Momente.

Auch wenn Magazine wie NEON beinahe in jeder zweiten Ausgabe schreiben, dass eine Freundschaft zwischen Mädchen und Jungs zwangsläufig immer auf Liebe, entweder einseitig oder gar von beiden Seiten, hinausläuft. Es funktioniert. Aber vielleicht muss man den Weg mit der Liebe zumindest einmal versucht haben, um gestärkt daraus hervorzugehen und sich auf die Wahrhaftigkeit dieser Beziehung, dieser Verbundenheit zu konzentrieren. Immer noch streicht mir Sophie durch mein Haar, krault mir den Kopf, ich sehe sie an. Ihre Augen sind voll mit Erinnerungen, und erzählen vom Vermissen, vom Verlieben, vom Verlieren. Und als sie plötzlich lächelt, kann ich all die glücklichen Momente sehen, mit Schmetterlingen, mit Freunden, mit Liebe.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 5 „Steg“]

Kompliment.

„Es hat dich sicher verrückt gemacht, dass du meinen Namen nicht mehr erfahren hast, oder?“, fragt mich Emily, nachdem wir uns, sie beim Fenster und ich neben ihr, niedergelassen habe. „Ja. Das hat es.“ – „Tut mir Leid, ich habe mir auch die ganze Woche noch gedacht, dass es ja auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn ich quer durch den Waggon noch schnell meinen Namen geschrien hätte.“ Das hätte er nicht verdient, denke ich. „Das hätte er nicht verdient.“, sage ich und Emily lächelt mich an. „Wer? Der Waggon?“ – „Nein. Dein Name.“ Oh, ein Kompliment. Wie charmant ich doch in Momenten wie diesen sein kann.

Freunde.

Manchmal läuft die Musik zu laut, ein anderes Mal hört man die Musik vor lauter Geschnatter nicht mehr. Hier sind Freunde zusammengekommen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich nach der ersten Kreuzung im Leben nicht aus die Augen zu verlieren. Noch nicht. Und wie so viele andere Freundeskreise auch, glauben wir gar nicht daran, dass uns das jemals passieren würde.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 4 „Freunde“]

Halt.

Du weißt, ich denke viel zu gerne nach. Zerlege alle Erlebnisse, alle Ängste und alle Gefahren in ihre Einzelgedanken. Was, wenn irgendwann einmal unsere Liebe aufhört? Wenn uns der Zug nicht mehr reicht? Wenn wir uns noch näher kommen wollen, und zumindest von meiner Seite würde ich das gerne. Was, wenn irgendwann einmal etwas passiert, womit keine rechnen konnte? Liebe ist unberechenbar, ich glaube, das weißt du, Emily. Ich will dich nicht verlieren, aber irgendwie erscheint es mir, als würde ich dich bei jedem Abschied, bei jedem Halt in deiner Ausstiegsstelle ein weiteres Stück verlieren. Nur um ein weiteres Stück von dir wieder zu erhalten, wenn wir uns fünf oder zwei Tage später wieder sehen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 12 „Annäherung“]

Woanders.

„Werden wir uns wiedersehen?“

Emily steigt aus. Dieselbe Station wie damals vor einigen Tagen. Nur bin ich dieses Mal um einen Namen und Tausend Schmetterlinge in meinen Bauch reicher. Sie winkt noch. Als wäre es ein Abschied von vielen, ein Wiedersehen vorbestimmt. Ich winke zurück, lächle. Und als der Zug abfährt, lasse ich mich zufrieden in meinen Sitz sinken. Das Abteil ist leer. Zwei Minuten zuvor war es noch die ganze Welt. Unsere Welt.

„Klar werden wir das.“

Seit der Zug seine behördliche Streckensperre überwunden hat, seit wir uns in diesem einen Zwischendurchgang umarmt, seit wir hier in diesem Abteil den Abschluss unserer Zugreise gefunden haben, scheinen die Minuten verfolgen zu sein. Das passiert mir immer. Je besser ich mich fühle, je mehr ich diesen Moment einfangen möchte, um ja genug davon in mich aufsaugen zu können, desto schneller verfließt die Zeit. Ach, Zeit. Du ungerechtes Arschloch.

„Doch wo? Auf einen Kaffee? In Wien?“

Als wir unseren Platz gefunden haben, ein leeres Abteil mit dem üblichen Müll aus Gratisschundblättern und leicht alkoholischem Gestank, setze ich mich zum Fenster, Emily nimmt den Platz neben mir. Und meine Hand. Unsere Finger verketten sich. Ich blicke sie an und ein Lächeln stößt mir entgegen. Wir beide. Emily und Noah. Verrückter können Geschichten nicht passieren. Nicht mit mir als Protagonist.

„Du, Noah?“

Ihr Kopf liegt auf meiner Schulter. Ein weiteres Mal. So zierlich ihr Kopf auch sein mag, er scheint auf mir zu lasten. Als würde ich die Welt auf mir tragen. Ein gutes Gefühl wohlgemerkt, aber doch mit einer gehörigen Prise Verantwortung. Jene Verantwortung, die ich wohl in meinem bisherigen Leben nur ganz selten zu tragen gewillt war.

„Hm?“

Ich atme, ganz ruhig. „Weißt du. Es ist sonderbar. All das ist sonderbar.“ – „Ssshh. Noah. Vielleicht ist es sonderbar, aber fühlt es sich nicht gut an?“ – „Das tut es, ja.“ Mit ihr an meiner Seite kann es sich nur gut anfühlen.

„Vielleicht sollten wir uns nicht woanders treffen.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

Untergang.

„Als die Welt zu Ende schien, gab es keine Hoffnung mehr. Nichts war mehr da. Alles dunkel. Der Untergang konnte losgehen.“

Ich schreibe mal wieder an meinem Buch. Mit einem Bleistift in mein Moleskine. Immer mal wieder versuche ich, neue Sätze, neue Absätze, neue Ideen einzubauen. Das soll er werden, mein erster Roman. Meine Geschichte. Das Buch, dass irgendwann einmal im Buchladen steht, mit meinem Namen darauf und voll mit meinen Gedanken und meinen Worten. Ich träume schon wieder. Denn wer sollte das denn lesen wollen? Worüber es geht? Schwer zu sagen. Ich überlege noch. Die Handlung ist mir noch nicht ganz klar, versteht ihr? Es ist alles nur ein Gedankenkonstrukt, eine Geschichte, die sich nach und nach, Absatz für Absatz in meinem Kopf aufbauen wird. So hoffe ich zumindest.

Das tat ich schon immer gerne. Damals, als ich dreizehn Jahre oder so alt war, schrieb ich meine erstes Werk. Über vier junge Menschen, ein befreundetes Geschwisterpaar, meine Schwester und ich. Wir waren die Knickerbocker Bande Oberösterreichs. So ungefähr konnte man es sich vorstellen. Ich habe die Geschichte nie fertig geschrieben, aber schon damals hat man mir gesagt, dass ich unbedingt weiterschreiben solle. Ich hätte Talent, meinte man damals. Dann war lange Zeit nichts. Eine gähnende Leere, bis ich schließlich innerhalb von zwei Wochen 70.000 Worte zusammengeschrieben habe. Eine Geschichte über mich, über mein Leben. Über dieses unendliche Pack Leid, dass ein jeder Mensch erleiden muss. Über diesen Weltschmerz, der nie wieder weggehen wird. Doch dann war die Pubertät schon fast wieder vorbei un ich bemerkte, wie übermäßig dramatisch und in Wahrheit wie lächerlich diese Geschichte ist. Aber es stimmt ja: In der Pubertät ist man wirklich ganz schlimm dran. Vor allem, wenn man eigentlich ein so schönes Leben wie ich leben konnte. Ich habe alles eingepackt. Drogenexperimente, Selbstmordversuche, Krebsdiagnose. Hautpsache mehr Drama. Dabei ist doch das Leben wie es wirklich ist viel spannender. Denke ich mir zumindest.

„Es fühlte sich an, als würde es keinen Morgen geben. Oder vielleicht hätte es ja einen Morgen gegeben. Nur ich wünschte mir, dass es das ein für allemal war. Dass nichts mehr kommt. Dass mein Schmerz nicht mehr wachsen könne, sondern hier sein jähes Ende erleben würde.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 12 „Annäherung“]

Irrsinn.

Halt. Ihr müsst mich nicht verstehen. „Zugestiegen?“ – „Hier, bitte.“ Der Schaffner. Ein weiteres Mal und ich krame in meiner Tasche nach Lektüre, nach Unterhaltung, nach irgendeiner Form der Ablenkung. Ein Notizblock. Und da … ein Kugelschreiber. Ich beginne zu kritzeln, male kleine Formen darauf, schreibe Worte, kratze Gedankenblasen in das Papier. Manche würden es als Kunst bezeichnen, für mich ist es ein Abbild meines inneren Chaos. Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein verrückter, vereinsamter Freak. Nein, wirklich nicht. Aber ich kenne mich und es ist nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert.

Nicht in dieser Form, natürlich nicht. Aber es gibt gravierende Ähnlichkeiten. Und ich ärgere mich ganz einfach darüber, dass ich nichts daraus gelernt habe. Ich bin einfach der Typ für dieses „Hals über Kopf“, für dieses „Auf den ersten Blick“. Ich bin dieser verträumte, hoffende Typ, der auch schon mal zwei Jahre einem Mädchen hinterherläuft, dass in Wahrheit nichts von einem will. Und dabei würde es doch soviel einfacher gehen. Nur, in Sachen Liebe nehme ich nur sehr ungern diesen Weg der Einfachheit. Wenn, dann kompliziert … und dann natürlich auch wenig zielführend.

Die Stationen ziehen vorbei, der Zug leert sich schön langsam. Nicht mehr lange, und ich stehe wieder am Bahnsteig, an dem meine Geschichte begann. In diesem Dorf, dessen einziger Vorteil es ist, dass es nahe an einem See liegt und man auch einfach mit dem Zug woanders hinfahren kann. Ein Ort, der aufgrund fehlender Relevanz vor allem eines ist: ein Paradies für alte Menschen. Grausam, an genau so einem Ort aufzuwachsen. Aber im Grunde habe ich die bisherige Hälfte meines Lebens in der Nachbarstadt, an genau jenem See verbracht. Mein Dorf ist so etwas wie die Vorstädte aus den amerikanischen Filmen. Nur hatten wir keine großen Gärten mit radfahrenden Kindern, keine Briefkästen am Gehweg, keinen Zeitungsjungen und keine weitläufigen Straßen, die zum Fußballspielen oder Rollschuhhockey einluden. „Wunderbare Jahre“, wie die Serie über damals, konnte man hier nur mit sehr viel Willenskraft und Optimismus hinter sich bringen. Aber ich übertreibe wahrscheinlich. Zumindest kann ich behaupten, dass ich, seit ich 13 war, begann, mich in Wien zu verlieben. Diese Gegensätze: hier ein paar Tausend Einwohner, dort die Millionen. Hier die gähnende Leere, dort das pulsierende Leben und die unglaublichen Möglichkeiten. Und während andere noch nicht wussten, was sie nach ihrem Abschluss machen möchten, hatte ich schon jahrelang einen Plan für mich festgelegt. Und genau den habe ich diese Woche angetreten.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 3 „Kennenlernen“]

Alleine.

„Wir werden immer alleine sein.“, flüstert sie in mein Ohr und ich will nicht begreifen, was sie mir damit zu sagen gedenkt. Doch meine Gedanken spinnen sich ihren Weg und ich lasse mich mitreißen, von dieser Ahnungslosigkeit, von dieser Aussichtlosigkeit. Will vergessen was war, und begreifen, was schlussendlich ist. Aber im Grunde ist es vollkommen irrelevant, wie man hierher gekommen ist. Hier, zu diesem Punkt, an dem die wortlose Sprache zu überwiegen droht.

Wie lange ist es eigentlich her, seit ich damals, seit wir. Seit wir uns kennengelernt haben, uns das erste Mal sahen? Vielleicht ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, keine Ewigkeit. Nichts Gröberes, nur etwa ein paar hundert Tage. Damals, in diesem Zug, in einem dieser Züge.

„Mein Name ist Noah.“, werfe ich in einen Dialog ein, der gerade sein Ende zu finden scheint. Die junge Frau mir gegenüber steht plötzlich auf, kurz bevor der Zug seinen Stillstand findet, grinst mir zu, nimmt ihre Leinentasche und meint nur ein leises „Tschüss, Noah.“ Und schon ist sie weg. Ist weg, so schnell und leise, wie sie auch in meinem Leben aufgetaucht ist.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 1 „Heimat“]

Freunde.

Emilys Frage, und all meine Ausschweifungen haben wieder viele Gedanken aufgeworfen.
Hannah und ich. Meine Erlebnisse mit ihr. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Zum briefeschreibenden Typen, zum harmoniebedürftigen Nachdenkmenschen. Zum
Ewigkeitshasser. All das bin ich wegen ihr geworden. Und bis ich Emily kennen-, bis ich sie
liebengelernt habe, habe ich dieses Gefühl, diese Schmetterlinge, dieses Gefühl eine Frau auf diese Art und Weise so nah zu sein, bis dahin habe ich es vermisst.

„Und ihr habt euch im Guten getrennt oder etwa nicht?“
– „Doch, doch. Wir haben uns, nachdem wir beschlossen haben, Schluss zu machen, sogar
noch stundenlang am Küchenboden unterhalten, haben geredet, gelacht. Und geschwiegen. Es fühlte sich wirklich richtig an. So … wie ein perfektes Ende einer beinahe perfekten Beziehung, sozusagen.“
„Und dann?“
– „Dann haben wir etwas Unmögliches versucht.“
„Was denn?“
– „Freunde zu bleiben.“
„Was ist daran unmöglich. Klar … es ist schwierig, aber unmöglich?“
– „Naja, die meisten Leute vergessen, dass es in einer Beziehung in erster Linie um Liebe geht. Kennt man sich zuvor noch nicht allzu lange, so ist danach immer noch nichts da, worauf man aufbauen könnte. Viel besser wäre es, zu sagen: ‚Lass uns Freunde werden.‘, findest du nicht?“
„Hm.“
– „Weil Liebe nicht Freundschaft ist. Umgekehrt vielleicht. Auf einer Freundschaft kann man wunderbar eine Liebe aufbauen. Aber andersrum? Unmöglich. Da muss man bei Null beginnen. Von Grund auf.“
„Vielleicht hast du recht.“
– „Emily?“
„Mhm?“
– „Lass uns Freunde werden, Emily. Okay? Bitte! Lass uns Freunde werden.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 15 „Berührungen“]

Unsichtbar.

Erwartungsvoll sehe ich auf den Schienen entlang, bis der Zug um die letzte Kurve vor dem Bahnhof herüberbiegt. Zurück nach Wien. In die Stadt meiner Träume. In das Moloch voller Blaulichter und Sirenen. Ich finde einen Sitzplatz, finde aber nicht wirklich Zeit, mich gemütlich niederzulassen. Ein weiteres Mal müsste ich noch aussteigen, müsste umsteigen in den Zug, der von Salzburg bis Wien die Leute auf der Strecke aufsammelt. Und erst da könnte ich mich wohnlich einrichten, könnte iPod, Buch und Taschentücher vor mir auf das kleine Tischchen legen.

Im Internet habe ich schon gelesen, dass heute starker Reiseverkehr sein könnte. Also alles nur rein theoretisch. Als der Zug einfährt, stehen schon unzählige Menschen vor den Ausgängen, leerer wirken die Waggons dadurch aber auch nicht wirklich. Ich zwänge mich hinein, bleibe freundlich und helfe der alten Dame, ihren viel zu schweren Koffer hinaufzuhieven. Innen drinnen, in diesem Zug, wuselt es. Hier wollen ein paar kleine Kinder vorbei, dort schnarcht ein alternder Businessman, dort hinten häkelt eine junge Frau. Ich verzichte dankend und lasse mich in einem Ende des Waggons, und in sehr ungünstiger Nähe zum nächsten WC nieder, stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und möchte abschalten. Versuche es zumindest und warte, bis die Welt wieder einmal vor meinen Augen vorbeizieht.

Die Toilette neben mir hat Hochbetrieb. Ständig geht jemand rein, fast genauso oft kommt ich wieder irgendjemand raus. Der Duftpegel steigt mit jedem weiteren Passagier. Aber es wird nicht leerer. Es kommt mir sogar so vor, als würden von beiden Enden des Zuges immer noch mehr Leute auf den fahrenden Zug aufspringen. Ich denke an Anna, an mein Zimmer im Studentenheim, frage mich ob Klaus immer noch da ist. Oder schon wieder. Oder je nachdem. Die Stationen rasen an mir vorbei. Bis der Schaffner schließlich Linz ansagt, und ich, der seine vergangenen Durchsagen nicht hören konnte, wundere mich ganz plötzlich vor den herannahenden Menschenmassen, die sich diese Stadt inmitten Oberösterreichs zu ihrem Endbahnhof erkoren haben.

Für kurze Zeit mache ich mich unsichtbar. Wandere in einen Zwischengang zwischen zwei Waggons, in diesen Bereich, der von zwei knapp aneinander auftretenden Türen abgegrenzt ist. Der dunkel, laut und nicht gerade sehr heimelig aussieht. Und sich schon gar nicht so anfühlt. Der Zug verliert an Last, gefühlt eintausend Menschen leichter, setzt er sich wieder in Gang. Und ich, mit Sack und Pack, möchte mich schon wieder auf den Weg machen. Auf die Suche nach einem Sitzplatz. Auf die Oddyssee einer Zugfahrt. Ehe eine der beiden Türen aufspringt. Ich zucke zurück.

„Hallo Noah.“
– „Hallo!?“
„Ich bin Emily.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 6 „Heimwärts“]