Am Ende des Weges.


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Und am Ende des Weges werden wir uns wiedersehen. Werden uns gegenüberstehen, uns in die Arme fallen. Werden nicht fassen, wie lange wir nur ohne uns leben konnten. Werden verstehen, was es heißt, jemanden aufzugeben und werden erklären müssen, wie all das gekommen ist. Werden uns erinnern, ob wir uns jemals vergessen haben und werden weinen, weil die Wahrheit so schmerzhaft ist. Am Ende des Weges wird ein Lächeln unser Gesicht zieren, und unsere Hände werden ineinander fließen, als wären du und ich … als wären wir eins. Wären niemals allein, niemals in Angst gewesen. Werden von uns erzählen, tausende Stunden, von Dingen, die nur uns interessieren. Werden uns verlieren in den Geschichten, in der Vergangenheit dieser Surrealität. Und am Ende des Weges werden Umarmungen nicht reichen, werden Berührungen nicht zählen, denn erst hier haben wir die Möglichkeit, allem ein Ende zu geben. Denn am Ende des Weges wird sich Neues ergeben, für uns beide, für uns alle und in Wahrheit ist das Ende ja auch nur eine Rastplatz. Und so lange wir leben, werden uns tausende Wege begegnen, deren Ende wir erhoffen, und dessen Anfängen wir uns wehren. Doch Zeit unsres Lebens werden wir eines nicht tun. Am Ende des Weges jemals Halt zu machen.

Graustufen.

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„Sie ist weg.“ Er blickt gen Boden, in Richtung des holprigen und harten Stück Erde, dass ihm Halt zu bieten versucht. „Einfach weg. Ich … ich … ach, verdammt!“ Er verstummt. Es ist ein herber Windstoß, der ihm die Luft aus den Segeln nimmt; der ihn ganz offensichtlich zumindest innerlich zusammensinken lässt. In sich zusammen, viel kleiner, als er in Wahrheit ist. „Wir haben uns doch immer gesagt …wir haben doch gemeint, dass es kein Ende für uns geben werde, nicht wahr? Dass wir alle Widrigkeiten schaffen, alle Träume gemeinsam, alle Nächte zu zweit erleben werden, weißt du?“ Seine Stimme verblasst, verwelktes und vom Regen der vergangenen Tage aufgeweichtes Laub klebt vor seinen Füßen am Boden. „Es ist.“ Er schluckt, um dieses Ding in seinem Hals, dass ihm immer wieder dazu zwingt, die Stimmbänder etwas mehr zu belasten, einfach hinunter zu pressen. „Ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Wir beide, sie und ich, wir waren das Traumpaar. Zumindest hielten wir uns, mit fester Überzeugung, für genau eben dieses. Niemand konnte uns etwas anhaben. Niemand konnte auch nur im Entferntesten erahnen, womit man es hier zu tun hatte.“ Er greift nach dem dünnen Stamm eines kleinen, winterbedingt bereits erkahlten Baumes, hält sich fest und lehnt den Kopf an. Die trostlose Umgebung, die Welt, auf der er nun alleine wandeln muss, gibt alle seine Gedanken wunderbar wieder. Diese Tristesse, diese Farblosigkeit. So muss die Welt von nun an immer aussehen. Nur so kann er sich eine Welt ohne ihr vorstellen. Wie konnte sie nur. Warum hat sie nur. „Sterben, verstehst du? Damit konnte man nicht rechnen, oder? Ach, verdammt.“ Er ist angekommen, in der Realität. In der Erkenntnis. Am Ende des Regenbogens. In einer Welt voll Graustufen.

Irrsinn.

Halt. Ihr müsst mich nicht verstehen. „Zugestiegen?“ – „Hier, bitte.“ Der Schaffner. Ein weiteres Mal und ich krame in meiner Tasche nach Lektüre, nach Unterhaltung, nach irgendeiner Form der Ablenkung. Ein Notizblock. Und da … ein Kugelschreiber. Ich beginne zu kritzeln, male kleine Formen darauf, schreibe Worte, kratze Gedankenblasen in das Papier. Manche würden es als Kunst bezeichnen, für mich ist es ein Abbild meines inneren Chaos. Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein verrückter, vereinsamter Freak. Nein, wirklich nicht. Aber ich kenne mich und es ist nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert.

Nicht in dieser Form, natürlich nicht. Aber es gibt gravierende Ähnlichkeiten. Und ich ärgere mich ganz einfach darüber, dass ich nichts daraus gelernt habe. Ich bin einfach der Typ für dieses „Hals über Kopf“, für dieses „Auf den ersten Blick“. Ich bin dieser verträumte, hoffende Typ, der auch schon mal zwei Jahre einem Mädchen hinterherläuft, dass in Wahrheit nichts von einem will. Und dabei würde es doch soviel einfacher gehen. Nur, in Sachen Liebe nehme ich nur sehr ungern diesen Weg der Einfachheit. Wenn, dann kompliziert … und dann natürlich auch wenig zielführend.

Die Stationen ziehen vorbei, der Zug leert sich schön langsam. Nicht mehr lange, und ich stehe wieder am Bahnsteig, an dem meine Geschichte begann. In diesem Dorf, dessen einziger Vorteil es ist, dass es nahe an einem See liegt und man auch einfach mit dem Zug woanders hinfahren kann. Ein Ort, der aufgrund fehlender Relevanz vor allem eines ist: ein Paradies für alte Menschen. Grausam, an genau so einem Ort aufzuwachsen. Aber im Grunde habe ich die bisherige Hälfte meines Lebens in der Nachbarstadt, an genau jenem See verbracht. Mein Dorf ist so etwas wie die Vorstädte aus den amerikanischen Filmen. Nur hatten wir keine großen Gärten mit radfahrenden Kindern, keine Briefkästen am Gehweg, keinen Zeitungsjungen und keine weitläufigen Straßen, die zum Fußballspielen oder Rollschuhhockey einluden. „Wunderbare Jahre“, wie die Serie über damals, konnte man hier nur mit sehr viel Willenskraft und Optimismus hinter sich bringen. Aber ich übertreibe wahrscheinlich. Zumindest kann ich behaupten, dass ich, seit ich 13 war, begann, mich in Wien zu verlieben. Diese Gegensätze: hier ein paar Tausend Einwohner, dort die Millionen. Hier die gähnende Leere, dort das pulsierende Leben und die unglaublichen Möglichkeiten. Und während andere noch nicht wussten, was sie nach ihrem Abschluss machen möchten, hatte ich schon jahrelang einen Plan für mich festgelegt. Und genau den habe ich diese Woche angetreten.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 3 „Kennenlernen“]

Tell you the story of who I am. [14]

„Du kennst mich nicht.“

Ich habe gelogen. In Wahrheit kennst du mich viel besser als alle anderen hier. So viele Zeit hast du mit mir verbracht, hast mir zugehört, als die Welt um mich herum einzustürzen drohte. Du hast mir die Hand gehalten, bist neben mir gesessen, als Tränen der einzige Weg waren, um mich vor dem unbändigen Schmerz zu beschützen. Du hast immer die richtigen Worte gefunden, hast deinen Arm um mich gelegt und unzählige Stunden damit zugebracht, einfach nur für mich da zu sein.

Du hast mich kennengelernt, mit all meinen Träumen. Hast sie niemals belächelt, sondern mich angespornt. Hast mir Mut gemacht und angestupst, wenn ich mich selbst nur zu gerne in Zweifeln zu verlieren sah. Und mit all meinen Makeln, die ich lange Zeit vergeblich vor dir zu verbergen versuchte. Du hast dich mit mir beschäftigt, hast mir gezeigt, dass es so vieles mehr gibt. Und dass niemand perfekt zu sein braucht. Denn erst diese Makel schaffen es, aus mir einen einzigartigen Menschen werden zu lassen.

Du bist mit mir wach geblieben, als mich der Schlaf nicht einholen wollte. Hast mit mir geredet, über Dinge, die ich nur selten als Gesprächsthema wähle. Hast nicht in Wunden gestochert, sondern mir endlich mal die Möglichkeit gegeben, es auszusprechen. Das Furchtbare, das Erdrückende mir von der Seele zu reden. Du hast es geschafft, dass ich mich weiterentwickle, dass ich beginne, mich selbst zu akzeptieren.

Ich habe mich dir geöffnet, habe mich verletzbar gemacht. Habe begonnen, dich zu lieben, dir zu vertrauen, dir nah zu sein. Habe mich schließlich auch abhängig gemacht.

„Du kennst mich nicht.“, wiederhole ich.

Und lüge. Denn in Wahrheit kennt mich niemand so wie du. Und vielleicht macht mir das am meisten Angst. Denn was, wenn du plötzlich nicht mehr da wärst? Wenn unsere Wege sich irgendwann trennen, wenn unsere Liebe sich in entgegengesetzte Richtungen entwickeln? Du kennst mich wie niemand anderer. Und liebst mich trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. So etwas wie dich gibt es nicht so oft.

Und du. Und ich. [13]

„Liebst du mich?“
Diese eine Frage
Diese drei Worte
Und du. Und ich.

„Nein.“
Eine Antwort
Ein Faustschlag
Und du. Und ich.

„Ich brauche dich.“
Die Wahrheit
So ehrlich
Und du. Und ich.

„Ich kann es nicht.“
Das Aufgeben
Die Resignation
Und du. Und ich.

„Lassen wir es sein.“
Die Kapitulation
Der Abschied.
Und du. Und ich.

„Wir scheitern.“
Das Ende
Von du. Und ich.
Das Ende
Von uns.

Zu hoch gepokert. [12]

Kartenpech. 05122010

Irgendwo zwischen hier und jetzt sind wir angekommen. Haben Wochen, haben Monate hinter uns, die anders verlaufen sind, als wir es uns wünschten. Es wurden Träume geboren, und kurze Zeit später wieder eingerissen. Wir waren naiv, und glaubten an das Gute in uns beiden. Doch in Wahrheit sind wir nicht dazu im Stande, die Wahrheit zu erkennen. Wir fürchten uns davor, und doch haben wir sie uns eingestanden. Es hat nicht funktioniert.

Diese eine Nacht hätte nicht sein sollen und war doch. War eine Ausgeburt der Unbedachtheit, ein Präambel auf das Scheitern, ein Ziegelstein am Schotterweg. Weil es so wunderbar einfach war, so rastlos undurchdacht, so fern aber der Realität. Wir haben es verspielt und stehen nun selbst vor den Trümmern unserer Fehler.

Du hättest es mir nicht sagen müssen, hättest ruhig lügen können. Ich hätte es am Liebsten nicht gehört, aber du stehst ja so auf Ehrlichkeit und auf ausgesprochene Worte. Als wäre das, was du mir gibst, und das, was nicht, nicht schon genug, nein. Du musst es mir vor den Kopf knallen, nachdem du wenige Tage zuvor, mitten in der Nacht und leicht angeheitert, mit Fingernägeln deine Traumschlösser in Styropor kratztest.

Schon damals hast du mir Angst gemacht. Hast mich glauben lassen, dass all das ein großer Fehler sei. Aber ich wollte es nicht sehen und glaubte ja doch an das Gute im Menschen. Oder zumindest das Gute in dir. Weißt du, du hast mich enttäuscht. Auch wenn du glaubst, dass damit schon alles gesagt sei, und dass es jetzt gut sei, dass man sich nicht mehr anruft und einfach nicht mehr sieht. Das ist es nicht. Weißt du nicht mehr, welche Freundschaft wir hatten?

Sie ging über vieles hinaus und du hast oft Dinge gewusst, du nur wir zwei uns teilten. Wir haben Abende und Nächte bei Grey’s Anatomy und CSI New York verbracht. Haben uns Pizzas bestellt und waren einfach nur am leben. Und das alles haben wir mit dieser einen Nacht zerstört. Haben unsere Träume, die weniger dumm und vielleicht auch weniger durchdacht waren als deine Styroporkunstwerke, aufs Spiel gesetzt, damit wir diesen einen Tag lang glücklich waren. Oder zumindest glaubten, es zu sein.

Und ich kann deine Stimme am Telefon schon kaum mehr hören. Weil du nicht klüger wirst, und immer und immer wieder in dieses eine, scharfe Messer läufst, dass dir Menschen, die du liebgewonnen hast, auf dich gerichtet haben. Immer und immer wieder erzählst du davon und ich möchte dich anschreien und dir sagen, wie dumm doch das Ganze ist und es wohl alles nur schlimmer machen wird. Aber du würdest es nicht verstehen. Hast es die vergangenen Wochen, Monate nicht verstanden.

Und wenn wir schon dem Scheitern so nahe sind, lass uns nicht umkehren. Wir würden uns verlieren, aber über kurz oder lang haben wir das sowieso schon. Wir haben zu viel aufs Spiel gesetzt, haben zu hoch gepokert. Wir sollten aufhören, Spiele zu spielen, wenn wir die Spielregeln nicht kennen, okay?