Eintauchen.

Das kalte Wasser legt sich um seine Haut.
Er spürt den Schmerz.
Und folgt ihm.
Hinein in das eiskalte Nass.
Eintauchen.

Wahrscheinlich muss ich meist hineingestoßen werden. So wundervoll einfach ich selbst gerne in unbekannte Gewässer springe, so scheint die Metapher nur unter Mithilfe eines anderen Menschen zu funktionieren. Ein Stoß reicht meist aus, und ich gelange an den Punkt, an dem sich keine Rückkehr mehr auszahlt.

Dann heißt es: nach vorne sehen. Nicht in der Vergangenheit schwelgen. Sich den neuen Aufgaben stellen. Und immer und immer (und noch so viele verdammte Male) über den eigenen Schatten springen. Selbst wenn die Glieder nach jedem Sprung schmerzen. Sie bringen einen nach vorne. Weiter. Weiter hinauf auf den Berg, den man zu besteigen zuvor nicht bereit war.

Das wahre Leben beginnt wahrscheinlich erst, wenn man bereit ist, sich hinzugeben. Und einzutauchen.

Bild von bourdrez

Revolution.

Manchmal wünschte ich mir, in eine andere Welt eintauchen zu können. Und ich würde dich mitziehen, wir würden fliehen. Vor dieser Welt und all dem Schrecklichen, all dem Unvorhersehbaren und all dem Offensichtlichen. Wir würden verschwinden, aus Angst.

Diese Welt erdrückt einen manchmal. Ist man nur ein kleines bisschen politisch interessiert, könnte man beinahe ununterbrochen kotzen, und das allein aufgrund des ewiggestrigen Abschaums, der immer noch durch unsere Straßen zieht und all die Parolen von vor 60 Jahren brüllen kann. Ohne wahrscheinlich überhaupt irgendetwas von dieser Zeit zu wissen. Oder wir werden erdrückt von unserer eigenen Generation. Die Generation Krise kommt nicht zurecht ohne irgendeinem Wirtschaftseinbruch, einer Pandemie oder was auch immer. Es muss immer was los sein, weil immer was los ist. Und wäre die Welt auch einfach nur angenehm und lebenswert, wäre sie doch nicht mehr gut genug.

Wir würden entfliehen und uns unser ganz kleines, eigenes Leben aufbauen. Abgeschotet von dieser Welt, die so viel Grausames beinhaltet. So viel Schmutz und auch so viel Lärm. Wir würden es uns still machen, wir hätten alle Zeit der Welt. Unserer Welt. Wir würden ein neues Leben, jenseits von dieser Welt beginnen.

Und müssten uns nicht aufhalten, mit all den Verpflichtungen, die uns Tag für Tag verfolgen. Wären sorgenfrei und atemlos. Könnten stundenlang durch frische grüne Wiesen laufen und uns fallen lassen. Müssten nicht nachdenken über die Welt und über uns, wir wären zu zweit und hätten doch keine Sorge um uns, da nichts uns passieren kann.

Träumst du nicht manchmal auch davon?
Einfach nur weg?

Bild

Als ich noch nicht wusste, was Liebe ist, wurde ich mit Gesteinsbrocken überschüttet und jetzt, wo ich mir vielleicht schon zumindest  im Ansatz der Komplexität dieser einen Sache halbwegs bewusst bin, wäre ich um jeden Kieselstein dankbar.

[…]

Manche Menschen glauben wirklich, die ganze Sache wäre gegessen, wenn sie ihrem Gegenüber ihre mit unzähligen Bakterien belegte Zunge  in dessen Mundhöhle hineinrammen. 

[…]

Frühlingsgefühle nerven. Hat man eine beschissene Zeit und wird mit ihnen konfrontiert, ist man hilflos und überfordert. Durchlebt man eine tolle Zeit, so wie ich jetzt, kommen sie dann wieder gar nicht. Oder melden sich bei mir nur unter falschem Namen.

[…]

Manchmal möchte ich auch einfach nur mal geküsst werden. Es muss auch niemandem etwas bedeuten. Ich habe nur etwas Angst, dass meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet irgendwann einmal verkümmern werden. 

[…]

In einem meiner vorangegangenen Texte habe ich gelogen. Sex ist kein notwendiges Übel sondern wunderschön. Und mitunter auch richtig lustig.

[…]

Mit jedem Jahr, das man älter wird, schwindet auch die Unbeschwertheit. Seit dem 16. Lebensjahr gehts abwärts. Das wären also schon 5 Jahre Abwärtstrend. Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach mal keine Verpflichtungen habe, und keine Gedanken verschwende. Das würde wohl so einiges erleichtern.

[…]

Ich weiß: Das gibt einen Pluspunkt. Nur weil ich, wenn ich von Frauen angemacht werde (und ja, das kommt schließlich auch so manches Mal vor), sie meistens vollkommen betrunken und ich viel zu nüchtern bin, um ihren Freund, von dem sie mir im nüchternen Zustand schon so oft erzählt hat, oder meinen guten Geschmack nicht zu vergessen. Und doch sollte es mich nachdenklich stimmen, dass die Frauen zumeist eben vollkommen betrunken sind.

[…]

Und wenn es wieder so weit sein soll, würde ich wahrscheinlich von Endorphinen erschlagen werden. Und unter den Trümmern, mit all den Schmetterlingen, die sich in meinen Bauch gebohrt haben, und all der Heftigkeit des Erlebten, werde ich wohl wieder einmal nur lächeln. Und tagträumen. Und reden. Mit allem und jeden über die Genialität meines Lebens.

[…]

Und. Ich bin mir sicher: Es wird nicht mehr lange dauern. Aus rein optimistischen Sichtpunkten.

[Ein paar, zum Teil unzusammenhängende, Gedanken zum Thema Liebe]

An den Sonnenstrahl klammernd.

Es knarzt etwas, als  er auf das immer noch feuchte Holz steigt. Und beinahe glaubt er sogar, dass er bei jedem seiner folgenden Schritte von der Morschigkeit der alten Bretter überlistet und er schließlich einbrechen würde. Am Ende des vom Regen des Vortages noch durchtränkten Steges lässt er sich nieder. Es ist ruhig hier.

Die Gegend ist eingetaucht in dieses dichte Feld aus undurchsichtigem Nebel, welches sich nun schon tagelang über dem See zu halten versucht. Was ist aber auch die Seele gerade eben wieder kaputt. In der selbstgewünschten Einsamkeit hier fühlt er sich eben einsam. Und entgegen seiner Erwartung nagt dieser Prozess des Nachdenkens, in welchen er sich immer tiefer hineinzudrängen bereit war, an seiner Fassung.

Manchmal drängen sich Gedanken in seinen Kopf. Dass die Liebe womöglich doch alles ein klein bisschen einfacher machen würde. Dass das Leben vielleicht nur oberflächlich so großartig ist, und er nur aufgrund der ausgeschütteten Endorphine auf dieser Welle weiterwandeln möchte. Wer kann es ihm denn überhaupt verübeln. Dass er einfach mal aufhören sollte, nachzudenken.

Und während die Sonne sich immer weiter durchkommt und der kalte Wind ein kleines bisschen abflaut. Und während die Stimme in seinem Kopf immer lauter zu pochen beginnt, lehnt er sich zurück und legt sich auf den immer noch ungetrockneten Steg. Und irgendwie erinnert ihn all das hier an die bittersüße Symphonie. 

„cause it’s a bittersweet symphony, this life …“

Plötzlich durchbricht ein Sonnenstrahl die Nebelwand und trifft lautlos auf dem See auf. Einfach nur festhalten. Er muss sich nur festhalten an diesem Strahl, muss sich an ihn klammern. Um in nächster Zeit womöglich auch einfach nur mal wieder die ganze Sonne erleben zu können.

Foto von ok23|flickr

Urbanes Gedankengut. [Ein Spaziergang]

„In wenigen Minuten erreichen wir den Zugendbahnhof: Wir bedanken uns bei ihnen und hoffen, dass sie …“

Die Ohrstöpsel verschwinden unter den Haaren, und ich nehme meine Tasche und sehe dieser monotonen Masse zu, die mit aller Macht versucht, so schnell wie möglich den Zug zu verlassen. Bis sich bei beiden Ausstiegen je eine Schlange gebildet hat, und sie sich ungefähr in der Mitte des Waggons treffen (was natürlich für die Fahrgäste in diesen Reihen unpassend ist, denn zwei Möglichkeiten erleichtern die Entscheidung definitiv nicht), lege ich meinen Kopf gegen die Scheibe des Zuges. Es ist dunkel, Nacht. Ungefähr zweiundzwanzig Uhr. Woran man merkt, dass man wieder in Wien ist? Es sind die Lichter. Die Lichter, die selbst in der Nacht die Stadt nicht schlafen lassen. Der Zug kommt zum Stillstand und schön langsam lichten sich auch wieder die Gänge. Und schon auf dem Weg aus dem Zug krame ich in meiner Hosentasche nach der zerknüllten Packung Zigaretten.

Das erste kleine Plätzchen, auf welchem man an diesem Bahnhof rauchen darf, wird für die kommenden fünf Minuten mein Lebensraum. Ich denke nach. Über die Dunkelheit hier, und über mich selbst. Eigentlich ist es ja bemerkenswert, wie viel man an einem Tag nachdenkt. Ich kann ungefähr dreißig Leute aufzählen, an die ich täglich zumindest ein einziges Mal denke. Und bei einem Großteil von diesen Menschen belasse ich es nicht bei einem einzelnen Gedanken. Meine Gedankenwelt ist groß.

Manchmal denke ich auch über die Liebe nach. Wie schön es war, damals. Und ja, verdammt. Es war eine wundervolle Zeit. Und wie lange seit damals, seit ungefähr zwei Jahren so vieles in Sachen Liebe einfach falsch gelaufen ist. Denn Liebe ist nämlich gemein. Ganz bösartig gemein.

Die Zigarette nähert sich schon dem Ende. Irgendwie habe ich heute keine Lust, mit U-Bahn (und vermischtem Schweißduft) ins Studentenheim zu fahren. Und da mir ja Bewegung mehr als gut tut, mache ich mich per pedes auf den Weg zu meinen geliebten fünfzehn oder zwanzig Quadratmetern, die ich mir mit einem unsozialen Nerd teilen muss. Die Luft heizt selbst jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, noch beachtlich, es dürfte so um die fünfzehn Grad haben. Doch es riecht nach Regen. Ein bemerkenswerter Duft übrigens.

Wo waren wir? Ach ja, die Liebe. Ist es denn nicht lächerlich, wie viele Gedanken man an sie verliert? Aber die Liebe hat eben diese Macht, dass sie einen nicht mehr loslässt. Einmal Blut geleckt, kann man nicht aufhören an sie und das Schöne daran zu denken und sich mit manch zerstörerischen Fragen beinahe selbst zu verletzen. Die Liebe ist, und das muss jeder wohl zugeben, wundervoll. Aber wie auch beim Menschen selbst darf man nie und niemalsnimmer von perfekter Liebe sprechen. Nichts ist perfekt und gerade dieses Unperfekte macht es so real. 

Ich weiß noch, wie es damals war (und wie könnte ich auch jemals vergessen): Das Tagträumen, und das Dauerlächeln, dieses mulmige Gefühl kurz vor unserem ersten Kuss. Dieses einzigartige Gefühl nebeneinander einzuschlafen. Genau nach solchen Dingen sehnt man sich, wenn man sie nur ein einziges Mal erlebt hat. Doch die Liebe spielt so oft einfach nicht mit bei der Suche nach ihr selbst. So wird man selbst geliebt und sucht verzweifelt nach Gefühlen für die andere Person. Denn man möchte nicht enttäuschen und muss es dann eben doch tun. Oder man verliert sich schon wieder in einer Traumwelt und gerät in Gefahr wieder in ihr zu versinken.

Dass es manchen Menschen auch einfach nur um Küssen und Sex geht, finde ich zu einem großen Teil relativ abartig. Liebe beginnt für mich z.B. wenn ich von einem gestressten Tag nach Hause komme, und ich von der Liebsten in ihren Armen, in ihrer Umarmung aufgefangen werde. Wenn ich mit ihr redeen kann und wir bei gemeinsamen Spaziergängen in der späten Nacht einfach mal stehenbleiben um uns den Sternenhimmel anzusehen. Das ist für mich Liebe. Wenn sich jemand um einen sorgt und am liebsten mitweinen möchte, wenn es einem selbst nach Weinen zumute ist. Und ja, man möge hier Recht haben, wenn man meint, dass Freundschaft doch genauso aussieht. Dafür gibt es eben dann Küssen und Sex um sich ein bisschen von der Freundschaft abzusondern. Man könnte sagen, als notwendiges Übel. (Aber natürlich als schönes notwendiges Übel).

Während meines Weges durch die leuchtende Dunkelheit (es stimmt wohl, diesen Teil der Urbanität werde ich wohl nie toll finden), kommt es zu einer weiteren Kollision einer Zigarette mit meinem Mund. Ich bleibe stehen, krame nach einem Feuerzeug und beginne sogleich auch schon wieder routinemäßig zu inhalieren.

Auf die Liebe soll man nicht warten, heißt es. Man soll nicht nach ihr suchen, sagt man. Sie wird einfach geschehen. Und ich bin bereit, auf all das zu warten, bis die Suche ein Ende hat. Es geht mir auch gut, so ohne Liebe. Ich, im Inbegriff, seit Jahren endlich wieder einmal mein Leben in vollsten Zügen zu genießen, kann auf die besten Freunde, auf die großartigste Familie bauen. Aber trotzdem wird es mir nicht gelingen, nicht an sie zu denken. Die Liebe.

Oh, ich bin in die falsche Querstraße eingebogen. Etwas verloren blicke ich mich um und erkenne einfach rein gar nichts wieder. Also zurück zu dieser Kreuzung, die mich falsch hat abbiegen lassen. Von hier aus dürfte es ja nicht mehr allzu weit sein. Aber eines sage ich mir. Ich habe ehrliche Angst davor, dass, sollte es irgendwann wieder zu gegenseitiger Liebe kommen, ich zu feige und zu unsicher sein, um mich darauf einzulassen. Wie auch bei all dem, was jetzt gerade hier abläuft gilt: Man muss sich einfach nur trauen. Muss Mut oder manchmal auch das viel schönere Wort Courage zeigen. Und manchmal muss man womöglich über den eigenen Schatten springen. Und selbst den ersten Schritt wagen. Sturzgefahr natürlich inklusive.

Die erste Tür öffnet sich und ich betrete den Eingangsbereich des Studentenheims. Den Weg in den ersten Stock kenne ich nun schon auswendig und deshalb verzichte ich auch auf diese grelle Lichtshow, welche ich durch den Schalter ausgelöst hätte. Die Zimmertür ist verschlossen und nachdem ich dem Schlüssel zu seinem abschließenden Einsatz verholfen habe, werfe ich die Tasche auf den Boden und lege mich ins Bett. Genug gedacht für heute.

Wobei …

Foto von flickr, unter Creative Commons Lizenz. 
Auch auf jetzt.de und Ci-Jou.

Temporary Remedy.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

Als ich am nächsten Tag aufwache, ist die Welt noch genau so, wie ich sie gestern verlassen hatte. Ich hatte es über Nacht nicht vergessen und so ist mein erster Gedanke an diesem Tag ident mit dem letzten Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Das kann es ja wohl nicht sein. 

Ich marschiere hinauf, ins Wohnzimmer, wo meine  Schwester und meine Mutter gestern Nacht, leer von jeglicher Energie, und wahrscheinlich auch von jeglichem Lebenswunsch, eingeschlafen waren. Die Decken sind noch nicht weggeräumt und irgendwie wirkt dieses Haus hier noch ruhiger, als es üblicherweise sowieso schon ist. Eine Zigarette am Morgen, auf der Terasse. Und den Kopf voller Gedanken. Ich könne ja nach München fahren und Papa vom Flughafen abholen. Ich muss meinen Text noch abändern und umschreiben und verbessern, wenn ich ihn den wirklich am Begräbnis vortragen möchte, so wie es sich meine Schwester gewünscht hat. Ich. Ach, man sollte mich doch einfach nur vorschicken, für alles und jeden. Ich möchte all das organisieren, möchte. Möchte.

Meine Mutter kommt ebenfalls auf die Terasse. Es folgt eine Umarmung. Sie nimmt sich eine Zigarette und beginnt zu erzählen. Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen. [1]

Es vergeht einige Zeit, und Gerhard, unser Pfarrassistent  erscheint auch an diesem Tag wieder. Spricht mit uns. Lässt uns schweigen. Wir beide, er und ich, beginnen, über das Begräbnis zu sprechen. Ich erkläre, dass ich so gut es geht, vieles übernehmen möchte. Die Fürbitten, meinen Text, die Musik. Gegen Mittag ist es dann soweit. Mein Vater kommt mit dem Zug in Attnang-Puchheim an. Er hat seit der Nachricht gestern Nachmittag nichts geschlafen, kämpft mit Jetlag und allem drum herum. Als er aus dem Zug aussteigt erblickt er mich, dann meine Mutter, seine Frau. Und zum ersten Mal, ja. Ich glaube zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, weint mein Papa. Er, der starke Mann, der Retter aus jeder Scheißlage, er, der auf alles eine Antwort weiß, steht jetzt einfach nur da, umarmt mich, ist ratlos und zutiefst schwach. In meinem Kopf beginnen die Gehirnwindungen wieder zu rattern.

‚Verdammt. Gerade auf dich hatte ich gehofft. Du bist doch normalerweise der starke Mann. Wir hätten uns die Verantwortung, die jetzt auf mir alleine ruht, teilen können. Wir hätten gemeinsam da sein können. Aber nein. Verdammt. Du bist schwach, du heulst, du.‘ – Agierst zutiefst menschlich.

Nachdem immer mehr Leute in unser Haus kommen, wie jetzt z.B. die Taufpatin von Timi, beginnt meine Mama damit, zu kochen. Niemand wollte etwas essen (auch ich, der sonst nie lange nichts essen kann, hungere seit dieser Nachricht am gestrigen Morgen), doch sie kocht. Spaghetti für 10 oder 15 Leute. Sauce für wahrscheinlich noch mehr. Sie braucht einfach diese Abwechslung, diese Rückkehr zur Routine, die so wünschenswert aber doch so unmöglich ist.  

Entgegen meiner anfänglichen Behauptungen versuche es trotzdem, einige Bissen hinunterzukriegen. Der Tisch ist gedeckt, von den fünf Leuten essen nur zwei. Doch ein Problem habe ich. Der Platz, an dem Timis Sessel immer war (das war so ein rot-blauer Sessel, den man am Tisch anmacht, damit er nicht runterfällt oder irgendwie umfallen kann), stand ein ganz normaler herkömmlicher Sessel. Und schon war es zu Ende.

Rien ne va plus, würde man beim Roulette sagen. Die Gabel fällt zurück auf ihr Teller und ich renne, den Tränen nicht mehr nur nahe, sondern geradezu vor ihnen flüchtend, in einen anderen Raum. Den Abstellraum. Und weine mich dort zum ersten Mal seit Timis Tod aus. Ich weine und heule und schmecke das salzig-warme Wasser zwischen meinen Lippen. Ich sitze da, und will nicht mehr aufhören zu heulen. Will alles rauslassen, um endlich wieder voll durchstarten zu können, um wieder für alle da sein zu können. Für Michaela, meine Mama und … und meinem Papa. Plötzlich betritt eine weitere Person den Raum.

Meine Mama. Sie setzt sich zu mir auf den Boden, nimmt mich in den Arm, reicht mir ein Taschentuch. „Es ist schon gut. Lass‘ es raus.“ Und in ihren Armen aufgefangen, von meinem beinahe erdrückenden Schmerz und mir selbst aufgeladenen schmerzenden Druck befreit, lasse ich mich zum ersten Mal selbst fallen und bin so klein, so winzig, so hilflos, so unfähig und. So menschlich.

Der Tag vergeht. Irgendwann wird auch noch der Termin für das Begräbnis bekannt gegeben. Am Samstag würde es soweit sein und bis dahin müssen wir noch so vieles erledigen, denke ich. Aber vielleicht sollte man einfach nur in einem solchen Moment zu denken aufhören. Vielleicht würde all das die Sache irgendwie einfacher machen. Aber ich befürchte, dass es dafür schon viel zu spät ist. 

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Der Schmerz., 31.10.2007

Ein Geschenk. Für mich.

Daniel Glattauer

Dieses Geschenk habe ich mir selbst zu meinem 21. Geburtstag gemacht. Eine Lesung von Daniel Glattauer aus seinem neuen Buch „Alle sieben Wellen“ (dem Nachfolger zu „Gut gegen Nordwind“) und seiner Kolumnensammlung „Schau ma‘ mal“. Es war einfach wundervoll großartig, unterhaltsam, muskelaufbauend (und trotzdem war es ein schöner Stehplatz). Und seit gestern weiß ich auch, dass Herr Glattauer mein großes Vorbild ist. Er wollte schon als Jugendlicher Autor werden, wurde dann aber Journalist. Hörte jedoch nie auf weiter zu schreiben und hat eben nach mehreren zwar schon erfolgreichen Büchern schließlich mit „Gut gegen Nordwind“ den großen Durchbruch geschafft. So mach‘ ich das auch. Genau so. Und dann werden bei mir 97 Prozent Frauen drinnen sitzen und meinen Worten lauschen. Tjaja. So wird das.

2938

„Und, was ist so passiert bei dir?“

Sie fragt mich, nachdem wir uns jetzt wohl genau ein Jahr nicht mehr gesehen haben. Ich lächle. 

„Willst du eine Kurzfassung oder die ganze Geschichte?“

Diesen dummen Klischeefilmsatz hasse ich und deswegen habe ich ihn hier auch benutzt. Ich kenne die Antwort ja schon. Bevor ich mit meiner Geschichte beginne, suche ich mir noch einen gemütlichen Platz für meinen Kopf in ihrem Schoß. Und kaue an diesem saftig grünen Grashalm herum.

„Eigentlich ist es ja nichts. Nicht wirklich. Eigentlich war das letzte Jahr nur das „Danach“ worauf ich so lange Zeit wartete und hoffte.“
– „Und?“
„Ich wurde enttäuscht. Derbstens enttäuscht.“

Sie streicht mir durchs Haar und sieht mir dabei in die Augen. Als würden ihre Augen in ein tiefes schwarzes Loch fallen, verlieren sie sich in den meinen.

„Wien war nicht das, was ich erwartete. Wien war Neubeginn. Und für das war ich einfach noch nicht bereit. Und ich bin es selbst jetzt noch nicht. Ich mache mir einfach nur eine schöne Zeit daraus.“
– „Wien ist … anders.“
„Mhm. Und mal sehen, wie es in St. Pölten sein wird. Dahin möchte ich nämlich nächstes Jahr ziehen.“
– „Ein neues ‚Danach‘, oder wie?“
„Mhm. Nur eben irgendwie anders.“

Ihr Hand berührt sanft meinen Hals. Die Nackenhaare bäumen sich auf.

„Aber. Wie soll ich es sagen. Es … es geht mir gut!“
– „Ah. Das ist schön.“
„Ja. Es … es kam über Nacht.“
– „Das ‚Gutgehen‘?“
„Mhm. Ich kann mich zumindest an keinen Auslöser erinnern. Es geschah.“

Und es fühlt sich gut an. Verdammt gut. Sie hat immer noch diese schönen Augen.

„Und … das heißt: Ich bin scheinbar wirklich über meine Exfreundin hinweg gekommen. Und ich habe einen Weg gefunden, mit dem Tod meines Neffen umzugehen. Ich bin gerade der größte Optimist, der geborene Selbstüberschätzer, der Träumer, der Held von morgen. Und heute. Und gestern.“

Als sie blinzelt, erkenne ich, dass sie sich für mich freut.

Foto von sophiea

2936

„Und in diesem Raum finden Sie das Unbekannte.“, sagte der Makler und schloss hinter mir die Tür ab. [Tweet]

Da stehe ich also nun. Am Ende eines Anfangs und am Anfang eines Endes. Oder am Ende eines Endes. Wie auch immer. Schön langsam gewöhne ich mich an all das … Unbekannte hier. Gelangt man von einen Tag auf den anderen in ein Übermaß aus Unbekanntem, macht man das einzig Richtige, wenn man selbst zu einem Unbekannten wird. Das hört sich jetzt womöglich etwas hart an, aber diese Tatsache beruhigt ungemein. Man macht sich viel weniger Gedanken um sich selbst, kann womöglich erst jetzt wieder vollends ins Leben eintauchen. 

Ein Jahr ist vergangen seit. Und es ist viel passiert. Der dreimonatige Ferialjob, der mir beinahe jede Chance auf Urlaub nahm, die Schwedenreise, die Bauchkrämpfe, bevor ich nach Wien zog, das Studium. Die Enttäuschung, die Bewerbung. Und mit einem Mal auch diese Zufriedenheit. Diese Gechilltheit des Lebens. Ja, es ist wirklich viel passiert seit. Ich fühle mich pudelwohl und könnte theoretisch die Welt umarmen. Einfach aus diesem Gefühl des Glücks heraus. 

Ja, ich stehe hier wirklich immer noch im Unbekannten. Es gibt kein Zurück, aber irgendwie verliere ich auch mehr und mehr die Angst vor dem Neuen. Ich wage manch erschrockene Schritte nach vor, um mich umzublicken und schaffe es immer mehr, mich einzuleben. Ich lebe sozusagen in einem neuen Lebensgefühl. Es ist schön hier. Hier will ich bleiben.

Und doch fühlt er sich komisch an. Der 21. Geburtstag. Der Beginn des 22. Lebensjahres. Es wird viel passieren. Und vielleicht bin ich auch nur deswegen etwas wuschig. Weil es so großartig werden wird.

Und zum ersten Mal ever stehe ich hier, und habe keine Ahnung, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Ich bin einfach nur glücklich. Wunschlos glücklich.

Foto von lightlady

Manchmal … [Ein Einschub]

Manchmal passieren wundersame Dinge. Das wissen wir alle. Nur neuerdings passieren sie auch mir so manches Mal. Irgendwann, es wird wohl schon Monate her sein, fragte ich per Twitter, ob jemand einen Job für mich hätte. Und ich war mir sicher, dass sich niemand melden würde. Ohne Vorkenntnisse über meine Person ist es natürlich schwer, mich anzustellen. 

Letzte Woche bekam ich dann eine Direct Message, in der jemand mir bis dahin Unbekannter (bzw. nur so Web 2.0ig-bekannt) mich fragte, ob ich Lust auf einen Kaffee hätte. Schon der Hashtag #business machte mich etwas stutzig. Und nachdem ich heute Nachmittag eben dieses Treffen antrat, wurde ich mehr oder minder mächtig überrascht.

Aber nächster Woche bin ich ein geringfügig Angestellter bei ovos, einer Agentur für digitale Kommunikation. Dort muss ich verschiedene Projekte redaktionell betreuen. Und einfach nur Part of the Web 2.0 sein. 6-8 Stunden pro Woche bin ich dann für diese Projekte zuständig, aber so wie ich kenne, werde ich immer mal wieder jeden Tag reinsehen und updaten. 

Somit trete auch ich endlich ins Berufsleben ein. Ich hoffe, dass man mit meiner Arbeit zufrieden sein wird. Und ich freue mich, nun auch endlich mein eigenes Geld zu verdienen. 

Eine wundervolle Überraschung, so kurz vor. Und überhaupt. Ich musste mich nirgends bewerben, einzig und allein meine Twitteraktivität im Besonderen (und meine Web2.0-Affinität im Allgemeinen) war ausschlaggebend für die Kontaktaufnahme. Sehr cool, liebes Web 2.0!

[Und somit reihe ich diese Sache ein in all die Dinge, die mir das Web 2.0 bisher ermöglicht hat.]