Freunde.

Manchmal läuft die Musik zu laut, ein anderes Mal hört man die Musik vor lauter Geschnatter nicht mehr. Hier sind Freunde zusammengekommen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich nach der ersten Kreuzung im Leben nicht aus die Augen zu verlieren. Noch nicht. Und wie so viele andere Freundeskreise auch, glauben wir gar nicht daran, dass uns das jemals passieren würde.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 4 „Freunde“]

Freunde.

Emilys Frage, und all meine Ausschweifungen haben wieder viele Gedanken aufgeworfen.
Hannah und ich. Meine Erlebnisse mit ihr. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Zum briefeschreibenden Typen, zum harmoniebedürftigen Nachdenkmenschen. Zum
Ewigkeitshasser. All das bin ich wegen ihr geworden. Und bis ich Emily kennen-, bis ich sie
liebengelernt habe, habe ich dieses Gefühl, diese Schmetterlinge, dieses Gefühl eine Frau auf diese Art und Weise so nah zu sein, bis dahin habe ich es vermisst.

„Und ihr habt euch im Guten getrennt oder etwa nicht?“
– „Doch, doch. Wir haben uns, nachdem wir beschlossen haben, Schluss zu machen, sogar
noch stundenlang am Küchenboden unterhalten, haben geredet, gelacht. Und geschwiegen. Es fühlte sich wirklich richtig an. So … wie ein perfektes Ende einer beinahe perfekten Beziehung, sozusagen.“
„Und dann?“
– „Dann haben wir etwas Unmögliches versucht.“
„Was denn?“
– „Freunde zu bleiben.“
„Was ist daran unmöglich. Klar … es ist schwierig, aber unmöglich?“
– „Naja, die meisten Leute vergessen, dass es in einer Beziehung in erster Linie um Liebe geht. Kennt man sich zuvor noch nicht allzu lange, so ist danach immer noch nichts da, worauf man aufbauen könnte. Viel besser wäre es, zu sagen: ‚Lass uns Freunde werden.‘, findest du nicht?“
„Hm.“
– „Weil Liebe nicht Freundschaft ist. Umgekehrt vielleicht. Auf einer Freundschaft kann man wunderbar eine Liebe aufbauen. Aber andersrum? Unmöglich. Da muss man bei Null beginnen. Von Grund auf.“
„Vielleicht hast du recht.“
– „Emily?“
„Mhm?“
– „Lass uns Freunde werden, Emily. Okay? Bitte! Lass uns Freunde werden.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 15 „Berührungen“]

But I’m in so deep.

Foto: sleepy.days | Flickr

Weißt du was? In Wahrheit möchte ich doch einfach nur lieben. Will in den Arm nehmen, will küssen. Will einschlafen, neben dieser einen, dieser meinen Person. Will dem allem ein Ende setzen. „I’m done being single, I’m not good at it.“, sagte schon Ted Mosby und er spricht mir (nicht zum letzten Mal) aus der Seele und trotzdem. Ich habe geliebt, aus ganzem Herzen, vielleicht auch etwas zuviel, es ging zu Ende. Danach habe ich so viele Male Liebe nicht zugelassen, weil die eine noch nicht vorbei war. Und jetzt, wo ich plötzlich mit mir in einer unbekannten Reine bin, verliere ich mich in Ungereimtheiten. Ich bin fertig damit.

Ich habe großartige Freunde, einige alte, einige neue. Allesamt wichtig für mich, Menschen, denen ich gerne zuhöre und dir mir gerne zuhören. Und sie alle erleben es, fallen in and out of love. Erleben dieses wahnsinnige Gefühl von Kennenlernen, von sich Verlieben, von Liebe. Und meist mag ich ihre Partner, manchmal werden sie auch neue, wichtige, großartige Freunde von mir. Aber ich beneide sie auch. Um jeden gemeinsamen Moment, um jedes Nebeneinanderaufwachen und Miteinandereinschlafen. Weil das letzte Mal, als ich neben einer Liebe eingeschlafen bin, schon vier Jahre vorbei ist. Viel zu viel Zeit ist seitdem vergangen, viel zu viel in meinem Leben passiert.

Ein paar Küsse, Sex und Einsamkeit. Keine Liebe. Weißt du eigentlich, wie ernüchternd das ist? Und dann liest man, weil das herkömmliche Horoskop keine Antworten bietet, von seinem Lebensbaum und jenen der Freunde. Und überall steht etwas, wie gut sie und ihre Bäume in der Liebe funktionieren und bei mir, bei der Pappel steht einfach nur, dass aus ihnen sehr häufig Künstler entstehen. Weißt du, wie verdammt ernüchternd so etwas ist?

Ich glaube, ich lasse es bleiben. Ich bin nicht fertig damit, Single zu sein. Vielleicht bin ich fertig mit der Liebe. Vielleicht bin ich dafür einfach nicht geboren. Vielleicht bin ich ja der Inbegriff einer Pappel, und daher ein Künstler. Und vielleicht sind Künstler dazu verdammt, viel eher Leid zu verspüren als Liebe, wie Houellebecq meint. Vielleicht ist das alles für mich einfach nicht vorbestimmt.

Aber vielleicht ja doch. I’m done being single. Und Hoffnung ist einer der Grundbegriffe in meinem Leben. Ohne Hoffnungen keine Erwartungen, ohne Hoffnungen keine Träume. „Es wird sich etwas ergeben.“ gilt auch hier. Ich freue mich darauf, kann es kaum noch erwarten, will es spüren, will endlich wieder einmal lieben. Und geliebt werden.

Liebe passiert, Liebe sucht, Liebe findet. Aber vielleicht hab‘ ich mich einfach auf dieser Schatzkarte der Liebe etwas zu gut versteckt.

Walk away.

Als ich aufwache, weiß ich, was heute passieren wird. Sechs Tage sind vergangen, seit ich diesen einen Anruf von meiner Mutter in der Zivildienststelle erhalten habe. Sechs lange Tage, in denen ich manches Mal über mich selbst hinausgewachsen bin, und doch wieder jene Momente hatte, die mir zeigten, dass ich eben auch nur ein Mensch bin. Heute wäre der große Tag, das Begräbnis. Eine Kirche voll mit Leuten, bis auf den Rand alles besetzt. Ich habe nicht gut geschlafen. Wie hätte ich auch. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag. (1)

Irgendwann dusche ich mich, und ziehe diesmal nicht den beinahe schon ausgeleierten schwarzen Pulli an, sondern meinen Anzug. Gleich würde es soweit sein, aber hier, in diesem Haus, mit einer hektisch herumlaufenden Mutter, und einem Vater, der die letzten Tage schon in Trance verbracht hat. Ich muss hier raus, und fahre zu Timis Eltern. Irgendwann stehen wir vor der Kirche, sehen den Strom, der unentwegt in das große Gebäude im Ortszentrum hineinzieht. Manche bemerken mich, kommen her. Auch meine beste Freundin und ihre Schwester, die selbst in Tränen ausbrechen, während sie mich umarmen. Ich weine nicht. Meine Familie und ich gehen erst in die Kirche, als der Strom vorbei ist. Hinten stehen schon die Leute, die Plätze sind gefüllt, auf der rechten Seite sehe ich noch eine Reihe mit Freunden. Ansonsten sehe ich nichts. Setze mich neben meine Eltern, auf den linken Rand der linken Sitzreihen. Die zusammengefalteten Zettel in meiner Sakkotasche krame ich immer wieder hervor, nur um sicher zu gehen, nichts vergessen zu haben. Manchmal reiche ich meinen Eltern oder meiner Schwester Taschentücher aus meiner anderen Sakkotasche. Aber ich weine nicht. Ich zittere nur, wie ich es schon immer getan habe. Zittere leise vor mich hin und glaube, zusammenbrechen zu müssen.

Gerhard, unser Freund und Pfarrassistent, hat berührende und sehr persönliche Worte gefunden, irgendwann kommen die Fürbitten, die ich mit fester Stimme vortrage. Es ist so unruhig still hier. Später teilen noch die Arbeitskollegen meiner Mutter an alle Besucher des Begräbnisses Buttons aus. Buttons mit einem Schmetterling; nicht als Erinnerung an diesen Tag hier, sondern in Erinnerung an diesen kleinen Jungen. Dann die Worte von Timis Taufpatin und schließlich mein Text. Jenen Text, den ich nur einen Tag nach Timis Tod geschrieben habe. Jenen Text, um den mich meine Schwester und meine Mutter gebeten haben. Zitternd gehe ich die wenigen Treppen hinauf zu jenem Platz, wo normalerweise immer die Lesung vorgetragen wird. Hinter mir ist es still, niemand hustet, vereinzeltes Schluchzen.

„Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.“

Beginne ich und bin einfach nur froh, es doch zu wissen. Zwei A4-Zettel voll Worte, die ich nicht an die Gäste hier richtete. Ich blicke blind in die Menschenmasse, kann keine Gesichter entdecken, und richte viel öfter die Worte an den Sarg, der nur etwas neben mir steht.

„(…) Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können, wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst. (…)“

Manchmal habe ich das auch getan. Habe versucht, ihm den „kleinen Prinzen“ vorzulesen, bis ich bemerkte, dass er davon zwar vieles, aber eindeutig nicht müde wurde. Und ich ihn dann am Kopf streichelte, bis er neben mir, im Bett seiner Großeltern, eingeschlafen ist. Manchmal habe ich das auch getan und würde es so gerne wieder tun.

„(…) Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. (…)“

Das sind wohl die treffendsten Worte. Es war ein Flügelschlag und du warst nicht mehr da. Hast dich aus dem Staub gemacht, ohne auch nur einmal Lebewohl zu sagen. Hast mich, uns, hier zurückgelassen und einfach so aufgehört zu atmen. Wie konntest du nur?

„(…) Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.“

Beim letzten Satz, mit Blick auf den Sarg, versagt beinahe meine Stimme, sie wird etwas weinerlich. Beende den Satz und ernte wieder Stille. Nur das Schluchzen meiner Schwester und jenes erbitterte meiner Mutter. Auf dem Weg zurück blicke ich in ihre Gesichter, kann nicht lange hinsehen, mein Vater, mit verheultem Gesicht, klopft mir auf den Oberschenkel. „Gut gemacht.“ Ich höre mir „Tears in Heaven“ an, ein Lied, über den Tod eines Kindes, am Begräbnis eines eben solchen. „Would you know my name, if I saw you in heaven?“ Innerlich muss ich lachen. Weil ich mich erinnere, wie ich ihm immer wieder vorsagte, wie sein Name war, und wie der meine lautete. Sagen konnte er ihn jedoch nie. Würde er denn meinen Namen kennen?

Irgendwie hat es sich so ergeben, dass ich die Aufgabe bekomme, das Holzkreuz, jenes, was für die kommenden Monate unser Familiengrab schmücken würde, zu tragen. Während hinter uns der Trauerzug aus dem familiären Umfeld zum Friedhof geht. Ich halte es vor mir, halte es etwas hoch. Der daran festgemachte Teddy, die mit Draht befestigten Schmetterlinge. Mir läuft Gänsehaut über den Rücken, als sich die gesammelte Kirche erhebt, als, ich mit dem Kreuz voran, meine Onkels und Cousins mit Timis Sarg dahinter, langsamen Schrittes die Kirche verlassen. Ich erkenne keine Gesichter, erkenne niemanden, und lebe die kommenden Minuten weiter in meiner ganz eigenen Welt.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel., 03.11.2007

„Freundschaft“, unser Luftschloss.

Richtung Ebensee. 09012011

„Ich hasse deine Ehrlichkeit, weißt du.“

Das Ende eines Streits, der eigentlich keine war aber schon längst einer hätte sein sollen. Mit deiner Ehrlichkeit hast du schon so manches in mir zerstört. Den schönen Gedanken an diese eine Nacht, zum Beispiel. Und jetzt versuchst du, Ziegel für Ziegel, dieses kleine schöne Luftschloss auseinanderzunehmen, für welches wir uns den Namen „Freundschaft“ überlegt haben. Es hat weite Kreise gezogen, selbst Wikipedia weist heute schon einen Artikel unter diesem Namen auf.

Du machst dir Gedanken, sagst du. Mach dir keine, wünsche ich mir. Es ist vieles passiert, was so nicht hätte passieren sollen, aber es ist ganz einfach passiert. Du weißt genauso gut wie ich, dass es keinen „Zurück“-Button in unseren Leben gibt, und dass wir immer nur versuchen müssen, mit dem Geschehenen klar zu kommen. Dem verweigerst du dich. Für mich wäre es kein Problem.

Und so zerstörst du Dinge, die ich für unzerstörbar hielt. Du verletzt mich in einer Art und Weise, wie ich es von jedem anderen, nur nicht von dir erwartet hätte. Und was bleibt mir da nur anderes zu tun, als mich nicht darauf einzulassen? Ja, auch ich mache mir Gedanken, es tut mir weh, dass es so kommen musste, aber du lässt mir keine andere Wahl. Es ist schwer für mich, und es ist etwas, was ich immer vermeiden wollte, aber es geht ganz einfach nicht.

Wenn du unserer „Freundschaft“ nach und nach die Ziegeln rausziehst, mit Gewalt und einer Ehrlichkeit, die zum Himmel schreit. Du meinst, dass ich etwas von dir erwartet hätte, was du nicht bist. Um jetzt auch einmal ehrlich zu sein: was ich wollte, was ich brauchte, was ich dachte, du wärst es … eine Freundin. Eine Freundin, mit der man über alles reden, an deren Schulter man sich ausheulen, der man von den neuen Verliebtheiten erzählen, mit der man am Balkon sitzen, rauchen und auch einfach nur mal ausgiebig schweigen kann. Aber nach all dem, was du mir in deiner Ehrlichkeit untergejubelt hast, bleibt wohl nur die Tatsache, dass unsere Freundschaft auf einer Lüge basierte.

Und das ist kein schönes Gefühl, weißt du? Einen Menschen, den man so sehr ins Herz geschlossen hat, mit dem man viel Scheiße, aber auch viel Wundervolles getan hat, einfach aufzugeben. Aber du lässt mir keine andere Wahl. Ich habe Freunde, mit denen ich durch Dick und Dünn gehen, mit denen ich – wie sagt man so schön? – Pferde stehlen kann. Und außerdem habe ich auch sonst so viel um die Ohren, und noch dazu auch keine Lust an irgendetwas zu arbeiten, was nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Ich würde nicht nachkommen, unser Luftschloss wieder aufzubauen, weil du so unnachgiebig mir die Ziegel entziehst.

Weißt du?

Gestern Nacht, als wir uns Garden State angesehen haben. Und ich immer stiller wurde und mir so ganz nebenbei wieder ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischte. Wie ich es jedes Mal bei diesem Film mache. Und als dann das Ende angebrochen war, der Abspann begann und aus der Stille plötzlich Stimmengewirr wurde. Und man über die Sinnhaftigkeit des Filmes diskutierte.

Ich war teilweise wütend aufgrund der blöden Worte, die meine Freunde hier streuten. Und so stand ich einfach mal auf und ging runter und raus. Und bei dieser einen Zigarette vor der Tür dachte ich nach. Über die Tode in diesem Jahr. Dass ich eines der besten Jahre meines bisherigen Lebens erlebe und mir liebgewonnene Menschen einfach so wegsterben. Und ich irgendwie rein gar nichts fühle. Keine Trauer. Kein Ärger. Ich lebe mit der Akzeptanz und dem Schönreden. Dinge, die ich bis vor kurzem abgrundtief gehasst habe.

Und weißt du, als ich da vor dem Haus am Boden saß, und die Grillen so penetrant zirpten, hatte ich einfach nur gehofft, dass du kommen würdest. Und dass wir reden könnten, für fünf, zehn, fünfzehn Minuten. Dem Freundewirrwarr zu entfliehen, die Stille zu genießen. Aber du bist nicht gekommen und ich bin nach dieser einen Zigarette wieder hinauf in die Wohnung gegangen und habe mich so rein überhaupt nicht zurechtgefunden, zwischen all diesen Menschen, die ich doch eigentlich so unglaublich gern habe.

Dass ich dann beim Nachhausefahren für den kurzen Augenblick einer Sekunde höchstwahrscheinlich eingeschlafen bin und mit so unglaublich viel Glück einfach überhaupt nichts an den Passagieren (einem Freund und mir) passiert ist, und selbst das Auto nur minimal beschädigt war, könnte ich jetzt auch noch erwähnen.

Mittelmaß. [Eine Gedanke]

Lieber noch weitere zwei Jahre alleine, als übers simple Mittelmaß zu stolpern.

Auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht so lange dauern wird. Und weil ich sowieso so viele andere Dinge habe, die mein Leben zurzeit bestimmen. Freunde, Spaß, Kunst, Information. Und irgendwann kommt es eben auch, das i-Tüpfelchen, das alles komplizierter aber doch so vieles schöner macht.

Der Schlag ins Gesicht. Aber so richtig.

Niemand wird sich mehr an diesen einen Eintrag erinnern: We used to be friends befasste sich mit einem Menschen, der in der ersten Klasse Gymnasium zu meinem besten Freund (zumindest was man zu dieser Zeit und in diesem Alter darunter bezeichnete) wurde, und dann wieder wegzog. Seine Geschichte ist schräg, brutal, hart. Mir wäre all das viel zu heftig, was ihm passiert ist. Und ihm war es das schlussendlich auch.

Vor – was weiß ich – zwei Wochen (oder so) warf er sich vor einen Zug oder legte sich auf die Schienen. Ich will keine genauen Einzelheiten haben, mir hat allein schon die Nachricht, dass er das war, zutiefst hinuntergerissen. Er lebte ja seit Jahren wieder hier, wir waren uns wieder einige Male begegnet. Er, immer mit seinem typischen Lächeln, welches er schon als 10 oder 11-Jähriger hatte, und welches mich ungeheim mitriss und mein Gemüt erhellte. Er sitzt nun im Krankenhaus, Bereich Psychiatrie. Der Zug hat ihm einen Arm zerstört, sodass er amputiert werden musste, sein Gesicht ist verletzt.

Es war hart, als diese Person, dieses unpersönliche Wesen, welches Selbstmord begehen wollte, kein Unbekannter mehr war. Sondern eine Person, die ich noch wenige Tage zuvor am See gegrüßt habe. Ein Mensch mit Namen, und mit einer Geschichte, in der auch ich kurz einmal vorkomme. Es war ein Schlag ins Gesicht, als ich diese Nachricht während meines Urlaubes erfuhr. Jeder kannte ihn übrigens irgendwie.

Und ich dachte mir immer nur, was gewesen wäre, wenn wir uns in diesen frühen Jahren nicht aus den Augen verloren hätten. Wenn wir jetzt noch Freunde wären, womöglich beste Freunde. Und besonders brutal wirken nun die Worte aus meinem alten Text: Ich hätte dich vielleicht davor bewahren können.

Ja, verdammt.
Vielleicht hätte ich das.

Morgens. Ohne Kaffee.

Sarah und ich. Eine SMS-Konversation

Sarah | 8:51 Uhr | Prüfungswoche angelaufen, bin glücklich! Nur noch 4 Tage und 8 Stunden, dann sind Ferien!
Dominik | 9:08 Uhr | Boa. Sehr gemein. So bald am Morgen!
Sarah | 9:11 Uhr | Jupp, aber dafür kann ich morgen schlafen. Da muss ich erst um halb 12 außer Haus.
Dominik | 9:11 Uhr | Ich könnt heute schlafen. Morgen nicht.
Sarah | 9:12 Uhr | Na, dann schlaf!
Dominik | 9:12 Uhr | DU HAST MICH AUFGEWECKT! Ansonsten würd‘ ich eh noch schlafen.
Sarah | 9:14 Uhr | Sorry!
Dominik | 9:16 Uhr | Zu spät! Um was geht es heute?
Sarah | 9:19 Uhr | Sowjetunion und Österreich ab Monarchie
(…)

Eine halbe Tasse Kaffee (und einen Muffin, ein Vanille-Yogurt und einen Smoothie später) bin ich immer noch munter. Aber jetzt bekomme ich die Augen auch schon von selbst auf. Und ich dachte einfach, dass das die Weltöffentlichkeit erfahren muss: Wie brutal das Vibrieren meines Handys aufgrund einer SMS von Sarah wecken kann. Und natürlich hoffe ich, dass es Sarah bei der jetzt gerade stattfindenden Prüfung (zu Sowjetunionund Österreich ab Monarchie) regelrecht gut geht!

photocredit: chispita_666 | flickr

Falling or flying. Something like this.

dust

In Momenten wie diesen passt nichts besser. Einfach mal nur die Soundtracks von Grey’s Anatomy auf Dauerrotation schmeißen und warten bis alles irgendwie wieder besser wird. Es ist vielleicht auch gar nicht so schlimm. Es tut nur auf irgendeine vollkommen beschissene Art und Weise doch etwas weh. 

Man hat es vielleicht bemerkt, an den letzten Texten, die doch schon so einige Zeit zurückliegen. Ich fühlte mich plötzlich wohl, in meiner neuen Heimat, an meinem neuen Platz. Und es stimmt auch. Ich habe jetzt schon so viele neue tolle Menschen kennengelernt, Menschen, die ich sehr, sehr schnell in mein Herz geschlossen habe. Menschen, die ich schon jetzt als gute und wichtige Freunde bezeichnen würde. Und in eine junge Frau habe ich mich eben verkuckt. Komisch, so ein Gefühl, nach so vielen Monaten. Mal einige kurze Zwischenverliebungen (ein oder zwei werden es wohl schon gewesen sein). Aber irgendwie schien hier einfach alles wieder zu passen. Eine SMS, aus purer Feigheit und dem Wunsch, endlich Gewissheit zu haben, nahm mir dann die Illusionen und trotzdem freut es mich, dass sich nun doch alles so wunderbar weiterentwickelt. Kein gewünschter Abstand, kein Übelnehmen, wenn man das überhaupt kann und darf. Aber das war es eben. Und das Entlieben, so glaube ich, ging schnell. Ich lebe gerade in einer viel zu schnelllebigen Zeit. Nicht allgemein, nein. Mein Leben ist so.

Ich verbringe nun auch mein erstes Wochenende in Wien. Und freue mich, erst wieder kommenden Samstag nach Hause zu kommen. Mir fehlte letzte Woche, als ich auf der Heimreise war, das Studentenheim und all die Leute. Zugegeben, am Wochenende ist es nicht wirklich belebt. Aber es hat schon was. Und so werde ich eben erst am Samstag die heimatlich-verschneite Luft riechen (nachdem ich am Freitag einer Party beiwohne). Ich werde erwachsen. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht. Ich bin immer noch. Noch. Auf der Suche.

Auf der Suche nach mir selbst. Ein Bild von mir hat die Selbstliebe und gleichzeitig auch den Selbsthass in mir entfacht. Dieses Bild hier. [Bild funktioniert endlich] Es zeigt mich, 2006. In einem großartigen Sommer. Als ich vielleicht zum ersten und einzigen Mal halbwegs mit mir zufrieden war. Da möchte ich wieder hin. Mit dieser kindlichen Leichtigkeit. Alles hat sich verändert und auch meine Freunde. Wenn wir von Studium und Job sprechen, es geht mir alles einfach zu schnell. Vielleicht hätte ich einfach abhauen sollen, in den Sommerferien. Einfach mal weg, für ein Jahr. Vorher noch eine Bank ausrauben und dann nach Kanada trampen, mir eine Hütte an einem einsamen See – umzingelt von Wald und Grizzlys – zu kaufen. Und um dort einfach mal allein zu sein. Ohne Stress, ohne Freunde, Familie. Alleine. Um endlich einmal zu mir selbst zu finden. Um zu schreiben. Um nachzudenken. Um keine Aufgaben zu haben. Um durchatmen zu können. Ich werde mich nicht finden, und niemand wird mich je so kennenlernen, wie ich wirklich bin. Ich bin ein viel zu gespaltetes Ich. Es ist schwer. Aber ich werde euch Bescheid geben, wenn ich mich endlich gefunden habe. 

Und so fühle ich mich. Am Boden und vor kurzem noch vollkommen hoch oben. Und irgendwie fühle ich mich auch jetzt nicht schlecht. Es geht mir gut und trotzdem ist es scheiße und trotzdem doch so gut. Ich fühle mich auf dem besten Weg zu meinem neuen alten Ich. Ich will nicht der großartige Journalist sein, der super Schriftsteller, womöglich auch ein Schauspieler (die täglichen Rollen spiele ich noch nicht mal richtig gut). Ich möchte zuerst einmal ich sein. Da hilft kein Druck. Ich weiß, was ich geben kann, ich weiß, dass ich schreiben kann, Menschen mit meinen Texten auch berühren kann. Und allein das zeigt mir, zu was ich fähig bin. Ich habe Träume. Und in diese Träume passt eben gerade überhaupt nicht dieses Studium.

Ich werde es abbrechen.

Ja. Nach 7 Jahren Träumen vom Publizistikstudium in Wien nun das. Ich werde, womöglich, relativ unsicher, auch Wien den Rücken kehren. Mal sehen, was die Zukunft, der Selbstfindungstrip bis zum Sommer und auch anschließend, bringen wird. Aber ich lasse mich einfach mal durch nichts mehr aus der Ruhe bringen. Für den nächsten September werde ich mich an einer Fachhochschule für Journalismus bewerben. Jährlich werden nur 36 Menschen genommen. Man muss also gut sein, und ich weiß, dass ich es bin. Ich kann es schaffen. Als einer von 1700 Publizistikstudenten oder als einer von 36 professioneller und spezifischer Ausgebildeter einer FH … natürlich werde ich es schaffen.

NaNoWriMo fiel flach. Ich hatte zu viel zu tun und nicht die Zeit. Aber ich werde mir von nun an wieder überall hin den Block mitnehmen und an der Geschichte kritzeln. Ich werde sie formen und vielleicht gibt es schon bis Ende des Jahres ein kleines Erfolgserlebnis. Und das gibt es auch schon, für alle, die Wohlfühlgewicht 2.0 nicht mehr mitverfolgen für mich. Letzte Woche stand ich kurz vor meinen ersten 10 Kilogramm, die ich abgenommen habe. Diese Woche kann ich, dank fehlender Waage, nicht mitwiegen, aber vielleicht trink ich nächste Woche schon einen Prosecco zur Feier des Tages. Man wird sehen. 

Und was man abschließend schon sagen kann: Ein Besuch von Freunden im neuen Heim ist wundervoll, ich hasse „Religionsgemeinschaften“, die nichts anderes sind als blinder Gehorsam, und sich in der Küche unseres Heims für diesen Abend eingenistet haben, ich muss mir endlich mal die Namen der bisher wenig Bekannten im Heim merken, Schnee ist weiß und auch relativ kalt, wenn man nur mit Sommerschuhen unterwegs ist. Und was ich schon immer mal sagen wollte: Es gibt Männer, für welche man gerne schwul wäre.

Und somit befinde ich mich irgendwo zwischen Falling und Flying. Somewhere between waking and sleeping. Irgendwie am falschen Ende des Regenbogens und es ist doch ein Kobold da. Irgendwie alles gerade sehr verwirrt. Aber das ist es. Eindeutig.