Weil du es bist.

Habe ich Angst. Lächle ich still. Sehe ich dich nur so lange an, bis du es bemerkst. Und kann danach nur mehr schwer nicht mehr hinsehen. Kann ich nicht darüber reden. Habe ich mich verändert; zum Besseren, wie mir scheint. Muss ich ständig an dich denken. Und wie schön es wäre. Möchte ich dich berühren. Wünsche ich mir Mut. Offensivität. Weg von der Schüchternheit. Liege ich jetzt hier in diesem Bett und denke nach. Über dich, mich, uns. Kann nicht aufhören und will es auch gar nicht.

Weil du es bist.

Ein Versuch.

„Und wenn wir es wenigstens einmal versuchen?“
„Es hat keinen Sinn. Glaub es mir.“
„Aber. Ein Versuch.“

Die Beiden stehen sich ganz nahe gegenüber, jeder Lufthauch des Einen berührt das Gesicht des Anderen. Die Blicken treffen sich beim Schweifen durch den strahlend heißen Himmel.

„Warum aufgeben, bevor irgendetwas begonnen hat?“
„Weil …-“

„Das hättest du nicht tun sollen. Nein. Nicht jetzt.“
„Ich musste es tun.“

Der Kuss hängt noch an seinen Lippen und die sanften Berührungen ihrer Münder behalten noch für einige Sekunden ihre Wirkung. Es ist still hier, in dieser pulsierenden Stadt. Rund um sie herum irren Menschen umher, auf der Suche nach der Zukunft. Auch wenn das wahrscheinlich nur die kommenden fünf Minuten sind. So weit wollen Menschen nämlich gar nicht denken. Die Zukunft macht Angst.

„Du hast Angst, stimmt’s?“
„Mhm.“
„Ich auch.“

Ihre Lippen berühren sich ein weiteres Mal. Ein Angstkuss sozusagen. Sie sieht in seine Augen und erblickt sich selbst wieder. Ratlos stehen sie da, warten auf Anweisungen von oben, die nie kommen werden.

Ein weiterer Kuss noch.  Sie lächelt.

Begräbnisse.

Begräbnisse machen aus schönen Liedern mit schönen Erinnerungen schöne Lieder mit traurigen Erinnerungen. Begräbnisse hüllen einen ganz schnell in eine tiefe Decke aus Kollektivtrauer. Begräbnisse verpflichten zu Hemd, Krawatte und Anzug. Begräbnisse sind ein Fixpunkt für Trauer, selbst man noch nicht dazu bereit ist. Begräbnisse sind doof, wenn geliebte Menschen in Tränen ausbrechen und man nichts tun kann. Begräbnisse beginnen traurig und enden dann meist unterhaltsam in irgendeinem Wirtshaus. Begräbnisse sollen ein Abschied sein. Aber was für einer denn?

Meine Gründe, warum ich Begräbnisse so richtig gar nicht mag.

Upcoming: Donnerstag, Großonkel.

Klon.

Meine Traumfrau
ist ungefähr so wie du.
Das selbe wundervolle Lächeln.
Der Blick, wenn du mich ansiehst.
Die Zärtlichkeit, wenn du mich berührst.
Die Stille zwischen uns.

Sie ist genauso schön wie du.
Eigentlich ist sie wie du.
Du bist sie.

Aber jetzt gilt es nur mehr,
einen Klon zu finden.

Deinen Klon.

Der Schlag ins Gesicht. Aber so richtig.

Niemand wird sich mehr an diesen einen Eintrag erinnern: We used to be friends befasste sich mit einem Menschen, der in der ersten Klasse Gymnasium zu meinem besten Freund (zumindest was man zu dieser Zeit und in diesem Alter darunter bezeichnete) wurde, und dann wieder wegzog. Seine Geschichte ist schräg, brutal, hart. Mir wäre all das viel zu heftig, was ihm passiert ist. Und ihm war es das schlussendlich auch.

Vor – was weiß ich – zwei Wochen (oder so) warf er sich vor einen Zug oder legte sich auf die Schienen. Ich will keine genauen Einzelheiten haben, mir hat allein schon die Nachricht, dass er das war, zutiefst hinuntergerissen. Er lebte ja seit Jahren wieder hier, wir waren uns wieder einige Male begegnet. Er, immer mit seinem typischen Lächeln, welches er schon als 10 oder 11-Jähriger hatte, und welches mich ungeheim mitriss und mein Gemüt erhellte. Er sitzt nun im Krankenhaus, Bereich Psychiatrie. Der Zug hat ihm einen Arm zerstört, sodass er amputiert werden musste, sein Gesicht ist verletzt.

Es war hart, als diese Person, dieses unpersönliche Wesen, welches Selbstmord begehen wollte, kein Unbekannter mehr war. Sondern eine Person, die ich noch wenige Tage zuvor am See gegrüßt habe. Ein Mensch mit Namen, und mit einer Geschichte, in der auch ich kurz einmal vorkomme. Es war ein Schlag ins Gesicht, als ich diese Nachricht während meines Urlaubes erfuhr. Jeder kannte ihn übrigens irgendwie.

Und ich dachte mir immer nur, was gewesen wäre, wenn wir uns in diesen frühen Jahren nicht aus den Augen verloren hätten. Wenn wir jetzt noch Freunde wären, womöglich beste Freunde. Und besonders brutal wirken nun die Worte aus meinem alten Text: Ich hätte dich vielleicht davor bewahren können.

Ja, verdammt.
Vielleicht hätte ich das.

AW:

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Omatod.

Heute Morgen ist es also passiert. Meine Oma väterlicherseits ist gestorben.

Letzten Freitag haben wir sie noch einmal besucht, haben uns sozusagen von ihr verabschiedet, haben gehört, dass es also nur mehr eine Frage der Zeit sei. Solche ‚Fragen der Zeit‘ sind ja immer verdammt relativ und können von beschworenen drei Wochen zu weiteren drei Jahren werden. Hier war es nicht so.

Ich bin viel zu unaufgebracht, um einen passenden Nachruf zu schreiben. Natürlich finde ich es schade, dass ich meine Oma nicht ein weiteres Mal lebend zu sehen bekomme. Aber mit ihren 86 Jahren hat sie schon so viel erlebt, und dieser eigentlich relativ rasche Tod, genau den hat sie sich verdient. Ohne lange zu leiden.

Das Einzige, was mir Sorgen macht? Dass ich nicht da sein werde.

Meine Tante (bei welcher meine Oma die letzten Jahre lebte) fragte mich, ob ich am Begräbnis sprechen möchte, die Lebensgeschichte von Oma. Wahrscheinlich immer noch aufgrund der Abschiedsrede bei Timis Begräbnis. Und ja, natürlich hätte ich es getan, hätte mein Bestes gegeben. Aber ich bin nicht da.

Heute Abend oder morgen oder übermorgen (was weiß ich) geht es los nach Ozora, zu sechst im Wohnwagen. Ein Urlaub, auf den ich mich mindestens seit Mai freue. Soll ich jetzt auf meine zehn unglaublichen Tage in Ungarn verzichten? Ich hasse ja Begräbnisse. Aber ich wäre wirklich gerne dabei. Und Oma, weißt du? Ich werde auch noch einen anderen Weg finden, mich von dir zu verabschieden. Ich trage auch kein Schwarz oder lebe jetzt ruhiger. Nicht jetzt. Ich kann jetzt einfach nur sagen: Leb‘ wohl!

photocredits: moriza | flickr

Herzpause. [Ein Dialog]

I

Du?
Mhm?
Du. Weißt du, manchmal-.

Hm?
Manchmal, da spüre ich mein Herz nicht mehr.
Wie?
Als würde es einfach aufhören. Zu schlagen. Und mich hier allein zurücklassen.
Oh. Aber-.
Wirklich. Hier. Fühl‘ mal.


Nichts.
Eben.

II

Manchmal, da wünsche ich mir, mein Herz würde nicht mehr schlagen.
Was?
Würde einfach aufhören und alles wäre vorbei.
Ach komm schon. Nein!
Und ich würde noch einmal die Augen aufreißen und würde den letzten Herzschlag mit voller Intensivität verspüren und würde mich in meinem Kopf von dieser Welt verabschieden und dann hört es auf. Für immer.
Sag‘ sowas nicht. Bitte!
Tut mir Leid. Aber denkst die nicht auch öfters daran?
Ans Sterben? Nein.
Echt?
Nein. Nicht so.

III

Du?
Ja?
Halt mich. Bitte.
Was ist los?
Nein. Frag‘ nicht. Halt mich nur. Stell dich hinter mich.
Mhm.
Und lege deine Arme um meinen Bauch. Und deinen Kopf auf meine Schulter.
Ist es gut so?
Ja. Und jetzt lass‘ uns versinken. In diese Stille hier.





Mein Herz hat gerade eben wieder aufgehört.

IV

Geht es dir jetzt besser?
Hm?
Spürst du dein Herz wieder?
Hm.
Du weinst ja. Komm‘. Dreh dich um. Sieh mich an.



Wofür war das?
Um -.
Hm?
Ich wollte probieren ob dein Herz dadurch wieder zu schlagen beginnt. Und?
Fühl‘ mal.
Dachte ich es mir doch.

V

Ich möchte anders sterben.
Hm?
Anders. Nicht einfach mit dem Ende des Herzschlagens.
Und wie sonst?
Durch Fallen.
Durch Fallen?
Ja. Ich möchte eine Schlucht hinabstürzen. Erst wenn niemand mehr da ist, um einen aufzufangen, ist es Zeit, zu sterben. Und dann genießt man die Sekunden bis zum Aufprall und ist genauso innerhalb Sekunden tot.
Hm. Okay. Aber-.
Aber?
Aber du brauchst keine Angst haben. Ich werde dich immer halten, fange dich auf. Du brauchst keine Angst zu haben.
Ich habe kein Angst.
Ich werde immer da sein. Für immer.
Aber nein. Sag‘ das nicht.
Warum?
Ich hasse die Ewigkeit.

photocredits: Je suis Samuel | flickr

Der Punkt. [Auf den alle warten]

Das von mir geliebthasste Magazin, in welches ich anfangs meine größten Hoffnungen und schlussendlich die ärgsten Enttäuschungen stecken musste, fragte via Twitter. „Könnt ihr euch an den Moment erinnern, in dem ihr euch verliebt habt?“ Wahrscheinlich zielte die Frage auf Paare ab, die immer noch glückselig und mit der gehörigen Portion Träumerei durch die Welt wandern. Aber ernsthaft. Wie kann man so etwas nur vergessen. Auch wenn die Beziehung und vielleicht alles drumherum wirklich nicht gut verlaufen ist, der Punkt, an dem man sich verliebt, bleibt doch einzigartig. Ich erzähle euch die Geschichten von drei Mädchen, X, Y und Z. Drei komplett verschiedene Stories.

Mädchen X kannte ich zuvor vielleicht gerade mal ein paar Tage, maximal eine Woche. Und dann fuhren wir, gemeinsam mit ungefähr zwanzig mehr oder minder schrägen (schräg im negativen Sinne) auf einen Ausflug. Nur wenige Kilometer entfernt von unseren Heimatorten. Sie war mir schon von Anfang an ins Auge gesprungen. In diesem Matratzenlager, wo wir einfach nur wir selbst sein konnten, zu sechst lange Nachtspaziergänge machten und unendlich lange Gespräche führten. Das war der Moment, an dem ich mich das erste Mal mid-pubertär verliebte. Die „Beziehung“ hielt einen Monat. Sie machte Schluss.

Mädchen Y kannte ich schon um einiges länger. Sie war es, die es sich traute, die mir mit leuchtenden Augen und erwartungsvollem Blick auf dem Berg, einem großartigen kleinen Hügel mit unglaublichem Ausblick, zu gestehen, dass sie in mich verliebt war. Und ich war es, der es nicht besser wusste. Der zurücksagte, dass es bei ihm nicht so sei, und dass er in jemand anderen verliebt sei (Mädchen X). Und sie waren es auch, die danach nicht mehr voneinander lassen konnten und immer schwankten zwischen ‚Lass uns Freunde bleiben‘ und ‚Lass es uns probieren‘. Und ich glaube, dass, als sie mir ihre Liebe gestand, selbst bei mir schon genug Gefühle da waren, um von Verliebtheit zu sprechen. Hier weiß ich leider nicht, wann genau der Punkt war. Aber ich weiß, dass, als es auseinander ging und wir in die Holprigkeiten des „Nur-Freunde-bleiben“ stolperten, bei mir definitiv von Liebe zu sprechen war. Und von Eifersucht.

Mädchen Z ist euch allen wahrscheinlich bekannt. Meine früheren Texte handelten von ihr. Und unser Kennenlernen und unser Verlieben ist für mich der Inbegriff einer durch und durch romantischen Geschichte. Beinahe schon zu kitschig. Wir haben uns (durch Mädchen Y) zur gleichen Zeit kennengelernt wie Mädchen X. Aufgefallen ist sie mir von Anfang an. Aber erst durch eben einen solchen Ausflug wieder, kam es dazu, dass wir uns immer näher kennenlernten. Als wir stundenlang redeten, uns zu viert an diesen wundervoll kleinen Teich setzten und plauderten, als wir zu zweit spazieren gingen und aufgrund eines Regenbruches nur eine Kapelle uns Platz bot, um im Trockenen zu bleiben. Als wir uns dort niedersetzen, gegenüber. Und über uns, über unser Leben, über unsere Gedanken und die Welt plauderten. Das war der Punkt, glaube ich. Der Punkt an dem ich mich in sie verliebte. Der Punkt, an dem ich zu viel von meinem Herzen hergab, um ungeschoren davon zu kommen.

Interessante Geschichten? Ich weiß nicht. Es sind nur meine drei erzählenswerten Verliebtheiten und auch jene Verliebtheiten, die in etwas mehr waren als einseitig. All diese Dinge passierten innerhalb eines Jahres und vier Monaten. Von 2005 bis 2006. Und wenn man es so wissen will. Ja, seit dem Ende der Beziehung mit Mädchen Z war ich nicht mehr verliebt. Nicht mehr in dieser Art, nicht wirklich. Erschütternd? Vielleicht.

Und gerade ich habe es mir verdient, endlich einmal so geliebt zu werden, wie ich es schon ein (zwei, drei?) Mal erlebt habe. Gerade ich habe es mir verdient, jemanden zu lieben und genau diese Liebe auch wieder zurückzubekommen. Gerade ich, gerade ich möchte mein Herz unnötig verschenken und es mit tiefen, unheilbaren Furchen zurückbekommen. Möchte auf den Boden fallen, nur um wieder aufzustehen. Möchte endlich wieder einmal  etwas erleben.

Ob ich mich einsam fühle? Ja. In diesem Moment, mit Sigur Rós, in einem kleinen Auto auf der Rückbank sitzend, ungefähr ein Bier zuviel, kurz vor dem Schlafen und mit den im Takt antreffenden Regentropfen. Ja. In genau diesem Moment fühle ich mich mal wieder einsam.

photocredits: to01 | flickr

Gedankentod.

„Weißt du, manchmal mache ich mir Gedanken, wie es ist, wenn man stirbt. Ob man dabei etwas verspürt, wenn der Schmerz ein Ende hat, wenn das bisher bekannte Leben ausgehaucht wird. Ob man sein eigenes Ableben überhaupt in unserem Sinne realisiert. Ob es überhaupt erlebenswert ist, das Sterben.“

Die Eiswürfel in diesem Vodka Red Bull scheinen, der Hitze ausgesetzt, doch nur für kurze Zeit ansehnlich zu sein. Der Strohhalm liegt ungebraucht daneben. Er muss schnell trinken, um die Gedanken zu verdrängen. Ein, zwei Schluck, das Glas verliert beträchtlich an Inhalt. Er möchte woanders hin. Möchte Stille, Ruhe, möchte träumen. Die Bar um ihn herum aber scheint ihn einzuschließen, überall rund um ihn all die zahllosen unbekannte Gesichter. Nur hie und da ein paar Bekannte, wenige Freunde.

„Noch einmal, bitte!“, brüllt er quer über den Tisch (und doch scheint es so, als würde er flüstern), während sein aktuelles Glas noch beinahe halb voll ist. Aber wenige Sekunden danach stellt er es ab und wartet auf Nachschub.

„Ich stelle mir den Tod einsam vor. Alles im Leben ist irgendwie  umfangen von verschiedenen Menschen. Von Geburt an schon. Aber den Tod kann man nur alleine meistern. Er passiert und niemand anderer kann dir nun etwas abnehmen, an keinen anderen Menschen kannst du dich nun festhalten. Man stirbt in trauter Einsamkeit.“

Die schwüle Luft in dem Lokal scheint ihm in den Kopf zu steigen. Er packt sich sein Getränk, bezahlt und deutet seinen Freunden an, dass er nur kurz mal raussehen würde. Wie war er nur hierher gekommen? Ein Freund folgt ihm. Er scheint bemerkt zu haben, dass mit ihm eben in diesem Moment irgendetwas gerade total falsch läuft.

„Warum ich über all das nachdenke? Besteht denn etwa seit Kurzem dieser unbändige Todeswunsch? Nein. Wie schon lange nicht mehr bin ich zum Leben aufgelegt. Es ist noch nicht Zeit dafür. Noch lange nicht. Aber manchmal versucht mich die Gedankenwelt vollkommen gnadenlos aus der Ruhe zu bringen.“

Sein Freund tut das einzig Richtige. Er umarmt ihn und klopft ihm auf die Schulter. ‚Komm, lass uns wieder reingehen‘, meint er und schließlich betreten die Beiden wieder das Lokal. Drei oder vier Gläser später fehlt ihm jede Erinnerung. Er hat es geschafft.

photocredits: DerrickT | flickr