Ankommen.

„Es fühlt sich an, als wäre jetzt endlich dieser eine Punkt gekommen, weißt du? Dieser eine Punkt, wo es sich so anfühlt, als wäre ich endlich angekommen. Als wäre – nein, nicht ‚als wäre ich eben erwachsen geworden‘ – nein. Als wäre eine unglaublich lange Reise zu Ende, verstehst du?“
– „Du reist doch so gerne.“

Ich grinse und küsse dich. Es ist gut, dieses Ankommen. Viele Jahre dauerte diese Reise an, ein Ende war nie in Sicht. Und plötzlich stehe ich da, mit dir im Arm und möchte mal plötzlich ganz einfach die Welt umarmen. Mit all ihren Macken und all ihren Fehlern. Vielleicht liegt es an dir. Du, die einzige Person, die ich schon seit mindestens eintausend Jahren kenne. Du, die ich von ganzem Herzen und über beide Ohren liebe. Die mir den Halt gibt, den ich so manches Mal brauche, die mir zuhört, wenn ich mal wieder vor mich hin träume und du, die mir durchs Haar streicht und mit deinen Blicken ganze Geschichten erzählst.

Es fühlt sich gut an, dieses Ankommen. Als lebe man endlich in dem Leben, das man sich immer für sich gewünscht hat. Mit einer enormen Prise Liebe, mit Plätzen, die man für den Moment Heimat nennt, mit konkreten Plänen, die vielleicht anfangs noch etwas Angst, aber viel mehr noch große Vorfreude erzeugen. Und mit dem Gefühl, dass es, wie man so schön sagt, endlich einmal läuft. Und man den Mut fasst, Träume in Angriff zu nehmen. Und den Versuch wagt, den Glauben an die Ewigkeit zurückzugewinnen.

Aber vielleicht bin ich auch ohne Halt. Das Ende der einen Reise ist womöglich der Beginn einer neuen. Doch den möchte ich mit dir gehen, möchte glücklich sein, möchte träumen. Möchte von und möchte auch mit dir träumen. Und manchmal möchte ich mit dir einfach nur die Sterne betrachten. Ich bin angekommen. Endlich. Angekommen … in der einen, in der meinen Welt.

Sturmwarnung. [17]

„Es soll Regen geben.“ Doch wir sitzen hier seit Stunden, trinken Wein und sind einfach nur am Leben.1 Der Wind rauscht durch die Bäume, reißt Blätter mit und macht auch vor unseren Haaren nicht Halt. Unaufhaltsam bahnt er sich den Weg, und ich sehe dich an. Es macht dir nichts aus. Du beobachtest die schwarzen Wolken, wie sich uns immer weiter nähern und bist erstaunt. Und vollkommen still. Es würde dir wohl auch nichts ausmachen, wenn es jetzt wild zu regnen beginnen würde. „Wir sollten gehen.“

Doch du bewegst dich nicht. Dieser Sommer, der innerhalb weniger Minute in Richtung Herbst abbog. Du saugst ihn auf, lässt ihn nicht los. Du blickst mich nicht mal an, als ich ein weiteres Mal versuche, dich von hier wegzulocken. Ich lasse mich zu dir nieder.

„Eine Sturmwarnung, siehst du.“, murmle ich noch, aber erwarte schon nicht mehr, dass du mich hörst. Du bist in deiner ganz eigenen Welt und kommst erst wieder zurück, wenn es dir genehm ist. Ich will dich nicht stören, will es aber doch auch spüren. Möchte versuchen, mit dir einzutauchen. Doch es geht nicht. Ganz hinten, am See, kommen schon die ersten Tropfen auf dem Wasser an.

„Komm, gehen wir!“, sagst du. Hüpfst auf, nimmst deine schon gepackte Tasche, drehst dich zu mir um, gibst mir die Hand. „Wir müssen weg hier.“ Und langsam tauchst du auch wieder heraus, aus der Stille. „Wunderschön, oder?“ – „Hm?“ – „Dieser Wechsel. Zuerst die Sonne und plötzlich diese düsterne Welt, diese dunkle Zeit.“ Du hast Recht. „Und der See, der plötzlich vollkommen still wird.“ Ich drehe mich um. Das war mir gar nicht aufgefallen. Aber du sagst die Wahrheit. So ruhig war er den ganzen Tag über nicht.

Die ersten Tropfen erreichen uns. „Komm, beeil dich.“, rufst du mir zu, ein paar Schritte vor mir mit dem Laufen beginnend. Und ich bleibe einfach mal stehen und genieße meinen ersten Sommerregen in diesem Jahr.

1 Juli – Tage wie dieser

to:welt

Foto: Art, as a weapon | Flickr

Och, liebe Welt. Du magst mich, ich weiß das. Sonst würdest du es mir nicht so unglaublich gut gehen lassen. Mit all meinen Freunden, all den neuen Bekanntschaften und auch den wirklich unwichtigen Menschen, mit denen der Kontakt abrupt abbricht. Mit all diesen Gefühlen von „Ja. Genau. Das ist es. Hier bin ich richtig!“ bis hin zu „Es ist doch nur eine Umarmung, bitte.“ Du würdest mich nicht seit Tagen (Wochen … nein: MONATEN!) so beständig herumschubsen, wo du doch weißt, dass es mir dabei einfach nur unglaublich gut geht. Das bin ich gar nicht so gewohnt von dir, weißt du?

Und dann schaffst du es, dass mir selbst in Wochen wie dieser hier nicht richtig zum Kotzen zumute ist. Wenn wieder einmal (beinahe schon ein Gewohnheitsding) eine Prüfung über Stay or Go entscheidet (aber Stay wohl die einzig mögliche Option ist), von so vielen Menschen mir dazu Unterstützung zugetragen wird. Wenn ein Projekt auftaucht, und ich, dank etwas Fachwissen, mit von der Partie sein kann. Wenn #job2 an meinen Nerven zehrt, weil manche Dinge eben doch etwas länger dauern. Wenn man mich anspricht, weil man durch „Die Welt und ihre Fugen“ auf mich aufmerksam geworden ist, und mich bittet, einen Gastbeitrag auf einem großen österreichischen Portal zu schreiben. Wenn am Freitag ein Konzert ansteht, und ein Interview mit der Band und auch noch #job1 am Vormittag. Und am Samstag die Geburtstagsparty eines Freundes, und am Donnerstag wahrscheinlich auch noch Party und das Leben natürlich auch noch wunderbar viel Zeit in Anspruch nimmt.

Und ich, überraschend gelassen (bis auf das Koffein in meinem Blut, mit dem ich mich den lieben schönen langen [Lern-]Tag aufgepumpt habe) da sitze. Mich einfach nur freue, ich zu sein und hier zu sein und … trotz alledem, dich einfach nur umarmen möchte, liebe Welt.

Die Welt und ihre Fugen.

Foto: guen-k | flickr

Wenn man, noch im Bett liegend, kurz die Twitternachrichten von gestern Nacht überfliegt, und einem die Gänsehaut überkommt. Man hoch geht, sich auf die Couch setzt und statt Serien nur mehr ORF, NTV, N24 und Phoenix sieht. Und immer nur hofft und immer nur wünscht, dass es nicht passiert. Das Japan von heute ist das New York von damals.

Von damals, 2001. Ten years ago. Als ich mit meinem Papa zum ersten Mal in Wien war, und wir am Heimweg im Zug plötzlich davon erfuhren. Von Flugzeugen und Hochhäusern, von springenden Menschen und möglicherweise 30.000 Toten. Von Terror und Verzweiflung. Mit meinen dreizehn Jahren damals waren die Fernsehbilder, die Wochen voll einstürzender Bauten, voll in den Tod springender Menschen, voll von Staub bedeckten Gesichtern hochinteressant. Immer und immer wieder diese Bilder, nichts Neues, nur, dass nun ein Land, das normalerweise immer einen Kommentar auf den Lippen hatte, plötzlich schwieg. Das war für mich der erste Moment, an dem ich mir dachte: Fuck, Leute. Heute ist die Welt, die meine, heute ist meine Welt aus den Fugen geraten.

Das Behütete war weg. Die Zuckerkruste rund um alles drumrum war verschwunden. Da starben Menschen, sprangen in die Tiefe. Das ist das Leben. Willkommen, Dominik. Willkommen in einer Welt, wo genau so etwas jederzeit passieren kann. Verdammt, Leute. Das war nicht leicht zu akzeptieren, wisst ihr?

Das Japan von heute ist aber schließlich doch anders. Damals, in New York, war es Terror und das Resultat entstand innerhalb weniger Stunden. In Japan war zuerst die Natur, die ihres dazu beitrug, 8,9 auf der Richterskala, dann der Tsunami, der alles mitriss. Zehntausende Menschen sind möglicherweise tot. Aber das Schlimmste wäre der Super GAU von dem die ganze Welt gerade spricht. Tschernobyl habe ich um 2 Jahre verfehlt, über die Folgen hört man aber selbst heute noch furchtbare Geschichten.

Und so sitzt man vor dem Fernseher, will nicht, dass irgendetwas passiert. Wünscht sich, dass die Leute dort ihre AKWs wieder in den Griff bringen. Denkt über Fugen nach und über die Welt. Über tektonische Verschiebungen und eine abgeänderte Erdrotation. So richtig rund läuft es wohl wirklich nicht für unsere Welt. So wirklich rund nicht.

Aber die Welt und ihre Fugen müssen auseinandergeraten. Um Menschen wieder näher zusammenrücken zu lassen, um Hilfsbereitschaft wieder zur großen Tugend werden zu lassen. Oder zumindest, um auf genau das hoffen zu können.

Die Welt pausieren. [22]

Grün. 20122010

Ich möchte die Welt pausieren
Und ganz tief einatmen
Um zu erfahren
Wie es ist.

Ich möchte die Welt pausieren
Um dich zu halten
Jeden Tag
Für immer.

Ich möchte die Welt pausieren
Und dich umarmen
Dir Wärme zu schenken
Ohne Grund.

Ich möchte die Welt pausieren
Möchte bei dir sein
Dich spüren
Ganz nah.

Ich möchte die Welt pausieren
Um deinen Hauch zu spüren
Deinen sanften Atem
In meinem Ohr.

Ich möchte die Welt pausieren
Nur für diesen einen Moment
Doch es gibt keinen Halt
Auf dieser Welt.

Stetig geht es weiter, tagein, tagaus
Und was uns bleibt
Ist die Erinnerung
Für immer.

Was wäre nur. [Ein Abschied]

Was wäre nur, wenn ich dich nie wieder sehen würde. Wenn du jetzt weggehen würdest und nie wieder zurückkämest. Wenn das Aus-den-Augen-Verlieren einfach nur ein Resultat deines überraschenden Todes wäre. Wenn du in meinem Kopf nicht als stets fröhlicher, manchmal verwirrter Mensch in Erinnerung bleiben würdest, sondern mir tage- und wochenlang dein Gesicht nach deinem Tod, oder die Atmosphäre deines Begräbnisses verfolgen würde. Was wäre, wenn ich dann vor deinen Grab stehe, und alles, was mir einfällt, ist ein müde gehauchtes „Ich liebe dich.“

Und niemand würde antworten. Weil ich meine Liebe zu dir zu lange in mir trug und aus reiner Feigheit nicht der Welt offenbaren konnte. Ich wette es würde regnen. Einfach aus Prinzip. Weil ich es mir verdient habe, so wie niemand sonst. Und womöglich breche ich auch einfach vor deinem Grab zusammen, die Kieselsteine bohren sich in meine Knie und ich spüre es nicht. Und ich heule, weil ich dich nur noch ein letztes Mal in den Arm nehmen möchte, dich ein letztes Mal küssen, mit dir ein letztes Mal in die Sterne schauen.

Selbst das müsste ich aufgeben. In die Sterne zu schauen. Weil es nicht mehr dasselbe wäre. Und weil unser gemeinsamer Stern mich Nacht für Nacht an dich erinnern würde. Und der Große Wagen? Er wäre bedeutungslos. Und trächtig. An Erinnerungen und Gefühlen für dich. Ich würde meine stille Liebe zum Nachthimmel aufgeben müssen, weil du nicht mehr da bist. Kannst du dir das vorstellen? Wo wäre ich nur heute, hätte ich nicht vor ein paar Jahren die Genialität des Unendlichen entdeckt. Und das Ende von Ewigkeiten. Jene Ewigkeiten, welche Sterne dort verbrachten, bis sie verglühten und für uns zum Wunschkonzert wurden.

Wie könnte ich schlafen. Wenn du mich jede Nacht begleitest, durch meine absurdesten Träume. Und wenn ich aufwache und mit einem Lächeln dein Gesicht erwarten würde, weil all das in dieser Nacht so real und fassbar vor meinen Augen auftauchte. Und ich Tag für Tag immer und immer wieder bitter enttäuscht werden würde. Jeden Morgen die selbe Prozedur. Würdest du da noch gerne die Augen schließen, nach einem langen und anstrengenden Tag?

Ich habe mal gesagt, ich würde die Ewigkeit hassen. Ich hasse sie immer noch. Von ganzem Herzen. Aber in meinem Kopf, so scheint es, wirst du immer gespeichert bleiben. Du und meine ungenützte Chance, dir meine Gefühle zu offenbaren. Und ich würde mich hassen und am liebsten den Spiegel zertrümmern wollen, welcher mich zu zeigen versucht. Weil ich es nicht geschafft habe und es auf ewig in mir bleiben würde. Weil du es nie erfahren hast. Weil niemand davon erfahren hat. Niemand. Außer mir. Wie hätte ich die Gefühle unterdrücken können, wenn du mir einfach dieses Gefühl der Geborgenheit gabst. Und mir die Angst vor der Nähe nahmst. Wie hätte ich je erfahren können, wie schön schweigsame Zweisamkeit ist. Vielleicht wusstest du es schon lange und warst selbst nicht sicher, wie ich darauf reagieren würde. Vielleicht sind wir gemeinsam an unserer Angst zugrunde gegangen und jetzt lässt du mich allein.

Allein hier auf dieser Welt.
Auf dieser großen, verstörenden Welt.

Und du weißt doch, wie sehr ich Angst vor Einsamkeit habe.

Auch auf Ci-Jou und jetzt.de

Doch ich bin nicht da.

Spürst du es? Ich fehle dir. Schon den ganzen Tag. Du möchtest dich festhalten an mir, möchtest mich umarmen, mich küssen. Möchtest neben mir einschlafen, und neben mir auch wieder aufwachen. Doch ich bin nicht da. Fühlst du es? Wie schmerzhaft es ist, einen geliebten Menschen so einfach gehen lassen zu müssen. Wie unbefriedigend kurze Anrufe oder Kurznachrichten sind. Du möchtest mich hören, mich riechen, möchtest, dass ich dir sanft in dein Ohr flüstere. Doch ich bin nicht da.

Warum denn auch?

Unbewohnt.

Die Hand, die du hältst. Sie beginnt zu zittern. Lass mich los.

Es hat keinen Sinn mehr. Du hältst mich fest, lässt mich nicht los. Hältst mich zurück, versuchst mich zu beschützen. Und machst dabei doch alles noch schlimmer. Wo soll ich hin. Ich weiß es nicht. Ich kenne gerade keinen Ort, an dem ich mich wohl fühle. Glücklich und zufrieden. Ich bin nirgendwo zuhause, zurzeit. Es ist, als wäre ich ewig auf der Suche. Und erst wenn ich ihn gefunden habe, den Ort, bin ich beschützt. Like I’m Home.

Die Nähe zu dir tut weh. Sie schmerzt, sogar jetzt, wo du fürsorglich sanft meine Hand hältst. Ich beginne zu schwitzen und atme schwer. Ich schüttle dich weg und weiß doch, dass du nie ganz weg sein wirst. Irgendwo hast du einen Platz gefunden, wo du mich immer beobachtest, und auf mich wartest. Wo du mir Worte in meinen Kopf wirfst und der Gedankentopf irgendwann überfüllt wird.

Ich fühle mich gerade unwohl. In meiner Haut und meiner Routine. In diesem Haus und in diesem Ort. Irgendwie passt gerade gar nichts. Ich fühle mich beschissen und du hältst meine Hand. Du weißt gar nichts und lächelst. Lächelst, wie du immer schon gelächelt hast. Aber du weißt nichts. Hast keine Ahnung, wie es mir geht. Und ich habe keine Lust, es dir zu sagen. Du würdest mich doch nicht verstehen. Würdest es doch nicht einmal versuchen.

Zu Bett werde ich gehen. Werde mich einrollen in diese Decke, die mir Wärme zu schenken versucht. Ich fühle mich kalt. Allein in diesem Bett für zwei. Alleine in diesem Haus mit zwei anderen Menschen. Alleine auf dieser Welt. Fühle mich einsam. Gemeinsam einsam. Und du. Du lächelst. Vielleicht kommst du ja weiter mit dieser Masche. Ich würde es dir zumindest nicht wünschen. Aber lächle ruhig. Lächle und glaube immer daran, dass die Welt so wunderbar und so einfach ist. Irgendwann wird auch dir der Boden unter den Füßen weggezogen.