Und ich hoffe, es geht dir gut.

Weißt du, manchmal denke ich noch darüber nach, wie es wäre, wenn wir es geschafft hätten. Wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Er war mir wichtig und ging mir monatelang nicht aus meinem Kopf. Und doch habe gerade ich die Verwirklichung eben dieses meinen Wunsches torpetiert. Mit jeder dummen Nachricht, die ich dir in diesen Social Communities geschickt habe. Mit jeder melanchotraurigen SMS, welche ich dir nächtens, um zwei oder drei in beinahe brennender Schlaflosigkeit gesendet habe. Mit all diesen Gedanken und den Gefühlen, denen ich viel zu lange viel zu viel Platz eingeräumt habe in meinem Leben. Ja, selbst heute denke ich noch manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn das Danach irgendwie anders verlaufen wäre. Wenn ich weniger Kind und dafür mehr Mensch gewesen wäre. 

Ich habe im Versuch, aus Liebe Freundschaft zu machen, vielleicht sogar aufgehört zu leben. Rein geistig. Ich schritt zwar körperlich weiter voran, und wechselte geografisch sogar meinen Wohnort. Aber im Gedanken blieb ich bei dir und hoffte manchmal auf eine mögliche noch aufkeimende Freundschaft, und leider viel zu oft auch noch auf möglicherweise noch nicht erloschene Liebesgefühle. 

Ich weiß nicht, ob ich dir zurecht nachgetrauert habe. Ob meine Stalking-Auswüchse gesunder Natur waren. Ich weiß einfach nur, dass die Zeit mit dir eine wundervolle und – trotz allem – erinnerungswürdige (und wahrscheinlich auch eine exquisit schöne) Zeit war. Ich hätte mit unserer Vergangenheit nicht spielen, mit meinen Gefühlen nicht jonglieren und mit meinen Worten nicht noch weiter Öl ins Feuer gießen sollen.

Ob ich nun für alle sprechen kann, wenn ich sage, dass es nicht möglich ist. Dass man nicht von einen Tag auf den anderen von Liebe auf Freundschaft umswitchen kann. Ich würde es auch gar nicht. Aus Liebe kann Freundschaft werden. Zwar bedeutet es viel (wirkliche) Arbeit und einen schönen Batzen Zeit. Aber es funktioniert. Ich weiß nicht, ob du es denn jemals versucht hast. Aber ich weiß zumindest, dass die wohl größte Schuld hier bei mir liegt.

Ich weiß. Du hasstest meinen Blog, du hasst ihn möglicherweise immer noch, aber du wirst ihn wahrscheinlich nicht mehr lesen. Ich verstehe dich. Warst du doch mehr als ein Jahr lang Vorlage für rund 90 Prozent meiner Texte über Liebe. Selbst ich würde mich im Nachhinein für all dies hassen, wäre ich denn in einem Zustand wie jetzt zu so etwas im Stande.

Mein Leben hat sich verändert. Von einem Moment auf den anderen. Es geschah. Irgendwann Anfang des Jahres. Völlig unscheinbar und anfangs nur spärlich bemerkbar veränderte ich meine Sicht der Dinge. Ich bin viel gesonnener, viel ruhiger. Und ja, erst seit diesem Datum, beinahe zwei Jahre nach unserer Trennung, kann ich mich mit einem Lächeln an unsere Zeit zurückerinnern. Erst seit diesen Tagen bin ich über dich hinweg. Vielleicht freut es dich, das zu hören.

Ich finde es traurig, dass es so lange hat dauern müssen. Dass so viel passsieren musste. Am Liebsten würde ich mich hiermit mit einem Schlag für alles entschuldigen. Aber dazu müsste ich mir selbst erst einmal verzeihen. Ja, hörst du es. Ich bin unfähig, mich selbst zu hassen. Aber ebenso unfähig, mir selbst zu verzeihen. Eine dieser Ungereimtheiten in meinem Leben, die dich damals oft den Kopf schütteln ließen. 

Ob ich denn jetzt noch Interesse an einer Freundschaft habe? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Womöglich, weil es mir auch jetzt gerade so überhaupt nicht in mein Leben passt. 

Seit einigen Monaten (und eben seit diesen ominösen Tagen zu Jahresbeginn) schwebe ich auf einer Welle. Bin mit mir selbst zufrieden, glaube an meine Träume, tauche in Optimismus, und fröhne dem Genuss. Nichts kann mich unterkriegen (selbst einige Selbstversuche zeigten glücklicherweise keine veränderte Wirkung). Man könnte einfach sagen: ich lebe. Womöglich zum ersten Mal seit ungefähr zwei Jahren. 

Es freut mich.  
Und ich hoffe, es geht dir gut.

Heut‘ Nacht. [Ein Gedicht]

Lass‘ mich
Dich spüren
Dich verführen
Jeden Abend.
Heut‘ Nacht.

Lass‘ mich
Atmen, lass mich
Warten
Für immer.
Heut‘ Nacht.

Lass‘ mich
Hoffen, lass mich
Lächeln.
Nur kurz.
Heut‘ Nacht.

Lass‘ mich
Flehen, lass mich
Gehen.
Auf ewig.
Heut‘ Nacht.

Lass‘ uns
Zeit. Für immer.
Für die Ewigkeit.
Lass‘ uns
Stehen. Irgendwo.
In der Unendlichkeit. 

Lass‘ es
Sein
Nur den Schein.
Bewahre.
Heut‘ Nacht.

Bild von whatmegsaid

Die Welt? Sie ist nicht verloren.

Manchmal fragt man sich, worum es hier eigentlich geht. Geboren werden, leben lassen, sterben. Nur den Tod bringt man völlig auf sich allein gestellt hin. Zu allem anderen ist man in irgendeiner Art und Weise auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. So sozial gefestigt ein Mensch auch in seinem Leben ist, so kann er nur, in seinem Körper gefangen, alleine sterben. Ein trauriger Gedanke.

Wir leben hier, sind eine dieser Generationen, die nach der Jahreszählung der katholischen Kirche ein neues Jahrtausend erleben durften. Wir durften Sonnenfinsternisse beobachten, wir erleben Jahrhundertfluten. Die ganze Welt spielt sich vor unseren Augen ab, und langsam nieselt es weiter auf das Autodach und wie das Tapsen riesiger Ameisen hallt das Geräusch im Fahrzeug wider. 

Wozu das Ganze? Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die globale Wirtschaft scheint zum ersten Mal seit 70 Jahren (und wahrscheinlich zum zweiten Mal ever) dem Ende nahe. Doch ich spüre nichts davon. Ich selbst, in egoistischer Sichtweise, bin nicht davon betroffen. Die Politik bewegt sich in die falsche Richtung, die Angst vor Anderen steigt. Schön langsam werden wir zu Krüppeln in dieser wunderschönen Welt. Wir verkümmern auf eigenen Wunsch und eigene Gefahr.

Doch jeden Tag wieder geht die Sonne auf und strahlt, seit gestern übrigens drei Minuten länger. Manchmal reicht auch nur ein Lächeln und ein Großteil der Sorgen ist verschwunden. Wir machen uns alle viel zu große Sorgen. Und kümmern uns, um von unseren eigenen Problem(ch)en abzulenken, um die Nichtigkeiten anderer. Wir sind Gaffer und fühlen uns manchmal sogar gut dabei. Und kommen nicht zu Ruhe, ohne unseren Wissenstand unsinnig erweitert zu haben.

Man sollte leben können. Sollte die Luft atmen. Sollte genießen. Die Stimmung, die Freunde, all die Lieben, die man um sich hat. Viele Menschen haben die Angst, irgendetwas zu verpassen und zerstören damit, innerhalb einiger Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben. Ihren Geist und manchmal auch ihren Körper. Geduld war noch nie unsere Tugend. Um das Schöne zu erleben, muss man es einfach schaffen, darauf warten zu können. Es kommt, klopft an die Tür, tritt ein und begrüßt dich. Und du weißt darum Bescheid.

Wir sind Genussmenschen und doch unfähig gebührend zu genießen. Wir streben nach Veränderung. Nur rasend geht die Welt zugrunde. Können wir uns nicht einfach mit dem zufrieden geben, was wir haben? Können wir es nicht erwarten? Das Leben, mit all seinen Hürden, seinen Tümpeln und mit all diesen sonnigen Alleen? 

Wir sind wahrscheinlich immer auf der Suche nach dieser bedingungslosen Liebe, durch die wir geboren wurden. Diese Liebe, die unendlich ist, dieses  Stück Utopie. Suchen das Leben danach ab, sehen in der Vergangenheit nach und träumen von morgen. Und irgendwann geben wir es endlich auf. Und sterben, allein. Das wird es wahrscheinlich sein. Ein weiterer trauriger Gedanke.

Warum das Ganze hier? Vielleicht ist es die Wut. Die Wut auf einen großen Teil der Menschheit. Misanthropische Gefühle? Wohl kaum. Doch manche Dinge sind für mich einfach unergründlich. Warum es manchen Menschen nicht gelingt, ganz einfach zu leben. Ich weiß auch nicht, auf welcher Welle ich schwimme. Aber ich kann mich an keinen Auslöser erinnern, so gut wie gar nichts hat sich in meinen Lebensumständen verändert. Einzig und allein meine Einstellung. 

„Das Leben? Es hat gerade erst begonnen.“

Sternschnuppennacht.

„Weißt du, dass ich jede einzelne Sekunde hier genieße.“
– „Mhm.“
„Es is einfach so schön hier.“
– „Und die Sonne. Wundervoll.“

Sie senkt sich gerade. Und taucht den Himmel in dieses Orange, für welches Abende zu dieser Jahreszeit schließlich bekannt sind. Die Campingsessel gebieten uns die nötige Gemütlichkeit für diese Uhrzeit. In dem einen Getränkehalter befindet sich diese Dose Bier, die nach der Mittagssonne sich wieder etwas abkühlt. Ich war noch nie der geborene Biertrinker. Und wenn ich schon nicht der Genussraucher bin, so kann ich mich zumindest als Genussbiertrinker bezeichnen. Nur liegt mein Problem vor allem darin, dass mein Bier (ob nun in Dose oder Flasche) nach mehr als zwei Stunden schon eher wie ein warmes Cervisia schmeckt. Dann ist schließlich der Genuss auch hin.

Im anderen Getränkehalter befindet sich, wie gewohnt, ein Päckchen Zigaretten. Lucky Strike, die Marke, mit der ich meinen Konsum begonnen habe. Vor ungefähr drei Jahren oder so. Schon wieder nuckle ich an einer der 20 Dinger, ziehe den Rauch in meine Lunge und lasse das Restgift aus meinem Mund entschwinden. Der Freund, der mir in diesem Ambiente beisteht, tut es mir gleich und so sitzen wir hier, trinken Bier, rauchen, und betrachten die Sonne beim Verschwinden.

„Wenn wieder einmal…“
– „Hm?“
„Wenn mal wieder eine Sternschnuppennacht ist…“
– „Mhm?“
„Dann suchen wir uns alle einen Platz. Und wünschen einfach drauf los.“

Einfach drauf loswünschen. Als hätte man nichts anderes zu tun. Nur den Platz, einen ganz besonderen, einen wunderschönen ruhigen Platz müssen wir uns noch suchen. Dürfen diese Nacht nicht verpassen. Aber ich habe keine Angst. Wir haben die letzten Tage genossen, habe unsre Leben gelebt, haben die Welt vorbeiziehen lassen. Es wird dunkel um uns herum, die Sonne ist verschwunden. Der Mond, hinter uns, schenkt noch einen dunkelgrauen Schimmer. Und die Sterne beginnen zu funkeln.

„Siehst du diesen Stern dort?“
– „Diesen Bunten?“
„Mhm.“
– „Den nenn‘ ich immer Diamantstern.“

Es gibt da wirklich einen Diamantstern. Er funkelt in allen Farben, wechselt von blau zu rot zu grün zu gelb. Faszinierend. Und während wir immer weiter uns in Gespräche vertiefen blicken wir zum Himmel hinauf. Und während der Tag beinahe zu Ende ist, erscheint am Himmel diese eine Sternschnuppe. Doch was wünscht man sich denn nun? Wenn man schon wunschlos glücklich ist.

Foto von jhoc

Wir werden nie enttäuscht werden.

Wir lassen uns gehen, lassen es uns gut gehen. Still und leise, auf holprigen Pfoten wandern wir den feuchten Boden entlang. Die Sonne hat schon aufgehört, ihr dumpfes Scheinen auf diesem Fleck der Erde zu offenbaren. Ich atme durch. Die zigarettenreichen, langen Abende und Nächte zuvor, seit dem Beginn dieser freien Tage haben leichte Spuren hinterlassen. Und doch bestärkt mich das Leben zurzeit in meiner Annahme, dass wahrscheinlich alles passieren könnte. Alles. Und wir würden nie enttäuscht werden. [Natürlich gibt es etwas, was mich vollkommen aus der Bahn werfen würde, aber von Tod einer nahestehenden Person möchte ich einfach nicht sprechen, geschweige denn auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden.]

Langsam wende ich mich einem meiner Freunde zu. Auch er lächelt und wir setzen uns auf eine der Bänke, die querfeldein überall möglichst unpassend platziert wurden. Was kann uns denn schon passieren. Wir lassen uns gehen. Lassen es uns gut gehen. Wir kennen den Genuss und wir wissen, wie man da Leben möglichst unkompliziert halten kann. 

Eine weitere Zigarette kommt zum angeregten Konsum der letzten Tage hinzu. Wir sprechen. Über Gott und die Welt und über das Leben. Über uns. Schwelgen in Erinnerungen, träumen von unseren Plänen und genießen die Welt hier. Ewig könnten wir hier sitzen bleiben, könnten die Nacht Nacht bleiben lassen und den Tag Tag. Für uns gibt es keine Zeit. Dieses Gefühl haben wir schon vor langer Zeit verloren.

Wir tapsen auf dem holprigen Untergrund des Ungewissen und atmen langsam die Luft des Unvorhersehbaren. Aber wir lieben die Herausforderung und lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind hungrig. Nach Neubeginn, nach Herausforderungen, nach neuen Ängsten. Und unser Hunger wird gestillt werden.

Und wir wissen.
Wir werden nie enttäuscht werden.

Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

Bangboombang. Da bin ich nun. Den Geschmack einer frisch verfaulten Ratte in meinem Mund, nachdem ich so früh am Morgen nur Kaffee und Zigaretten zu vertragen scheine. Und mit der nächsten Zigarette in der Hand stehe ich an der Bushaltestelle. Die Augen raffen sich heute noch nicht dazu auf, die Welt um mich zu betrachten. Der nächste Zug aber, als mir der Rauch der Zigarette auf frontalem Wege in die Nasenhöhlen kriecht und ich – wie jedes Mal – erschrecke, erblicke ich den schönen Tag um mir herum.

Okay. Was ist schon ein schöner Tag. Eigentlich lässt nur ein tolles Wetter darauf hoffen, dass es schön werden könnte. Die Sonne lächelt selbst an diesem frühen Vormittag ganz selbstbewusst zwischen den weißen Wolken hervor. Um wirklich etwas Einzigartiges aus diesen kommenden Stunden zu machen, bin ich selbst gefragt. Das wird hart.

Der Bus hält an, und schon jetzt steigen Unmengen an verbitterten Menschen aus. Irgendwann kann schließlich auch ich mich die drei Stufen hinaufzwängen. Es überrascht mich, dass ein Zweiersitz frei ist, und so lasse ich mich nieder. Und während ich meinen Kopf an die innen wie außen dreckige Glasscheibe lehnen möchte, stößt mir dieser Geruch in die Nase. Hat hier vor kurzem irgendwie hingepisst? Das gibt es doch nicht. Klar, das riecht genau so. Ich untersuche meinen Sitz und den Boden, doch es ist nichts zu sehen. Verdammt. Das kann ja noch etwas werden. Der Geruch verschwindet nicht, aber die fünf Stationen sind schnell vorüber.

Die Luft auf der anderen Seite des Busses, an der Außenwelt, ist dagegen schon wieder um einiges besser. Ich atme tief durch. Ein Glück, dass man hier nie lange mit dem Bus fahren muss. Einige Momente trete ich auf der Stelle, nach Orientierung ringend und zünde mir sogleich eine weitere Zigarette an. Was habe ich hier eigentlich vor? Und wie soll ich es nun bitte schaffen, aus diesem anfangs im wortwörtlichen Sinne bepissten Tag etwas Schönes zu machen?

Meine Beine führen mich die Einkaufsstraße entlang, vorbei an all den vollgestopften Boutiquen und diesen Menschenmassen, die scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit diese Straße säumen. Außer um 3 Uhr früh. Da ging ich schon mal nach Hause und diese Straße entlang und da waren wirklich nur ich und diese sechs Menschen auf diesen zwei Kilometern verteilt. Man darf in solchen Situationen Angst haben und auch gerne mal mehrmals die Straßenseite wechseln. Habe ich mir zumindest sagen lassen. Weil man sich ja sowieso in einer dunklen Nacht von allen Seiten verfolgt fühlt.

Als ich an einem Fußgängerübergang stehen bleibe, – die Ampel zeigt nur dieses ruhige rote Männchen – erkenne ichh plötzlich mein Forschungsinteresse für den heutigen Tag. Da drüben, da rüber. Da möchte ich hin. Die Autos auf der dreispurigen Straße halten, ich überquere, mit diesem kleinen Tick, so gut es geht nur die weißen Stellen des Zebrastreifens zu berühren, die Straße und stehe vor dem Park, der wohl schon heute morgen in meinen Gedanken aufgetaucht war. Jetzt, und das überrascht selbst mich, ist es schon beinahe Mittag. Scheinbar habe ich mir einige Zeit gelassen, als ich die Einkaufsstraße hinunterwanderte.  

Da ist er also nun, der Park. Das erste saftige Grün seit langem. Und da steht sie auch nun, meine Parkbank. Kein „Frisch gestrichen“-Schild, keine alten Menschen, die sie besetzen und dabei auch noch die unnötigen Tauben füttern. Ich lasse mich nieder und fühle mich mit einem Mal einerseits schwer und müde, aber andererseits ebenso lebensfroh. Genau das habe ich wahrscheinlich die ganze Zeit gesucht. Diese Natur, die mir zwischen all den Häuserschluchten und den brutal hingepflanzten Bäumchen so gefehlt hat. 

Ich könnte euch jetzt von hohen Häusern erzählen. Ich komme mir so oft so verdammt klein vor. One in more than a million. Zwischen all den Unmenschen hier. Irgendwann einmal möchte ich an einem wirklich hohen Haus anläuten und die Treppen hinaufsteigen. Ein Haus, mit einer Dachterasse. Und da raus möchte ich gehen, und hinunter blicken. Und dann wäre ich ganz groß und könnte auf all die Menschen sehen, die zwar noch nicht ameisengroß aber zumindest doch schon klitzeklein wären. Wie wäre wohl das Gefühl dabei. Und will ich das überhaupt?

Wäre es nicht gar zu schlimm, sich plötzlich unendlich groß zu fühlen? Hier in diesem Park lässt es sich leben, hier bin ich immer noch eine unter vielen. Und. Bangboombang. Ich hab‘ es wohl geschafft. Es könne nun kommen, was wolle. Die vierte Zigarette an diesem Tag lässt mich hineinsinken. Und weiter träumen. Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

Start living down here. [Ein Gedanke]

Gestern Nacht (von 0:25 Uhr bis ungefähr 2:30 Uhr) sah ich zum ersten Mal einen Film, den man eigentlich in meiner Generation schon längst hätte sehen müssen. 8 Mile [2002], das Filmdebut von Eminem, schlug ja damals unglaubliche Wellen. Und ich muss zugeben, dass es einige Lieder von Eminem gibt, die mir auch heute noch außergewöhnlich gut gefallen. Und er neben Tupac wahrscheinlich der einzige Rapper ist, den ich auch häufiger Mal hören kann.

Aber worauf ich eigentlich hinaus will. In einer Szene meint B. Rabbit:

[…] Do you ever wonder at what point you just got to say „Fuck it, man“ like when you gotta stop living up here and start living down here?

Fuck it, man sage ich ja grundsätzlich eher selten, aber den Gedanken finde ich schön. Wer gibt schon gerne den Sonnenplatz auf, und fängt dann fünf, sechs Stufen darunter, mitten im Regen, wieder an? Aber, so schrecklich der Rückschritt auf anmutet, so hat es trotzdem etwas Gutes. 

Selbst wenn man sich jetzt gerade wohlfühlt, aber den wahren, großen Traum in dieser Situation nie erfüllen kann, so sollte man den Schritt wagen. Der Rückschritt ermöglicht einen viel besseren Überblick, viel größere Möglichkeiten. Als würde man auf einem einsamen Weg stehen, und ein paar Kilometer zurückwandern, um doch eine andere Abzweigung zu nehmen.

So fühle ich mich gerade wieder einmal. A little bit spooky, aber doch auch irgendwie schön.

… [Ein Dialog]

I

Manchmal möchte man auch einfach nur still daliegen.
Hm?
Still daliegen. Und einfach mal nichts sagen.
Stimmt.
Aber vor genau so etwas haben so viele Menschen Angst.
Mhm.
Sie haben Angst vor der Stille.
Die Stille, so verrückt es klingt, macht einen ganz unruhig.
Und wibbelig.
Mhm. 
Aber manchmal tut es gut.

II

Woran mag das liegen?
Was?
Dass so viele Menschen nicht einfach mal schweigen können.
Weil … hm. Weil man Angst hat, dass irgendetwas Unausgesprochenes zwischen sich selbst und dem Anderen steht.
Mhm.
Wahrscheinlich ist das auch oft so.
Stimmt.

III

Ich kann das nur mit ganz wenigen Menschen.
Mhm. Ich auch.
Dabei gibt es ja kaum etwas Schöneres.
Wenn man in einer Frühlingswiese liegt, die Wolken betrachtet und einfach mal still ist.
Kommt es dir auch oft so vor, als liegt in diesen Momenten vollkommener Stille mehr Verständnis, mehr Kommunikation, als in all den Gesprächen. 
Mhm.
Eigentlich genial, so etwas.
Du?
Hm?
Wohin gehen wir eigentlich?
Ach, lass‘ dich doch überraschen.
Es ist schon dunkel.
Mhm.
Ich kenne den Weg hier nicht.
Frage einfach nicht. 

IV

Warte einen Moment.
Wieso?
Ich möchte eine rauchen.
Ach komm.
Hm.
Du hast später noch genug Zeit dafür.
Wie lange gehen wir denn noch?
Gleich. 
Hm?
Wir sind gleich da.

V

Komm. Setz‘ dich hin.
Wo sind wir hier?
Das ist doch egal. Setz‘ dich. 
Und was machen wir hier?
Still sein.

So. Jetzt kannst du eine rauchen.
 



 

Liebe brauchen. [Ein Gedanke]

Der Satz „Ich liebe dich.“ wird viel zu inflationär benutzt. Egal ob in kindlicher „Ich hab‘ dich lieb“-Version, oder in ihrer, für viele beinahe wie ein Feiertag gefeierter, Grundform.

Einen wahren Liebesbeweis sehe ich erst in dem Satz „Ich brauche dich.“ Man gibt seine eigene Unzulänglichkeit bekannt, zeigt, dass das Gegenüber zu einem Teil von ihm geworden ist. Dieser Satz nennt die entstandene Abhängigkeit (die zwar niemals gesund, aber doch viel zu oft existent ist). Dass man das Gegenüber braucht, um sich vollwertig zu fühlen. 

[Ein schrecklicher Gedanke, eigentlich. Man sollte sich auch ohne dem Gegenüber vollwertig fühlen. Aber zu das Alleinsein hindert einen oft genug daran.]

[Und sowieso: Ich fühle mich zurzeit pudelwohl. Vollwertig sozusagen. Eine Liebe wäre dann vielleicht nur das Häufchen mehr; die 10 Prozent von 110 Prozent. Oder so.]

Vor dem Ertrinken.

260309nw

Eiskaltes Wasser. 
Langsam füllen sich die Nasenflügel. Die Augen, fest zugepresst. Die Stirn beinahe in Windeseile erfroren. Nur noch Sekunden. Und. 

Er taucht wieder auf. Das Waschbecken ist bis zum Rand gefüllt, nur der kleine Abfluss am oberen Ende hindert es daran, den ganzen Raum unter Wasser zu setzen. Und immer noch läuft der Wasserhahn und pumpt mehr und mehr Wasser hinzu. Die Sinne scheinen versagen zu wollen, und der Kopf nickt. Sollen sie doch. Einfach fallen lassen. In dieses dunkle Loch aus eiskaltem Wasser. Es tötet ab und zerstört. Zerstört mit einem Mal so vieles.

Und. Die Luft ist angehalten. Er taucht wieder ein, in dieses kleine Becken. Die Eiseskälte läuft von seinem Hinterkopf hinab. Die Augen schmerzen. Doch er muss immer stärker versuchen, ruhig zu bleiben. Es sind Schmerzen. Und.

Ein letztes Mal taucht er auf. Mit nassen Haaren erinnert er sich an die letzten Tage zurück. So vieles hat er erledigt, hat Dinge geschafft, die er sich schon seit Tagen, seit Wochen, seit Monaten. Ja, sogar seit einem Jahr vorgenommen hat. Er scheint alles zustande zu bringen und trotzdem braucht er gerade dieses Gefühl. Diesen Schmerz. Steine sind von seinem Herzen gefallen, sein Kopf wird immer leerer. Immer leerer und seine Angst immer größer. 

Diese eisige Wärme legt sich um seinen Kopf. Und er setzt zum alles entscheidenden Punkt an. 

Er brüllt all‘ seine Wut, seine Angst, seine Ungewissheit hinein in dieses stille Wasser. Niemand hört ihn dabei. Und doch. Seine weit aufgerissenen Augen zeigen ihm. Er hat sich gerade selbst vor dem Ertrinken gerettet.

Foto: Ein Ausschnitt dieses Bildes von Martin Kingsley