Nichts.

„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

[Ein Beitrag von vor zwei Jahren.]

Tapetenwechsel.

Ich falle hinein, falle heraus. Halte mich fest, stürze zurück. Stoße mich und blicke nach vorne. Hinein in dieses grelle Licht aus Dunkelheit erbaut.

Wie viele Jahre mag es denn nun schon her sein, als ich mehrmals jährlich in diesem großen Zimmer mit diesem großen Bett, dem riesigen Kasten und den zwei Fenstern hinaus zu den Obstbäumen, schlafen durfte. Und ich minutenlang Probleme hatte, nach dem Abdrehen des Lichtes die grässliche Tapete aus dem Kopf zu bekokmmen.

In welchem ich einen meiner ersten Liebeskummer zu verarbeiten versuchte, immer mit den Gedanken und dem Aufeinandertreffen. So viel Schmerzhaftes. Das Zimmer ist schon nicht mehr. Das Bett auch nicht. Nur die Fenster scheinen noch zu sein. Und es stimmt. So sehr sich auch die Welt verändert, und Dinge verschwinden, die früher einmal die Grenzen der Welt bedeuteten, so bleibt doch immer die Erinnerung. Wie viele Jahre mag es her sein.

„Wovon sprichst du?“. Von der Seite sprichst du mich an. Ich habe meinen Blick nach oben erhoben und versuche sinnlose Details an der Decke zu finden. Einfach so vor mich hingesprochen, erfasse ich die Frage gar nicht wirklich. Erst dann. „Von Erinnerungen.“ Sicherlich folgt jetzt die Frage, wie ich darauf komme. Ich nehme sie vorweg und verwerte hingegen schon die Antwort. „Weil …“ Ich stocke.

Immer mal wieder beginne ich ohne ersichtlichen Grund. Versinke in den Erinnerungen, die mir eigentlich schon lange nicht mehr untergekommen sind. Jetzt tauchen sie wieder auf. Wie die raren Rückfälle in die Vergangenheit, die Alzheimerpatienten öfter mal haben. Wo dann alles stimmt, während in der Gegenwart so vieles falsch zu laufen scheint.

Ich kehre zurück zu unserem Gespräch. Und während ich dich so ansehe, wundert es mich, wie sehr es mir bei dir auffällt. Wir haben uns jetzt mindestens schon zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und während wir uns alle irgendwie weiterverändert haben, ich ein Anderer wurde, und mein Freundeskreis sich weiterentwickelt hat, bist du immer noch der Gleiche. Irgendwie erschreckend. All die Veränderungen die die Entwicklung mit sich bringt, scheinen an dir vorübergegangen zu sein.

„Worüber sprachen wir?“, frage ich. „Über unsere Liebesleben.“. Du lachst. Und ich versinke wieder in Erinnerungen. Wieso muss das in jedem Gespräch zum Thema gemacht werden. Und während du mir von deiner Freundin und den beiden Exfreundinnen erzählst, die du seit den letzten zwei Wochen hattest, beginne ich zu lächeln, drehe das Licht ab und bekomme einfach diese grässliche Tapete nicht mehr aus dem Kopf.

[Ein Beitrag von vor vier Jahren. Und ich weiß übrigens nicht mehr, über wen ich da geschrieben habe.]

Irrsinn.

Halt. Ihr müsst mich nicht verstehen. „Zugestiegen?“ – „Hier, bitte.“ Der Schaffner. Ein weiteres Mal und ich krame in meiner Tasche nach Lektüre, nach Unterhaltung, nach irgendeiner Form der Ablenkung. Ein Notizblock. Und da … ein Kugelschreiber. Ich beginne zu kritzeln, male kleine Formen darauf, schreibe Worte, kratze Gedankenblasen in das Papier. Manche würden es als Kunst bezeichnen, für mich ist es ein Abbild meines inneren Chaos. Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein verrückter, vereinsamter Freak. Nein, wirklich nicht. Aber ich kenne mich und es ist nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert.

Nicht in dieser Form, natürlich nicht. Aber es gibt gravierende Ähnlichkeiten. Und ich ärgere mich ganz einfach darüber, dass ich nichts daraus gelernt habe. Ich bin einfach der Typ für dieses „Hals über Kopf“, für dieses „Auf den ersten Blick“. Ich bin dieser verträumte, hoffende Typ, der auch schon mal zwei Jahre einem Mädchen hinterherläuft, dass in Wahrheit nichts von einem will. Und dabei würde es doch soviel einfacher gehen. Nur, in Sachen Liebe nehme ich nur sehr ungern diesen Weg der Einfachheit. Wenn, dann kompliziert … und dann natürlich auch wenig zielführend.

Die Stationen ziehen vorbei, der Zug leert sich schön langsam. Nicht mehr lange, und ich stehe wieder am Bahnsteig, an dem meine Geschichte begann. In diesem Dorf, dessen einziger Vorteil es ist, dass es nahe an einem See liegt und man auch einfach mit dem Zug woanders hinfahren kann. Ein Ort, der aufgrund fehlender Relevanz vor allem eines ist: ein Paradies für alte Menschen. Grausam, an genau so einem Ort aufzuwachsen. Aber im Grunde habe ich die bisherige Hälfte meines Lebens in der Nachbarstadt, an genau jenem See verbracht. Mein Dorf ist so etwas wie die Vorstädte aus den amerikanischen Filmen. Nur hatten wir keine großen Gärten mit radfahrenden Kindern, keine Briefkästen am Gehweg, keinen Zeitungsjungen und keine weitläufigen Straßen, die zum Fußballspielen oder Rollschuhhockey einluden. „Wunderbare Jahre“, wie die Serie über damals, konnte man hier nur mit sehr viel Willenskraft und Optimismus hinter sich bringen. Aber ich übertreibe wahrscheinlich. Zumindest kann ich behaupten, dass ich, seit ich 13 war, begann, mich in Wien zu verlieben. Diese Gegensätze: hier ein paar Tausend Einwohner, dort die Millionen. Hier die gähnende Leere, dort das pulsierende Leben und die unglaublichen Möglichkeiten. Und während andere noch nicht wussten, was sie nach ihrem Abschluss machen möchten, hatte ich schon jahrelang einen Plan für mich festgelegt. Und genau den habe ich diese Woche angetreten.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 3 „Kennenlernen“]

Ankommen.

„Es fühlt sich an, als wäre jetzt endlich dieser eine Punkt gekommen, weißt du? Dieser eine Punkt, wo es sich so anfühlt, als wäre ich endlich angekommen. Als wäre – nein, nicht ‚als wäre ich eben erwachsen geworden‘ – nein. Als wäre eine unglaublich lange Reise zu Ende, verstehst du?“
– „Du reist doch so gerne.“

Ich grinse und küsse dich. Es ist gut, dieses Ankommen. Viele Jahre dauerte diese Reise an, ein Ende war nie in Sicht. Und plötzlich stehe ich da, mit dir im Arm und möchte mal plötzlich ganz einfach die Welt umarmen. Mit all ihren Macken und all ihren Fehlern. Vielleicht liegt es an dir. Du, die einzige Person, die ich schon seit mindestens eintausend Jahren kenne. Du, die ich von ganzem Herzen und über beide Ohren liebe. Die mir den Halt gibt, den ich so manches Mal brauche, die mir zuhört, wenn ich mal wieder vor mich hin träume und du, die mir durchs Haar streicht und mit deinen Blicken ganze Geschichten erzählst.

Es fühlt sich gut an, dieses Ankommen. Als lebe man endlich in dem Leben, das man sich immer für sich gewünscht hat. Mit einer enormen Prise Liebe, mit Plätzen, die man für den Moment Heimat nennt, mit konkreten Plänen, die vielleicht anfangs noch etwas Angst, aber viel mehr noch große Vorfreude erzeugen. Und mit dem Gefühl, dass es, wie man so schön sagt, endlich einmal läuft. Und man den Mut fasst, Träume in Angriff zu nehmen. Und den Versuch wagt, den Glauben an die Ewigkeit zurückzugewinnen.

Aber vielleicht bin ich auch ohne Halt. Das Ende der einen Reise ist womöglich der Beginn einer neuen. Doch den möchte ich mit dir gehen, möchte glücklich sein, möchte träumen. Möchte von und möchte auch mit dir träumen. Und manchmal möchte ich mit dir einfach nur die Sterne betrachten. Ich bin angekommen. Endlich. Angekommen … in der einen, in der meinen Welt.

Eine eigene kleine Welt.

Mein Kopf lehnt an dem überdimensionierten Fenster. Jedes Rattern des Zuges über die unebenen Schienen überträgt sich mit voller Wucht auf meinen Körper. Züge sind etwas Sonderbares. Ein Treffpunkt für Schicksale, eine eigene kleine Welt, zusammengepfercht auf wenige Waggons. Mit den assozialen Typen, den herumtollenden Kindern, den schlafenden Studenten. Und mit mir.

Es regnet. Seit Tagen wohl schon, oder vielleicht auch erst seit gerade eben. Wie ein Wasserfall bricht ein Schwall vom Dach des Zuges herab, meine Aussicht verschwimmt wie ein Aquarellbild. Meine Welt, eingetaucht in ein Meer aus Regentropfen. Eine seltsame, beunruhigend beruhigende Welt. Beim Blick aus dem Fenster beobachte ich die anderen Menschen; Jene alte Frau, die ihren Kopf auf einen zusammengeknüllten Pullover und diesen auf eines dieser Zugfenster gepresst hat, und dabei so wundervoll zufrieden schnarcht als gäbe es kein Morgen mehr. Vielleicht stimmt das in ihrem grauhaarigem, drittzähnigem Fall ja tragischerweise sogar.

Oder diese junge Familie, die Uno oder irgendein anderes furchtbar einfaches Kartenspiel spielt und das kleine Mädchen eine außergewöhnlich nervige Stimme hat. Mir ist es ja egal, aber in Wahrheit ist es kaum mehr auszuhalten. Und jedes Mal, wenn das Mädel ihren Mund öffnet, zischt ihre Mama ihr gleich ein „Pscht.“ vorweg ins Gesicht. Keine Chance, dieses Mädel, dass sie irgendwann einmal die Stimme gegen irgendjemanden erhebt. Schlussendlich flüstert sie nur mehr und ich bemerke, dass das Nervigste an all dem wohl nur Mutters Zischen war.

Dann gibt es da noch diese dickliche Frau, die beim Versuch, eine Limoflasche zu öffnen, versehentlich geschätzte eineinhalb Liter klebriges Zeug über den Boden verteilt und diesen mit unzähligen 676 cm² großen Taschentüchern aufzuwischen versucht, und der Typ mit offensichtlich asiatischem Migrationshintergrund, dem zuerst ein Kichern entwischt und welcher schließlich dann auch noch von der Brühe erwischt wird. Mein Schmunzeln verstummt noch bevor es die Erdoberfläche erblicken konnte.

Und dieser eine Typ, der auf der Suche nach einer funktionierenden Toilette seit Minuten quer durch den Zug eilt und man von Schritt zu Schritt mehr merkt, dass es sich wohl möglicherweise nicht mehr bis zum Lokus ausgehen wird. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, das Gesicht wird immer blasser. Und der ihm entgegenkommende Schaffner erklärt ihm nur, dass er in jene Richtung zurückgehen müsse, aus welcher er gekommen sei … „Hier hinten funktionieren sie nicht.“ – „Ihre Fahrscheine, bitte!“

Ich beginne zu kramen, so wie ich es die vergangenen hundert Male auch schon immer gemacht habe. Werde beinahe schon hektisch, bis ich bemerke, dass ich meine Geldbörse erst Minuten vorher aus meiner Hosentasche raus und neben mich hingelegt habe. „Hier, bitte.“ Das wars für mich. Aufmerksamkeitsspanne zu Ende. Kopf an Zugfenster. Und hinein in die Schicksale andere Menschen. Ein komischer Ort hier. Zusammengepfercht und für Stunden beinahe so etwas wie eine kleine Familie. Mit Zwangsverwandtschaften, Blickfreundschaften und Menschen, die einem wie Geschwister erscheinen.

Diese eine Umarmung.

„Wart mal.“ Deine Hand fasst die meine, die beiden versinken in wohltuende Symbiose. „Hm?“ – „Ach. Nichts.“, lächelst du und unsere Füße tapsen weiter die Straße entlang. Es ist dunkel, schon Nacht geworden, vor Stunden. Hier ist die Stille, kein Auto, nur wir. Die erste warme Nacht in diesem Jahr, keine Spur von frostigen Temperaturen. Wir tragen unsere Schuhe und Socken in der Hand, fühlen den immer noch warmen Asphalt auf unserer Haut. Einmal Pause, bitte. Für immer.

Foto: Guillaume Lavaure | flickr

Du bleibst stehen, stellst dich etwas auf deine Zehen, küsst mich auf die Wange. Und setzt dich mitten auf die Straße. „Komm schon. Hier kommt doch nie jemand vorbei. Nicht um diese Uhrzeit.“ Zuerst sitzen, dann liegen wir. Über uns das Firmament voller hellleuchtender Sterne. Die Wolken haben sich verzogen, die tagsüber immer mal wieder fälschlicherweise Unheil vorhersagten. Dein Kopf auf meiner Brust.

„Es schlägt.“, bemerkst du und mit diesem Satz höre auch ich es. Sanft streichst du mir übers Gesicht und siehst mich an. Durchdringst mich, mit deinem Blick, machst mich hilflos, vollkommen still. Nur du hast diese Macht. Deine Augen, aus denen Liebe spricht. Und Freundschaft. Verständnis und dieses Gefühl, dass dir meine Nähe nicht unangenehm ist. Wir beide.

Minuten scheinen zu vergehen, zwei Sternschnuppen später dann plötzlich Motorengeräusch. Noch weit genug weg, um rasch zum Gehsteig zu gelangen. Wir lachen, nehmen uns in den Arm, und gehen weiter. Irgendwann dann dieser eine kleine Weg, zwischen zwei Häusern, von Straßenlaternen gesäumt, mit Treppen gepflastert. Und ich ziehe dich nach unten, wir fallen die paar Stufen hinab und unsere Lippen treffen sich in der Mitte. Fast schüchtern erforschen wir gegenseitig unsere Gesichter mit unsren Lippen. Halten inne, halten uns. Und zwischen Häusern und Himmel, zwischen Dunkelheit und Sternen, zwischen alledem, bleibt uns vielleicht nur diese eine Umarmung.

Und du.

Foto: bebo82 | Flickr

Und dein Lächeln, das ich jedes Mal wieder so sehr genieße, und mir wünsche, dass du es genau in diesem Moment nur für mich offenbart hast. Und die Gespräche, die wir führen, als würden wir uns schon ewig kennen und die Stille, wenn dieses eine Lied in der Playlist irgendeines Lokals auftaucht. Und dein Blick, der mich jedes meiner Worte beraubt und mich plötzlich so furchtbar angreifbar macht.

Und die Ungewissheit, die mich seit Wochen an nichts anderes mehr denken lässt und mich Pläne schmieden lässt, die meinem fehlenden Mut nur allzu gerecht werden. Und die mich bis in meine Träume verfolgt, wo plötzlich alles so einfach, und deine Nähe so wunderbar ist. Und der erste Wimpernschlag am Morgen, der mir weismachen will, dass all das eben doch nicht passiert ist.

Und mein verträumter Blick ins Nirgendwo, wenn ich plötzlich wieder versuche, aus dem Jetzt zu verschwinden. Und ich mich wiederfinde, irgendwo mit dir und ich nur darauf warte, bis diese Seifenblase zerplatzt und ich mit einem Lächeln zurückkehre zur Realität und ich mir wünsche, das alles bitteschön so einfach sein soll.

Und ich in diesem Auf und Ab an wünschenden Gedanken und zermürbenden Zweifeln und der Angst, dass all das doch nur Einbildung ist. Und doch wieder die Abende mit dir, die zu Nächten oder zu Morgen werden und die letzten Tage und Wochen zu den Schönsten, Besten und Erinnerungswürdigsten seit Jahren haben werden lassen.

Und dieses eine Gefühl, das ich nach so langer Zeit wieder einmal fühle und die Hoffnung, dass es dieses eine Mal wahr wird. Und die Schmetterlinge in meinem Bauch und das fast schon ungesunde Lächeln auf meinem Gesicht und das Gefühl, genau jetzt, genau hier richtig zu sein. Ich habe mich verliebt. In dich. Ich wünschte, du weißt das.

Route.

Als ich es schaffe, wieder richtig auf die Beine zu kommen, sammle ich noch all meine anderen Dinge vom Boden auf. Hier hat irgendetwas gewütet und selbst jetzt brummt mein Kopf noch wahnsinnig. Wo – verdammt – bin ich hier nur gelandet. Wer war dieser ominöse Mann und wie komme ich jetzt nach Hause.

Ich krame schon wieder nach dem Telefon, will irgendeinen meiner Freunde anrufen. Die könnten mir wohl schon sagen, worum es geht. Doch das Adressbuch ist leer, alle Nachrichten gelöscht. Und das Guthaben, so erfahre ich, als ich die Auskunft anrufen möchte, ist auch alle. Ich kann also nur angerufen werden, aber es weiß doch niemand, dass ich gerade jemanden brauche.

Ich bin irgendwo außerhalb der Stadt gelandet, viel zu ländlich hier. Der Baum, der mir die Nacht über Schatten gespendet hat, rückt schön langsam in den Hintergrund, als ich mich, guter Zuversicht, auf den Weg mache. Wohin? Ich weiß es nicht. Immer wieder blicke ich mich nach diesem Typen um, oder zumindest nach Kameras. Ich werde beobachtet. Und will eigentlich einfach nur mal wieder gemütlich in mein Bett fallen.

Möchte einfach mal wieder die Zeitung durchblättern und nach Morden und Vergewaltigungen durchsuchen. Das ist meine Bestimmung, das ist mein Tick. Sonst will ich gar nichts. Telefon.

– „Hör auf, dir Gedanken zu machen.“
„Hm?“
– „Du bist gedankenverloren. Konzentriere dich.“
„Oh-… ok. Aber kann mir mal jemand erklären …“

Wieder der misstrauische, umherschweifende Blick. Ich bleibe stehen. Warum war ich eigentlich hierher gekommen? Da kam es mir wieder. Ich kenne den Baum. Hier bin ich schon einmal aufgewacht, mit diesem violetten Fahrrad. Und … und jetzt wollte ich herausfinden, worum es eigentlich geht. Telefon.

– „Und?“
„Das ist der richtige Weg.“
– „Eben.“

[Zu den bisherigen Teilen der Fortsetzungsgeschichte]

Nie wiedersehen.

(via  astromooseflickrCC)

Du erkennst mich nicht wieder. Wie du da so stolz, mit dem Blick voraus an mir vorbeigehst und ich … ich sitze hier auf dieser einen gittrigen Eisenbank auf dem schließlich doch etwas unterfüllten Bahnsteig. Du bist ganz einfach an mir vorbeigelaufen, lachend, mit dem Handy in deiner Hand, wahrscheinlich in ein Gespräch vertrieft.

Oder hoffentlich. Hoffentlich hast du mich nicht schon von Weitem gesehen und versucht, mir nun das perfekte Faketelefonat zu servieren. Das hättest du nicht nötig. Nein. Sowas würde ich dir ganz einfach nicht zutrauen. Du blickst umher, zehn, zwanzig Meter entfernt, blickst überall hin, nur nicht zu mir.

Ich schüttle meinen iPod und erwarte die kommenden Überraschungen. „17“. Kings of Leon. Wie passend. Wir waren zu jung, denkst du nicht? Wir sollten uns jetzt noch einmal kennenlernen. Wir würden uns wahrscheinlich gar nicht mehr mögen, aber vielleicht würde das irgendwobei helfen. Einzusehen, dass wir nicht mehr die Kinder von damals, sondern die unausstehlichen Menschen von heute sind.

Volle Lautstärke, der Bahnsteig füllt sich. Ich stehe auf, bewege mich sogar noch ein paar Meter von dir weg, hin zum Raucherbereich und zünde mir eine Zigarette an. Weggedreht von dir, hineinblickend in eine erdrückende Leere. Du hast mich einfach übersehen, wiederholt mein Kopf den einzigen Gedanken, den ich in diesem Moment fassen kann. Einfach übersehen.

Die Zigarette ist am Ende, der Zug fährt ein. Auf der Suche nach einem Sitzplatz treffen wir uns schließlich doch. „Hey! Wow.“ – „Hey.“ – „Und … wie … wie gehts dir?“ – „Da-danke gut.“ Hinter mir drängeln schon die anderen ungeduldigen Mitfahrenden und stoßen mir ihre Taschen und Koffer in die Kniekehlen. „Ich- … ich muss weiter. Man sieht sich!“

Nein, tut man nicht.

Said it’s a culmination of a story
and a goodbye session
It’s a tick of our time and the tick in her head
that made me feel so strange

Klon.

Meine Traumfrau
ist ungefähr so wie du.
Das selbe wundervolle Lächeln.
Der Blick, wenn du mich ansiehst.
Die Zärtlichkeit, wenn du mich berührst.
Die Stille zwischen uns.

Sie ist genauso schön wie du.
Eigentlich ist sie wie du.
Du bist sie.

Aber jetzt gilt es nur mehr,
einen Klon zu finden.

Deinen Klon.