„Freundschaft“, unser Luftschloss.

Richtung Ebensee. 09012011

„Ich hasse deine Ehrlichkeit, weißt du.“

Das Ende eines Streits, der eigentlich keine war aber schon längst einer hätte sein sollen. Mit deiner Ehrlichkeit hast du schon so manches in mir zerstört. Den schönen Gedanken an diese eine Nacht, zum Beispiel. Und jetzt versuchst du, Ziegel für Ziegel, dieses kleine schöne Luftschloss auseinanderzunehmen, für welches wir uns den Namen „Freundschaft“ überlegt haben. Es hat weite Kreise gezogen, selbst Wikipedia weist heute schon einen Artikel unter diesem Namen auf.

Du machst dir Gedanken, sagst du. Mach dir keine, wünsche ich mir. Es ist vieles passiert, was so nicht hätte passieren sollen, aber es ist ganz einfach passiert. Du weißt genauso gut wie ich, dass es keinen „Zurück“-Button in unseren Leben gibt, und dass wir immer nur versuchen müssen, mit dem Geschehenen klar zu kommen. Dem verweigerst du dich. Für mich wäre es kein Problem.

Und so zerstörst du Dinge, die ich für unzerstörbar hielt. Du verletzt mich in einer Art und Weise, wie ich es von jedem anderen, nur nicht von dir erwartet hätte. Und was bleibt mir da nur anderes zu tun, als mich nicht darauf einzulassen? Ja, auch ich mache mir Gedanken, es tut mir weh, dass es so kommen musste, aber du lässt mir keine andere Wahl. Es ist schwer für mich, und es ist etwas, was ich immer vermeiden wollte, aber es geht ganz einfach nicht.

Wenn du unserer „Freundschaft“ nach und nach die Ziegeln rausziehst, mit Gewalt und einer Ehrlichkeit, die zum Himmel schreit. Du meinst, dass ich etwas von dir erwartet hätte, was du nicht bist. Um jetzt auch einmal ehrlich zu sein: was ich wollte, was ich brauchte, was ich dachte, du wärst es … eine Freundin. Eine Freundin, mit der man über alles reden, an deren Schulter man sich ausheulen, der man von den neuen Verliebtheiten erzählen, mit der man am Balkon sitzen, rauchen und auch einfach nur mal ausgiebig schweigen kann. Aber nach all dem, was du mir in deiner Ehrlichkeit untergejubelt hast, bleibt wohl nur die Tatsache, dass unsere Freundschaft auf einer Lüge basierte.

Und das ist kein schönes Gefühl, weißt du? Einen Menschen, den man so sehr ins Herz geschlossen hat, mit dem man viel Scheiße, aber auch viel Wundervolles getan hat, einfach aufzugeben. Aber du lässt mir keine andere Wahl. Ich habe Freunde, mit denen ich durch Dick und Dünn gehen, mit denen ich – wie sagt man so schön? – Pferde stehlen kann. Und außerdem habe ich auch sonst so viel um die Ohren, und noch dazu auch keine Lust an irgendetwas zu arbeiten, was nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Ich würde nicht nachkommen, unser Luftschloss wieder aufzubauen, weil du so unnachgiebig mir die Ziegel entziehst.

Und am Ende der Straße ist die Dunkelheit.

Richtung Nirgendwo. 29122010

Und am Ende der Straße ist die Dunkelheit. Das Nichts, das einen jeden Moment zu verschlingen droht. Ein Abgrund, der zu fallen es nicht wert ist. Eine Hürde, die zu überwinden viel zu groß ist. Langsam tastet sich das Licht voran, kommt nicht weit, fällt zurück. Es ist ein Nichts aus Schwarz und Stille und der Ungewissheit, die einen plagt. Und der Neugier, die sich immer mal wieder aufbäumt, bevor so vom Nirgendwo überrollt wird.

Und diese Fußspuren, denen wir folgen, ohne zu wissen, wem sie gehören und wohin er ging. Wir tapsen uns voran, ganz vorsichtig, blicken uns um. Irgendwo beginnt es zu rascheln, wir fuchteln mit den Taschenlampen bis wir in der Ferne zwei Augen entdecken, bleiben stehen. „Nur ein Reh.“ Du ziehst mich weiter, es ist kalt hier, und deine Hand zeigt mir deine Angst.

Und beinahe kommt es uns so vor, als würde es immer noch dunkler werden, und das Schwarz sich verdichten, zu einer undurchdringbaren Wand. Unsere Taschenlampen versuchen gemeinsam, irgendetwas sichtbar zu machen, aber selbst unsere Augen können schon kaum mehr viel erkennen. Ich halte dich fest, dich zurück und bleibe stehen. „Lass … lass uns umkehren, okay?“ Und du drehst dich zu mir, umarmst mich, drückst mir einen Kuss auf die Wange. Unsere Taschenlampen fallen zu Boden, wir lachen. Doch als wir sie wieder vom Boden aufgehoben haben, ist es plötzlich weg. Das letzte Fünkchen Orientierung. Nur mehr Schwarz, keine Spuren mehr. „Und wohin nun?“ Ich weiß es nicht. Aber ich will doch nur weg, weg aus diesem furchtbaren Fleck Erde, weg von diesem nervenaufreibenden Gefühl, das mich begleitet. Einfach nur weg.

Weißt du, was ich mir wünsche? [24]

Wunderlampe. 18122010

Es ist kalt. Dicke Schneeflocken bahnen sich den Weg bis zu uns durch. Wir beide, aneinandergekuschelt, meine Hände in deinen Jackentaschen versteckt, meinen Kopf auf deiner Schulter, stehen da. „Endlich wieder einmal weiße Weihnachten.“, sagst du und ich murmle dir nur ein „Mhm.“ ins Ohr. Es ist schön, den ganzen Tag, wo jeder nur mehr gestresst und ohne Halt der Bescherung entgegenwütet, mit dir gemeinsam verbringen zu können. Uns lässt nichts mehr aus der Ruhe kommen.

„Ich freu‘ mich schon auf die leuchtenden Kinderaugen und…“ – „Auf die Geschenke?“, wirfst du ein. „Nein. Darauf nicht. Auf das Zusammensein mit der Familie. Auf Gespräche, die ansonsten nie stattfinden würden, auf Lachen, auf Kerzenschein, auf das Weihnachtsevangelium.“ – „So richtig christlich.“ – „Mhm. Irgendwie schon. Aber ich kann mir irgendwie Weihnachten nicht mehr ohne all dem vorstellen. Und die schrecklich falsch gesungenen Lieder und das hektische Austeilen der Geschenke.“

„Es ist schön, dass du heute Zeit hattest.“ – „Ich habe darauf gehofft, dass du anrufst, ob du noch schnell vorbeikommen würdest. Und ich hoffte, dass dein ’noch schnell‘ so wie immer sein wird.“ Wir gehen weiter durch die bezaubernd weiße Schneelandschaft. Vorbei an eingeschneiten Parkbänken, und vollkommen nackten, halb erfrorenen Bäumen. Bis du mich schließlich in den Schnee schubst und dich gleich daneben hinlegst. Du lachst, so wie du immer lachst, wenn dir etwas gefällt. Bewirfst mich mit dem Schneestaub, und wischt es mir mit der gleichen Handbewegung wieder aus dem Gesicht. Und ich, die eine Hälfte meines Kopfes im Schnee vergraben, um dir in die Augen zu sehen, sage nur „Danke. Danke, dass es dich gibt.“ Und du lachst. „Und danke, dass du es mit mir versuchst und danke, dass du es nun schon so lange mit mir aushältst.“ Du küsst mich.

„So ungleich wir auch sind. Weißt du … ich glaube, das macht das Besondere an uns beiden aus, glaubst du nicht?“ – „Mhm. Kann schon sein.“ – „Aber vor allem ist es, weil wir einfach beide so außergewöhnlich sind. Das erkennt zwar nicht jeder, aber Hauptsache, wir beide tun es.“, legst du schmunzelnd nach. Die Kälte zieht schön langsam in meinen Körper hinein und doch bleibe ich liegen. Hier neben dir, immer wieder deine in kuschelige Handschuhe eingepackten Hände an meinem Gesicht, immer mal wieder ein Kuss. Es ist schön und wohl das schönste Weihnachten aller Zeiten. Für immer. Und die Ewigkeit.

„Weißt du, was ich mir wünsche?“ – „Nein?!“ – „Dass es bitte immer so bleibt. Das wäre schön.“ – „Mhm, das wäre es.“ Es wäre wundervoll. „Und nein, das hat jetzt nichts mit Traumschlossbauarbeiten zu tun, mit einem neuen Ewigkeitsparadigma. Nein, es ist einfach nur so schön, dieses Gefühl, und dass ich mich mit dir so unglaublich gut fühle. Das schaffen nur wenige Menschen.“ Dein Kopf schmiegt sich an meine etwas mit Schnee bedeckte Schulter. Wir könnten so liegen bleiben. Doch irgendwann stehst du wieder auf, ziehst mich hoch und meinst: „Wir müssen Engel machen.“ Wirfst dich in eine noch unberührte Schneedecke und wedelst mit Händen und Beinen, um diese wunderbar kindliche Erinnerung wieder ins Gedächtnis zu rufen. Stolz springst du auf, hüpfst aus deinem Abdruck hervor und meinst: „Siehst du. Das ist es. Das ist etwas für die Ewigkeit.“ Und ich lächle nur mild und wir gehen weiter.

So finster die Nacht. [23]

Dunkel der Nacht. 20122010

Menschen waren mir schon immer suspekt, denke ich mir und während ich etwas verzweifelt umherblicke, erkenne ich dein Gesicht in dieser Menge. Du winkst mir zu, und ich stolpere dir entgegen, remple den einen und die andere an, nur um so schnell wie möglich bei dir zu sein. Du nippst an deinem Strohhalm, nimmst einen tiefen Schluck deines alkoholhältigen Getränks und fällst mir um die Schulter. Es ist schön dich zu sehen, und schön langsam erhellt sich auch meine Stimmung etwas, doch du stellst das Getränk zur Seite und ziehst mich langsam aus der Menge wieder hinaus.

„Wir müssen hier weg.“, meinst du und packst meine Hand und wir beide verlassen den Platz so schnell, wie ich gerade gekommen bin. Verlassen die gewohnten Wege und wagen uns hinaus, in das Dunkel der Nacht. Spüren die Kälte des Windes, und orientieren uns an den Straßenlaternen, die die letzten sein würden, die uns für diesen einen Abend Licht schenken werden. Deine Hand ist warm, und meine zittert etwas, weil ich nicht weiß wohin und vor allem warum. Doch du willst es mir nicht sagen, aber deine Augen, die zuvor noch so wunderbar leuchteten, schimmern jetzt im Lichte der Laternen. Du weinst und ich habe keine Zeit und wohl auch keine Ahnung, wie ich dir helfen kann. Folge dir blind, nur um dir in diesem Moment so nahe wie möglich zu sein.

Wir biegen in eine unbekannte Straße ab, das Dunkel der Nacht hüllt uns endgültig ein und wir stolpern und wanken ganz hektisch und langsam durch unser neues Terrain. Deine Hand klammert sich an die meine und ich spüre dieses Unbehagen, deine Angst und am Liebsten würde ich dich an mich drücken, würde dir den Halt geben, denn du gerade so sehr brauchen könntest, doch ich kann nicht. Nichts ist wie es war, und die Stille, nur das Atmen unserer beiden Lungen, und ein paar quietschende Reifen in der Ferne tanzen fröhlich um uns herum. Was ist denn los, möchte ich fragen, doch bleibt mir keine Zeit dazu. Den kleinen Hügel ziehst du mich hoch und ungewohnten Schrittes folge ich dir hinauf bis du dich schließlich niederlässt. Dich setzt und mir den Platz neben dir anbietest. Es ist schön hier.

Und im Dunkel der Nacht legst du deinen Kopf auf meine Schulter und beginnst bitterlich zu weinen und ich lege meine Hand um dich und will gar nicht wissen, was geschehen ist. Will dich nicht belasten, dich durchlöchern, mit Fragen, die niemand hören will und mit Antworten, die niemand auszusprechen bereit ist. Will nicht mit Floskeln werfen wie „Das wird schon wieder“, oder „Ist schon gut.“. Und du schluchzt und ich zittere, und gemeinsam blicken wir hinaus in den Horizont, verdunkelt und doch hell erleuchtet. Und schweigen uns an, als wäre alles schon gesagt.

Die Welt pausieren. [22]

Grün. 20122010

Ich möchte die Welt pausieren
Und ganz tief einatmen
Um zu erfahren
Wie es ist.

Ich möchte die Welt pausieren
Um dich zu halten
Jeden Tag
Für immer.

Ich möchte die Welt pausieren
Und dich umarmen
Dir Wärme zu schenken
Ohne Grund.

Ich möchte die Welt pausieren
Möchte bei dir sein
Dich spüren
Ganz nah.

Ich möchte die Welt pausieren
Um deinen Hauch zu spüren
Deinen sanften Atem
In meinem Ohr.

Ich möchte die Welt pausieren
Nur für diesen einen Moment
Doch es gibt keinen Halt
Auf dieser Welt.

Stetig geht es weiter, tagein, tagaus
Und was uns bleibt
Ist die Erinnerung
Für immer.

Es musste sein. [21]

Bahnhof. 18122010

Es ist der 21. Deze

Warum so förmlich. Egal, wer jetzt gerade diesen Brief hier liest. Es wird zu spät sein. Zu spät sein, um mich aufhalten zu können, denn ich habe meinen Entschluss gefasst. Habe bereits das getan, was ihr mir nie verzeihen werdet. Nicht heute, vor allem nicht in dieser Zeit und wahrscheinlich auch nie während eures gesamten Lebens. Ihr werdet mich dafür hassen und doch werde ich euch einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ich und diese schrecklichen Bilder, die ihr wegen mir ertragen musstet. Es tut mir Leid, wisst ihr.

Aber ich musste es tun. Und ich weiß, dass es genügend andere Möglichkeiten gebe, um das zu tun und genau das was ich tat schon viel zu oft falsch endete. Aber wenn ihr diesen Brief hier lest, werde ich es wahrscheinlich schon geschafft haben. Warum werdet ihr euch fragen und ihr werdet euch das noch lange, lange Zeit fragen, aber gibt es darauf überhaupt eine Antwort? Was soll ich euch erzählen?

Dass ich überfordert war? Mit dem Leben, mit den Aufgaben, die an mich gestellt wurden? Dass ich enttäuscht war: von mir, von dem, was ich zu erreichen gewillt war. Es hätte so viel besser laufen können, aber irgendwie blieb alles nur furchtbare Scheiße. Nichts hat sich jemals verbessert und nichts wird es in Zukunft tun. Alles bleibt wie es ist, nur ich muss diesen ganzen Mist jetzt nicht mehr ertragen.

Ich habe mir schon oft meine Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wenn ich es täte. Und immer und immer wieder blieb ich bei dieser einen Frage hängen: Wer würde denn um mich trauern. Und ich wüsste es nicht. Viele würden zwar ihr entsetztes, mitleidendes Gesicht aufsetzen, manche würden aus reiner Höflichkeit heulen, aber wer würde mich wirklich vermissen? Wem würde ich fehlen, wer hat ein Stück seines Herzens an mich verloren, dass nun für immer verschwunden sein wird? Ich weiß es nicht, und obwohl ich nie zu Ende gedacht habe, machte mich diese Frage traurig. Denn was, wenn niemand je an meinem Grab stehen werde und niemand eine Träne vergießen würde. Weil ich zu feige war, um mich den Herausforderungen zu stellen und weil das wohl der einfachste Weg sei.

Aber ich sag es euch: der einfachste Weg ist das sicher nicht. Es zog sich schon über Wochen, über Monate hin, also nein: Das hier ist keine Kurzschlussreaktion. Ich weiß schon was ich getan habe. Ich musste einfach weg, denn das alles machte mich krank. Ich konnte kaum mehr schlafen, in den letzten Tagen, meine Ängste wurden immer schlimmer, aus meinen wenigen Träumen erwachte ich immer schweißgebadeter. Jetzt habe ich es gewagt.

Seid bitte nicht traurig. Oder nein. Bitte seid traurig, wenn ihr es denn wirklich seid. Gebt mir eure Ehrerweisung, die ich mir verdient habe. Redet mit anderen über mich, redet mit mir über andere. Es ist egal. Ich bin nicht mehr hier und ich glaube, es geht mir gut. Und euch wird es auch schon bald wieder besser gehen, das weiß ich.

Ich vermisse eu

Es musste sein.
In Liebe.

Wenn du meinst. [20]

Regenwand. 19122010

I

Wir sollten nach Hause gehen, findest du nicht?
Hm?
Wir sollten uns auf den Weg machen.
Warum?
Na, siehst du nicht, wie der Regen stetig auf uns zukommt?
Wir haben noch Zeit.
Nein, haben wir nicht. Das wird ein Sommersturm.
Denkst du?
Mhm. Keiner von der milden Sorte.
Dann sollten wir uns wohl auf den Weg machen.
Mhm.

II

Der Wind hier ist echt nicht von schlechten Eltern.
Hör auf zu reden und pack‘ endlich deine Sachen ein.
Ach, jetzt stress‘ nicht rum.
Wollen wir da jetzt wirklich drüber diskutieren?
Also … ich will nicht.
Gut so. Und jetzt: Beeil dich!
Gleich. Nur noch … und das auch noch.
Ich geh‘ schon mal vor.
Ach, komm. Warte doch noch etwas.
Nein, mir ist das alles nicht geheuer.
Wenn du meinst.

III

Na … jetzt aber. Wir müssen uns beeilen.
Hast du irgendeine Sturmphobie?
Nein. Und jetzt …
Bin schon da.
Regnets schon?
Also, ich hab‘ nix gespürt.
Doch, da … schon wieder.
Hm.
Siehst du?
Stimmt. Ein Tropfen.

IV

Ich liebe diese vorstürmliche Luft.
War der Weg vorhin auch schon so lange?
Mhm.
Verlaufen werden wir uns wohl nicht haben, oder?
Ach komm. Wir kennen den Weg.
Das heißt erstmal gar nichts.
Ui. Ein Blitz.
21.
22.

Ist ja schon richtig nahe.

V

Warum bleibst du stehen?
Nur so.
Aber … aber, jetzt kommt der große Regen.
Ja, gerade deshalb.
Hm?
Weil ich die Sommerregen liebe.

Und ich schon immer mal mit dir in einem tanzen wollte.
Warte mal, Mom-…


Und genau deshalb.

Keinen blassen Schimmer. [19]

Lichtschwarz. 18122010

„Ich mag deine Texte!“, sagst du und lächelst mich an und hast keinen blassen Schimmer, dass eine Vielzahl von ihnen nur von dir handelt. Von dir und all meinen Gedanken, die du Tag für Tag in mir zu erzeugen weißt. Gedanken, die mich kaum mehr ruhen lassen und mich immer wieder diese Texte schreiben lassen. Und du hast keinen blassen Schimmer.

„Dankeschön.“, sage ich und blicke etwas beschämt zurück. Ich weiß zwar, dass nicht wenige sie lesen, darauf angesprochen zu werden, ist aber doch immer wieder etwas Besonderes. Und etwas Komisches. Ich gebe so viel von mir preis und schicke es an die unbekannte Masse und irgendwann sticht irgendjemand hervor und lobt mich dafür. Da darf man schon etwas zurückzucken, oder nicht?

„Ich erkenne mich so oft in deinen Texten wieder.“, meinst du und meinst es sicherlich anders, als ich es im ersten Moment auffasse. Die Geschichten sind manchmal echt, manchmal erfunden, und doch scheine ich den Nerv der Menschen zu treffen, gefühlvoll auszudrücken, was andere nicht können.

„Das höre ich oft.“, meine ich und will dabei nicht überheblich klingen und tue es wahrscheinlich doch. Ja, ich habe eine Sprache gefunden, mit der sich viele identifizieren können, wo man sich hineinfallen lassen kann und welche Worte erzeugt, die den Menschen auf der Seele brennen.

„Und der eine Text da, der … der hat mich richtig zu Tränen gerührt.“, erklärst du mir und ich habe auch das schon oft genug gehört. Und denke mir, so insgeheim: ‚Ja. Bitte. Weine. Vielleicht verstehst du den Sinn hinter diesem Text, vielleicht auch nicht. Aber weine. Und bemerke, was ich schon in so vielen Texten zu schreiben bereit war, und zum Aussprechen zu feige.

„Das … das ist … schön.“, entgegne ich und möchte noch immer nicht wirklich darüber reden und weiß, dass du nicht damit aufhören wirst. Und ich schreibe auch noch weiter über dich und hoffe auch die kommenden Tage und Wochen, dass du irgendwann einmal verstehen wirst, an wen diese Geschichten gerichtet sind. Nicht für die Allgemeinheit, für das Seelenwohl der Anderen. Einzig und allein für dich. Und ich würde dich jetzt gerne umarmen. Möchte dir all das erklären. Möchte dir zeigen, worum es am Ende doch nur geht. Aber du hast keinen blassen Schimmer.

Nein, Arschloch! [18]

Nebel. 18122010

Der SMS-Ton erklingt. „Ups, sorry. Falsche Nummer!“

Es hat wohl keinen Sinn mehr. Ohne Vertrauen und mit dieser riesig großen Eifersucht, die über uns lastet, hat das alles ja keinen Sinn mehr. Wir sollten aufhören, jetzt, oder nein … wir hätten schon längst aufhören sollen. Wir hätten es vielleicht gar nicht wagen sollen. Ich weiß es nicht. Du bist schon irgendwohin verschwunden, ich sehe dir aus dem Fenster nach und vor mir nur dieser Nebel, der seine außergewöhnliche Undurchdringlichkeit zur Schau stellt.

„Nein, das tust du nicht. Du verdammtes Arschloch!“, brüllst du mir mit strauchelnder Stimme entgegen, stößt mich weg und wendest dich ab. Ich wiederhole mich: „Ich … ich liebe dich.“ – „Nein, Arschloch!“ Verdutzt sehe ich dir nach und weiß nicht wirklich was geschehen war, an diesem Tag, in diesem Moment.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragst du mich mit, bist enttäuscht von mir, traurig, und ich habe keine Ahnung worum es geht. „Warum nur?“ – „Was?“ Du bist entsetzt. Nicht einmal jetzt, wo du es weißt, gebe ich es nicht zu. „Ich dachte du liebst mich.“ – „Aber … ich liebe dich doch!“ Immer noch scheine ich auf der Leitung zu stehen, und du bist wohl immer noch nicht gewillt, mir zu sagen, wovon du sprichst.

Als ich die Tür öffne, poppt nicht gerade das Popcorn in der Mikrowelle, der Fernseher ist auch noch nicht eingeschaltet. Stattdessen erwartest du mich schon im Vorraum, wirfst mir das Hände entgegen, und wartest auf meine Reaktion. „Hey. Puh, das war heute ein anstrengender Tag.“ Es scheint dir egal zu sein und du setzt bereit zum Gegenschlag ein. Blickst mich mit traurigem Blick an, hoffst auf irgendeine Äußerung von mir.

Nach einem harten Tag komme ich endlich nach Hause. Hoffe schon darauf dass du auf mich wartest und wir uns gemeinsam mit Popcorn irgendeinen schönen Film ansehen. Ich bin extra noch in die Videothek gegangen, habe drei, vier DVDs geholt und möchte jetzt einfach nur entspannen. Mit dir, mit Popcorn, auf unserer Couch. Und meine versäumten Anrufe nachholen, nachdem ich mein Handy heut‘ morgen am Nachtkästchen habe liegen lassen.

Haltestellen. [17]

Wegwerfzeitung. 16122010

Angst sollte ich haben, Angst vor allem und vor allem vor jedem. Weil niemand mehr gut ist und die Welt doch nur hässlich und das Leben eigentlich auch nur eine fast ewige Tortur ist. Das will mir zumindest die Zeitung klar machen, die ich heute morgen ganz einfach nicht angreifen hätte sollen. Nicht mitnehmen, nicht lesen.

Aber schön langsam scheine ich schon wieder zu begreifen, warum die Gesichter um mir herum so düster sind, und viele am Liebsten nicht in die Grimasse ihres Gegenübers blicken wollen. Okay, zugegeben … es ist noch viel zu früh am Morgen, aber wahrscheinlich haben auch sie in dieser Zeitung geblättert und innerlich schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Beinahe möchte ich auf einen Plastiksessel in dieser U-Bahn hüpfen, und ihnen etwas erzählen, will ihnen erklären, wie es nun wirklich auf der Welt aussieht. Aber einerseits hätte das so etwas von einem Messias und andererseits ist es dafür heute eh viel zu voll hier.

Während sich wieder einmal die Menschenmasse austauscht, bekomme ich endlich einen Sitzplatz. Ich fahre nicht weit, aber das ist egal. Den Kopf gegen die Scheibe gelegt, das Gerattere in meinen Ohren, sauge ich die vorbeiziehenden Eindrücke auf und atme tief und fest ein. Und denke mir, so ganz bei mir: „Das ist es. Das ist das Leben. Eine wilde Aneinanderreihung verschiedenster Haltestellen. Die eine schöner, die andere eher nicht. Und dazwischen zieht alles so schnell vorbei, man versucht einen Blick zu erhaschen und schafft es aber doch irgendwann.“ Und lächle wild in mich hinein. Sowas sollten die mal drucken, nicht nur irgendeinen Scheiß von wegen Bombe und so.

Als ich wieder aufblicke, bemerke ich es. „Scheiße!“, springe ich auf und stolpere zur Tür. Ich habe meine Haltestelle übersehen. Und schon wieder muss ich grinsen, denn in Gedanken füge ich hinzu: „Ja, und das ist der Unterschied zum richtigen Leben. Da kann man nicht einfach umsteigen und wieder zurückfahren.“

Zurücktreten, bitte.
Zug fährt ab.