Dieses eine verdammte Lied. [16]

Musik. 15122010

„Es ist die Musik.“ Verdutzt siehst du mich an, als ich mir gerade eine Träne aus meinem überraschten Gesicht wische. „Es ist nur die Musik.“ Du reichst mir ein Taschentuch, aber das ist nicht nötig. Der Pulloverärmel hat sie schon aufgefangen, weggetragen, losgelöst. Und immer noch höre ich dieses eine Lied im Hintergrund, welches mich innerhalb von Sekunden austrocknet, mir mein Lächeln raubt, meine Gedanken überschlagen und mich nur hilflos zurück lässt. „Nur die Musik.“

Du verstehst nicht, kennst nicht die Geschichte. Ich habe es mir ganz einfach vorbehalten, vor allem das Gute zu erzählen, in unseren unzähligen Momenten, die wir bisher dazu genutzt haben, uns selbst vorzustellen. Ich will dir selbst jetzt nichts davon erzählen, denn es ist etwas, dass mir selbst heute noch weh tut. Etwas, das mir vor Jahren alles nahm, den Boden unter den Füßen, unzählige Träume, ein Leben. Und ich will auch kein Mitleid und bin mir sicher, dass du noch irgendwo eines übrig hast. Langsam nippe ich wieder an meinem Kaffee und versuche nicht hinzuhören und dir nicht in die Augen zu sehen. Dieses eine verdammte Lied.

„Kennst du das, wenn du etwas Wunderschönes … hm, geschenkt bekommst, es hängen so viele Erinnerungen daran, und dann passiert etwas komplett Furchtbares. Und fortan weckt allein das Ansehen dieses Dings so schreckliche Gedanken, so atemraubende Bilder. Kennst du das?“ Du überlegst. So etwas muss man nicht kennen. „Bei diesem Lied ist das so.“ Aber was sage ich: es ist nicht nur dieses Lied, es sind viel mehr, und die Dinge, die immer noch in meinem Zimmer herumliegen und dir hoffentlich nie auffallen.

„Darf ich nachfragen-?“ Nein, darfst du nicht, nein, denn ich will nicht darüber reden und es ist der Stimmungskiller schlechthin, ein absolutes No-Go. „Mhm.“ – „Willst du darüber reden? Mit mir? Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst.“ – „Hm.“ Kann ich das? Und will ich es? Und ich beginne zu erzählen, und verpacke es in eine überraschende Sprache, beinahe so, als wäre es eine Geschichte, etwas Fantasie, Literatur und nicht die harte Realität, die Vergangenheit und die Gegenwart. Du lauscht meinen Worten, wischt hie und da etwas Flüssiges aus meinem Gesicht, setzt immer mal wieder dein geschocktes Gesicht auf und nickst.

„Und deswegen das gerade. Das mit dem Lied und so.“ Ich erwarte mir deine Hand auf meiner Schulter oder meinem Kopf, ein paar bemitleidende Worte, das Angebot von Zeit, von Gesprächen, von Hilfe. Aber du rettest dich so wundervoll aus der Misere, dein Blick scheint … gebrochen, deine Stimme etwas weinerlich, meinst nur ein „Oh.“ und zündest dir die nächste Zigarette an. So ist es gut.

Als du gingst. [15]

Grab. 14122010

Als du gingst,
War es wie der Regen
Der von einen Moment auf den anderen
Einfach aufhört.

Als du gingst,
Verlor ich mein Zeitgefühl
Versuchte, mich nicht mehr zu spüren
Ohne Glück.

Als du gingst,
Es war ein Wimpernschlag
Und Träume, Träume mit dir
Verschwanden auf ewig.

Als du gingst,
War es plötzlich still
Und du hinterließt nur diese,
Diese Leere.

Als du gingst,
Fragte ich mich
Wie es nun weitergehen soll
So ganz ohne dich.

Jetzt bist du weg
Schon seit Jahren
Und immer noch kann ich kaum glauben
Was geschah.

Will nicht verstehen
Will nicht begreifen
Nicht akzeptieren
Nicht sein.

Ganz sanft schläfst du, liegst hier, neben mir. [14]

Hauptbahnhof. 07122010

Ganz sanft schläfst du, liegst hier, neben mir. Ich kann nicht schlafen, so sehr ich es auch versuche. Kann nicht aufhören nachzudenken, und fühle die Wärme deines Bauches, und wie er sich hebt und senkt, wenn du atmest. Keinen Zentimeter gibt es zwischen uns und diese Stille hier wird nur selten durchbrochen von vorbeifahrenden Zügen und quietschenden Reifen zu schnell gefahrener Autos. Kann nicht einschlafen und liege hier neben dir, ganz nah.

Ich habe nicht geglaubt, dass das passiert, nicht erwartet, dass wir uns an diesem Abend so wunderbar verstehen würden und du irgendwann einmal, etwas betrunken, deinen Kopf auf meine Schulter gelegt hast. Und wir haben geredet, hatten Spaß, fühlten uns frei alles zu tun, was in unserer Macht stand. Stießen an auf ich weiß nicht was, und waren inmitten von Menschen, die uns im Laufe der vergangenen paar Monate und Jahre so wichtig geworden waren.

Und dann dein zärtliches Hauchen, die Bitte, doch bei mir schlafen zu können. Als ich verzweifelt den Haustürschlüssel suchte, kaum ins Schloss fand, und wir irgendwann einmal im Bett lagen. Und unsere Blicke auf die Decke gerichtet, noch so wundervolle Gespräche ermöglichten. Und uns immer wieder mal ansehen, fast neckisch, so neugierig. Und wie du dann, meine Hand um deine Taille liegend, schließlich eingeschlafen bist.

Ich kann nicht schlafen, so sehr ich es auch versuche. Möchte diesen Moment noch viel genauer spüren, möchte Herr über dieses Gefühl sein, möchte jede einzelne Portion dieser Minuten auskosten. Möchte nie wieder weg hier, möchte liegen bleiben, für immer. Da, für einen kurzen Moment wachst du auf, und deine Hand wandert ganz langsam zu der meinen, legt sich darauf, bis du schließlich wieder einschläfst.

Der Morgen beginnt schon sich weiter auszubreiten, und ich, etwas zitternd, liege hier neben dir und warte. Warte, dass ich endlich einschlafen kann oder warte, dass du wieder aufwachst. Es ist ein außergewöhnliches Gefühl, hier, neben dir, neben diesem zarten Wesen zu liegen und zu wissen, dass da irgendetwas ist, was uns verbindet. Lege meinen Kopf an deinen Nacken, atme ein und atme aus. Genau so soll es sein, für immer. Wir beide, hier.

Hinein ins Ungewisse, in die Stille der Nacht, in das schwarze Nichts. [13]

Wohin? 12122010

Als du zum ersten Mal diesen Raum betrittst, ist es plötzlich still. Nur kurz, nicht merklich. Deine Haare fallen dir etwas ungestüm ins Gesicht und deine Augen kreisen umher, auf der hilflosen Suche nach bekannten Gesichtern. Du siehst etwas verloren aus, als du dir einen Becher schnappst und ihn mit Bowle befüllstt. Sekundenlang hältst du dir den Becher an die Lippen, die Augen schweifen durch den Raum. Und für den kurzen Moment haben sich auch unsere Blicke getroffen und ein kleines Lächeln ist über meine Lippen gehuscht. Deine Augen. Die so viele Geschichten zu erzählen wissen, welche ich erst später erfahre.

Schon jetzt möchte ich aufspringen, von dieser Couch, zu dir hingehen und uns beide in wilden, hemmungslosen Smalltalk stürzen. Aber natürlich bin ich zu feige. Du machst dich auf den Weg, zwischen an all den Partygästen, wanderst du durch den Raum. Kommst an denen vorbei, die mal wieder etwas zu viel von allem erwischt haben, vorbei am Kuchen, den einer der Gäste dem Einladenden mitbrachte. Und irgendwann kommst du auch in meine Nähe. Du blickst mich wieder an, (du hast wunderschöne Augen) und fragst: „Ist hier noch frei?“ Ich nicke.

„Ich…, ich bin neu hier.“, stolpern die ersten Worte aus dir heraus. „Und in Wahrheit kenne ich ihn ja gar nicht. Er hat mich nur einmal angesprochen, während einer Vorlesung, die wir gemeinsam belegen.“ Ich grinse. „Und du? Kennst du ihn besser?“ – „Nicht wirklich. Ich bin wohl so etwas wie der Freund eines Freundes von ihm.“ Du lächelst. Zwei Menschen, gemeinsam auf einer Party voll unbekannter Menschen.

„Und wie gefällt es dir bisher?“
– „Es ist-…“
„Gewöhnungsbedürftig?“
– „Mhm.“
„Das ist ganz normal. Ich hatte auch große Träume und musste dann erst Mal mit der Realität hier zurecht kommen.“

Deine Lippen schon wieder am Becher abgelegt, mit deinen Augen meinen Worten folgend, hoffst du auf eine Fortsetzung.

„Aber das legt sich. Das dauert nicht so lange.“

Ich lüge dich an, und hoffe, dass es zumindest für diesen Moment nicht auffliegt. Immer mehr Leute kommen auf diese Party, und als das Geburtstagskind den Raum betritt, hat irgendjemand die Kerzen auf dem Kuchen angezündet, die Meute beginnt zu singen. Während all das passiert, sind wir beide schon längst woanders.

Sitzen am Balkon, teilen uns eine Zigarette und blicken gen Himmel. Erzählen uns von unseren Erlebnissen und unseren Träumen, von Freude und Leid, von unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Völlig unkompliziert fallen wir von einem Gesprächsthema ins nächste. Ich liebe es, deiner Stimme zuzuhören, so sanft und einfühlsam. „Ich muss dir meine liebsten Plätze hier zeigen.“ Du nickst. „Ich bin mir sicher, die werden dir gefallen.“

Und während drinnen die Party brav weitergeht, wir unsere Becher auf einem der vielen Tische abgestellt haben und uns noch eine Flasche Wein stibitzt haben, schleichen wir uns raus aus dem Haus. Ziehen uns Jacke und Schuhe erst draußen an, lachen und fallen fast, als wir versuchen, so still wie möglich abzuhauen. Und gehen los. Hinein ins Ungewisse, in die Stille der Nacht, in das schwarze Nichts.

Zu hoch gepokert. [12]

Kartenpech. 05122010

Irgendwo zwischen hier und jetzt sind wir angekommen. Haben Wochen, haben Monate hinter uns, die anders verlaufen sind, als wir es uns wünschten. Es wurden Träume geboren, und kurze Zeit später wieder eingerissen. Wir waren naiv, und glaubten an das Gute in uns beiden. Doch in Wahrheit sind wir nicht dazu im Stande, die Wahrheit zu erkennen. Wir fürchten uns davor, und doch haben wir sie uns eingestanden. Es hat nicht funktioniert.

Diese eine Nacht hätte nicht sein sollen und war doch. War eine Ausgeburt der Unbedachtheit, ein Präambel auf das Scheitern, ein Ziegelstein am Schotterweg. Weil es so wunderbar einfach war, so rastlos undurchdacht, so fern aber der Realität. Wir haben es verspielt und stehen nun selbst vor den Trümmern unserer Fehler.

Du hättest es mir nicht sagen müssen, hättest ruhig lügen können. Ich hätte es am Liebsten nicht gehört, aber du stehst ja so auf Ehrlichkeit und auf ausgesprochene Worte. Als wäre das, was du mir gibst, und das, was nicht, nicht schon genug, nein. Du musst es mir vor den Kopf knallen, nachdem du wenige Tage zuvor, mitten in der Nacht und leicht angeheitert, mit Fingernägeln deine Traumschlösser in Styropor kratztest.

Schon damals hast du mir Angst gemacht. Hast mich glauben lassen, dass all das ein großer Fehler sei. Aber ich wollte es nicht sehen und glaubte ja doch an das Gute im Menschen. Oder zumindest das Gute in dir. Weißt du, du hast mich enttäuscht. Auch wenn du glaubst, dass damit schon alles gesagt sei, und dass es jetzt gut sei, dass man sich nicht mehr anruft und einfach nicht mehr sieht. Das ist es nicht. Weißt du nicht mehr, welche Freundschaft wir hatten?

Sie ging über vieles hinaus und du hast oft Dinge gewusst, du nur wir zwei uns teilten. Wir haben Abende und Nächte bei Grey’s Anatomy und CSI New York verbracht. Haben uns Pizzas bestellt und waren einfach nur am leben. Und das alles haben wir mit dieser einen Nacht zerstört. Haben unsere Träume, die weniger dumm und vielleicht auch weniger durchdacht waren als deine Styroporkunstwerke, aufs Spiel gesetzt, damit wir diesen einen Tag lang glücklich waren. Oder zumindest glaubten, es zu sein.

Und ich kann deine Stimme am Telefon schon kaum mehr hören. Weil du nicht klüger wirst, und immer und immer wieder in dieses eine, scharfe Messer läufst, dass dir Menschen, die du liebgewonnen hast, auf dich gerichtet haben. Immer und immer wieder erzählst du davon und ich möchte dich anschreien und dir sagen, wie dumm doch das Ganze ist und es wohl alles nur schlimmer machen wird. Aber du würdest es nicht verstehen. Hast es die vergangenen Wochen, Monate nicht verstanden.

Und wenn wir schon dem Scheitern so nahe sind, lass uns nicht umkehren. Wir würden uns verlieren, aber über kurz oder lang haben wir das sowieso schon. Wir haben zu viel aufs Spiel gesetzt, haben zu hoch gepokert. Wir sollten aufhören, Spiele zu spielen, wenn wir die Spielregeln nicht kennen, okay?

Alleine. [11]

Feels like Home? 08122010

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. „Ich habe Angst.“* Therapiesitzungen waren auch schon mal besser. Beinahe ist es wie eine Prüfungssituation aus meinen Albträumen. Es wird einem vollste Konzentration abverlangt, man muss alles geben. Und in Wahrheit wird man nur verwirrter und verstörter, weil jede Antwort eine neue Frage aufwirft. „Ich habe Angst“, wiederhole ich.

„Wovor?“ Gute Frage. „Dass es das gewesen sein könnte. Dass ich die eine, die einzige Chance hatte, auf ewige Liebe und Leben und Sein. Und das habe ich vermasselt.“ – „Hm.“ Es stimmt wohl, Therapeuten finden zu allem die richtigen Worte. „Hm.“, wiederholt sie sich. Ich hätte jetzt auf ein „Ach nein, Dominik!“ gehofft oder auf ein sofortiges Kopfschütteln oder sowas.

„Hm. Und warum glaubst du das?“ Weiter gehts. „Weil die Zeit keine Wunden heilt und es immer noch so verdammt weh tut und ich nicht in der Lage bin, mich auf irgendetwas Neues einzulassen und selbst zu feige bin, um irgendwann einmal den ersten Schritt zu wagen.“ – „Hm.“ – „Und weil ich so furchtbare Angst davor habe, allein zu sein. Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn da niemand ist, der einem die Schulter anbietet, wenn einem nach Weinen zumute ist. Und das schon seit Jahren.“

„Du fühlst dich also einsam.“ – „Nein. Nicht einsam. Manchmal genieße ich es, einmal nur etwas Zeit für mich zu haben. Ziehe mich zurück, werfe melancholische Lieder in die Playlist und mich ins Bett und lasse mich einfach nicht stören. Das ist nicht das Problem, nein. Es ist die Angst allein zu bleiben.“

„Dann wird es dir wohl auch nicht helfen, wenn ich dir sage, dass du so etwas sowieso nicht erzwingen kannst und dass es keinen Sinn macht, erwartungsvoll darauf zu hoffen. Dass es passieren wird, wenn du es am Wenigsten erwartest und du die größten Chancen hast, wenn du es schaffst, mit all dem abzuschließen.“ – „Nein, liebt gemeint, das hilft mir auch nicht.“ Die 50 Minuten sind vorüber und ich erhebe mich, öffne die große Tür und drehe mich doch noch einmal um. „Wissen sie, es ist einfach … ich lebe zwischen den Welten, bin einen Tag mal da, dann dort, und irgendwann eben hier. Ich lebe ohne Unterhalt, ohne Rückzugsort. Alles nur temporäre Unterkünfte. Dieses eine Etwas, nennen wir es Liebe, oder Zuneigung oder ganz einfach ‚ein Wir‘ würde mir etwas geben, was ich schon lange suche. Ich glaube, man nennt es … ein Zuhause, oder Heimat oder so.“

Jedes Mal, jeden verdammten Abend. [10]

Jalousien. 09122010

Da war dieser eine, dieser leicht betrunkene, etwas trockene Kuss. Dieser eine magische Moment, resultierend aus einer Umarmung, am Ende einer besonderen Nacht. Dieser eine Kuss, der das Tüpfelchen auf dem i sein sollte, der Beginn vom Nichts. Wir haben uns beide belogen und wir haben beide versagt.

Monatelang schon gingst du mir nicht mehr aus dem Kopf, ich genoss die Abende, an denen wir uns sahen, genoss die Gespräche und genoss die Zeit. Wir sahen uns Sterne an, wo keine Sterne waren. Ließen uns zurückfallen, wenn wir mit Freunden nach Hause gingen. Aber zu einem waren wir nicht im Stande. Jedes Mal, jeden verdammten Abend. Komme ich zuhause an, werfe den Schlüssel in die eine Ecke und krame in der anderen nach Zigaretten, die meine Unfähigkeit besänftigen sollen.

Irgendwann kam der Break, weil das Aussichtslose Überhand nahm und weil das Leben weitergehen musste. Unerwiderte Liebe als Jahresprojekte habe ich schon zur Genüge hinter mir und die Zeit läuft und der Unmut wächst. Das muss nicht wieder sein, denn wir haben doch auch noch was anderes zu tun. Anstatt uns in den Armen zu liegen und gemeinsam über Gott und die Welt zu reden. Anstatt unsere Gedanken zu teilen und gemeinsam Kaffee zu trinken. Wir Vollidioten.

Und dann, Monate nach unserem ersten Aufeinandertreffen, den ersten Gesprächen, dieser eine Kuss. Ich wusste schon, dass eine Ära vorüber, ein Ende gesetzt war. Unsere Ära, unser Ende. Du hast es mir dann ein paar Tage darauf erklärt, während Coldplay auf meinem iPod lief. Dass wir zu lange gewartet hätten, und dass, was jetzt kommen würde, nicht richtig sei, und dass es schön war, aber nicht jetzt. Für dich war es wohl mehr als dieser eine Kuss. Für mich war es der Anfang von etwas Unbestimmtem. Ein Bruchteil eines Nichts und nicht mehr. Wir haben beide versagt, erwachsen genug zu sein.

5 Jahre Neon|Wilderness. [Ein Jubiläum]

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann es denn wirklich los ging. Und wie ich überhaupt auf die Idee kam, so etwas zu starten. Aber mit Dezember 2010 wird mein wohl tiefster Fußabdruck im Internet 5 Jahre alt.

Ist es Zeit mir zu gratulieren? Wofür denn? Ich will hier nicht eine tolle Selbstbeweihräucherung starten. Jetzt will ich erstmal ganz grundsätzlich erklären, warum ich den ganzen Scheiß hier immer noch mache. Was mir dazu verhalf, in meinem Blog eine ganz wichtige Anlaufstelle entstehen zu lassen.

Fortsetzung folgt. 08122010

Das Warum und andere Geschichten.

In Wahrheit kenne ich den Grund nicht mehr wirklich, warum das alles begann. Aber es hat mir von Beginn an Spaß gemacht. Und wie man hier sogar noch nachlesen kann, waren die Einträge meist sogar noch trivialer als sie es heute sind. Kommentare aus meinem Leben, die wohl nur die interessieren (wenn überhaupt), die mich kennen. Das war mein Beginn, damals noch bei Blogger.com. Und warum ich schließlich zu WordPress.com wechselte, weiß ich auch nicht mehr. [Schön langsam glaube ich, diese Geschichte hat wohl keinen sehr großen Nachrichtenwert.] Aber damit begann im Grunde das, worauf auch heute noch dieser Blog aufbaut: Privates, Empfehlungen und literarische Versuche. Und auch wenn „Vom Verlieren und Wiederfinden der Liebe“ das erste halb-literarische Werk von mir ist, liebe ich den Text immer noch. Die verkehrte Erzählweise wurde erst 2010 ein weiteres Mal versucht. Wunderbar.

Ich kann mich noch an den Beitrag von Luca erinnern, als er seine Beweggründe und seine Musen nannte: ich habe so etwas nicht. Ich begann Blogs erst zu lesen, als ich selbst einen schrieb. Aber erst Roman Held war, wie schon einmal erwähnt, eine Inspiration, mich vom rein-trivial-langweiligen Lebensblog etwas abzuwenden, um auch etwas Literatur einzubauen. Und ich denke, das hat dem Blog ganz sicher gut getan.

Und dann schrieb ich vor mich hin und schrieb mehr und wurde häufiger gelesen und kommentierte auf anderen Blogs, und andere kommentierten bei mir. Das Typische eintauchen in die Materie. Es fühlte sich gut an. Die Leute lobten meinen Schreibstil (schon damals), und diese Kommentare waren immer mehr Aufforderung für mich, hier damit weiterzutun. Nicht einfach aufzuhören, wegen „Stammlesern“ und so.

Volle Distanz. 16112009

Meine kleinen feinen Erfolge.

Es klingt wohl reichlich pathetisch, wenn ich behaupte, dass Bloggen mein Leben und mich verändert hat. Wahrscheinlich hat es das auch nicht, aber bei einem hat es mir geholfen. Nach der (mehr oder weniger) überraschenden Trennung im Frühjahr 2007, dem Tod meines Neffen im Herbst desselben Jahres, bei der Begräbnisserie im Sommer 2009. Dieser Blog war immer Anlaufstelle für etwas, worüber ich zu reden nicht im Stande war. Dieser Blog wurde sozusagen ein Sprachrohr für mich, ich konnte meine Gedanken, meine Gefühle ausdrücken, ohne auf Widerstand zu stoßen. Und ich bekam Feedback. Helfende Worte, berührendes Lob. Und wie ich so im Jahresrückblick 2009 las, fällt mir auf, dass ich seit diesem Jahr bei meiner Schreiberei ganz offen von „Kunst“ spreche. Und aus „Minimal Literarisches“ wurde ganz einfach „Literarisches“. Das ist schon gut so. Und nein, ich nehme mich dabei nicht zu Ernst.

Denn wenn Menschen sich in meinen Texten wiederfinden, ich sie zu Tränen rühre, wenn sie durch mich vielleicht auch manchmal neuen Lebensmut oder zumindest frische Denkanstöße erhalten. Wenn meine Worte treffen, ich Menschen sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringe. Wenn ich Literarisches so lebendig und nah erzähle, dass ich oft versichern muss, hier nichts Autobiografisches geschrieben zu haben. Wenn mir von Menschen aller Altersgruppen hier im Internet und auch bei persönlichen Gesprächen Anerkennung für meine Kunst, mit den Worten umzugehen, entgegengebracht wird. Dann … ja dann nenne ich es ganz einfach Kunst.

Aber was sind meine messbaren Erfolge? NEON hat einmal in einer Coverstory zum Thema „Ewiger Geschwisterstreit“ einen meiner Texte, den ich auch auf NEON.de veröffentlicht habe, als einer der drei besten Texte zu diesem Thema ausgewählt und einen kleinen Hinweis abgedruckt. Durch einen anderen Text wurde ich Teil einer durch Deutschland reisenden Ausstellung zum Thema „Vom Tagebuch zum Weblog“. Ich. Provinzmensch auf neuen Wegen. Ich tauche plötzlich in Berlin, Nürnberg und Frankfurt auf. Das hat schon was.

Frühstück. 16112010

Warum das Ende keine Möglichkeit ist.

Es gibt immer wieder Menschen, die sich ganz bewusst aus dem Internet zurückziehen. Ihre Blogs löschen und damit einen großen Haufen Kunst und Erinnerungen einfach aus dem Internet eliminieren. Blogs zu löschen ist wie Digitalfotos von der Karte zu eliminieren. Erinnerungen auf Knopfdruck gelöscht. Wahrscheinlich behalten die Menschen zwar ein Backup des Blogs irgendwo auf der Festplatte, um es womöglich mal ihren Kindern zu zeigen. Aber für mich ist das Ganze kein Thema.

Bis vor kurzem dachte ich: ich kann hier sagen, kann hier sein, wer ich will. Die meisten Leser hier kennen mich nicht, oder wenn nur sehr spärlich oder durch andere Social-Media-Dienste wie Twitter oder so. Niemand, mit dem ich öfter zu tun habe, sieht hier vorbei (fragt mich nicht wieso). Aber plötzlich lesen auch einige Studienkollegen hier mit, oder Arbeitgeber. Ist das jetzt etwa das Ende?

Nein. Denn immer noch bestimme ich, was ich hier schreibe. Und ich weiß schon, wann genug ist, und was jetzt so raus darf oder nicht. Dadurch, dass ich meine halbwegs anonyme Phase schon vor einiger Zeit aufgab, meine privaten Texte aber eher zunahmen, habe ich einen ganz besonderen Weg gewählt. Ich stelle mich in den Mittelpunkt dieses Blogs. Ein Problem? Für mich zumindest nicht.

Und deshalb gilt das, was ihr auf diesem Bild oben seht: Fortsetzung folgt. Mir fällt bis jetzt kein triftiger Grund ein, hier irgendeinmal Schluss zu machen. Wahrscheinlich kommen mir solche Gedanken zwar später mal unter, aber seid euch gewiss: Ich habe so viel Herzblut, so viel Arbeit, so viel Fürsorge in dieses kleine Ding Kunst gesteckt, dass ich es nicht wagen könnte, es zu löschen. Neon|Wilderness ist vielleicht etwas für die, von mir so verhasste, Ewigkeit. Zumindest für die eine, die meine Ewigkeit.

Metaebene. [9]

678TZUFGHB. 08122010

Die Backspace-Taste. Immer und immer wieder. Heute will es einfach nicht. Ich sitze hier schon seit Stunden, manchmal huschen meine Finger über die Tasten, doch das Resultat ist nur ein leerer Blick auf die noch viel leerere Pinnwand. Und Zigaretten, die zum Fast Food verkommen und Energy Drinks, die ihre Wirkung wieder einmal verfehlen. Mein Kopf will es nicht und meine Gedanken gehören nicht hierher. Das sind beschissene Momente, wisst ihr. Wenn man so viel zu sagen hat, aber einfach nicht kann. Wenn einem die einfachsten Worte nicht einfallen, wo man doch ein Magier eben jener ist. Wo Worte doch zum Leben gehören, wie bei manch anderen Leuten Autos, oder Make Up oder Fußball. Wenn es sich anfühlt, als wäre das wenige Talent, welches man seit Jahren gegen alle Widerstände zu fördern versucht, plötzlich Geschichte. Unlesbar, ein Teil der Vergangenheit.

Und man packt dann einen Notizblock und sucht den einen perfekten Stift, der sich dafür eignen sollte, und legt sich ins Bett damit und wartet. Möchte ein Gedicht entwerfen und nichts geht und die wenigen Zeilen, die in meinen Augen vollkommener Mist sind. Und dann das Zerknüllen, so klischeehaft, und das Verfehlen des Papierkorbs. Nichts hilft, man versucht sich abzulenken, sucht nach Inspiration, aber wird nicht fündig. Es sind Tage wie diese, vor denen ich am Meisten Angst habe.

Und der Entwurfsordner auf der Festplatte wird größer und größer und ich beginne sogar schon, sie in Kategorien einzuteilen. Manchmal lese ich sie noch einmal und erkenne die Intention, doch allein mir fehlt die Kunst, alte Gedanken aufzugreifen. Diese Entwürfe sind für die Ewigkeit, sind nicht mehr ich. Ich habe mich von ihnen abgewandt, bin aus ihnen entstanden, habe sie als mein Fundament.

Flüchte mich in Gedanken an. Liebe. Und Schmerz. Aber vielleicht stimmt es wirklich. Man kann es nicht erzwingen, muss darauf warten und hoffen und wünschen. Vergessen sollte man darauf aber auch nicht. Denn sonst besteht die große Gefahr, auf ewig in der Metaebene stecken zu bleiben.

Zur falschen Zeit. [8]

Mein(e) See(le). 02122010

I

Und weißt du noch, wie wir hier lagen, unsere Hände hielten, Kopf an Kopf, wir alle, und irgendwann stimmte einer von uns „Wonderwall“ an und plötzlich begannen alle Strahlen unserer Menschensonne mitzusingen.
Mhm.
Das war ein magischer Moment. Etwas ganz Besonderes. Etwas für ewig.
Hm.
Oder wie wir mit Wein dasaßen und uns gemeinsam den Sonnenuntergang ansahen. Und später mit am Boden verteilten Kerzen diesen Platz noch so viel schöner machten?
Mhm.
Und als wir einfach mal die Schule schwänzten, uns eine Zuckermelone und Parmaschinken kauften und von frühmorgens bis spät nachts einfach nur wir waren?
Ja. Ja. Ich erinnere mich.

II

Wir müssen irgendwohin. Raus hier, raus aus der Stadt, aus dem Alltag, der mich fast täglich dazu verführen will, mal so richtig zu kotzen.
Mhm.
Wohin? Egal. Hauptsache raus hier.
Ich hab‘ gar nicht gefragt „Wohin?“.
Egal. Einfach nur weg. Weil-…
Egal.
Nein, nein. Nicht egal. Weil es uns wohl beide gut tun würde.
Das kann sein.
Mhm, kann sein.

III

Und jetzt liegen wir ja doch nur hier.
Und trinken Wein.
Und sehen fern.
Und surfen so rum.
Und zählen auf.
Und hoffen auf Veränderung.
Und können sie kaum erwarten.
Faules Pack, wir.
Oh ja.

IV

Hm?
Komm. Zieh dir die Schuhe an. Hier ist dein Schal.
Was?
Wir gehen jetzt spazieren.
Warum?
Wir müssen raus hier. Egal wohin.
Na gut.
Beeil dich.
Uns läuft ja nichts davon.
Stimmt auch wieder. Aber-…
Aber?
Ich habe genug von hier.

V

Es ist schön hier.
Mhm. Selbst jetzt.
Gerade jetzt. Mit all dem Schnee und keiner Menschenseele.
Mhm.
Weißt du-…
Hm?
Weißt du, was wir nie vergessen dürfen?
Nein.
Die Gegenwart.
Die Gegenwart.
Ich schwelge in Erinnerungen.
Und ich träume vor mich hin.
Wir müssen endlich mal ankommen.
Im Hier.
Mhm.