In vollen Zügen. [7]

Ich sehe ihnen schon lange zu. Wie sie sich über jede weitere Durchsage der Verspätung aufregen und sich schwören, so etwas nie wieder zu tun. Nie wieder mit dem Zug zu fahren, denn wer sind sie denn und was erlaubt sich der Zug überhaupt, zehn Minuten später anzukommen. Schlussendlich fährt er ein, von außen sehe ich, dass er schon jetzt zumindest nicht unterfüllt ist. Immer mehr Leute quetschen sich hin, können kaum warten, bis die Letzten ausgestiegen sind und machen sich anschließend verzweifelt auf die Suche nach den wenigen, eben frei gewordenen Sitzplätzen. Ich atme tief ein und beschließe ganz einfach, heute nicht mit dem Zug zu fahren.

„Bleibe heute doch zu Hause. Habe keine Lust. Irgendwie sind die heute alle irgendwie verrückt. Willst du noch etwas machen? Mich aufmuntern? Mir Geschichten erzählen? Dich mit mir betrinken? Bin für alle Schandtaten bereit!“

Senden. Wir sollten das nicht tun. Der Zug fährt ab, es wird wieder ruhig. Und beunruhigend leer ist es hier nun, auf diesem Bahnsteig, der an wenigen Stellen noch mit Schnee gesäumt ist, und hier ein Zigarettenstummel und dort eine zerknüllte Coladose. Die Beine von mir gestreckt, die Hände tief in meinen Jackentaschen vergraben, warten nur darauf dass mein Handy etwas Vibrierendes von sich gibt, eine Nachricht von dir, eine Antwort. Es vergehen Minuten, bis ich endlich meine Hand mit dem Handy aus der Tasche ziehen kann, in freudiger Erwartung deiner Worte.

„Hey! Klar, hab‘ Zeit. Komm einfach vorbei. Aber läut nicht an, klopfen reicht. Oder ruf mich an. Egal. Hauptsache du kommst vorbei. Und was wir nun von deinen Vorschlägen ausführen? Sehen wir mal. Bis gleich! Ciao!“

So einseitig verlief das Telefonat natürlich nicht. Hier ein „Mhm.“, dort ein „Ok.“, zum Ende hin ein „Bis gleich.“ Und ächzend, als würde ich schon seit Tagen auf dieser eiskalten Eisenbank sitzen, erhebe ich mich und mache mich schließlich auf den Weg. Wir sollten das nicht tun. Ich zähle die Schritte. Das mache ich immer, in solchen Momenten. Wenn der Kopf mit Gedanken durchzudrehen droht und ich mich einfach mal ablenken will. „34, 35.“ Ich bleibe stehen. Den Weg müsste ich eigentlich auswendig wissen.

„Ding-Dong.“ Verdammt. Vergessen. Du öffnest, trotzdem, mit dem Lächeln auf den Lippen, als hättest du schon vorher gewusst, dass ich auf dieses wichtige Detail vergessen würde. „Schön dich zu sehen“, meinst du und umarmst mich. Aufmuntern? Geschichten erzählen? Schandtaten? Ich bin ratlos und erwidere die Umarmung. „Mhm. Schön.“ Aber du lässt mir nicht mal Zeit, um aus meiner Winterjacke rauszukommen, selbst bei den Schuhen scheitere ich schon an den Schnürsenkeln. „Komm mit, komm … ich muss dir etwas zeigen.“

Du ziehst mich raus, schnappst dir noch schnell den unbekannten Schlüsselbund und läufst mit mir durch die Gänge deines Wohnhauses, Stiegen rauf, wieder irgendwelche Stiegen hinunter, an Feuerschutztüren vorbei, immer weiter hinauf. „Ich muss dir etwas zeigen.“ Du wiederholst dich und obwohl wir wohl schon den ganzen Gebäudekomplex durchquert haben, scheinst du noch die volle Orientierung zu haben. Irgendwann bleibst du stehen, suchst am Schlüsselbund nach dem einen und steckst ihn in eine wildfremde Tür. „Was-, was machen wir da?“

„Ich zeig‘ dir was.“ Du führst mich quer durch diese Wohnung eines Unbekannten, bis hin zum Balkon. Und deutest nach oben. Eine Feuerleiter scheint der einzige Weg dorthin zu sein und du nimmst sie auch schon in Angriff. Oben angekommen, fällt es mir auf: weiter gehts nicht. „Und?“

Für einen kurzen Moment bin ich atemlos: so weit weg von allem, so hoch oben, einen solchen Ausblick habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Du stellst dich hinter mich, legst deine Arme um meine Hüfte und fragst noch einmal. „Und?“ – „W-… wow!“ Als du mich umdrehst, sehe ich einen Liegestuhl, der wetterbedingt schon eine Schneeschicht angesammelt hat. Aber scheinbar hast du schon vorgesorgt, putzt den Schnee herunter und breitest eine dicke, warme Decke aus. „Komm schon.“

Und als wir da so liegen, wir beide in unseren Armen, und den Ausblick und die Sonnenstrahlen genießen. Beginnen wir zu reden und hören nicht auf. Beginnen zu erzählen und hören stets zu. Beginnen zu rauchen und teilen uns die Zigarette. Irgendwann erklärst du auch, wie die zu all dem gekommen bist. Katzen füttern, Pflanzen gießen. Und dafür den Schlüssel. Es hat sich gelohnt, meine Liebe.

Es wird dunkel, die Kälte zieht an, und wir rücken näher aneinander. „Und weißt du, genau hier kommen mir die schönsten Gedanken. Die reinsten Gefühle. Die bunteste Fantasie.“ Und ich verstehe, was du meinst. Das ist ein wunderbarer Ort. Vielleicht haben das alle Dachterrassen so an sich, aber hier fühlt es sich so verdammt gut an. „Hier fühle ich das Leben, in vollen Zügen.“ Und ich nicke und schmiege mein Gesicht an deine Schulter. Es ist schön hier.

Und du bleibst stehen. [6]

Zebrastreifen . 03122010

Und du bleibst stehen. Mitten auf der Straße, die Fußgängerampel schwenkt gewohnt schnell wieder auf das bedrohliche Rot um. Du bleibst einfach stehen und blickst gebannt nach oben. Siehst dir die Lichter an, und die Gebäude, die Nacht und ihre Sterne. Bevor die ersten Autofahrer ihre Hupen betätigen können, nehme ich deine Hand, meine „Komm schon, komm runter hier.“ und ziehe dich auf das andere Ende. Der Verkehr nimmt wieder seinen gewohnten Lauf.

„Was war denn das?“, frage ich und blicke immer noch in dieses eine, dein verzaubertes Gesicht. „Was war denn gerade los mit dir?“

Und mit einem breiten Grinsen und dem Gefühl für das Gegenüber, als wolle man in einem Schwall alles von der Seele reden ohne auch nur einmal tief Luft zu holen, setzt du an und meinst ja doch nur: „Ach, nichts.“

Wir gehen weiter, die Großstadt fühlt sich nicht gut an heute. Hier sind zu viele Menschen und zu laut und zu hell ist es auch. Ich würde mich am Liebsten verkriechen und den Abend Abend und die Nacht Nacht sein lassen. Aber ich kann dich hier jetzt nicht einfach so zurücklassen. Nach diesem … Etwas, was da gerade mitten auf der Straße passiert ist. Ich lege meinen Arm um deine Hüfte, möchte dir Stütze sein, möchte dir helfen. Möchte dir nahe sein.

„Weißt du, als ich gerade über die Straßen gehen wollte, … und etwas um mich herum umherblickte und tief einatmete.“ – „Mhm.“ – „Da bemerkte ich zum ersten Mal seit Langem, dass ich glücklich bin. Das es mir gut geht. Das es so passt wie es ist.“ – „Hm. Ein schönes Gefühl, oder?“ – „Natürlich! Ein unglaubliches.“

Immer noch sehe ich das Glitzern in deinen Augen, als wärst du in einer anderen Welt. Aber vielleicht reflektieren sie auch nur die vielen Lichter um uns herum. Dein Hand fühlt sich warm an und langsamen Schrittes gehen wir weiter. Wo wir hingehen? Es ist egal. Aber irgendwann bleibe auch ich stehen, sehe nach oben, atme tief ein. Nichts. Ich bin enttäuscht. Du bemerkst das.

„Ach, du darfst dir nichts erwarten. Du darfst nicht darauf hoffen, dass es passiert. Aber wenn es denn endlich kommt, fühlt es sich so wunderbar an, ich sag’s dir!“

Wie wir sind. [5]

Wienschnee. 03122010

I

Wir dürfen es nicht zu schnell angehen.
Was?
Das da.
Hm?
Das da, zwischen uns beiden.
Ein Schritt nach dem anderen.
Genau. Ein Schritt-.
Nach dem anderen.
Da. So etwas meinte ich. Nicht zu schnell.
Was?!
Die Worte aus dem Mund nehmen und so.
Ach.
Genau.

II

Ich glaube, ich höre auf, nachzudenken.
Warum?
Komm‘ ja doch nur auf dumme Ideen.
Hm?
Ach nichts. Ginge sonst alles viel zu schnell.

Ich mein ja nur. Weißt du-.
Das wir noch so viel vor uns haben?
Nein, nur dass wir nur noch so wenig Zeit haben.
Hm?
Ach nichts.
Na los, sag schon!
Ich mein ja nur.

III

Du machst mir Angst.
Warum?
Wegen dem „wenig Zeit“ und so.
Mach dir keine Gedanken.
Aber…
Bitte.
Na gut.
Und?

Hm?
Nichts.
Ach, mach dir jetzt deswegen keinen Kopf. Es ist schon gut.
Das sagst du so einfach.
Hm.

IV

Wir sollten reden.
Hm?
Über uns.
Ist es jetzt soweit?
Was?
Nichts. Worüber reden wir?
Über uns.
Aja.
Und dass wir es doch schnell angehen sollten.
Findest du?
Mhm. Weil ich Angst habe, dass wir zu viel versäumen.
„Zu wenig Zeit“, oder wie?
Mhm.
Das musst du mir erklären. Bitte.
Setz dich.

V

Und?
Wir dürfen uns keine Zeit lassen.

Wir würden zu viel verschwenden. Zu viel unserer kostbaren Zeit.

Weil ich mich in dich gerade eben verliebt habe. In deine Augen, in deine Geschichten, in dein Gesicht, in dein Lachen.
Oh. …
Und wenn wir nicht beginnen, eine wundervolle Zeit zu beginnen.
Und nicht aufhören uns ein Schloss zu bauen, aus reiner Theorie.
Genau.
Werden wir nie erfahren.
Wie wir sind.

Irgendwo im Nirgendwo. [4]

Klo. 03122010

Da sitze ich. Mit heruntergelassener Hose rüttle ich noch einmal an der  Tür, nur um mich ein weiteres Mal zu versichern, dass sie eh verschlossen ist. Es ist still hier, kein fröhlicher Vor-sich-hin-Blähender vor einem Stehpissoir, kein Kollege auf der Nachbartoilette. Nur ich. Und der tropfende Wasserhahn, der sich gerade in diesem Moment wieder überraschend laut in meinen Ohren verliert.

Ich will hier heut‘ nicht mehr raus. Aber es sieht ja scheiße aus, wenn ich die ganze Nacht hier verbringe und warte bis alle gegangen sind und niemand mich stören kann. Und was denken wohl meine Freunde, die da draußen ihre Hüften schwingen oder gelangweilt an der Bar stehen und an irgendetwas Bierartigem nippen. Ich will hier nicht mehr raus.

Und dabei hätte alles so wunderbar angefangen. Ich war motiviert, die nicht zu schwach gemischten Getränke pushten mich weiter, ich war seit langem wieder einmal voll dabei. Und ob wir noch ausgehen wollen. Weil wenn ja, dann müssten wir jetzt dann fahren und so. Und dann stehen wir da, trinken Cocktails, stehen da, schreien uns gegenseitig an, damit wir in den wenigen Hundertstel Sekunden zwischen zwei Liedern wieder einmal versuchen können, ob wir uns verstehen.

Dann war da sie, diese eine hübsche junge Frau. Eine Schönheit, wirklich. Noch jetzt (ich sitze immer noch am Klo) erinnere ich mich gerne an sie zurück. Was bei ihr bemerkenswert war, war ihr Lachen. Und ihre Augen, die in der gedimmten und doch grell ausgeleuchteten Atmosphäre eine ganz besondere Strahlen. Sie hat mich angesehen, wir haben uns getroffen, an der Bar. Begannen zu reden, als wäre das alles hier nur ein Spiel und als würden wir uns schon ewig kennen. Und dann das.

Es klopft. Jemand rüttelt am Türgriff. Jemand ruft meinen Namen. „Ja?“ – „Was denn los? Bist schon fast eine halbe Stunde hier drinnen. Alles okay?“ – „Ja. Ja. Nein. Ich … ich komm‘ gleich raus, treffen wir uns vorm Klo, okay?“ Als ich meine wundervollen eineinhalb Quadratmeter verlasse, ist gerade wieder viel los hier. Langsam schlurfe ich zum Waschbecken, drehe den Hahn auf und tauche ein in das eiskalte Wasser, was sich in meinen verschlungenen Händen gesammelt hat. Tief durchatmen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verlasse ich die Männertoilette wieder. In der wohl beabsichtigten Beinahe-Dunkelheit blicken mich zwei wunderschöne Augen an. „Hier. Nimm‘ einen Schluck.“ Tief durchatmen. „Dankeschön.“ Wir beginnen wieder zu reden. Der Abend nimmt seinen Lauf. Und wir beide, wir beide bleiben hier stehen. Irgendwie im Nirgendwo.

Wir beide. [2]

„Lampenschatten“, 01122010

Als wäre das alles nie geschehen
Im Schatten der Lampe
Gemeinsam schweigen
Wir beide.

Als wärst du nicht mitgegangen
Etwas Zärtlichkeit
Deine Hand
Wir beide.

Als wären wir uns heute nicht begegnet
Der Hauch deines Atems
Haut an Haut
Wir beide.

Als hätten sich unsere Blicke nicht getroffen
Keine Worte
Ein Kuss
Wir beide.

Als würden wir uns ewig kennen
Als wäre es die gewohnte Nähe
Als wäre das alles hier normal
Völlig allein
Wir beide.

Warum ich es heute ablehne, dass NEON einen Artikel mit mir veröffentlicht.

In den vergangenen Wochen habe ich oft daran gedacht. Vor rund zwei Jahren, es war im Sommer, hat mich Annabel Dillig auf meinem NEON.de-Account angeschrieben. Sie hat einen Text von mir gelesen, einen persönlichen literarischen Text, zum Thema Liebe und Abhängigkeit und sie arbeite an einer Story. Ob sie mich interviewen könne, über Telefon und ob sie auch einen Fotografen vorbeischicken könnte. Ich sagte zu. Das hörte sich gut an und ich war froh, so etwas mit einem meiner Texte erreicht zu haben. Und verdammt, Leute: NEON ist ein unglaublicher Erfolg, ein sagenhaft funktionierendes Magazin.

(via  Baptiste Pons flickrCC)

Gerade habe ich deinen Text „Führe mich sanft“ gelesen, den du 2007 auf NEON.de veröffentlicht hat. Er hat mich sehr bewegt!

Ich schreibe dir, weil ich gerade an einer Geschichte für NEON arbeite, die dem Thema deines Textes entspricht.

Es soll darin um Beziehungen gehen, die manchmal zur Sucht werden. Und um die Frage, wie man aus einer solchen Situation herauskommt. Vor allem, weil du und deine Freundin es noch einmal miteinander versucht haben, finde ich das, was du schreibst spannend! Ich bin mir sicher, was du erlebt hast, fänden viele NEON-Leser, die in ähnlichen Situationen sind, sehr hilfreich. [NEON.de – 17062008]

Das Interview verlief gut, manchmal suchte ich zwar nach Worten, weil Interviews, bei der ich der befragte bin, mir stets schwer fallen (was mir zuletzt bei einem Kurzinterview mit dem ORF, welches nicht gesendet wurde, immer noch passierte.) Aber es lief gut. Ich konnte darüber reden, wie all das war. Sie hörte zu.  Und sendete mir den Text, der aus unserem Gespräch resultierte. Es war nicht das was ich erwartet habe, aber ich ließ es durchgehen. Heute weiß ich nicht mehr warum. Und ein oder zwei Wochen später kam auch Andrew Phelps, ein Fotograf aus Salzburg. Er machte gute Fotos, und die sendete er mir auch zu. Als CC, und da erfuhr ich auf den Titel der Story. „Hilfe, ich liebe ein Arschloch.“

Ich war traurig, dass es schließlich darum gehen sollte. Ich habe in dem Gespräch über Abhängigkeit und Liebe gesprochen, nicht darüber, dass meine damalige Freundin ein Arschloch war. Ich war wohl einfach zu jung und engte ein. Ich erwartete zuviel und fiel dafür auf die Schnauze. Das war es. Und ich kam schließlich auch schwer weg davon. Der Artikel, die Story wurde nie veröffentlicht und trotzdem dachte ich zuletzt wieder daran. Früher dachte ich: nein, der Artikel darf nicht veröffentlicht werden, denn wenn es auch nur eine kleine Möglichkeit gebe, dass wir zwei noch Freunde werden könnten, wäre es mit dieser Story zerstört. Heute denke ich anders. Denn schließlich stimmt die ganze Geschichte nicht. Ich sehe das heute anders und sehe das Problem an der Beziehung und dem Ende bei mir. Bei mir und den Umständen, in denen die Liebe entstand und wieder verloren ging.

Heute bekam ich eine Mail, von Frau Dillig. Und diese Mail machte mich unruhig. Die Story passte die letzten zweieinhalb Jahre nicht ins NEON, aber jetzt hätten sie Platz. Ob ich mit meinem Text noch so zufrieden bin, und ob sie noch einmal einen Fotografen vorbeischicken solle. Hier der Text.

»Von meiner ersten Liebe war ich komplett abhängig, alles in meinem Leben drehte sich nur um meine Freundin. Wenn sie krank war, bin ich durch die ganze Stadt gefahren, um ihr Medikamente zu bringen. Aber sie reagierte genervt – wie bei allem, was ich aus Liebe tat. Am Ende der Beziehung schien sie innerlich nur noch mit den Augen zu rollen. Alles hat sie auf die Palme gebracht, jede Überraschung, jede Aufmerksamkeit. Alles nutzte sie, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Dann kam immer der Vorwurf, dass ich mich nicht wehren würde. Irgendwann kam ich mir wie ein Hund vor, der getreten wird und nicht zurückbeißt. Als Paar waren wir auch nicht mehr erkenntlich. Wenn wir zusammen irgendwo hingegangen sind, zog sie ihre Hand aus meiner. Wie schlimm das war! Doch obwohl sie mich manchmal übel behandelt hat, wollte ich sie ein Jahr lang zurück. Erst eine Therapie hat mir gezeigt, dass man Liebe nicht erzwingen kann.« [Der Text, der so ins NEON kommen würde]

Keine Ahnung, wie ich diese Geschichte durchgehen lassen konnte. Ich war nicht von der ersten Liebe abhängig, ich wurde es wohl erst, als es vorbei war. Ich bin nicht aufgrund der Abhängigkeit quer durch die Stadt gefahren, sondern weil ich sie liebte. Sie reagierte nicht immer genervt. Und ja, das Ende der Beziehung war nicht so prächtig, wobei der Abschluss trotzdem schön war. Am Küchenboden, mit stundenlangen Gesprächen. Und das mit der Therapie: ich erzählte am Telefon, dass ich die Therapie wegen des Todes meines Neffen machte, und da eben auch darüber sprach. Und es mir half. Aber ich machte die Therapie nicht deswegen.

Wir hatten 2008 mal Kontakt, es ging um eine NEON-Geschichte zum Thema, wie es ist mit jemandem zusammenzusein, der einem nicht gut tut. [Mail – 01122010]

[Man beachte den Themenunterschied.] Und was, wenn ich ihr nicht gut tat? Wenn ich genug Scheiße gebaut habe, die es rechtfertig, so mit mir umzugehen? Heute weiß ich es und es tut mir leid. Jetzt habe ich in meinem NEON.de-Postfach nachgeschaut und schon damals, im Sommer 2008 so gedacht. Ich habe Annabel einen Vorschlag als Text geschrieben, bei dem sie aber sagte, dass sie zwar ihren Text angepasst habe, aber nicht zu viel umändern möchte.

Meine erste Beziehung, meine erste große Liebe, ging nach einigen schönen Monaten immer mehr den Bach hinunter. Es entstand eine gewisse Abhängigkeit, ich engte sie ein, wollte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen und bekam sofort die typische Reaktion darauf. Ich hätte alles versuchen können, um sie zu überraschen, gab mich immer mehr für diese Beziehung auf, aber für sie war dies alles zu übertrieben. Wenn wir gemeinsam unterwegs waren, verdrehte sie oft genervt die Augen, zog ihre Hand aus der meinen und mit der Zeit konnte man uns gar nicht mehr als Paar erkennen. Ein Jahr und eine Therapie später habe ich aufgehört, ihr die Schuld an Zerbrechen der Beziehung zu geben, und es nun endlich eingesehen: Liebe kann man einfach nicht erzwingen.

Das wäre so im Stile: Ich spreche über meine Beziehung und die Abhängigkeit. Da wollte ich noch herausheben, dass war anfangs wunderbare Monate hatten und dass ich nun endlich soweit bin, nicht mehr ihr die Schuld zu geben. [NEON.de – 26062010]

Und deswegen werde ich Annabel antworten. Dass es mir Leid tut, und ich sie bitte, meinen Text nicht zu veröffentlichen. Dass es das nicht ist. Dass es ganz einfach nicht der Wirklichkeit entspricht. Und dass ich nie, nie, niemals ein Arschloch geliebt habe. [Und ich vielleicht einfach nur dieses Gefühl, geliebt zu werden, so wunderschön fand, dass ich süchtig danach wurde.] Tut mir Leid, liebes NEON. Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.

Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie. [1]

„Schneefahrbahn“, 29112010

„Wir sind falsch abgebogen“, meinst du und ich schrecke hoch, aus der Idylle, in der wir beide uns gerade befanden. Der Weg ist mir nicht vertraut und ich dachte ja nur. Dachte mir, dass dieser Weg uns nach Hause führen könnte. Doch er bringt uns immer nur weiter weg, und wir stapfen hinterher, den Spuren im Schnee folgend.

Unsere ersten gemeinsamen Schritte hier, in diesem Winter. Wir kennen uns schon so langem, und die Jahre sind schon an uns vorbeigezogen, wir wurden älter und ein Winter kam und ein anderer Winter ging. Deine Hand wärmt die meine, dein Blick schweift immer wieder zu meinem Gesicht. Wir haben uns verirrt. Wandern orientierungslos ins weiße Nichts. Doch. Es ist uns egal. Hilflos tapsen wir voran, streichen Schnee von den überladenen Holzbänken, die vereinzelt auf der Bildfläche auftauchen. Formen Bälle, schießen uns ab, fallen uns in die Arme, und hinein in die kalte Masse.

Formen Engel und rollen uns entgegen. Wischen uns die eben gelandeten Schneeflocken von unseren Wangen, und behalten die Finger etwas länger als nötig auf der Haut des anderen. Sehen uns in die Augen und hören nicht auf. Die Kälte tut uns nichts und wir denken erst gar nicht daran, von hier zu verschwinden. Es ist ein schöner, ein sonniger, aber doch kalter Tag mit dir. Der Worte war ich in deiner Anwesenheit sowieso noch nie wirklich mächtig. Und selbst Schweigen stellt eine Herausforderung für mich dar. Ich möchte dir sagen, was du mir bedeutet, dir erklären, wie wichtig all das für mich ist. Möchte dich küssen und dir zeigen, dass es mir wirklich ernst ist, und das nicht nur eine Spur vorweihnachtlicher Verliebtheit ist. Aber ich kann es dir nicht sagen. Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.

Wir machen alles so wie immer und nichts verändert sich. Weil wir nicht dazu bereit sind und ich auch nicht. Wie viele Winter müssen wohl noch vorbeiziehen, bis ich es dir zu sagen bereit bin und du für die Antwort. Es ist kalt hier. „Wir sollten uns auf den Heimweg machen.“

Adventskalender. [24 Tage Literatur]

Nachdem ich mir vorhin gerade noch rasch einen total einfachen Schokoadventskalender gekauft habe (heutzutage muss man sich wirklich alles selbst besorgen) und nachdem mir der Einfall hier schon gestern oder vorgestern gekommen ist, stelle ich mein kommendes Projekt ganz einfach vor.

Die kommenden 24 Tage (also vom 1. Dezember bis zum 24. Dezember) wird jeden Tag ein literarischer Text erscheinen. Leider könnt ihr selbst nicht entscheiden, wann sich das Türchen öffnet, aber ich werde eindeutig jeden Tag etwas schreiben. <ironie>Etwas mehr Stress tut mir in meinem Leben gerade eh gut</ironie> Aber nachdem ich in diesem Blog ja auch vermehrt über mein Leben, Konferenzen und andere Dinge blogge (da kommt im Dezember übrigens auch noch so einiges), ist das sicher eine gute Idee, das Literarische wieder etwas hervorzuheben. Und außerdem soll auch jeder Text mit einem Bild von mir selbst perfektioniert werden.

Ob nun in Briefform (das kommt immer gut an), ein Dialog, eine Geschichte, ein neuer Teil meiner Fortsetzungsgeschichte bzw. ein frischer Teil für Volle Distanz. Näher zu dir: Seid schon mal gespannt. Das ist mein Geschenk für euch. Mein Geschenk. Für euch. Hehe. Und deswegen lest schön brav mit, kommentiert, was auch zu meinen Texten einfällt und habt einfach eine wunderschöne Weihnachtszeit, okay?

Nie wiedersehen.

(via  astromooseflickrCC)

Du erkennst mich nicht wieder. Wie du da so stolz, mit dem Blick voraus an mir vorbeigehst und ich … ich sitze hier auf dieser einen gittrigen Eisenbank auf dem schließlich doch etwas unterfüllten Bahnsteig. Du bist ganz einfach an mir vorbeigelaufen, lachend, mit dem Handy in deiner Hand, wahrscheinlich in ein Gespräch vertrieft.

Oder hoffentlich. Hoffentlich hast du mich nicht schon von Weitem gesehen und versucht, mir nun das perfekte Faketelefonat zu servieren. Das hättest du nicht nötig. Nein. Sowas würde ich dir ganz einfach nicht zutrauen. Du blickst umher, zehn, zwanzig Meter entfernt, blickst überall hin, nur nicht zu mir.

Ich schüttle meinen iPod und erwarte die kommenden Überraschungen. „17“. Kings of Leon. Wie passend. Wir waren zu jung, denkst du nicht? Wir sollten uns jetzt noch einmal kennenlernen. Wir würden uns wahrscheinlich gar nicht mehr mögen, aber vielleicht würde das irgendwobei helfen. Einzusehen, dass wir nicht mehr die Kinder von damals, sondern die unausstehlichen Menschen von heute sind.

Volle Lautstärke, der Bahnsteig füllt sich. Ich stehe auf, bewege mich sogar noch ein paar Meter von dir weg, hin zum Raucherbereich und zünde mir eine Zigarette an. Weggedreht von dir, hineinblickend in eine erdrückende Leere. Du hast mich einfach übersehen, wiederholt mein Kopf den einzigen Gedanken, den ich in diesem Moment fassen kann. Einfach übersehen.

Die Zigarette ist am Ende, der Zug fährt ein. Auf der Suche nach einem Sitzplatz treffen wir uns schließlich doch. „Hey! Wow.“ – „Hey.“ – „Und … wie … wie gehts dir?“ – „Da-danke gut.“ Hinter mir drängeln schon die anderen ungeduldigen Mitfahrenden und stoßen mir ihre Taschen und Koffer in die Kniekehlen. „Ich- … ich muss weiter. Man sieht sich!“

Nein, tut man nicht.

Said it’s a culmination of a story
and a goodbye session
It’s a tick of our time and the tick in her head
that made me feel so strange