Freunde.

Emilys Frage, und all meine Ausschweifungen haben wieder viele Gedanken aufgeworfen.
Hannah und ich. Meine Erlebnisse mit ihr. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Zum briefeschreibenden Typen, zum harmoniebedürftigen Nachdenkmenschen. Zum
Ewigkeitshasser. All das bin ich wegen ihr geworden. Und bis ich Emily kennen-, bis ich sie
liebengelernt habe, habe ich dieses Gefühl, diese Schmetterlinge, dieses Gefühl eine Frau auf diese Art und Weise so nah zu sein, bis dahin habe ich es vermisst.

„Und ihr habt euch im Guten getrennt oder etwa nicht?“
– „Doch, doch. Wir haben uns, nachdem wir beschlossen haben, Schluss zu machen, sogar
noch stundenlang am Küchenboden unterhalten, haben geredet, gelacht. Und geschwiegen. Es fühlte sich wirklich richtig an. So … wie ein perfektes Ende einer beinahe perfekten Beziehung, sozusagen.“
„Und dann?“
– „Dann haben wir etwas Unmögliches versucht.“
„Was denn?“
– „Freunde zu bleiben.“
„Was ist daran unmöglich. Klar … es ist schwierig, aber unmöglich?“
– „Naja, die meisten Leute vergessen, dass es in einer Beziehung in erster Linie um Liebe geht. Kennt man sich zuvor noch nicht allzu lange, so ist danach immer noch nichts da, worauf man aufbauen könnte. Viel besser wäre es, zu sagen: ‚Lass uns Freunde werden.‘, findest du nicht?“
„Hm.“
– „Weil Liebe nicht Freundschaft ist. Umgekehrt vielleicht. Auf einer Freundschaft kann man wunderbar eine Liebe aufbauen. Aber andersrum? Unmöglich. Da muss man bei Null beginnen. Von Grund auf.“
„Vielleicht hast du recht.“
– „Emily?“
„Mhm?“
– „Lass uns Freunde werden, Emily. Okay? Bitte! Lass uns Freunde werden.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 15 „Berührungen“]

In der Gegenwart angekommen.

In der Gegenwart angekommen. Vieles hat sich verändert, vieles ist nun vollkommen anders. Anders als ich es selbst erwartet habe. Hannah habe ich noch ein, zwei Mal gesehen. Selbst wenn ich mit meinen Freunden ausging, sind wir uns kaum begegnet. Es hat lange gedauert, bis ich über den Schmerz, den unsere gemeinsame Unfähigkeit uns ganz einfach zu lieben, in mir verursacht hat, hinweggekommen bin. Und auch heute noch denke ich oft an die schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben, zurück. Ja, es war eine schöne Zeit.

Gerade bin ich auf dem Weg nach Wien. Stehe am Bahnhof, wo vielleicht noch zwei oder drei andere Menschen auf denselben Zug in die gleiche Richtung warten. Meine Sporttasche ist kaum gefüllt, mein Kopf schon wieder irgendwo anders. Im Grunde genommen habe ich noch sehr wenig realisiert, dass sich mein Lebensmittelpunkt schon in Kürze von diesem einen provinziellen Menschenhaufen in die 1,5 Millionen Metropole verlagern wird. Im Moment denke ich einfach nur daran, wie ich die zweieinhalb Stunden andauernde Zugfahrt bestmöglich überbrücken kann.

Ich habe nicht viel geliebt in den letzten zwei Jahren. Natürlich gab es da das eine oder andere Mädchen, in welches ich mich verkuckt habe, manchmal gingen meine Gefühle sogar darüber hinaus. Aber ungefähr jedes Mal bin ich damit auch auf die Fresse gefallen. Einseitigkeit tut einer Beziehung niemals gut, selbst wenn sie gerade erst im Entstehen ist. Es waren hübsche junge Frauen, nett, liebenswürdig. Aber irgendwie verspürten sie eben nicht dasselbe wie ich und immer mal wieder bin ich dann im Regen gestanden, kurz nachdem meine Gefühle und meine Erwartungen alles zu übersteigen schienen. Es hat sich nicht viel getan in den letzten paar Monaten. Nicht viel.

Ich habe die Schule abgeschlossen, nicht mit Bravour, aber schließlich doch irgendwie. Und ich habe meinen Zivildienst abgeleistet, scheinbar ebenfalls nur irgendwie. Ich habe den Sommer genossen und die Nächte gelebt. Ja, selbst wenn es mir die Liebe so schwer machte, sie zu mögen, hat das Leben mich immer weiter und weiter gezogen bis ich bemerkte, dass ein beinahe andauerndes Lächeln auf meinem Gesicht ruht. Der Zug fährt ein.

Jetzt im Nachhinein erinnert mich die Szene des Einsteigens in den schon da überfüllten Zuges an die vielen Filmszenen amerkanischer Antikriegsfilme, als die jungen Rekruten, nur bepackt mit einer Tasche und vielen Erinnerungen, in den Bus stiegen, um die Reise ins Ungewisse aufzunehmen. Es wirkt vielleicht ein wenig melodramatisch, aber schließlich war ich bisher erst ein oder zwei Mal in Wien und wagte somit einen sehr überraschenden und doch schon jahrelang geplanten Weg in die Großstadt.

Es wird getuschelt, ich werde hie und da angesehen als wäre ich vom Mond, vorsichtig zwänge ich meinen Körper und das Gepäck an unnötig den Weg versperrenden Gesellschaften. Bis ich schließlich irgendwo einen freien Platz finde, auf einem dieser Vierer-Plätze, in deren Mitte sich ein kleiner Tisch befindet. Meine Sitznachbarn nicken nur, als ich frage, ob denn dieser eine Platz frei wäre, und setzen dann unentwegt ihre Konversation fort. Über die Wetterkapriolen der letzten Tage reden sie, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als hurtig den iPod auszupacken, die Kopfhörer einzustöpseln, auf »Play« zu drücken und schließlich mit geschlossenen Augen und dem Kopf gegen das Zugfenster gelehnt, einzuschlafen.

»Ihre Fahrkarten, bitte!«

Mit einem Mal bin ich wieder wach, blicke mich vollkommen überfordert im ganzen Zug um und versuche durch das Fenster hindurch in der Dunkelheit herum Umrisse zu entdecken, die mir verrieten, wo wir uns jetzt gerade befanden. Erst ein paar Sekunden später realisiere ich, dass der Zugschaffner immer noch auf meine Fahrkarte wartete, und beginne hektisch in meiner Tasche zu wühlen.

»Hier, bitte!«

Klick-Klack.

So viel Aufregung wegen so wenig Klick und Klack. Nachdem ich meine Geldbörse wieder verstaut habe, die Kopfhörer wieder richtig platziert, sucht mein Kopf schon wieder den Weg in Richtung Zugfenster, als ich bemerke, dass sich die Umstände hier im Waggon verändert haben. Es ist eindeutig leerer geworden. Nur wenige, die schon da saßen, als ich einstieg, befinden sich jetzt noch im Zug. Scheinbar eine ganze Schulklasse hat das Abteil verlassen. Und zu guter Letzt bemerke ich, dass eine hübsche, junge Frau meine neue Sitznachbarin ist. Sie sieht mich an, grinst bis über beide Ohren und meint nur: »Hey!«

Verdammt. Ich war ihr aufgefallen. Und wahrscheinlich grinst sie nur, weil ich mich gerade so furchtbar idiotisch anstellte, als mich der Schaffner überraschte. Bitte keinen Smalltalk, bitte keinen Smalltalk. Bitte keinen Smalltalk.

»Hey!“«
– »Sorry, dass ich lache. Ähm, es sah einfach so lustig aus, als du aus dem Schlaf hochgeschreckt bist.«

Mir ist das natürlich peinlich. Aber wenigstens ist sie ehrlich und sagt frei heraus, warum ich sie so wunderbar belustigte.

»Das sind die schlimmsten Momente. Ich bin furchtbar, so kurz nach dem Aufwachen. Da sollte man mich liebe nicht ansprechen.«

Vielleicht springt sie ja auf diesen Zug auf und versucht nicht weiter, dieses relativ belanglose Gespräch aufrecht zu erhalten. Denn, es ist spät nachts und ich habe einfach keine Lust, mit wildfremden Leuten Smalltalk zu führen. Vor allem im Zug, wo es kaum eine Fluchtmöglichkeit gibt.

»Wie weit fährst du?«, fragt mich die junge Frau schräg gegenüber. Sie hat scheinbar keine Lust, still zu sein.
– »Wien. Und- … und du?«
»Mal sehen. Keine Ahnung.«
– »Das ist ja mal eine Ansage.«

Traumapplaus.

Das Buch entsteht.

Seit Februar 2008 geht mir meine Idee von „Volle Distanz. Näher zu dir“ nicht mehr aus dem Kopf und obwohl ich immer und immer wieder darüber nachdenke und zum ersten Mal eine Geschichte zu einem großen Teil durchgedacht wurde, stolpere ich immer wieder über die ersten paar Seiten. Mein letzter großer Versuch zwischen März und April brachte rund 3.500 Worte. Und doch nicht die erhoffte Zufriedenheit. Jetzt bin ich einfach ganz persönlich an einem Punkt angelangt, an dem mein Leben einfach nur schön ist. Mit all seinen Holprigkeiten und Regengüssen. Vielleicht bin ich auch einfach nur seit langem wieder einmal richtig glücklich. Jetzt möchte ich es tun und jetzt werde ich es auch.

„Volle Distanz. Näher zu dir“ ist ein Herzensprojekt. Eine autobiografische Fiktionsgeschichte. Ein Traum von mir. Träume müssen wahr werden. Und wie Klaus Werner Lobo gestern so schön sagte: Wir werden viel zu selten nach unseren Träumen gefragt. Und noch seltener bekommen wir dafür Applaus. Das ist mein Traum. Und jetzt, heute, an diesem wunderschönen Tag will ich erneut beginnen. Und nicht ruhen, bis diese dreißig-, vierzig- oder fünfzigtausend Worte hineingetippt wurden.

Eigentlich wollte ich meinen kompletten Web 2.0 – Rückzug anmelden, bis der letzte Punkt des Buches abgetippt wurde. Aber das werde ich nicht schaffen. Nur der Blog wird ähnlich hoch frequentiert sein, wie aktuell. Hier mal ein Beitrag, da mal zwei … ein paar Tage gar nichts. Und wenn ich mich dann wieder richtig zurückmelde, dann wird das wohl auch etwas mit Bombast und Pomp zu tun haben. Efficient Web 2.0ing for me.

Immer mal wieder werde ich Leseproben online stellen, zwischen all den anderen Beiträgen hier. Ich bin über Lob und Kritik erfreut. Und ja, ich werde auf irgendeinen Berg hinaufklettern, und oben dann die Hände von mir strecken, einen lauten Schrei von mir geben und eine Flasche Champagner köpfen. Weil der Traum endlich Wirklichkeit werden konnte.  Und bis dahin, so verspreche ich euch, lest ihr nichts mehr von „Volle Distanz. Näher zu dir“. Von meinen Versuchen und den Rückzugen. Nein.

Und von da an dürft ihr mich bitteschön Dominik, 21, Künstler (FH-Student, geringfügig beschäftigt) nennen. Oder Schriftsteller. Was auch immer. Wobei für mich mitunter das Schreiben die schönste aller Künste sein kann. [Und von mir aus könnt ihr mich auch weiter einfach nur Dominik nennen.]