Für uns allein.

AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by lydia chow

Die Sonne bricht durch die dicke Wolkendecke. Du und ich, wir beobachten sie, wir saugen sie auf, wir atmen sie ein. Es ist der Anfang, wo kein Ende war, es ist der weitere Beginn eines gemeinsamen Ganzen. Manchmal fühlt es sich noch seltsam an. Wie lange habe ich darauf gewartet, habe gehofft, jemanden lieben zu können und auch selbst geliebt zu werden. So wie ich bin und so wie ich sein möchte. Mit all meinen Träumen, meinem Irrsinn, mit all meiner Ungewissheit. Und Tag für Tag fühlt es sich so an, als würde ein weiterer Teil meines Herzens zu dir wandern, ein weiterer Platz in meinem Kopf nur für dich reserviert sein.

Als ich mit hohem Fieber neben dir lag, die Wahrnehmung nur mehr sehr verschwommen, hast du mich in den Arm genommen. Hast mich einfach nur gehalten, warst du als ich vor innerer Wärme schwitzte und vor äußerer Kälte zitterte. Das war einer der Momente, in denen mir aus vollem Herzen und tiefster Überzeugung wieder einmal klar wurde, dass uns hier etwas ganz Besonderes verbindet. Und während andere den Jahreswechsel mit Alkohol und Freunden begossen, bist du bei mir im Bett geblieben, hast mir Gesellschaft geleistet und warst für mich da.

In Wahrheit habe ich dich wahrscheinlich gar nicht verdient, und genieße es doch. Genieße, hier zu sein, hier bei dir. Wir beide sind so perfekt unperfekt, so außergewöhnlich gewöhnlich. Wir zwei sind die Symbiose zweier wundervoller Menschen, die sich einfach nur lieben. Kaum zu glauben, wie viel du mir bedeutest. Wie viel ich für dich empfinde. Und mit niemand anderem sehe ich mir lieber an, wie die Sonne durch die Wolkendecke bricht. Denn in Wahrheit strahlt sie wohl nur für uns. Für uns allein.

Schatten.

Weihnachten ist. Ja, was ist Weihnachten. Ich weiß es nicht. Und dieses Jahr scheint, das, was all die Jahre, seit ich mich erinnern kann und noch viele Jahre zuvor wahrscheinlich, ein Fixpunkt war, ein Ende zu nehmen.

Weihnachten hat sich entwickelt. Von den leuchtenden Kinderaugen, als die Schachteln, in der die Geschenke verpackt waren, noch das Interessanteste waren. Über das Geschenkemassaker, als die Wunschliste schon im Sommer feststand. Bis zu dem, was es bis zum letzen Jahr war: eine Zusammenkunft der Menschen, die ich liebe. Mit meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Oma, Tante, Onkel, Cousin, Cousine und deren Partnern. Das wird es dieses Jahr in dieser Form nicht geben.

Weihnachten hätte, wäre es nach meiner Mama gegangen, schon einmal ausgefallen. 2007, in dem Jahr, als unsere Familie den schmerzlichsten Verlust, den Tod eines Kindes verarbeiten musste. Ich habe darauf bestanden, so wie jedes Jahr zu feiern: bei meiner Oma, mit der Familie. Es war ein hartes Weihnachten, ein Weihnachten voller Tränen und Traurigkeit, aber doch etwas, das uns vielleicht noch viel weiter zusammengeschweißt hat.

Weihnachten soll dieses Jahr anders werden. Weil man manchmal nicht Manns genug ist, um über seinen eigenen Schatten zu springen. Um Kompromisse einzugehen. Um auf die Menschen, die man eigentlich lieben sollte, Rücksicht zu nehmen. Vielleicht ist man sich einfach gar nicht bewusst, was man hier aufs Spiel setzt. Was das für mich bedeutet. Für mich und meine ganze Familie.

Schatten können sich zu einem Teufelskreis entwickeln. Wenn man in ihnen gefangen ist, und die Angst hat, beim Überspringen sein Gesicht zu verlieren. Aber vielleicht muss man dieses eine Gesicht verlieren, um in Wirklichkeit das eigene Gesicht zu wahren. Ich habe nun schon überlegt, Weihnachten in diesem Jahr vollkommen ausfallen zu lassen, mich in die leere WG kilometerweit entfernt der Familie in eine Decke einzuwickeln und mit Popcorn und Chips einen traurigen Film anzusehen. Doch ich werde dabei sein. Werde Weihnachten feiern. Und vielleicht auf ein kleines Weihnachtswunder hoffen. Denn so unüberwindbar sind diese Schatten in Wahrheit gar nicht.

Irrsinn.

Halt. Ihr müsst mich nicht verstehen. „Zugestiegen?“ – „Hier, bitte.“ Der Schaffner. Ein weiteres Mal und ich krame in meiner Tasche nach Lektüre, nach Unterhaltung, nach irgendeiner Form der Ablenkung. Ein Notizblock. Und da … ein Kugelschreiber. Ich beginne zu kritzeln, male kleine Formen darauf, schreibe Worte, kratze Gedankenblasen in das Papier. Manche würden es als Kunst bezeichnen, für mich ist es ein Abbild meines inneren Chaos. Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein verrückter, vereinsamter Freak. Nein, wirklich nicht. Aber ich kenne mich und es ist nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert.

Nicht in dieser Form, natürlich nicht. Aber es gibt gravierende Ähnlichkeiten. Und ich ärgere mich ganz einfach darüber, dass ich nichts daraus gelernt habe. Ich bin einfach der Typ für dieses „Hals über Kopf“, für dieses „Auf den ersten Blick“. Ich bin dieser verträumte, hoffende Typ, der auch schon mal zwei Jahre einem Mädchen hinterherläuft, dass in Wahrheit nichts von einem will. Und dabei würde es doch soviel einfacher gehen. Nur, in Sachen Liebe nehme ich nur sehr ungern diesen Weg der Einfachheit. Wenn, dann kompliziert … und dann natürlich auch wenig zielführend.

Die Stationen ziehen vorbei, der Zug leert sich schön langsam. Nicht mehr lange, und ich stehe wieder am Bahnsteig, an dem meine Geschichte begann. In diesem Dorf, dessen einziger Vorteil es ist, dass es nahe an einem See liegt und man auch einfach mit dem Zug woanders hinfahren kann. Ein Ort, der aufgrund fehlender Relevanz vor allem eines ist: ein Paradies für alte Menschen. Grausam, an genau so einem Ort aufzuwachsen. Aber im Grunde habe ich die bisherige Hälfte meines Lebens in der Nachbarstadt, an genau jenem See verbracht. Mein Dorf ist so etwas wie die Vorstädte aus den amerikanischen Filmen. Nur hatten wir keine großen Gärten mit radfahrenden Kindern, keine Briefkästen am Gehweg, keinen Zeitungsjungen und keine weitläufigen Straßen, die zum Fußballspielen oder Rollschuhhockey einluden. „Wunderbare Jahre“, wie die Serie über damals, konnte man hier nur mit sehr viel Willenskraft und Optimismus hinter sich bringen. Aber ich übertreibe wahrscheinlich. Zumindest kann ich behaupten, dass ich, seit ich 13 war, begann, mich in Wien zu verlieben. Diese Gegensätze: hier ein paar Tausend Einwohner, dort die Millionen. Hier die gähnende Leere, dort das pulsierende Leben und die unglaublichen Möglichkeiten. Und während andere noch nicht wussten, was sie nach ihrem Abschluss machen möchten, hatte ich schon jahrelang einen Plan für mich festgelegt. Und genau den habe ich diese Woche angetreten.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 3 „Kennenlernen“]

So finster die Nacht. [23]

Dunkel der Nacht. 20122010

Menschen waren mir schon immer suspekt, denke ich mir und während ich etwas verzweifelt umherblicke, erkenne ich dein Gesicht in dieser Menge. Du winkst mir zu, und ich stolpere dir entgegen, remple den einen und die andere an, nur um so schnell wie möglich bei dir zu sein. Du nippst an deinem Strohhalm, nimmst einen tiefen Schluck deines alkoholhältigen Getränks und fällst mir um die Schulter. Es ist schön dich zu sehen, und schön langsam erhellt sich auch meine Stimmung etwas, doch du stellst das Getränk zur Seite und ziehst mich langsam aus der Menge wieder hinaus.

„Wir müssen hier weg.“, meinst du und packst meine Hand und wir beide verlassen den Platz so schnell, wie ich gerade gekommen bin. Verlassen die gewohnten Wege und wagen uns hinaus, in das Dunkel der Nacht. Spüren die Kälte des Windes, und orientieren uns an den Straßenlaternen, die die letzten sein würden, die uns für diesen einen Abend Licht schenken werden. Deine Hand ist warm, und meine zittert etwas, weil ich nicht weiß wohin und vor allem warum. Doch du willst es mir nicht sagen, aber deine Augen, die zuvor noch so wunderbar leuchteten, schimmern jetzt im Lichte der Laternen. Du weinst und ich habe keine Zeit und wohl auch keine Ahnung, wie ich dir helfen kann. Folge dir blind, nur um dir in diesem Moment so nahe wie möglich zu sein.

Wir biegen in eine unbekannte Straße ab, das Dunkel der Nacht hüllt uns endgültig ein und wir stolpern und wanken ganz hektisch und langsam durch unser neues Terrain. Deine Hand klammert sich an die meine und ich spüre dieses Unbehagen, deine Angst und am Liebsten würde ich dich an mich drücken, würde dir den Halt geben, denn du gerade so sehr brauchen könntest, doch ich kann nicht. Nichts ist wie es war, und die Stille, nur das Atmen unserer beiden Lungen, und ein paar quietschende Reifen in der Ferne tanzen fröhlich um uns herum. Was ist denn los, möchte ich fragen, doch bleibt mir keine Zeit dazu. Den kleinen Hügel ziehst du mich hoch und ungewohnten Schrittes folge ich dir hinauf bis du dich schließlich niederlässt. Dich setzt und mir den Platz neben dir anbietest. Es ist schön hier.

Und im Dunkel der Nacht legst du deinen Kopf auf meine Schulter und beginnst bitterlich zu weinen und ich lege meine Hand um dich und will gar nicht wissen, was geschehen ist. Will dich nicht belasten, dich durchlöchern, mit Fragen, die niemand hören will und mit Antworten, die niemand auszusprechen bereit ist. Will nicht mit Floskeln werfen wie „Das wird schon wieder“, oder „Ist schon gut.“. Und du schluchzt und ich zittere, und gemeinsam blicken wir hinaus in den Horizont, verdunkelt und doch hell erleuchtet. Und schweigen uns an, als wäre alles schon gesagt.

In The Sun.

Ohne Bedenken ziehe ich los. Lasse sein, was mein Leben lang mein Eigen war.

Mit dem Gesicht schlage ich fast täglich hart auf dem nassen Asphalt auf. Stolpere in Gedanken, wenn ich mir die Zukunft ausmale. Alleine schon das Wort Zukunft ist lächerlich. Was sagt dieses Wort aus? Ist es doch nur Platzhalter für eine Zeit, die kommen wird. Die anders sein wird als in jeder möglichen Vorstellung. Es wird anders, und doch freut man sich viel zu überschwänglich auf das Danach. Ich bin es, der größte Architekt der Welt. Niemand baut so wunderschöne Traumschlösser wie ich. Mit soviel Prunk und überflüssigem Schnickschnack. Und ich bin auch der Typ, der einen Stein vergisst und das Schloss zum Einsturz bringt.

Kann ich mich eigentlich für irgendetwas begeistern? Ich wirke perspektivenlos, obwohl ich einer der wenigen Menschen meines Alters bin, der ganz genau weiß, wo er hin möchte. Schon vor fünf Jahren wusste ich, welchen Weg ich gehen möchte. Und natürlich, wie sollte es anders sein, so kurz vor der dem Beginn, lasse ich mich am Wegesrand nieder und bezweifle meine Entscheidung. Das hatte ich schon immer. Ich bin nicht sehr entschlussfreudig. Und zweifle unglaublich gerne. Denn wäre ein anderer Weg nicht leichter, schöner, sonniger?

Es sind nur mehr acht Handvoll Tage bis ich Leben 3.0 abschließen kann und nach einigen freien Tagen Leben 4.0 endlich losgeht. Ein neuer Lebensabschnitt. Es ist, als würde ich mich noch nicht dazu bereit fühlen. Als wäre ich noch viel zu jung, obwohl ich schon in meiner alten Schulklasse zu den älteren Semestern gehörte. Ich war ein Spätzünder und nach anfänglichem Ärger über diese Bezeichnung bin ich nun wirklich zufrieden damit. Es stimmt eben und nicht jeder kann das von sich behaupten. Den Gefühls- und Gedankenchaos auch mit 20 Jahren mit voller Wucht zu spüren, das hat schon was.

Ich müsste so viel verändern. Es gibt schon genug Texte, in denen ich über eine gewünschte Veränderung geschrieben habe. Mal war es das Gewicht, mal das ganze Leben. Ich möchte lieben können und möchte geliebt werden. Ich möchte ehrlich lachen können und möchte mich nur mit den Menschen unterhalten, die mich auch wirklich interessieren. Ich möchte Teil der Gesellschaft sein, und doch so anders. Möchte mich treiben lassen, während ich mit dem Strom schwimme. Und ja, ich habe mich verändert und ja, ich werde es auch noch weiter. Werde anders werden und doch immer so bleiben, wie ich bin.

I’m only happy in the sun. Es wird bald wieder Sommer. Sommer. Die Zeit, die mit Wärme und Freundschaft und Freiheit aufzuwarten weiß. Ich freue mich darauf und liebe es. Und sehne mich nach langen Abenden, und Sonne und den See. Wie wunderbar wird die Zeit. Und vielleicht zerschlägt diese Zeit auch all die Zweifel.