Normalerweise vielleicht.

Du hast ein wundervolles Lächeln. Ich hoffe, du weißt das. Ich werde es dir nicht so schnell sagen. Dazu bin ich zu feige. Das würde wohl zu viel offenbaren. Normalerweise habe ich kein so großes Problem, viel von mir preis zugeben. Aber was ist denn bitteschön „normalerweise“. Seit Tagen wohl nichts mehr.

Ich warte. Warte darauf, dass diese Dunkelheit hier aus meinem Zimmer flüchtet. Bis ich mich wieder soweit dazu aufraffen kann, mich hinaus in die Kälte zu stellen, meinen weißen Atem aus meinen Nasenlöchern fliehen zu sehen. Dabei irgendeine wunderschöne, ruhige Musik in meinen Ohren. Vielleicht Coldplay, oder The Decemberists. Elbow, oder Colin Hay. Irgendwas zum Nachdenken. Und dann würde ich da sitzen und einfach mal die innerliche Stille und die außenstehende Ruhe genießen. Aber gerade eben kann ich das einfach nicht.

Gerade eben habe ich ein großes Problem mit der Einsamkeit. Weißt du, das hab‘ ich öfter mal. Da kann mich irgendwie nichts beruhigen, selbst wenn ich bei meinen Freunden bin. Es heißt ja, die Einsamkeit selbst gibt es nicht so plötzlich, man sucht sie. Vielleicht ist das ja so. Vielleicht brauche ich dieses furchtbare Gefühl gerade eben in diesem Moment.

Vielleicht aber ärgere ich mich einfach über mich selbst. Über meine Unfähigkeit. Vielleicht sollte ich auch einfach mal wieder schlafen gehen. Wobei ich ja persönlich finde, dass die Traumwelt erst mal überflüssig wird, sobald die Realität endlich wieder stimmt.

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Heute. Nein Gestern.


Wisst ihr, es ist schon komisch.

Da verliert man vor zwei Jahren und einem Tag den zu diesem Zeitpunkt wohl wichtigsten Menschen der ganzen Familie. Kein Tag vergeht, an dem man nicht über ihn spricht, jedes Mal schlucke ich etwas fester, wenn ich am Kühlschrank sein Bild sehe. Und immer unruhiger und niedergeschlagener werde ich, wenn der Jahrestag auf mich zu kommt. Und meine Familie, zuhause vereint, besucht das Grab und ich, fernab meiner Familie, sehe mir noch einmal diesen einen Blogeintrag an, welchen ich noch am selben Tag des Geschehnisses schrieb. Um zu bemerken, dass er nicht heute, nein gestern vor zwei Jahren gestorben ist.

Am 29. Oktober 2007 passierte das. Und jedes Mal wieder rührt es mich zu Tränen. Das da. Und das.

Was folgte, war eine Therapie. Viele lange Diskussionen mit meinen Eltern, zwei Weihnachtsfeste, die eben etwas anders verlaufen sind, als man es sich womöglich vorstellen hätte können. Was folgte, war ein langer Weg zurück. Für mich. Ich habe keine Ahnung, wie es meiner Mutter, meiner Schwester oder meinem Vater mit der Situation geht. Nicht, dass ich nicht mit ihnen rede, nein. Ich komme nicht an sie ran. An keinen von ihnen. Was folgte, war das Akzeptieren eines Lebens ohne gewissen Personen. Was folgte, war die Erkenntnis, dass man auch noch so hoffen und träumen konnte, nichts bleibt wie es ist. Nichts wird je wieder so werden. Nicht so. Nein anders.

Mir geht es gut. Ich habe den Tod meines Neffen Timi akzeptiert. (Und ich vermute, ich bin der Erste und bisher Einzige in meiner Familie, der das geschafft hat). Und doch. Jedes Jahr. Egal ob nun einen Tag zu spät oder zu früh. Irgendetwas liegt mir Ende Oktober von nun an immer im Magen.

(Und wie gerne wäre ich heute oder gestern oder wann auch immer zum „Friedhof der Namenlosen“ gefahren. Einem der wohl berührendsten, traurigsten und wunderschönsten Plätze der ganzen Welt.) Und ja. Jetzt eben habe ich sogar wieder einmal geweint.

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Weißt du?

Gestern Nacht, als wir uns Garden State angesehen haben. Und ich immer stiller wurde und mir so ganz nebenbei wieder ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischte. Wie ich es jedes Mal bei diesem Film mache. Und als dann das Ende angebrochen war, der Abspann begann und aus der Stille plötzlich Stimmengewirr wurde. Und man über die Sinnhaftigkeit des Filmes diskutierte.

Ich war teilweise wütend aufgrund der blöden Worte, die meine Freunde hier streuten. Und so stand ich einfach mal auf und ging runter und raus. Und bei dieser einen Zigarette vor der Tür dachte ich nach. Über die Tode in diesem Jahr. Dass ich eines der besten Jahre meines bisherigen Lebens erlebe und mir liebgewonnene Menschen einfach so wegsterben. Und ich irgendwie rein gar nichts fühle. Keine Trauer. Kein Ärger. Ich lebe mit der Akzeptanz und dem Schönreden. Dinge, die ich bis vor kurzem abgrundtief gehasst habe.

Und weißt du, als ich da vor dem Haus am Boden saß, und die Grillen so penetrant zirpten, hatte ich einfach nur gehofft, dass du kommen würdest. Und dass wir reden könnten, für fünf, zehn, fünfzehn Minuten. Dem Freundewirrwarr zu entfliehen, die Stille zu genießen. Aber du bist nicht gekommen und ich bin nach dieser einen Zigarette wieder hinauf in die Wohnung gegangen und habe mich so rein überhaupt nicht zurechtgefunden, zwischen all diesen Menschen, die ich doch eigentlich so unglaublich gern habe.

Dass ich dann beim Nachhausefahren für den kurzen Augenblick einer Sekunde höchstwahrscheinlich eingeschlafen bin und mit so unglaublich viel Glück einfach überhaupt nichts an den Passagieren (einem Freund und mir) passiert ist, und selbst das Auto nur minimal beschädigt war, könnte ich jetzt auch noch erwähnen.

In höchsten Höhen.

Menschen lieben es, von der Ewigkeit zu sprechen. Und so verspricht man sich. Für Menschen, deren Anerkennung man sich hart verdienen, deren Liebe man sich Tag für Tag neu erarbeiten muss. Es hat niemand verdient, dass man ihm ewige Liebe schwört. Ich hasse die Ewigkeit. Sie hat einfach rein gar nichts mit der Realität zu tun.

Hätte ich den Mut, zu sagen, was ich denke, dann hätte ich mir zumindest eine Träne von ihr erwarten dürfen. So viel Überwindung hätte es mich gekostet, mich dies zu trauen. So häufiges Stottern hätte ich in Kauf genommen, um die Worte richtig in den Mund zu nehmen. Aber es wird wohl nichts mit der Träne. Nichts mit Mut.

Jetzt ist es die Stille und Tocotronic, die mich tragen. Ins Land der Träume und auch wieder zurück.

Ich liebe es zu fallen. Denn man muss erst einmal in höchste Höhen vorgedrungen sein, um richtig fallen zu können. Und egal, aus welchem Grund der Stoß nach unten erfolgt, die Tatsache, es so hoch geschafft zu haben, müsste ganz einfach Trost genug sein. Fallen gehört zum Leben dazu. Zur Realität. Und wenn man sich mit der Tatsache abgefunden hat, tief zu fallen, um nur irgendwann wieder einmal aufzustehen, dann hat man sie endlich kapiert. Dann kann man endlich mit ihr umgehen.

Ewigkeit. Hm.

Die Ewigkeit besteht. Aber einzig und allein im Kopf und nicht im Herz. Scheiß auf all die Abdrücke, die Menschen hinterlassen haben, auf all die Brocken, die man möglicherweise unglücklich verschenkt hat. Der Kopf vergisst viel langsamer als das Herz. Und selbst wenn das Herz bereit ist, erneut zu fallen, schwirren im Kopf noch die Gedanken des letzten Stoßes irgendwo herum. Vielleicht wird die Realität erst hirnlos wirklich lebenswert. Herzlos darf sie auf keinen Fall werden.

Ich befinde mich gerade wieder am Aufstieg. Erklimme einen Höhenmeter nach dem Anderen. Alles fühlt sich gut an, und so vieles richtig. Natürlich gibt es so manches Hindernis, so manches Hirngespinst. Aber wenn man mit sich im Reinen ist, kann es womöglich etwas werden. Von ganz alleine. Ohne zuviel nachdenken zu müssen und ohne an Erinnerungen hängen zu bleiben. Und vielleicht bedarf es eben dieser Zufriedenheit mit sich selbst, um ehemalige Ewigkeiten-Idiotien zu beenden um den lange gewünschten Punkt zu setzen.

Genau jener Punkt, der am Satzende fehlte. Genau jener Punkt, nachdem all das Neue lauert.

Traumapplaus.

Das Buch entsteht.

Seit Februar 2008 geht mir meine Idee von „Volle Distanz. Näher zu dir“ nicht mehr aus dem Kopf und obwohl ich immer und immer wieder darüber nachdenke und zum ersten Mal eine Geschichte zu einem großen Teil durchgedacht wurde, stolpere ich immer wieder über die ersten paar Seiten. Mein letzter großer Versuch zwischen März und April brachte rund 3.500 Worte. Und doch nicht die erhoffte Zufriedenheit. Jetzt bin ich einfach ganz persönlich an einem Punkt angelangt, an dem mein Leben einfach nur schön ist. Mit all seinen Holprigkeiten und Regengüssen. Vielleicht bin ich auch einfach nur seit langem wieder einmal richtig glücklich. Jetzt möchte ich es tun und jetzt werde ich es auch.

„Volle Distanz. Näher zu dir“ ist ein Herzensprojekt. Eine autobiografische Fiktionsgeschichte. Ein Traum von mir. Träume müssen wahr werden. Und wie Klaus Werner Lobo gestern so schön sagte: Wir werden viel zu selten nach unseren Träumen gefragt. Und noch seltener bekommen wir dafür Applaus. Das ist mein Traum. Und jetzt, heute, an diesem wunderschönen Tag will ich erneut beginnen. Und nicht ruhen, bis diese dreißig-, vierzig- oder fünfzigtausend Worte hineingetippt wurden.

Eigentlich wollte ich meinen kompletten Web 2.0 – Rückzug anmelden, bis der letzte Punkt des Buches abgetippt wurde. Aber das werde ich nicht schaffen. Nur der Blog wird ähnlich hoch frequentiert sein, wie aktuell. Hier mal ein Beitrag, da mal zwei … ein paar Tage gar nichts. Und wenn ich mich dann wieder richtig zurückmelde, dann wird das wohl auch etwas mit Bombast und Pomp zu tun haben. Efficient Web 2.0ing for me.

Immer mal wieder werde ich Leseproben online stellen, zwischen all den anderen Beiträgen hier. Ich bin über Lob und Kritik erfreut. Und ja, ich werde auf irgendeinen Berg hinaufklettern, und oben dann die Hände von mir strecken, einen lauten Schrei von mir geben und eine Flasche Champagner köpfen. Weil der Traum endlich Wirklichkeit werden konnte.  Und bis dahin, so verspreche ich euch, lest ihr nichts mehr von „Volle Distanz. Näher zu dir“. Von meinen Versuchen und den Rückzugen. Nein.

Und von da an dürft ihr mich bitteschön Dominik, 21, Künstler (FH-Student, geringfügig beschäftigt) nennen. Oder Schriftsteller. Was auch immer. Wobei für mich mitunter das Schreiben die schönste aller Künste sein kann. [Und von mir aus könnt ihr mich auch weiter einfach nur Dominik nennen.]

Mittelmaß. [Eine Gedanke]

Lieber noch weitere zwei Jahre alleine, als übers simple Mittelmaß zu stolpern.

Auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht so lange dauern wird. Und weil ich sowieso so viele andere Dinge habe, die mein Leben zurzeit bestimmen. Freunde, Spaß, Kunst, Information. Und irgendwann kommt es eben auch, das i-Tüpfelchen, das alles komplizierter aber doch so vieles schöner macht.

Begräbnisse.

Begräbnisse machen aus schönen Liedern mit schönen Erinnerungen schöne Lieder mit traurigen Erinnerungen. Begräbnisse hüllen einen ganz schnell in eine tiefe Decke aus Kollektivtrauer. Begräbnisse verpflichten zu Hemd, Krawatte und Anzug. Begräbnisse sind ein Fixpunkt für Trauer, selbst man noch nicht dazu bereit ist. Begräbnisse sind doof, wenn geliebte Menschen in Tränen ausbrechen und man nichts tun kann. Begräbnisse beginnen traurig und enden dann meist unterhaltsam in irgendeinem Wirtshaus. Begräbnisse sollen ein Abschied sein. Aber was für einer denn?

Meine Gründe, warum ich Begräbnisse so richtig gar nicht mag.

Upcoming: Donnerstag, Großonkel.

Der Schlag ins Gesicht. Aber so richtig.

Niemand wird sich mehr an diesen einen Eintrag erinnern: We used to be friends befasste sich mit einem Menschen, der in der ersten Klasse Gymnasium zu meinem besten Freund (zumindest was man zu dieser Zeit und in diesem Alter darunter bezeichnete) wurde, und dann wieder wegzog. Seine Geschichte ist schräg, brutal, hart. Mir wäre all das viel zu heftig, was ihm passiert ist. Und ihm war es das schlussendlich auch.

Vor – was weiß ich – zwei Wochen (oder so) warf er sich vor einen Zug oder legte sich auf die Schienen. Ich will keine genauen Einzelheiten haben, mir hat allein schon die Nachricht, dass er das war, zutiefst hinuntergerissen. Er lebte ja seit Jahren wieder hier, wir waren uns wieder einige Male begegnet. Er, immer mit seinem typischen Lächeln, welches er schon als 10 oder 11-Jähriger hatte, und welches mich ungeheim mitriss und mein Gemüt erhellte. Er sitzt nun im Krankenhaus, Bereich Psychiatrie. Der Zug hat ihm einen Arm zerstört, sodass er amputiert werden musste, sein Gesicht ist verletzt.

Es war hart, als diese Person, dieses unpersönliche Wesen, welches Selbstmord begehen wollte, kein Unbekannter mehr war. Sondern eine Person, die ich noch wenige Tage zuvor am See gegrüßt habe. Ein Mensch mit Namen, und mit einer Geschichte, in der auch ich kurz einmal vorkomme. Es war ein Schlag ins Gesicht, als ich diese Nachricht während meines Urlaubes erfuhr. Jeder kannte ihn übrigens irgendwie.

Und ich dachte mir immer nur, was gewesen wäre, wenn wir uns in diesen frühen Jahren nicht aus den Augen verloren hätten. Wenn wir jetzt noch Freunde wären, womöglich beste Freunde. Und besonders brutal wirken nun die Worte aus meinem alten Text: Ich hätte dich vielleicht davor bewahren können.

Ja, verdammt.
Vielleicht hätte ich das.

AW:

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Omatod.

Heute Morgen ist es also passiert. Meine Oma väterlicherseits ist gestorben.

Letzten Freitag haben wir sie noch einmal besucht, haben uns sozusagen von ihr verabschiedet, haben gehört, dass es also nur mehr eine Frage der Zeit sei. Solche ‚Fragen der Zeit‘ sind ja immer verdammt relativ und können von beschworenen drei Wochen zu weiteren drei Jahren werden. Hier war es nicht so.

Ich bin viel zu unaufgebracht, um einen passenden Nachruf zu schreiben. Natürlich finde ich es schade, dass ich meine Oma nicht ein weiteres Mal lebend zu sehen bekomme. Aber mit ihren 86 Jahren hat sie schon so viel erlebt, und dieser eigentlich relativ rasche Tod, genau den hat sie sich verdient. Ohne lange zu leiden.

Das Einzige, was mir Sorgen macht? Dass ich nicht da sein werde.

Meine Tante (bei welcher meine Oma die letzten Jahre lebte) fragte mich, ob ich am Begräbnis sprechen möchte, die Lebensgeschichte von Oma. Wahrscheinlich immer noch aufgrund der Abschiedsrede bei Timis Begräbnis. Und ja, natürlich hätte ich es getan, hätte mein Bestes gegeben. Aber ich bin nicht da.

Heute Abend oder morgen oder übermorgen (was weiß ich) geht es los nach Ozora, zu sechst im Wohnwagen. Ein Urlaub, auf den ich mich mindestens seit Mai freue. Soll ich jetzt auf meine zehn unglaublichen Tage in Ungarn verzichten? Ich hasse ja Begräbnisse. Aber ich wäre wirklich gerne dabei. Und Oma, weißt du? Ich werde auch noch einen anderen Weg finden, mich von dir zu verabschieden. Ich trage auch kein Schwarz oder lebe jetzt ruhiger. Nicht jetzt. Ich kann jetzt einfach nur sagen: Leb‘ wohl!

photocredits: moriza | flickr