Vermissen. [18]

Manchmal, da schreibe ich Briefe. Ohne Empfänger. Ich schreibe sie, und wünsche mir, dass du sie bekommst. Dass du es erfährst. Ich will dich teilhaben lassen, an hier, an all dem, an mir. Will dir zeigen, was aus mir schon geworden ist. Möchte dir erklären, warum all das passieren musste. Aber all die Nachrichten kommen nicht an. Du hast keine Adresse mehr.

Doch manchmal, da falte ich die Zettel zusammen, stecke sie in ein Kuvert und lecke die ekelhafte Klebespur ab. Klebe es zu und werfe es in die alte Schuhschachtel. Dort liegen sie alle, wohlig versammelt, in trauter Einsamkeit. Dein Name ziert jedes Kuvert, aber du liest es nicht. Liest nicht meine Worte. Liest nicht mein Leben.

Und manchmal, da frage ich mich, ob du mich siehst. Ob du sehen kannst, was ich hier so erlebe. Ob du es spürst, wenn es mir mal nicht gut geht. Ob du weinst, wenn ich es tue. Ob du den Schmerz mit mir teilst und lachst, wenn ich schon Tränen der Heiterkeit in den Augen habe. Ob du immer noch da bist, irgendwo in meiner Nähe. Mir unsichtbar folgst, auf all meinen Wegen, durch all meine Träume.

Denn manchmal. Ja, manchmal. Da vermisse ich dich. Vermisse dich so sehr, dass kein Wort es je beschreiben könnte. Wenn der Kloß im Hals immer größer wird, und ich nichts mehr sagen kann, ohne meine weinerliche Stimme preiszugeben. Wenn ich Bilder von dir sehe oder Videos, oder wenn allein schon Gedanken oder Erinnerungen in mir auftauchen. Und die Tränen ihren Weg finden. Dann, ja. Dann vermisse ich dich. Oder wenn ich von dir rede, von unserer gemeinsamen Zeit, vom wundervollen Leben mit dir. Wenn ich lache, weil mir dein Lachen so nahe ist. Dann vermisse ich dich und bin unglaublich froh darüber, dich vermissen zu können.

Foto: j_chapple147, Flickr

Weißt du, was ich mir wünsche? [24]

Wunderlampe. 18122010

Es ist kalt. Dicke Schneeflocken bahnen sich den Weg bis zu uns durch. Wir beide, aneinandergekuschelt, meine Hände in deinen Jackentaschen versteckt, meinen Kopf auf deiner Schulter, stehen da. „Endlich wieder einmal weiße Weihnachten.“, sagst du und ich murmle dir nur ein „Mhm.“ ins Ohr. Es ist schön, den ganzen Tag, wo jeder nur mehr gestresst und ohne Halt der Bescherung entgegenwütet, mit dir gemeinsam verbringen zu können. Uns lässt nichts mehr aus der Ruhe kommen.

„Ich freu‘ mich schon auf die leuchtenden Kinderaugen und…“ – „Auf die Geschenke?“, wirfst du ein. „Nein. Darauf nicht. Auf das Zusammensein mit der Familie. Auf Gespräche, die ansonsten nie stattfinden würden, auf Lachen, auf Kerzenschein, auf das Weihnachtsevangelium.“ – „So richtig christlich.“ – „Mhm. Irgendwie schon. Aber ich kann mir irgendwie Weihnachten nicht mehr ohne all dem vorstellen. Und die schrecklich falsch gesungenen Lieder und das hektische Austeilen der Geschenke.“

„Es ist schön, dass du heute Zeit hattest.“ – „Ich habe darauf gehofft, dass du anrufst, ob du noch schnell vorbeikommen würdest. Und ich hoffte, dass dein ’noch schnell‘ so wie immer sein wird.“ Wir gehen weiter durch die bezaubernd weiße Schneelandschaft. Vorbei an eingeschneiten Parkbänken, und vollkommen nackten, halb erfrorenen Bäumen. Bis du mich schließlich in den Schnee schubst und dich gleich daneben hinlegst. Du lachst, so wie du immer lachst, wenn dir etwas gefällt. Bewirfst mich mit dem Schneestaub, und wischt es mir mit der gleichen Handbewegung wieder aus dem Gesicht. Und ich, die eine Hälfte meines Kopfes im Schnee vergraben, um dir in die Augen zu sehen, sage nur „Danke. Danke, dass es dich gibt.“ Und du lachst. „Und danke, dass du es mit mir versuchst und danke, dass du es nun schon so lange mit mir aushältst.“ Du küsst mich.

„So ungleich wir auch sind. Weißt du … ich glaube, das macht das Besondere an uns beiden aus, glaubst du nicht?“ – „Mhm. Kann schon sein.“ – „Aber vor allem ist es, weil wir einfach beide so außergewöhnlich sind. Das erkennt zwar nicht jeder, aber Hauptsache, wir beide tun es.“, legst du schmunzelnd nach. Die Kälte zieht schön langsam in meinen Körper hinein und doch bleibe ich liegen. Hier neben dir, immer wieder deine in kuschelige Handschuhe eingepackten Hände an meinem Gesicht, immer mal wieder ein Kuss. Es ist schön und wohl das schönste Weihnachten aller Zeiten. Für immer. Und die Ewigkeit.

„Weißt du, was ich mir wünsche?“ – „Nein?!“ – „Dass es bitte immer so bleibt. Das wäre schön.“ – „Mhm, das wäre es.“ Es wäre wundervoll. „Und nein, das hat jetzt nichts mit Traumschlossbauarbeiten zu tun, mit einem neuen Ewigkeitsparadigma. Nein, es ist einfach nur so schön, dieses Gefühl, und dass ich mich mit dir so unglaublich gut fühle. Das schaffen nur wenige Menschen.“ Dein Kopf schmiegt sich an meine etwas mit Schnee bedeckte Schulter. Wir könnten so liegen bleiben. Doch irgendwann stehst du wieder auf, ziehst mich hoch und meinst: „Wir müssen Engel machen.“ Wirfst dich in eine noch unberührte Schneedecke und wedelst mit Händen und Beinen, um diese wunderbar kindliche Erinnerung wieder ins Gedächtnis zu rufen. Stolz springst du auf, hüpfst aus deinem Abdruck hervor und meinst: „Siehst du. Das ist es. Das ist etwas für die Ewigkeit.“ Und ich lächle nur mild und wir gehen weiter.

Zur falschen Zeit. [8]

Mein(e) See(le). 02122010

I

Und weißt du noch, wie wir hier lagen, unsere Hände hielten, Kopf an Kopf, wir alle, und irgendwann stimmte einer von uns „Wonderwall“ an und plötzlich begannen alle Strahlen unserer Menschensonne mitzusingen.
Mhm.
Das war ein magischer Moment. Etwas ganz Besonderes. Etwas für ewig.
Hm.
Oder wie wir mit Wein dasaßen und uns gemeinsam den Sonnenuntergang ansahen. Und später mit am Boden verteilten Kerzen diesen Platz noch so viel schöner machten?
Mhm.
Und als wir einfach mal die Schule schwänzten, uns eine Zuckermelone und Parmaschinken kauften und von frühmorgens bis spät nachts einfach nur wir waren?
Ja. Ja. Ich erinnere mich.

II

Wir müssen irgendwohin. Raus hier, raus aus der Stadt, aus dem Alltag, der mich fast täglich dazu verführen will, mal so richtig zu kotzen.
Mhm.
Wohin? Egal. Hauptsache raus hier.
Ich hab‘ gar nicht gefragt „Wohin?“.
Egal. Einfach nur weg. Weil-…
Egal.
Nein, nein. Nicht egal. Weil es uns wohl beide gut tun würde.
Das kann sein.
Mhm, kann sein.

III

Und jetzt liegen wir ja doch nur hier.
Und trinken Wein.
Und sehen fern.
Und surfen so rum.
Und zählen auf.
Und hoffen auf Veränderung.
Und können sie kaum erwarten.
Faules Pack, wir.
Oh ja.

IV

Hm?
Komm. Zieh dir die Schuhe an. Hier ist dein Schal.
Was?
Wir gehen jetzt spazieren.
Warum?
Wir müssen raus hier. Egal wohin.
Na gut.
Beeil dich.
Uns läuft ja nichts davon.
Stimmt auch wieder. Aber-…
Aber?
Ich habe genug von hier.

V

Es ist schön hier.
Mhm. Selbst jetzt.
Gerade jetzt. Mit all dem Schnee und keiner Menschenseele.
Mhm.
Weißt du-…
Hm?
Weißt du, was wir nie vergessen dürfen?
Nein.
Die Gegenwart.
Die Gegenwart.
Ich schwelge in Erinnerungen.
Und ich träume vor mich hin.
Wir müssen endlich mal ankommen.
Im Hier.
Mhm.

Und das in alle Ewigkeit. Oder so.

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via hoch21 (Alternativen | @hoch21 | twitpic)

„Und wenn wir uns wiedersehen wird alles anders sein, weißt du.“
– „Mhm.“

Wir haben uns nie wieder gesehen. Und falls wir uns denn nun wirklich einmal sahen, war es nicht das, was ich mir erhofft habe. Es fühlte sich falsch an, die Ferne, die wir uns beide auferlegt haben. Die durch den jahrelangen Abstand, mal mehr, mal weniger, mutwillig aufgebaut wurde.

Aber manchmal, wenn ich dich sehe, überlege ich mir, wie es wäre. Wenn wir uns einfach mal an der Hand nehmen würden, weg aus dem Nichts, hinein in ein kleines Plätzchen Zweisamkeit. Nur wir beide, der Himmel über uns und dann würden wir schließlich endlich wieder einmal reden. Wir würden uns erzählen, was wir die letzten Jahre so getrieben haben. Wir würden lachen, in Erinnerungen schwelgen. Something like this.

Und trotzdem frage ich mich, ob es denn jemals wieder so sein könnte. So wie es mal war. Dieses einfache, vollkommen unkomplizierte Reden über Gott, die Welt und uns. Ich glaube, irgendwie wäre es ganz einfach nicht mehr so. Wir haben uns verändert, haben uns zerstört und wieder zusammengebastelt, und das vollkommen alleine, auf uns gestellt.

Das weiß ich und trotz alledem fällt es mir schwer, aufzuhören. Aufzuhören, daran zu denken. Einfach den Schalter umlegen, und wieder da zu sein, wo man sein möchte. Aber das geht nicht. Das hat mir der Traum der vergangenen Nacht gezeigt, der mir wieder einmal zeigte, dass man vieles akzeptieren kann, dass man glaubt, vollkommen darüber hinweg zu sein, es verstanden zu haben.

Und dann sieht man plötzlich seinen Neffen wieder, hält ihn, bemerkt, dass man ihn wieder lebendig machen kann, er öffnet die Augen. Knapp drei Jahre nach seinem Tod. Und die Freude in der Familie, und das wunderbare Gefühl. Und dann wache ich auf, ganz still ist es in meinem Zimmer, die Sonne leuchtet beim Fenster rein, und ich warte.

Überlege, ob das, was war, nun Realität ist. Überlege. Es ist ein schönes Gefühl, der Gedanke, dass die Welt so ist wie vor 3 Jahren. Oder so wie jetzt, nur vergessen sind sie, die beschissenen 1000 Tage. Und immer noch bin ich stumm, wage nichts zu sagen, nicht laut zu atmen, bis ich schließlich bemerke, dass das Jetzt eben doch anders aussieht, sich nichts verändert hat.

Manchmal ist es wirklich hart, zu erkennen, dass etwas nicht so ist, wie man es sich gewünscht oder erträumt hat. Nur um gleich wieder zu erkennen, dass das Leben auch so weitergeht. Und wahrscheinlich gehört das ganz einfach dazu, dass immer mal wieder Erinnerungen auf einen einstürzen, nur damit man einsieht, wie stark man geworden ist.

Aber vergessen kann ich sie nie. Die Menschen, die ich liebgewonnen habe, die mir die Welt bedeuteten, die ich auf Händen zu tragen pflegte. Die mich verlassen haben. Denn die Erinnerung bleibt, und das in alle Ewigkeit. Oder so.

Was wäre nur. [Ein Abschied]

Was wäre nur, wenn ich dich nie wieder sehen würde. Wenn du jetzt weggehen würdest und nie wieder zurückkämest. Wenn das Aus-den-Augen-Verlieren einfach nur ein Resultat deines überraschenden Todes wäre. Wenn du in meinem Kopf nicht als stets fröhlicher, manchmal verwirrter Mensch in Erinnerung bleiben würdest, sondern mir tage- und wochenlang dein Gesicht nach deinem Tod, oder die Atmosphäre deines Begräbnisses verfolgen würde. Was wäre, wenn ich dann vor deinen Grab stehe, und alles, was mir einfällt, ist ein müde gehauchtes „Ich liebe dich.“

Und niemand würde antworten. Weil ich meine Liebe zu dir zu lange in mir trug und aus reiner Feigheit nicht der Welt offenbaren konnte. Ich wette es würde regnen. Einfach aus Prinzip. Weil ich es mir verdient habe, so wie niemand sonst. Und womöglich breche ich auch einfach vor deinem Grab zusammen, die Kieselsteine bohren sich in meine Knie und ich spüre es nicht. Und ich heule, weil ich dich nur noch ein letztes Mal in den Arm nehmen möchte, dich ein letztes Mal küssen, mit dir ein letztes Mal in die Sterne schauen.

Selbst das müsste ich aufgeben. In die Sterne zu schauen. Weil es nicht mehr dasselbe wäre. Und weil unser gemeinsamer Stern mich Nacht für Nacht an dich erinnern würde. Und der Große Wagen? Er wäre bedeutungslos. Und trächtig. An Erinnerungen und Gefühlen für dich. Ich würde meine stille Liebe zum Nachthimmel aufgeben müssen, weil du nicht mehr da bist. Kannst du dir das vorstellen? Wo wäre ich nur heute, hätte ich nicht vor ein paar Jahren die Genialität des Unendlichen entdeckt. Und das Ende von Ewigkeiten. Jene Ewigkeiten, welche Sterne dort verbrachten, bis sie verglühten und für uns zum Wunschkonzert wurden.

Wie könnte ich schlafen. Wenn du mich jede Nacht begleitest, durch meine absurdesten Träume. Und wenn ich aufwache und mit einem Lächeln dein Gesicht erwarten würde, weil all das in dieser Nacht so real und fassbar vor meinen Augen auftauchte. Und ich Tag für Tag immer und immer wieder bitter enttäuscht werden würde. Jeden Morgen die selbe Prozedur. Würdest du da noch gerne die Augen schließen, nach einem langen und anstrengenden Tag?

Ich habe mal gesagt, ich würde die Ewigkeit hassen. Ich hasse sie immer noch. Von ganzem Herzen. Aber in meinem Kopf, so scheint es, wirst du immer gespeichert bleiben. Du und meine ungenützte Chance, dir meine Gefühle zu offenbaren. Und ich würde mich hassen und am liebsten den Spiegel zertrümmern wollen, welcher mich zu zeigen versucht. Weil ich es nicht geschafft habe und es auf ewig in mir bleiben würde. Weil du es nie erfahren hast. Weil niemand davon erfahren hat. Niemand. Außer mir. Wie hätte ich die Gefühle unterdrücken können, wenn du mir einfach dieses Gefühl der Geborgenheit gabst. Und mir die Angst vor der Nähe nahmst. Wie hätte ich je erfahren können, wie schön schweigsame Zweisamkeit ist. Vielleicht wusstest du es schon lange und warst selbst nicht sicher, wie ich darauf reagieren würde. Vielleicht sind wir gemeinsam an unserer Angst zugrunde gegangen und jetzt lässt du mich allein.

Allein hier auf dieser Welt.
Auf dieser großen, verstörenden Welt.

Und du weißt doch, wie sehr ich Angst vor Einsamkeit habe.

Auch auf Ci-Jou und jetzt.de

Wir werden nie enttäuscht werden.

Wir lassen uns gehen, lassen es uns gut gehen. Still und leise, auf holprigen Pfoten wandern wir den feuchten Boden entlang. Die Sonne hat schon aufgehört, ihr dumpfes Scheinen auf diesem Fleck der Erde zu offenbaren. Ich atme durch. Die zigarettenreichen, langen Abende und Nächte zuvor, seit dem Beginn dieser freien Tage haben leichte Spuren hinterlassen. Und doch bestärkt mich das Leben zurzeit in meiner Annahme, dass wahrscheinlich alles passieren könnte. Alles. Und wir würden nie enttäuscht werden. [Natürlich gibt es etwas, was mich vollkommen aus der Bahn werfen würde, aber von Tod einer nahestehenden Person möchte ich einfach nicht sprechen, geschweige denn auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden.]

Langsam wende ich mich einem meiner Freunde zu. Auch er lächelt und wir setzen uns auf eine der Bänke, die querfeldein überall möglichst unpassend platziert wurden. Was kann uns denn schon passieren. Wir lassen uns gehen. Lassen es uns gut gehen. Wir kennen den Genuss und wir wissen, wie man da Leben möglichst unkompliziert halten kann. 

Eine weitere Zigarette kommt zum angeregten Konsum der letzten Tage hinzu. Wir sprechen. Über Gott und die Welt und über das Leben. Über uns. Schwelgen in Erinnerungen, träumen von unseren Plänen und genießen die Welt hier. Ewig könnten wir hier sitzen bleiben, könnten die Nacht Nacht bleiben lassen und den Tag Tag. Für uns gibt es keine Zeit. Dieses Gefühl haben wir schon vor langer Zeit verloren.

Wir tapsen auf dem holprigen Untergrund des Ungewissen und atmen langsam die Luft des Unvorhersehbaren. Aber wir lieben die Herausforderung und lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind hungrig. Nach Neubeginn, nach Herausforderungen, nach neuen Ängsten. Und unser Hunger wird gestillt werden.

Und wir wissen.
Wir werden nie enttäuscht werden.

Wish I Had.

Eine Berührung.

Du berührst mich. Ohne mich zu berühren, deine Hände ruhen, liegen an deinem Körper, thousand miles away. Du berührst mich. Mit deiner Stimme und mit der Erinnerung. Sie schwebt und fliegt und fällt und berührt. Sie berührt mich, die Erinnerung. Die Bilder und Worte und Dinge. Sie liegen, stehen, verrotten. Du bist nicht da und doch. Niemals fehlst du und trotzdem fehlst. Du. Du berührst mich.

Die Wolken und die Sonne. Der blaue Himmel. Die Natur, das Gras, das Wasser. Erde, Wasser, Feuer, Luft. Elemente der Welt. Wir sitzen hier seit Stunden. Und sind einfach nur am Leben. Bis unsere Welt zerbricht. Es dunkel ist. Dunkel. So wie du. So wie ich.

Spiegelung.

Die Bäume spiegeln sich im See. Dunkel, dieser Platz.

Durch den Wind wird ein Blatt in den See geweht. Dem Berühren des Wassers folgen kleine gleichförmige Wellen. Meine Augen folgen dem Wasser und beobachten, wie die Spiegelung des Umlandes unförmig wieder zu sich zurückfindet. Der Steg hier. Ich lasse mich nieder und würde am liebsten meine Füße baumeln lassen. Doch dafür ist es noch zu kalt. Der eisige See liegt vor mir, die Bäume wehen im Wind und die Spiegelung bewegt sich.

Als die Unmenge an Luft durch die Äste weht, warte ich. Das ist dieser Platz, an dem wir waren. An dem wir es versuchten und uns auch gut dabei fühlten. Auf diesem Steg saßen wir und alles schien okay. Ich erinnere mich gerne an diesen Tag zurück. Die Sonne schien und es war Sommer. Ein Sommer wie damals. Jetzt ist es dunkel, hier an diesem Platz. Hier an diesem Ort, wo sich die umliegenden Bäume im See spiegeln. Und vielleicht spiegelt der See noch viel mehr. Uns beide. Es ist dunkel. Der See ist still. Still ist es um uns geworden. Nur ich sitze hier, und warte.

Dieser Platz hier ist besonders. Die Magie, die er ausstrahlt, spüre ich nirgendwo so stark wie hier. Hier waren war, unzählige Tage. Du wohnst nur wenige Meter entfernt. Ich habe dich nicht angerufen, habe nicht angeläutet. Ich wollte zu diesem Platz allein kommen, mit all der Erinnerung. Dass es wehtun würde, habe ich erwartet. Aber ich warte und räume die Dunkelheit immer mehr Platz ein. Irgendwann hört es auf zu spiegeln. Die Nacht ist da und der See liegt still da. Mit der Hand auf meiner Brust spüre ich das sanfte Atmen meines Körpers. Gedanken schwirren wie Glühwürmchen um mich herum. Es ist Zeit, denke ich. Und warte.

Wir Müssen Das Nicht Tun.

Agnostik für Anfänger.

Es wurde Zeit. Manchmal nehme ich mir für ein gutes Buch einen bestimmten Tag vor, an dem ich die letzte Seite lese und es dann zufrieden zuschlage. Zuschlage und beruhigt ins Bücherregal zurückstelle. Oder ich freue mich auf irgendeinen wunderbaren Tag. Und wenn man dann diese eine letzte Seite liest, oder kurz vor diesem Tag steht, will man nicht, dass es schon vorbei ist. Aber es gibt auch Dinge, da freut man sich trotz all der Wehmut des Vergangenen, des Zurückliegenden, auf das Ende. Und es wäre doch schon wieder so infantil, schon wieder von einem Ende zu sprechen. Ich habe schon oft davon gesprochen, dass ich damit abgeschlossen habe, aber ich habe es nie wirklich. Ich habe mir Brücken gebaut, die mich nicht wirklich auf den Tatbestand haben blicken lassen. Gestern Abend aber kam mir der Gedanke.

Was ist schon Freundschaft.
Freundschaft?
Was ist es schon?

Ich habe Freunde. Auf ein halbes Dutzend Menschen schätzungsweise kann ich immer zählen. Ich will nicht nachzählen und irgendwelche Unterscheidungen machen, weil irgendwann einmal irgendetwas vorgefallen ist. Aber ich denke, dass doch, und trotz der kommenden Entfernung dieses halbe Dutzend bestehend bleibt. Aufgeteilt auf der Welt. Aber warum?

Warum?
Warum, verdammt noch mal sehne ich mich so nach einer Freundschaft zu ihr. Diesem Menschen, den zu lieben nicht sinnvoll, und auf den zu warten viel zu schmerzhaft ist?
Warum denn bitte schön.

Ich habe genug Freunde. Warum würde ich mir so gerne wünschen, dass sie sich meldet und mich fragt, wie es mir geht, und ich aus ihrer Stimme höre, dass es sie wirklich interessiert. Warum würde ich mich gerne mit ihr auf einen Kaffee treffen. Warum würde ich mit ihr gerne sprechen. Warum würde ich ihr mein komplettes Leben erzählen. Und warum meldet sie sich nicht. Und fragt nicht. Und trifft nicht. Und spricht nicht. Und erzählt nicht. Warum.

Ein Gedanke, der mir kam, war Gefühlskälte. So à la … „Naja, das war nun eben mein erster Freund, wir hatten eine Beziehung, eine mitunter sehr schöne. Ich habe alles verkackt. Alles ging den Bach runter, weil ich nicht dazu imstande war, etwas an Energie in die Beziehung zu stecken und ich ihn alles habe versuchen lassen. Aber dann hat er mich zu sehr eingeengt mit seinem Wunsch nach Freundschaft, wo doch wieder Gefühle da waren. Es hat wohl keinen Sinn, also melde ich mich auch nicht mehr. Sehe ich ihn eben nicht mehr. So wichtig war er mir auch nicht.“

Vielleicht denkt sie so, wünschenswert wäre es nicht. Denn Gefühlskälte ist wohl eine der schlechtesten Charaktereigenschaften, die ein Mensch haben kann. Ja, in manchen Momenten der Wut und der Trauer schreibe ich ihr viele negativen Eigenschaften zu. Aber sie hat sich nicht gemeldet. Ein Treffen verlief vollkommen anders, wir haben seit fünf Monaten nicht mehr miteinander gesprochen obwohl so viele Worte nötig wären. Sie nimmt mir die Möglichkeit einen Punkt zu machen. Ich möchte nicht aufdringlich sein, möchte nicht ständig danach fragen, ob sie vielleicht für einen Kaffee Zeit hat. Sie soll sich melden. Sie soll mir zeigen, dass ihr etwas daran liegt, dass sich eine Freundschaft entwickelt.

Aber sie meldet sich eben nicht. Wir müssen das nicht tun. Aber ich weiß es nicht. Du weißt, dass ich es hasse, wenn Menschen, die ich liebgewonnen haben, aus meinem Leben verschwinden. Wie sehr es mir weh tut. Und trotzdem machst du es gerade. Hau ab, du verdammtes Stück Mensch. Du, die mir den Kopf verdreht hat, und in mir zum ersten Mal das wahre Gefühl der Liebe ermöglichte. Dass mich im Regen stehen ließ, ohne Antworten und mir Hoffnungen machte, nur um mich wieder und immer wieder im Regen zurückzulassen.

Wenn ich nur all den Mut und all die Kraft hätte, ich würde mir vor dich stellen. Und würde dich anschreien, wie sehr ich dich hasse und wie sehr ich es beschissen finde, dass du keinen einzigen Funken Anstand hast und dich irgendwann einmal meldest. Dass ich dir scheißegal bin und einfach so aus deinem Leben gestrichen. Dass wir nie funktioniert haben, und das alles nur wegen dir. Wie sehr ich von dir enttäuscht bin und wie gern ich dich nie mehr wieder sehen möchte. Dass du jetzt einen wunderbaren Menschen als potentiellen guten Freund verloren hast. Dass du schon wieder verloren hast, wie immer. Dass du endlich aus meinem verdammten Kopf verschwinden sollst und dass ich es hasse, immer noch zu hoffen. Ich würde dir ins Gesicht schreien und würde wahrscheinlich zu Weinen beginnen, weil gerade diese Wörter, gerade all das seit Wochen und Monaten in meinem Kopf entstanden sind und endlich Freiraum brauchen.

Und nachdem ich Kettcar schon für Titel und Einstiegszeile verwendet habe, hier noch einmal deutschsprachige Musik. Klee.

Wir können das, denn wir sind anders.

Wir können es nicht. Ich versuche es nun endlich zu begreifen. Wir können es nicht. Können nicht Freunde sein, weil du, wie in die Beziehung, nichts investieren möchtest.

Und ich Vollidiot dachte, wir wären anders.
Wären anders.
Als all die anderen.
Und dann du.
Pah.

Du weißt wahrscheinlich gar nicht, was du für einen wunderbaren Menschen aus deinem Leben verlierst. Wen du verlierst, was für eine Persönlichkeit und was für einen Freund du hättest haben können. Einer, der immer für dich da gewesen wäre und mit dir über alles geredet hätte, der mit dir über deine neuen Beziehungen gesprochen hätte und der mit dir gelacht hätte. Du hast es versaut. Schreib es dir auf die Stirn. Okay? Du hast mich verloren. Du hast verloren. Aber wahrscheinlich weißt du das gar nicht. Du verstehst nicht.

Der Agnostizismus ist eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens betont.

Wir müssen das nicht tun. Okay. Und ruf mich jetzt ja nicht in den nächsten paar Tagen an. Damit ich zusammenbreche, mit all der Wut und der Angst und dem Frust. Damit ich mich nicht freue, deine Stimme mal wieder zu hören. Ich will es nicht.