Für uns allein.

AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by lydia chow

Die Sonne bricht durch die dicke Wolkendecke. Du und ich, wir beobachten sie, wir saugen sie auf, wir atmen sie ein. Es ist der Anfang, wo kein Ende war, es ist der weitere Beginn eines gemeinsamen Ganzen. Manchmal fühlt es sich noch seltsam an. Wie lange habe ich darauf gewartet, habe gehofft, jemanden lieben zu können und auch selbst geliebt zu werden. So wie ich bin und so wie ich sein möchte. Mit all meinen Träumen, meinem Irrsinn, mit all meiner Ungewissheit. Und Tag für Tag fühlt es sich so an, als würde ein weiterer Teil meines Herzens zu dir wandern, ein weiterer Platz in meinem Kopf nur für dich reserviert sein.

Als ich mit hohem Fieber neben dir lag, die Wahrnehmung nur mehr sehr verschwommen, hast du mich in den Arm genommen. Hast mich einfach nur gehalten, warst du als ich vor innerer Wärme schwitzte und vor äußerer Kälte zitterte. Das war einer der Momente, in denen mir aus vollem Herzen und tiefster Überzeugung wieder einmal klar wurde, dass uns hier etwas ganz Besonderes verbindet. Und während andere den Jahreswechsel mit Alkohol und Freunden begossen, bist du bei mir im Bett geblieben, hast mir Gesellschaft geleistet und warst für mich da.

In Wahrheit habe ich dich wahrscheinlich gar nicht verdient, und genieße es doch. Genieße, hier zu sein, hier bei dir. Wir beide sind so perfekt unperfekt, so außergewöhnlich gewöhnlich. Wir zwei sind die Symbiose zweier wundervoller Menschen, die sich einfach nur lieben. Kaum zu glauben, wie viel du mir bedeutest. Wie viel ich für dich empfinde. Und mit niemand anderem sehe ich mir lieber an, wie die Sonne durch die Wolkendecke bricht. Denn in Wahrheit strahlt sie wohl nur für uns. Für uns allein.

Momente.

Auch wenn Magazine wie NEON beinahe in jeder zweiten Ausgabe schreiben, dass eine Freundschaft zwischen Mädchen und Jungs zwangsläufig immer auf Liebe, entweder einseitig oder gar von beiden Seiten, hinausläuft. Es funktioniert. Aber vielleicht muss man den Weg mit der Liebe zumindest einmal versucht haben, um gestärkt daraus hervorzugehen und sich auf die Wahrhaftigkeit dieser Beziehung, dieser Verbundenheit zu konzentrieren. Immer noch streicht mir Sophie durch mein Haar, krault mir den Kopf, ich sehe sie an. Ihre Augen sind voll mit Erinnerungen, und erzählen vom Vermissen, vom Verlieben, vom Verlieren. Und als sie plötzlich lächelt, kann ich all die glücklichen Momente sehen, mit Schmetterlingen, mit Freunden, mit Liebe.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 5 „Steg“]

Es ist schön, bevor es zu Ende ist. [Der Herbst]

(via  docadocaflickr)

Du bibberst, als du einatmest. Es ist kühler geworden, ganz langsam und doch hat es dich jetzt gerade überrascht. Ich halte dich fest. Halte deine Hand, als wir über den laubbedeckten Gehweg gehen. Es ist still, bis auf die spärlich vorbeifahrenden Autos und die seltenen Momente, wenn Kastanien nur knapp vor uns am Boden aufprallen.

„Ich liebe den Herbst, weißt du?“, frage ich dich, und ohne eine Antwort abzuwarten, setze ich fort. „Weißt du. Der Herbst hat etwas Magisches an sich. Und ist vielleicht auch die brutalste Jahreszeit. In allen anderen ist irgendetwas am Entstehen, oder in voller Pracht. Im Frühling sprießen die Blumen, im Sommer gedeiht alles und im Winter kriegen wir Schnee. Nur der Herbst. Der Herbst hält sich irgendwie nicht an diese Regel. Er tötet. Er ist eine Zeit der Resignation, etwas, um wieder einmal zu erkennen, wie verdammt vergänglich doch alles ist.“

„Und ich liebe die großartigen Nuancen der Blätter. Eigentlich mag‘ ich den Wald nicht, oder was sag ich … ich bin einfach nicht dieser naturverbundene Typ. Aber in einen herbstlichen Wald zu spazieren oder ihn mir aus der Ferne anzusehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Es zeigt sich in voller Pracht. Irgendwie sind das für mich schöne Gedanken.“

„Denn der Tod ist und bleibt überall. Vor allem der Herbst vor drei Jahren hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Für lange, lange Zeit. Manche Todesfälle sind eben anders als all die anderen. Manche dürfen ganz einfach nicht real sein, vor allem nicht jener eines Kindes. Und dann seh ich mir in diesem Jahr den Herbst an und erkenne endlich wieder das Wunderbare an dieser Jahreszeit.“

„Und höre auf, vor Tod und Vergänglichkeit Angst zu haben. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Und es gehört dazu. Vielleicht ist so ein Jahr ja auch nur eine Metapher für das Leben, und das Umgehen mit dem Tod. Im Herbst passiert es, man kann sich nicht einmal wirklich verabschieden. Im Winter vergräbt man sich, schützt sich in einer weißen Schicht von schwer auf einem lastenden Schnee. Bis der Frühling einen wieder den nötigen Aufschwung gibt, und man im Sommer zur Vollkommenheit zurückfinden kann. Zur neuen Vollkommenheit, natürlich. Verstehst du was, ich meine?“

„In Wahrheit zeigt mir der Herbst Jahr für Jahr wieder, dass ich nicht darauf vergessen soll, an mich zu denken. Mein Leben zu leben, genau so wie es mir gefällt. Vielleicht hilft dieses Resignieren ganz einfach dabei, zu erkennen, was einem wichtig ist. Wofür man zu kämpfen bereit ist. Warum es wichtig ist, hier zu sein.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.