Das Lächeln am Ende.

Als er das Gespräch mit einem Lächeln beendete, vermutete sie nur Gutes in seiner Aussage. Aber sie hatte aufgehört, ihm aufmerksam zuzuhören, als er immer mehr vom eigentlich interessanten Thema abwich. Oder schien es ihr nur so. Sie konnte zumindest all das, was er ihr gerade offenbarte, nicht wirklich verarbeiten. Er sprach von Ende, und von der Unmöglichkeit des Wirs. Nach all diesen Jahren. Als hätte es die Vergangenheit nie gegeben. Doch er hatte es sich lange überlegt, tage-, nein: wochenlang schon plagte ihn all das durch den Tag. Ließ ihn nicht schlafen, nicht ruhen, nicht reden. Nur mit ganz wenigen Menschen sprach er darüber und doch war all das hier nur das Resultat einer spontanen Entscheidung.

Sein Lächeln schien nur gekünstelt. Sollte er jetzt weinen. So offen vor ihr. Sollte er schreien, sollte er wutentbrannt mit der Faust gegen die Wand schlagen. Nein. Er beendete das Gespräch mit einem Lächeln und wandte sich schnell von ihr ab. Das war es also nun. Viel zu schnell ist all das nichts mehr. Es überrascht sie. Sie hatte damit gerechnet und sie verstand ihn auch, und doch kam all das so unerwartet, wie der Wetterumbruch am anderen Ende der Welt. Sie schien gerade so unwirklich, so zeitlupenartig. Sie blieb emotionslos und gerade das machte ihn innerlich noch leerer. Verspürte sie denn gar nichts. Steht sie jetzt hier, am Ende des Regenbogens und fühlt einfach nichts?

Sie würde wohl noch Tage gebrauchen, oder Wochen, bis sie all das wirklich zu realisieren beginnen könne. Sie hatte andere Sorgen und gerade das machte sie gerade eben irgendwie kaputt. Das war es also und es fühlte sich an, als wäre es schon wochenlang so gewesen. Als wäre das nur der Punkt vor einem wochenlangen Satz. Als wäre das der Abschluss des Vorhersehbaren. Wobei niemand vor einem Jahr hätte davon sprechen können. Als die Welt noch heil und alles luftig-leicht war. 

Manchmal verändert sich die Welt eben so rapide. Und man kommt einfach nicht mit und nimmt nicht auf und steht da. Und erst Momente später realisiert man, welchen extremen Umbruch man nun in seinem Leben erleben wird. Dieser Zeitpunkt ist vielleicht einer der Schmerzhaftesten ever. Und er wird bleiben.

Der Stein und das Herz.

Manchmal geht es um einiges schneller als man glaubt. Und von einem Moment auf den anderen entschließt man sich zu etwas, und verändert damit so gut wie alles, was in den letzten Jahren Bestand hatte, was sich nie veränderte. Aus kleinen Holpersteinen wurden schlussendlich Brocken, aus kleinen Gefühlsungereimtheiten ein Stein auf dem Herzen. Manchmal packt man den Mut und tut es.

Auch wenn es weh tut.
Auch wenn es sich möglicherweise falsch anfühlt.
Auch wenn man es in zehn Minuten wieder zurücknehmen würde.

Ich melde mich ab. Versuche zu helfen, wo es etwas zu helfen gibt. [Es geht nicht um mich.]

Genießt die nächsten Tage, ich werde es schlussendlich wohl auch tun.

[…] was wir im Grunde für das Richtige halten.

Plötzlich dreht er sich um und sagt, ganz so als würden wir ein Gespräch führen, zu mir: “Aber was mich wirklich beeindruckt ist, dass wir eigentlich die größte Angst vor genau dem haben, was wir im Grunde für das Richtige halten.” [4404 | Alternativen]

Nachdem der Wind meine sowieso schon störrischen Haare ein weiteres Mal durchfährt und ein Chaos zurücklässt, bleibe ich stehen und sehe mich um. Die Sonne scheint, zwischen den Häuserschluchten ist immer noch der blaue Himmel zu sehen. Doch für den kurzen Moment scheint gerade wieder einmal nichts wirklich zu passen. Überlegungen müssen angestrengt werden, um am Ende nicht vollkommen überrumpelt dazustehen. Doch schon der nächste Schritt ist gezeichnet von Zuversicht. Blinder, naiver Zuversicht. Wie ein kleines Kind, welches stolpert, sich erschreckt, die Kieselsteine aber sofort wieder sorgfältig aus den zarten Kniescheiben herauspuhlt um unbesorgt den Weg fortzusetzen. 

Es ist nicht schwer, sich glücklich zu fühlen. Man kann sich vieles einreden, kann vom unendlichen Glücksgefühl sprechen, sich hineinsteigern und plötzlich ist es ein Muss. Ich weiß nicht, ob es das ist, was mich seit Wochen und Monaten so schweben lässt, ganz sanft. Aber es ist doch immer unsere Aufgabe, einfach mal aufzustehen. Genau das ist es doch, wofür wir leben. Würden wir bei jedem kleinen Hindernis liegen bleiben, wäre die Welt gesäumt von liegengebliebenen Gestalten. Man muss noch vorne blicken. Und voller Angst in die ungewisse Zeit hineinleben.

Ich erinnere mich noch an die Magenkrämpfe, die mich vor und während meiner ersten Wochen in Wien begleiteten. Der Neuanfang, den ich mir so lange wünschte wurde zu einem schmerzhaften Pfad, der erst nach und nach durch Bekanntschaften und Begegnungen aufgelockert wurde. Was für mich noch ein viel größeres Problem als die Angst selbst darstellt, ist die ständige Frage, ob es das Richtige ist, was ich hier tue. Ob ich nicht für etwas anderes bestimmt bin. Der eingeschlagene Weg ist die Notlösung bis ich endlich dazu im Stande bin, meinen großen Traum zu verwirklichen. So denke ich zumindest. Wie lange es noch dauern wird, und wie ich mich dann schließlich verhalten werde, weiß ich nicht.

[…] was wir im Grunde für das Richtige halten. Was ist richtig und was falsch? Ich entscheide dabei immer aus dem Bauch heraus. Und nach der einfachen Grundregel: Richtig ist, was mich glücklich macht. Bis jetzt bin ich immer gut damit durch die Welt spaziert. Dass sich in diesem Jahr sowieso wieder alles zum Guten, zum Besten und womöglich gar zum Großartigsten wenden wird, davon bin und bleibe ich überzeugt. So ganz naiv und blind. 

Bild von Sam Jolly

Abseits der Tagesordnung. [Ein Monolog]

„Als ich dich das erste Mal sah, bist du mir aufgefallen. Nicht so besonders. Vielleicht stellst du dir jetzt vor, dass die Welt um mich herum plötzlich langsamer wurde, und du in einem hellen Schein dastandst und ich mit leuchtenden Augen in die deinen blickte. Nein. Ich fand dich einfach nur auffallungswürdig. Vielleicht erklärt das ja auch, warum ich dich anschließend die ganze Zeit ansehen musste. Immer kurz den Blick schweifen lassen, deinen Kopf, deinen Körper erkennen, verharren. Bis du dich für den kurzen Moment eines Augenblicks bewegtest. Immer und immer wieder musste ich zu dir hinsehen. Glaubst du, ich hätte es zu diesem Zeitpunkt schon geschafft, dich anzusprechen? Nein. Dafür bin ich viel zu schüchtern. Wenn mir jemand so besonders auffällt, so … besonders ist womöglich, kann ich mich noch weniger dazu überwinden, ein kurzes Hallo zu spenden und zu lächeln und in tiefen Smalltalk zu verfallen. So blieb mir einfach nur die Zeit, in der ich dich betrachten konnte. Und ich habe sie genossen. Aber weißt du eigentlich, wie komisch es sich anfühlte, als du plötzlich wieder weg warst? Meine Augen hatten Urlaub, mein Kopf erlaubte ihnen nicht einmal mehr, irgendjemand anderen anzusehen. Er wollte dich wieder sehen. Mein Kopf genauso wie meine Augen und mein Herz. Es dauerte lange, aber es stimmt wirklich. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben. Dass es nun schon so lange Zeit her ist, überrascht mich. Hast du dich doch kaum verändert. Noch immer strahlt dein Auftreten etwas Besonderes aus. Und du wirkst so … unschuldig, so brav. Als hätte es all die Jahre zuvor nicht gegeben. Als wärst du an diesem einen ersten Tag nach Hause gegangen und heute wäre das Morgen von gestern. Vielleicht hast du mich ja auch erkannt. Obwohl. Hast du mich denn überhaupt bemerkt, damals? Ich weiß es nicht. Und jetzt sitze ich neben dir und erzähle dir die Geschichte meines Lebens. Ach nein. Es ist die Geschichte von uns beiden. Von dir und mir und wir kennen uns nicht einmal. Ich weiß nur wie du aussiehst, und jetzt auch wie du riechst. Wie du lächelst und wie du dich bewegst. Dir kommt das komisch vor? Es ist ganz normal. Man bemerkt die überraschendsten und nebensächlichsten Dinge wenn man jemanden beobachtet. Aber dein Lächeln ist definitiv nicht nebensächlich. Es ist vielmehr wunderschön und setzt auf das Besondere an dir noch eine Piemont-Kirsche hinauf. Ich weiß nicht, wie du das getan hast, aber damals, an diesem einen Tag hast du mich verzaubert. In einem Moment, als Verzaubern ja mal sowas von gar nicht auf der Tagesordnung stand. Hast mich gepackt, nicht mehr losgelassen und bist schließlich einfach abgehauen. Hast mich alleine gelassen in dieser Traumwelt, in diesem Gedankenkomplex und tauchst jetzt plötzlich wieder auf. Wirbelst mein ganzes Leben durcheinander. Vielleicht hast du heute Lust, den Abend mit mir zu verbringen. Wir würden Wein trinken, Weißwein. Würden auf einer Decke liegen und reden. Würden reden über die Sterne, über das frische Gras, welches noch so saftig duftet und mit jedem Frühlingsregen weiter aus der Erde sprießt. Wir würden über Kinofilme reden und über Musik, die vielleicht Tränen in uns erzeugt hat. Über unser Leben und unserer Erlebnisse. Wir würden die ganze Nacht damit verbringen, uns kennen zu lernen. Und. Ach ja. Ich bin übrigens Dominik.“

Bild von fotologic

Nein. Es wird nie wieder so sein. Es wird anders. Anders schön.

Ich weiß nicht, ob sich jeder in meine Situation und in meine Gedanken hineinversetzen kann. Wer von euch hat schon einmal etwas so sehr liebgewonnen und – innerhalb eines kurzen Tages, eigentlich innerhalb weniger Sekunden, innerhalb eines Moments – ist alles so, wie es nie hätte sein sollen. Am Schrecklichsten ist es, wenn es sich dabei um einen Menschen, ein Kind handelt. Hätte ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass all das passieren würde, ich hätte mich selbst ausgelacht. So unrealistisch, so unwirklich mutet all das an.

Nicht verstehen, sondern akzeptieren. Warum all das passiert ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es passiert ist. So schmerzhaft allein dieser Gedanke ist, so soll er mich doch nicht davon abhalten, nach vorne zu blicken. Ich weiß: Damals, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht nur das, versank ich in ein Loch, in eine Höhle, verlor den Kontakt zur Außenwelt und orienterte mich vollkommen neu. Über diese Neuorentierung freue ich mich nun im Nachhinein, muss ich  zugeben. Vieles hat sich zum Besseren gewandt. Aber es hat lange gedauert, bis ich die Tatsache akzeptieren konnte, dass es nie wieder so sein würde. Dass nie wieder sein Lächeln mich aufmuntern kann.

Ein Gespräch mit meiner Mutter, eines unserer täglichen Telefonate, brachte mich zurück zu diesem Thema. Der Wunsch meiner Schwester, ein Kind zu kriegen, wächst von Tag zu Tag. Und jeder von uns kann verstehen, warum. Niemand von uns kann fühlen, wie es innen drin in ihr aussieht. Aber ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass ihr Wunsch bald in Erfüllung geht.

„Aber es wird nie wieder so sein.“
„Nein. Ich weiß.“
„…“
„Es  wird anders schön.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und all unser Leben nach der Vorstellung konzipieren, wie es war, als es war. Es ist nicht mehr, und selbst wenn es heute noch so oft schmerzt, so bin ich mir vollkommen sicher, dass alles gut wird. Anders gut, wahrscheinlich. Aber gut.

[Und Menschen nach Maßstaben zu messen ist niemals okay.]

Und ich hoffe, es geht dir gut.

Weißt du, manchmal denke ich noch darüber nach, wie es wäre, wenn wir es geschafft hätten. Wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Er war mir wichtig und ging mir monatelang nicht aus meinem Kopf. Und doch habe gerade ich die Verwirklichung eben dieses meinen Wunsches torpetiert. Mit jeder dummen Nachricht, die ich dir in diesen Social Communities geschickt habe. Mit jeder melanchotraurigen SMS, welche ich dir nächtens, um zwei oder drei in beinahe brennender Schlaflosigkeit gesendet habe. Mit all diesen Gedanken und den Gefühlen, denen ich viel zu lange viel zu viel Platz eingeräumt habe in meinem Leben. Ja, selbst heute denke ich noch manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn das Danach irgendwie anders verlaufen wäre. Wenn ich weniger Kind und dafür mehr Mensch gewesen wäre. 

Ich habe im Versuch, aus Liebe Freundschaft zu machen, vielleicht sogar aufgehört zu leben. Rein geistig. Ich schritt zwar körperlich weiter voran, und wechselte geografisch sogar meinen Wohnort. Aber im Gedanken blieb ich bei dir und hoffte manchmal auf eine mögliche noch aufkeimende Freundschaft, und leider viel zu oft auch noch auf möglicherweise noch nicht erloschene Liebesgefühle. 

Ich weiß nicht, ob ich dir zurecht nachgetrauert habe. Ob meine Stalking-Auswüchse gesunder Natur waren. Ich weiß einfach nur, dass die Zeit mit dir eine wundervolle und – trotz allem – erinnerungswürdige (und wahrscheinlich auch eine exquisit schöne) Zeit war. Ich hätte mit unserer Vergangenheit nicht spielen, mit meinen Gefühlen nicht jonglieren und mit meinen Worten nicht noch weiter Öl ins Feuer gießen sollen.

Ob ich nun für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass es nicht möglich ist. Dass man nicht von einen Tag auf den anderen von Liebe auf Freundschaft umswitchen kann. Ich würde es auch gar nicht. Aus Liebe kann Freundschaft werden. Zwar bedeutet es viel (wirkliche) Arbeit und einen schönen Batzen Zeit. Aber es funktioniert. Ich weiß nicht, ob du es denn jemals versucht hast. Aber ich weiß zumindest, dass die wohl größte Schuld hier bei mir liegt.

Ich weiß. Du hasstest meinen Blog, du hasst ihn möglicherweise immer noch, aber du wirst ihn wahrscheinlich nicht mehr lesen. Ich verstehe dich. Warst du doch mehr als ein Jahr lang Vorlage für rund 90 Prozent meiner Texte über Liebe. Selbst ich würde mich im Nachhinein für all dies hassen, wäre ich denn in einem Zustand wie jetzt zu so etwas im Stande.

Mein Leben hat sich verändert. Von einem Moment auf den anderen. Es geschah. Irgendwann Anfang des Jahres. Völlig unscheinbar und anfangs nur spärlich bemerkbar veränderte ich meine Sicht der Dinge. Ich bin viel gesonnener, viel ruhiger. Und ja, erst seit diesem Datum, beinahe zwei Jahre nach unserer Trennung, kann ich mich mit einem Lächeln an unsere Zeit zurückerinnern. Erst seit diesen Tagen bin ich über dich hinweg. Vielleicht freut es dich, das zu hören.

Ich finde es traurig, dass es so lange hat dauern müssen. Dass so viel passsieren musste. Am Liebsten würde ich mich hiermit mit einem Schlag für alles entschuldigen. Aber dazu müsste ich mir selbst erst einmal verzeihen. Ja, hörst du es. Ich bin unfähig, mich selbst zu hassen. Aber ebenso unfähig, mir selbst zu verzeihen. Eine dieser Ungereimtheiten in meinem Leben, die dich damals oft den Kopf schütteln ließen. 

Ob ich denn jetzt noch Interesse an einer Freundschaft habe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Womöglich, weil es mir auch jetzt gerade so überhaupt nicht in mein Leben passt. 

Seit einigen Monaten (und eben seit diesen ominösen Tagen zu Jahresbeginn) schwebe ich auf einer Welle. Bin mit mir selbst zufrieden, glaube an meine Träume, tauche in Optimismus, und fröhne dem Genuss. Nichts kann mich unterkriegen (selbst einige Selbstversuche zeigten glücklicherweise keine veränderte Wirkung). Man könnte einfach sagen: ich lebe. Womöglich zum ersten Mal seit ungefähr zwei Jahren. 

Es freut mich.  
Und ich hoffe, es geht dir gut.

Die Welt? Sie ist nicht verloren.

Manchmal fragt man sich, worum es hier eigentlich geht. Geboren werden, leben lassen, sterben. Nur den Tod bringt man völlig auf sich allein gestellt hin. Zu allem anderen ist man in irgendeiner Art und Weise auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. So sozial gefestigt ein Mensch auch in seinem Leben ist, so kann er nur, in seinem Körper gefangen, alleine sterben. Ein trauriger Gedanke.

Wir leben hier, sind eine dieser Generationen, die nach der Jahreszählung der katholischen Kirche ein neues Jahrtausend erleben durften. Wir durften Sonnenfinsternisse beobachten, wir erleben Jahrhundertfluten. Die ganze Welt spielt sich vor unseren Augen ab, und langsam nieselt es weiter auf das Autodach und wie das Tapsen riesiger Ameisen hallt das Geräusch im Fahrzeug wider. 

Wozu das Ganze? Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die globale Wirtschaft scheint zum ersten Mal seit 70 Jahren (und wahrscheinlich zum zweiten Mal ever) dem Ende nahe. Doch ich spüre nichts davon. Ich selbst, in egoistischer Sichtweise, bin nicht davon betroffen. Die Politik bewegt sich in die falsche Richtung, die Angst vor Anderen steigt. Schön langsam werden wir zu Krüppeln in dieser wunderschönen Welt. Wir verkümmern auf eigenen Wunsch und eigene Gefahr.

Doch jeden Tag wieder geht die Sonne auf und strahlt, seit gestern übrigens drei Minuten länger. Manchmal reicht auch nur ein Lächeln und ein Großteil der Sorgen ist verschwunden. Wir machen uns alle viel zu große Sorgen. Und kümmern uns, um von unseren eigenen Problem(ch)en abzulenken, um die Nichtigkeiten anderer. Wir sind Gaffer und fühlen uns manchmal sogar gut dabei. Und kommen nicht zu Ruhe, ohne unseren Wissenstand unsinnig erweitert zu haben.

Man sollte leben können. Sollte die Luft atmen. Sollte genießen. Die Stimmung, die Freunde, all die Lieben, die man um sich hat. Viele Menschen haben die Angst, irgendetwas zu verpassen und zerstören damit, innerhalb einiger Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben. Ihren Geist und manchmal auch ihren Körper. Geduld war noch nie unsere Tugend. Um das Schöne zu erleben, muss man es einfach schaffen, darauf warten zu können. Es kommt, klopft an die Tür, tritt ein und begrüßt dich. Und du weißt darum Bescheid.

Wir sind Genussmenschen und doch unfähig gebührend zu genießen. Wir streben nach Veränderung. Nur rasend geht die Welt zugrunde. Können wir uns nicht einfach mit dem zufrieden geben, was wir haben? Können wir es nicht erwarten? Das Leben, mit all seinen Hürden, seinen Tümpeln und mit all diesen sonnigen Alleen? 

Wir sind wahrscheinlich immer auf der Suche nach dieser bedingungslosen Liebe, durch die wir geboren wurden. Diese Liebe, die unendlich ist, dieses  Stück Utopie. Suchen das Leben danach ab, sehen in der Vergangenheit nach und träumen von morgen. Und irgendwann geben wir es endlich auf. Und sterben, allein. Das wird es wahrscheinlich sein. Ein weiterer trauriger Gedanke.

Warum das Ganze hier? Vielleicht ist es die Wut. Die Wut auf einen großen Teil der Menschheit. Misanthropische Gefühle? Wohl kaum. Doch manche Dinge sind für mich einfach unergründlich. Warum es manchen Menschen nicht gelingt, ganz einfach zu leben. Ich weiß auch nicht, auf welcher Welle ich schwimme. Aber ich kann mich an keinen Auslöser erinnern, so gut wie gar nichts hat sich in meinen Lebensumständen verändert. Einzig und allein meine Einstellung. 

„Das Leben? Es hat gerade erst begonnen.“

Wir werden nie enttäuscht werden.

Wir lassen uns gehen, lassen es uns gut gehen. Still und leise, auf holprigen Pfoten wandern wir den feuchten Boden entlang. Die Sonne hat schon aufgehört, ihr dumpfes Scheinen auf diesem Fleck der Erde zu offenbaren. Ich atme durch. Die zigarettenreichen, langen Abende und Nächte zuvor, seit dem Beginn dieser freien Tage haben leichte Spuren hinterlassen. Und doch bestärkt mich das Leben zurzeit in meiner Annahme, dass wahrscheinlich alles passieren könnte. Alles. Und wir würden nie enttäuscht werden. [Natürlich gibt es etwas, was mich vollkommen aus der Bahn werfen würde, aber von Tod einer nahestehenden Person möchte ich einfach nicht sprechen, geschweige denn auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden.]

Langsam wende ich mich einem meiner Freunde zu. Auch er lächelt und wir setzen uns auf eine der Bänke, die querfeldein überall möglichst unpassend platziert wurden. Was kann uns denn schon passieren. Wir lassen uns gehen. Lassen es uns gut gehen. Wir kennen den Genuss und wir wissen, wie man da Leben möglichst unkompliziert halten kann. 

Eine weitere Zigarette kommt zum angeregten Konsum der letzten Tage hinzu. Wir sprechen. Über Gott und die Welt und über das Leben. Über uns. Schwelgen in Erinnerungen, träumen von unseren Plänen und genießen die Welt hier. Ewig könnten wir hier sitzen bleiben, könnten die Nacht Nacht bleiben lassen und den Tag Tag. Für uns gibt es keine Zeit. Dieses Gefühl haben wir schon vor langer Zeit verloren.

Wir tapsen auf dem holprigen Untergrund des Ungewissen und atmen langsam die Luft des Unvorhersehbaren. Aber wir lieben die Herausforderung und lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind hungrig. Nach Neubeginn, nach Herausforderungen, nach neuen Ängsten. Und unser Hunger wird gestillt werden.

Und wir wissen.
Wir werden nie enttäuscht werden.

Start living down here. [Ein Gedanke]

Gestern Nacht (von 0:25 Uhr bis ungefähr 2:30 Uhr) sah ich zum ersten Mal einen Film, den man eigentlich in meiner Generation schon längst hätte sehen müssen. 8 Mile [2002], das Filmdebut von Eminem, schlug ja damals unglaubliche Wellen. Und ich muss zugeben, dass es einige Lieder von Eminem gibt, die mir auch heute noch außergewöhnlich gut gefallen. Und er neben Tupac wahrscheinlich der einzige Rapper ist, den ich auch häufiger Mal hören kann.

Aber worauf ich eigentlich hinaus will. In einer Szene meint B. Rabbit:

[…] Do you ever wonder at what point you just got to say „Fuck it, man“ like when you gotta stop living up here and start living down here?

Fuck it, man sage ich ja grundsätzlich eher selten, aber den Gedanken finde ich schön. Wer gibt schon gerne den Sonnenplatz auf, und fängt dann fünf, sechs Stufen darunter, mitten im Regen, wieder an? Aber, so schrecklich der Rückschritt auf anmutet, so hat es trotzdem etwas Gutes. 

Selbst wenn man sich jetzt gerade wohlfühlt, aber den wahren, großen Traum in dieser Situation nie erfüllen kann, so sollte man den Schritt wagen. Der Rückschritt ermöglicht einen viel besseren Überblick, viel größere Möglichkeiten. Als würde man auf einem einsamen Weg stehen, und ein paar Kilometer zurückwandern, um doch eine andere Abzweigung zu nehmen.

So fühle ich mich gerade wieder einmal. A little bit spooky, aber doch auch irgendwie schön.