Schatten.

Weihnachten ist. Ja, was ist Weihnachten. Ich weiß es nicht. Und dieses Jahr scheint, das, was all die Jahre, seit ich mich erinnern kann und noch viele Jahre zuvor wahrscheinlich, ein Fixpunkt war, ein Ende zu nehmen.

Weihnachten hat sich entwickelt. Von den leuchtenden Kinderaugen, als die Schachteln, in der die Geschenke verpackt waren, noch das Interessanteste waren. Über das Geschenkemassaker, als die Wunschliste schon im Sommer feststand. Bis zu dem, was es bis zum letzen Jahr war: eine Zusammenkunft der Menschen, die ich liebe. Mit meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Oma, Tante, Onkel, Cousin, Cousine und deren Partnern. Das wird es dieses Jahr in dieser Form nicht geben.

Weihnachten hätte, wäre es nach meiner Mama gegangen, schon einmal ausgefallen. 2007, in dem Jahr, als unsere Familie den schmerzlichsten Verlust, den Tod eines Kindes verarbeiten musste. Ich habe darauf bestanden, so wie jedes Jahr zu feiern: bei meiner Oma, mit der Familie. Es war ein hartes Weihnachten, ein Weihnachten voller Tränen und Traurigkeit, aber doch etwas, das uns vielleicht noch viel weiter zusammengeschweißt hat.

Weihnachten soll dieses Jahr anders werden. Weil man manchmal nicht Manns genug ist, um über seinen eigenen Schatten zu springen. Um Kompromisse einzugehen. Um auf die Menschen, die man eigentlich lieben sollte, Rücksicht zu nehmen. Vielleicht ist man sich einfach gar nicht bewusst, was man hier aufs Spiel setzt. Was das für mich bedeutet. Für mich und meine ganze Familie.

Schatten können sich zu einem Teufelskreis entwickeln. Wenn man in ihnen gefangen ist, und die Angst hat, beim Überspringen sein Gesicht zu verlieren. Aber vielleicht muss man dieses eine Gesicht verlieren, um in Wirklichkeit das eigene Gesicht zu wahren. Ich habe nun schon überlegt, Weihnachten in diesem Jahr vollkommen ausfallen zu lassen, mich in die leere WG kilometerweit entfernt der Familie in eine Decke einzuwickeln und mit Popcorn und Chips einen traurigen Film anzusehen. Doch ich werde dabei sein. Werde Weihnachten feiern. Und vielleicht auf ein kleines Weihnachtswunder hoffen. Denn so unüberwindbar sind diese Schatten in Wahrheit gar nicht.

Weißt du, was ich mir wünsche? [24]

Wunderlampe. 18122010

Es ist kalt. Dicke Schneeflocken bahnen sich den Weg bis zu uns durch. Wir beide, aneinandergekuschelt, meine Hände in deinen Jackentaschen versteckt, meinen Kopf auf deiner Schulter, stehen da. „Endlich wieder einmal weiße Weihnachten.“, sagst du und ich murmle dir nur ein „Mhm.“ ins Ohr. Es ist schön, den ganzen Tag, wo jeder nur mehr gestresst und ohne Halt der Bescherung entgegenwütet, mit dir gemeinsam verbringen zu können. Uns lässt nichts mehr aus der Ruhe kommen.

„Ich freu‘ mich schon auf die leuchtenden Kinderaugen und…“ – „Auf die Geschenke?“, wirfst du ein. „Nein. Darauf nicht. Auf das Zusammensein mit der Familie. Auf Gespräche, die ansonsten nie stattfinden würden, auf Lachen, auf Kerzenschein, auf das Weihnachtsevangelium.“ – „So richtig christlich.“ – „Mhm. Irgendwie schon. Aber ich kann mir irgendwie Weihnachten nicht mehr ohne all dem vorstellen. Und die schrecklich falsch gesungenen Lieder und das hektische Austeilen der Geschenke.“

„Es ist schön, dass du heute Zeit hattest.“ – „Ich habe darauf gehofft, dass du anrufst, ob du noch schnell vorbeikommen würdest. Und ich hoffte, dass dein ’noch schnell‘ so wie immer sein wird.“ Wir gehen weiter durch die bezaubernd weiße Schneelandschaft. Vorbei an eingeschneiten Parkbänken, und vollkommen nackten, halb erfrorenen Bäumen. Bis du mich schließlich in den Schnee schubst und dich gleich daneben hinlegst. Du lachst, so wie du immer lachst, wenn dir etwas gefällt. Bewirfst mich mit dem Schneestaub, und wischt es mir mit der gleichen Handbewegung wieder aus dem Gesicht. Und ich, die eine Hälfte meines Kopfes im Schnee vergraben, um dir in die Augen zu sehen, sage nur „Danke. Danke, dass es dich gibt.“ Und du lachst. „Und danke, dass du es mit mir versuchst und danke, dass du es nun schon so lange mit mir aushältst.“ Du küsst mich.

„So ungleich wir auch sind. Weißt du … ich glaube, das macht das Besondere an uns beiden aus, glaubst du nicht?“ – „Mhm. Kann schon sein.“ – „Aber vor allem ist es, weil wir einfach beide so außergewöhnlich sind. Das erkennt zwar nicht jeder, aber Hauptsache, wir beide tun es.“, legst du schmunzelnd nach. Die Kälte zieht schön langsam in meinen Körper hinein und doch bleibe ich liegen. Hier neben dir, immer wieder deine in kuschelige Handschuhe eingepackten Hände an meinem Gesicht, immer mal wieder ein Kuss. Es ist schön und wohl das schönste Weihnachten aller Zeiten. Für immer. Und die Ewigkeit.

„Weißt du, was ich mir wünsche?“ – „Nein?!“ – „Dass es bitte immer so bleibt. Das wäre schön.“ – „Mhm, das wäre es.“ Es wäre wundervoll. „Und nein, das hat jetzt nichts mit Traumschlossbauarbeiten zu tun, mit einem neuen Ewigkeitsparadigma. Nein, es ist einfach nur so schön, dieses Gefühl, und dass ich mich mit dir so unglaublich gut fühle. Das schaffen nur wenige Menschen.“ Dein Kopf schmiegt sich an meine etwas mit Schnee bedeckte Schulter. Wir könnten so liegen bleiben. Doch irgendwann stehst du wieder auf, ziehst mich hoch und meinst: „Wir müssen Engel machen.“ Wirfst dich in eine noch unberührte Schneedecke und wedelst mit Händen und Beinen, um diese wunderbar kindliche Erinnerung wieder ins Gedächtnis zu rufen. Stolz springst du auf, hüpfst aus deinem Abdruck hervor und meinst: „Siehst du. Das ist es. Das ist etwas für die Ewigkeit.“ Und ich lächle nur mild und wir gehen weiter.

1643

Und wie es nervt. Diese Zeit, die hier. Eben gerade. Das Jetzt, also. Alles so stinklangweilig und stressig, so laut, so niederstreckend unnötig. In der Zeit der Stille kann von Stille wohl keine Rede sein. Viel eher befindet sich mein Leben in genau diesem einen Monat im Ausnahmezustand. Schon klar. Man muss ja nicht. 

Nichts muss man. Ist ja selbstbestimmend und schon groß. Schon gut. Lassen wir das.

Weihnachten nervt solange bis Weihnachten da ist. [Twitter, 20:58] Eine, meine Weisheit. Weihnachtsfeiern mit Freunden sind großartig, aber wer hat diesen Arsch von Kater eingeladen, der immer am Tag danach auftaucht? [Twitter, 21:01] Und jetzt nur noch schnell morgen zertreten werden von hysterischen Menschenmassen, dann heim, packen, und Weihnachten kann kommen. [Twitter, 21:03] Und womöglich noch einmal Skifahren. Mit Freunden. Am Weihnachtsvortag. Um dann physisch tot noch einmal mit Freunden zu feiern. [Twitter, 21:05] That’s it. Nicht mehr und nicht weniger. 

Ich möchte in diesen Wochen einmal aufwachen, ohne dass mir irgendjemand meiner Elternriege es mir an den Kopf wirft, dass kein normaler, gesunder Mensch in meinem Alter so viel Schlaf nötig hat. Wären sie in meinem Körper, würden sie mich wohl verstehen. Denn wenn der Winterschlaf für Tiere wunderbar ist, warum sollte dann ich als Mensch denn darauf verzichten.

Okay, zugegeben. Ich weigere mich weitesgehensd diesem Eintrag irgendeine Art von Sinnhaftigkeit zu verleihen. Ich bin nur gerade so müde, so matt, so zermürbt und so schrecklich overdressed [und bin verwundert, dass die Abschlussalben des Jahres 2008 so furchtbar einfallslos sind, dazu aber vielleicht später mehr]. Ich wollte eigentlich nur noch einmal zeigen, dass es mich noch gibt. Und das ich im innersten Inneren meines Inneren weder traurig noch glücklich bin. Entscheidungsfreudig war ich noch nie, und so stehe ich einfach dazwischen. Mal sehen, was dabei rauskommt. Und vor dem Jahreswechsel kommt hier noch was. Das war ja klar.

Bild von +Maco+