… [Ein Dialog]

I

Manchmal möchte man auch einfach nur still daliegen.
Hm?
Still daliegen. Und einfach mal nichts sagen.
Stimmt.
Aber vor genau so etwas haben so viele Menschen Angst.
Mhm.
Sie haben Angst vor der Stille.
Die Stille, so verrückt es klingt, macht einen ganz unruhig.
Und wibbelig.
Mhm. 
Aber manchmal tut es gut.

II

Woran mag das liegen?
Was?
Dass so viele Menschen nicht einfach mal schweigen können.
Weil … hm. Weil man Angst hat, dass irgendetwas Unausgesprochenes zwischen sich selbst und dem Anderen steht.
Mhm.
Wahrscheinlich ist das auch oft so.
Stimmt.

III

Ich kann das nur mit ganz wenigen Menschen.
Mhm. Ich auch.
Dabei gibt es ja kaum etwas Schöneres.
Wenn man in einer Frühlingswiese liegt, die Wolken betrachtet und einfach mal still ist.
Kommt es dir auch oft so vor, als liegt in diesen Momenten vollkommener Stille mehr Verständnis, mehr Kommunikation, als in all den Gesprächen. 
Mhm.
Eigentlich genial, so etwas.
Du?
Hm?
Wohin gehen wir eigentlich?
Ach, lass‘ dich doch überraschen.
Es ist schon dunkel.
Mhm.
Ich kenne den Weg hier nicht.
Frage einfach nicht. 

IV

Warte einen Moment.
Wieso?
Ich möchte eine rauchen.
Ach komm.
Hm.
Du hast später noch genug Zeit dafür.
Wie lange gehen wir denn noch?
Gleich. 
Hm?
Wir sind gleich da.

V

Komm. Setz‘ dich hin.
Wo sind wir hier?
Das ist doch egal. Setz‘ dich. 
Und was machen wir hier?
Still sein.

So. Jetzt kannst du eine rauchen.
 



 

Vor dem Ertrinken.

260309nw

Eiskaltes Wasser. 
Langsam füllen sich die Nasenflügel. Die Augen, fest zugepresst. Die Stirn beinahe in Windeseile erfroren. Nur noch Sekunden. Und. 

Er taucht wieder auf. Das Waschbecken ist bis zum Rand gefüllt, nur der kleine Abfluss am oberen Ende hindert es daran, den ganzen Raum unter Wasser zu setzen. Und immer noch läuft der Wasserhahn und pumpt mehr und mehr Wasser hinzu. Die Sinne scheinen versagen zu wollen, und der Kopf nickt. Sollen sie doch. Einfach fallen lassen. In dieses dunkle Loch aus eiskaltem Wasser. Es tötet ab und zerstört. Zerstört mit einem Mal so vieles.

Und. Die Luft ist angehalten. Er taucht wieder ein, in dieses kleine Becken. Die Eiseskälte läuft von seinem Hinterkopf hinab. Die Augen schmerzen. Doch er muss immer stärker versuchen, ruhig zu bleiben. Es sind Schmerzen. Und.

Ein letztes Mal taucht er auf. Mit nassen Haaren erinnert er sich an die letzten Tage zurück. So vieles hat er erledigt, hat Dinge geschafft, die er sich schon seit Tagen, seit Wochen, seit Monaten. Ja, sogar seit einem Jahr vorgenommen hat. Er scheint alles zustande zu bringen und trotzdem braucht er gerade dieses Gefühl. Diesen Schmerz. Steine sind von seinem Herzen gefallen, sein Kopf wird immer leerer. Immer leerer und seine Angst immer größer. 

Diese eisige Wärme legt sich um seinen Kopf. Und er setzt zum alles entscheidenden Punkt an. 

Er brüllt all‘ seine Wut, seine Angst, seine Ungewissheit hinein in dieses stille Wasser. Niemand hört ihn dabei. Und doch. Seine weit aufgerissenen Augen zeigen ihm. Er hat sich gerade selbst vor dem Ertrinken gerettet.

Foto: Ein Ausschnitt dieses Bildes von Martin Kingsley

Du liebst mich. Ich liebe dich nicht.

Hey.

Ich weiß es. Und ich wusste es schon vor Monaten. Und warum habe ich nichts gesagt, warum habe ich nicht die Initiative ergriffen, um es zu sagen, um es zur Sprache zu bringen? War es meine eigene Feigheit über gerade dieses Thema zu sprechen, welches mich selbst schon viel zu viele Male selbst betroffen hat? Oder ist es einfach die Angst davor, jemand anderen gehörig zu enttäuschen? Man enttäuscht sehr ungerne, aber manchmal geht es einfach nicht anders. Manchmal ist es einfach so und man kann nichts daran ändern. Warum jetzt das Ganze? Ich weiß es nicht.

Es tut mir Leid, dass Liebe weh tun kann. Oder das Verliebtsein. Liebe ist ein zu mächtiges (und auch ein so schönes Wort), als dass man davon überhaupt zu reden beginnen sollte. Aber das tut es. Es tut weh und manchmal glaubt man wirklich, dass einem das Herz zerspringt. In Tausend Teile und ohne Anleitung zum Wieder-Zusammenbauen. Ich wollte nie ein Grund dafür sein, dass jemand das schmerzhafte Verliebtsein erlebt. Aber wie schon gesagt: Manchmal geht es einfach nicht anders.

Ich kann hier jetzt keine Lösung nennen, oder ein Kummerheilrezept. Könnte ich das, wäre ich wohl auch noch zu anderen Wundern im Stande. Aber man muss, so Leid es mir tut, da einfach durch. Durch all die Schmerzen, die gedanklichen Dauerregenfälle, durch tränendurchweichte Gedanken. Das gehört genauso dazu. Leider. Liebe sollte eigentlich schön sein, ich weiß. Ich habe es selbst sogar schon ein Mal erlebt. Jeder sollte das Anrecht auf das Erleben dieser wundervollen Liebe haben.

Aber ich kann dir nicht geben, was du von mir verlangst. Du weißt doch: Zur gegenseitige Liebe braucht man immer zwei. Aber das fehlt bei mir. Kein Knistern, kein Wusch, kein Leuchten in meinen Augen, keine Schmetterlinge. Nichts. So ist es eben. Ich selbst kann daran nichts ändern und eine alte Weisheit aus all meinen misslungenen Verliebtheitserfahrungen lautet: Man kann/darf/soll nichts erzwingen. Vor allem kann man es nicht. Hätte es irgendwann einmal Klick gemacht, oder Wusch oder wie auch immer, du hättest davon erfahren. Aber es fand nicht statt.

Ich selbst habe schon einmal am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man in jemanden verliebt ist, aber dieser jemand nicht bereit ist, sich voll und ganz der Beziehung hinzugeben. Keine 100 Prozent.Manchmal hat man einfach nicht die Kraft, den Willen oder die Möglichkeit dazu. Wobei es wahrscheinlich vermessen ist, so etwas überhaupt zu verlangen.  Aber man sollte nie eine Beziehung starten, wo man schon zu Beginn das nahe Ende vorhersehen kann. Deshalb kann man eigentlich einfach nur froh sein, dass nichts passiert ist. Die Verletzung danach wäre viel tiefgehender, viel herzausschürfender, viel beschissener. Das wünsche ich niemanden, und ich möchte auch nicht der Grund für so etwas sein.

Wahrscheinlich kann ich mir nur schwer vorstellen, wie es dir jetzt geht. Es tut mir Leid. Für jedes mögliche Anzeichen, das du vielleicht falsch interpretiert hast. Für all deine Erwartungen, die nun unerfüllt bleiben. Für dich. Das hast du nicht verdient und das hat niemand verdient. Es tut mir Leid, dass ich Grund für all die Enttäuschung bin. 

Wie kommen wir über all das hinweg? Gibt es dafür einen Ausweg? Einen Notausgang, der uns noch einmal bei 0 beginnen lässt, als wäre nichts geschehen. Nein, den gibt es nicht. Man kann maximal versuchen, aus all dem noch das Beste rauszuholen. Behalten wir doch unsere – in den letzten Monaten – entstandene Freundschaft bei. Ich genoss es, mit dir bei Kaffee oder Jugendgetränk über die verschiedensten Themen zu sprechen oder im Weltcafé einen ruckelnden Film anzusehen. Tun wir doch einfach so, als wäre nichts geschehen. Zwar kann man Gefühle nicht von einen Moment auf den anderen abschalten. Dazu fehlt eindeutig der Stopp-Taste. Sie werden noch bleiben, soweit ich weiß. Noch einige Zeit. Außer man versucht, sie mit aller Gewalt zu unterdrücken (was aber höchstwahrscheinlich nicht den erhofften Effekt hervorrufen würde). Aber lass‘ es uns doch einfach gemeinsam versuchen, über diese Zeit hinwegzukommen. Vielleicht bist du ja an der Weiterführung der Freundschaft interessiert, und vielleicht verschwinden die Gefühle in absehbarer Zeit auch wieder. 

Was ich aber jetzt brauche, ist vielleicht mal eine Pause. Zu vieles läuft gerade in meinem Leben ab. Ein arbeitsintensives Studium, viele Veranstaltungen, immer auf Achse. Und wie gewöhnlich brauche ich jetzt gerade sehr viel Zeit für mich allein. Gib mir die Zeit, die ich brauche. Und dann verspreche ich dir, dass ich alles daran setzen werde, unsere Freundschaft zu erhalten. 

Ich hoffe, du liest diesen. Brief? Ich hoffe, du verstehst ihn. Ich würde am Liebsten keine weiteren Worte mehr darüber verlieren, bin am Ende angelangt, hab‘ geschrieben, was geschrieben werden musste und fühle mich jetzt nur etwas müde und ausgelaugt. Und um nicht mit den berühmten (und wahrscheinlich schon geflügelten Worten) Das wars. zu enden, überlege ich mir noch schnell, die richtigen Worte zum Schluss.

[…]

Ich wünsche dir, dass du die Person findest, mit der du glücklich wirst. Ehrlich.
Nur ich.

Ich bin es nicht.

Auf der Suche. [Ein Gedanke]

Für den heutigen Eintrag hätte ich mir die wahrscheinlich größte Eingebung meines ganzen Lebens gewünscht. Der Einträge hätte keinen Titel bekommen und hätte auch sonst nur ein einziges Wort enthalten. Das Wort. Gerade von der durchschnittlichen Länge eines deutschsprachigen Wortes und doch so vieles mehr.

Es hätte das eine Wort sein sollen. Das berührt. Egal wie. Ob man jetzt nun zu weinen beginnt, oder lauthals auflacht. Ob man schockiert auf den Bildschirm blickt oder plötzlich die ganze Welt umarmen möchte. Genau dieses Wort wäre dann der gesamte Inhalt dieses 1.686sten Eintrages hier in der Neon|Wilderness.

Nur das Traurige wäre dann: Hätte ich dieses eine Wort gefunden, dieses Wort, welches unaufhaltsam jeden Menschen berührt, der es liest oder hört, weil jeder Mensch etwas anderes damit verbindet. Dann hätte ich wohl nichts mehr zu sagen und somit wäre das wohl das Ende meines Blogs. Und selbst ich wäre danach ausgelaugt. 

Deshalb bin ich froh. Dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Dass man manchmal noch Zeit bekommt. Zum Nachdenken.

Dunkel ist es. [Ein Dialog]

I

Du riechst gut.
Beginnst du eigentlich immer auf diese Art und Weise eine Konversation? Wir kennen uns ja kaum.
Hm. Ist mir nur aufgefallen.
Schön.
Mhm. Schön.
Nach was rieche ich denn?
Weiß nicht. Irgendwie natürlich.
Ich schwitze? Willst du mir das sagen?
Nein. Nein. Ach, nein. Natürlich nicht. Du riechst…-
Natürlich. Ich weiß. Und sonst?
Sonst?
Mhm. Sonst?
Nichts. Du riechst nur außergewöhnlich gut.
Schön. 

II

Wieso so griesgrämig?
Ich? Griesgrämig. Ist das nicht alles nur eine subjektive Meinung von dir?
Ach? Und du fühlst dich also wohl, oder wie?
Mhm.
Und nicht vielleicht irgendwie…-
Griesgrämig?
Mhm.
Hm. Nei..- Naja. Vielleicht.
Und wieso?
Wieso was?
Wieso so griesgrämig?
Ach. Du würdest dich ja doch nicht auskennen.
Schön.
Was?
Das Lächeln eben, als ich statt Schade nur Schön vorweisen konnte. 
Hab ich etwa gelächelt?
Mhm.
Tut mir Leid.
Da! Schon wieder! Hast du es wenigstens jetzt mitbekommen?
Hm.

III

Ach, es ist schon dunkel.
Wie?
Dunkel ist es.
Mhm.
Hm. 

IV

Ist dir kalt?
Warum?
Du zitterst.
Wirklich? Das habe ich bei all dem Zähneklappern beinahe übersehen.
Schon wieder. Komm.
Wohin?
Nirgendwo hin. Komm. Nimm meine Jacke.
Und du?
Wie?
Erfrierst du denn nicht?
Ach wo. Kalt ist es zwar schon, aber…-
Aber?
Aber ich hasse es, wenn Menschen in meiner Umgebung frieren. Komm!
Wohin?
…-
Ha. Jetzt hast du gelächelt. Für mich. Na, gib‘ sie schon her!
Was?
Die Jacke. Die Jacke möchte ich bitte.

V

Ich friere noch immer.
Wir kennen uns kaum.
Ich weiß. Aber …-
Aber was?
Aber hindert es uns an irgendetwas?
Woran sollte es uns hindern?
Ich weiß nicht.
Na, komm schon her.
Aber eigentlich sollte ich ja dich unter meiner … äh, deiner Jacke aufwärmen. 
Egal. Komm her. Wenn wir ganz nah nebeneinander gehen, dann wärmen wir uns gegenseitig.
Stimmt.
Stimmt.
Weißt du eigentlich…-
Mhm. 
Deine Hand ist warm.
Und du riechst gut.
Als würden wir uns schon ewig kennen.
Und uns nicht verlieren. In Träumen.
Von uns?
Mhm. Von uns beiden. 
Schade.
Wie?
Es wär‘ schade drum.  Würden wir uns schon ewig kennen.
So ohne Träume, wie?
Mhm. Das…- Das wär schrecklich. 
Drum..- Drum lass uns uns nie kennenlernen. 

Winter-Frühling-Sommer

Die Kippe brennt langsam dahin, während er sie behutsam in seiner durch dünne, schwarze Handschuhe umhüllte Hand zu halten versucht. Er lacht. Gefühlsmasochist. Dieses Wort kam ihm gerade eben in den Sinn und er überlegt, wie er diesen neuen Terminus am Besten beschreiben könnte.  Jemand; jemand, welcher es für sich beansprucht, auf Gefühlsebene verletzt zu werden. Aus purem Genuss. Es ist noch tiefster Winter.

An den meisten Stellen der Stadt, auf den meisten Dächern die Vororte. Es liegt überall noch Schnee. Manchmal dreckig von all dem Autodreck, manchmal sieht man auch den Versuch, mit gelber Farbe den vollständigen Namen in den Schnee zu schreiben. Und ist auch nur mehr minder überrascht, plötzlich einen Frauennamen im weißesten Weiß zu finden. Es ist noch Winter, doch die Temperaturen lassen zum ersten Mal seit langem zu, mit der Zigarette in einer, mit einem Handschuh eingepackten, Hand auch mal für etwas längere Zeit draußen zu sitzen und zu reden.

Diese vier Grad, um welche das Thermometer neuerdings die magische Null überschreitet, geben Anlass zur Hoffnung. „Ich freue mich auf den Sommer. Auf den See und das Grün. Auf das Grillen und die langen Nächte mit Bier, Wein, Zigaretten und dem Sonnenuntergang“, meint der Freund, der sich hier neben ihm hingesetzt hatte. „Und ich auf den Frühling. Wenn nach dem Verlust der Schneemassen langsam und da noch im wunderschönsten Grün die Natur wieder das Leben anfängt. Wenn alles noch frisch ist und gerade erst 15 Grad warme Sonne deine Nase kitzelt.“, antwortet er, welcher die Kippe, um den Handschuh nicht anzukokeln, in den Aschenbecher fallen lässt. Die Beiden lächeln sich an, erheben sich von ihrer aufgetauten Sitzbank und gehen wieder hinein, in die Stube, die mit etwas mehr als der durchschnittlichen Innentemperatur prahlen kann.

Doch zurzeit ist es beinahe noch Winter.

Im Müllsack. [Ein Abschiedsbrief]

Und dann.

Ich muss zugeben, ich musste erst unter all dem Müll suchen, bis ich den dafür vorgesehenen Sack fand. Schon vor Wochen hatte ich ihn mir bereitgelegt, um endlich ein bisschen auszumisten. Oder besser gesagt: Um den Boden wieder begehbar zu machen. Aber die Motivationskrise, wahrscheinlich resultierend aus dem stupid-einfärbigen Anblick des verschneiten Winters und dem Zustand der Weltwirtschaft an sich, ließ ihn beinahe schon mit dem eigenen Verfallsprozess beginnen. Aber heute habe ich ihn gefunden, herausgekramt und fühle mich nun dazu im Stande, mit diesem Chaos Schluss zu machen. Vor allem, um auch den immer stärker werdenden Geruch zu bekämpfen.

Ich will jetzt nicht wie dieser Typ klingen, der mit 30 Jahren, in Jogging-Hose, Brille und zerwuschelten Kurzhaar zuhause wohnt, [wobei Brille und zerwuscheltes Haar eindeutig hinkommen würden], aber meine Mutti sagt immer, das Aufräumen hier in meinem Zimmer ist der erste Schritt, um den Chaos in meinem Leben entgültig zu bekämpfen. Meine Mutti glaubt nämlich, mein Leben sei chaotisch. Nur weil ich eben nicht dieser Typ bin, der mit dem Terminkalender in der Hosentasche durch das Leben rennt, auf der Suche nach Terminen, die meinen Alltag beeinflussen. Und ich bin eben auch nicht der Typ, der ’ne Stunde vorher losfährt, um ja überpünktlichst eben einen solchen Termin einzuhalten. Bei mir muss man immer die geplante Ankunftszeit plus der durchschnittlichen Fahrzeit einplanen. Und dass ich nicht der Typ bin, der sich schnell entscheidet und sich an Stimmungsschwankungen manchmal fast zu sehr verschluckt, haben wohl auch schon so einige erkannt. Aber ich würde nicht sagen, dass mein Leben chaotisch ist. Und dass mein Zimmer, diese (geräumigen, aber unglaublich schlecht genutzten) dreißig Quadratmeter, irgendetwas mit meinem innersten Ich zu tun haben, habe ich meiner Mutter sowieso schon mal nicht abgenommen.

Nach einigem Stöbern finde ich ihn wieder. Diesen einen Pullover, im Übrigen mein Lieblingspullover. Stimmt. Ich hatte ihn nach diesem einen Mal in diesem verrauchten Lokal spät nachts einfach ausgezogen und habe ihn auf den Boden geworfen. Der Rest hier im Zimmer war wohl schon zu voll mit all der Schmutzwäsche. Und so krame ich ihn heraus und erfreue mich auf absolut kindliche Weise über diese wohlwollende Entdeckung zu Beginn meiner Expedition. Und während ich all die Wäsche schnell in meine ausgebreiteten Arme stopfe, und sie hinübertrage in die Waschküche (zwischen ihr und mir liegen tatsächlich nur wenige Meter und zwei Türen), erkenne ich zum ersten Mal seit Langem diesen einen tollen Teppich wieder. Er, mit seinem rot-schwarz-gekringelten Etwas, welches ihn auf irgendeine Art und Weise wundervoll psychedelisch wirken lässt. Und mit einer umgreifenden Armbewegung schiebe ich all den Mist auf diesem Boden (neben Zeitschriften, und verschiedenen Discs auch mal das ein oder andere Teller und Besteck) immer weiter vom Teppich weg. Das würde es also sein. Meine ersten Quadratmeter dieser neuen Welt. Und wie auch schon bei der Entdeckung des Pullovers, fühlte ich mich jetzt wie Kolumbus 1492, als er Indien zu entdecken glaubte. 

Um mein Land zu verteidigen, lasse ich mich auf meinem Teppich nieder, den Müllsack nur knapp neben mir platziert. Und beginne, all den Kram am verschobenen Boden zu Sortieren. Neben dem einen Stoß namens „Vielleicht noch nützlich“ befindet sich auch noch ein „Du Vollidiot. Das sind Akten!“-Stoß. Und eben der Müllsack. Der das entgültige Ende bedeuten solle. Und so greife ich jeden einzelnen Zettel auf, beginne manchmal zu lesen, blättere in Zeitschriften und bohre auch mal aus purer Laszivität in meiner Nase. Die Zeit hier auf meiner rot-schwarz-gekringelten Insel scheint stillzustehen. Und von Fortschritt kann man deshalb auch nichts sehen. Denn irgendwann verliert der Sack immer mehr seine Daseinsberechtigung und man sieht in jedem Müll-Utensil irgendeine Bedeutung für die nähere Zukunft. Und schließlich packe ich all das zusammen und schiebe es in ein freies Fach in diesem einen riesigen Raumteiler vom schwedischen Möbelhaus. 

Mein Raumteiler ist ja eine Besonderheit. Denn leider kann er seine Profession nicht direkt ausleben, da er aufgrund komplett falscher Architektur meines im Gedanken aufgebauten Zimmers nicht wirklich Platz hat, um den Raum zu teilen. Und so nimmt er einen beträchtlichen Teil der länglichen Teilseite ein. Und je nach Motivation sieht man die Wichtigkeit der Dinge. Auf nichts in den ersten drei Reihen würde ich verzichten wollen. Und die Reihen vier bis fünf sind meine Fächer für den Müll. Wenn eben der erste Enthusiasmus nachgelassen hat. Durch das Ausnützen aller bisher ungenützten Stauräume in meinem Zimmer wird der Boden immer leerer. Das Parkett wirkt matt, und die durch Fingerabdrücke verschmutzten Fenster lassen natürlich nicht das richtige Licht herein. Irgendwann beginne ich, mit einem Mop zu wischen, und anschließend den restlichen Staub zu saugen. 

Das wars. Eigentlich. Doch es ist immer so. Nachdem ich die für andere völlig unverständliche Unordnung am Boden meines Zimmers in Ordnung gebracht habe, nehme ich mir stets meine Bücher, CDs, Filme und Spiele vor, um sie in ihrer Ordnung (natürlich auch für alle vollkommen unverständlich) neu zu ordnen. Dafür nehme ich mir meistens die längste Zeit. Um den Soundtrack meiner letzten Jahre zu betrachten. Die Bücher, die mich verfolgten, oder zum Teil auch immer noch begleiten (auf so manche Zugreise oder auf die Toilette). Und daneben auch noch Bilder. Von meinem Neffen. Meiner besten Freundin. Für diese Arbeit brauche ich keinen Müllsack. Das sind Bestandteile meiner letzten 20 Jahre. Dinge, die wohl auch noch länger hier so bleiben sollen. Und hinter diesem einen Buch sehe ich auch diese Schneekugel. 

Ich nehme sie in die Hand. Und was mich beunruhigt: Ich werde immer noch ganz still, wenn ich sie in der Hand halte und schüttle. Die Flocken steigen auf und gleiten anschließend langsam wieder zu Boden. Und dahinter sind wir zu sehen. Sie, mit ihren wundervollen Augen und ich mit meinen langen , blonden Haaren. Seit eineinhalb Jahren steht sie schon hier in diesem Zimmer. Ich habe sie am Tag unserer Trennung bekommen, und verspüre selbst jetzt noch ein mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke. Wo ist der Müllsack? Oder meine Box der Erinnerungen? Soll ich sie wegwerfen, oder in eine Schachtel verschwinden lassen. Und nachdem der Schnee wieder nach unten gesunken ist, stelle ich sie wieder auf ihren Platz zurück. Und schlucke erst Mal.

Das hier soll ein Abschied sein. Aber kann man sich von Erinnerungen verabschieden? Kann man Geschenke einer liebgewonnenen Person überhaupt wegwerfen? Es soll ein Abschied sein. Und ich bin nicht bereit, es endgültig zu tun. Ich möchte mich nicht von meinem Chaos verabschieden, der eine Charaktereigenschaft von mir geworden ist. Und ich weiß auch, dass in wenigen Tagen oder Wochen mein Zimmer wieder den beinahen Mülltod sterben würde. Außer Gefühle war bei mir noch nie etwas von Dauer. Sollte ich es beklagen? Was ich für diese Person empfinde, die mit mir in dieser Schneekugel die Flocken fängt? Ich empfinde wundervolle Erinnerungen. Diese Schneekugel ist ein Teil aus der Vergangenheit, welches mich hier und auch in Zukunft begleiten soll. Als Erinnerung. 

Das hier … ist ein Abschiedsbrief.

Finished: 23:10 Uhr, 31. Jänner 2009

Das wars. [Ein Liebesbrief]

Hallo, du.

Ich würde ja jetzt gerne behaupten, dass sich dieser Brief hier in wenigen Sekunden von selbst auflösen wird. Oder dass er in Flammen aufgeht, und nur die Asche zurückbleibt. Doch das ist es nicht. Dieser Brief ist für die Ewigkeit, beziehungsweise so lange, wie du ihn aufbehalten willst. Vielleicht haben dir diese wenigen Zeilen schon gereicht, um an der ersten Ecke zu Knüllen zu beginnen. Aber warte. Das hier ist ein Liebesbrief.


(via seanmcgrath | Flickr)

Aber glaube es mir, ich werde dir nicht die Frage stellen, ob du mit mir gehen willst. Und du bekommst auch keine drei Antwortmöglichkeiten. Du brauchst dich nicht zu entscheiden. Lies den Brief einfach weiter, und du wirst einsehen, warum es zumindest einen Versuch wert ist. Am Besten, du setzt dich mit diesem Text in irgendeinen menschenleeren Raum und liest ihn dir selbst vor. Das wirkt besser, vor allem wenn nur der Schein einer Kerze Licht auf dieses Blatt fallen lässt. Aber lassen wir das. Ich wollte dir ja etwas sagen.

Weißt du, manchmal frage ich mich, was mit meinen Gefühlen los ist. Ich weiß noch ganz genau, wie es war, als wir uns das erste Mal sahen. Kennst du das Gefühl, wenn man glaubt, dass beim ersten Blickkontakt auch schon ein kleiner Funke übergesprungen ist? Genau das war es nicht. Ich fand dich hübsch und dein Lächeln mutete mir so ehrlich an, dass ich darauf vertrauen könnte. Aber unsere Wege trennten sich damals. Bevor wir uns überhaupt erst begegnen konnten. Dieser eine Abend dauerte noch lange und ich lernte wieder unzählige neue Menschen kennen, welche mich auch schon auf Facebook oder studiVZ geaddet haben. Internetbekanntschaften, die man zuallererst im Real-Life kennenlernt. Vielleicht kennst du das. Aber dich habe ich schnell vergessen. Vielleicht war es der Alkohol, oder die Rauchschwade, die in diesem einen Lokal immer verdächtiger nach unten sank. Oder diese frühe Morgenstunde, in der ich mich befand.

Als ich an diesem Morgen beinahe schon zu Mittag aufwachte, brummte mein Kopf. Und sofort – bitte frage mich nicht wieso – dachte ich an dich. Man könnte sagen, von Anfang an begann ich, dich mit dem Schmerz in meinem Kopf zu assoziieren. Ich hörte dein Lachen in meinen Ohren, obwohl letzte Nacht wohl ein Dutzend Menschen zwischen uns tuschelten. Es musste deines gewesen sein. Und das ist der Punkt. Von hier an begleitest du mich. Und nein, ich tagträumte nicht jeden Tag von dir, wobei mir die Kopfschmerzen womöglich Anlass dazu gegeben hätten. Aber es gab einfach diese Momente, an denen ich an dich dachte. Nur kurz huschtest du durch meine Gedanken, und mit der Zeit verschwamm auch die Erinnerung an dein Gesicht. Und an dein Lächeln.

Irgendwann sind wir uns dann schließlich begegnet. Du hast mich angesprochen, wir haben uns gemeinsam diese Zigarette geteilt. Und das war auch dieser eine Abend, an dem du das erste Mal für mich lachtest. Aber du kennst die Geschichte, ich weiß. Und da ich schon oft genug Menschen kennengelernt habe, die beim Flirt mit der nächstbesten Person die Tragödie der vergangenen Liebe zu erzählen pflegen, überspringe ich das. Ich bin wohl nicht der Einzige, welcher von diesem Palaver entgültig genug hat. Der Vorteil einer vergangenen Liebe ist, dass sie vergangen ist. Vielleicht ist sie noch ein fixer Bestandteil im Kopf oder vielleicht sogar im Herzen, aber es muss doch nicht die ganze Welt etwas davon erfahren.

Worüber ich eigentlich mit dir sprechen wollte, ist die Tatsache, dass ich mich in dich verliebt habe. Es passierte nicht Hals über Kopf, es war eher eine Herzsache. Und möglicherweise auch Schicksal, auf welches ich normalerweise nur selten vertraue. Wir haben uns kennengelernt. Und ich dich lieben.

Wie soll ich jetzt nun anfangen. Hm. Glaubst du eigentlich an die große Liebe? Die „endgültige“ Liebe? Wo man sich trifft, sich verliebt und dann miteinander stirbt. Dazwischen eine Zeitspanne von, sagen wir, mindestens vierzig Jahren. Soll es das gewesen sein? Manchmal träume auch ich davon, aber es ist eben doch schon viel mehr Utopie, als ich mir einzugestehen getraue. Vielleicht wirst du einmal eine große Liebe. Vielleicht bleiben wir auf längere Zeit ein Paar. Man kann ja nie wissen. Aber ich möchte dich nicht zu sehr einengen. Ich will dich nicht nur für mich beanspruchen, wie es Freunde von mir mit ihren Partnerinnen und Partnern machen. Ich möchte dich leben lassen, so wie du bist. Nur möchte ich auch ein Teil von deinem Leben werden.

[Wir müssen nicht hüpfend durch ein Blumenfeld hüpfen oder gemeinsam aus einem Eisbecher löffeln.] Ich möchte dich manchmal einfach nur umarmen. Mal für ein paar Sekunden. Und ich möchte meinen Kopf in deinen Schoß legen können, wenn wir uns den Sternenhimmel ansehen und ich dir zum unzähligsten Mal den Großen Wagen zeige. Ich möchte dir meine Probleme erzählen können und würde mir wünschen, dass du mir zuhörst. Ich möchte gerne mit dir einschlafen, meine Hand um deinen Bauch gelegt. Ich möchte mit dir zum Ufer unseres Sees gehen, und einen ganzen Tag nur unsere Beine im Wasser baumeln lassen. Ich möchte Geschichten über dich schreiben und dir Gedichte widmen. Ich möchte mit dir streiten, wenn wir uns endlich mal irgendwo uneinig sind. Ich möchte weinen, wenn dir danach zumute ist. Ich möchte dich festhalten, wenn du zu fallen gedenkst. Ich möchte dich meine Freundin nennen. Und ich würde wohl auch etwas mit dir prahlen.

Du sollst dein eigenes Leben führen, und ich würde auch nicht für dich leben. Aber wir könnten unsere gemeinsame Zeit einzigartig werden lassen. Und hab keine Angst. Ich würde auch nicht sagen, dass ich dich für immer lieben werde. Die Ewigkeit ist ein viel zu langer Zeitraum, als dass ich mich jetzt schon festlegen würde. Lassen wir uns doch überraschen.

Aber jetzt kannst du wahrscheinlich irgendwie erkennen, was du von mir erwarten würdest. Es wäre doch zumindest einen Versuch wert, findest du nicht? Wir müssen nicht erfolgreich sein, es kann auch gerne ein Bruchlandung werden, für uns beide. Aber erst wenn wir hart auf dem Boden gelandet sind, können wir behaupten, dass wir es versucht haben. Man kann nicht immer erfolgreich sein, das weiß ich. Wir müssten es nur versuchen, um es der Welt zu zeigen. Dass die Liebe meist nicht ewig weilt, aber man sich auch nur eine kurze Zeitspanne zu einer der Schönsten des ganzen Lebens werden lassen kann. Komm! Lass es uns versuchen.

Und das war er nun. Nicht mein erster Liebesbrief, aber vielleicht mein ehrlichster. Vielleicht hast du verstanden, was ich dir sagen wollte. Und sollte ich dir auch nur einen kleinen Hauch deines Lächelns auf deine Lippen gezaubert haben, dann hat dieser Brief schon seinen Auftrag erledigt. Jetzt kannst du ganz einfach zu Knüllen beginnen (bzw. es fortsetzen). Das war es von meiner Seite. Jetzt bist du dran.

[Und ja. Ich bin unfähig, abschließende Worte zu finden. Ein „Bye“ ist zu englisch, ein „Hab dich lieb“ zu teenisch, ein „In Liebe“ zu dramatisch und ein „Liebe Grüße“ zu unpersönlich. Vielleicht belasse ich es dabei und sage einfach und abschließend …]

Das wars.

Finished: 3:39 Uhr, 29. Jänner 2009
Eine Inspiration: hoch21 mit
Das hier ist ein Liebesbrief. Ich will es lieber gleich schreiben, falls Du es nicht bereits ahnst.

Auch auf: NEON.de, jetzt.de und Ci-Jou


Download MP3 [10,9 MB]

[11:54 min] [Aufnahmedatum: 26. Februar 2009]

Song: So Finally A Love Song (Demo) von Paul Goodwin

Frische Luft.

290109nw

Für einen kurzen Moment die Luft anhalten. Ohne zuvor so viel Luft wie möglich einzuatmen. Einfach mal für einen kurzen Zeitraum zu atmen aufhören. Und sofort beginnt es zu Kribbeln. Im Brustbereich. Und manchmal wird auch das Herzklopfen lauter. Und auch langsamer. Aber nur minimal. Kaum spürbar. Und irgendwann atmet man wieder. Und während die Luft in die Lunge hineingesogen wird, erfreut sich der Körper an der neu gewonnenen Energie.

Manche Tage fühlen sich an, als würde man nicht atmen. Man spürt die Aufbruchstimmung. Wusch. Alles um einen herum verändert sich und mit der Zeit geht man unter. Weil man all die Veränderung nicht zu ertragen bereit ist. Man wurde überrascht, und man hasst Überraschungen. Zumindest unerwartete. Das Kribbeln im Brustbereich entwickelt sich zu einem Druck und man möchte endlich wieder einen langen, tiefen Zug des Stickstoff-Sauerstoff-Gemisches in sich aufsaugen. Die Welt scheint – wie in einem 4fach-Vorlauf einer Bausimulation – neu aufzuerstehen. Und man fühlt sich wie ein Nichts. Teilnahmslos nimmt man die Veränderung hin und wartet. Wartet bis man sich wieder zurechtfindet, hier, auf dieser Welt. Manchmal, wenn das Herzklopfen schon viel zu laut und viel zu selten ist, setzt man sich selbst viel zu sehr unter Druck. Man sieht kein Ende und man glaubt nicht an sich. Wie könnte man auch. Mit diesem Druck auf dem Herzen und diesen unrythmischen Schlägen.

Und dann gibt es eben wieder diese Tage, an denen man endlich wieder einatmen kann. Und man ist froh, dass man die Zeit des Nichtatmens überwunden hat. Man kann kaum glauben, dass mit diesem einen Atemzug nun alles besser sein soll. Doch man fühlt es. Noch ein Atemzug. Noch einer. Die Energie, die im Körper entsteht, überrascht einen und auf einmal ist man bereit, bei der Auferstehung der Welt mitzuhelfen. Ein Teil zu sein. Man ist sich keiner Schwäche mehr bewusst – zumindest glaubt man es. Auf einmal ist die ganze Welt so wundervoll klischeehaft. Man könnte ‚Bäume ausreißen‘. Und endlich sieht man Abschiede als ein funktionierendes Mittel für einen Neubeginn an. Man scheint innerlich um Jahre gealtert zu sein, man wirkt reifer und überlegter. Und natürlich belächelt man sich, im Rückblick auf die Zeit, in der man auf das Atmen verzichtete. Wie konnte man nur. Aber irgendwie weiß man auch, dass irgendwann auch mal wieder die Zeit kommen wird, in der man zu Atmen aufhört. Manchmal passiert das einfach so. Manchmal aber lässt man sich auch mutwillig darauf ein. Aber umso mehr erkennt man jetzt, wie sehr man doch diese Zeit des Atmens genießen muss. Man kann sie nicht halten, aber man kann in ihr leben.

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