Now there is nothing.

Sie haben uns hier zurückgelassen. In diesem Sturm der Leere, in dieser Welle des Nichts.


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Deine Hand, sie gräbt, sie bohrt sich fester in die meine und dein Blick scheint Worte formen zu wollen, doch du bleibst still. Begibst dich hinein, in das Nichts der Nacht, in die Vertrautheit des Schweigens und der ewigen Leere. Möchtest aufgesogen werden, möchtest in ihr verschwinden, nicht mehr auftauchen. Keine Luft mehr schnappen. Dich aufgeben, dich opfern für nichts. Doch ich halte dich fest, will nicht loslassen, kann es auch nicht. Gräbst du doch die deine Hand noch fester in die meine. Es ist der Schmerz, der dieses Hier lebendig zu machen versucht. Hin- und hergerissen bist du, weißt nicht wohin. Ach Schatz. Ich doch auch nicht.

Wir lassen uns fallen, tanzen gegen den Sog der Gedanken, wählen das Meer der Ungewissheit als unser Zuhause. Du kämpfst, beißt dir viel zu fest auf deine Unterlippe, sagst immer noch kein Wort und in mir drinnen zerbricht Sekunde für Sekunde ein Stück meiner Existenz. Du schließt die Augen, deine Hand, sie verliert. Du reißt dich los, verschwindest. Und jetzt ist das Nichts. Und ich folge dir. Vergesse das Sein. Für immer nun dein.

Der alte Mann.

„Haben Sie sich jemals verirrt?“, fragte ihn der alte Mann. „Waren Sie schon jemals verloren?“


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Etwas benommen blickte er ihn an. Saßen sie doch schon den ganzen Abend lang alleine gemeinsam an dieser Bar, der alte Mann stundenlang mit leerem Blick in Richtung des Spiegels, der hinter der Bar angebracht war und er, der zu seinem nunmehr dritten Glas Whiskey erstmals die kostenlosen Erdnüsse zu kosten gedachte. „Entschuldigung, wie bitte?“ Des alten Mannes Frage war nicht vollkommen bis zu ihm durchgedrungen, oder möglicherweise war er auch einfach nur ratlos, welche Antwort man sich nun erwartete. „Ob Sie sich schon einmal verirrt haben, fragte ich.“, wiederholte der alte Mann, seinen Blick nicht von seinem Ebenbild abwendend.

„Nicht wirklich, nein.“, antwortete er endlich, doch in der Gewissheit, dass dem alten Mann diese Antwort nicht genügen würde, schob er „Verlaufen habe ich mich schon oft, aber verirrt? Nein. Bis heute noch nicht.“ nach. Das Gesicht aus dem Spiegel lässt jedoch nicht locker. „Sie sind also noch niemals falsch abgebogen, haben Pläne falsch gedeutet oder sind nicht den richtigen Menschen gefolgt?“ – „Doch, natürlich.“ – „Dann haben Sie wohl bisher nur noch nicht erkannt, worin Sie sich verrannt haben.“, beendete der alte Mann die Konversation, gerade als etwas Schwung hineinzukommen schien.

„Was meinen Sie damit?“ Das vierte Glas Whiskey wurde serviert und noch einmal nachgesetzt. „Was wollen Sie mir damit sagen?“ Und aus reiner Höflichkeit noch ein „Kann ich irgendetwas für Sie tun? Kann ich Ihnen helfen?“ Der Mann schwieg, so wie er es all die Stunden zuvor zu tun pflegte. Er blickte sich um: Hatte er es sich etwa nur eingebildet, dass der alte Mann mit ihm sprach? Doch da war niemand, der ihm bestätigen konnte, es ebenso gehört zu haben. Als er  sich wieder zur Bar wendet, bemerkt er, dass sein ungesprächiger Sitznachbar seinen Platz verlassen und mit langsamen Schritten vorhatte, aus dem Lokal zu verschwinden. „Warten Sie!“

Der alte Mann wurde nicht langsamer, doch er konnte ihn gleich einholen. „Ihr Hut.“ – „Vielen lieben Dank.“ Zum ersten Mal sah ihm der Mann ins Gesicht, setzte den Ansatz eines freundlichen Lächelns auf und mit einem „Auf Wiedersehen.“ versuchte er ein weiteres Mal zu verschwinden. „Was meinten Sie da vorhin?“ – „Junger Mann, ich gebe Ihnen nur einen Rat. Achten Sie auf sich. Achten Sie auf die Wege, die sie beschreiten. Zweifeln Sie und seien Sie mutig zugleich. Beschreiten Sie neue Wege, wenn an den alten schon zu viele gescheitert sind. Und erkennen Sie bitte, wenn Sie einmal falsch abgebogen sind. Denn irgendwann ist es zu spät, verstehen Sie?“ Als er ihm zu verstehen geben wollte, verstanden zu haben, war er auch schon nicht mehr an seiner Seite. Langsam schloss sich die Tür zu diesem Lokal und der alte Mann schlurfte dahin. Wohin auch immer er nun gehen würde.

Auf und davon.

Wir waren gefangen, hatten Angst, uns fehlte der Mut. Der Mut zu Entdecken, zu Verstecken, zu allem zu wenig. Wurden gestoßen, durch all die Straßen und Gassen und Wege dieser Welt, ohne Halt und Rast. Fanden uns wieder, an Orten, so fremd. Haben uns verloren, aus den Augen, ohne Sinn. Ich spüre dich nahe, du immer bei mir, habe ich geschworen und belogen uns beide. Ich sitze nun hier, an Wände gelehnt, mit dem Kopf nur gen Himmel, den Regen erwartend. Nichts anderes verdienend, am Ende der Kraft.


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Ich möchte wachsen, möchte ankommen, an diesem Punkt. Am Ende des Wartens, ohne dir, nur mit uns beiden. Ich atme fest ein und kaum wieder aus, möchte mich ersticken mit zu viel Luft. Möchte aufs Atmen vergessen, Sekunden, Minuten. Der Donner, er grollt, doch verfehlt er sein Ziel. Ich spüre das Beben, nur in mir, voller Kraft. Mein Kopf tut mir weh, nur dein Leuchten der Augen, und die Form deines lachenden Mundes. Alles das hält mich wach, denkt an Morgen, an das Beginnen von Vorne.

Dabei will ich doch nur auf und davon. Ausbrechen aus dem Grenzenlosen, mich einsperren im Nirgendwo. Will Erwartungen enttäuschen und Enttäuschungen erhoffen, will Hoffnungen zerstören und an der Zerstörung zerbrechen. Wie sind wir nur hier angelangt, falscher Weg, ich weiß. Haben Kreuzungen verfehlen und Pläne missverstehen wollen. Da stehen wir nun, Hand in Hand, Kopf an Kopf. Auf und davon, nur wir beide. Auf und davon, ich bitte dich. Ich halte es hier nicht mehr aus, hör doch auf. Hör doch auf mich und lass uns verschwinden. Du und ich, wir beide. Auf und davon. Ok?

Katzentod.

„Heute habe ich eine Katze sterben gesehen. Sie war überfahren worden. Als sie vor Schmerzen zuckte, sich verkrampfte. Also die Autofahrerin aussprang, zu ihr lief, schreiend nach Hilfe rief und sich dadurch als Besitzerin des Tieres zu erkennen gab. Als ihr Lebensgefährte die Haustür öffnete und verschreckt nach seiner Freundin sah. Sie die Katze aufgehoben, an ihre Brust gelegt und weinend um Hilfe wimmerte. Und als die Katze ihre Zuckungen aufgab und erstarrte.

Und da habe ich wieder, mit – aufgrund der Tragik – beinahe feuchten Augen wieder einmal über den Tod an sich nachgedacht. Wie schrecklicher wäre es gewesen, wenn sie niemand bemerkt hätte. Wenn sie mitten auf der Straße ihren Verletzungen erlegen und von nachkommenden Fahrzeugen erwischt worden wäre. So starb sie in den Armen eines Freundes. Das verleiht der Tragödie zumindest einen kleinen aber erhabenen Höhepunkt.“

Losing all my words.

Drei Entwürfe vom 22. Februar 2011, die nicht veröffentlicht wurden. Alle mit demselben Titel.


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(1)

Damals, als in meinem Kopf all die Geschichten entstanden. Von verlorenen und wiedergefundenen Lieben, vom Überfahren eines Rehs, von einer Leiche im Schnee. Damals, als ich jeden Gedanken, jede Sekunde meiner Fantasie beschreiben musste. Nicht verlieren wollte, was in meinem Kopf passierte. Damals, als ich immer ein kleines Notizbuch bei mir führte und nur kurze Ideen niederschrieb, die dann zu großen Geschichten wurden. Das Schreiben war meine Waffe, war mein Rückzugsort. Wurde mir in dieser Welt alles zuviel, zog ich mich zurück, in die Welt, wo nur ich und meine Fantasie zuhause sind. Wo man niemanden etwas erklären, keinem etwas beweisen musste. Das Schreiben war wie eine Droge.

Und dann kamst du.

(2)

Und dann kommst du. Nimmst mir all die Worte, nimmst mir Raum für irgendwelche Ausflüchte. Konfrontierst mich seit ewiger Zeit endlich wieder einmal mit dem echten Leben und zeigst mir die schönen Seiten. Meine Gedanken bauen Luftschlösser um dich herum, lassen mich so furchtbar oft von dir träumen. Bis schließlich die Zweifel wieder einkehren und all das wieder einzubrechen versuchen. So geht es mir seit Wochen und seit Wochen baue ich nur kurz darauf schon wieder alles auf.

Weißt du, was du mir gibst? Das Gefühl, hier, gerade jetzt, genau richtig zu sein. Du lässt mich fühlen, dass ich richtig fühle. Dass dein Lächeln für mich bestimmt ist, und dieser eine Song jetzt gerade läuft, weil wir ihn beide so gerne haben. Dass das alles nicht nur eine kurze Vernarrtheit ist, sondern ich so unglaublich gerne in deiner Gesellschaft bin. Dass du mir etwas bedeutest. Du gibst mir das Gefühl, die Tage endlich wieder in vollen Zügen zu genießen.

Und da ist es mir auch einfach mal egal, wenn mir die Worte fehlen. Wenn du mich sprachlos machst, like no one ever did before. Wenn ich so gerne einfach deine Hand nehmen möchte, meinen Arm um dich legen, dich küssen. Dir sagen, wie viel du mir bedeutest, und erklären, dass es genau so richtig ist.

(3)

Du machst mich sprachlos.

Wenn ich neben dir sitze, oder dir gegenüber, wenn wir nebeneinander gehen oder gemeinsam im Auto sitzen. Wenn nur eine dicke Lehne in einem halbleeren Kinosaal uns trennt. Oder wenn du ein paar Reihen vor mir im Hörsaal sitzt, oder doch ich. Wenn du mir aus deinem Leben erzählst, dich öffnest, mir Geheimnisse offenbarst, du einfach du bist. Und wenn wir zu zweit Punsch trinken, und ich dir so gerne alles sagen würde, was seit Wochen und nun schon Monaten in meinem Kopf herumschwirrt.

Du machst mich sprachlos.

Wenn ich mit Chai Latte und einem Blueberrymuffin vor deiner Tür stehe und wieder einmal nicht anläute, weil ich deinen WG-Mitbewohner nicht kenne und wohl auch nicht kennenlernen möchte, und wenn du dann den Weg zur Tür gehst und ihn mit einem Lächeln öffnest. Wenn wir dann Smalltalk betreiben. Der in Wahrheit viel mehr ist. Und ich den ganzen Tag über in einem Workshop sitze, mitzuprotokollieren versuche und mich immer wieder dabei erwische, wie ich für einen kurzen Moment mit dir in einen Tagtraum flüchte.
Du machst mich sprachlos.

Wenn ich dich am Ende einer großartigen Ballnacht die letzten paar Meter und Stufen zu deiner Wohnung Huckepack trage und du mit einer solchen Zärtlichkeit, einer so wunderbaren Berührung, deinen Kopf auf meine Schulter legst und ich für diesen einen Moment am Liebsten alles vergessen würde, die Welt um uns herum könnte verschwinden. Und ich dann wie in Trance den Weg zu mir nach Hause bestreite.

Du machst mich sprachlos.

Dankeschön dafür.

Aber manchmal.

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Du stehst da
Und schließt deine Augen
Willst nicht sehen
Was ist.

Stehst da
Und versuchst
Der Wirklichkeit zu entfliehen
Auf ewig.

Um Sie
Nicht spüren zu müssen
Die Realität
Das Leben.

Atmest ein
Atmest aus
Öffnest sie kurz
Und schließt sie wieder.

Aber manchmal
Kann man einfach nicht anders
Muss hinsehen
Muss verstehen.

(Ein Entwurf vom 9. 12. 2010, gefunden in meinem Evernote-Ordner.)

Müde.


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Ich versuche mir die Welt zu erklären
als ob zwischen Punkten Linien wären
als ob die Worte mir die Welt in Streifen teilten
Ich greife nur und kann nicht begreifen

Stiller – Wir sind Helden

Manchmal fehlt mir wieder das Gefühl, irgendwo anzukommen. Bin nirgends wirklich daheim, ständig auf der Suche nach dem Fixpunkt, nach dem Ende aller Anstrengungen. Doch Zeiten ändern sich und der Lichtblick am Ende der Tage rückt näher. Dieses Neue, dieser Schlusspunkt. All das hier war nur eine Zwischenstation, ein kurzer Halt, bevor die Summe aller Dinge zu entstehen scheint. Ich bin müde, von all diesem Nicht-Ankommen. Doch ankommen kann ich nur mit dir. Und genau das ist unser Ziel.

Am Ende des Weges.


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Und am Ende des Weges werden wir uns wiedersehen. Werden uns gegenüberstehen, uns in die Arme fallen. Werden nicht fassen, wie lange wir nur ohne uns leben konnten. Werden verstehen, was es heißt, jemanden aufzugeben und werden erklären müssen, wie all das gekommen ist. Werden uns erinnern, ob wir uns jemals vergessen haben und werden weinen, weil die Wahrheit so schmerzhaft ist. Am Ende des Weges wird ein Lächeln unser Gesicht zieren, und unsere Hände werden ineinander fließen, als wären du und ich … als wären wir eins. Wären niemals allein, niemals in Angst gewesen. Werden von uns erzählen, tausende Stunden, von Dingen, die nur uns interessieren. Werden uns verlieren in den Geschichten, in der Vergangenheit dieser Surrealität. Und am Ende des Weges werden Umarmungen nicht reichen, werden Berührungen nicht zählen, denn erst hier haben wir die Möglichkeit, allem ein Ende zu geben. Denn am Ende des Weges wird sich Neues ergeben, für uns beide, für uns alle und in Wahrheit ist das Ende ja auch nur eine Rastplatz. Und so lange wir leben, werden uns tausende Wege begegnen, deren Ende wir erhoffen, und dessen Anfängen wir uns wehren. Doch Zeit unsres Lebens werden wir eines nicht tun. Am Ende des Weges jemals Halt zu machen.

Grenzen.

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„Weißt du, in Wahrheit gibt es nämlich gar keine Grenzen. Und jene, denen wir begegnen, sind allesamt in unseren Köpfen. Allein unser Gehirn birgt dieses Unheil, diesen Wall aus unberechtigter Angst und wohltuender Überheblichkeit. In Wahrheit sind wir uns nämlich alle unglaublich nah. Grenzen sind nur etwas für Verlierer, weißt du?“

Du versuchst mich zu verstehen, versuchst meinen Worten zu folgen. Doch es gelingt dir nicht. „Ich will kein Verlierer sein.“, murmelst du, während ich dir durch deine Haare streiche. Ich lächle. „Du verstehst doch, was ich sage. Es liegt alles in deiner Hand.“ Ein Nicken folgt meinen letzten Worten. Es scheint angekommen zu sein. „Wir können es verändern, können die Welt, nein, warte. Wir können unsere Welt zu einer besseren machen. Völlig grenzenlos.“

„Das wäre schön.“, sagst du und siehst mir ganz tief in die Augen, „Aber …“ Darauf habe ich gewartet. „… aber wir sind doch in einer Gesellschaft, in einem System gefangen, dass so etwas wie Grenzenlosigkeit nicht einmal in Betracht zieht. Das ist nicht möglich, weißt du?“ Ich nicke. Derselbe Gedanke ist mir selbst schon untergekommen. Haben wir uns doch die vergangenen hunderttausend Jahre damit beschäftigt, systematisch Mauern aufzuziehen, die unseren Weg vorbestimmen.

„Du hast Recht, natürlich. Und wir werden hier kein System zu Sturz bringen, keine Gesellschaft umwandeln. Aber vieles, was wir für vorbestimmt halten, ist uns in Wahrheit doch nur selbst überlassen. Wir müssen das nicht tun. Wir dürfen auch einmal nicht so funktionieren, wie man es von uns verlangt. Wir sind, wie man so schön sagt, ja auch nur Menschen. Und nach und nach werden wir es schaffen, dass wir sie einreißen. Die Grenzen, die uns aufhalten, all das zu tun, was unser Leben so viel schöner machen könnte. Wir dürfen nur nicht daran scheitern, es nicht versucht zu haben.“ Du nickst und lächelst. Und siehst dabei wunderschön aus.