Temporary Remedy.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

Als ich am nächsten Tag aufwache, ist die Welt noch genau so, wie ich sie gestern verlassen hatte. Ich hatte es über Nacht nicht vergessen und so ist mein erster Gedanke an diesem Tag ident mit dem letzten Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Das kann es ja wohl nicht sein. 

Ich marschiere hinauf, ins Wohnzimmer, wo meine  Schwester und meine Mutter gestern Nacht, leer von jeglicher Energie, und wahrscheinlich auch von jeglichem Lebenswunsch, eingeschlafen waren. Die Decken sind noch nicht weggeräumt und irgendwie wirkt dieses Haus hier noch ruhiger, als es üblicherweise sowieso schon ist. Eine Zigarette am Morgen, auf der Terasse. Und den Kopf voller Gedanken. Ich könne ja nach München fahren und Papa vom Flughafen abholen. Ich muss meinen Text noch abändern und umschreiben und verbessern, wenn ich ihn den wirklich am Begräbnis vortragen möchte, so wie es sich meine Schwester gewünscht hat. Ich. Ach, man sollte mich doch einfach nur vorschicken, für alles und jeden. Ich möchte all das organisieren, möchte. Möchte.

Meine Mutter kommt ebenfalls auf die Terasse. Es folgt eine Umarmung. Sie nimmt sich eine Zigarette und beginnt zu erzählen. Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen. [1]

Es vergeht einige Zeit, und Gerhard, unser Pfarrassistent  erscheint auch an diesem Tag wieder. Spricht mit uns. Lässt uns schweigen. Wir beide, er und ich, beginnen, über das Begräbnis zu sprechen. Ich erkläre, dass ich so gut es geht, vieles übernehmen möchte. Die Fürbitten, meinen Text, die Musik. Gegen Mittag ist es dann soweit. Mein Vater kommt mit dem Zug in Attnang-Puchheim an. Er hat seit der Nachricht gestern Nachmittag nichts geschlafen, kämpft mit Jetlag und allem drum herum. Als er aus dem Zug aussteigt erblickt er mich, dann meine Mutter, seine Frau. Und zum ersten Mal, ja. Ich glaube zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, weint mein Papa. Er, der starke Mann, der Retter aus jeder Scheißlage, er, der auf alles eine Antwort weiß, steht jetzt einfach nur da, umarmt mich, ist ratlos und zutiefst schwach. In meinem Kopf beginnen die Gehirnwindungen wieder zu rattern.

‚Verdammt. Gerade auf dich hatte ich gehofft. Du bist doch normalerweise der starke Mann. Wir hätten uns die Verantwortung, die jetzt auf mir alleine ruht, teilen können. Wir hätten gemeinsam da sein können. Aber nein. Verdammt. Du bist schwach, du heulst, du.‘ – Agierst zutiefst menschlich.

Nachdem immer mehr Leute in unser Haus kommen, wie jetzt z.B. die Taufpatin von Timi, beginnt meine Mama damit, zu kochen. Niemand wollte etwas essen (auch ich, der sonst nie lange nichts essen kann, hungere seit dieser Nachricht am gestrigen Morgen), doch sie kocht. Spaghetti für 10 oder 15 Leute. Sauce für wahrscheinlich noch mehr. Sie braucht einfach diese Abwechslung, diese Rückkehr zur Routine, die so wünschenswert aber doch so unmöglich ist.  

Entgegen meiner anfänglichen Behauptungen versuche es trotzdem, einige Bissen hinunterzukriegen. Der Tisch ist gedeckt, von den fünf Leuten essen nur zwei. Doch ein Problem habe ich. Der Platz, an dem Timis Sessel immer war (das war so ein rot-blauer Sessel, den man am Tisch anmacht, damit er nicht runterfällt oder irgendwie umfallen kann), stand ein ganz normaler herkömmlicher Sessel. Und schon war es zu Ende.

Rien ne va plus, würde man beim Roulette sagen. Die Gabel fällt zurück auf ihr Teller und ich renne, den Tränen nicht mehr nur nahe, sondern geradezu vor ihnen flüchtend, in einen anderen Raum. Den Abstellraum. Und weine mich dort zum ersten Mal seit Timis Tod aus. Ich weine und heule und schmecke das salzig-warme Wasser zwischen meinen Lippen. Ich sitze da, und will nicht mehr aufhören zu heulen. Will alles rauslassen, um endlich wieder voll durchstarten zu können, um wieder für alle da sein zu können. Für Michaela, meine Mama und … und meinem Papa. Plötzlich betritt eine weitere Person den Raum.

Meine Mama. Sie setzt sich zu mir auf den Boden, nimmt mich in den Arm, reicht mir ein Taschentuch. „Es ist schon gut. Lass‘ es raus.“ Und in ihren Armen aufgefangen, von meinem beinahe erdrückenden Schmerz und mir selbst aufgeladenen schmerzenden Druck befreit, lasse ich mich zum ersten Mal selbst fallen und bin so klein, so winzig, so hilflos, so unfähig und. So menschlich.

Der Tag vergeht. Irgendwann wird auch noch der Termin für das Begräbnis bekannt gegeben. Am Samstag würde es soweit sein und bis dahin müssen wir noch so vieles erledigen, denke ich. Aber vielleicht sollte man einfach nur in einem solchen Moment zu denken aufhören. Vielleicht würde all das die Sache irgendwie einfacher machen. Aber ich befürchte, dass es dafür schon viel zu spät ist. 

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Der Schmerz., 31.10.2007

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„Und, was ist so passiert bei dir?“

Sie fragt mich, nachdem wir uns jetzt wohl genau ein Jahr nicht mehr gesehen haben. Ich lächle. 

„Willst du eine Kurzfassung oder die ganze Geschichte?“

Diesen dummen Klischeefilmsatz hasse ich und deswegen habe ich ihn hier auch benutzt. Ich kenne die Antwort ja schon. Bevor ich mit meiner Geschichte beginne, suche ich mir noch einen gemütlichen Platz für meinen Kopf in ihrem Schoß. Und kaue an diesem saftig grünen Grashalm herum.

„Eigentlich ist es ja nichts. Nicht wirklich. Eigentlich war das letzte Jahr nur das „Danach“ worauf ich so lange Zeit wartete und hoffte.“
– „Und?“
„Ich wurde enttäuscht. Derbstens enttäuscht.“

Sie streicht mir durchs Haar und sieht mir dabei in die Augen. Als würden ihre Augen in ein tiefes schwarzes Loch fallen, verlieren sie sich in den meinen.

„Wien war nicht das, was ich erwartete. Wien war Neubeginn. Und für das war ich einfach noch nicht bereit. Und ich bin es selbst jetzt noch nicht. Ich mache mir einfach nur eine schöne Zeit daraus.“
– „Wien ist … anders.“
„Mhm. Und mal sehen, wie es in St. Pölten sein wird. Dahin möchte ich nämlich nächstes Jahr ziehen.“
– „Ein neues ‚Danach‘, oder wie?“
„Mhm. Nur eben irgendwie anders.“

Ihr Hand berührt sanft meinen Hals. Die Nackenhaare bäumen sich auf.

„Aber. Wie soll ich es sagen. Es … es geht mir gut!“
– „Ah. Das ist schön.“
„Ja. Es … es kam über Nacht.“
– „Das ‚Gutgehen‘?“
„Mhm. Ich kann mich zumindest an keinen Auslöser erinnern. Es geschah.“

Und es fühlt sich gut an. Verdammt gut. Sie hat immer noch diese schönen Augen.

„Und … das heißt: Ich bin scheinbar wirklich über meine Exfreundin hinweg gekommen. Und ich habe einen Weg gefunden, mit dem Tod meines Neffen umzugehen. Ich bin gerade der größte Optimist, der geborene Selbstüberschätzer, der Träumer, der Held von morgen. Und heute. Und gestern.“

Als sie blinzelt, erkenne ich, dass sie sich für mich freut.

Foto von sophiea

Nein. Es wird nie wieder so sein. Es wird anders. Anders schön.

Ich weiß nicht, ob sich jeder in meine Situation und in meine Gedanken hineinversetzen kann. Wer von euch hat schon einmal etwas so sehr liebgewonnen und – innerhalb eines kurzen Tages, eigentlich innerhalb weniger Sekunden, innerhalb eines Moments – ist alles so, wie es nie hätte sein sollen. Am Schrecklichsten ist es, wenn es sich dabei um einen Menschen, ein Kind handelt. Hätte ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass all das passieren würde, ich hätte mich selbst ausgelacht. So unrealistisch, so unwirklich mutet all das an.

Nicht verstehen, sondern akzeptieren. Warum all das passiert ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es passiert ist. So schmerzhaft allein dieser Gedanke ist, so soll er mich doch nicht davon abhalten, nach vorne zu blicken. Ich weiß: Damals, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht nur das, versank ich in ein Loch, in eine Höhle, verlor den Kontakt zur Außenwelt und orienterte mich vollkommen neu. Über diese Neuorentierung freue ich mich nun im Nachhinein, muss ich  zugeben. Vieles hat sich zum Besseren gewandt. Aber es hat lange gedauert, bis ich die Tatsache akzeptieren konnte, dass es nie wieder so sein würde. Dass nie wieder sein Lächeln mich aufmuntern kann.

Ein Gespräch mit meiner Mutter, eines unserer täglichen Telefonate, brachte mich zurück zu diesem Thema. Der Wunsch meiner Schwester, ein Kind zu kriegen, wächst von Tag zu Tag. Und jeder von uns kann verstehen, warum. Niemand von uns kann fühlen, wie es innen drin in ihr aussieht. Aber ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass ihr Wunsch bald in Erfüllung geht.

„Aber es wird nie wieder so sein.“
„Nein. Ich weiß.“
„…“
„Es  wird anders schön.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und all unser Leben nach der Vorstellung konzipieren, wie es war, als es war. Es ist nicht mehr, und selbst wenn es heute noch so oft schmerzt, so bin ich mir vollkommen sicher, dass alles gut wird. Anders gut, wahrscheinlich. Aber gut.

[Und Menschen nach Maßstaben zu messen ist niemals okay.]

Die Erwartungshaltung [Eine Feststellung]

Ich denke, die Erwartungshaltung in mich ist viel zu groß.

Was hat all das hier nur zu bedeuten? Dieser eine Gedanke kam mir vor kurzem erst, und selbst heute, beinahe zwei Wochen danach, ist er noch mein voller Ernst. Welche Erwartungshaltung? Man kann es nur sehr schwer erklären. Vielleicht mal in Richtung Berufswunsch. Ich wurde ein paar Mal in Tageszeitungen abgedruckt, aber bin ich alleine deswegen prädestiniert für so einen Job? Die Interesse ist da, ja. Keine Frage. Aber ist es das, was ich machen will? Eben. Genau das weiß ich nicht. Und ja, verdammt. Seit mehr als fünf Jahren schon renne ich dem Traum des Journalisten hinterher. Seit nunmehr beinahe 9 Jahren wusste ich, dass mein Beruf etwas mit Schreiben zu tun haben muss. Aber bin ich hier richtig? Hier, in dieser Welt. Ich weiß es nicht. Vielleicht will ich doch etwas ganz anderes machen? Vielleicht bin ich ein besserer Schauspieler als Journalist. Vielleicht will ich wirklich nur Bücher schreiben, und mich zwischen dem Veröffentlichungsdatum des einen Buches und des darauffolgenden in meiner Wohnung verkriechen. Ich hab‘ so viele Träume. So viele verdammte Träume, die mir jeden rationalen Zugang zu meinem zukünftigen Leben verwehren. Und ich will nicht der Typ sein, der irgendwann geschlagen aufgibt, um dem Trott zu folgen. Ich will nie zu träumen aufhören.

Aber man kann gerne sagen: Ich kann mehr, als ich zu zeigen bereit bin. Und ich sträube mich dagegen, Erwartungen zu erfüllen. Aber ihr werdet schon sehen.

Um es in den Worten von Kettcar (die gerade passend in meiner Playlist aufgetaucht sind): Wir Ich werden nie enttäuscht werden. Ihr vielleicht schon.

Falling or flying. Something like this.

dust

In Momenten wie diesen passt nichts besser. Einfach mal nur die Soundtracks von Grey’s Anatomy auf Dauerrotation schmeißen und warten bis alles irgendwie wieder besser wird. Es ist vielleicht auch gar nicht so schlimm. Es tut nur auf irgendeine vollkommen beschissene Art und Weise doch etwas weh. 

Man hat es vielleicht bemerkt, an den letzten Texten, die doch schon so einige Zeit zurückliegen. Ich fühlte mich plötzlich wohl, in meiner neuen Heimat, an meinem neuen Platz. Und es stimmt auch. Ich habe jetzt schon so viele neue tolle Menschen kennengelernt, Menschen, die ich sehr, sehr schnell in mein Herz geschlossen habe. Menschen, die ich schon jetzt als gute und wichtige Freunde bezeichnen würde. Und in eine junge Frau habe ich mich eben verkuckt. Komisch, so ein Gefühl, nach so vielen Monaten. Mal einige kurze Zwischenverliebungen (ein oder zwei werden es wohl schon gewesen sein). Aber irgendwie schien hier einfach alles wieder zu passen. Eine SMS, aus purer Feigheit und dem Wunsch, endlich Gewissheit zu haben, nahm mir dann die Illusionen und trotzdem freut es mich, dass sich nun doch alles so wunderbar weiterentwickelt. Kein gewünschter Abstand, kein Übelnehmen, wenn man das überhaupt kann und darf. Aber das war es eben. Und das Entlieben, so glaube ich, ging schnell. Ich lebe gerade in einer viel zu schnelllebigen Zeit. Nicht allgemein, nein. Mein Leben ist so.

Ich verbringe nun auch mein erstes Wochenende in Wien. Und freue mich, erst wieder kommenden Samstag nach Hause zu kommen. Mir fehlte letzte Woche, als ich auf der Heimreise war, das Studentenheim und all die Leute. Zugegeben, am Wochenende ist es nicht wirklich belebt. Aber es hat schon was. Und so werde ich eben erst am Samstag die heimatlich-verschneite Luft riechen (nachdem ich am Freitag einer Party beiwohne). Ich werde erwachsen. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht. Ich bin immer noch. Noch. Auf der Suche.

Auf der Suche nach mir selbst. Ein Bild von mir hat die Selbstliebe und gleichzeitig auch den Selbsthass in mir entfacht. Dieses Bild hier. [Bild funktioniert endlich] Es zeigt mich, 2006. In einem großartigen Sommer. Als ich vielleicht zum ersten und einzigen Mal halbwegs mit mir zufrieden war. Da möchte ich wieder hin. Mit dieser kindlichen Leichtigkeit. Alles hat sich verändert und auch meine Freunde. Wenn wir von Studium und Job sprechen, es geht mir alles einfach zu schnell. Vielleicht hätte ich einfach abhauen sollen, in den Sommerferien. Einfach mal weg, für ein Jahr. Vorher noch eine Bank ausrauben und dann nach Kanada trampen, mir eine Hütte an einem einsamen See – umzingelt von Wald und Grizzlys – zu kaufen. Und um dort einfach mal allein zu sein. Ohne Stress, ohne Freunde, Familie. Alleine. Um endlich einmal zu mir selbst zu finden. Um zu schreiben. Um nachzudenken. Um keine Aufgaben zu haben. Um durchatmen zu können. Ich werde mich nicht finden, und niemand wird mich je so kennenlernen, wie ich wirklich bin. Ich bin ein viel zu gespaltetes Ich. Es ist schwer. Aber ich werde euch Bescheid geben, wenn ich mich endlich gefunden habe. 

Und so fühle ich mich. Am Boden und vor kurzem noch vollkommen hoch oben. Und irgendwie fühle ich mich auch jetzt nicht schlecht. Es geht mir gut und trotzdem ist es scheiße und trotzdem doch so gut. Ich fühle mich auf dem besten Weg zu meinem neuen alten Ich. Ich will nicht der großartige Journalist sein, der super Schriftsteller, womöglich auch ein Schauspieler (die täglichen Rollen spiele ich noch nicht mal richtig gut). Ich möchte zuerst einmal ich sein. Da hilft kein Druck. Ich weiß, was ich geben kann, ich weiß, dass ich schreiben kann, Menschen mit meinen Texten auch berühren kann. Und allein das zeigt mir, zu was ich fähig bin. Ich habe Träume. Und in diese Träume passt eben gerade überhaupt nicht dieses Studium.

Ich werde es abbrechen.

Ja. Nach 7 Jahren Träumen vom Publizistikstudium in Wien nun das. Ich werde, womöglich, relativ unsicher, auch Wien den Rücken kehren. Mal sehen, was die Zukunft, der Selbstfindungstrip bis zum Sommer und auch anschließend, bringen wird. Aber ich lasse mich einfach mal durch nichts mehr aus der Ruhe bringen. Für den nächsten September werde ich mich an einer Fachhochschule für Journalismus bewerben. Jährlich werden nur 36 Menschen genommen. Man muss also gut sein, und ich weiß, dass ich es bin. Ich kann es schaffen. Als einer von 1700 Publizistikstudenten oder als einer von 36 professioneller und spezifischer Ausgebildeter einer FH … natürlich werde ich es schaffen.

NaNoWriMo fiel flach. Ich hatte zu viel zu tun und nicht die Zeit. Aber ich werde mir von nun an wieder überall hin den Block mitnehmen und an der Geschichte kritzeln. Ich werde sie formen und vielleicht gibt es schon bis Ende des Jahres ein kleines Erfolgserlebnis. Und das gibt es auch schon, für alle, die Wohlfühlgewicht 2.0 nicht mehr mitverfolgen für mich. Letzte Woche stand ich kurz vor meinen ersten 10 Kilogramm, die ich abgenommen habe. Diese Woche kann ich, dank fehlender Waage, nicht mitwiegen, aber vielleicht trink ich nächste Woche schon einen Prosecco zur Feier des Tages. Man wird sehen. 

Und was man abschließend schon sagen kann: Ein Besuch von Freunden im neuen Heim ist wundervoll, ich hasse „Religionsgemeinschaften“, die nichts anderes sind als blinder Gehorsam, und sich in der Küche unseres Heims für diesen Abend eingenistet haben, ich muss mir endlich mal die Namen der bisher wenig Bekannten im Heim merken, Schnee ist weiß und auch relativ kalt, wenn man nur mit Sommerschuhen unterwegs ist. Und was ich schon immer mal sagen wollte: Es gibt Männer, für welche man gerne schwul wäre.

Und somit befinde ich mich irgendwo zwischen Falling und Flying. Somewhere between waking and sleeping. Irgendwie am falschen Ende des Regenbogens und es ist doch ein Kobold da. Irgendwie alles gerade sehr verwirrt. Aber das ist es. Eindeutig.

Walk away.

 

Timi

4. Juni 2006 – 29. Oktober 2007

Oh no – here comes that sun again.
And means another day without you my friend.
And it hurts me to look into the mirror at myself.
And it hurts even more to have to be with somebody else.

And it’s so hard to do and so easy to say.
But sometimes – sometimes,
you just have to walk away – walk away.

Ein Jahr ist es schon her. Heute vor einem Jahr bekam ich die Nachricht. Du seist gestorben, plötzlich. Ich kann mich noch genau an jede Minute erinnern. Als ich angerufen wurde, als ich diese eine Stunde mit dem Auto nach Hause fuhr, und hoffte, dass das alles nur ein Scherz, ein sehr, sehr geschmackloser Scherz sei. Doch insgeheim wusste ich, dass es stimmen musste. Ich zitterte, die ganze Zeit. Zitterte und konnte nicht weinen. Konnte erst weinen, als mein Vater aus Amerika zurückgekommen war und wir endlich wieder als eine Familie am Tisch saßen. Nur du. Du fehltest.

With so many people to love in my life, why do I worry about one?
But you put the happy in my ness, you put the good times into my fun.

And it’s so hard to do and so easy to say.
But sometimes – sometimes,
you just have to walk away – walk away and head for the door.

Es hat seit diesem 29. Oktober 2007 keinen Tag gegeben, an dem ich nicht an dich dachte. Diese Momente begann ich mit der Zeit zu hassen. Sie machten mich fertig, ich konnte in diesen Momenten einfach nichts anderes tun. Als nachdenken. Und die Erinnerungen in meinem Kopf spulten sich immer und immer wieder ab. Ich habe eine Therapie wegen dir gemacht, und ich kann selbst heute noch nicht verstehen, wie ein Leben ohne dir nun schlussendlich aussehen könnte. Dein Tod hat mir die Familie wieder näher gebracht, du hast uns alle verändert. In der Art, wie du zu uns kamst, und in der Art, wie du auch wieder weg warst. Du warst ein Zauberwesen, wie ich zuvor noch keines geliebt habe.

We’ve tried the goodbye so many days.
We walk in the same direction so that we could never stray.
They say if you love somebody than you have got to set them free,
but I would rather be locked to you than live in this pain and misery.

They say time will make all this go away,
but it’s time that has taken my tomorrows and turned them into yesterdays.
And once again that rising sun is droppin‘ on down
And once again, you my friend, are nowhere to be found.

Ich habe nur noch ganz selten geweint. Erst kürzlich, vor deinem Grab, alleine. Als ich eineinhalb Stunden davor stand und dir erzählte, von all dem, was gerade in meinem Leben abläuft. Und als ich dir sagte, wie sehr ich dich vermisste. Jeden Tag, aufs Neue.

Ein Jahr soll das schon wieder her sein? Es hätte auch letzte Woche sein können, so haben sich diese Erinnerungen eingeschweißt. Die Nachricht vom Tod, das erste Mal auf meine Mama und deine Mama zu treffen. Den harten Mann zu spielen, der selbst in dieser Lage alles im Griff hat. Und irgendwann unter all diesem Druck zusammenzubrechen. Die Vorbereitung auf das Begräbnis. Und meine Rede. Über dich und mich. Über uns und das vor 250 Menschen, die gekommen sind, um von dir Abschied zu nehmen. Ich weiß alles noch, und würde es doch so gerne vergessen. Würde gerne am Wochenende aus Wien nach Hause kommen um dich endlich wieder in die Arme zu schließen. Um deine Nähe zu spüren, deine Nähe, deine Wärme und deine Liebe. Die so einzigartig, so wundervoll war. Und dein Lachen. Das selbst mein Herz, so finster es auch war in meinem Leben, immer wieder zum Lachen brachte.

Wie du vielleicht merkst. Du fehlst mir.

And it’s so hard to do and so easy to say.
But sometimes, sometimes you just have to walk away,
walk away and head for the door.
You just walk away – walk away – walk away.
You just walk away, walk on, turn and head for the door.

Und während deine Familie zur dir ans Grab geht, werde ich, so weit weg von daheim, einen anderen Platz besuchen, um eine Kerze für dich anzuzünden. Ich habe mich für den Friedhof der Namenlosen entschieden, welchen ich seit „Before Sunrise“ besuchen wollte. Dort zünde ich eine Kerze für dich an und für all die Menschen, die dort ihre letzte Ruhestätte fanden. Dieser Eintrag wurde mit den Worten von Ben Harpers „Walk Away“ unterstützt. Mein Song, der mich jedes Mal, wenn ich ihn höre, an dich erinnert.

Weil a bissal Glick fia di nu laung ned reicht.

Dei Lochn. I hob’s nu imma in Erinnerung. So unvagesslich und so einzigartig. Wia soi des netta weidageh. Jetzt, noch so fü Tog und so fü Wochn. I wü di ned vagessn. Oba i schoffs a koan Tog, wie i ned zehn oder zwanzg Moi an di denk. Egal wo i hischau, ois erinnert ma an di. Wie soid i do nur irgendwia fertigwern mit oi dem Schmerz und oi de Gedaunken.

Aufoamoi warst du weg und mein Wunsch, di nuamoi zu seng, bereu i beinahe jeden Tog. Wia du do dortgleng bist, so koid, so zart. Dei Haut so sanft, dei Körpa so tot. Nia werd i des Büd vagessn, nia wieda werd i an di denka kinna, ohne a des letzte Büdl mit dia zu seng. Des geht nimma weg und es duat weh. So vadaumt weh, wia si des nur gaunz wenige vorstön kinnan.

Wei a bissal Glick fia di nu laung ned reicht. I wünsch da, dass da guad geht. Wünsch ma, dasd amoi lochst, nur fia mi. I wünsch ma, dass i di irgendwaun wieda moi gspia. Dei Wärm und deine wundaschen Aung seng kau. I wünsch da nua des Beste, und hoff, dass uns, de do bleim haum miasn, dass irgendwaun a uns wieda guad geht. Oba wos sog i, es wiad nia wieda so sei, wia’s scho amoi woa. Nia wieda wird mei Mama so wunschlos glückli sei, so befreit lochn, wias sis mit dia dau hot. Nia wieda wiad mei Papa a so großartiga Großvota sei und nia wiada wird dei Mama a gaunz a normales, glückliches Lem führn. Und i werd woi a jeden Tog an di denka.

Fia di reicht ka bissal Glick. Du soist ois Glick da Wöd erfahrn. Dia sois so guad geh, jiatzt, wo du weg bist, und i oiwei glaubt hob, i kau di vor oim Schlimmn beschützen. I hos ned kinna. Und dafür schenk‘ i da mei Herz, und meine Gedaunkn. I schenk da oi mei Liebe und an Kuss schick i da a. Du warst a außagewöhnlicha Mensch und i kau nua oiwei jeden Text üba di mit de Worte beendn: I lieb‘ di. Fia imma. Und i gfrei mi scho drauf, wenn ma uns endli wiedasehn.

And here I stand.

Ich habe versagt. Habe ein Versprechen, das ich dir gegeben habe, nicht gehalten. Ich habe dich nicht vor all den schlimmen Dingen auf unserer Welt beschützt. Ich war nicht da, in dem Moment, in dem du mich am meisten brauchtest. Ich war nicht da und wahrscheinlich werde ich mir dies auf ewig nicht verzeihen. Diese eine Nacht, diese eineinhalb Jahre, dieses Leben.

Ich wollte immer, dass es dir gut geht. Dein Lächeln bewirkte Wunder, du warst der Inbegriff des Mensch gewordenen Sonnenscheins. Und jetzt bist du weg und ich frage mich, ob es Absicht war, dass nun alle von dir sprechen, deinen Namen in den Mund nehmen und nach wenigen Worten schon befeuchtete Augen haben. Ich denke, dass die schlimmste Sache ist, wie du gegangen bist. Still und leise, sanft und ruhig. An etwas, wovon wir zuvor nur selten gehört hatten. One in a million, wie man so schön sagt.

Jetzt, immer noch, nach acht Monaten, treffen wir auf Leute, die von deinem Schicksal erfahren haben. Allerweiteste Bekannte kommen auf uns zu und rütteln die Erinnerung wach. Vergleichen unser Schicksal mit irgendeinem banalen aus ihrer Vergangenheit. Wollen einfühlend sein und zerstören doch viel mehr, als man glaubt. Aber das wissen sie nicht und ich will es ihnen nicht sagen. Ich bewege mich einfach weg von ihnen.

Und jetzt sitze ich oft da. Am Balkon, mit Blick auf den bewölkten Himmel, den Bach beim Rauschen zuhörend und eine Zigarette inhalierend. Und denke. An die Zeit danach. An deine letzte Umarmung. An dein Lächeln, deine kleinen Hände, deine Stimme. Deine Augen und unsere gemeinsame Zeit. Und ich kann es einfach nicht fassen, dass sie vorüber ist. Dass ich nie wieder mit dir über Betten hüpfen kann und wir nie wieder gemeinsam essen werden. Manchmal sitze ich auch in der Arbeit und erwische mich dabei, wenn in wenigen Sekunden die heftigsten Eindrücke auf mich einprasseln. Dann schüttle ich den Kopf und versuche zu entkommen.

Aber das ist es. Ich wollte immer, dass es dir gut geht. Vielleicht geht es dir jetzt gut, ich wünsche es dir. Niemand sonst hat es so verdient wie du. Du warst ein großartiger Freund und der wichtigste Teil unserer Familie. Warst ein Zauberer und doch nur ein Kind. Ein Baby, könnte man fast sagen.

Am Tisch.

Ich bin kein Verräter und fühl mich wie einer.

Manchmal habe ich fast hochnäßig davon gesprochen, wie schön es denn sei, dass unsere Familie keinen nicht-matieriellen Verlust hat erleiden müssen. Alles andere könnte man ersetzen, das war uns klar.

Ein Toast. Auf das Leben. Seine Lügen. BUMM.

Ein Tod, der so überhaupt nicht in die 10-Jahres-Gedanken hineingepasst hatte. Erstens weil keine zehn Jahre seit dem letzten Versterben vergangen sind. Und weil definitv kein eineinhalbjährige Junge hätte sterben sollen. Das war nicht der Plan, dass war nicht Routine.

Ein Toast. Auf das Leben. Seine Lügen. BUMM.
BUmm.
bumm.

Drei Tumore in drei verschiedenen Menschen, die ich auf unterschiedliche Weise liebe, weil auch die Nähe unterschiedlich ist. Und dreimal die Ungewissheit. Und die Sprachlosigkeit. Und der Gedankenballast. Und manchmal auch die Verantwortung.

Man wünscht sich, die ganze Welt auskotzen zu können. Aus diesem Alptraum aufzuwachen und alles ist okay. Glaubst du denn ehrlich, dieses Leben macht Spaß

Manchmal vielleicht. Wenn ich es zu vergessen versuche. Wenn ich versuche, aus der Realität zu flüchten. Weil man es nicht ständig aushält. Bin ich melodramatisch? Wahrscheinlich.

Ein Toast. Auf das Leben. Das Glück.

Es lässt einen aufleben, wenn ein Lichtblick erscheint.

Meine Cousine Manuela hat heute um ungefähr 11 Uhr eine „pumperlgsunde“ Luisa geboren. Ein neuer Schatz auf dieser Welt, ein Sonnenschein, ein Wunderwesen. A Wonderwall.

Alles Liebe und Gute, liebe Luisa, liebe Manuela und lieber Ernst.

Warum kann das Leben nicht nur aus solchen Glücksmomenten bestehen. Und kommt mir jetzt ja nicht mit dieser beschissenen Theorie. So von wegen: Wenn man stets glücklich ist, würde man es nicht mehr schätzen. Das ist dämlich.

In ANbetracht all der Dinge kann ich eines nicht gebrauchen. Sie. Nicht jetzt. UNd nicht mit diesen Gefühlen und Gedanken in mir. So gespalten wie sie sind. Und doch werde ich es darauf anlegen, sie zu sehen. Wie Houellebecq so schön sagt. Das Leid. Die Geburt der Kunst.

Dankeschön.

Geschrieben, gestern, um 20 Uhr ca. im ICE nach Hause.

Nur Noch Raus.

Ein Toast. Auf Das Leben. Und all seine Lügen.

Tränen vergossen, und ich im Gedanken es wäre wegen ihm. Setze mich auch hinaus auf den Balkon und ziehe langsam die Zigarette leer. Manchmal hat sie eben wieder diese Tage, an dem so vieles zusammenkommt, ich lasse sie weinen, spreche sie nicht an, nehm sie in den Arm. Sie beginnt zu reden, von etwas ganz anderem. Und langsam und zitternd ziehe ich die letzten drei Züge der Zigarette.

So, Dominik, Gedanken ordnen. Es geht nicht. Wieder einmal etwas, das mich in einen leichten psychischen Schock hat gleiten lassen. Sowas darf es nicht geben, denke ich. Sowas darf wohl nicht wahr sein. Das Internet genügt nicht mal wirklich als Recherche es erklärt nicht, lässt nur noch mehr Fragen offen. Ich könnte kotzen, vor lauter Unwissenheit. Kann man denn nicht sagen. Oder ist es etwa.

Und das gerade einen Tag vor meinem Abhauen aus diesem Haus. Fünf Tage lang werde ich weg sein, während in meiner Familie eine Achterbahnfahrt auf die nächste folgt. Soll ich zuhause bleiben. Soll ich warten und helfen und Hände halten und in den Arm nehmen. Ich weiß es nicht. Meine Mutter würde sowieso sagen: Nein. Verzichte du nicht auf deine geplanten Dinge.

Und das wäre mir auch am liebsten. Einfach nur noch raus, in die weite Welt, alleine auf mich gestellt, und Tausende Minuten Zeit um Hunderttausende Gedanken zu ordnen. Ich denke, gerade wegen dem Wissen von heute, werde ich die Tage ab morgen brauchen. Wie lächerlich beschissen das Leben doch sein kann. Wie unaufhaltsam unlustig.

Ich vs. Schicksal: 0:243. Aber ich gebe nicht auf.