Liebe, Fantasie und Träume

All I Need. Das ganze Zimmer und die Welt am anderen Ende der Fenster sind dunkel. Finster, rabenschwarz. Nur dieser Bildschirm hier leuchtet und strahlt von meinem Bett aus. Die Nacht heute ist so verdammt still, nicht einmal das Zirpen gelangweilter Grillen oder der hektische Flügelschlag hyperaktiver Nachtfalter. Einfach nichts. Nur die Musik von Air und das Tippen der Tastatur. Ich, alleine in diesem, für eine Person doch verdammt großen, Bett. Und beinahe jede Nacht, kurz vor dem Einschlafen ereilt mich das Gefühl der Einsamkeit. Die Nacht wieder einmal alleine zu verbringen.

Was mir fehlt sind die Schmetterlinge. Das Kribbeln im Bauch, die Tagträume und das ständige Lachen auf meinem Gesicht. Mir fehlt die Zärtlichkeit, und die Liebkosung mit Worten und das Hauchen von Worten in mein Ohr, die Gänsehaut. Mir fehlt das gemeinsame Einschlafen, nackter Körper an nacktem Körper. Mir fehlen die stundenlangen, tiefsinnigen Gespräche und der zweite Teil des Wortes „wir“. Doch Schmetterlinge kann man nicht heraufbeschwören, und ist man nicht auf der Suche nach Nachtfaltern, kann es einige Zeit dauern, bis man den Nächsten erblickt. Und da hilft kein Warten und kein Hoffen und kein Suchen. Manchmal muss man die Einsamkeit eben akzeptieren.

Und so liege ich hier, mit verkrampfen Händen, waagrecht. Hier, und Air singt vom Cherry Blossom Girl und ich meine beinahe so ein Mädchen zu verdienen. Eine junge Frau, zu der genau dieses Lied passt, auf welches es zugeschneidert ist. Und irgendwie baue ich mir eine Welt mit Air auf. Amour, Imagination et Rêve. Liebe, Fantasie und Träume.

Once upon a time /at/ on hell of a party /I was looking for a/ new star in the sky. /I/ remember /the/ photograph /of the/ redhead girl /, that awful fucking/ napalm love. /And/ all i need ce matin la, Another day, somewhere between waking and sleeping /I/ run. /Looking for that wonderufl/ cherry bossom girl, /But the only thing I got, was a/ lost message. /Someone wrote four words:/ Amour, Imagination et rêve.

Die Nacht ist kühl und immer noch so verdammt dunkel. Eine Portion Schlaf bitte. Und Schmetterlinge. Extra verrechnen? Schon gut, machen sie sich nicht ins Hemd. Geht schon klar. Ich bezahle sowieso erst später. Okay?

Liebe, Wunschgedanke, Unfähigkeit und das abrupte Ende.

Auf Parties, so lustig sie auch sein mögen (und diese Party war bis auf die letzte Stunde definitiv wunderbarst lustig), kommt es immer mal zu der Situation, in der man zu reden beginnt. Über unerwiderte Liebe, über die Suche nach Mr./Miss Perfect. Und über die Unfähigkeit der Liebe, stets fair zu sein. Auch dieses Mal war es so, und mich stimmt das jedes Mal wieder so verdammt nachdenklich.

Liebe. Ja, wir alle sind auf der Suche nach Liebe. Nicht Sex. Liebe, ganz einfach: Zärtlichkeit, Nähe, das Gefühl über alles geliebt zu werden, das Berühren nackter Haut, Gespräche mit einem Menschen, den man beinahe Seelenverwandten nennen kann. Und vielleicht ruht hier auch schon das Problem. Die Tatsache, dass man sich jeden potentiellen Partner perfekt redet. Und sollte er einmal aus seiner Perfektion hinausgeraten, ist man am Boden zerstört. Niemand ist perfekt. Auch ich nicht. Das weiß ich nun auch schon seit längerem (und die Wiederauffrischung der Gedanken durch das NEON-Interview tat ihr Übriges) und bin vollkommen zufrieden mit diesem Gedanken.

Eine Freundin meinte, dass sie sich stets den Menschen, den sie sich in diesem Zeitpunkt gewünscht hatte, über kurz oder lang auch „bekommen“ hat. Ein paar Anhaltspunkte, und irgendwann stand er auch schon vor der Tür. Es ist alles schön und gut, aber fiel es ihr überhaupt jemals richtig schwer, jemanden zu finden. Nein. Überhaupt nicht. Solange ich mich erinnern kann, hatte sie immer jemanden bzw. jemanden in Aussicht.

Was soll ich mir schon wünschen? Ich habe Ansprüche. Vielleicht sogar zu hohe. Aber warum sollte ich meine Ansprüche senken. Und diese Ansprüche beziehen sich vielleicht zu 4% auf das Aussehen. Irgendwann würde sie schon vor mir stehen und das war’s dann. So in etwa. Ich habe keinen Dschini, keine drei Wünsche frei und ich mache mich definitiv nicht mehr auf die Suche. Man lernt einfach kennen und manchmal eben auch lieben.

Liebe ist etwas Wundervolles. Einzigartig bis ins kleinste Detail. Und ich weiß, dass ich mich in der Art, wie meine Freunde ihren Part als Beziehungspartner ausleben, vollkommen von ihnen unterscheide. Gerade heute hat mich zumindest eine Person wieder vollkommen genervt, und ich bewundere seine Partnerin für die Geduld und die Ausdauer. Ich würde alles anders machen und habe auch aus meiner ersten und bisher letzten Beziehung gelernt, niemals das Gefühl der Einengung aufkommen zu lassen. Ich wüsste schon, wie es geht, so viel steht fest.

Und dann gibt es wieder eine Freundin, die das Problem hat, dass dieser eine Typ sozusagen beziehungsunfähig ist. Ich kenne ihn nun schon seit sieben Jahren, und seit ich mich erinnern kann, habe seine potentiellen Freundinnen genau dieses Problem herausgehoben. Ist das denn wahre Liebe, wenn man sich einfach nicht binden möchte. Wenn zwar etwas am Laufen ist, man aber stets vermeidet, mehr aufkommen zu lassen? Ich weiß es nicht. Und ich verstehe es nicht. Dann sollte man einfach Nein sagen und sich vertschüssen. Aber dazu fehlt meist der Anstand und die Courage.

Und schlussendlich sind wir zu dem Fazit gekommen, dass das alles eigentlich an uns scheitert. Wir sind einfach ultimativ, wir sind die besten Beziehungspartner, und durch unsere Ultimativität fällt es uns schwer, jemanden auf gleichem Ultimativitätsniveau zu finden. Und nebenbei muss ich noch zugeben, dass zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Alkohol geflossen ist (bei den Anderen) und ich schon heftig müde war.

Wenn denn nun die Frage aufkommt, ob ich denn nun endlich über meine Exfreundin hinweg bin, kann ich keine klare Antwort sagen. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen, und weiß nicht, wie mein Herz reagiert, wenn ich sie das nächste Mal sehe. Aber ich nehme mir hiermit hoch und heilig vor, einfach mal wieder auf meinen Kopf zu hören, der mir stets sagt: Sie ist es nicht wert. Wir hätten groß werden können, die Helden von heute. Und für sie hat es eben nicht zum Heldentum gereicht.

Wobei nun auch noch dieses eine Verständnisproblem für uns alle auftaucht. Wie kann bei einer Person von einem Moment auf den anderen die Gefühle weg sein. Man trennt sich, heult vielleicht mal ein, zwei Tage oder auch ’ne Woche und dann ist man so gut wie drüber hinweg. Während der andere (das wären dann wir) noch Wochen, Monate, und im Maximalfall 4 Jahre dranhängen (mein Maximum sind 2,5 Jahre). Und das Rechenbeispiel, all die unnötig verstrichene Zeit nach einem Beziehungsende noch draufging, bis man sich endlich wieder neu verlieben konnte. Darüber mag man dann nicht nachdenken. Deswegen bleiben wir wohl bei unserer Ultimativitätstheorie. Da steigen wir wenigstens mal wieder richtig gut aus.

Millions of answers for never asked questions.

„Was tust du denn hier?“, fragte sie mich, die Hände in einem Geschirrtuch abwischend, die Tür gegen die eigene Schulter gelehnt, die Stirn leicht verschwitzt. ‚Ich hätte also doch anrufen sollen.‘, denke ich mir und um den Moment nicht noch peinlicher werden zu lassen, würde ich jetzt am liebsten gehen. Oder einen Rewind-Button suchen, und dann hätte ich mich selbst daran gehindert, anzuläuten. Doch jetzt stehen wir hier. Wir beide, lange haben wir uns nicht mehr-. „Hallo?“

Oh, ja. Antworten muss ich jetzt. „Was tust du denn hier?“, wiederholt sie, nun schon in etwas besorgterem Ton. „Ääää. Ähm. Also. Ich wollte nur mal Hallo sagen.“ Komm, los. Nimm meinen Kopf und schlage ihn bitte mit voller Wucht gegen die Tür. Das wäre zumindest die perfekte Reaktion auf dieses absolut dummen Satz. „Ach.“ – „Nein, also. Hm.“, ich muss mich erst wieder richtig sammeln. Was ist nur los mit mir, heute? „Ja, du … ich war in der Nähe und dachte, ich könnte ja mal vorbeisehen. Dich besuchen oder so.“ Puh: Zwei Sätze in Folge. „Stör‘ ich gerade?“

Und obwohl ich es genau weiß, dass sie lügt, akzeptiere ich ihr Nein. „Komm rein. Ich habe nur noch nicht aufgeräumt.“ Den Satz mit ‚Aber was hast du denn? Im Gegensatz zu meinem Zimmer ist das doch perfektestens aufgeräumt.‘ erspare ich mir. Das ist doch nur ’ne dumme Floskel. Ich ziehe mir tranceartig die Schuhe aus, hänge die dünne Sommerjacke an die Garderobe. Sie hat sich kaum verändert. Älter ist sie geworden. Ich folge ihr in die Küche.

„Kaffee?“ – „Mhm.“ Und schon beginnt die Maschine zu brodeln und zu pfffzen. Nach einer kurzen Stille, beinahe etwas beunruhigend, die nächste Frage. „So wie immer?“ Und ohne daran zu denken, dass es schon Monate aus ist, als wir zum letzten Mal gemeinsam Kaffee tranken, bejahte ich. Diese zwei Stück Zucker würde ich wohl auch verkraften. Und irgendwann sitzen wir uns gegenüber. Ihr Lächeln ist noch das Gleiche. Und obwohl ich sie bei irgendetwas gestört habe, scheint auch sie etwas froh zu sein, mich zu sehen.

„Na, wie gehts?“, beginne nun ich einmal die Konversation. „Gut.“, meint sie nur, doch dann beginnt sie zu erzählen. Und ich höre zu. So wie früher eben. Nur, dass irgendwann auch ich zu reden beginne und wir schlussendlich nach Stunden und einigen Kaffees alles wissen. Alles, vielleicht sogar zuviel. Und irgendwann, es ist schon dunkel, kurz vor Mitternacht, ergreife ich die Flucht. Bedanke mich, stelle die Tasse in das Spülbecken und wir beide, sie und ich, gehen zur Tür. Als sie mir dann den letzten Satz hinterher wirft, zaubert sie mir ein kleines Lächeln aufs Gesicht. „Komm ruhig mal wieder vorbei, wenn du mal kurz ‚Hallo‘ sagen willst.“

The Riddle. Solved.

Da wurde aber auch mächtig gemutmaßt. Und was soll ich sagen. Nach einer siebzehnminutigen Interviewerei gestern und einer elfminütigen Abänderung wird meine Telefonrechnung diesen Monat jene vom letzten defintiv übersteigen. Und ich denke, jetzt ist es an der Zeit, euch das große Rätsel aufzulösen.

Die ersten Gedanken von Luca und René und der Gedankenblitz während einer Toilettensitzung von Lucy hatten Recht. Ich komme in die NEON. Ich und Neon. Was und wieso und weshalb und warum. Die wirklich wunderbar nette Redakteurin Annabel Dillig arbeitet für eine der nächsten Ausgaben an einer Reportage. Das Thema könnte man mit „Wenn aus Liebe Abhängigkeit wird“ beschreiben. Ich weiß noch gar nicht, wie viel ich verraten darf, aber nun gut.

Sie wurde auf mich, einen alteingesessenen NEON.de-User aufmerksam durch einen Text, den ich im April 2007 geschrieben habe. Ohne großen Hintergedanken muss ich zugeben. Ein minimal literarischer Liebestext, vollkommen autobiografisch. Hier kann man ihn auf NEON nachlesen, und hier in meinem Blog. Zugegeben, jetzt, nach so langer Zeit war es unglaublich interessant, ihn wieder zu lesen. Und da der Text so wunderbar zur Reportage passte, kontaktierte sie mich.

Gestern eben das Interview, welches für mich, so gesehen, als erstes Interview, wo es um meine Person ging, ever, wunderbar unproblematisch war. Annabel war freundlich und ich mit meinem oberösterreichischen Dialekt manchmal wunderbar unverständlich. Aber schließlich wurde alles aufgeschrieben. Nach einer Abänderung heute Nachmittag ist der Text fertig und wandert ins Layout. Das wars also schon, werdet ihr jetzt fragen.

Beinahe. Denn Annabel gibt meine Telefonnummer auch noch an die Foto-Redaktion weiter. Und die werden mich demnächst besuchen (ist ja kein so großer Weg von München zu mir). Also kommt auch ein Bild rein. Von mir. Von mir zuhause. Oder so. Ach, da muss ich noch mein Zimmer aufräumen. Oder … ach.

Naja, die NEON hat in Deutschland eine Auflage von über 200.000 Exemplaren. Ich werde mich höchstwahrscheinlich in der September-Ausgabe befinden (erscheint Mitte August), und bin schon mal selbst gespannt, wie es sein wird. Und wenn ihr euch das nun alle kauft, vielleicht bemerken sie dann, dass sie mich öfter in die Zeitung reinbringen müssen. Wobei …

Ich kann jetzt ganz ungeniert sagen, dass dies mein größter Erfolg in Medien bisher ist. Ich las bei einer Lesung meine Texte und bekam Anerkennung. Ich wurde in Tageszeitungen veröffentlicht und bekam Anerkennung. Aber die NEON. Das ist einfach sowas von bombastisch. Ein so großes Medientier hatte ich noch nie zuhause im Streichelzoo. Mein großer Durchbruch also? Als was. Ne. Nur ein wunderbares Ereignis. Ein schönes Geschenk für den schüchternen Egozentriker.

Und gerade der erste Satz in der ersten Nachricht von Annabel –

Gerade habe ich deinen Text „Führe mich sanft“ gelesen, den du 2007 auf NEON.de veröffentlicht hat. Er hat mich sehr bewegt!

– spornt mich wieder an. Am Buchprojekt weiterzuarbeiten und wieder vermehrt minimal literarisch zu schreiben. Denn das ist ja mein Ziel. Zu bewegen, in welche Richtung auch immer.

Eine Information, wann ich wo, wie zu finden bin, erhält ihr kurz vor Beginn der jeweiligen Ausgabe. Und so. Das wars. Pah. Überraschung! Hm.

Lebendig bleiben.

Manche wissen schon, wie sehr ich der düsteren Literatur des Michel Houellebecq verfallen bin. Seit mehr als einem Jahr lese ich ein Buch nach dem anderen, bin beeindruckt und geschockt. Und liebe jedes einzelne Buch. Sein kurzes Büchlein über die Dichtung hat mir zu denken gegeben. Gerade nach dem Tod meines Neffen und all meinen Erlebnissen.

Die Welt ist entfaltetes Leid. An ihrem Ursprungsteht ein Knoten aus Leid. Alle Existenz ist eine Ausdehnung und ein Zermalmen. Alle Dinge leiden, bis sie sind. Das Nichts erhebt vor Schmerz, bis das Sein erlangt: in einer furchtbaren Krise.

Die Wesen werden immer verschiedenartiger und komplexer, ohne etwas von ihrer ursprünglichen Art zu verlieren. Ab einem bestimmten Bewusstseinsniveau entsteht der Schrei. Aus ihm leitet sich die Dichtung ab. Und ebenso die artikulierende Sprache.

Die erste dichterische Handlung besteht darin, zum Ursprung zurückzukehren. Mithin: zum Leid.

Die Modalitäten des Leids sind wichtig; wesentlich sind sie nicht. Jedes Leid ist gut; jedes Leid ist nützlich; jedes Leid trägt Früchte; jedes Leid ist ein Universum.

Houellebecq beginnt so sein Buch. Und ich muss ihm nach all den Monaten, nach diesem Jahr einfach nur zustimmen. Erst heute, als ich meiner Mutter von dem bevorstehenden Interview erzählte, und ihr erklärte, warum gerade ich ausgewählt wurde, meinte sie. Dass du deine besten literarischen, deine bewegendsten, deine besten Texte stets in Zeiten der Trauer geschrieben hast. Und ich musste ihr zustimmen. Es war mir selbst aufgefallen, wie heftig leer die erste Woche nach dem Tod meines Neffen war. Und wie ich dann in meinen minimal literarischen Texten aufblühte. Seither, seit diesem Monat voll Geschichten, hatte ich nie mehr diese vollkommene Kreativität, dieses Können, diese Gedanken, diese sprachliche Schiene. Alles entstanden aus Leid.

Houellebecq meint, dass Dichtung, Literatur oder Kunst im Allgemeinen keinen Bestand hätte, wenn das Leid nicht den Künstler umhüllen würde. Eine beinahe heftige Aussage, denn ist es denn richtig, für die Kunst zu leiden. Sich in Situationen des Lebens zu stürzen um Leid empfangen zu können. Wohl kaum. Das Leid kommt und geht. Nach einem Tod. Nach einer Trennung. Denn auch die Trennung, das Ende einer Liebe bedeutet Leid. Man leidet, bemitleidet. Sich selbst vor allem. Aber auch das scheint seine Wirkung zu haben.

Lebendig bleiben. Ein schöner Titel für dieses Buch. Mit dem Ziel, lebendig zu bleiben, verschwende ich die Kunst. Ich lebe und verliere mich in Kreativitätslosigkeit. Manchmal, ein kurzes Aufblitzen, eine beinahe genialer Einfall, ein Geschenk. Und die Worte sammeln sich. Aber viel mehr lebe ich. Lebe in diesem Leben, welches durch Leid erschüttert wurde, doch das Leid nimmt nicht Überhand. Ich habe seit vielen Monaten nicht mehr geweint, wachse an meinen Erlebnissen, an meinem Leben. Jeden Morgen stehe ich mit einem Lächeln, mit Lebensfreude auf. Und hoffe, kein Leid empfangen zu müssen. Das Wichtigste, so scheint es mir, ist es, einfach lebendig zu bleiben.

Schwülheit vs. Sonnenstich.

Während am Mississippi unzählige Dämme brechen und Indonesien von einem Taifun heimgesucht worden ist, liegt hier in Österreich eine unnatürliche Schwülheit in der Luft. Das Thermometer zeigt zwar nur 28 Grad an, doch in dieser Nachmittagssonne sollte man wohl definitiv die direkte Sonneneinstrahlung verhindern. Sonst bekommt man neben einem deftigen Sonnenbrand auch noch einen wahrlich nicht lustigen Sonnenstich dazu.

Ich bin wieder zuhause. Nach dem netten Beisammensein und Grillen bei Elisabeth am Freitag und dem Dancing@2Parties gestern bin ich heute mehr als nur müde. Es sind wohl nur 8 Stunden, die ich seit Freitag geschlafen habe. Aber dafür war es wieder einmal ein erinnerungswürdiges Wochenende. Und alles in allem kann man sagen, dass der Sommer wohl hiermit begonnen hat. Mit Grillen am Lagerfeuer und Parties im Outback. Ein wirklich schönes Erlebnis.

Heute hätte ich ja eigentlich genug Zeit. Um mich auszuschlafen. Aber da meine Mutter übermorgen ihren fünfzigsten Geburtstag feiert, werden heute und wahrscheinlich morgen und auch noch darüber hinaus immer Gratulanten aufkreuzen. Ich, als schweigender Dummie [dammi] weiß von allem, darf aber ihr nichts davon erzählen. Und es ist, zugegeben, eine schwere Aufgabe. Ja, meine Mutter wird fünfzig Jahre alt. Und ich habe erwartungsgemäß keinen blassen Schimmer, was ich ihr denn nun schenken soll. Weiß irgendjemand, was sich fünfzigjährige Frauen wünschen?

Ich habe, trotz der heutigen Müdigkeit, dieses Wochenende so richtig an Energie getankt. Ich bin quietschefröhlich, erfreue mich an allem und möchte einfach nur noch sagen, dass dieser Sommer, laut Prognosen, einer der Coolsten meines bisherigen Lebens werden wird. Sagen wir einfach mal so.

Sommernacht.

Die Nacht ist lau. Wir alle sitzen um dieses Lagerfeuer herum und genießen das Zirpen der Grillen. Weniger als die Hälfte dieser Gruppe ist mir bekannt, nenne ich Freunde. Wir sitzen hier und lauschen dem Mond und den Sternen. Sprechen über Gott und die Welt und über uns. Manchmal kommen auch lustige Erinnerungen hoch, die wir miteinander hatten. Wir alle lernen uns kennen. Mit den einen mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft, und mit den anderen baue ich jedes Mal wieder dieses wunderbare Gefühl von Freundschaft auf.

Wir haben es uns nicht anders verdient. Diese Restwärme des schwülen Tages, diese gemütliche Wiese, dieser Platz. Und dieses Treffen. Organisiert von einem von uns. Nur, um ihre Freunde von weit weg zu sich zu holen und ihnen ihre besten Freunde vorzustellen. Wie großartig diese Idee, wie wunderbar die Umsetzung. Fast scheint es so, als wäre selbst das Wetter für diesen Abend, diese Nacht geplant.

Lange Gespräche, ein Witz, ein Lachen. Unmengen an Alkohol, die Wurst, die wir über dem Lagerfeuer grillen. Und von irgendwo weit her die Musik aus dem CD-Player. Die Stille und das ständige Gespräch und das Kennenlernen und das Anfreunden. Die Begegnung und. Ein Kuss. Ein Moment. Und Stille.

Für diesen einen Moment gehört die Welt nur mir allein.

And here I stand.

Ich habe versagt. Habe ein Versprechen, das ich dir gegeben habe, nicht gehalten. Ich habe dich nicht vor all den schlimmen Dingen auf unserer Welt beschützt. Ich war nicht da, in dem Moment, in dem du mich am meisten brauchtest. Ich war nicht da und wahrscheinlich werde ich mir dies auf ewig nicht verzeihen. Diese eine Nacht, diese eineinhalb Jahre, dieses Leben.

Ich wollte immer, dass es dir gut geht. Dein Lächeln bewirkte Wunder, du warst der Inbegriff des Mensch gewordenen Sonnenscheins. Und jetzt bist du weg und ich frage mich, ob es Absicht war, dass nun alle von dir sprechen, deinen Namen in den Mund nehmen und nach wenigen Worten schon befeuchtete Augen haben. Ich denke, dass die schlimmste Sache ist, wie du gegangen bist. Still und leise, sanft und ruhig. An etwas, wovon wir zuvor nur selten gehört hatten. One in a million, wie man so schön sagt.

Jetzt, immer noch, nach acht Monaten, treffen wir auf Leute, die von deinem Schicksal erfahren haben. Allerweiteste Bekannte kommen auf uns zu und rütteln die Erinnerung wach. Vergleichen unser Schicksal mit irgendeinem banalen aus ihrer Vergangenheit. Wollen einfühlend sein und zerstören doch viel mehr, als man glaubt. Aber das wissen sie nicht und ich will es ihnen nicht sagen. Ich bewege mich einfach weg von ihnen.

Und jetzt sitze ich oft da. Am Balkon, mit Blick auf den bewölkten Himmel, den Bach beim Rauschen zuhörend und eine Zigarette inhalierend. Und denke. An die Zeit danach. An deine letzte Umarmung. An dein Lächeln, deine kleinen Hände, deine Stimme. Deine Augen und unsere gemeinsame Zeit. Und ich kann es einfach nicht fassen, dass sie vorüber ist. Dass ich nie wieder mit dir über Betten hüpfen kann und wir nie wieder gemeinsam essen werden. Manchmal sitze ich auch in der Arbeit und erwische mich dabei, wenn in wenigen Sekunden die heftigsten Eindrücke auf mich einprasseln. Dann schüttle ich den Kopf und versuche zu entkommen.

Aber das ist es. Ich wollte immer, dass es dir gut geht. Vielleicht geht es dir jetzt gut, ich wünsche es dir. Niemand sonst hat es so verdient wie du. Du warst ein großartiger Freund und der wichtigste Teil unserer Familie. Warst ein Zauberer und doch nur ein Kind. Ein Baby, könnte man fast sagen.

Kein Blitz ohne Donner.

Der Regen prasselt gegen das Fenster. Die Stille auf der einen Seite, das Brodeln auf der anderen. Die Natur, sie spielt. Spielt Räuber und Gendarm. Nie holt der Donner den Blitz wirklich ein. Diesen hellen Lichtstrahl, diese Entladung als Wohltat für die Augen. Das Donnern. Ein Grummeln, ein Röcheln, ein Krachen, ein Knarzen.

Die warme Bettdecke umhüllt meinen Körper. Es ist schon viel zu spät. Spät nachts, die Uhr schlägt gleich zwölf. Ich sollte schlafen, doch das Grollen hält mich wach. Mit gespanntem Blick sehe ich durch die Dunkelheit an die Decke, zähle die Sekunden, warte auf das Ende. Wenn die Augen zufallen, und der Donner und die Blitze zur Nebensache werden.

Wieder einmal durchbricht das Donnern die Stille. So laut und mächtig. Eine Gänsehaut verbreitet sich auf meinem Körper, von all meinen Organen scheinen nur mehr das Seh- und das Hörorgan in Aktion zu sein. Wartend auf den Gegenschlag, auf die Revanche. Das ständige Hin und Her. Kein Warten auf den Anderen, keinen Moment der Ruhe.

Und ich, geschützt, von einen Meter dicken Steinmauern. Kein Anflug von Angst, nur die Neugier, wie bei jedem verdammten Gewitter. Am liebsten würde ich mich auf den Dachboden begeben und die ganze Nacht das Naturspektakel beobachten. Möchte zusehen, wie es blitzt und zuhören, wie es donnert. Doch der Schlaf lässt mich nicht erheben, ich warte, versuche es noch einmal, doch es geht nicht. Und zum Schluss begreife ich die Romantik hinter einem Gewitter. Sie können nur gemeinsam. Der Blitz und der Donner. Kein Blitz ohne Donner und kein Donner ohne Blitz. Und schön langsam schließen sich meine Augen, und die Dunkelheit nimmt Überhand.

Liebe, oh du verbrauchtes, verhasstes Wort.

Maybe it’s love but. Immer dieses aber. Kein because. Kein without a doubt. Alles rein auf diesem verdammten aber aufgebaut. Als wäre Liebe nur ein Spiel, mit Sieg und Niederlage. Mit Ausgleich und mit Chancen. Kein verdammt geniales Gefühl, kein Ausdruck allerhöchster Vollkommenheit. Liebe ist ein viel zu häufig gebrauchter Ausdruck. Ein von mir unglaublich gern gelesener Blogger meinte in seinem Brief über die Liebe:

Im Übrigen bin ich dafür „Ich liebe Dich“ durch „Ich brauche Dich“ zu ersetzen. Ich halte das sowohl für authentischer als auch angemessener.

Liebe ist, ohne als irsinnig betrachtet werden zu müssen, stark in Zusammenhang mit Abhängigkeit. Man fühlt sich alleine, wenn man lange nichts voneinander gehört hat. Wenn man auf den nächsten Anruf wartet, den nächsten Moment, an dem man sich melden kann. Man fühlt sich glücklich, wenn man Teil dieser einzigartigen Liebe ist. Wie eine Droge. Manchmal auch mit bescheuerten Nebenwirkungen. Nebenwirkungen sind immer scheiße, sobald sie eintreten. Und in Sachen Liebe kann man nicht verhindern, dass sie eintreten. Sie kommen und dann ist es meist schon zu spät.

Träume von Liebe, Liebe im Traum. Eine Scheindarstellung der Wünsche. Der Hoffnungen. Meist ein Problem für den gerade Erwachten. Denn jeder Traum mit dem Inhalt Liebe lässt mich noch tiefer sinken, lässt mich hoffen, wünschen, warten. Baut Stress auf, ohne für den Abbau zu sorgen. Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass Liebe einer der kompliziertesten Gefühlszustände ist? Weil es so viel Freiraum lässt, so viel Interpretationsspielraum. Nicht so wie Hass, der leicht zu definieren und schnell zu verlieren ist. Hass entsteht, wird bei längerem Darüber-Nachdenken aber meist schon etwas abgeschwächt. Liebe ist so was Entgültiges.

Ein Gemüts-, Gefühlszustand. Ein Gedankenproduzent. Ein Wort, über dies nichts und doch so viel zu berichten gibt. Unzählige Wörter finden den Weg aus meinen Kopf in diesen Eintrag und doch spreche ich von nichts. Rein gar nichts. Nur Gedanken, über Liebe irrational nachgedacht. Sie ist schwierig, die Liebe. Sie manuell zu entfachen unmöglich, so plötzlich zu stoppen schmerzlich. Und ein „Ich brauche dich“, muss, wie das ausgeleierte Pendant dazu, an genau dem richtigen Zeitpunkt gesagt werden. Nie zu früh. Denn sonst könnte man den Glauben an ein Einengung erzielen. Man könnte eine Abhängigkeit vorspielen, die zwar schon vorhanden, aber noch nicht vorzeigbar ist. Nur der richtige Moment bringt die Worte zur perfekten Auslegung.

Und so liebe Leute, lasst uns lieben und lasst uns uns brauchen. Wir sind nicht allein und werden es nie sein. Und doch werden wir ewig suchen und nicht finden. Selbst in dem Partner, mit dem wir dann schon 20 oder 30 Jahre das Bett teilen, lässt uns nicht aufhören zu suchen. Nach dem Geheimnis der Liebe, nach der Magie, dem Geist.