Nichts.

„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

[Ein Beitrag von vor zwei Jahren.]

So einzigartig, Moment für Moment. [Der Frühling]

(via  BulletMillerflickr)

„Der Winter war hart, findest du nicht. Die eisige Kälte, all die Momente, in denen man sich in die dicken Mäntel zwingen musste, um da draußen nicht plötzlich mal einen unfreiwilligen Freitod zu sterben. Kann mich kaum dran erinnern, einen so langen, so maßlos andauernden Winter erlebt zu haben.“ Du nickst, als ich mir gerade meinen Pullover ausziehe und es genieße, als die ersten Sonnenstrahlen sich zaghaft auf meine Haut zu setzen versuchen.

„Ich liebe den Frühling, weißt du?“, erwarte dabei kaum dein Nicken und setze fort. „Dieses Wiederauferstehen, dieser plötzliche Wandel von eisiger Kälte zu jenen Nächten, in denen man endlich auch mal wieder einmal draußen sitzen kann. Noch nicht lange, aber zumindest lange genug, um miteinander zu reden, sich den Himmel und all diese unendliche Weite von hier unten ansehen kann. Es beginnt wieder diese Zeit, in der man auf einer Decke sitzt und die Zeit zu genießen pflegt, findest du nicht?“

„Und während der Herbst mir immer, in solch unglaublicher Pracht, zeigt, wie Vergänglichkeit funktioniert, und mir vor Augen führt, dass es wohl wirklich schön ist, bevor es zu Ende ist, lässt mir der Frühling kaum Platz für solche Gedanken. Er hat seine eigenen Gesetze, nimmt mich an die Hand, und deutet mir mit überraschender Genauigkeit an, wo ich meine Aufmerksamkeit hinsetzen soll. Der Frühling erzeugt Gefühle und lässt mein Lächeln, dass ich seit Wochen schon trage, noch strahlender erscheinen. Ich mag ihn, den Frühling.“

Deinen Kopf auf deine linke Hand gestützt, neben mir sitzend, blickst du mich an, hörst wahrscheinlich kaum meine Worte, aber schenkst mir deinen Blick der sanft über die Züge meines Gesichts gleitet. „Der Frühling bietet einem die Möglichkeit, Vergangenes ungeschehen zu machen. Der Herbst hat all das abgetötet, unter der Schneedecke des Winters ist es verwest. Oder nein, diese Macht besitzt selbst der Frühling nicht. Niemand kann irgendetwas ungeschehen machen. Vielmehr bietet er einem die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen und zu erkennen, welchen Weg man für sich ausgewählt hat. Sobald die Straßen und Wege von der weißen Decke befreit sind, erhält man endlich wieder einen Blick für die kommenden Schritte.“

„Und Jahr für Jahr schafft es diese Zeit, mich darauf zu besinnen, genau solche Tage wie diese zu genießen. Dem Alltag zu entfliehen, indem man die Zeitrechnung ganz einfach für kurze Zeit auszuschalten versucht. Die Augen schließt und das Gezwitscher der Vögel in sich aufsaugt. Und dann bist da noch du und du und der Frühling, ihr seid eine so wundervolle Symbiose, die perfekte Mischung. Ich mag den Frühling, weil ihr in Wahrheit genauso schön ist wie du. So einzigartig, Jahr für Jahr oder Moment für Moment und weil es im Frühling wahrscheinlich die schönste gemeinsame Stille gibt.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie. [1]

„Schneefahrbahn“, 29112010

„Wir sind falsch abgebogen“, meinst du und ich schrecke hoch, aus der Idylle, in der wir beide uns gerade befanden. Der Weg ist mir nicht vertraut und ich dachte ja nur. Dachte mir, dass dieser Weg uns nach Hause führen könnte. Doch er bringt uns immer nur weiter weg, und wir stapfen hinterher, den Spuren im Schnee folgend.

Unsere ersten gemeinsamen Schritte hier, in diesem Winter. Wir kennen uns schon so langem, und die Jahre sind schon an uns vorbeigezogen, wir wurden älter und ein Winter kam und ein anderer Winter ging. Deine Hand wärmt die meine, dein Blick schweift immer wieder zu meinem Gesicht. Wir haben uns verirrt. Wandern orientierungslos ins weiße Nichts. Doch. Es ist uns egal. Hilflos tapsen wir voran, streichen Schnee von den überladenen Holzbänken, die vereinzelt auf der Bildfläche auftauchen. Formen Bälle, schießen uns ab, fallen uns in die Arme, und hinein in die kalte Masse.

Formen Engel und rollen uns entgegen. Wischen uns die eben gelandeten Schneeflocken von unseren Wangen, und behalten die Finger etwas länger als nötig auf der Haut des anderen. Sehen uns in die Augen und hören nicht auf. Die Kälte tut uns nichts und wir denken erst gar nicht daran, von hier zu verschwinden. Es ist ein schöner, ein sonniger, aber doch kalter Tag mit dir. Der Worte war ich in deiner Anwesenheit sowieso noch nie wirklich mächtig. Und selbst Schweigen stellt eine Herausforderung für mich dar. Ich möchte dir sagen, was du mir bedeutet, dir erklären, wie wichtig all das für mich ist. Möchte dich küssen und dir zeigen, dass es mir wirklich ernst ist, und das nicht nur eine Spur vorweihnachtlicher Verliebtheit ist. Aber ich kann es dir nicht sagen. Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.

Wir machen alles so wie immer und nichts verändert sich. Weil wir nicht dazu bereit sind und ich auch nicht. Wie viele Winter müssen wohl noch vorbeiziehen, bis ich es dir zu sagen bereit bin und du für die Antwort. Es ist kalt hier. „Wir sollten uns auf den Heimweg machen.“

Eintauchen.

Das kalte Wasser legt sich um seine Haut.
Er spürt den Schmerz.
Und folgt ihm.
Hinein in das eiskalte Nass.
Eintauchen.

Wahrscheinlich muss ich meist hineingestoßen werden. So wundervoll einfach ich selbst gerne in unbekannte Gewässer springe, so scheint die Metapher nur unter Mithilfe eines anderen Menschen zu funktionieren. Ein Stoß reicht meist aus, und ich gelange an den Punkt, an dem sich keine Rückkehr mehr auszahlt.

Dann heißt es: nach vorne sehen. Nicht in der Vergangenheit schwelgen. Sich den neuen Aufgaben stellen. Und immer und immer (und noch so viele verdammte Male) über den eigenen Schatten springen. Selbst wenn die Glieder nach jedem Sprung schmerzen. Sie bringen einen nach vorne. Weiter. Weiter hinauf auf den Berg, den man zu besteigen zuvor nicht bereit war.

Das wahre Leben beginnt wahrscheinlich erst, wenn man bereit ist, sich hinzugeben. Und einzutauchen.

Bild von bourdrez

Dunkel ist es. [Ein Dialog]

I

Du riechst gut.
Beginnst du eigentlich immer auf diese Art und Weise eine Konversation? Wir kennen uns ja kaum.
Hm. Ist mir nur aufgefallen.
Schön.
Mhm. Schön.
Nach was rieche ich denn?
Weiß nicht. Irgendwie natürlich.
Ich schwitze? Willst du mir das sagen?
Nein. Nein. Ach, nein. Natürlich nicht. Du riechst…-
Natürlich. Ich weiß. Und sonst?
Sonst?
Mhm. Sonst?
Nichts. Du riechst nur außergewöhnlich gut.
Schön. 

II

Wieso so griesgrämig?
Ich? Griesgrämig. Ist das nicht alles nur eine subjektive Meinung von dir?
Ach? Und du fühlst dich also wohl, oder wie?
Mhm.
Und nicht vielleicht irgendwie…-
Griesgrämig?
Mhm.
Hm. Nei..- Naja. Vielleicht.
Und wieso?
Wieso was?
Wieso so griesgrämig?
Ach. Du würdest dich ja doch nicht auskennen.
Schön.
Was?
Das Lächeln eben, als ich statt Schade nur Schön vorweisen konnte. 
Hab ich etwa gelächelt?
Mhm.
Tut mir Leid.
Da! Schon wieder! Hast du es wenigstens jetzt mitbekommen?
Hm.

III

Ach, es ist schon dunkel.
Wie?
Dunkel ist es.
Mhm.
Hm. 

IV

Ist dir kalt?
Warum?
Du zitterst.
Wirklich? Das habe ich bei all dem Zähneklappern beinahe übersehen.
Schon wieder. Komm.
Wohin?
Nirgendwo hin. Komm. Nimm meine Jacke.
Und du?
Wie?
Erfrierst du denn nicht?
Ach wo. Kalt ist es zwar schon, aber…-
Aber?
Aber ich hasse es, wenn Menschen in meiner Umgebung frieren. Komm!
Wohin?
…-
Ha. Jetzt hast du gelächelt. Für mich. Na, gib‘ sie schon her!
Was?
Die Jacke. Die Jacke möchte ich bitte.

V

Ich friere noch immer.
Wir kennen uns kaum.
Ich weiß. Aber …-
Aber was?
Aber hindert es uns an irgendetwas?
Woran sollte es uns hindern?
Ich weiß nicht.
Na, komm schon her.
Aber eigentlich sollte ich ja dich unter meiner … äh, deiner Jacke aufwärmen. 
Egal. Komm her. Wenn wir ganz nah nebeneinander gehen, dann wärmen wir uns gegenseitig.
Stimmt.
Stimmt.
Weißt du eigentlich…-
Mhm. 
Deine Hand ist warm.
Und du riechst gut.
Als würden wir uns schon ewig kennen.
Und uns nicht verlieren. In Träumen.
Von uns?
Mhm. Von uns beiden. 
Schade.
Wie?
Es wär‘ schade drum.  Würden wir uns schon ewig kennen.
So ohne Träume, wie?
Mhm. Das…- Das wär schrecklich. 
Drum..- Drum lass uns uns nie kennenlernen.