Tapetenwechsel.

Ich falle hinein, falle heraus. Halte mich fest, stürze zurück. Stoße mich und blicke nach vorne. Hinein in dieses grelle Licht aus Dunkelheit erbaut.

Wie viele Jahre mag es denn nun schon her sein, als ich mehrmals jährlich in diesem großen Zimmer mit diesem großen Bett, dem riesigen Kasten und den zwei Fenstern hinaus zu den Obstbäumen, schlafen durfte. Und ich minutenlang Probleme hatte, nach dem Abdrehen des Lichtes die grässliche Tapete aus dem Kopf zu bekokmmen.

In welchem ich einen meiner ersten Liebeskummer zu verarbeiten versuchte, immer mit den Gedanken und dem Aufeinandertreffen. So viel Schmerzhaftes. Das Zimmer ist schon nicht mehr. Das Bett auch nicht. Nur die Fenster scheinen noch zu sein. Und es stimmt. So sehr sich auch die Welt verändert, und Dinge verschwinden, die früher einmal die Grenzen der Welt bedeuteten, so bleibt doch immer die Erinnerung. Wie viele Jahre mag es her sein.

„Wovon sprichst du?“. Von der Seite sprichst du mich an. Ich habe meinen Blick nach oben erhoben und versuche sinnlose Details an der Decke zu finden. Einfach so vor mich hingesprochen, erfasse ich die Frage gar nicht wirklich. Erst dann. „Von Erinnerungen.“ Sicherlich folgt jetzt die Frage, wie ich darauf komme. Ich nehme sie vorweg und verwerte hingegen schon die Antwort. „Weil …“ Ich stocke.

Immer mal wieder beginne ich ohne ersichtlichen Grund. Versinke in den Erinnerungen, die mir eigentlich schon lange nicht mehr untergekommen sind. Jetzt tauchen sie wieder auf. Wie die raren Rückfälle in die Vergangenheit, die Alzheimerpatienten öfter mal haben. Wo dann alles stimmt, während in der Gegenwart so vieles falsch zu laufen scheint.

Ich kehre zurück zu unserem Gespräch. Und während ich dich so ansehe, wundert es mich, wie sehr es mir bei dir auffällt. Wir haben uns jetzt mindestens schon zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und während wir uns alle irgendwie weiterverändert haben, ich ein Anderer wurde, und mein Freundeskreis sich weiterentwickelt hat, bist du immer noch der Gleiche. Irgendwie erschreckend. All die Veränderungen die die Entwicklung mit sich bringt, scheinen an dir vorübergegangen zu sein.

„Worüber sprachen wir?“, frage ich. „Über unsere Liebesleben.“. Du lachst. Und ich versinke wieder in Erinnerungen. Wieso muss das in jedem Gespräch zum Thema gemacht werden. Und während du mir von deiner Freundin und den beiden Exfreundinnen erzählst, die du seit den letzten zwei Wochen hattest, beginne ich zu lächeln, drehe das Licht ab und bekomme einfach diese grässliche Tapete nicht mehr aus dem Kopf.

[Ein Beitrag von vor vier Jahren. Und ich weiß übrigens nicht mehr, über wen ich da geschrieben habe.]

Krieg.

Als ich aufhörte, ihr zuzuhören, war sie gerade am Höhepunkt ihrer Erzählungen angelangt. Ich schüttelte den Kopf, griff die Speisekarte vor mir und sie redete trotzdem weiter. Warf mit Vorwurfsgranaten um sich und jedes einzelne Mal spürte ich die Explosion und die Erinnerungssplitter. Wir befanden uns im Krieg, nur ich war eindeutig die schwächere, die überraschtere Seite. Obwohl es so überraschend nun auch nicht mehr war.

Die Konflikte haben schon lange Zeit vorher begonnen und haben nie wieder aufgehört. Selbst mit diplomatischem Einfühlungsvermögen hätte man da nicht viel retten können. Unser Untergang war schon gewiss, noch bevor die erste Bombe platzte. Wir haben falsch gelebt, haben stets versucht zu gewinnen. Haben verlernt, was es heißt, zu verlieren. Obwohl wir darin unschlagbar gewesen wären. Es hatte so kommen müssen, und jetzt sollte jeder Angriff sitzen, als wäre er schon jahrelang geplant.

Und doch reißt sie mir die Speisekarte wieder aus der Hand, wirft sie auf den Tisch, der uns trennt, der diesen Abstand zwischen uns entstehen hat lassen. Ich solle ihr gefälligst zuhören, sagt sie mit erboster Stimme, wenigstens dieses eine Mal, wirft sie mir noch hinterher und ich schüttle nur den Kopf, sehe kurz raus aus dem Fenster bis ich wieder auf das Schlachtfeld zurückkehre und ihr wieder in die Augen blicke. Wenn du mich jemals geliebt hast, beginnt sie ihren nächsten Satz und ich beginne zu überlegen. In der Zeit ihres Eintretens, in der Zeit der Schmetterlinge, scheint die Liebe so unendlich, so unzerstörbar und nach dem Ende fühlt es sich immer fast so an, als wäre die Liebe – wenn überhaupt – nur ansatzweise zu spüren gewesen. Ich weiß es nicht. „Wenn du mich jemals geliebt hast-“ – „Und was, wenn nicht?“

Ein Gegenschlag von meiner Seite. Ein Napalmangriff, der nicht hätte sein müssen. Sie hat Tränen in den Augen, zahlt noch schnell ihr Getränk beim Kellner, packt ihre Tasche. „Wenn du mich jemals geliebt hättest, hättest du mir dieses eine Gespräch vergönnt, diese Aussprache, du verdammtes Arschloch.“

Plötzlich ist sie weg. Der Krieg ist vorbei, vorerst zumindest. Nennen wir es Waffenstillstand. Die Granaten fehlen, die Explosionen, die zielgerichteten Schüsse. Und vielleicht stimmt es, was man immer sagt. Im Krieg gibt es keinen Sieger. Zumindest ich fühle mich nicht so, nein, gar nicht. Vielmehr fühle ich mich so, als hätte ich irgendetwas verdammt falsch gemacht. Richtig verdammt falsch.

Dieses eine verdammte Lied. [16]

Musik. 15122010

„Es ist die Musik.“ Verdutzt siehst du mich an, als ich mir gerade eine Träne aus meinem überraschten Gesicht wische. „Es ist nur die Musik.“ Du reichst mir ein Taschentuch, aber das ist nicht nötig. Der Pulloverärmel hat sie schon aufgefangen, weggetragen, losgelöst. Und immer noch höre ich dieses eine Lied im Hintergrund, welches mich innerhalb von Sekunden austrocknet, mir mein Lächeln raubt, meine Gedanken überschlagen und mich nur hilflos zurück lässt. „Nur die Musik.“

Du verstehst nicht, kennst nicht die Geschichte. Ich habe es mir ganz einfach vorbehalten, vor allem das Gute zu erzählen, in unseren unzähligen Momenten, die wir bisher dazu genutzt haben, uns selbst vorzustellen. Ich will dir selbst jetzt nichts davon erzählen, denn es ist etwas, dass mir selbst heute noch weh tut. Etwas, das mir vor Jahren alles nahm, den Boden unter den Füßen, unzählige Träume, ein Leben. Und ich will auch kein Mitleid und bin mir sicher, dass du noch irgendwo eines übrig hast. Langsam nippe ich wieder an meinem Kaffee und versuche nicht hinzuhören und dir nicht in die Augen zu sehen. Dieses eine verdammte Lied.

„Kennst du das, wenn du etwas Wunderschönes … hm, geschenkt bekommst, es hängen so viele Erinnerungen daran, und dann passiert etwas komplett Furchtbares. Und fortan weckt allein das Ansehen dieses Dings so schreckliche Gedanken, so atemraubende Bilder. Kennst du das?“ Du überlegst. So etwas muss man nicht kennen. „Bei diesem Lied ist das so.“ Aber was sage ich: es ist nicht nur dieses Lied, es sind viel mehr, und die Dinge, die immer noch in meinem Zimmer herumliegen und dir hoffentlich nie auffallen.

„Darf ich nachfragen-?“ Nein, darfst du nicht, nein, denn ich will nicht darüber reden und es ist der Stimmungskiller schlechthin, ein absolutes No-Go. „Mhm.“ – „Willst du darüber reden? Mit mir? Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst.“ – „Hm.“ Kann ich das? Und will ich es? Und ich beginne zu erzählen, und verpacke es in eine überraschende Sprache, beinahe so, als wäre es eine Geschichte, etwas Fantasie, Literatur und nicht die harte Realität, die Vergangenheit und die Gegenwart. Du lauscht meinen Worten, wischt hie und da etwas Flüssiges aus meinem Gesicht, setzt immer mal wieder dein geschocktes Gesicht auf und nickst.

„Und deswegen das gerade. Das mit dem Lied und so.“ Ich erwarte mir deine Hand auf meiner Schulter oder meinem Kopf, ein paar bemitleidende Worte, das Angebot von Zeit, von Gesprächen, von Hilfe. Aber du rettest dich so wundervoll aus der Misere, dein Blick scheint … gebrochen, deine Stimme etwas weinerlich, meinst nur ein „Oh.“ und zündest dir die nächste Zigarette an. So ist es gut.

Welcome Home.

„Uns fehlt der nötige Weitblick“, sagst du, und stellst dich vor mir hin und versuchst mit zusammengekniffen Augen voller Mut in die Dunkelheit dieser Nacht zu blicken. Es ist irgendwas nach Mitternacht und irgendetwas verdammt knapp vor Sonnenaufgang. Die Feuchtigkeit der Luft befeuchtet immer wieder unsere Lippen und schön langsam geht auch die Kälte aus unseren Gliedern und unserer Kleidung hinaus. „Welcher Weitblick?“, frage ich und wir setzen uns.

Wir brauchen keinen Weitblick, denk ich mir und streiche langsam über das nachtnasse Gras und robbe mich etwas von der Decke herab, die hartnäckig versucht, uns halbwegs trocken zu halten. Wir brauchen keinen Weitblick, weil wir doch nur jetzt sind. Wir sind hier und jetzt und verdammt. Ich denke meist nur die nächsten paar Tage weiter, habe nur einen groben Plan von der kommenden Woche. Aber du siehst mich an.

Siehst mich an und ich weiß, was du denkst. Es ist schwer mit mir zu leben, bin ich doch unzuverlässig wie kaum jemand anderer, und. Ja, es ist schwer mit mir zu leben.  Mit mir beisammen zu sein und sich ausgiebig mit mir zu beschäftigen. Dein Kopf ruht auf meiner Brust und du spürst wie ich atme. Ein. Aus. „Wir brauchen keinen Weitblick.“, sage ich schließlich. Die ersten Strahlen der frühen Morgensonne kommen heraus und du blickst mich an. Küsst mich und ich möchte dich einfach nur wegstoßen.

Weil du mir Angst machst und ich leider auch zur Genüge weiß, wie ich bin. So etwas wie das hier, mit dir. Dieses wir. Es lässt mich all die Unzuverlässigkeit verlieren und plötzlich würde mein Leben sogar wieder so etwas wie Rhythmus erlangen. Und ich wäre wie verändert, so mancher würde mich kaum wiedererkennen. Und dann wäre es eines Tages vorbei und ich würde wieder da stehen. Vollkommen alleine. Unter Freunden. Und würde durch den ungewohnt fehlenden Rhythmus stolpern und einfach nur hoffen, dass alles wieder vorbeigeht und ich vielleicht auch von selbst wieder zurückfinde.

Und aus Erfahrung weiß ich, dass ich es nicht kann. Dass ich nach solchen Enden, ob überraschend oder vorhersehbar, einfach nur peinlich bin. Wie ein kleines Kind, wie jemand, der mit Verlusten nicht umgehen kann. Und ja. Ich kann es nicht. Auch heute nicht, und auch nicht jetzt.

Deswegen lass‘ uns doch bitte hierbleiben. Hier, in diesem Moment. Folge mir hinein in meine Kurzsichtigkeit. So brauchen wir nie Angst zu haben, dass die Liebe irgendwann einmal vorbeigeht. Wir würden uns nie von der Angst treiben lassen und hätten die Freiheit uns zu lieben. Uns zu lieben, im Hier. Verstehst du was ich meine?

Die Sonne ist aufgegangen und du küsst mich immer noch. Ich halte es kaum aus, liebe die Nähe und spüre die Angst. Muss jetzt gehen, um nicht mich selbst zu verlieren. Verabschiede mich vorsichtig und setze zum Rückzug an. Ich will nicht mit dir gemeinsam nach Hause gehen, jetzt, so früh am Morgen. Ich möchte jetzt gerne alleine sein. Irgendwo in der Ferne geht eine Alarmanlage eines Autos los.

Und ich versuche, mich nicht umzudrehen und lasse dich einfach sitzen. Auf dieser Decke, in dieser Wiese. So früh am Morgen und irgendwann hört schließlich auch die Alarmanlage auf. Welcome home.

 


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Foto: enixii

Doch es ist nichts.

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„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

Nein. Es wird nie wieder so sein. Es wird anders. Anders schön.

Ich weiß nicht, ob sich jeder in meine Situation und in meine Gedanken hineinversetzen kann. Wer von euch hat schon einmal etwas so sehr liebgewonnen und – innerhalb eines kurzen Tages, eigentlich innerhalb weniger Sekunden, innerhalb eines Moments – ist alles so, wie es nie hätte sein sollen. Am Schrecklichsten ist es, wenn es sich dabei um einen Menschen, ein Kind handelt. Hätte ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass all das passieren würde, ich hätte mich selbst ausgelacht. So unrealistisch, so unwirklich mutet all das an.

Nicht verstehen, sondern akzeptieren. Warum all das passiert ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es passiert ist. So schmerzhaft allein dieser Gedanke ist, so soll er mich doch nicht davon abhalten, nach vorne zu blicken. Ich weiß: Damals, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht nur das, versank ich in ein Loch, in eine Höhle, verlor den Kontakt zur Außenwelt und orienterte mich vollkommen neu. Über diese Neuorentierung freue ich mich nun im Nachhinein, muss ich  zugeben. Vieles hat sich zum Besseren gewandt. Aber es hat lange gedauert, bis ich die Tatsache akzeptieren konnte, dass es nie wieder so sein würde. Dass nie wieder sein Lächeln mich aufmuntern kann.

Ein Gespräch mit meiner Mutter, eines unserer täglichen Telefonate, brachte mich zurück zu diesem Thema. Der Wunsch meiner Schwester, ein Kind zu kriegen, wächst von Tag zu Tag. Und jeder von uns kann verstehen, warum. Niemand von uns kann fühlen, wie es innen drin in ihr aussieht. Aber ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass ihr Wunsch bald in Erfüllung geht.

„Aber es wird nie wieder so sein.“
„Nein. Ich weiß.“
„…“
„Es  wird anders schön.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und all unser Leben nach der Vorstellung konzipieren, wie es war, als es war. Es ist nicht mehr, und selbst wenn es heute noch so oft schmerzt, so bin ich mir vollkommen sicher, dass alles gut wird. Anders gut, wahrscheinlich. Aber gut.

[Und Menschen nach Maßstaben zu messen ist niemals okay.]

So why does the wind go howling her name?

Er atmet tief ein. Und so sehr er es sich auch wünscht, die Stimme in seinem Kopf gestattet ihm keine Sekunde der Stille. Es ist kalt hier, draußen, an der frischen Luft. Der Himmel, so blau. Und immer. Ja, immer denkt er nur an sie und vergisst zu vergessen. Er hat das Vergessen nie erlernt. Alles Geschehene bleibt in ihm. Und an manchen Momenten scheint ihm die Vergangenheit den letzten Schlag versetzen zu wollen. Es ist unerbitterlich und auch der Wind setzt seinen Weg fort, staubt die Kristalle von den Schneedecken und wirbelt sie mutlos in die Luft.

Es ist doch schon so lange aus. Er versteht einfach nicht. Er versteht sich selbst nicht und zweifelt – wieder einmal – an sich selbst. Er dachte, er könnte nun endlich an jemand anders denken. Doch trotzdem taucht sie noch immer jeden Tag auf. In seinen Gedanken, und manchmal auch in seinen Worten. Als könne er mit ihr einfach nicht den Frieden finden. Eigentlich kommen ihm immer nur die wunderschönen Tage mit ihr unter. Die sonnigen Tage am See, die Spaziergänge rund um den Sumpf. Die Abende, als sie gemeinsam einschliefen und am nächsten Tag gemeinsam aufwachten. Seither hatte er nie wieder so etwas erlebt, so etwas gespürt. Vielleicht mag es auch daran liegen. 

Er lehnt sich ans Brückengeländer. Vom Frost etwas kalt geworden, hält es ihn immer noch davon ab, sich in den reißenden, und zu dieser Jahreszeit wahrscheinlich umso kälteren Bach zu fallen. Hier sind sie einmal gelegen. Auf einer Decke, mitten in der Nacht. Und haben die Sterne gezählt. Ein Stern trägt immer noch ihren Namen. Ein Stern. Und er blickt auch heute noch oft, egal wo er sich gerade befindet, hinauf. Zu den Sternen. Welche ein ganz besonderes Gefühl in ihm entwickeln. Jeder Mensch, welchen er auf (manchmal auch unergründliche Weise) liebt, befindet sich dort oben. Warum er auch für sie noch so viel empfindet, versteht er nicht. Aber es soll wohl so sein. Vielleicht findet sich ja wieder die Zeit und Gespräche brechen den Bann und irgendwann können sie auch wundervoll ihr Leben teilen. Als Freunde womöglich. Er würde es sich wünschen. Wahrhaftig. Selbst wenn es noch lange dauern wird. Er würde erst aufgeben, wenn sie ihm die Möglichkeit eines langen Gespräches geben würde. Denn dann würden wohl auch die Gedanken einmal ruhen und die Stille in seinen Kopf einkehren. Zumindest, was diese Sache betrifft. 

Foto von Misserion

About You.

Du.

Es fällt mir schwer, Worte zu fassen, wenn ich an dich denke. Es fällt mir schwer, Gedanken zu formen. Der Schmerz hält mich gefangen und lässt nicht los. Es regnet und das drückt vielleicht annähernd aus, was ich gerade empfinde. Deine Stimme hallt noch stundenlang nach und dein Lächeln lässt meinen Körper resignieren. Woher hast du all die Macht, all die Fülle an Mitteln, die mich stumm werden lassen.

Du bist ein mächtiges Wesen. Du wärst mein David. Ich der Goliath. Ich, über meine Grenzen hinauswachsend und doch von einem scheinbar kleinen Wesen in die Knie gezwungen. Ich hätte dich anders eingeschätzt. Wundere mich über die Entwicklung der Dinge. Du hast dich verändert. Ins Negative ebenso wie ins Positive. Ich mich auch. Aber um mich geht es hier nicht. Es ist nie um mich gegangen. Das Einzige, was zählte, war das Du.

Wer wäre ich ohne dir? Wie wäre ich. Du, wie all die anderen, ihr habt mein Leben bestimmt und mich begleitet. Oder ich hatte für kurze Momente die Möglichkeit, ein Teil von euch zu sein. Ihr habt mich verändert, du hast mich verändert. Und du hast mich nie verstanden. Alles was für dich von Bedeutung war, warst du. Mehr nicht.

So bist du eben. Niemand konnte dich jemals verändern. Du gingest deinen Weg, und setzt ihn auch jetzt ohne Probleme fort. Was bleibt ist die Hartnäckigkeit, mit der du mich nervös machst. Wenn du in einem Gespräch auftauchst, wirbelt mein Bauch, minutenlang. Alles rotiert, und jedes geplagt hervorgekämpfte Wort ist doch schon eines zuviel.

Fly Away.

Langsam, ganz langsam.

Ich habe mich scheinbar gedreht und gewendet. Nach drei oder vier Stunden Schlaf, bis kurz vor zwanzig Uhr fühle ich mich verspannt und müder denn je. Aber das musste jetzt sein. Nachholen, wofür ich die ganze Woche über nicht wirklich Zeit gefunden habe. Und nun sitze ich hier, mit dem Gedanken bei einer wunderbaren Freundin. Wo scheinbar heute mal so richtig alles nicht gut läuft. Wenn du das hier liest: Ich denk an dich. Vielleicht hätte ich noch vorbeikucken sollen. Nach erneutem Telefonat werde ich das nun auch noch tun. Und ja, ich fühle mich verpflichtet. Dir geht es nicht gut, du möchtest reden und ich möchte dir helfen. Gemeinsam können wir in Kürze schließlich über Gott und die Welt reden. 

Die Woche lief um einiges besser, als all die Tage zuvor. Man mag es jetzt als lächerlich ansehen, aber das Wiederauffinden meiner Uhr, nach mehr als fünf Monaten, ist einer der Höhepunkte der letzten Tage. Ich habe sie ernsthaft in meinem gesamten Zimmer gesucht. Habe alle aufgehoben und überall nachgekuckt. Überall? Nein, nicht wirklich. Denn obwohl ich mir ganz sicher war, dass ich die Uhr das letzte Mal bei meinem Nächtkästchen gesehen habe, habe ich nie in der Briefebox nachgesehen. Und vor drei Tagen habe ich wieder einmal zwei Briefe geschrieben (schon angekommen?) und überraschenderweise meine Uhr am Grunde der Box gefunden. Meine Briefebox ist übrigens eine Converse-Schachtel mit Adressen, Kuverts und Briefmarken. Was ganz Tolles. Ehrlich.

Ach ja, und diese Woche habe ich auch durch Zufall erfahren, dass durch den Text „Selbstgespräch. Und So.“ mein Blog der Teil einer eineinhalb Jahre langen Ausstellung in drei Museen in Deutschland sein wird. Es ist ein unglaubliches Gefühl, dass meine Art zu schreiben, und hier geht es wirklich darum, da es sich um einen puren minimal literarischen Text handelt, auch über das Internet hinaus zu betrachten ist. Es ist so etwas wie ein kleiner Traum. Mein Name, mein Blog. Ein kleines bisschen Berühmtheit für etwas, was für mich sehr viel bedeutet. Und ich empfehle wirklich allen, die in der Nähe von Frankfurt, Nürnberg und Berlin wohnen, im Laufe der nächsten Monate diese Ausstellung zu besuchen. Ich werde es wohl erst nächstes Jahr in Berlin.

Ein weiterer Punkt, der diese Woche für schöne Gefühle sorgte, war die Tatsache, dass ich unter Pachelbel-Einfluss die ersten Sätze zu „Volle Distanz. Näher zu dir“ kreiren konnte. Ich persönlich finde den Anfang großartig und scheinbar kommt er auch bei den Lesern, als euch, wirklich gut an. Deshalb werde ich, vielleicht bald mit einem Moleskine-Notizbuch, jetzt nun mal wieder weiterschreiben. Nachdem mein erster Versuch mich bald stocken ließ. Vielleicht werde ich einen kleinen USB-Mp3-Player nur mit klassischer, ruhiger Musik bestücken. Sie ist wunderbar. Ein bisschen Bach hier, ein bisschen Pachelbel da … und möglicherweise auch noch Beethofen oder Chopin. Debussy hingegen wirbelt eher auf, als dass er beruhigt.

In Liebe und so weiter hat sich nichts entwickelt. Ich habe mich erfolgreich entliebt, und freue mich schon auf das nächste Wiedersehen ohne irgendwelche Gefühle. Und auch mit meiner Exfreundin, mit der ich erst vor zwei Monaten wirklich abschließen konnte, habe ich nun wieder Kontakt. Per ICQ wohlgemerkt, aber möglicherweise treffen wir uns in den Osterferien auf einen Kaffee. Wobei ich hinzusagen möchte, dass Ostern für mich nicht unbedingt verpflichtend Ferien bedeutet. Ich werde arbeiten. Aber ich freue mich darauf, dass der Versuch einer Freundschaft zumindest in meinem Kopf schon wieder existiert. Vielleicht auch nicht richtig, aber wie ich schon mehrmals sagte, fällt mir die Vorstellung schwer, dass jemand komplett aus meinem Leben verschwindet. Mal sehen, wie sich alles so weiterentwickelt.

Und so werde ich mich auf den Weg zu dieser einen wundervollen Freundin machen. Wir werden exzessiv rauchen, und reden. Ich habe schon lange nicht mehr mit ihr geredet. Das tut uns wahrscheinlich beide gut. Also dann, bis morgen, liebe Leute. Ich flieg dann mal weg.