9/11

Das Ende meiner Kindheit. Oder der Welt, wie ich sie kannte. War es für Amerika ein Schock, für die Welt ein Entsetzen, war es für mich persönlich wohl das erste einschneidende Erlebnis meines Lebens. Und selbst zehn Jahre danach war das Fernsehprogramm der vergangenen Woche hart für mich. Als würde ich mir ein Stück Vor-9-11 zurückwünschen. Ein kleines Stück naive, heile Welt.

*Foto: AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by nycgeo

Ich war 13 Jahre alt. Und erlebte wohl einen der tollsten Tage meines bisherigen Lebens. Mein Papa nahm sich die Zeit, mit mir, im Zug, nach Wien zu fahren. Auf irgendeine – im Jahr darauf – eingestellte Nerd-Messe. Das erste Mal Wien, und vielleicht schon damals der Beginn einer schlussendlich fatalen Liebesgeschichte. Wir waren gerade am Heimweg als Mobiltelefone klingelten.

„Flugzeuge, ins World Trade Center“

Meine Schwester und meine Mama war auch unterwegs, nicht unweit unseres Zuhauses. Als sie wieder heimkamen und das Fernsehen nur aus einem Thema bestand, riefen sie uns an. Meine Mutter erklärte es mir mit etwas zittriger Stimme, die Augen und die Gedanken sichtlich auf die Fernsehbilder gerichtet. Ich konnte es noch gar nicht verstehen. War nicht bereit dazu und wohl auch nicht dazu im Stande. Und irgendwann erinnerte ich mich an den kleinen Radio, den ich, trotz des Lächelns meiner Eltern, vor der Abreise eingepackt hatte.

„Menschen sprangen aus den oberen Stockwerken. Nun sind beide Türme eingestürzt. Über die Opferzahl weiß man noch nichts, aber an einem normalen Arbeitstag können dort bis zu 30.000 Menschen zugegen sein.“ So oder so ähnlich wiederholte sich der Radiosprecher und andere Fahrgäste, rund um uns herum, versammelten sich um den krachenden Radio. In ihrem Gesicht war Entsetzen, wohl auch ein kleines Stückchen Angst. Erwachsene Menschen, die von dieser Nachricht so verstört waren. Hier war ganz offensichtlich etwas passiert. Etwas Einschneidendes für uns alle.

Aber die Welt und ihre Fugen müssen auseinandergeraten. Um Menschen wieder näher zusammenrücken zu lassen, um Hilfsbereitschaft wieder zur großen Tugend werden zu lassen. Oder zumindest, um auf genau das hoffen zu können. (Die Welt und ihre Fugen)

Daheim angekommen gab es für die kommenden drei Tage nur dieses Thema. Dieselben Bilder, immer und immer wieder. Und selbst VIVA und MTV spielten ruhige, traurige Musik. Wiederholten wohl halbstündlich „Only Time“ von Enya. Verzichteten auf Werbung. Hier war wirklich etwas passiert. Amerika, das Land meiner kindlichen Träume, jenes Amerika, das mit Full House oder Hör mal wer da hämmert, jenes New York, welches mir mit Nanny oder Seinfeld ans Herz gelegt wurde. Es war am Ende.

Krieg, Verschwörung und Antiantiamerkanismus

W. Bush wählte Krieg als Reaktion. Wohl das Einzige, was er in dieser Situation machen konnte. Ein so patriotisches Land wie Amerika würde sich nach einem solchen Anschlag nicht mit Diplomatie begnügen. Wählte Afghanistan, schließlich Irak. Damals war ich Gegner dieser Kriegszüge. War dagegen, weil man ja wohl kaum für Krieg sein kann oder so. Schließlich fiel mir Loose Change in die Arme. Und vermutete die USA hinter den über 3.000 Toten der Anschläge. Sei ja alles schön plausibel. Ich war jung, Leute, sorry. Und Verschwörungstheorien haben ganz einfach eine unglaubliche Anziehung auf mich. Aber während auf Twitter oder Facebook munter ein gewisser Antiamerikanismus gepflegt wird, und selbst auch die „Qualitäts“Medien damit anfangen, ist das Trara rund um 9-11 Jahr für Jahr etwas Besonderes.

Ein Wieder-in-Erinnerung-Holen schrecklicher Bilder. Der Gedanke, dass man erstmals live dabei zusehen konnte, wie 3.000 Menschen starben. Dass 9-11 Live-Terror war und wir nur gebannt, erschrocken, entsetzt und ängstlich vor dem Fernseher saßen. Sprachlos von all den erdrückenden Eindrücken. Und für mich bedeutet 9-11 und das persönliche Auseinandersetzen mit dem auch der Beginn einer neuen Zeitrechnung in meinem Leben. Die Kindheit, wie ich sie kannte, war mit diesem Tag vorbei. Jetzt würde es dunkler werden. Jetzt würden auch mal schlimme Dinge passieren. Und sie passierten auch. Auf der Welt, in meinem Umkreis und in mir. Aber schön langsam baue ich sie mir wieder auf. Diese eine, diese kleine, naive, heile Welt.

Wir werden schön langsam groß.

Du hast mir heute gesagt, dass dir immer öfter Dinge einfallen, wo du bei der Erziehung von meiner Schwester und mir falsch gelegen bist. Falsch gehandelt, falsch entschieden hast. Du erinnerst dich sogar noch an deine Worte, vor 20 Jahren oder was auch immer. Aber nein, du … ihr beide, meine Eltern, habt vielleicht nicht alles richtig gemacht, aber ihr ward vor allem eines: immer für mich da.

Foto: TW Collins |  flickr

Das hier ist ein Dankeschön. Ein Dankeschön dafür, dass ihr mir keinen Weg vorbestimmt habt. Ihr habt all meine Entscheidungen, so irrational und kaum nachvollziehbar sie auch manchmal gewesen sein mögen, akzeptiert. Seid mir helfend zur Seite gestanden, als ich in Wien nicht das neue Zuhause gefunden habe, auf das ich mich so lange schon freute. Als ich wahrscheinlich mehr Zeit bei euch als in Wien und die meiste Zeit wohl im Zug verbrachte. Und jetzt, wo St. Pölten genau das geworden ist, mein neues Zuhause, der Platz für mein Herz, da seid ihr immer noch da. Und wir reden, tratschen, jammern uns am Telefon alle paar Tage die Ohren voll, und freuen uns, wenn wir uns nach 3 Wochen oder einem Monat mal wieder kurz für 2 Tage sehen.

Oder damals, als ich in der 7. Schulstufe zu straucheln begann und die Frage im Raum stand, ob ich in die Hauptschule wechseln oder im Gymnasium ein Jahr wiederholen solle. Immer wenn ihr für die Hauptschule ward, wollte ich im Gymnasium bleiben. Und umgekehrt. Aber dann habt ihr schließlich das akzeptiert, was ich wollte. Und mich so bei einem sehr wichtigen Schritt unterstützt. Denn das war der Grundstein für den Großteil meiner Freundschaften, die viel enger kaum sein könnten.

Und dann rufe ich dich an, Mama, nach einem langen Tag, der mit einer E-Mail begann, die ich zwar (wenig) überrascht akzeptierte, die mir aber die kommenden Stunden über mehr und mehr zu denken gab und mir die Ruhe nahm, die sonst in mir liegt. Und du einfach nur sagst: „Vielleicht ist es besser so.“ und „Du brauchst dir keine Vorwürfe machen.“ und noch so viel mehr. Und du nicht einmal lachst oder übers Telefon den Kopf schüttelst, als ich dir sage, dass ich mich in meiner Zukunft nicht unbedingt als Medienmanager sehe, vielleicht nicht einmal als Journalist für ein Print- oder ein Onlinemagazin. Sondern, dass ich irgendwann einmal als Schriftsteller leben möchte. Eher bald, aber immerhin. Du verstehst es. „Du wirst deinen Weg schon machen.“, meinst du und zählst mir auf, woran meine schriftstellerische Arbeit oft scheitert. Am Perfektionismus, an der Tatsache, dass ich schnell mit etwas Fertigem nicht mehr zufrieden bin. Du kennst mich.

„Ich habe mal wieder in deinen Texten gelesen. Es ist unglaublich, wie du über so Furchtbares trotzdem so wunderschön schreiben kannst.“ – Stille. – „Dankeschön!“ Und auch wenn ich sie dir ausdrucken muss, da du das Internet und das Internet dich nicht mag. Und auch wenn du erst spät Fan meiner Werke geworden bist, so zählt deine Meinung so unglaublich viel. So ein Anruf an einem Samstag Vormittag tut so gut, solche Worte zu hören helfen mir über alle Maße.

Papa und du, du und Papa. In vielen Dingen könntet ihr wohl kaum unterschiedlicher sein, aber was euch verbindet ist eure Liebe und wahrscheinlich auch der Glaube an eure Kinder. Ihr helft uns, wo ihr nur könnt. Wir können auf euch zählen, unser Wohl ist eure Aufgabe. Und das macht ihr großartig. Ihr lasst uns leben, gebt uns die Freiheit alles zu tun, und nehmt uns immer wieder aus vollem Herzen auf, wenn wir Unterschlupf brauchen. Oder so etwas wie „Familie“.

Wir werden schön langsam groß. Meine Schwester wird im September sechs-, ich kommenden Monat dreiundzwanzigt. Ich kann euch nur danken, für diese unglaublichen dreiundzwanzig Jahre. Für die Hochs, bei denen ihr dabei ward, für die Tiefs, die wir miteinander durchlitten. Für die unzähligen Umarmungen, und auch die Streite, die unser Zusammensein doch ausmachten. Für den Glauben an mich, selbst wenn ich ihn vorübergehend verloren habe. Ohne euch wäre ich wohl nichts. Oder zumindest nicht das, was ich heute bin.

Und dafür danke ich euch. Aus ganzem Herzen. Aus tiefster Überzeugung. Aus vollem Respekt. Dankeschön, Mama und Papa! Danke, dass es euch gibt.

Heimat.

Frühling. 05022011

In den vergangenen paar Tagen, zum Nachdenken nahezu prädestiniert dazu, kam mir immer wieder das Wort „Heimat“ in den Kopf. Heimat und dass es so etwas womöglich gar nicht gibt. Keinen fixen Ort, kein Haus, in das man immer wieder zurückkehren kann. Nicht das Haus, in dem man aufwuchs, in dem man das erste Mal aufs Töpfchen ging, mit Freude das erste „Sehr gut“ und Jahre später mit Tränen das erste „Nicht Genügend“ nach Hause brachte. Das Haus, in denen man das erste Mal Sex hatte, das für wenige Tage mal der wunderbarste Ort der Welt war, als unzählige Freunde und ich ohne Sorgen übers Morgen einfach so in den Tag hineinlebten und mit Decken die große Wiese mit Leben füllten.

Bis vor wenigen Wochen war Heimat dieses eine alte Haus, auf dessen Türbogen „1862“ prangt und dessen dicken Wände mir immer wieder Träume von Menschen, die darin wohnten, ermöglichten. Heimat waren für mich meine Eltern, die Teil dieses Zufluchtortes waren, mein Zimmer, das nach all den Jahren nichts Geordnetes, nichts „Erwachsenes“ beinhalten durfte. Heimat war es, früher mit dem kleinen Eimer die Haselnüsse einzusammeln, oder meiner Mutter im Gemüsebeet mehr oder weniger behilflich zu sein. Egal was passierte, egal was ich angestellt habe, oder was mir angetan wurde. Hierher konnte ich kommen, konnte zuhause ankommen und in diese eine, geschützte, in diese meine Welt eintauchen. Hinter mir die Türe schließen und war plötzlich wieder sicher.

Vielleicht lacht ihr jetzt, wenn ich euch sage, dass ich die vergangenen Jahre, seit ich studiere, fast jeden Tag meine Eltern angerufen habe. Dass wir diesen einen verdammten Smalltalk führten, den ich normalerweise so sehr hasse, und dass wir uns manchmal auch auf wirklich wichtige Gespräche eingelassen haben. Ein Stückchen Heimat übers Telefonnetz. Ein verzweifelter Versuch, nicht loslassen zu müssen. Irgendwann, in den vergangenen Wochen, habe ich damit aufgehört. Habe mein Handy liegen lassen. Weil ich mich wohl zum ersten Mal auf dieses neue Leben, auf St. Pölten eingelassen habe, auf meine Reisen nach Wien oder zurück in diesen kleinen Ort, von dem ich mich damals aufmachte. Weil ich seit Jahren wieder einmal so etwas spüre, was ich als Leben bezeichnen möchte. Als bedingungsloses Leben, als ein Eintauchen, in das, was mich durch und durch glücklich macht.

Wien musste unter meinem Wunsch nach Heimat leiden, und ich mit ihm. St. Pölten war das komplette Gegenteil und doch nicht das Richtige. Erst in den letzten Monaten, in denen ich 90 Prozent meiner Zeit in dieser kleinen Stadt, weitab von dieser ominösen „Heimat“ verbrachte, mit zwei großartigen Freunden als die wohl besten Nachbarn. Und einem wachsenden Freundeskreis drumherum, mit Lokalen, in denen man bis 4 Uhr früh sitzen konnte, und Lebensmittelgeschäfte, die uns sogar bis 22 Uhr eine 50er-Packung Frühlingsrollen verkaufen. Und dann komme ich das erste Mal seit Wochen wieder zurück von St. Pölten und fühle es. Dass es das war.

Das mit diesem einen Mal das kleine imaginäre Schildchen über der Tür, dieses „Heimat“, nicht mehr hier ist. Dass es für mich nur mehr Unterkunft, und nicht mehr Zufluchtsort ist. Meine Eltern mir nicht weniger wichtig geworden sind, aber das Leben drumherum viel wichtiger. Warum ich immer wieder hier zurückkehre? Für die wenigen Tage, die ich gemeinsam mit meinen Eltern verbringe, für die vielen Abende, die ich mit meinen Freunden erlebe. „Heimat“ ist das nicht mehr, nur mehr ein Zwischenstopp.

Das Schildchen findet man jetzt übrigens nicht plötzlich vor meiner Wohnungstür in diesem Studentenheim. „Heimat“ hat nicht einfach nur den Ort gewechselt. Sie hat eine Art Evolution durchlebt, hat sich von etwas Örtlichem zu einem Gefühl entwickelt. Wenn ich mit Freunden am Boden sitze, eine Flasche Bier in der Hand, eine Zigarette in der anderen, Gespräche über Gott und die Welt und über uns (mit all unseren Einzelheiten), wenn wir stundenlang kochen, gemeinsam einkaufen oder durch leere Straßen schlendern. Das ist für mich Heimat. Oder wenn ich mit einer ganz gewissen Person treffe, mich mit ihr unterhalte, ihr nah bin. Genau das ist Heimat.

Heimat ist für mich dieser imaginäre Ort, an dem ich ganz einfach ich sein kann. Ohne mir irgendwelche Gedanken machen zu müssen, ob ich hierher passe. Heimat ist die Nähe zu geliebten Menschen. Heimat ist das Ende der Selbstaufgabe. Heimat ist genau dieser Frühling hier. Heimat ist Liebe.

Ein guter Tag irgendwie.

Meine Hand zu einer Faust geformt reibe ich mir die Augen. Alles tut weh. Mein Rücken schmerzt und das Gefühl in meinen linken Arm scheint gerade erst wieder zurückzukehren. Das Buch ist immer noch geöffnet, nur die Seite ist nicht mehr die Gleiche als damals, als ich eingeschlafen bin. Was waren das jetzt? Drei Stunden?

Ich fühle mich elend. Um neun, halb zehn war ich im Studentenheim, habe mein bisschen Gepäck ausgepackt, das Bett frisch überzogen. Ich war müde, wollte schlafen. Ich hätte es auch bitter nötig gehabt. Aber Wien ist anders, wisst ihr. Kaum glaubt man, es sei endlich Ruhe eingekehrt, wird das Zimmer mal wieder durchflutet von vorbeifahrendem Blaulicht, die Stille durchbrochen von quietschenden Reifen. Deshalb habe ich mir das Buch gekrallt, habe zu lesen begonnen und bin, meinen Kopf auf der Hand abgestützt, eingeschlafen. Und das war ungefähr vor 3 Stunden. Aber ich weiß es ja, es ist alles nur Gewöhnungssache.

Zu viel Neues hier und zu schnell das Ganze. Ich werfe die Bettdecke zurück, schlüpfe mit den Beinen heraus und wage die ersten Schritte dieses Tages. Mir ist schwindelig und im Grunde genommen wäre jetzt der genau richtige Zeitpunkt, um mich zu übergeben. Zum Glück aber habe ich seit einiger Zeit nichts mehr gegessen. Der Aufregung wegen. Und dieses Unvermögen, sich zu übergeben, verstärkt leider noch viel mehr dieses ungute und flaue Gefühl in meinem Oberkörper. Ich öffne das Fenster, sehe raus. Diese Stadt schläft nie.

Schon jetzt, es ist gerade mal halb 7, sind die Straßen wieder übervoll gefüllt und ich befürchte beinahe, dass sich das seit meiner Ankunft nur minimal verändert hat. Und obwohl, wenn man auf der Autobahn nach Wien fährt, beim Ortsschild „Wien“ ein Hupverbot für das gesamte Stadtgebiet bemerkt, scheint sich niemand daran zu halten. Da, schon wieder. Es dröhnt in meinem Kopf.

Ich versuche mich daran zu erinnern, was mir Freunde empfohlen haben. Die Meisten wissen, dass ich solche Umstellungen wie diese, solche Neubeginne, solche Bottom-Up-Dinger für mich furchtbar unangenehm sind und ich mich nur unter starkem Druck daran gewöhne. Aber eine Freundin meinte, am Schnellsten würde man Bekanntschaften in Gemeinschaftsküchen von Studentenheimen finden. Jetzt soll ich mich also auf das freie Schlachtfeld frischer Neo-Studenten wagen. Mein Herz pocht in meinen Ohren. Ich bin nicht gut in solchen Dingen. Der erste Kaffee, den ich mir hier in Wien gekocht habe, schmeckt wie der letzte Dreck. Ich sitze am großen Tisch, lese die Zeitung, die heute schon vor meiner Tür lag und warte. Manchmal huscht jemand vorbei, ich kann es durch die offene Tür beobachten, aber scheinbar ist es hier wohl nicht so angesagt, sich in der Gemeinschaftsküche etwas zu kochen. Ich gehe zurück in mein Zimmer. Da werde ich wohl erst zu Mittag den nächsten Angriff starten können. In meinem Zimmer starte ich nur noch den iPod, leg‘ mich aufs Bett und blicke an die Decke. Warum ist bloß jeder Anfang so schwer? Und warte, bis die Zeit endlich vergangen ist.

»Hey! Ich bin Sarah!«

Es ist Mittag. Als ich gerade versuche, mein unglaublich aufwändiges chinesisches Nudelgericht nicht anbrennen zu lassen (die einzige Aufgabe, laut der Anleitung auf der Packungsrückseite), scheint mich das erste menschliche Wesen entdeckt zu haben.

»Oh. Hey. Noah!«

Relativ umständlich übernimmt meine linke Hand die wichtige Herausforderung und den Kochlöffel zu übernehmen, damit ich ihr meine Hand reichen kann. Hübsch.

»Auch neu hier?«
– »Mhm. Gerade frisch angekommen. Und du?«
»Ja. Ebenfalls. Also nein. Eigentlich bin ich schon seit ungefähr zwei Wochen da. Ich hab‘ mir gedacht, das würde mir helfen, damit ich mich an diese neue Umgebung gewöhne.«

Eine kluge junge Frau ist das. Darauf hätte ich eigentlich auch kommen können. Aber wahrscheinlich ist mir der Abschied zu schwer gefallen und die Angst vor dem Neuen hat eine nicht zu unterschätzende Größe entwickelt. Ich weiß es nicht. Aber zumindest diese Nacht wäre wohl mit mehr Schlaf belohnt worden. Oder?

»Ich hab‘ kaum geschlafen. War wohl eine zu heftige Umstellung für mich.«
– »Von wo kommst du denn?«

Und so erklärte ich ihr meiner Vergangenheit als Landkind und träume ihr vor, wie mein Leben als Stadtkind auszusehen habe. Sarah geht es genauso. Für sie war sogar die Anreise eine noch größere Hürde. Man mag es kaum glauben, wie verzweigt sich Österreich so manches Mal gestaltet.

»Kommst du frisch von der Matura?«
– »Mhm. Und auch frisch von der Maturareise.« Sarah lacht. So wie die meisten der rund 10.000 Leute, die ihren Abschluss in irgendeinem All-inc-Club feiern und manchmal nur mehr wenige Erinnerungen daran haben. »Und du?«
»Zivildienst.«

Im Laufe des Gesprächs erfahre ich noch so einiges über die junge Frau, die es wagte, die Erste zu sein, die mich in der neuen Stadt begrüßte. (Außer vielleicht der U-Bahn-Sprecher, der einen jeden „Zug fährt ab“ ins Gesicht brüllt.) Und von allen Gesichtern und Namen, die ich in den nächsten Tagen und Wochen erfahren werde, wird sie einen Ehrenplatz bekommen. An sie wird sich alles orientieren. Keine Ahnung, ob ihr das jetzt in diesem Moment, während des Gespräches schon bewusst geworden ist.

»Kennst du schon andere aus diesem Stock hier?«
– »Mhm. Also noch nicht so viele. Aber du warst wohl einer der Letzten, der nun wirklich hier eingezogen ist. Die Anderen sind schon mindestens eine Woche da.«

Shit, denk‘ ich mir. Vor meinem geistigen Auge überlege ich, ob da doch nicht etwas Anderes im Kalender und auf der Internetseite meiner Uni gestanden ist. Nein. Puh.

»Und? Findest du sie nett? Also so auf den ersten Eindruck?«
– »Mhm, ja schon. Sind zwar viele noch viel zu schüchtern, aber hey, das wird schon noch.«

Sie lacht und setzt sich zu mir an den Tisch, ihre Tasse dampfenden Tees, den sie sich während unseres Gesprächs vor ihr und ich über meiner chinesischen Nudelpfanne brütend. Sie scheint einer sehr selbstständige Frau zu sein, keine, die auch nur annähernd auf den Mund gefallen ist. Eine sympatische junge Frau, mit der ich wohl noch unzählige Gespräche führen werde. Meine Nudeln (sie schmecken wie … Unbeschreibliches) werden hinuntergeschlungen und als ich mein weniges Geschirr abspüle, fragt mich Sarah von schräg hinten: »Rauchst du eigentlich?«

– »Mhm.«
»Sehr gut. Dann wirst du also von nun ein mein Rauchpartner. Hast du Lust?«

Sie zückt ihr Päckchen, öffnet es und hält es mir entgegen. Sie weiß, wie man jemanden die Schüchternheit nimmt. Wir gehen raus, auf den Gang, hier darf man nämlich so ganz offiziell rauchen, lassen uns auf den Boden fallen und reden weiter. Ein guter Tag irgendwie.

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Angst vor. [Ein Epilog]

Manchmal, wenn wirklich beinahe alles irgendwie gut aussieht. Dann hat man plötzlich Ängste. Vor ganz banalen Dingen.

Eine Angst, die mir zurzeit sehr oft unterkommt, ist die Angst, beim Auswahlverfahren für das Publizistikstudium zu scheitern. Dieses Semester dürfen „nur“ 962 Studenten ins zweite Semester aufsteigen und so die Studieneingangsphase womöglich schon im zweiten Semester abschließen. Und eigentlich sieht es ja beinahe schon so aus, als müsste man nicht wirklich viel können, um da hinein zu kommen. Drei Prüfungen entscheiden über das Weiterkommen. Und die Prüfung mit den meisten Anmeldungen umfasst gerade mal 1015 Studenten. Wenn man die Tatsache, dass vielleicht 10 Leute nicht antraten und weitere 5 oder so schon zum dritten Mal antreten (und so nicht in unser Auswahlverfahren fallen), müssten gerade einmal 35 Menschen es nicht schaffen. Das heißt: 35 Menschen müssten schlechter sein als ich. Warum ich denn nun Bedenken habe?

Ich bin vielleicht einer, der für das Publizistikstudium, allein vom Interesse her, sehr gut geeignet ist. Ein Wissenstest (30 Fragen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen) endete mit rund 700 Studenten, die zwischen 0 und 10 Fragen wussten, 300 die zwischen 11 und 20 Fragen richtig beantworten konnten. Und genau 11 [in Worten: elf] die 21 bis 30 Fragen wussten. Laut meiner eigenen Einschätzung war ich einer der 11. Ich könnte auch die Aufnahme in die Journalistenschule in Wien schaffen, und ich bin auch einer der wenigen Erstsemestrigen, die von den Medien 2.0 und auch all dem Papierkram 1.0 schon zu einem großen Teil Bescheid wussten. Ich wäre also perfekt für das Publizistikstudium (und natürlich auch für das vorzeitig abgebrochene Politikwissenschaftsstudium, welches ich im 2. Semester wieder aufnehme). Und trotzdem die Angst vor dem Scheitern?

Das erste Semester in Publizistik (und scheinbar auch in allen anderen Studienrichtungen) ist voll mit unumgehbarer Theorie: Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten, Einführung in das wissenschaftliche Schreiben, das wissenschaftliche Denken, das wissenschaftliche Lesen. [Horror!]. Und die Prüfungen waren zum Teil zwar logisch, aber das dumpfe Erlernen der Statistik-Theorie stößt mir selbst jetzt noch ungut auf. Und so habe ich Angst: Angst, dass Leute, die ihre ganze Schulzeit auf purem Auswendiglernen aufbauten und das nun auch bei ihrem Studium fortsetzen, ihren Platz im Auswahlverfahren bekommen, obwohl sie vielleicht überhaupt keine Ahnung vom aktuellen Weltgeschehen und von den Medien haben, in denen sie irgendwann einmal arbeiten wollen. 

Es wäre peinlich. Ich würde mich schämen, wenn ich einer der 35 oder der 50 Leute wäre, die es nicht schaffen würden. Die Prüfungen waren schwer und ich habe vielleicht auch etwas zu spät angefangen, zu lernen. Und es ist sehr wahrscheinlich dass ich es ja nun auch wirklich geschafft habe. Aber die Angst bleibt eben da. Und ich halte euch natürlich auf dem Laufenden. (der 15. Februar gilt als das Datum der nächsten Woche). 

Und das hier war jetzt ein Epilog. Ein Nachwort. Nach all den ersten Wochen und Monaten meines ersten Semester. Es war aufregend, erdrückend, langweilig, spannend, interessant. Es war so vieles. Und deswegen freue ich mich auch schon auf das zweite Semester, welches im März schon wieder losgeht. Und habe nun jetzt noch einige Aufgaben in den Ferien: das Schreiben einer Bewerbung für die Fachhochschule in St. Pölte, das Schreiben einer Bewerbung für ein Volontariat beim Standard. Und irgendwas wird dann eben so passieren. Das Gefühl, dieses „Es geht mir gut“-Ding, ist immer noch da. Und das ist auch gut so.

All Alright.

Es ist schon die zweite Nacht, in der ich nicht einschlafen kann. Obwohl ein anstrengender und zeitraubender Tag voranging. Und so liege ich hier im Bett. Es wird beinahe schon drei Uhr. Morgen soll ich früh raus, ein Projekt abschließen, packen und rechtzeitig wieder nach Wien fahren. Weil ein ganz spezielles Highlight auf mich zu warten scheint. Mein Konzert, nach mehr als einem Jahr Ruhe mein großes Comeback als Statist in einem schwitzenden und schunkelnden Publikums. Und dann es ist auch noch Pete Murray, ein wundervoller australischer Gitarrenpop-Sänger. 

Die zweite Nacht also. Von Freitag auf Samstag. Und von heute auf morgen. Oder von gestern auf heute. Wie man es gerne sehen möchte. Am Freitag war ich mir ja noch bewusst, warum ich die Augen nicht lange wirksam zudrücken konnte. Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich bekam einfach keinen klaren Kopf hin, alles wurde mit allem verbunden, ich dachte an den Tod und was wäre wenn. Und kam einfach nicht zur Ruhe. Bis ich irgendwann, ebenfalls einige Zeit nach Mitternacht endlich die Möglichkeit hatte – in einem kurzen Moment Gedankenpause – die Augen ganz fest zuzudrücken und so dem Schlaf die Vorfahrt gewährte.

Heute Gestern bin ich verkatert und nach ebenso wenig Schlaf aufgewacht und habe sogleich mit der Arbeit an einem Projekt, welches morgen heute fertig sein muss. Es ist nicht mehr viel zu tun, eigentlich handelt es sich nur um die Aufgabe, Texte in ein vorgefertigtes Layout einzufügen und druckbereit zu machen. Aber es ist nicht immer so alles, wie es sich vielleicht anfänglich anhört. Vor allem, wenn man mit einem veralteten und komplizierten Programm arbeitet. Aber egal. Mit meinem Kater saß ich so stundenlang vor dem Computer und probierte und arbeitete. Ich könnte eigentlich müde sein. Aber.

Die Augen wollen eigentlich schon. Doch irgendwie habe ich wieder Angst vor meinen Gedanken. Sie würden mich heute erdrücken. Ich hasse es, wenn sie erst so spät (und in geballter Ladung) kommen. Entschuldigung, hallo? Ihr hattet doch den ganzen Tag Zeit, um auf mich einzuprasseln. Aber Gedanken sind scheinbar Nerds. Sehr nachtaktiv.

Und mit Sigur Rós in der Playlist, ein bisschen með suð í eyrum við spilum endalaust und plötzlich auch noch das Lied All Alright völlig jungfräulich in meinen Gehörgängen. Wundervoll. Dazu fällt mir jetzt nur The Killers ‚Everything will be alright‘ ein. Ja. Hoffen wir es. Denn zurzeit fühle ich mich gerade wieder an dem Punkt, wie wirklich gar nichts zu nothing passt. Alles komisch und schräg und alles kaputt was irgendwann einmal auch noch funktionierte. Es nervt gerade. Alles, ehrlich. Die Welt ist doof und mit ihr alle Menschen. Und Houellebecq hat also doch Recht. (Und obwohl er zu meinen Lieblingsautoren zählt, stimme ich nur selten mit ihm überein; außer eben, ich fühle mich so wie eben gerade). Und nach dieser einen Zigarette, welche ich gleich im Anschluss rauchen werde, versuche ich es noch einmal. Ein letztes Mal. Die Augen ganz fest zuzudrücken um auf einen besseren Tag zu hoffen. Manchmal funktioniert das. Wirklich.

Foto von kevindooley