In vollen Zügen. [7]

Ich sehe ihnen schon lange zu. Wie sie sich über jede weitere Durchsage der Verspätung aufregen und sich schwören, so etwas nie wieder zu tun. Nie wieder mit dem Zug zu fahren, denn wer sind sie denn und was erlaubt sich der Zug überhaupt, zehn Minuten später anzukommen. Schlussendlich fährt er ein, von außen sehe ich, dass er schon jetzt zumindest nicht unterfüllt ist. Immer mehr Leute quetschen sich hin, können kaum warten, bis die Letzten ausgestiegen sind und machen sich anschließend verzweifelt auf die Suche nach den wenigen, eben frei gewordenen Sitzplätzen. Ich atme tief ein und beschließe ganz einfach, heute nicht mit dem Zug zu fahren.

„Bleibe heute doch zu Hause. Habe keine Lust. Irgendwie sind die heute alle irgendwie verrückt. Willst du noch etwas machen? Mich aufmuntern? Mir Geschichten erzählen? Dich mit mir betrinken? Bin für alle Schandtaten bereit!“

Senden. Wir sollten das nicht tun. Der Zug fährt ab, es wird wieder ruhig. Und beunruhigend leer ist es hier nun, auf diesem Bahnsteig, der an wenigen Stellen noch mit Schnee gesäumt ist, und hier ein Zigarettenstummel und dort eine zerknüllte Coladose. Die Beine von mir gestreckt, die Hände tief in meinen Jackentaschen vergraben, warten nur darauf dass mein Handy etwas Vibrierendes von sich gibt, eine Nachricht von dir, eine Antwort. Es vergehen Minuten, bis ich endlich meine Hand mit dem Handy aus der Tasche ziehen kann, in freudiger Erwartung deiner Worte.

„Hey! Klar, hab‘ Zeit. Komm einfach vorbei. Aber läut nicht an, klopfen reicht. Oder ruf mich an. Egal. Hauptsache du kommst vorbei. Und was wir nun von deinen Vorschlägen ausführen? Sehen wir mal. Bis gleich! Ciao!“

So einseitig verlief das Telefonat natürlich nicht. Hier ein „Mhm.“, dort ein „Ok.“, zum Ende hin ein „Bis gleich.“ Und ächzend, als würde ich schon seit Tagen auf dieser eiskalten Eisenbank sitzen, erhebe ich mich und mache mich schließlich auf den Weg. Wir sollten das nicht tun. Ich zähle die Schritte. Das mache ich immer, in solchen Momenten. Wenn der Kopf mit Gedanken durchzudrehen droht und ich mich einfach mal ablenken will. „34, 35.“ Ich bleibe stehen. Den Weg müsste ich eigentlich auswendig wissen.

„Ding-Dong.“ Verdammt. Vergessen. Du öffnest, trotzdem, mit dem Lächeln auf den Lippen, als hättest du schon vorher gewusst, dass ich auf dieses wichtige Detail vergessen würde. „Schön dich zu sehen“, meinst du und umarmst mich. Aufmuntern? Geschichten erzählen? Schandtaten? Ich bin ratlos und erwidere die Umarmung. „Mhm. Schön.“ Aber du lässt mir nicht mal Zeit, um aus meiner Winterjacke rauszukommen, selbst bei den Schuhen scheitere ich schon an den Schnürsenkeln. „Komm mit, komm … ich muss dir etwas zeigen.“

Du ziehst mich raus, schnappst dir noch schnell den unbekannten Schlüsselbund und läufst mit mir durch die Gänge deines Wohnhauses, Stiegen rauf, wieder irgendwelche Stiegen hinunter, an Feuerschutztüren vorbei, immer weiter hinauf. „Ich muss dir etwas zeigen.“ Du wiederholst dich und obwohl wir wohl schon den ganzen Gebäudekomplex durchquert haben, scheinst du noch die volle Orientierung zu haben. Irgendwann bleibst du stehen, suchst am Schlüsselbund nach dem einen und steckst ihn in eine wildfremde Tür. „Was-, was machen wir da?“

„Ich zeig‘ dir was.“ Du führst mich quer durch diese Wohnung eines Unbekannten, bis hin zum Balkon. Und deutest nach oben. Eine Feuerleiter scheint der einzige Weg dorthin zu sein und du nimmst sie auch schon in Angriff. Oben angekommen, fällt es mir auf: weiter gehts nicht. „Und?“

Für einen kurzen Moment bin ich atemlos: so weit weg von allem, so hoch oben, einen solchen Ausblick habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Du stellst dich hinter mich, legst deine Arme um meine Hüfte und fragst noch einmal. „Und?“ – „W-… wow!“ Als du mich umdrehst, sehe ich einen Liegestuhl, der wetterbedingt schon eine Schneeschicht angesammelt hat. Aber scheinbar hast du schon vorgesorgt, putzt den Schnee herunter und breitest eine dicke, warme Decke aus. „Komm schon.“

Und als wir da so liegen, wir beide in unseren Armen, und den Ausblick und die Sonnenstrahlen genießen. Beginnen wir zu reden und hören nicht auf. Beginnen zu erzählen und hören stets zu. Beginnen zu rauchen und teilen uns die Zigarette. Irgendwann erklärst du auch, wie die zu all dem gekommen bist. Katzen füttern, Pflanzen gießen. Und dafür den Schlüssel. Es hat sich gelohnt, meine Liebe.

Es wird dunkel, die Kälte zieht an, und wir rücken näher aneinander. „Und weißt du, genau hier kommen mir die schönsten Gedanken. Die reinsten Gefühle. Die bunteste Fantasie.“ Und ich verstehe, was du meinst. Das ist ein wunderbarer Ort. Vielleicht haben das alle Dachterrassen so an sich, aber hier fühlt es sich so verdammt gut an. „Hier fühle ich das Leben, in vollen Zügen.“ Und ich nicke und schmiege mein Gesicht an deine Schulter. Es ist schön hier.

Start living down here. [Ein Gedanke]

Gestern Nacht (von 0:25 Uhr bis ungefähr 2:30 Uhr) sah ich zum ersten Mal einen Film, den man eigentlich in meiner Generation schon längst hätte sehen müssen. 8 Mile [2002], das Filmdebut von Eminem, schlug ja damals unglaubliche Wellen. Und ich muss zugeben, dass es einige Lieder von Eminem gibt, die mir auch heute noch außergewöhnlich gut gefallen. Und er neben Tupac wahrscheinlich der einzige Rapper ist, den ich auch häufiger Mal hören kann.

Aber worauf ich eigentlich hinaus will. In einer Szene meint B. Rabbit:

[…] Do you ever wonder at what point you just got to say „Fuck it, man“ like when you gotta stop living up here and start living down here?

Fuck it, man sage ich ja grundsätzlich eher selten, aber den Gedanken finde ich schön. Wer gibt schon gerne den Sonnenplatz auf, und fängt dann fünf, sechs Stufen darunter, mitten im Regen, wieder an? Aber, so schrecklich der Rückschritt auf anmutet, so hat es trotzdem etwas Gutes. 

Selbst wenn man sich jetzt gerade wohlfühlt, aber den wahren, großen Traum in dieser Situation nie erfüllen kann, so sollte man den Schritt wagen. Der Rückschritt ermöglicht einen viel besseren Überblick, viel größere Möglichkeiten. Als würde man auf einem einsamen Weg stehen, und ein paar Kilometer zurückwandern, um doch eine andere Abzweigung zu nehmen.

So fühle ich mich gerade wieder einmal. A little bit spooky, aber doch auch irgendwie schön.

Liebe brauchen. [Ein Gedanke]

Der Satz „Ich liebe dich.“ wird viel zu inflationär benutzt. Egal ob in kindlicher „Ich hab‘ dich lieb“-Version, oder in ihrer, für viele beinahe wie ein Feiertag gefeierter, Grundform.

Einen wahren Liebesbeweis sehe ich erst in dem Satz „Ich brauche dich.“ Man gibt seine eigene Unzulänglichkeit bekannt, zeigt, dass das Gegenüber zu einem Teil von ihm geworden ist. Dieser Satz nennt die entstandene Abhängigkeit (die zwar niemals gesund, aber doch viel zu oft existent ist). Dass man das Gegenüber braucht, um sich vollwertig zu fühlen. 

[Ein schrecklicher Gedanke, eigentlich. Man sollte sich auch ohne dem Gegenüber vollwertig fühlen. Aber zu das Alleinsein hindert einen oft genug daran.]

[Und sowieso: Ich fühle mich zurzeit pudelwohl. Vollwertig sozusagen. Eine Liebe wäre dann vielleicht nur das Häufchen mehr; die 10 Prozent von 110 Prozent. Oder so.]