Liebesgedicht.

Und in der Liebe, sagt man, ist alles wahr
all die Gefühle und all diese Schmerzen
des Vermissens, aus tiefstem Herzen
Für dich. Und ohne die Gefahr
Des sich Verlierens. Allein. In dir.

All die Berührungen, die Küsse und all die Wärme
die mich verzaubern, die mir Gänsehaut erzeugen.
Sie treiben mich fort, ganz sanft, lassen mich los
Und machen mich sprachlos, seit so vielen Tagen.

Du hast mir so viel Liebe geschenkt,
hast mir gezeigt, was es bedeutet, dein zu sein.
Ohne mich dabei zu verlieren. Und auch kein
anderer kann je vermuten, was man denkt
wenn man so sehr liebt.

Wir träumen, wir warten und zählen die Stunden
überbrücken die Ferne, die uns immer noch trennt.
Um uns nah zu sein, um uns neu zu erkunden
wie man es bisher von niemandem kennt.

Ich liebe dich.

Momente.

Auch wenn Magazine wie NEON beinahe in jeder zweiten Ausgabe schreiben, dass eine Freundschaft zwischen Mädchen und Jungs zwangsläufig immer auf Liebe, entweder einseitig oder gar von beiden Seiten, hinausläuft. Es funktioniert. Aber vielleicht muss man den Weg mit der Liebe zumindest einmal versucht haben, um gestärkt daraus hervorzugehen und sich auf die Wahrhaftigkeit dieser Beziehung, dieser Verbundenheit zu konzentrieren. Immer noch streicht mir Sophie durch mein Haar, krault mir den Kopf, ich sehe sie an. Ihre Augen sind voll mit Erinnerungen, und erzählen vom Vermissen, vom Verlieben, vom Verlieren. Und als sie plötzlich lächelt, kann ich all die glücklichen Momente sehen, mit Schmetterlingen, mit Freunden, mit Liebe.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 5 „Steg“]

Kompliment.

„Es hat dich sicher verrückt gemacht, dass du meinen Namen nicht mehr erfahren hast, oder?“, fragt mich Emily, nachdem wir uns, sie beim Fenster und ich neben ihr, niedergelassen habe. „Ja. Das hat es.“ – „Tut mir Leid, ich habe mir auch die ganze Woche noch gedacht, dass es ja auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn ich quer durch den Waggon noch schnell meinen Namen geschrien hätte.“ Das hätte er nicht verdient, denke ich. „Das hätte er nicht verdient.“, sage ich und Emily lächelt mich an. „Wer? Der Waggon?“ – „Nein. Dein Name.“ Oh, ein Kompliment. Wie charmant ich doch in Momenten wie diesen sein kann.

Freunde.

Manchmal läuft die Musik zu laut, ein anderes Mal hört man die Musik vor lauter Geschnatter nicht mehr. Hier sind Freunde zusammengekommen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich nach der ersten Kreuzung im Leben nicht aus die Augen zu verlieren. Noch nicht. Und wie so viele andere Freundeskreise auch, glauben wir gar nicht daran, dass uns das jemals passieren würde.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 4 „Freunde“]

Schatten.

Weihnachten ist. Ja, was ist Weihnachten. Ich weiß es nicht. Und dieses Jahr scheint, das, was all die Jahre, seit ich mich erinnern kann und noch viele Jahre zuvor wahrscheinlich, ein Fixpunkt war, ein Ende zu nehmen.

Weihnachten hat sich entwickelt. Von den leuchtenden Kinderaugen, als die Schachteln, in der die Geschenke verpackt waren, noch das Interessanteste waren. Über das Geschenkemassaker, als die Wunschliste schon im Sommer feststand. Bis zu dem, was es bis zum letzen Jahr war: eine Zusammenkunft der Menschen, die ich liebe. Mit meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Oma, Tante, Onkel, Cousin, Cousine und deren Partnern. Das wird es dieses Jahr in dieser Form nicht geben.

Weihnachten hätte, wäre es nach meiner Mama gegangen, schon einmal ausgefallen. 2007, in dem Jahr, als unsere Familie den schmerzlichsten Verlust, den Tod eines Kindes verarbeiten musste. Ich habe darauf bestanden, so wie jedes Jahr zu feiern: bei meiner Oma, mit der Familie. Es war ein hartes Weihnachten, ein Weihnachten voller Tränen und Traurigkeit, aber doch etwas, das uns vielleicht noch viel weiter zusammengeschweißt hat.

Weihnachten soll dieses Jahr anders werden. Weil man manchmal nicht Manns genug ist, um über seinen eigenen Schatten zu springen. Um Kompromisse einzugehen. Um auf die Menschen, die man eigentlich lieben sollte, Rücksicht zu nehmen. Vielleicht ist man sich einfach gar nicht bewusst, was man hier aufs Spiel setzt. Was das für mich bedeutet. Für mich und meine ganze Familie.

Schatten können sich zu einem Teufelskreis entwickeln. Wenn man in ihnen gefangen ist, und die Angst hat, beim Überspringen sein Gesicht zu verlieren. Aber vielleicht muss man dieses eine Gesicht verlieren, um in Wirklichkeit das eigene Gesicht zu wahren. Ich habe nun schon überlegt, Weihnachten in diesem Jahr vollkommen ausfallen zu lassen, mich in die leere WG kilometerweit entfernt der Familie in eine Decke einzuwickeln und mit Popcorn und Chips einen traurigen Film anzusehen. Doch ich werde dabei sein. Werde Weihnachten feiern. Und vielleicht auf ein kleines Weihnachtswunder hoffen. Denn so unüberwindbar sind diese Schatten in Wahrheit gar nicht.

Halt.

Du weißt, ich denke viel zu gerne nach. Zerlege alle Erlebnisse, alle Ängste und alle Gefahren in ihre Einzelgedanken. Was, wenn irgendwann einmal unsere Liebe aufhört? Wenn uns der Zug nicht mehr reicht? Wenn wir uns noch näher kommen wollen, und zumindest von meiner Seite würde ich das gerne. Was, wenn irgendwann einmal etwas passiert, womit keine rechnen konnte? Liebe ist unberechenbar, ich glaube, das weißt du, Emily. Ich will dich nicht verlieren, aber irgendwie erscheint es mir, als würde ich dich bei jedem Abschied, bei jedem Halt in deiner Ausstiegsstelle ein weiteres Stück verlieren. Nur um ein weiteres Stück von dir wieder zu erhalten, wenn wir uns fünf oder zwei Tage später wieder sehen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 12 „Annäherung“]

Nichts.

„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

[Ein Beitrag von vor zwei Jahren.]

Woanders.

„Werden wir uns wiedersehen?“

Emily steigt aus. Dieselbe Station wie damals vor einigen Tagen. Nur bin ich dieses Mal um einen Namen und Tausend Schmetterlinge in meinen Bauch reicher. Sie winkt noch. Als wäre es ein Abschied von vielen, ein Wiedersehen vorbestimmt. Ich winke zurück, lächle. Und als der Zug abfährt, lasse ich mich zufrieden in meinen Sitz sinken. Das Abteil ist leer. Zwei Minuten zuvor war es noch die ganze Welt. Unsere Welt.

„Klar werden wir das.“

Seit der Zug seine behördliche Streckensperre überwunden hat, seit wir uns in diesem einen Zwischendurchgang umarmt, seit wir hier in diesem Abteil den Abschluss unserer Zugreise gefunden haben, scheinen die Minuten verfolgen zu sein. Das passiert mir immer. Je besser ich mich fühle, je mehr ich diesen Moment einfangen möchte, um ja genug davon in mich aufsaugen zu können, desto schneller verfließt die Zeit. Ach, Zeit. Du ungerechtes Arschloch.

„Doch wo? Auf einen Kaffee? In Wien?“

Als wir unseren Platz gefunden haben, ein leeres Abteil mit dem üblichen Müll aus Gratisschundblättern und leicht alkoholischem Gestank, setze ich mich zum Fenster, Emily nimmt den Platz neben mir. Und meine Hand. Unsere Finger verketten sich. Ich blicke sie an und ein Lächeln stößt mir entgegen. Wir beide. Emily und Noah. Verrückter können Geschichten nicht passieren. Nicht mit mir als Protagonist.

„Du, Noah?“

Ihr Kopf liegt auf meiner Schulter. Ein weiteres Mal. So zierlich ihr Kopf auch sein mag, er scheint auf mir zu lasten. Als würde ich die Welt auf mir tragen. Ein gutes Gefühl wohlgemerkt, aber doch mit einer gehörigen Prise Verantwortung. Jene Verantwortung, die ich wohl in meinem bisherigen Leben nur ganz selten zu tragen gewillt war.

„Hm?“

Ich atme, ganz ruhig. „Weißt du. Es ist sonderbar. All das ist sonderbar.“ – „Ssshh. Noah. Vielleicht ist es sonderbar, aber fühlt es sich nicht gut an?“ – „Das tut es, ja.“ Mit ihr an meiner Seite kann es sich nur gut anfühlen.

„Vielleicht sollten wir uns nicht woanders treffen.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]