Nach meinen Spielregeln.

(via  Mon Labiaga Ferrerflickr)

Es ist scheiße, zu bemerken, dass man ganz einfach nur benutzt wurde. Von einer so besonderen Freundin, mit der man schon so viele Scheiße gebaut hat, die einen durch so furchtbare Zeiten einfach mal locker lässig hindurchtrug, und der man in den vergangenen Monaten eben bei ihrer Scheiße beistand. Und dann das.

Ich fühle mich verarscht, aber aufgrund unserer Freundschaft habe ich es nicht nötig, mich darüber lange aufzuregen. Das ist ein Kapitel, über das wir nicht mehr reden sollten, und mir geht es gut und bitte jetzt … umblättern, weiter gehts. Ich bin ein unkomplizierter Typ, in Sachen Beziehung und Freundschaft und so.

Doch dann die SMS eines Freundes. “Fuck. Das gibts nicht. Lass dich halt nicht verarschen, hat auch keinen Sinn”. Das hat mich aufgeweckt, hat mir klar gemacht, dass ich mal eben nicht alles hinunterschlucken muss. Dass ich nicht so tun muss, als wäre das hier eh alles egal und als hätte mich das Ganze nicht irgendwie verletzt. Nein. Das Leben geht nicht so weiter, wie es war, und nein, das hier vergessen wir nicht ganz schnell, denn in Wahrheit ist ja eben doch etwas passiert. Es ist etwas passiert, und ich finde es scheiße.

Aber keine Sorge. Ich werde mich schon melden und es wird alles wieder gut werden. Nur jetzt genehmige ich mir die Zeit, die ich brauche. Das habe ich bisher viel zu selten getan; um das alles sickern zu lassen, um abzuwägen, um nachzudenken. Und um dazuzulernen. Um mir vollen Ernstes bewusst zu werden, wer mich hier verarscht hat, warum, und wie ich mich nur verarschen lassen konnte. Und daraus werde ich meine Konsequenzen ziehen.

Und während ich so über deinen Blog stolpere, jeden Tag einmal, falls der Feedreader etwas Neues herauspresst, muss ich oft lachen. Du hast schon so vieles von einem psychologischen Standpunkt aus betrachtet, hast über Menschen geurteilt, zu diesen Menschen deine Meinung gesagt. Stay calm, und schau‘ mal lieber bei dir selbst. Egoismus tut in gewissen Situationen ganz gut, vor allem, wenn man selbst Scheiße baut, und die Scheiße bevorzugt immer noch bei den anderen sieht.

Und nein. Das bedeutet hier nicht das Ende. Wir sind uns viel zu wichtig (deswegen verstehe ich diese ganze Scheiße auch nicht), wir geben uns nicht auf. Ich gebe unsere Freundschaft ganz sicher nicht auf. Aber vielleicht kommt es dazu, dass manches in unserer Freundschaft auch mal mit meinen Spielregeln geschehen wird. So einfach ist das.

Wir schreiben „heute“ und es ist das Ende eines nicht begonnenen Fehlstarts.

(via  brownpauflickr)

Wir schreiben „heute“ und es ist das Ende eines nicht begonnenen Fehlstarts. Wir wiegen uns in der Glückseligkeit des einen unverwüstlichen, unserer Freundschaft. Und ich stehe da, zünde mir eine Zigarette an und versuche ganz bewusst neben dir aus dem Fenster zu sehen und es gelingt mir nicht. „Muss ich etwas dazu sagen.“ Nein, muss ich nicht. Und doch möchte ich dir Worte an den Kopf werfen, die dir eigentlich nicht gehören, und im Grunde nur die Idiotie dieses Moments passend zusammenfassen. Wo ist nur der Fehler in diesem Gerüst aus ungewagten Gedanken?

Eigentlich wollte ich gerade versuchen, die Stille in meinem Zimmer und in dieser Stadt auch in meinen Körper fließen zu lassen, als du mich anriefst und ich sprachlos wurde, und du in Tränen aufgelöst von dem Ende sprachst und dass plötzlich jemand schwul geworden ist und. Und ich selbst war überrollt von dieser Nachricht, als du mir zwei Mal wiederholt und unter Tränen sagtest, dass du mich liebst. Und ich, mit all meinem Mut und all meiner sonst gut versteckten Spontanität antworte nur mit einem „Versuchen wir’s mal.“ Und in Gedanken passt das Ganze und es könnte schön werden. Und die Nacht bleibt noch lange, weil du dich deiner Tränen entleert hast und das Handy noch genug Akku hat.

„Versuchen wir’s mal.“ So einfach ausgesprochen. Und auf das „Und, wie fühlst du dich jetzt?“ konnte ich sogar wenige Minuten später nur antworten: „Ich weiß es nicht.“ Und auf ein „Und, liebst du sie eigentlich?“ kam nur ein Nachdenken. Es ist furchtbar, in diesem Exempel des Theoretischen gefangen zu sein, denn Gedanken bahnen sich den Weg und Gedanken sind nicht gut. Aber dann die Worte „Ich finde es gut, dass ihr es probiert. Denn damit gebt ihr dem Ganzen wenigstens eine Chance.“ und ich, der mit dem Nicken nicht mehr nachkommt.

Und dann das erste Aufeinandertreffen, Theorie trifft Praxis und bleibt doch in Ersterem stecken. Denn es ist nichts und du bist zu feige, darauf zu hoffen, dass etwas entsteht. Du willst es nicht versuchen, weil du keinen Sinn darin siehst. Und ich frage mich ernsthaft, ob das nun reif oder einfach nur kindisch ist. Da stehen wir, ich ziehe an einer zweiten Zigarette, nehme nach und nach einen weiteren Schluck dieses irgendwie alkoholhaltigen Getränks und überlege mir einfach nur, wie ich cool genug wirken kann. Es ist nichts da und das ist scheiße weil ich ein „wunderbare Freund“ wäre, aber es nicht bin. Und ja, das weiß ich, das bin ich mir Tag für Tag bewusst. Und doch frage ich mich, woher dies alles kommt.

Und es ist besser, dass du es mir jetzt sagst, bevor all das begonnen hat und mir nicht nach einigen Wochen erklärt hättest, was schon zu Beginn nicht war. Denn du willst mir ja nicht weh tun, und das hättest du, wenn nicht jetzt das hier passiert wäre. Und ich denke mir, ganz leise in mich hinein: „Sag mal, weißt du eigentlich, dass du mir jetzt damit wahrscheinlich mehr wehgetan hast, mit deinem Nicht-Versuchen, als mit jedem Scheitern es jemals passiert wäre. Und vielleicht übertreibe ich nur, und das, weil ich noch immer etwas angepisst bin.

Und dieses „Fuck. Das gibts nicht. Lass dich halt nicht verarschen, hat auch keinen Sinn“ und wieder mal mein kaum zu stoppendes inneres Nicken. Und auch wenn jetzt bei dir und auch bei mir nichts an Gefühlen da war, was man näher zuordnen konnte, so bin ich mir jetzt einhundertprozentig bewusst, dass mir alle nachkommenden Gefühle von dir für mich egal sein werden. Ein weiteres Mal wird das hier nicht geschehen und mit diesem einen Mal hast du dir wohl auf ewig diese Chance vertan. Und vielleicht, so hoffe ich zumindest, kotzt dich dieser Gedanke des „Nie mehr eine Chance haben“ genauso an, wie mich dieser Gedanke des „Nicht einmal versucht haben können“.

Und auf Facebook meinen Beziehungsstatus von „in einer Beziehung“ zu „Single“ geändert. Und auf Twitter meinen Unmut gepostet. Und meinen Eltern erklärt, warum all das eine beschissene Idee war. And the needle returns to the start of the song and we all sing along like before.

Es ist schön, bevor es zu Ende ist. [Der Herbst]

(via  docadocaflickr)

Du bibberst, als du einatmest. Es ist kühler geworden, ganz langsam und doch hat es dich jetzt gerade überrascht. Ich halte dich fest. Halte deine Hand, als wir über den laubbedeckten Gehweg gehen. Es ist still, bis auf die spärlich vorbeifahrenden Autos und die seltenen Momente, wenn Kastanien nur knapp vor uns am Boden aufprallen.

„Ich liebe den Herbst, weißt du?“, frage ich dich, und ohne eine Antwort abzuwarten, setze ich fort. „Weißt du. Der Herbst hat etwas Magisches an sich. Und ist vielleicht auch die brutalste Jahreszeit. In allen anderen ist irgendetwas am Entstehen, oder in voller Pracht. Im Frühling sprießen die Blumen, im Sommer gedeiht alles und im Winter kriegen wir Schnee. Nur der Herbst. Der Herbst hält sich irgendwie nicht an diese Regel. Er tötet. Er ist eine Zeit der Resignation, etwas, um wieder einmal zu erkennen, wie verdammt vergänglich doch alles ist.“

„Und ich liebe die großartigen Nuancen der Blätter. Eigentlich mag‘ ich den Wald nicht, oder was sag ich … ich bin einfach nicht dieser naturverbundene Typ. Aber in einen herbstlichen Wald zu spazieren oder ihn mir aus der Ferne anzusehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Es zeigt sich in voller Pracht. Irgendwie sind das für mich schöne Gedanken.“

„Denn der Tod ist und bleibt überall. Vor allem der Herbst vor drei Jahren hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Für lange, lange Zeit. Manche Todesfälle sind eben anders als all die anderen. Manche dürfen ganz einfach nicht real sein, vor allem nicht jener eines Kindes. Und dann seh ich mir in diesem Jahr den Herbst an und erkenne endlich wieder das Wunderbare an dieser Jahreszeit.“

„Und höre auf, vor Tod und Vergänglichkeit Angst zu haben. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Und es gehört dazu. Vielleicht ist so ein Jahr ja auch nur eine Metapher für das Leben, und das Umgehen mit dem Tod. Im Herbst passiert es, man kann sich nicht einmal wirklich verabschieden. Im Winter vergräbt man sich, schützt sich in einer weißen Schicht von schwer auf einem lastenden Schnee. Bis der Frühling einen wieder den nötigen Aufschwung gibt, und man im Sommer zur Vollkommenheit zurückfinden kann. Zur neuen Vollkommenheit, natürlich. Verstehst du was, ich meine?“

„In Wahrheit zeigt mir der Herbst Jahr für Jahr wieder, dass ich nicht darauf vergessen soll, an mich zu denken. Mein Leben zu leben, genau so wie es mir gefällt. Vielleicht hilft dieses Resignieren ganz einfach dabei, zu erkennen, was einem wichtig ist. Wofür man zu kämpfen bereit ist. Warum es wichtig ist, hier zu sein.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Liebe. [Ein Abschiedsbrief]

(via  Sara Alfredflickr)

Hey, du.

Es war wohl nie schwieriger, irgendwelche Worte zu finden. Worte, die auch nur ansatzweise dem gerecht werden könnten, was mir auf dem Herzen liegt. Ich erinnere mich noch an deinen letzten Blick zurück, als du mit dem Auto in meiner Einfahrt umdrehtest und dann den Weg zu dir nach Hause in Angriff nahmst. Und ich weiß auch, was ich dabei fühlte. Es ist kein schönes Gefühl. Es ist nicht schön, zu spüren, dass da etwas ist, was hier nicht sein sollte.

Erinnerst du dich noch an unseren ersten Kuss? Es war ein Kampf, eine Überwindung, eine persönliche Mutprobe. Ich habe schon andere Mädchen geküsst, aber bei dir war es trotzdem etwas Anderes. Als sich unsere Lippen zum ersten Mal berührten, war ich einfach nur froh, dass wir saßen. Meine Knie zitterten und die Welt um mich herum verlor mehr und mehr an Bedeutung. Es war wohl eines der schönsten Gefühle, die ich bis heute verspürte. Ich weiß nicht, wie du dich fühltest, aber das tut hier nichts zur Sache. Das hier ist mein Brief.

Erinnerst du dich an den Abend am Lagerfeuer, oder als wir gemeinsam in der Wiese lagen, die Wolken Wolken sein ließen und die Sonne hinter uns für den damaligen Tag das Zeitliche segnete? Als das Blau des Himmels überschattet war von den wunderbarsten Nuancen des Abendrots? Oder als wir durch das alte Gewölbe dieser Buchhandlung wanderten, an den vielen Säulen und Durchgängen vorbeihuschten und du irgendwann mit einem Reclambuch vor mir standest? Gedichte von Erich Fried und du hauchtest sie mir leise in meine Ohren, dass sich meine Nackenhaare noch heute wohlig aufstellen, wenn ich daran denke.

Manchmal ist es nicht gut, darüber nachzudenken, was war. Wir waren ein Traum, wir passten zueinander wie. Ach, es gibt nichts, mit dem wir zu vergleichen wären. Wir lebten unser eigenes Leben, in unserer eigenen Welt, sobald sich unsere Hände berührten und unsere Schritte der gleichen Richtung folgten. Wir bauten uns unsere Traumschlösser gemeinsam auf, hatten den Mut, schon nach so kurzer Zeit die unzähligen Zimmer mit IKEA-Möbeln zu bestücken und aus dem Nichts, das vorher war, entstand etwas ganz Besonderes. Aber vielleicht haben wir uns irgendwo nicht genug angestrengt.

Irgendetwas muss passiert sein und ich kann mir nicht erklären, was es ist. Unzählige Tage habe ich mir schon den Kopf darüber zerbrochen und mir überlegt, welchen Auslöser das nur haben konnte. Ich weiß es bis heute nicht, meine Liebe. Aber irgendwie fühlt es sich gerade so unendlich falsch an, in deinen Armen zu liegen und so unendlich falsch, in ihnen wieder aufzuwachen.

Es war keine Bestimmung, kein Schicksal, dass wir uns trafen, kein Glück, dass wir uns küssten und kein Wunder, dass aus dir und mir wir wurde. Es passte ganz einfach, und es fühlte sich gut an. Ich weiß nicht, ob du sie auch hattest. Aber mein Bauch war tage-, wochen-, monatelang voller Schmetterlinge, die sich mit ihren Flügelschlägen beinahe überschlugen. Es war mir alles Recht, Hauptsache, ich würde dich sehen, dich hören, dich spüren, ganz nah hier bei meiner Seite. Aber jetzt? Würde ich dich nun eine Woche nicht sehen, nichts von dir hören, es würde mir trotzdem gut gehen. Die Schmetterlinge sind weg, meine Liebe, und irgendwie ist jetzt alles anders.

Habe ich dir jemals von meiner Theorie des perfekten Moments erzählt? Nein? Diese Theorie besagt, dass Liebe nicht zwangsläufig etwas Unendliches ist. Du weißt, wie sehr ich die Ewigkeit hasse. Aber woran ich glaube, ist die Liebe für genau diesen einen Moment. Überschwängliche Liebe. Liebe, so sehr, dass es einen selbst überrascht, dass man so zu lieben im Stande ist. Und dieser Moment kann nur einen Blick lang dauern, ein paar Wochen oder manchmal sogar Jahre. Dieser Moment wird gefüllt mit Geborgenheit, Nähe, Zärtlichkeit. Mit Auf-den-Händen-Tragen und Gemeinsam-die-höchsten-Berge-Überwinden. Und ja, ich glaube, unser Moment liegt hinter uns.

Das ist das Furchtbare am Mensch sein. Nicht einsehen zu wollen, was jeder andere sieht. Bestreiten, was ist, um vorzutäuschen, was nicht ist. Dein letzter Blick zurück, gestern oder wann immer das war. Er war anders als all die anderen Tage davor. Und wie du vielleicht bemerkt hast, war mein Blick leer, während ganz langsam die Erinnerungen an uns in meinem Gehirn zu rattern begannen. Ich blickte deinem Auto noch nach, bis es um die Ecke des Hauses verschwand und zündete mir eine Zigarette an. Scharrte mit meinen Füßen am Boden und musste beinahe heulen, als all das Schöne an mir vorbeizog.

Wir beide haben gewagt, wovor viel zu viele Menschen Angst haben. Wir haben unsere Einsamkeit geteilt und begonnen, uns wortlos zu verstehen. Ein Blick von dir reichte oft schon, um mir den Mut zuzusprechen, den ich oft brauchte, um im täglichen Leben zu bestehen. Du hast mir Botschaften dagelassen, kleine Post-Its, wenn du mal früher weg musstest und ich noch schlief. Ich liebte es, wenn ich dann, nach dem Aufstehen aufs Klo ging, und mich eines deiner Post-Its daran erinnerte, mich hinzusetzen. Du bist der erste Mensch, der mich in seiner Nichtpräsenz so sehr zum Lachen brachte.

Und jetzt fühlt es sich plötzlich so komisch an. Sind es die Schmetterlinge, die in meinem Bauch womöglich ratzeputz verdaut wurden? Ist es womöglich die hoffende Gewissheit, dass uns nichts mehr auseinanderbringen könnte. Oder ist es vielleicht sogar deshalb, weil die Liebe fehlt? Ja, ich habe mir selbst Letzteres immer wieder durch den Kopf gehen lassen.

Doch dann spüre ich trotzdem wieder diese einzigartige Vorfreude, wenn mein Handy vibriert, ich abhebe und Sekunden warte, bis du dein erstes, fragendes „Hallo?“ zu mir rübersendest. Und ich fühle mich immer noch so nah bei dir, wenn du mir ganz zärtlich durch die Haare streichst, wenn wir wieder einmal nebeneinander einschlafen, Gesicht an Gesicht, Hand an Körper. Es darf nicht die Liebe sein, weißt du. Nicht das, nicht jetzt.

Vielleicht habe ich mir mit diese Theorie des richigen Moments ja irgendein Hirngespinst zusammengesponnen. Vielleicht besagt diese Momenttheorie ja einfach nur, dass es am Besten wäre, gemeinsam mit den Schmetterlingen zu gehen. Schmetterlinge sind wie Feuerwerkskörper und wenn die einmal erloschen sind, ist da eben auch nur mehr das Schwarz des Himmels. Vielleicht fühlt es sich nur deshalb so verdammt falsch an, weil wir in gewisser Weise ganz einfach berechenbar wurden. Aus unserer Liebe wurde Brauchen. Wir haben uns auf eine ungesunde Abhängigkeit eingelassen.

Wir haben es verlernt, verliebt zu sein. Wir spüren noch immer, dass wir etwas ganz Besonderes sind, aber es fühlt sich anders an. Veränderungen sind angsterregend und mir fehlt der Mut. Ich liebe dich, ja, das mache ich. Aber, warum ich dir eigentlich diesen Brief schreibe. Liebe mich. Zeige mir mit jeder Faser deines Körpers, dass du mich liebst, nimm mich in den Arm und fang mich auf, denn ich fühle mich gerade dem Fallen so nah. Mehr ist es nicht. Nur einmal noch dieses Gefühl.

Und dann können wir ganz rational vorgehen. Wir wären dann nicht mehr diese Menschen, die bei jeder Rolltreppe auf- und abwärts, küssend die gestressten Linksüberholer aufhalten. Wir könnten auch auf den Pärchensitz im Kino verzichten, weißt du. In Wahrheit ist es mir eben doch lieber, auf beiden Seiten meines Sitzes eine Lehne für mich zu haben. Und wenn du Lust auf Chinesisch und ich auf Pizza habe, dann machen wir das auch. Wir sind nicht eins. Wir hätten wohl auch nie dieses Gefühl bekommen sollen.

Ich glaube, jetzt ist es gerade noch rechtzeitig genug, um wieder damit zu beginnen, du und ich zu sein. Du und ich und wir beide hätten die Möglichkeit, ein außergewöhnliches Leben zu führen, mit dir an meiner Seite. Wir hätten die Macht, all unsere Träume zu verwirklichen und würden niemals aufgeben. Niemals. Wir haben aufgehört, verliebt zu sein. Vielleicht ist es jetzt unsere Aufgabe, uns täglich neu zu verlieben.

Es wäre schön, wenn wir das schaffen würden, weißt du.

Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Wenn wir es nicht schaffen, dann ist es okay. Wir sind auch keine Menschen, die Wunder vollbringen können. Wir sind auch nur genau solche Menschen, die manchmal ganz einfach mit dem offenen Mund in einen Haufen Hundescheiße stolpern. Wir dürfen uns irren und wir dürfen auch der Liebe freien Lauf lassen. Die Liebe ist nicht für ewig, nichts ist für ewig, nichts.

Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Aber vielleicht kommt irgenwann einmal der Tag, an dem ich deine Post-Its wutentbrannt von allen Stellen der Einrichtung herunterreiße und am Klo ganz einfach aus Protest stehen bleibe. Wenn du neben mir einschläfst und ich kein Auge zubekomme. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass nach dem Ende der Schmetterlinge, früher oder später auch ein Ende von allem hier ansteht.

Wenn das wirklich eintreten sollte, dann lass uns ehrlich zueinander sein. Zueinander und zu jener Welt, die außerhalb der Unseren ihren Alltagstrott ausbreitet. Lass uns nicht nach Gründen suchen, oder nach Möglichkeiten, wie wir es eben doch schaffen könnten. Weil wir es ja doch nicht würden. Wir würden uns einen Plan für die Zukunft zusammenschustern, was wir nicht alles tun würden, um diese Beziehung aufrecht zu erhalten, und in Wahrheit schaufeln wir weiter und weiter ein Grab für unsere Wunschvorstellung. Lass es uns bitte akzeptieren, lass uns darüber reden.

Wir sind keine Zauberer und wir schaffen auch keine Wunder. Wir sind ordinary people. Mit der architektonischen Kraft, Schlösser bis hoch in den Himmel zu bauen. Aber wir haben auch die Fähigkeit, all das wieder einstürzen zu lassen. Und wenn wir mal unter einem unserer Trümmer begraben liegen, sollten wir wissen, dass es genau so gut war. Das es das jetzt war und dass ein Wiederaufbau nur wenig Sinn hätte. Lass uns die Zerstörer unseres Imperiums sein und schenken wir uns dann einen letzten Kuss.

Finished: 23:03 Uhr, 19. September 2010
In gewisser Weise eine Inspiration:
hoch21 mit
Ein Brief über Liebe [2008]
Bald auch auf: NEON.de, jetzt.de
und womöglich auch als Podcast

Veränderungen sichern einen den Weg ins Ungewisse, ins Unerwartete. Und davor haben wir wohl die größte Angst.

Etwas, worin ich schon immer gut war, ist es, Erwartungen zunichte zu machen. Erwartungen, die andere in mich stellen und auch die eigens mitgeschleppten Stücke, die aus mir einen anderen Menschen machen sollten. Im Grunde genommen kann ich mich an nichts erinnern, wo alles so gelaufen ist, wie es laufen hätte sollen. Wie ich es gerne gesehen hätte, dass es läuft.


(via  docadocaflickr)

Was bleibt, ist die Frage, woran ich nun schon seit zweiundzwanzig Jahren scheitere. Sind die Erwartungen in mich einfach viel zu hochgegriffen? Habe ich von mir selbst das Gefühl, ein außergewöhnlicher Mensch zu sein? Einer, der eigentlich eh alles schafft und einer, der stets den Mut und die Ausdauer hat, andere zu überraschen? Wahrscheinlich ist es alles.

Warum ich auf all das gerade jetzt komme? Weil der heutige Tag von Melancholie nur so durchzogen war, ich war leicht reizbar und überaus gehässig. Ja, ich weiß … solche Tage kommen und solche Tage gehen auch wieder. Aber es sind eben diese Tage, die einen diese Dinge wieder vor Augen führen.

Ich weiß, dass ich jetzt gerade nicht die Person bin, die ich gerne sein möchte. Und eine Veränderung bräuchte nicht viel, nur ein bisschen Willensstärke und Durchhaltevermögen. Würde ich es denn schaffen, ich wüsste, dass dann alles besser sein würde. (Ja, ernsthaft. Es gibt wirklich so etwas, das mit Leichtigkeit einfach mal alles über den Haufen werfen kann.) Wie oft schon habe ich das angepackt, bis mich die Lust und der Erfolg verließ und ich wieder einmal begann, mich mit der aktuellen Situation in all ihrer Pracht auseinanderzusetzen. Es funktioniert, natürlich. Was mir an Willensstärke und Durchhaltevermögen fehlt, übertünche ich mit Selbsttäuschung.

Puh, ich lebe ein tolles Leben gerade. Ich lebe die Liebe wieder einmal. Und trotzdem fühle ich mich umhergewirbelt, statt den langen Tiefs und den kurzen Hochs wechseln sich die beiden innerhalb von Sekunden ab. Und immer wieder die Gedanken, und der Gedanke, endlich mit dem Denken aufzuhören. Das ist schon gut so. Was ich aber wieder einmal brauche, sind Erfolge.

Erfolge, auf die ich aus tiefstem Herzen stolz bin. So etwas gab es schon lange nicht mehr. Irgenwann mal vor drei Jahren, als ich zum ersten Mal vor Publikum und mit gesundheitsgefährdendem Herzklopfen meine Texte vortrug. Oder als ich mein (glücklicherweise nicht beachtetes) Erstlingswerk the places you have come to fear the most, immerhin ganze 35.697 Wörter, in einer Schreibwut innerhalb weniger Tage von Kapitel 2 zu Kapitel 4 (inkl. Nachwort) brachte und dann voller Stolz und mit einer kleinen Flasche Sekt zu meiner Exfreundin fuhr. Das war etwas. Das war wirklich groß.

Und heute erwische ich mich dabei, wie ich, wenige Tage vor den wichtigen Prüfungen, mich einfach nicht dazu aufraffen kann, endlich etwas zu tun. Dass ich mir dadurch nur selber große Steine in den Weg lege, wird mir leider meist erst viel zu spät bewusst. Wenn ich stolpernd in das Meer aus spitzen Kieselsteinen stürze. Ich mache die gleichen Fehler irgendwie ja doch immer wieder, wisst ihr.

Selbst wenn das Studium vielleicht nicht einhundertprozentig das ist, was ich jetzt gerade brauchen würde, so ist es doch die bessere Alternative. Und bevor ich sie abschließe (zwei Jahre) oder von ihr geworfen werde, dank negativer Prüfungen, muss ich vorher zumindest einmal Volle Distanz. Näher zu dir (welches übrigens vielleicht noch einen anderen Titel bekommen könnte) fertigstellen. Damit ich dann vielleicht auch nur annähernd etwas habe, woran ich mich klammern kann.

Und vielleicht schaffe ich es irgendwann einmal sogar, über meinen Schatten zu springen, und es endlich zu wagen, jemand anderer zu werden. Veränderungen sichern einen den Weg ins Ungewisse, ins Unerwartete. Und davor haben wir wohl die größte Angst. Wir alle, nicht nur ich.

Ich bräuchte das endlich wieder einmal. Mich von einer anderen Seite kennenzulernen. Denn eben gerade kotzt sie mich vollkommen an, das Ich, das jetzt gerade diese Zeilen tippt und sich einen kalten Café Latte von McCafé runterkippt. Und schön langsam beginne ich damit, nicht immer erst alles groß anzukündigen, um dann die Klappe zu halten, wenn das Erreichte in weiter Ferne bleibt. Zu diesem Thema werdet ihr wohl erst wieder hören, wenn ich nur wenige Meter vor den Erfolgen meine letzte Pause mache.

Wir sollten beenden, was nicht ist, um nicht zu enden, wie wir sind.


via  David Barrie (Flickr)

Du hast es gespürt, schon seit einiger Zeit, und einige Gedanken später formulierst du dein Abschiedskonzept als kleine Ode an das Ende. Wie ein kleiner Junge sitze ich vor dir, erhebe dich langsam auf eine Bühne und ziehe mich in die Mitte des einsamen Publikums zurück. Es ist die Ruhe vor dem Sturm und in mir türmt sich die Vorstellung, wie es denn werden würde. Ob die Inszenierung passt, ob die Pointen sitzen, ob der Vorhang denn nun wirklich fällt.

Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir’s, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. (1)

Hör‘ ich dich sagen und weiß eben doch, dass du nicht der Werther bist und ich nicht dein bester Freund bin. Du stehst immer noch vor mir und ringst nach Worten, und immer wenn du darum ansetzt, loszulegen, versagt deine Stimme. Ich will mir nichts ankennen lassen, und doch werde ich etwas unruhig und bestürzt über die Unprofessionalität der Akteurin.

Wo es hinführen soll? Dort, wo es hinführt. Würde es nicht dort hinführen, dann soll es auch nicht dort hinführen. Also führt es ohnehin dort hin, wo es hinführen soll. (2)

Und wieder nicht, wir sind kein Leo und keine Emmi, keine E-Mail-Bekanntschaft. Wir sind wahrscheinlich nicht einmal ungefähr so fesselnd wie sie. Dein Souffleur scheint versagt zu haben, immer noch stehst du vor mir und unruhig hältst du den Zettel in der Hand. Bis ich schließlich endlich bemerke, dass wir auf der Couch liegen, du auf meinem Bauch, ich unter dir, im TV läuft irgendein Mist. Du blickst zu mir hoch und flüsterst.

Weißt du. Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr. Ich glaube, es ist besser so.

Ich murmle ein „Mhm.“ und streiche dir durchs Haar. Und höre die letzten Verse auf der Bühne, genau wenige Momente bevor sich der Vorhang schließt und das Publikum von den Sesseln aufhüpft um zu applaudieren.

Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen, jemanden gehen zu lassen, wissen, wann es Abschied nehmen heißt. Nicht zulassen, dass unsere Gefühle dem im Weg stehen, was am Ende wahrscheinlich besser ist für die, die wir lieben. (3)

1 – Die Leiden des jungen Werther – Johann Wolfgang von Goethe
2 – Gut gegen Nordwind – Daniel Glattauer
3 – Der träumende Delphin – Sergio Bambaren

Du hast mich verstanden, als ich vor deiner Tür stand, etwas zitternd und mit der Bitte auf den Lippen, einfach nur mal abzuhauen.

Langsam treiben wir auf dem See entlang, etwas hilflos versuche ich, unser Boot zu rudern. Du hast mich verstanden, als ich vor deiner Tür stand, etwas zitternd und mit der Bitte auf den Lippen, einfach nur mal abzuhauen. Du hast das Nötigste eingepackt, und dann sind wir losgefahren. Fremde Straßen, unbekannte Autobahnen, überraschende Abfahrten. Und irgendwo ein See.

Da war es plötzlich, dieses nicht ganz sicher aussehende Boot. Uns war es egal, wir haben ganz wenig gesprochen, seit ich dich abgeholt habe. Du steigst ein, das Boot wackelt und ich folge dir, schnapp mir die Ruder und jetzt sind wir hier. Irgendwie auf einem See, irgendwohin unterwegs. Es ist warm hier draußen.


via  theartistbloo (Flickr)

„Da!“
– „Hm?“
„Da, schau mal. Das ist … eine Insel, glaub ich.“

Du hast Recht und ich bin richtig erstaunt, wie gut du in dieser Dunkelheit die Umgebung untersucht hast. Ich rudere auf das ‚Land in Sicht‘ zu. Es ist gut, dass du da bist.

Als wir die Insel, die so völlig überraschend hier in diesem See auftauchte, erreichen, ziehe ich noch schnell das Boot an Land. Wir wollen nicht stranden, wollen nicht von heute an hier gefangen sein, ohne einer Ahnung, wann hier der nächste Flüchtling vorbeikommt. Ja, ich bin geflohen, weil mich, trotz allem, irgendwie alles zu erdrücken droht.

Wir setzen uns in der Nähe des Ufers hin, und ich – furchtbar aufgewühlt und vollkommen irritiert – lege meinen Kopf in deinen Schoß. Langsam streichst du mir zärtlich durch meine Haare, kraulst mir das Gesicht. Immer noch haben wir kaum etwas gesagt.

„Ich dachte nicht, dass es so kommen würde.“
– „Hm?“
„Ach, ich weiß nicht. Es … es wird mir gerade einfach irgendwie zu viel. Ich lade mir zu viel auf, obwohl ich selbst weiß, dass ich nicht dazu im Stande bin, es zu schaffen. Und nein, das ist keine chronische Selbstunterschätzung sondern meine Erfahrung  aus meiner eigenen Erwartungshaltung. Ich enttäusche mich nur zu gerne selbst.“
– „Mhm.“
„Ich muss endlich mal wieder versuchen, das kleine bisschen Chaos zu beseitigen. Ich verliere den Überblick. Aber weißt du was?“
– „Hm?“
„Ich dachte nicht, dass es so weit kommen würde. Da lerne ich mich plötzlich von einer ganz neuen Seite kennen, stolpere von neuen Erfahrungen in wunderbare Erkenntnisse. Es wäre eigentlich gerade wieder das Up nach Jahren der Downs, weißt du? Und jetzt das.“

Die Sterne stolzieren am Himmelszelt entlang und manchmal treffen Wellen auf diese Insel ein.

„Aber weißt du, auch wenn es dir gerade nicht gut geht. Ich spür‘ das. Ich hab‘ mir das schon bei dem Telefonat heut‘ Nachmittag gedacht. Auch wenn es dir gerade scheiße geht. Ich kenne dich ja nun doch schon ein bisschen. Du schaffst das.“
– „Glaubst du wirklich?“
„Mhm. Du schaffst das. Du hast diese Ausdauer, die so vielen Leuten fehlt. Und ich glaub‘ auch nicht, dass es jetzt wieder bergab geht. Solche Tage hat doch jeder einmal. Auch wenn das Drumherum eigentlich perfekt ist, plötzlich fühlt man sich wieder so hilflos, wie ein Kleinkind, dass durch und durch auf die Bezugspersonen angewiesen ist.“

Ich sehe dich an. Als du diese Sätze sagtest, hast du deinen Blick auf die Weite des Sees gerichtet. Jetzt senkst du dein Gesicht zu mir, lächelst mich an, streichst mir weiter durchs Haar. Küsst mich und gibst  mir so einen kleinen Teil meiner Zuversicht zurück, die mir auf dem Weg durch die vergangenen Tage wohl verloren ging.

Es wird schon irgendwie, da bin ich mir sicher. Du lässt dich zurückfallen, gibst mir deine Hand, und gemeinsam betrachten wir noch eine Zeit lang die hellen Punkte über uns. Ich robbe zu dir rüber, ganz nah an dich ran. Und küsse dir ein Danke auf deine Schulter. Für alles.

Du hast mir keinen Zettel da gelassen, keine Nachricht, nicht einmal eine Ananas.

Und irgendwann bist du ganz einfach verschwunden. Hast deine Kleidung gepackt, dich im Flur angezogen, bist in die Schuhe hineingestolpert und so leise und unscheinbar die Tür auf und von außen wieder zugemacht. Du hast mir keinen Zettel da gelassen, keine Nachricht, nicht einmal eine Ananas.

Es dauert noch eine Stunde bis ich es bemerke, dass ich meine Nase nicht mehr auf deine Schulter lege, dass meine Hand nicht mehr deinen Bauch berührt. Dass da einfach nur mehr diese gähnende Leere bleibt und keine Zeit für einen Kuss, und keine Zeit für ein Wiedersehen.

via  BLW Photography (Flickr)

Gähnend quäle ich mich aus dem Bett, in Boxershot gehe ich in die Küche und gieße mir den Kaffee von vorgestern in die Tasse, mit der Milch von früher. Mein Kopf ist noch Opfer der vergangenen paar Nächte und das Wetter ist ja irgendwie auch nur für’n Arsch. Mein Handy vibriert, zwei Zimmer weiter, ich stolpere über Pizzaschachteln, eine Carrerabahn und einen Fleckerlteppich. Bis ich wieder auf mein Bett falle, die Tasse in meiner Hand schwappt gesellig über, und ich versinke mit dem Kopf unterm Lattenrost.

„Scheiße, verdammte!“, fluche ich noch, als ich die grüne Taste mit meinem Daumen einzudrücken versuche und irgendwie elegant verdreht den Weg zu meinem Ohr suche. „Ich?“ Erst jetzt bemerke ich, dass ich keine Ahnung habe, wer mich hier gerade mehrfach verletzt hat. Fahrlässig und so. ‚Mama‘ steht oben und ich denk‘ mir nur: Hey. Die alljährliche Siegerin für den beschissensten Moment um ihren Sohn anzurufen hat wieder einmal gewonnen. Tadaa! Meine Mama. „Nein, Mama. Nicht du.“ „Und?“ „Alles scheiße, Mama. Hab‘ grad Kaffee ausgeschüttet im Bett, hab‘ keine Smacks mehr, kein Marmelade, kein Nutella.“ „Scheiße, verdammte!“ Ich lasse das Handy wieder fallen, lege mich parallel zum Äquator ins Bett, den Kopf auf einen Arm liegend, und schlürfe den eiskalten Kaffee.

Manchmal ist es so auch einfach einfacher. Wenn man nicht betteln muss, um endlich das Bett verlassen zu müssen. Die weißen Wände scheinen mich schön langsam zu erdrücken. Und nein, ich erwarte mir jetzt nicht, dass du dich meldest, mir eine SMS schreibst, oder mich einmal anrufst. Weil du wohl genau weißt, dass es jetzt wohl das Beste ist, wenn nichts ist. Wenn wir nur mal wieder Gesicht an Gesicht einschlafen, wenn wir unsere gemeinsame Zeit genießen. Wir wagen uns nicht zu tief hinein, tapsen vorsichtig voran. Warum sollten wir auch mehr versuchen? Warum sollten wir den Schein erhalten, als wär‘ da mehr.

Wir laufen uns schon wieder über den Weg und vielleicht gehst du auch wieder einmal mit mir nach Hause. Und trotzdem ist das ein Scheißtag heute! Man denke nur an diesen Kaffeefleck hier im Bett. Beim Blick aus dem Fenster fällt er mir auf, dieser außergewöhnlich blaue Fleck zwischen all dem Grau des Frühherbstes, oder Spätfrühlings (oder beschissenen Sommers). Ich versenke meine Nase in deine Polster, sauge den Duft deiner Haare auf.

Eigentlich sollte ich nicht zu viel nachdenken. Eigentlich. Und …

Oh. Kuchen. Am Boden. Wie gesagt, das wird ein guter Tag!

Warum ‚Garden State‘ für mich etwas ganz Besonderes ist, obwohl es, glaube ich, doch nur ein Film ist.

Wenn ich etwas ganz besonders mag, lass‘ ich das auch jeden wissen. Zum Beispiel die neue Serie Glee, die ich gerade jedem auch nur irgendwie nahelegen möchte. Oder Mitten ins Gesicht, das erste und bisher einzige Buch, welches mich mit einem tiefen Tränenmeer und kompletter Verwirrtheit zurückließ. Und eben auch Garden State, dieser eine Film aus 2004, den ich, seit ich ihn entdeckt habe, wohl schon ungefähr zwölf, dreizehn Mal gesehen habe. Warum er mir gefällt? Das will ich (und nein, Zach Braff zahlt mir nichts dafür) in diesem, wohl etwas längeren Blogeintrag erklären.

Auf ihn gestoßen bin ich wahrscheinlich irgendwann Ende 2006 oder im Laufe des Jahres 2007. Zach Braff war schon berühmt für seine Rolle des J.D. in Scrubs. Und ich stolperte irgendwann einmal auf Amazon über die DVD, bestellte sie und sah den Film zum ersten Mal. Ein junger Mann, der aufgrund des Todes seiner Mutter nach Hause zurückkehrte, seine alten Freunde wieder traf und sich verliebte. Das waren meine ersten Eindrücke und alleine das reichte aus, mir einzubilden, dieser Film sei so wundervoll, so herzerwärmend.

Dann war dieser eine Schicksalsschlag in meinem Leben, dieses Boden-unter-den-Füßen-Verlieren, dieses Tausendmal-Hinfallen und dieses Nicht-mehr-aufstehen-wollen-und-doch-müssen. Mein langer, schmerzhafter, harter Weg zurück, zurück ins Leben, zurück zum Alltag, dieses Einatmen, mit vollem Bewusstsein und der Hoffnung, dass der Schmerz irgendwann wieder einmal weggehen wird. Als ich das nächste Mal den Film ansah, verstand ich ihn plötzlich anders. Und wahrscheinlich auch besser.

Andrew Largemen hatte eine schwere Kindheit, galt als schwierig und wurde seit Jahren mit Medikamenten ruhig gestellt, er war gefühlslos, er war leer. Und mit dem Flug in den Ort, in dem er aufgewachsen ist, lässt er diese Hilfsmittel, diese Abstumpfer zurück. Er will diesen Schmerz, den Schmerz des Todes der eigenen Mutter selbst fühlen, will mit voller Absicht sich genau diesem Schmerz aussetzen. Diese Abgestumpftheit kam mir bekannt vor. Ich war still, in mir brodelte es zwar, unzählige Gedanken, tausende Worte, die ich mit niemanden wechseln wollte. Aber ich zog mich mehr und mehr zurück. Aber irgendwann wagte auch ich mich aus diesem Mauseloch hervor, mir war bewusst, dass, nach allem was mir passiert ist, dass es mir auch manchmal so richtig scheiße gehen durfte. Und so fand ich langsam den Weg zurück.

Und dann war da noch dieser wunderbare Dialog zwischen Andrew und Sam, im Pool des Erfinders des lautlosen Klettverschlusses.

Andrew Largeman: You know that point in your life when you realize that the house that you grew up in isn’t really your home anymore? All of the sudden even though you have some place where you can put your stuff that idea of home is gone.
Sam: I still feel at home in my house.
Andrew Largeman: You’ll see when you move out it just sort of happens one day one day and it’s just gone. And you can never get it back. It’s like you get homesick for a place that doesn’t exist. I mean it’s like this rite of passage, you know. You won’t have this feeling again until you create a new idea of home for yourself, you know, for your kids, for the family you start, it’s like a cycle or something. I miss the idea of it. Maybe that’s all family really is. A group of people who miss the same imaginary place.

Auch das war genau das, was ich hören wollte und was wie die Faust aufs Auge, oder wie das Titelblatt auf meiner Biografie passen würde. Der Verlust von „Home“, von Heimat, von dem Gefühl, zuhause zu sein. Mit all meinen Problemen, mit dem Aufarbeiten des Todes, mit dem Aufarbeiten vergangener Lieben war ich fehl am Platz, hier in diesem Haus. Ich hatte meinen eigenen Weg, damit fertig zu werden und ich brauchte auch niemanden dafür. Zwar gab mir dieser 29. Oktober 2007 wieder einmal das Gefühl, Teil einer fürsorgenden, sich liebenden Familie zu sein. Aber (selbst wenn dieses Bilder der Familie mit der Zeit in sich zusammenstürzte): zuhause fühlte ich mich nirgendwo. Ich kann überall zuhause sein und nirgends. Halte ich mich irgendwo länger als drei Stunden auf, nenne ich es selbst sogar schon „Zuhause“ oder „Daheim“. Aber das ist es nicht. Es ist nur Schlafplatz, Unterkunft. Aber nicht mehr.

Andrew Largeman: Safe… when I’m with you I feel so safe… like I’m home.

Dieser eine Satz hat sich in meinen Kopf eingeprägt, wie kaum ein anderer Satz aus einem Film. Selbst die Gravur meines iPods sagt mir like i’m home. Darauf kommt es an. Den Menschen zu finden, der einem dieses Gefühl geben kann. Den man so nah an sich heranlässt, ohne Angst, verletzt zu werden, und der einen auffangen kann. Und es auch will. Der für einen da ist, die vielen unsichtbaren Wunden küsst, und einen auch auf schweren Wegen begleitet. Liebe nennt man so etwas wahrscheinlich. Aber ja. Selbst wenn mir all meine Freunde unter die Arme griffen, nach all dem, dieses eine fehlte.

Andrew Largeman: Fuck, this hurts so much.
Sam: I know it hurts. That’s life. If nothing else, It’s life. It’s real, and sometimes it fuckin’ hurts, but it’s sort of all we have.

Man muss sich also erst verletzbar machen, um sich auf das Mensch sein richtig einzulassen. Es hilft nichts, zu wissen, dass hier ein Schmerz sein sollte. Der Schmerz soll einen zu Boden reißen, man soll leiden. Nur um dann wieder aufzustehen und zu sehen: Ja. Das ist es. Das ist das Leben. Das gehört dazu. Und jetzt, verdammt noch mal, ist Sonnenschein angesagt. Egal wo. Vielleicht auch einfach nur in meinem Herzen.

Sam: You don’t realize, this is good, this doesn’t happen often in your life. We can work this stuff out. I want to help you, you know? We need each other…
Andrew Largeman: This isn’t a conversation about this being over, it’s, it’s… I’m not, like, putting a period at the end of this, you know, I’m putting, like, an ellipsis on it, cause I’m- I’m- I’m worried that if I don’t figure myself out, if I don’t go like land on my own two feet, then I’m just gonna to mess this whole thing up, and this is too important. I gotta go… you changed my life in four days. This is the beginning of something really big. But right now, I gotta go.

Und auch einer der letzten Dialoge des Films, auf der Stiege des Flughafens. Andrews beschissener Glaube, alles planen zu müssen. Erst die Ruinen der Vergangenheit wieder aufzubauen, um einen Grundstein für die Gegenwart zu legen. Um in eine glücklichere Zukunft zu blicken. Das Leben in der Vergangenheit macht einen kaputt, und manchmal verliert man auch einfach den Überblick und niemand weiß mehr den Weg zurück. Dieses verdammte Zweifeln, dieses furchtbare Stolpern von Unfähigkeit und fehlenden Mut. Das ist das Leben, das muss man auskosten. Jetzt und nur jetzt. Und jeder kleine Punkt kann das „beginning of something really big“ sein, man darf nur nicht so feige sein, und davor noch flüchten. Das ist es nicht.

Manchmal ist es auch einfach gut, nicht zu wissen, was passiert. Nur zu wissen, dass es gut ist. Dass es richtig so ist, für mich, für diesen Moment. Dass in diesem Moment nichts passieren kann, weil es einfach passt.

Andrew Largeman: Hey Albert
Albert: Yeah?
Andrew Largeman: Good luck exploring the infinite abyss.
Albert: Thank you, and Hey, you too!

Vielleicht ist das unsere roße Aufgabe. Den „infinite abyss“ zu finden. Danach zu suche und womöglich auch tausend Male daran zu scheitern. Den unendlichen Abgrund zu ergründen, in sich selbst. Um aus vollem Herzen menschlich zu sein.

So wie es aussieht hat mich Garden State nach den Ereignissen im Jahre 2007 resozialisiert. Hat mir gezeigt, wie das Leben funktioniert, wie man richtig liebt, wie man wieder fühlt. Es hat mich begleitet, durch Verliebtheiten, Küsse und Sex. Der Film ist ein Wahnsinn auf 4,5 GB. Ein Meisterwerk des Herrn Braff, der dafür sowohl Regie, Drehbuch als auch Hauptrolle übernahm. Und heute habe ich mir, nachdem ich meine erste DVD des Films verliehen/verloren habe, den Film noch ein weiteres Mal gekauft. Um noch mindestens tausende Male den Film zu sehen.

Und um, wie immer, danach raus zu gehen. Die Stille zu genießen, eine rauchen. Und nachdenken. Über alles und mich und vor allem über mich. Und nach diesen fünf oder zehn Minuten bin ich wieder bereit, das Leben in Angriff zu nehmen.

Kälte.

Im Laufe des Gesprächs, als ich meiner Mama von meinem Timi-Traum erzählte. Auch sie hat schon oft von ihm geträumt:

Und du weißt ja. In der Nacht, als Timi starb, hab‘ ich von ihm geträumt. Dass ihm so kalt sei, dass er so friere.

In den kommenden Tage spürte ich plötzlich diese Kälte, du kannst dir das nicht vorstellen, ich habe bis damals und auch seither nicht mehr eine solche Kälte verspürt, eine innere Kälte. Ein ganz komisches Gefühl.

Und dann, ja, Papa war schon wieder zuhause, da, da wollte ich einfach raus. Irgendwo hin, weg aus dem Haus, auf einen Kaffee oder so. Papa musste sich nur noch schnell duschen und ich legte mich hin. Keine Ahnung ob ich geschlafen habe oder nicht.

Auf einmal sitzt Timi neben mir. An meinem Kopf, und legt seine Hand auf meine Wange. Und diese Hand war so warm, so … wunderbar warm. Als ich aufwachte, war sie weg. Diese Kälte.