Für uns allein.

AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by lydia chow

Die Sonne bricht durch die dicke Wolkendecke. Du und ich, wir beobachten sie, wir saugen sie auf, wir atmen sie ein. Es ist der Anfang, wo kein Ende war, es ist der weitere Beginn eines gemeinsamen Ganzen. Manchmal fühlt es sich noch seltsam an. Wie lange habe ich darauf gewartet, habe gehofft, jemanden lieben zu können und auch selbst geliebt zu werden. So wie ich bin und so wie ich sein möchte. Mit all meinen Träumen, meinem Irrsinn, mit all meiner Ungewissheit. Und Tag für Tag fühlt es sich so an, als würde ein weiterer Teil meines Herzens zu dir wandern, ein weiterer Platz in meinem Kopf nur für dich reserviert sein.

Als ich mit hohem Fieber neben dir lag, die Wahrnehmung nur mehr sehr verschwommen, hast du mich in den Arm genommen. Hast mich einfach nur gehalten, warst du als ich vor innerer Wärme schwitzte und vor äußerer Kälte zitterte. Das war einer der Momente, in denen mir aus vollem Herzen und tiefster Überzeugung wieder einmal klar wurde, dass uns hier etwas ganz Besonderes verbindet. Und während andere den Jahreswechsel mit Alkohol und Freunden begossen, bist du bei mir im Bett geblieben, hast mir Gesellschaft geleistet und warst für mich da.

In Wahrheit habe ich dich wahrscheinlich gar nicht verdient, und genieße es doch. Genieße, hier zu sein, hier bei dir. Wir beide sind so perfekt unperfekt, so außergewöhnlich gewöhnlich. Wir zwei sind die Symbiose zweier wundervoller Menschen, die sich einfach nur lieben. Kaum zu glauben, wie viel du mir bedeutest. Wie viel ich für dich empfinde. Und mit niemand anderem sehe ich mir lieber an, wie die Sonne durch die Wolkendecke bricht. Denn in Wahrheit strahlt sie wohl nur für uns. Für uns allein.

Tell you the story of who I am. [14]

„Du kennst mich nicht.“

Ich habe gelogen. In Wahrheit kennst du mich viel besser als alle anderen hier. So viele Zeit hast du mit mir verbracht, hast mir zugehört, als die Welt um mich herum einzustürzen drohte. Du hast mir die Hand gehalten, bist neben mir gesessen, als Tränen der einzige Weg waren, um mich vor dem unbändigen Schmerz zu beschützen. Du hast immer die richtigen Worte gefunden, hast deinen Arm um mich gelegt und unzählige Stunden damit zugebracht, einfach nur für mich da zu sein.

Du hast mich kennengelernt, mit all meinen Träumen. Hast sie niemals belächelt, sondern mich angespornt. Hast mir Mut gemacht und angestupst, wenn ich mich selbst nur zu gerne in Zweifeln zu verlieren sah. Und mit all meinen Makeln, die ich lange Zeit vergeblich vor dir zu verbergen versuchte. Du hast dich mit mir beschäftigt, hast mir gezeigt, dass es so vieles mehr gibt. Und dass niemand perfekt zu sein braucht. Denn erst diese Makel schaffen es, aus mir einen einzigartigen Menschen werden zu lassen.

Du bist mit mir wach geblieben, als mich der Schlaf nicht einholen wollte. Hast mit mir geredet, über Dinge, die ich nur selten als Gesprächsthema wähle. Hast nicht in Wunden gestochert, sondern mir endlich mal die Möglichkeit gegeben, es auszusprechen. Das Furchtbare, das Erdrückende mir von der Seele zu reden. Du hast es geschafft, dass ich mich weiterentwickle, dass ich beginne, mich selbst zu akzeptieren.

Ich habe mich dir geöffnet, habe mich verletzbar gemacht. Habe begonnen, dich zu lieben, dir zu vertrauen, dir nah zu sein. Habe mich schließlich auch abhängig gemacht.

„Du kennst mich nicht.“, wiederhole ich.

Und lüge. Denn in Wahrheit kennt mich niemand so wie du. Und vielleicht macht mir das am meisten Angst. Denn was, wenn du plötzlich nicht mehr da wärst? Wenn unsere Wege sich irgendwann trennen, wenn unsere Liebe sich in entgegengesetzte Richtungen entwickeln? Du kennst mich wie niemand anderer. Und liebst mich trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. So etwas wie dich gibt es nicht so oft.

Du nickst einfach nur.

Foto: Aldo van Zeeland | flickr

„Ich habe so viele Träume, weißt du.“ Du nickst, erzähle ich doch tagein, tagaus davon. Von all den Plätzen, die ich bereisen möchte. Von all den Erfolgen, die ich feiern werde. Von all dem Etwas, das am Ende in Wahrheit für mich übrigbleibt. Du nickst und es tut mir in der Seele weh, wenn mit einem Schlag einer dieser Träume wieder ein weite Ferne rückt. Weil das Leben eben manchmal nicht so mitspielt, weil Träume keinem fixen Zeitplan gehorchen, weil es nun mal so ist.

„Ich will nicht weg. Will hierbleiben.“ Das ‚Will bei dir bleiben.‘ verkneife ich mir. Home is where your heart is kommt mir immer wieder in den Sinn. Keine Ahnung, wer diesen Spruch geprägt und schließlich in meinen Kopf gepflanzt hat. Mein Herz ist hier, meine Familie ist hier. Eine andere Familie, als jene, mit der ich aufgewachsen bin. Aber hier sind die Freunde, die man wohl nur selten findet. Hier ist Alleinsein unmöglich. Hier wird man aufgefangen, wird getragen. Es wird gemeinsam gefeiert und gemeinsam geschwiegen. „Du musst hier auch nicht weg. Bleib doch.“ Ich nicke. Hierzubleiben ist wohl die einzige Möglichkeit, die mir bleibt. Endlich hat mein Herz wieder einen Platz gefunden, wo es sich wohlfühlt. Endlich bin ich irgendwo angekommen, wo mein Leben zu funktionieren scheint.

„Ich will nicht funktionieren.“ Und widerspreche mir selbst „Und tue es doch.“ Du schüttelst den Kopf. „Was heißt für dich ‚funktionieren‘? Das Leben in vorgeplanten Bahnen zu leben, zu wissen, wann du aufstehen musst, und zu wissen, was am kommenden Tag passiert?“ Ich nicke und du schüttelst den Kopf. „Du funktionierst nicht. Nicht so, wie es manch andere tun. Du lebst, weißt du.“ Ich verstehe nicht. „Du bist zwar nicht vollkommen planlos, was wohl auch gut ist. Aber du lebst. Du genießt. Du nützt die Gunst der Stunde, du überrascht. Dich. Mich. Uns alle hier. Du funktionierst, aber auf deine ganz eigene Weise.“

„Versprichst du mir, dass wir uns nie wieder aus den Augen verlieren?“, schweige ich und wünsche mir nichts sehnlicher. Weil die Zeit mit dir so schön, die Gespräche so wunderbar sind. Manchmal flutschen einem die Träume durch die aalglatten Hände, sie aufzufangen scheint unmöglich. Ich atme etwas schwer, weil mir wieder einmal bewusst wird, was eine falsche Entscheidung an einer Weggabelung so alles mit sich bringt. Vielleicht bin ich falsch abgebogen, oder ich wurde. Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber all das, all diese scheinbaren Fehltritte haben mich hierher geführt. Glücklicher kann ich darüber wohl kaum sein. Und das zu wissen tut gut. Es ist anders als erwartet, als erhofft, als gewünscht. Aber vielleicht macht doch genau das diese eine wunderbare Prise Leben aus, an denen meine Träume wachsen. Verstehst du.

Du nickst, obwohl wir seit Minuten kein Wort gewechselt haben. Du nickst einfach nur.

Zu hoch gepokert. [12]

Kartenpech. 05122010

Irgendwo zwischen hier und jetzt sind wir angekommen. Haben Wochen, haben Monate hinter uns, die anders verlaufen sind, als wir es uns wünschten. Es wurden Träume geboren, und kurze Zeit später wieder eingerissen. Wir waren naiv, und glaubten an das Gute in uns beiden. Doch in Wahrheit sind wir nicht dazu im Stande, die Wahrheit zu erkennen. Wir fürchten uns davor, und doch haben wir sie uns eingestanden. Es hat nicht funktioniert.

Diese eine Nacht hätte nicht sein sollen und war doch. War eine Ausgeburt der Unbedachtheit, ein Präambel auf das Scheitern, ein Ziegelstein am Schotterweg. Weil es so wunderbar einfach war, so rastlos undurchdacht, so fern aber der Realität. Wir haben es verspielt und stehen nun selbst vor den Trümmern unserer Fehler.

Du hättest es mir nicht sagen müssen, hättest ruhig lügen können. Ich hätte es am Liebsten nicht gehört, aber du stehst ja so auf Ehrlichkeit und auf ausgesprochene Worte. Als wäre das, was du mir gibst, und das, was nicht, nicht schon genug, nein. Du musst es mir vor den Kopf knallen, nachdem du wenige Tage zuvor, mitten in der Nacht und leicht angeheitert, mit Fingernägeln deine Traumschlösser in Styropor kratztest.

Schon damals hast du mir Angst gemacht. Hast mich glauben lassen, dass all das ein großer Fehler sei. Aber ich wollte es nicht sehen und glaubte ja doch an das Gute im Menschen. Oder zumindest das Gute in dir. Weißt du, du hast mich enttäuscht. Auch wenn du glaubst, dass damit schon alles gesagt sei, und dass es jetzt gut sei, dass man sich nicht mehr anruft und einfach nicht mehr sieht. Das ist es nicht. Weißt du nicht mehr, welche Freundschaft wir hatten?

Sie ging über vieles hinaus und du hast oft Dinge gewusst, du nur wir zwei uns teilten. Wir haben Abende und Nächte bei Grey’s Anatomy und CSI New York verbracht. Haben uns Pizzas bestellt und waren einfach nur am leben. Und das alles haben wir mit dieser einen Nacht zerstört. Haben unsere Träume, die weniger dumm und vielleicht auch weniger durchdacht waren als deine Styroporkunstwerke, aufs Spiel gesetzt, damit wir diesen einen Tag lang glücklich waren. Oder zumindest glaubten, es zu sein.

Und ich kann deine Stimme am Telefon schon kaum mehr hören. Weil du nicht klüger wirst, und immer und immer wieder in dieses eine, scharfe Messer läufst, dass dir Menschen, die du liebgewonnen hast, auf dich gerichtet haben. Immer und immer wieder erzählst du davon und ich möchte dich anschreien und dir sagen, wie dumm doch das Ganze ist und es wohl alles nur schlimmer machen wird. Aber du würdest es nicht verstehen. Hast es die vergangenen Wochen, Monate nicht verstanden.

Und wenn wir schon dem Scheitern so nahe sind, lass uns nicht umkehren. Wir würden uns verlieren, aber über kurz oder lang haben wir das sowieso schon. Wir haben zu viel aufs Spiel gesetzt, haben zu hoch gepokert. Wir sollten aufhören, Spiele zu spielen, wenn wir die Spielregeln nicht kennen, okay?

Zur falschen Zeit. [8]

Mein(e) See(le). 02122010

I

Und weißt du noch, wie wir hier lagen, unsere Hände hielten, Kopf an Kopf, wir alle, und irgendwann stimmte einer von uns „Wonderwall“ an und plötzlich begannen alle Strahlen unserer Menschensonne mitzusingen.
Mhm.
Das war ein magischer Moment. Etwas ganz Besonderes. Etwas für ewig.
Hm.
Oder wie wir mit Wein dasaßen und uns gemeinsam den Sonnenuntergang ansahen. Und später mit am Boden verteilten Kerzen diesen Platz noch so viel schöner machten?
Mhm.
Und als wir einfach mal die Schule schwänzten, uns eine Zuckermelone und Parmaschinken kauften und von frühmorgens bis spät nachts einfach nur wir waren?
Ja. Ja. Ich erinnere mich.

II

Wir müssen irgendwohin. Raus hier, raus aus der Stadt, aus dem Alltag, der mich fast täglich dazu verführen will, mal so richtig zu kotzen.
Mhm.
Wohin? Egal. Hauptsache raus hier.
Ich hab‘ gar nicht gefragt „Wohin?“.
Egal. Einfach nur weg. Weil-…
Egal.
Nein, nein. Nicht egal. Weil es uns wohl beide gut tun würde.
Das kann sein.
Mhm, kann sein.

III

Und jetzt liegen wir ja doch nur hier.
Und trinken Wein.
Und sehen fern.
Und surfen so rum.
Und zählen auf.
Und hoffen auf Veränderung.
Und können sie kaum erwarten.
Faules Pack, wir.
Oh ja.

IV

Hm?
Komm. Zieh dir die Schuhe an. Hier ist dein Schal.
Was?
Wir gehen jetzt spazieren.
Warum?
Wir müssen raus hier. Egal wohin.
Na gut.
Beeil dich.
Uns läuft ja nichts davon.
Stimmt auch wieder. Aber-…
Aber?
Ich habe genug von hier.

V

Es ist schön hier.
Mhm. Selbst jetzt.
Gerade jetzt. Mit all dem Schnee und keiner Menschenseele.
Mhm.
Weißt du-…
Hm?
Weißt du, was wir nie vergessen dürfen?
Nein.
Die Gegenwart.
Die Gegenwart.
Ich schwelge in Erinnerungen.
Und ich träume vor mich hin.
Wir müssen endlich mal ankommen.
Im Hier.
Mhm.

Veränderungen sichern einen den Weg ins Ungewisse, ins Unerwartete. Und davor haben wir wohl die größte Angst.

Etwas, worin ich schon immer gut war, ist es, Erwartungen zunichte zu machen. Erwartungen, die andere in mich stellen und auch die eigens mitgeschleppten Stücke, die aus mir einen anderen Menschen machen sollten. Im Grunde genommen kann ich mich an nichts erinnern, wo alles so gelaufen ist, wie es laufen hätte sollen. Wie ich es gerne gesehen hätte, dass es läuft.


(via  docadocaflickr)

Was bleibt, ist die Frage, woran ich nun schon seit zweiundzwanzig Jahren scheitere. Sind die Erwartungen in mich einfach viel zu hochgegriffen? Habe ich von mir selbst das Gefühl, ein außergewöhnlicher Mensch zu sein? Einer, der eigentlich eh alles schafft und einer, der stets den Mut und die Ausdauer hat, andere zu überraschen? Wahrscheinlich ist es alles.

Warum ich auf all das gerade jetzt komme? Weil der heutige Tag von Melancholie nur so durchzogen war, ich war leicht reizbar und überaus gehässig. Ja, ich weiß … solche Tage kommen und solche Tage gehen auch wieder. Aber es sind eben diese Tage, die einen diese Dinge wieder vor Augen führen.

Ich weiß, dass ich jetzt gerade nicht die Person bin, die ich gerne sein möchte. Und eine Veränderung bräuchte nicht viel, nur ein bisschen Willensstärke und Durchhaltevermögen. Würde ich es denn schaffen, ich wüsste, dass dann alles besser sein würde. (Ja, ernsthaft. Es gibt wirklich so etwas, das mit Leichtigkeit einfach mal alles über den Haufen werfen kann.) Wie oft schon habe ich das angepackt, bis mich die Lust und der Erfolg verließ und ich wieder einmal begann, mich mit der aktuellen Situation in all ihrer Pracht auseinanderzusetzen. Es funktioniert, natürlich. Was mir an Willensstärke und Durchhaltevermögen fehlt, übertünche ich mit Selbsttäuschung.

Puh, ich lebe ein tolles Leben gerade. Ich lebe die Liebe wieder einmal. Und trotzdem fühle ich mich umhergewirbelt, statt den langen Tiefs und den kurzen Hochs wechseln sich die beiden innerhalb von Sekunden ab. Und immer wieder die Gedanken, und der Gedanke, endlich mit dem Denken aufzuhören. Das ist schon gut so. Was ich aber wieder einmal brauche, sind Erfolge.

Erfolge, auf die ich aus tiefstem Herzen stolz bin. So etwas gab es schon lange nicht mehr. Irgenwann mal vor drei Jahren, als ich zum ersten Mal vor Publikum und mit gesundheitsgefährdendem Herzklopfen meine Texte vortrug. Oder als ich mein (glücklicherweise nicht beachtetes) Erstlingswerk the places you have come to fear the most, immerhin ganze 35.697 Wörter, in einer Schreibwut innerhalb weniger Tage von Kapitel 2 zu Kapitel 4 (inkl. Nachwort) brachte und dann voller Stolz und mit einer kleinen Flasche Sekt zu meiner Exfreundin fuhr. Das war etwas. Das war wirklich groß.

Und heute erwische ich mich dabei, wie ich, wenige Tage vor den wichtigen Prüfungen, mich einfach nicht dazu aufraffen kann, endlich etwas zu tun. Dass ich mir dadurch nur selber große Steine in den Weg lege, wird mir leider meist erst viel zu spät bewusst. Wenn ich stolpernd in das Meer aus spitzen Kieselsteinen stürze. Ich mache die gleichen Fehler irgendwie ja doch immer wieder, wisst ihr.

Selbst wenn das Studium vielleicht nicht einhundertprozentig das ist, was ich jetzt gerade brauchen würde, so ist es doch die bessere Alternative. Und bevor ich sie abschließe (zwei Jahre) oder von ihr geworfen werde, dank negativer Prüfungen, muss ich vorher zumindest einmal Volle Distanz. Näher zu dir (welches übrigens vielleicht noch einen anderen Titel bekommen könnte) fertigstellen. Damit ich dann vielleicht auch nur annähernd etwas habe, woran ich mich klammern kann.

Und vielleicht schaffe ich es irgendwann einmal sogar, über meinen Schatten zu springen, und es endlich zu wagen, jemand anderer zu werden. Veränderungen sichern einen den Weg ins Ungewisse, ins Unerwartete. Und davor haben wir wohl die größte Angst. Wir alle, nicht nur ich.

Ich bräuchte das endlich wieder einmal. Mich von einer anderen Seite kennenzulernen. Denn eben gerade kotzt sie mich vollkommen an, das Ich, das jetzt gerade diese Zeilen tippt und sich einen kalten Café Latte von McCafé runterkippt. Und schön langsam beginne ich damit, nicht immer erst alles groß anzukündigen, um dann die Klappe zu halten, wenn das Erreichte in weiter Ferne bleibt. Zu diesem Thema werdet ihr wohl erst wieder hören, wenn ich nur wenige Meter vor den Erfolgen meine letzte Pause mache.

Kälte.

Im Laufe des Gesprächs, als ich meiner Mama von meinem Timi-Traum erzählte. Auch sie hat schon oft von ihm geträumt:

Und du weißt ja. In der Nacht, als Timi starb, hab‘ ich von ihm geträumt. Dass ihm so kalt sei, dass er so friere.

In den kommenden Tage spürte ich plötzlich diese Kälte, du kannst dir das nicht vorstellen, ich habe bis damals und auch seither nicht mehr eine solche Kälte verspürt, eine innere Kälte. Ein ganz komisches Gefühl.

Und dann, ja, Papa war schon wieder zuhause, da, da wollte ich einfach raus. Irgendwo hin, weg aus dem Haus, auf einen Kaffee oder so. Papa musste sich nur noch schnell duschen und ich legte mich hin. Keine Ahnung ob ich geschlafen habe oder nicht.

Auf einmal sitzt Timi neben mir. An meinem Kopf, und legt seine Hand auf meine Wange. Und diese Hand war so warm, so … wunderbar warm. Als ich aufwachte, war sie weg. Diese Kälte.

Und das in alle Ewigkeit. Oder so.

Bild von hoch21 (http://twitpic.com/2g8aas)

via hoch21 (Alternativen | @hoch21 | twitpic)

„Und wenn wir uns wiedersehen wird alles anders sein, weißt du.“
– „Mhm.“

Wir haben uns nie wieder gesehen. Und falls wir uns denn nun wirklich einmal sahen, war es nicht das, was ich mir erhofft habe. Es fühlte sich falsch an, die Ferne, die wir uns beide auferlegt haben. Die durch den jahrelangen Abstand, mal mehr, mal weniger, mutwillig aufgebaut wurde.

Aber manchmal, wenn ich dich sehe, überlege ich mir, wie es wäre. Wenn wir uns einfach mal an der Hand nehmen würden, weg aus dem Nichts, hinein in ein kleines Plätzchen Zweisamkeit. Nur wir beide, der Himmel über uns und dann würden wir schließlich endlich wieder einmal reden. Wir würden uns erzählen, was wir die letzten Jahre so getrieben haben. Wir würden lachen, in Erinnerungen schwelgen. Something like this.

Und trotzdem frage ich mich, ob es denn jemals wieder so sein könnte. So wie es mal war. Dieses einfache, vollkommen unkomplizierte Reden über Gott, die Welt und uns. Ich glaube, irgendwie wäre es ganz einfach nicht mehr so. Wir haben uns verändert, haben uns zerstört und wieder zusammengebastelt, und das vollkommen alleine, auf uns gestellt.

Das weiß ich und trotz alledem fällt es mir schwer, aufzuhören. Aufzuhören, daran zu denken. Einfach den Schalter umlegen, und wieder da zu sein, wo man sein möchte. Aber das geht nicht. Das hat mir der Traum der vergangenen Nacht gezeigt, der mir wieder einmal zeigte, dass man vieles akzeptieren kann, dass man glaubt, vollkommen darüber hinweg zu sein, es verstanden zu haben.

Und dann sieht man plötzlich seinen Neffen wieder, hält ihn, bemerkt, dass man ihn wieder lebendig machen kann, er öffnet die Augen. Knapp drei Jahre nach seinem Tod. Und die Freude in der Familie, und das wunderbare Gefühl. Und dann wache ich auf, ganz still ist es in meinem Zimmer, die Sonne leuchtet beim Fenster rein, und ich warte.

Überlege, ob das, was war, nun Realität ist. Überlege. Es ist ein schönes Gefühl, der Gedanke, dass die Welt so ist wie vor 3 Jahren. Oder so wie jetzt, nur vergessen sind sie, die beschissenen 1000 Tage. Und immer noch bin ich stumm, wage nichts zu sagen, nicht laut zu atmen, bis ich schließlich bemerke, dass das Jetzt eben doch anders aussieht, sich nichts verändert hat.

Manchmal ist es wirklich hart, zu erkennen, dass etwas nicht so ist, wie man es sich gewünscht oder erträumt hat. Nur um gleich wieder zu erkennen, dass das Leben auch so weitergeht. Und wahrscheinlich gehört das ganz einfach dazu, dass immer mal wieder Erinnerungen auf einen einstürzen, nur damit man einsieht, wie stark man geworden ist.

Aber vergessen kann ich sie nie. Die Menschen, die ich liebgewonnen habe, die mir die Welt bedeuteten, die ich auf Händen zu tragen pflegte. Die mich verlassen haben. Denn die Erinnerung bleibt, und das in alle Ewigkeit. Oder so.

Dieser Moment gehört uns. Uns ganz allein.

Als ich tief einatme, spüre ich den herbstlich kalten Wind meine Luftröhre hinunterzischen. Es hat mächtig abgekühlt, und doch kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, als wir halbnackt am See lagen oder nackt im Fluss schwammen. Doch es sind Wochen, die sich seither dazwischen geschoben haben. Es ist Herbst geworden und die ausgemergelte Landschaft bekommt wieder ihren nötigen Kraftstoff. Regnet es nicht eigenlich nun schon seit Tagen?

Sie, die die ganze Zeit neben mir an dieser Hausmauer lehnte, schnippt den Stummel ihrer Zigarette in die Wiese vor uns. Langsam rückt sie näher zu mir und legt ihren Kopf auf meine Schulter. Obwohl ich es nicht sehen kann, weiß ich, dass sie ihre Augen geschlossen hat. Ich tue es ihr gleich und gemeinsam lauschen wir noch einige Momente lang dem Tascheln des Regens. Ich höre ihren Atem, und sie wahrscheinlich den meinen. Was wollten wir hier eigentlich tun?

Ich zünde mir noch eine Zigarette an, öffne dafür kurz meine Augen und genieße diesen Moment hier mit einem tiefen ersten Zug. Sie ist so sanft und ruhig. Nur das Heben ihrer Brust macht es mir deutlich, dass sie atmet und eben neben mir steht und wahrscheinlich gerade auf meiner Schulter eingeschlafen ist. Es sind Momente wie diese, die mich aus tiefstem Inneren lächeln lassen. Die dazu beitragen, dass ich mich gerade so glücklich fühle.

Unsere Freunde werden uns vermissen, wenn wir nicht gleich zurückgehen würden. Aber es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Dieser Moment  gehört uns, uns ganz allein. Und nachdem ich eine Kurznachricht ausgeschickt habe, wird er wohl noch einige Zeit uns allein gehören. Ich lege meinen Kopf, ganz sanft, um sie auf gar keinen Fall auufzuwecken, auf den ihren. Wieso können wir nicht so sitzen bleiben, bis zum nächsten Morgen. In dieser unglaublich vertrauten Zweisamkeit. Gefangen, hier, zwei Individiuen, in dieser Unendlichkeit.

Plötzlich bewegt sie sich wieder. Mit verschlafenem Blick sieht sie mir ganz tief in meine Augen. Und als wir nun hier sitzen, kommen sich unsere Gesichter immer näher. Unsere Lippen berühren sich, ganz sanft, zärtlich. Ihre Lippen wandern den Hals hinab, bis sie ihren Kopf wieder auf meine Schulter legt. Ich bin ein weiteres Mal sprachlos hier.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, unsere Körper aneinandergekuschelt und von irgendeinem Freund irgendwann nachts mit einer dicken Decke zugedeckt, spüre ich nicht. Ob es nun ein Traum war, oder eben nicht.  Aber es muss beinahe einer gewesen sein. So schön, wie all das war. Als die Morgensonne unsere Gesichter zu kitzeln beginnt, und auch sie wieder munter wird, wird es mir klar.

Es ist egal. Es ist doch verdammt noch einmal egal.

photocredit: db*photography | flickr

Was wäre nur. [Ein Abschied]

Was wäre nur, wenn ich dich nie wieder sehen würde. Wenn du jetzt weggehen würdest und nie wieder zurückkämest. Wenn das Aus-den-Augen-Verlieren einfach nur ein Resultat deines überraschenden Todes wäre. Wenn du in meinem Kopf nicht als stets fröhlicher, manchmal verwirrter Mensch in Erinnerung bleiben würdest, sondern mir tage- und wochenlang dein Gesicht nach deinem Tod, oder die Atmosphäre deines Begräbnisses verfolgen würde. Was wäre, wenn ich dann vor deinen Grab stehe, und alles, was mir einfällt, ist ein müde gehauchtes „Ich liebe dich.“

Und niemand würde antworten. Weil ich meine Liebe zu dir zu lange in mir trug und aus reiner Feigheit nicht der Welt offenbaren konnte. Ich wette es würde regnen. Einfach aus Prinzip. Weil ich es mir verdient habe, so wie niemand sonst. Und womöglich breche ich auch einfach vor deinem Grab zusammen, die Kieselsteine bohren sich in meine Knie und ich spüre es nicht. Und ich heule, weil ich dich nur noch ein letztes Mal in den Arm nehmen möchte, dich ein letztes Mal küssen, mit dir ein letztes Mal in die Sterne schauen.

Selbst das müsste ich aufgeben. In die Sterne zu schauen. Weil es nicht mehr dasselbe wäre. Und weil unser gemeinsamer Stern mich Nacht für Nacht an dich erinnern würde. Und der Große Wagen? Er wäre bedeutungslos. Und trächtig. An Erinnerungen und Gefühlen für dich. Ich würde meine stille Liebe zum Nachthimmel aufgeben müssen, weil du nicht mehr da bist. Kannst du dir das vorstellen? Wo wäre ich nur heute, hätte ich nicht vor ein paar Jahren die Genialität des Unendlichen entdeckt. Und das Ende von Ewigkeiten. Jene Ewigkeiten, welche Sterne dort verbrachten, bis sie verglühten und für uns zum Wunschkonzert wurden.

Wie könnte ich schlafen. Wenn du mich jede Nacht begleitest, durch meine absurdesten Träume. Und wenn ich aufwache und mit einem Lächeln dein Gesicht erwarten würde, weil all das in dieser Nacht so real und fassbar vor meinen Augen auftauchte. Und ich Tag für Tag immer und immer wieder bitter enttäuscht werden würde. Jeden Morgen die selbe Prozedur. Würdest du da noch gerne die Augen schließen, nach einem langen und anstrengenden Tag?

Ich habe mal gesagt, ich würde die Ewigkeit hassen. Ich hasse sie immer noch. Von ganzem Herzen. Aber in meinem Kopf, so scheint es, wirst du immer gespeichert bleiben. Du und meine ungenützte Chance, dir meine Gefühle zu offenbaren. Und ich würde mich hassen und am liebsten den Spiegel zertrümmern wollen, welcher mich zu zeigen versucht. Weil ich es nicht geschafft habe und es auf ewig in mir bleiben würde. Weil du es nie erfahren hast. Weil niemand davon erfahren hat. Niemand. Außer mir. Wie hätte ich die Gefühle unterdrücken können, wenn du mir einfach dieses Gefühl der Geborgenheit gabst. Und mir die Angst vor der Nähe nahmst. Wie hätte ich je erfahren können, wie schön schweigsame Zweisamkeit ist. Vielleicht wusstest du es schon lange und warst selbst nicht sicher, wie ich darauf reagieren würde. Vielleicht sind wir gemeinsam an unserer Angst zugrunde gegangen und jetzt lässt du mich allein.

Allein hier auf dieser Welt.
Auf dieser großen, verstörenden Welt.

Und du weißt doch, wie sehr ich Angst vor Einsamkeit habe.

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