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„Und, was ist so passiert bei dir?“

Sie fragt mich, nachdem wir uns jetzt wohl genau ein Jahr nicht mehr gesehen haben. Ich lächle. 

„Willst du eine Kurzfassung oder die ganze Geschichte?“

Diesen dummen Klischeefilmsatz hasse ich und deswegen habe ich ihn hier auch benutzt. Ich kenne die Antwort ja schon. Bevor ich mit meiner Geschichte beginne, suche ich mir noch einen gemütlichen Platz für meinen Kopf in ihrem Schoß. Und kaue an diesem saftig grünen Grashalm herum.

„Eigentlich ist es ja nichts. Nicht wirklich. Eigentlich war das letzte Jahr nur das „Danach“ worauf ich so lange Zeit wartete und hoffte.“
– „Und?“
„Ich wurde enttäuscht. Derbstens enttäuscht.“

Sie streicht mir durchs Haar und sieht mir dabei in die Augen. Als würden ihre Augen in ein tiefes schwarzes Loch fallen, verlieren sie sich in den meinen.

„Wien war nicht das, was ich erwartete. Wien war Neubeginn. Und für das war ich einfach noch nicht bereit. Und ich bin es selbst jetzt noch nicht. Ich mache mir einfach nur eine schöne Zeit daraus.“
– „Wien ist … anders.“
„Mhm. Und mal sehen, wie es in St. Pölten sein wird. Dahin möchte ich nämlich nächstes Jahr ziehen.“
– „Ein neues ‚Danach‘, oder wie?“
„Mhm. Nur eben irgendwie anders.“

Ihr Hand berührt sanft meinen Hals. Die Nackenhaare bäumen sich auf.

„Aber. Wie soll ich es sagen. Es … es geht mir gut!“
– „Ah. Das ist schön.“
„Ja. Es … es kam über Nacht.“
– „Das ‚Gutgehen‘?“
„Mhm. Ich kann mich zumindest an keinen Auslöser erinnern. Es geschah.“

Und es fühlt sich gut an. Verdammt gut. Sie hat immer noch diese schönen Augen.

„Und … das heißt: Ich bin scheinbar wirklich über meine Exfreundin hinweg gekommen. Und ich habe einen Weg gefunden, mit dem Tod meines Neffen umzugehen. Ich bin gerade der größte Optimist, der geborene Selbstüberschätzer, der Träumer, der Held von morgen. Und heute. Und gestern.“

Als sie blinzelt, erkenne ich, dass sie sich für mich freut.

Foto von sophiea

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„Und in diesem Raum finden Sie das Unbekannte.“, sagte der Makler und schloss hinter mir die Tür ab. [Tweet]

Da stehe ich also nun. Am Ende eines Anfangs und am Anfang eines Endes. Oder am Ende eines Endes. Wie auch immer. Schön langsam gewöhne ich mich an all das … Unbekannte hier. Gelangt man von einen Tag auf den anderen in ein Übermaß aus Unbekanntem, macht man das einzig Richtige, wenn man selbst zu einem Unbekannten wird. Das hört sich jetzt womöglich etwas hart an, aber diese Tatsache beruhigt ungemein. Man macht sich viel weniger Gedanken um sich selbst, kann womöglich erst jetzt wieder vollends ins Leben eintauchen. 

Ein Jahr ist vergangen seit. Und es ist viel passiert. Der dreimonatige Ferialjob, der mir beinahe jede Chance auf Urlaub nahm, die Schwedenreise, die Bauchkrämpfe, bevor ich nach Wien zog, das Studium. Die Enttäuschung, die Bewerbung. Und mit einem Mal auch diese Zufriedenheit. Diese Gechilltheit des Lebens. Ja, es ist wirklich viel passiert seit. Ich fühle mich pudelwohl und könnte theoretisch die Welt umarmen. Einfach aus diesem Gefühl des Glücks heraus. 

Ja, ich stehe hier wirklich immer noch im Unbekannten. Es gibt kein Zurück, aber irgendwie verliere ich auch mehr und mehr die Angst vor dem Neuen. Ich wage manch erschrockene Schritte nach vor, um mich umzublicken und schaffe es immer mehr, mich einzuleben. Ich lebe sozusagen in einem neuen Lebensgefühl. Es ist schön hier. Hier will ich bleiben.

Und doch fühlt er sich komisch an. Der 21. Geburtstag. Der Beginn des 22. Lebensjahres. Es wird viel passieren. Und vielleicht bin ich auch nur deswegen etwas wuschig. Weil es so großartig werden wird.

Und zum ersten Mal ever stehe ich hier, und habe keine Ahnung, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Ich bin einfach nur glücklich. Wunschlos glücklich.

Foto von lightlady

In The Sun.

Ohne Bedenken ziehe ich los. Lasse sein, was mein Leben lang mein Eigen war.

Mit dem Gesicht schlage ich fast täglich hart auf dem nassen Asphalt auf. Stolpere in Gedanken, wenn ich mir die Zukunft ausmale. Alleine schon das Wort Zukunft ist lächerlich. Was sagt dieses Wort aus? Ist es doch nur Platzhalter für eine Zeit, die kommen wird. Die anders sein wird als in jeder möglichen Vorstellung. Es wird anders, und doch freut man sich viel zu überschwänglich auf das Danach. Ich bin es, der größte Architekt der Welt. Niemand baut so wunderschöne Traumschlösser wie ich. Mit soviel Prunk und überflüssigem Schnickschnack. Und ich bin auch der Typ, der einen Stein vergisst und das Schloss zum Einsturz bringt.

Kann ich mich eigentlich für irgendetwas begeistern? Ich wirke perspektivenlos, obwohl ich einer der wenigen Menschen meines Alters bin, der ganz genau weiß, wo er hin möchte. Schon vor fünf Jahren wusste ich, welchen Weg ich gehen möchte. Und natürlich, wie sollte es anders sein, so kurz vor der dem Beginn, lasse ich mich am Wegesrand nieder und bezweifle meine Entscheidung. Das hatte ich schon immer. Ich bin nicht sehr entschlussfreudig. Und zweifle unglaublich gerne. Denn wäre ein anderer Weg nicht leichter, schöner, sonniger?

Es sind nur mehr acht Handvoll Tage bis ich Leben 3.0 abschließen kann und nach einigen freien Tagen Leben 4.0 endlich losgeht. Ein neuer Lebensabschnitt. Es ist, als würde ich mich noch nicht dazu bereit fühlen. Als wäre ich noch viel zu jung, obwohl ich schon in meiner alten Schulklasse zu den älteren Semestern gehörte. Ich war ein Spätzünder und nach anfänglichem Ärger über diese Bezeichnung bin ich nun wirklich zufrieden damit. Es stimmt eben und nicht jeder kann das von sich behaupten. Den Gefühls- und Gedankenchaos auch mit 20 Jahren mit voller Wucht zu spüren, das hat schon was.

Ich müsste so viel verändern. Es gibt schon genug Texte, in denen ich über eine gewünschte Veränderung geschrieben habe. Mal war es das Gewicht, mal das ganze Leben. Ich möchte lieben können und möchte geliebt werden. Ich möchte ehrlich lachen können und möchte mich nur mit den Menschen unterhalten, die mich auch wirklich interessieren. Ich möchte Teil der Gesellschaft sein, und doch so anders. Möchte mich treiben lassen, während ich mit dem Strom schwimme. Und ja, ich habe mich verändert und ja, ich werde es auch noch weiter. Werde anders werden und doch immer so bleiben, wie ich bin.

I’m only happy in the sun. Es wird bald wieder Sommer. Sommer. Die Zeit, die mit Wärme und Freundschaft und Freiheit aufzuwarten weiß. Ich freue mich darauf und liebe es. Und sehne mich nach langen Abenden, und Sonne und den See. Wie wunderbar wird die Zeit. Und vielleicht zerschlägt diese Zeit auch all die Zweifel.

Klassenfahrt.

Die Sonne scheint. Der Rückspiegel zeigt mir so einiges an. Steigt ein in den Bus. Auf zu meinen Klassenfahrten.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Klassenfahrten. Hatte ich doch mit 11 Jahren ein böses Erlebnis. So mit erstem Mal verliebt sein, ein Typ, den ich zu meinen besten Freunden zählte, und plötzlich war das Mädchen weg und ich alleine. Junimond nennt sich das Ganze, wenn man es hier im Blog zu suchen versucht. Es war definitiv ein einschneidendes Erlebnis. Hat mich vielleicht sogar geprägt, so wie alles. Verdammt. Irgendwie tut es immer noch weh, wenn ich an das Gefühl denke, das ich damals hatte.

Später folgten jedoch noch so viele Klassenfahrten, so viele Projektwochen, die einfach nur großartig waren. Ob meine zwei Skikurse mit Hunderten von Mitschülern. Wo wir, jene Gruppe, in der ich mich befand, jedes Jahr zumindest einmal so spät das letzte Mal die Pisten hinunterfuhren, dass kein Gondel mehr zurückfuhr und kein Bus mehr unterwegs war. Großartig war, und für mich eine Hilfe für den Entschluss dort zu Studieren, die Woche in Wien. Großartige Menschen, endlich mal eine Klasse, in der ich mich einfach wohlfühlte und diese große Stadt. Es war eine wunderbare Zeit, und jede einzelne U-Bahn-Fahrt habe ich noch irgendwie im Gedächtnis.

Die Sportwoche, jene Klassenfahrt in der fünften Klasse (neunte Schulstufe), führte uns nach Kärnten. Eine Woche lang Tennis, schwimmen im Millstättersee und der Beginn einer Freundschaft, die jetzt schon beinahe seit fünf Jahren, die größte und interessanteste, überraschendste und tiefste Freundschaft meines ganzen Lebens ist. Das bessere Kennenlernen von Menschen, Freundschaftsbildungen, und gemütliche Abende auf unserem Balkon in unserer Herberge. Wir waren jung, ungezwungen, und sowas von frei. Dieses Freiheitsgefühl kann man sich nur sehr schwer vorstellen. Klar, ich war, denke ich, jedes Mal in irgendjemanden verliebt, während der Klassenfahrten. Aber jetzt im Nachhinein war es niemals schmerzhaft, sondern in irgendeiner Art und Weise auch schön.

Die einzige Projektwoche, die wir selbst organisieren mussten, fand in der sechsten Klasse statt. Nach Zauchensee, eines der größten und großartigsten Wintersportgebiete. Auf einer Selbstversorgerhütte. Gemütliche Lehrer, ein geniales Rahmenprogramm, und das erste Mal einen Gipfel mit Schneeschuhen bestiegen. Und dann noch das leckere Essen unseres Meisterkochs und damals noch Mitschülers. Lecker. Bis heute ist der Kaiserschmarrn von damals der Beste, den ich je gegessen habe, und dazu muss man wissen, dass schon meine Mutter einen unglaublich Leckeren zustande bringt. Und nachdem ich mich in den beiden Skikursen von der Anfänger zur Mittelminus-Gruppe hochgearbeitet hatte, konnte ich in Zauchensee schon einige Male bei den Pros mitfahren. Oft schon haben wir davon gesprochen, dass wir uns unbedingt diese Hütte noch einmal mieten müssten, um wieder eine so gemütliche Zeit zu verbringen.

Das erste Mal das Land verließen wir in der siebten Klasse. Nach Frankreich, an die Côte d’Azur ging es diesmal. Von Antibes, unserer Heimatstadt, gelangten wir nach Cannes, Nizza, Monaco, Èze und Grasse. Das wunderschöne Meer, die geliebte Frühlingswärme und unzählige Shoppingtouren. Und natürlich auch gemütliche Abende in schottischen Pubs oder französischen Cafés standen an. Doch während der eine Teil hier in Frankreich war, befanden sich die Spanisch-Lernenden in Barcelona. Das war das etwas Traurige daran. Unsere scheinbar letzte Klassenfahrt befuhren wir getrennt.

Schließlich und endlich kamen wir in die achte Klasse. Das Jahr der Matura und des Endes unserer Schulzeit. Wie sollten wir da eine Möglichkeit haben, irgendwo hinzufahren. Das kam schließlich erst danach. Ende Juni, nachdem beinahe alle die Matura hinter sich hatten, erfolgreich oder nicht. Es war bemerkenswert, wie sehr wir versuchten, die ganze Klasse zu etwas zu bewegen. Das Extremo-Ding Summer Splash mit 3000 Gleichgesinnten zog scheinbar die meisten an. Alle für etwas zu begeistern haben wir nach einigen emotionalen Diskussionen aufgegeben. Von den anfangs zwanzig Leuten, die mitfuhren, stiegen schließlich nur fünfzehn in den Flieger ein. Aber diese Woche war super. Meistens hingen wir gemeinsam am Strand, verbrachten Abende miteinander und erfreuten uns am Gefühl, fertig zu sein. Schließlich bemerkten wir, dass man bei 35 Grad Nachttemperatur nur sehr schwer einschlafen kann, und dass wir eigentlich nichts von der Türkei sahen, außer diesen einen großen Club.

Wie ich auf das alles komme? Weil ich seit gestern Nacht endlich die Maturareisefotos auf meinem Notebook habe. Und weil ich die Schule vermisse. Und unsere Klassengemeinschaft einfach großartig fand. Soviel dazu.