der Dinge. Auf nichts in den ersten drei Reihen würde ich verzichten wollen. Und die Reihen vier bis fünf sind meine Fächer für den Müll. Wenn eben der erste Enthusiasmus nachgelassen hat. Durch das Ausnützen aller bisher ungenützten Stauräume in meinem Zimmer wird der Boden immer leerer. Das Parkett wirkt matt, und die durch Fingerabdrücke verschmutzten Fenster lassen natürlich nicht das richtige Licht herein. Irgendwann beginne ich, mit einem Mop zu wischen, und anschließend den restlichen Staub zu saugen. 

Das wars. Eigentlich. Doch es ist immer so. Nachdem ich die für andere völlig unverständliche Unordnung am Boden meines Zimmers in Ordnung gebracht habe, nehme ich mir stets meine Bücher, CDs, Filme und Spiele vor, um sie in ihrer Ordnung (natürlich auch für alle vollkommen unverständlich) neu zu ordnen. Dafür nehme ich mir meistens die längste Zeit. Um den Soundtrack meiner letzten Jahre zu betrachten. Die Bücher, die mich verfolgten, oder zum Teil auch immer noch begleiten (auf so manche Zugreise oder auf die Toilette). Und daneben auch noch Bilder. Von meinem Neffen. Meiner besten Freundin. Für diese Arbeit brauche ich keinen Müllsack. Das sind Bestandteile meiner letzten 20 Jahre. Dinge, die wohl auch noch länger hier so bleiben sollen. Und hinter diesem einen Buch sehe ich auch diese Schneekugel. 

Ich nehme sie in die Hand. Und was mich beunruhigt: Ich werde immer noch ganz still, wenn ich sie in der Hand halte und schüttle. Die Flocken steigen auf und gleiten anschließend langsam wieder zu Boden. Und dahinter sind wir zu sehen. Sie, mit ihren wundervollen Augen und ich mit meinen langen , blonden Haaren. Seit eineinhalb Jahren steht sie schon hier in diesem Zimmer. Ich habe sie am Tag unserer Trennung bekommen, und verspüre selbst jetzt noch ein mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke. Wo ist der Müllsack? Oder meine Box der Erinnerungen? Soll ich sie wegwerfen, oder in eine Schachtel verschwinden lassen. Und nachdem der Schnee wieder nach unten gesunken ist, stelle ich sie wieder auf ihren Platz zurück. Und schlucke erst Mal.

Das hier soll ein Abschied sein. Aber kann man sich von Erinnerungen verabschieden? Kann man Geschenke einer liebgewonnenen Person überhaupt wegwerfen? Es soll ein Abschied sein. Und ich bin nicht bereit, es endgültig zu tun. Ich möchte mich nicht von meinem Chaos verabschieden, der eine Charaktereigenschaft von mir geworden ist. Und ich weiß auch, dass in wenigen Tagen oder Wochen mein Zimmer wieder den beinahen Mülltod sterben würde. Außer Gefühle war bei mir noch nie etwas von Dauer. Sollte ich es beklagen? Was ich für diese Person empfinde, die mit mir in dieser Schneekugel die Flocken fängt? Ich empfinde wundervolle Erinnerungen. Diese Schneekugel ist ein Teil aus der Vergangenheit, welches mich hier und auch in Zukunft begleiten soll. Als Erinnerung. 

Das hier … ist ein Abschiedsbrief.

Finished: 23:10 Uhr, 31. Jänner 2009