So einzigartig, Moment für Moment. [Der Frühling]

(via  BulletMillerflickr)

„Der Winter war hart, findest du nicht. Die eisige Kälte, all die Momente, in denen man sich in die dicken Mäntel zwingen musste, um da draußen nicht plötzlich mal einen unfreiwilligen Freitod zu sterben. Kann mich kaum dran erinnern, einen so langen, so maßlos andauernden Winter erlebt zu haben.“ Du nickst, als ich mir gerade meinen Pullover ausziehe und es genieße, als die ersten Sonnenstrahlen sich zaghaft auf meine Haut zu setzen versuchen.

„Ich liebe den Frühling, weißt du?“, erwarte dabei kaum dein Nicken und setze fort. „Dieses Wiederauferstehen, dieser plötzliche Wandel von eisiger Kälte zu jenen Nächten, in denen man endlich auch mal wieder einmal draußen sitzen kann. Noch nicht lange, aber zumindest lange genug, um miteinander zu reden, sich den Himmel und all diese unendliche Weite von hier unten ansehen kann. Es beginnt wieder diese Zeit, in der man auf einer Decke sitzt und die Zeit zu genießen pflegt, findest du nicht?“

„Und während der Herbst mir immer, in solch unglaublicher Pracht, zeigt, wie Vergänglichkeit funktioniert, und mir vor Augen führt, dass es wohl wirklich schön ist, bevor es zu Ende ist, lässt mir der Frühling kaum Platz für solche Gedanken. Er hat seine eigenen Gesetze, nimmt mich an die Hand, und deutet mir mit überraschender Genauigkeit an, wo ich meine Aufmerksamkeit hinsetzen soll. Der Frühling erzeugt Gefühle und lässt mein Lächeln, dass ich seit Wochen schon trage, noch strahlender erscheinen. Ich mag ihn, den Frühling.“

Deinen Kopf auf deine linke Hand gestützt, neben mir sitzend, blickst du mich an, hörst wahrscheinlich kaum meine Worte, aber schenkst mir deinen Blick der sanft über die Züge meines Gesichts gleitet. „Der Frühling bietet einem die Möglichkeit, Vergangenes ungeschehen zu machen. Der Herbst hat all das abgetötet, unter der Schneedecke des Winters ist es verwest. Oder nein, diese Macht besitzt selbst der Frühling nicht. Niemand kann irgendetwas ungeschehen machen. Vielmehr bietet er einem die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen und zu erkennen, welchen Weg man für sich ausgewählt hat. Sobald die Straßen und Wege von der weißen Decke befreit sind, erhält man endlich wieder einen Blick für die kommenden Schritte.“

„Und Jahr für Jahr schafft es diese Zeit, mich darauf zu besinnen, genau solche Tage wie diese zu genießen. Dem Alltag zu entfliehen, indem man die Zeitrechnung ganz einfach für kurze Zeit auszuschalten versucht. Die Augen schließt und das Gezwitscher der Vögel in sich aufsaugt. Und dann bist da noch du und du und der Frühling, ihr seid eine so wundervolle Symbiose, die perfekte Mischung. Ich mag den Frühling, weil ihr in Wahrheit genauso schön ist wie du. So einzigartig, Jahr für Jahr oder Moment für Moment und weil es im Frühling wahrscheinlich die schönste gemeinsame Stille gibt.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Und du.

Foto: bebo82 | Flickr

Und dein Lächeln, das ich jedes Mal wieder so sehr genieße, und mir wünsche, dass du es genau in diesem Moment nur für mich offenbart hast. Und die Gespräche, die wir führen, als würden wir uns schon ewig kennen und die Stille, wenn dieses eine Lied in der Playlist irgendeines Lokals auftaucht. Und dein Blick, der mich jedes meiner Worte beraubt und mich plötzlich so furchtbar angreifbar macht.

Und die Ungewissheit, die mich seit Wochen an nichts anderes mehr denken lässt und mich Pläne schmieden lässt, die meinem fehlenden Mut nur allzu gerecht werden. Und die mich bis in meine Träume verfolgt, wo plötzlich alles so einfach, und deine Nähe so wunderbar ist. Und der erste Wimpernschlag am Morgen, der mir weismachen will, dass all das eben doch nicht passiert ist.

Und mein verträumter Blick ins Nirgendwo, wenn ich plötzlich wieder versuche, aus dem Jetzt zu verschwinden. Und ich mich wiederfinde, irgendwo mit dir und ich nur darauf warte, bis diese Seifenblase zerplatzt und ich mit einem Lächeln zurückkehre zur Realität und ich mir wünsche, das alles bitteschön so einfach sein soll.

Und ich in diesem Auf und Ab an wünschenden Gedanken und zermürbenden Zweifeln und der Angst, dass all das doch nur Einbildung ist. Und doch wieder die Abende mit dir, die zu Nächten oder zu Morgen werden und die letzten Tage und Wochen zu den Schönsten, Besten und Erinnerungswürdigsten seit Jahren haben werden lassen.

Und dieses eine Gefühl, das ich nach so langer Zeit wieder einmal fühle und die Hoffnung, dass es dieses eine Mal wahr wird. Und die Schmetterlinge in meinem Bauch und das fast schon ungesunde Lächeln auf meinem Gesicht und das Gefühl, genau jetzt, genau hier richtig zu sein. Ich habe mich verliebt. In dich. Ich wünschte, du weißt das.

Heimat.

Frühling. 05022011

In den vergangenen paar Tagen, zum Nachdenken nahezu prädestiniert dazu, kam mir immer wieder das Wort „Heimat“ in den Kopf. Heimat und dass es so etwas womöglich gar nicht gibt. Keinen fixen Ort, kein Haus, in das man immer wieder zurückkehren kann. Nicht das Haus, in dem man aufwuchs, in dem man das erste Mal aufs Töpfchen ging, mit Freude das erste „Sehr gut“ und Jahre später mit Tränen das erste „Nicht Genügend“ nach Hause brachte. Das Haus, in denen man das erste Mal Sex hatte, das für wenige Tage mal der wunderbarste Ort der Welt war, als unzählige Freunde und ich ohne Sorgen übers Morgen einfach so in den Tag hineinlebten und mit Decken die große Wiese mit Leben füllten.

Bis vor wenigen Wochen war Heimat dieses eine alte Haus, auf dessen Türbogen „1862“ prangt und dessen dicken Wände mir immer wieder Träume von Menschen, die darin wohnten, ermöglichten. Heimat waren für mich meine Eltern, die Teil dieses Zufluchtortes waren, mein Zimmer, das nach all den Jahren nichts Geordnetes, nichts „Erwachsenes“ beinhalten durfte. Heimat war es, früher mit dem kleinen Eimer die Haselnüsse einzusammeln, oder meiner Mutter im Gemüsebeet mehr oder weniger behilflich zu sein. Egal was passierte, egal was ich angestellt habe, oder was mir angetan wurde. Hierher konnte ich kommen, konnte zuhause ankommen und in diese eine, geschützte, in diese meine Welt eintauchen. Hinter mir die Türe schließen und war plötzlich wieder sicher.

Vielleicht lacht ihr jetzt, wenn ich euch sage, dass ich die vergangenen Jahre, seit ich studiere, fast jeden Tag meine Eltern angerufen habe. Dass wir diesen einen verdammten Smalltalk führten, den ich normalerweise so sehr hasse, und dass wir uns manchmal auch auf wirklich wichtige Gespräche eingelassen haben. Ein Stückchen Heimat übers Telefonnetz. Ein verzweifelter Versuch, nicht loslassen zu müssen. Irgendwann, in den vergangenen Wochen, habe ich damit aufgehört. Habe mein Handy liegen lassen. Weil ich mich wohl zum ersten Mal auf dieses neue Leben, auf St. Pölten eingelassen habe, auf meine Reisen nach Wien oder zurück in diesen kleinen Ort, von dem ich mich damals aufmachte. Weil ich seit Jahren wieder einmal so etwas spüre, was ich als Leben bezeichnen möchte. Als bedingungsloses Leben, als ein Eintauchen, in das, was mich durch und durch glücklich macht.

Wien musste unter meinem Wunsch nach Heimat leiden, und ich mit ihm. St. Pölten war das komplette Gegenteil und doch nicht das Richtige. Erst in den letzten Monaten, in denen ich 90 Prozent meiner Zeit in dieser kleinen Stadt, weitab von dieser ominösen „Heimat“ verbrachte, mit zwei großartigen Freunden als die wohl besten Nachbarn. Und einem wachsenden Freundeskreis drumherum, mit Lokalen, in denen man bis 4 Uhr früh sitzen konnte, und Lebensmittelgeschäfte, die uns sogar bis 22 Uhr eine 50er-Packung Frühlingsrollen verkaufen. Und dann komme ich das erste Mal seit Wochen wieder zurück von St. Pölten und fühle es. Dass es das war.

Das mit diesem einen Mal das kleine imaginäre Schildchen über der Tür, dieses „Heimat“, nicht mehr hier ist. Dass es für mich nur mehr Unterkunft, und nicht mehr Zufluchtsort ist. Meine Eltern mir nicht weniger wichtig geworden sind, aber das Leben drumherum viel wichtiger. Warum ich immer wieder hier zurückkehre? Für die wenigen Tage, die ich gemeinsam mit meinen Eltern verbringe, für die vielen Abende, die ich mit meinen Freunden erlebe. „Heimat“ ist das nicht mehr, nur mehr ein Zwischenstopp.

Das Schildchen findet man jetzt übrigens nicht plötzlich vor meiner Wohnungstür in diesem Studentenheim. „Heimat“ hat nicht einfach nur den Ort gewechselt. Sie hat eine Art Evolution durchlebt, hat sich von etwas Örtlichem zu einem Gefühl entwickelt. Wenn ich mit Freunden am Boden sitze, eine Flasche Bier in der Hand, eine Zigarette in der anderen, Gespräche über Gott und die Welt und über uns (mit all unseren Einzelheiten), wenn wir stundenlang kochen, gemeinsam einkaufen oder durch leere Straßen schlendern. Das ist für mich Heimat. Oder wenn ich mit einer ganz gewissen Person treffe, mich mit ihr unterhalte, ihr nah bin. Genau das ist Heimat.

Heimat ist für mich dieser imaginäre Ort, an dem ich ganz einfach ich sein kann. Ohne mir irgendwelche Gedanken machen zu müssen, ob ich hierher passe. Heimat ist die Nähe zu geliebten Menschen. Heimat ist das Ende der Selbstaufgabe. Heimat ist genau dieser Frühling hier. Heimat ist Liebe.

Whipping boy.

Als ich meine Augen öffne, ist der eindeutig beschissenste Tag für Menschen wie uns, die gerade ihre schlimmste Zeit durchmachen müssen. Allerheiligen, wenige Tage, nachdem ein eineinhalb Jahre altes Kind die Augen für immer schließen musste, das passt ganz einfach nicht ins Konzept. Ein normaler Tag am Friedhof würde es wohl nicht werden.

Wir, meine Familie, wie so wohl nur in diesen wenigen kommenden Wochen bestehen würde, haben beschlossen, wieder einmal in die Leichenhalle zu sehen. Der Sarg wurde geschlossen, gestern, von meiner Schwester. Nachdem wir ihn alle noch einmal sehen konnten, ich ein letztes Mal seine Spieluhr aufzog und ihm einen Kuss auf den eiskalten, puppenartigen Kopf gab. Wir würden an keinem Grab stehen sondern unser Entsetzen in kleiner Gruppe teilen. Abschied nehmen in einer ungeahnten Härte. Der Schmerz. Dieser nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.(1)

Meine Mutter, die immer und immer wieder die kleinen Hosen und Shirts von Timi zusammenlegt. Immer und immer wieder, sie wieder auseinander reißt, und es noch einmal versucht und weint. Das Wetter passt zu unserem Leben, der Nebel setzt sich für lange Zeit fest, eisige Kälte, ein unaufhaltbarer Wind zieht vorbei und ich möchte mich fallen lassen, möchte mich vom Wind davon tragen lassen, möchte einfach nicht da sein. Dieser Schmerz lässt mich taub werden, und ich vergesse schon wieder auf mich selbst.

Jetzt ist wohl auch keine Zeit dafür, etwas auf sich zu achten. Ich werde gebraucht und auch wenn die Last wohl kaum vorstellbar ist, versuche ich sie gut zu meistern. Während meine Eltern und meine Schwester, meine Oma und irgendwie mein gesamtes Umfeld in eine Art Koma verfallen ist, treibe ich mich selbst immer wieder an. Lasse es nicht geschehen, dass etwas ungeschehen bleibt. Das bin ich nicht gewohnt von mir, und es war wohl auch noch nie, dass ich so sehr gebraucht wurde.

Immer und immer wieder lese ich mir meinen Text durch, den ich geschrieben habe. Diesen einen Text, den ich in zwei Tagen am Begräbnis vorlesen würde. Mein Herz pocht, in Gedanken an diesen Moment. Und ich zittere wieder. Zum weinen ist keine Zeit mehr und dann tippe ich auch noch die Fürbitten in den Computer. Wie würde es wohl sein, einem Menschen, dem wohl wichtigsten Menschen meines bisherigen Lebens, diese zwei A4-Seiten zu widmen, nur mit ihm zu reden und ihm vor versammelter Menschenmasse, die nun trauern oder nur Mitleid zeigen wollen, mein Herz ausschütte. Ich weiß es nicht, und ich kann es mir auch nicht einmal ausmalen, wie es denn wirklich werden würde.

Nachdem die Pseudofriedhofsbesucher abgezogen sind, irgendwann Richtung Abend, sind wir schon wieder dort. Beinahe fühle ich mich hier schon zuhause, wenn da nur nicht diese Leichenhalle, dieser Kindersarg und darin verschlossen ein lebloser Körper wäre. Wenn das alles nicht meine Familie betreffen würde, wenn das alles hier nicht unsere Welt wäre. Kerzen brennen, rund um den Sarg liegen Spielsachen verteilt, seine Spielsachen, mit denen er noch vor Tagen gespielt hat.

Irgendwann einmal bricht ein älterer Mann in die Idylle, in das gemeinsame Trauern, in diese unbequeme Leichenhalle, als er einen Blick hineinwirft, und lauthals sich darüber freut, dass er jetzt endlich wisse, von wem dieses Kind sei. Wir, einige von uns, haben ihn nach draußen gedrängt, haben die Tür geschlossen, und am Liebsten hätte ich ihm noch gerne eine verpasst. Er hat die Stille durchbrochen, hat keinen Anstand. Mein Herz pocht bis zum Anschlag, Wut steigt auf und ich bin froh, dass er das Weite sucht. Dieses Arschloch hat es kaputt gemacht, dieser Vollidiot ist in ein „Wir“ gestürmt, das zurzeit eben nichts anderes verträgt.

Zuhause ist es still. Bei uns ist es üblicherweise selten still, aber seit Tagen passiert alles nur gedämpft. Auch die Übertragung der Schallwellen. Es ist das Atmen, das ich manchmal vernehme, das Schluchzen, wenige Worte. Aber keine Worte würden all dem, was jetzt gerade passiert, gerecht werden. Wir schweigen uns an, obwohl wir uns doch unterhalten, wir umarmen, wir rauchen, wir blicken mit feuchten Augen in die Ferne, den Wald, der hie und da durch den Nebel blitzt, verbringen die meiste Zeit am Balkon, wohl um eins mit der Kälte zu werden. Obwohl wir das schon sind.

Und wenn wir alleine sind, meine Eltern und ich, machen wir uns Gedanken um meine Schwester. Unterhalten uns, wie wir ihr jetzt helfen könnten und wie wir es in Zukunft tun können. Es entsteht der Entschluss in mir, meine ehemalige Psychologielehrerin anzuschreiben. Keine Ahnung, warum ich gleich an sie gedacht habe, aber ihr muss ich schreiben. Muss ihr erzählen, was uns passiert ist, muss sie fragen, ob meine Schwester zu ihr kommen könne. Sie würde schließlich nicht hingehen, dafür aber jemand anderer.

Auf all den vier Fensterbänken in meinem Zimmer habe ich Teelichter platziert. Ich weiß nicht mehr warum, vielleicht im Glauben, dass Timi es irgendwo sehen wird. Dass er weiß, dass wir ihn vermissen, und dass er hier ein verdammt großes Loch hinterlassen musste. Immer wenn ich zu Bett gehe, zünde ich sie an, lege mich unter den Tuchent, krümme mich zusammen, kralle mir meine Fingernägel in meine Schulter, denke nach. Immer nur nachdenken. Bis selbst das weh tut. (2) Und irgendwann wird es schließlich Mitternacht. Und irgendwann schlafe ich schließlich ein.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein letztes Mal., 01.11.2007
(2) Etwas Ablenkung., 02.11.2007
Tweet von gestern Nacht

Und am Ende der Straße ist die Dunkelheit.

Richtung Nirgendwo. 29122010

Und am Ende der Straße ist die Dunkelheit. Das Nichts, das einen jeden Moment zu verschlingen droht. Ein Abgrund, der zu fallen es nicht wert ist. Eine Hürde, die zu überwinden viel zu groß ist. Langsam tastet sich das Licht voran, kommt nicht weit, fällt zurück. Es ist ein Nichts aus Schwarz und Stille und der Ungewissheit, die einen plagt. Und der Neugier, die sich immer mal wieder aufbäumt, bevor so vom Nirgendwo überrollt wird.

Und diese Fußspuren, denen wir folgen, ohne zu wissen, wem sie gehören und wohin er ging. Wir tapsen uns voran, ganz vorsichtig, blicken uns um. Irgendwo beginnt es zu rascheln, wir fuchteln mit den Taschenlampen bis wir in der Ferne zwei Augen entdecken, bleiben stehen. „Nur ein Reh.“ Du ziehst mich weiter, es ist kalt hier, und deine Hand zeigt mir deine Angst.

Und beinahe kommt es uns so vor, als würde es immer noch dunkler werden, und das Schwarz sich verdichten, zu einer undurchdringbaren Wand. Unsere Taschenlampen versuchen gemeinsam, irgendetwas sichtbar zu machen, aber selbst unsere Augen können schon kaum mehr viel erkennen. Ich halte dich fest, dich zurück und bleibe stehen. „Lass … lass uns umkehren, okay?“ Und du drehst dich zu mir, umarmst mich, drückst mir einen Kuss auf die Wange. Unsere Taschenlampen fallen zu Boden, wir lachen. Doch als wir sie wieder vom Boden aufgehoben haben, ist es plötzlich weg. Das letzte Fünkchen Orientierung. Nur mehr Schwarz, keine Spuren mehr. „Und wohin nun?“ Ich weiß es nicht. Aber ich will doch nur weg, weg aus diesem furchtbaren Fleck Erde, weg von diesem nervenaufreibenden Gefühl, das mich begleitet. Einfach nur weg.

Weißt du, was ich mir wünsche? [24]

Wunderlampe. 18122010

Es ist kalt. Dicke Schneeflocken bahnen sich den Weg bis zu uns durch. Wir beide, aneinandergekuschelt, meine Hände in deinen Jackentaschen versteckt, meinen Kopf auf deiner Schulter, stehen da. „Endlich wieder einmal weiße Weihnachten.“, sagst du und ich murmle dir nur ein „Mhm.“ ins Ohr. Es ist schön, den ganzen Tag, wo jeder nur mehr gestresst und ohne Halt der Bescherung entgegenwütet, mit dir gemeinsam verbringen zu können. Uns lässt nichts mehr aus der Ruhe kommen.

„Ich freu‘ mich schon auf die leuchtenden Kinderaugen und…“ – „Auf die Geschenke?“, wirfst du ein. „Nein. Darauf nicht. Auf das Zusammensein mit der Familie. Auf Gespräche, die ansonsten nie stattfinden würden, auf Lachen, auf Kerzenschein, auf das Weihnachtsevangelium.“ – „So richtig christlich.“ – „Mhm. Irgendwie schon. Aber ich kann mir irgendwie Weihnachten nicht mehr ohne all dem vorstellen. Und die schrecklich falsch gesungenen Lieder und das hektische Austeilen der Geschenke.“

„Es ist schön, dass du heute Zeit hattest.“ – „Ich habe darauf gehofft, dass du anrufst, ob du noch schnell vorbeikommen würdest. Und ich hoffte, dass dein ’noch schnell‘ so wie immer sein wird.“ Wir gehen weiter durch die bezaubernd weiße Schneelandschaft. Vorbei an eingeschneiten Parkbänken, und vollkommen nackten, halb erfrorenen Bäumen. Bis du mich schließlich in den Schnee schubst und dich gleich daneben hinlegst. Du lachst, so wie du immer lachst, wenn dir etwas gefällt. Bewirfst mich mit dem Schneestaub, und wischt es mir mit der gleichen Handbewegung wieder aus dem Gesicht. Und ich, die eine Hälfte meines Kopfes im Schnee vergraben, um dir in die Augen zu sehen, sage nur „Danke. Danke, dass es dich gibt.“ Und du lachst. „Und danke, dass du es mit mir versuchst und danke, dass du es nun schon so lange mit mir aushältst.“ Du küsst mich.

„So ungleich wir auch sind. Weißt du … ich glaube, das macht das Besondere an uns beiden aus, glaubst du nicht?“ – „Mhm. Kann schon sein.“ – „Aber vor allem ist es, weil wir einfach beide so außergewöhnlich sind. Das erkennt zwar nicht jeder, aber Hauptsache, wir beide tun es.“, legst du schmunzelnd nach. Die Kälte zieht schön langsam in meinen Körper hinein und doch bleibe ich liegen. Hier neben dir, immer wieder deine in kuschelige Handschuhe eingepackten Hände an meinem Gesicht, immer mal wieder ein Kuss. Es ist schön und wohl das schönste Weihnachten aller Zeiten. Für immer. Und die Ewigkeit.

„Weißt du, was ich mir wünsche?“ – „Nein?!“ – „Dass es bitte immer so bleibt. Das wäre schön.“ – „Mhm, das wäre es.“ Es wäre wundervoll. „Und nein, das hat jetzt nichts mit Traumschlossbauarbeiten zu tun, mit einem neuen Ewigkeitsparadigma. Nein, es ist einfach nur so schön, dieses Gefühl, und dass ich mich mit dir so unglaublich gut fühle. Das schaffen nur wenige Menschen.“ Dein Kopf schmiegt sich an meine etwas mit Schnee bedeckte Schulter. Wir könnten so liegen bleiben. Doch irgendwann stehst du wieder auf, ziehst mich hoch und meinst: „Wir müssen Engel machen.“ Wirfst dich in eine noch unberührte Schneedecke und wedelst mit Händen und Beinen, um diese wunderbar kindliche Erinnerung wieder ins Gedächtnis zu rufen. Stolz springst du auf, hüpfst aus deinem Abdruck hervor und meinst: „Siehst du. Das ist es. Das ist etwas für die Ewigkeit.“ Und ich lächle nur mild und wir gehen weiter.

So finster die Nacht. [23]

Dunkel der Nacht. 20122010

Menschen waren mir schon immer suspekt, denke ich mir und während ich etwas verzweifelt umherblicke, erkenne ich dein Gesicht in dieser Menge. Du winkst mir zu, und ich stolpere dir entgegen, remple den einen und die andere an, nur um so schnell wie möglich bei dir zu sein. Du nippst an deinem Strohhalm, nimmst einen tiefen Schluck deines alkoholhältigen Getränks und fällst mir um die Schulter. Es ist schön dich zu sehen, und schön langsam erhellt sich auch meine Stimmung etwas, doch du stellst das Getränk zur Seite und ziehst mich langsam aus der Menge wieder hinaus.

„Wir müssen hier weg.“, meinst du und packst meine Hand und wir beide verlassen den Platz so schnell, wie ich gerade gekommen bin. Verlassen die gewohnten Wege und wagen uns hinaus, in das Dunkel der Nacht. Spüren die Kälte des Windes, und orientieren uns an den Straßenlaternen, die die letzten sein würden, die uns für diesen einen Abend Licht schenken werden. Deine Hand ist warm, und meine zittert etwas, weil ich nicht weiß wohin und vor allem warum. Doch du willst es mir nicht sagen, aber deine Augen, die zuvor noch so wunderbar leuchteten, schimmern jetzt im Lichte der Laternen. Du weinst und ich habe keine Zeit und wohl auch keine Ahnung, wie ich dir helfen kann. Folge dir blind, nur um dir in diesem Moment so nahe wie möglich zu sein.

Wir biegen in eine unbekannte Straße ab, das Dunkel der Nacht hüllt uns endgültig ein und wir stolpern und wanken ganz hektisch und langsam durch unser neues Terrain. Deine Hand klammert sich an die meine und ich spüre dieses Unbehagen, deine Angst und am Liebsten würde ich dich an mich drücken, würde dir den Halt geben, denn du gerade so sehr brauchen könntest, doch ich kann nicht. Nichts ist wie es war, und die Stille, nur das Atmen unserer beiden Lungen, und ein paar quietschende Reifen in der Ferne tanzen fröhlich um uns herum. Was ist denn los, möchte ich fragen, doch bleibt mir keine Zeit dazu. Den kleinen Hügel ziehst du mich hoch und ungewohnten Schrittes folge ich dir hinauf bis du dich schließlich niederlässt. Dich setzt und mir den Platz neben dir anbietest. Es ist schön hier.

Und im Dunkel der Nacht legst du deinen Kopf auf meine Schulter und beginnst bitterlich zu weinen und ich lege meine Hand um dich und will gar nicht wissen, was geschehen ist. Will dich nicht belasten, dich durchlöchern, mit Fragen, die niemand hören will und mit Antworten, die niemand auszusprechen bereit ist. Will nicht mit Floskeln werfen wie „Das wird schon wieder“, oder „Ist schon gut.“. Und du schluchzt und ich zittere, und gemeinsam blicken wir hinaus in den Horizont, verdunkelt und doch hell erleuchtet. Und schweigen uns an, als wäre alles schon gesagt.

Die Welt pausieren. [22]

Grün. 20122010

Ich möchte die Welt pausieren
Und ganz tief einatmen
Um zu erfahren
Wie es ist.

Ich möchte die Welt pausieren
Um dich zu halten
Jeden Tag
Für immer.

Ich möchte die Welt pausieren
Und dich umarmen
Dir Wärme zu schenken
Ohne Grund.

Ich möchte die Welt pausieren
Möchte bei dir sein
Dich spüren
Ganz nah.

Ich möchte die Welt pausieren
Um deinen Hauch zu spüren
Deinen sanften Atem
In meinem Ohr.

Ich möchte die Welt pausieren
Nur für diesen einen Moment
Doch es gibt keinen Halt
Auf dieser Welt.

Stetig geht es weiter, tagein, tagaus
Und was uns bleibt
Ist die Erinnerung
Für immer.

Es musste sein. [21]

Bahnhof. 18122010

Es ist der 21. Deze

Warum so förmlich. Egal, wer jetzt gerade diesen Brief hier liest. Es wird zu spät sein. Zu spät sein, um mich aufhalten zu können, denn ich habe meinen Entschluss gefasst. Habe bereits das getan, was ihr mir nie verzeihen werdet. Nicht heute, vor allem nicht in dieser Zeit und wahrscheinlich auch nie während eures gesamten Lebens. Ihr werdet mich dafür hassen und doch werde ich euch einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ich und diese schrecklichen Bilder, die ihr wegen mir ertragen musstet. Es tut mir Leid, wisst ihr.

Aber ich musste es tun. Und ich weiß, dass es genügend andere Möglichkeiten gebe, um das zu tun und genau das was ich tat schon viel zu oft falsch endete. Aber wenn ihr diesen Brief hier lest, werde ich es wahrscheinlich schon geschafft haben. Warum werdet ihr euch fragen und ihr werdet euch das noch lange, lange Zeit fragen, aber gibt es darauf überhaupt eine Antwort? Was soll ich euch erzählen?

Dass ich überfordert war? Mit dem Leben, mit den Aufgaben, die an mich gestellt wurden? Dass ich enttäuscht war: von mir, von dem, was ich zu erreichen gewillt war. Es hätte so viel besser laufen können, aber irgendwie blieb alles nur furchtbare Scheiße. Nichts hat sich jemals verbessert und nichts wird es in Zukunft tun. Alles bleibt wie es ist, nur ich muss diesen ganzen Mist jetzt nicht mehr ertragen.

Ich habe mir schon oft meine Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wenn ich es täte. Und immer und immer wieder blieb ich bei dieser einen Frage hängen: Wer würde denn um mich trauern. Und ich wüsste es nicht. Viele würden zwar ihr entsetztes, mitleidendes Gesicht aufsetzen, manche würden aus reiner Höflichkeit heulen, aber wer würde mich wirklich vermissen? Wem würde ich fehlen, wer hat ein Stück seines Herzens an mich verloren, dass nun für immer verschwunden sein wird? Ich weiß es nicht, und obwohl ich nie zu Ende gedacht habe, machte mich diese Frage traurig. Denn was, wenn niemand je an meinem Grab stehen werde und niemand eine Träne vergießen würde. Weil ich zu feige war, um mich den Herausforderungen zu stellen und weil das wohl der einfachste Weg sei.

Aber ich sag es euch: der einfachste Weg ist das sicher nicht. Es zog sich schon über Wochen, über Monate hin, also nein: Das hier ist keine Kurzschlussreaktion. Ich weiß schon was ich getan habe. Ich musste einfach weg, denn das alles machte mich krank. Ich konnte kaum mehr schlafen, in den letzten Tagen, meine Ängste wurden immer schlimmer, aus meinen wenigen Träumen erwachte ich immer schweißgebadeter. Jetzt habe ich es gewagt.

Seid bitte nicht traurig. Oder nein. Bitte seid traurig, wenn ihr es denn wirklich seid. Gebt mir eure Ehrerweisung, die ich mir verdient habe. Redet mit anderen über mich, redet mit mir über andere. Es ist egal. Ich bin nicht mehr hier und ich glaube, es geht mir gut. Und euch wird es auch schon bald wieder besser gehen, das weiß ich.

Ich vermisse eu

Es musste sein.
In Liebe.

Wenn du meinst. [20]

Regenwand. 19122010

I

Wir sollten nach Hause gehen, findest du nicht?
Hm?
Wir sollten uns auf den Weg machen.
Warum?
Na, siehst du nicht, wie der Regen stetig auf uns zukommt?
Wir haben noch Zeit.
Nein, haben wir nicht. Das wird ein Sommersturm.
Denkst du?
Mhm. Keiner von der milden Sorte.
Dann sollten wir uns wohl auf den Weg machen.
Mhm.

II

Der Wind hier ist echt nicht von schlechten Eltern.
Hör auf zu reden und pack‘ endlich deine Sachen ein.
Ach, jetzt stress‘ nicht rum.
Wollen wir da jetzt wirklich drüber diskutieren?
Also … ich will nicht.
Gut so. Und jetzt: Beeil dich!
Gleich. Nur noch … und das auch noch.
Ich geh‘ schon mal vor.
Ach, komm. Warte doch noch etwas.
Nein, mir ist das alles nicht geheuer.
Wenn du meinst.

III

Na … jetzt aber. Wir müssen uns beeilen.
Hast du irgendeine Sturmphobie?
Nein. Und jetzt …
Bin schon da.
Regnets schon?
Also, ich hab‘ nix gespürt.
Doch, da … schon wieder.
Hm.
Siehst du?
Stimmt. Ein Tropfen.

IV

Ich liebe diese vorstürmliche Luft.
War der Weg vorhin auch schon so lange?
Mhm.
Verlaufen werden wir uns wohl nicht haben, oder?
Ach komm. Wir kennen den Weg.
Das heißt erstmal gar nichts.
Ui. Ein Blitz.
21.
22.

Ist ja schon richtig nahe.

V

Warum bleibst du stehen?
Nur so.
Aber … aber, jetzt kommt der große Regen.
Ja, gerade deshalb.
Hm?
Weil ich die Sommerregen liebe.

Und ich schon immer mal mit dir in einem tanzen wollte.
Warte mal, Mom-…


Und genau deshalb.