Hinein ins Ungewisse, in die Stille der Nacht, in das schwarze Nichts. [13]

Wohin? 12122010

Als du zum ersten Mal diesen Raum betrittst, ist es plötzlich still. Nur kurz, nicht merklich. Deine Haare fallen dir etwas ungestüm ins Gesicht und deine Augen kreisen umher, auf der hilflosen Suche nach bekannten Gesichtern. Du siehst etwas verloren aus, als du dir einen Becher schnappst und ihn mit Bowle befüllstt. Sekundenlang hältst du dir den Becher an die Lippen, die Augen schweifen durch den Raum. Und für den kurzen Moment haben sich auch unsere Blicke getroffen und ein kleines Lächeln ist über meine Lippen gehuscht. Deine Augen. Die so viele Geschichten zu erzählen wissen, welche ich erst später erfahre.

Schon jetzt möchte ich aufspringen, von dieser Couch, zu dir hingehen und uns beide in wilden, hemmungslosen Smalltalk stürzen. Aber natürlich bin ich zu feige. Du machst dich auf den Weg, zwischen an all den Partygästen, wanderst du durch den Raum. Kommst an denen vorbei, die mal wieder etwas zu viel von allem erwischt haben, vorbei am Kuchen, den einer der Gäste dem Einladenden mitbrachte. Und irgendwann kommst du auch in meine Nähe. Du blickst mich wieder an, (du hast wunderschöne Augen) und fragst: „Ist hier noch frei?“ Ich nicke.

„Ich…, ich bin neu hier.“, stolpern die ersten Worte aus dir heraus. „Und in Wahrheit kenne ich ihn ja gar nicht. Er hat mich nur einmal angesprochen, während einer Vorlesung, die wir gemeinsam belegen.“ Ich grinse. „Und du? Kennst du ihn besser?“ – „Nicht wirklich. Ich bin wohl so etwas wie der Freund eines Freundes von ihm.“ Du lächelst. Zwei Menschen, gemeinsam auf einer Party voll unbekannter Menschen.

„Und wie gefällt es dir bisher?“
– „Es ist-…“
„Gewöhnungsbedürftig?“
– „Mhm.“
„Das ist ganz normal. Ich hatte auch große Träume und musste dann erst Mal mit der Realität hier zurecht kommen.“

Deine Lippen schon wieder am Becher abgelegt, mit deinen Augen meinen Worten folgend, hoffst du auf eine Fortsetzung.

„Aber das legt sich. Das dauert nicht so lange.“

Ich lüge dich an, und hoffe, dass es zumindest für diesen Moment nicht auffliegt. Immer mehr Leute kommen auf diese Party, und als das Geburtstagskind den Raum betritt, hat irgendjemand die Kerzen auf dem Kuchen angezündet, die Meute beginnt zu singen. Während all das passiert, sind wir beide schon längst woanders.

Sitzen am Balkon, teilen uns eine Zigarette und blicken gen Himmel. Erzählen uns von unseren Erlebnissen und unseren Träumen, von Freude und Leid, von unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Völlig unkompliziert fallen wir von einem Gesprächsthema ins nächste. Ich liebe es, deiner Stimme zuzuhören, so sanft und einfühlsam. „Ich muss dir meine liebsten Plätze hier zeigen.“ Du nickst. „Ich bin mir sicher, die werden dir gefallen.“

Und während drinnen die Party brav weitergeht, wir unsere Becher auf einem der vielen Tische abgestellt haben und uns noch eine Flasche Wein stibitzt haben, schleichen wir uns raus aus dem Haus. Ziehen uns Jacke und Schuhe erst draußen an, lachen und fallen fast, als wir versuchen, so still wie möglich abzuhauen. Und gehen los. Hinein ins Ungewisse, in die Stille der Nacht, in das schwarze Nichts.

Du zitterst.

Zigarette

Als sich die Nacht um uns verdichtet, deuten nur mehr die glühenden Spitzen unserer Zigaretten unseren Standort an. Jedes Mal, wenn du an ihr ziehst, kann ich dein Gesicht betrachten, nur für einen kurzen Moment. Du zitterst.

Ich würde mich ganz nah zu dir stellen. Würde dich umarmen, mit meinen Armen an deinem Rücken dir Wärme schenken, würde dir durch unsere Umschlungenheit all meine übermäßige Wärme abgeben. Nur damit du endlich zu zittern aufhörst. Und du könntest dich an mich kuscheln, könntest mir mit deinen Händen durch meine Haare streichen. Und mir deine Gedanken, all deine Gedanken ins Ohr flüstern.

Mein nächster Zug erhellt nun mein eigenes Gesicht. Du siehst mich an. Deiner sonst überschwänglichenFröhlichkeit sind Angst, Stille und Dunkelheit nachgefolgt. Nicht einmal deine Hand kann ich halten.

Wir sind uns noch viel zu fern. Obwohl ich mich dir so oft so nahe fühle.

… [Ein Dialog]

I

Manchmal möchte man auch einfach nur still daliegen.
Hm?
Still daliegen. Und einfach mal nichts sagen.
Stimmt.
Aber vor genau so etwas haben so viele Menschen Angst.
Mhm.
Sie haben Angst vor der Stille.
Die Stille, so verrückt es klingt, macht einen ganz unruhig.
Und wibbelig.
Mhm. 
Aber manchmal tut es gut.

II

Woran mag das liegen?
Was?
Dass so viele Menschen nicht einfach mal schweigen können.
Weil … hm. Weil man Angst hat, dass irgendetwas Unausgesprochenes zwischen sich selbst und dem Anderen steht.
Mhm.
Wahrscheinlich ist das auch oft so.
Stimmt.

III

Ich kann das nur mit ganz wenigen Menschen.
Mhm. Ich auch.
Dabei gibt es ja kaum etwas Schöneres.
Wenn man in einer Frühlingswiese liegt, die Wolken betrachtet und einfach mal still ist.
Kommt es dir auch oft so vor, als liegt in diesen Momenten vollkommener Stille mehr Verständnis, mehr Kommunikation, als in all den Gesprächen. 
Mhm.
Eigentlich genial, so etwas.
Du?
Hm?
Wohin gehen wir eigentlich?
Ach, lass‘ dich doch überraschen.
Es ist schon dunkel.
Mhm.
Ich kenne den Weg hier nicht.
Frage einfach nicht. 

IV

Warte einen Moment.
Wieso?
Ich möchte eine rauchen.
Ach komm.
Hm.
Du hast später noch genug Zeit dafür.
Wie lange gehen wir denn noch?
Gleich. 
Hm?
Wir sind gleich da.

V

Komm. Setz‘ dich hin.
Wo sind wir hier?
Das ist doch egal. Setz‘ dich. 
Und was machen wir hier?
Still sein.

So. Jetzt kannst du eine rauchen.
 



 

Allein‘ unter einem Baum. So mächtig, so frei.

Ein Lächeln. Der Baum steht schon lange hier. Als ich ein kleines Kind war, wuchs der Baum schon seinen zweiundzwanzigsten oder dreiundzwanzigsten Meter empor. Und je älter und größer ich wurde, desto mächtiger wurde auch dieser Baum. Nie habe ich mich getraut, auf ihn zu klettern. Möglicherweise bedingt durch die Akrophobie, aber wahrscheinlich aus purer Ehrfurcht. Die Macht eines Baumes hat mich schon immer beeindruckt. Unaufhaltsam emporwachsend, allen Widrigkeiten standhaltend, still und leise.

Ich liege darunter, die Sonne scheint. Die Strahlen die durch die tausenden Blätter einen Weg hindurchfinden, lassen auf meinem Körper eine Zeichnung entstehen. Das Schwarz und das Weiß, der Kontrast, der ewig uns in Atem hält. Die Stille und das Rauschen des Baches, der Gedankenfluss und seit langer Zeit wieder einmal das Gefühl vollkommener Befreitheit. Frei von aller Last. Zwar immer noch manchmal in Gedanken an die eine oder andere Person, aber nicht mehr vorwurfsvoll, rein erinnerungstechnisch interessant. Aber diese Freiheit, dieses Gefühl vollkommener Unbekümmertheit trotz aller Probleme, zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht.

Den Arm abgewinkelt, meinen Kopf darauf abgelegt. Diese Stille. Diese einzigartige Stille und die unzähligen Fragen in meinem Kopf. Und kein einziger Versuch, nach Antworten zu suchen. Manchmal ist es einfach besser, Fragen im Raum stehen zu lassen. Man muss nicht aus allem lernen und man muss nicht alles wissen. Manchmal reicht es auch einfach, unter einem Baum zu liegen und die Sonne zu genießen. An Tagen wie diesen, alleine, in stiller Einsamkeit und mit einem glücklichen Gemüt. Der Versuch, den Blue Sky Blues zu summen, und wartend auf den Regen und die Kälte und Zeit, an dem ich die Decke nehme und zurück ins Haus gehe. Um der Stille zu entfliehen und um mich selbst zu finden. An einem Ort, wo ich mich am Wenigsten erwartet hätte.

Nicht Ewig.

Nein, für immer ist nicht ewig.

Ich habe mich gut gefühlt, als ich dir das Päckchen übergab. Als du es auspacktest, warst du in keinster Weise überrascht. Es hat dich gefreut und ich fühlte mich wohl dabei. Ich habe dir an diesem einen Tag meine Liebe geschenkt. Zum ersten Mal spürte auch ich diese Liebe. Du hast sie mir ebenso geschenkt. Wir fühlten uns wohl an diesem Tag. Und auch all das Darauffolgende war so wunderbar einzigartig, dass Worte nichts auch nur annähernd beschreiben können.

Jetzt ist es vorbei. Schon seit beinahe einem Jahr. Als auch ich einsah, dass eine Zukunft aussichtlos ist und dass du mir nur mehr weiter weh tun würdest, ohne es wirklich zu bemerken. Ich habe den Schlussstrich gezogen, den Schlussstrich in meinem Kopf. Irgendwann hat mich dann mein Herz wieder überwältigt, hat mir gezeigt, dass Gefühle zumindest bei mir nicht so schnell verschwinden. Ich habe gehofft und gewartet und konnte die Gefühle nicht abstellen. Ich habe gehofft, dass du einsiehst, dass du einen großen Fehler gemacht hast. Das alles nach mir nur einen Bruchteil von dem sein kann, was ich dir zu geben bereit war. Doch du warst blind und taub, wolltest dein Leben und dieses sah mich eben nicht mehr vor.

Glaubst du, ich wär jetzt über dich hinweg? Ich weiß es nicht. Ich wünschte es mir, es sei so. Doch jedes Mal, fast täglich, tauchst du wieder auf. In meinen Gedanken, in all den Texten, wenn ich mich mal random durch die Neon Wilderness tauche. Du bist nicht weg. Nicht vollkommen. Irgendwie bist du immer noch. Auch wenn die Schneekugel mit unserem Bild, uns beiden, schon lange nicht mehr geschüttelt wurde. Am Ende der Liebe. Bleibt ein kleines Hoffen. Doch die Hoffnung soll sterben. Sie tut weh. Es kann nicht mehr so werden, wie es war. Und so wie ich dich kenne, und ich wage es kaum, zu behaupten, dass ich dich jemals wirklcih gekannt habe, soll es auch nicht mehr so werden. Nichts soll mehr so sein. Nicht soll für dich sein, wenn ich ein Teil davon bin.

Nach all diesen Tagen und Monaten, nach all diesen Vorkömmnissen und Veränderungen in meinem Leben, habe ich es nicht verlernt, ungerecht zu sein. Doch was ist schon Recht und Unrecht. Warum sollte ich Acht geben auf irgendetwas, was mit dir zu tun hat. Du hast mich beinahe gebrochen, damals, Ende Februar. Hast mir geschworen, alles zu geben, um es nicht mehr so weit kommen zu lassen. Und ließest dich wieder gehen und alles war so, wie ich es schon wieder befürchtete. Du hast uns keine Chance gegeben, und dafür würde ich dich gerne hassen. Wenn ich nur könnte. Schon alleine der Versuch lässt mich wieder ruhig werden und ich bemerke, dass noch nichts vorbei ist. Du glaubst, dass mit dem Kontaktabbruch alles getan ist, aber Herrgott, das ist es nicht. Ich brauche Worte und brauche dein Gesicht. Ich muss dir erzählen, was in meinem Leben vorgeht, und in meinem Kopf. Ich muss dir sagen, dass die Gedanken omnipräsent sind, aber du mich nicht mal mehr als normalen Freund verdient hast. Ich möchte dir so viele Dinge ins Gesicht sagen und irgendwann wird der Tag kommen. Der Moment, an dem meine Welt zusammenbricht, und ich den entscheidenden Ziegel herausziehe. Du entkommst mir nicht. Nicht ewig.

Irgendwann werden wir noch sprechen.

Damals. Nackt.

Es waren nur Sekunden.

Wir haben uns berührt, an allen möglichen Stellen unserer Körper. Haben die Finger des Anderen über die eigene Haut streicheln fühlen können. Manchmal habe ich auch die Luft angehalten, nur um deinen Atem alleine in dieser vollkommenen Stille zu hören. Habe dein Gesicht beobachtet und die Nähe gespürt. Habe gefühlt, wie sanft sich unsere Nähe heranschmiegt. Bis sich unsere nackten Körper langsam berühren. Und wir verharrten so für Sekunden, ganz ruhig und still. Dieser eine Moment, an diesem einen Moment spürte ich mich zum ersten Mal „ganz“. Ich fühlte mich glücklich und nichts hätte mich und hat mich bisher glücklicher gemacht. Es ist traurig, dass sich das größte Glück, welches ich für mich empfinden konnte, mit dieser einen Berührung, mit dieser Nähe zu dir verbinde. Die Nähe ist weg und selbst aus der Ferne haben wir uns nichts mehr zu sagen.

Wir haben uns berüht, an allen möglichen Stellen unserer Körper. Haben uns beide auf den Rücken gedreht und an die Decke des Zimmers geblickt. Leichter Schweiß bildete sich auf unseren Körpern und die Hände wurden warm. Wir spielten uns mit unseren Fingern, strichen uns langsam über über die Arme. Damals. Nackt. Die Stille hat sich an uns gewöhnt. Nichts zu sagen hatten wir uns und kein Wort wäre auch angemessen gewesen. Nur die Stille konnte überzeugen und irgendwann gewöhnte sie sich auch daran. Wir hatten nur uns und waren die glücklichsten Menschen der Welt. Hatten uns und die Welt nur sich selbst.

Wir haben uns berührt, an allen möglichen Stellen unserer Körper. Haben gewartet, bis die Nacht sich mit der Dunkelheit vertraut gemacht hatte. Unsere Lippen berührten sich und unsere nackten Körper verharrten. Es war diese Zeit. Als wir uns hatten und uns langsam berührten. Als du bei mir Gänsehaut erzeugtest und ich bei dir. Ich habe dich nicht mehr gesehen. Die kurzen Treffen empfinde ich nicht. Sie waren nicht, denn ich hatte nichts von dir. Habe keinen Satz sagen können, welchen ich mir Wochen vorher vorbereitet hatte. Hatte nie die Möglichkeit, deine Hand zu berühren. Einfach nur, um sicher zu gehen, dass die Zeit vorüber ist. Ich habe dich nicht mehr gesehen. Wir haben uns berührt.

Und jetzt trennt uns. Es waren nur Sekunden.