Wir schreiben „heute“ und es ist das Ende eines nicht begonnenen Fehlstarts.

(via  brownpauflickr)

Wir schreiben „heute“ und es ist das Ende eines nicht begonnenen Fehlstarts. Wir wiegen uns in der Glückseligkeit des einen unverwüstlichen, unserer Freundschaft. Und ich stehe da, zünde mir eine Zigarette an und versuche ganz bewusst neben dir aus dem Fenster zu sehen und es gelingt mir nicht. „Muss ich etwas dazu sagen.“ Nein, muss ich nicht. Und doch möchte ich dir Worte an den Kopf werfen, die dir eigentlich nicht gehören, und im Grunde nur die Idiotie dieses Moments passend zusammenfassen. Wo ist nur der Fehler in diesem Gerüst aus ungewagten Gedanken?

Eigentlich wollte ich gerade versuchen, die Stille in meinem Zimmer und in dieser Stadt auch in meinen Körper fließen zu lassen, als du mich anriefst und ich sprachlos wurde, und du in Tränen aufgelöst von dem Ende sprachst und dass plötzlich jemand schwul geworden ist und. Und ich selbst war überrollt von dieser Nachricht, als du mir zwei Mal wiederholt und unter Tränen sagtest, dass du mich liebst. Und ich, mit all meinem Mut und all meiner sonst gut versteckten Spontanität antworte nur mit einem „Versuchen wir’s mal.“ Und in Gedanken passt das Ganze und es könnte schön werden. Und die Nacht bleibt noch lange, weil du dich deiner Tränen entleert hast und das Handy noch genug Akku hat.

„Versuchen wir’s mal.“ So einfach ausgesprochen. Und auf das „Und, wie fühlst du dich jetzt?“ konnte ich sogar wenige Minuten später nur antworten: „Ich weiß es nicht.“ Und auf ein „Und, liebst du sie eigentlich?“ kam nur ein Nachdenken. Es ist furchtbar, in diesem Exempel des Theoretischen gefangen zu sein, denn Gedanken bahnen sich den Weg und Gedanken sind nicht gut. Aber dann die Worte „Ich finde es gut, dass ihr es probiert. Denn damit gebt ihr dem Ganzen wenigstens eine Chance.“ und ich, der mit dem Nicken nicht mehr nachkommt.

Und dann das erste Aufeinandertreffen, Theorie trifft Praxis und bleibt doch in Ersterem stecken. Denn es ist nichts und du bist zu feige, darauf zu hoffen, dass etwas entsteht. Du willst es nicht versuchen, weil du keinen Sinn darin siehst. Und ich frage mich ernsthaft, ob das nun reif oder einfach nur kindisch ist. Da stehen wir, ich ziehe an einer zweiten Zigarette, nehme nach und nach einen weiteren Schluck dieses irgendwie alkoholhaltigen Getränks und überlege mir einfach nur, wie ich cool genug wirken kann. Es ist nichts da und das ist scheiße weil ich ein „wunderbare Freund“ wäre, aber es nicht bin. Und ja, das weiß ich, das bin ich mir Tag für Tag bewusst. Und doch frage ich mich, woher dies alles kommt.

Und es ist besser, dass du es mir jetzt sagst, bevor all das begonnen hat und mir nicht nach einigen Wochen erklärt hättest, was schon zu Beginn nicht war. Denn du willst mir ja nicht weh tun, und das hättest du, wenn nicht jetzt das hier passiert wäre. Und ich denke mir, ganz leise in mich hinein: „Sag mal, weißt du eigentlich, dass du mir jetzt damit wahrscheinlich mehr wehgetan hast, mit deinem Nicht-Versuchen, als mit jedem Scheitern es jemals passiert wäre. Und vielleicht übertreibe ich nur, und das, weil ich noch immer etwas angepisst bin.

Und dieses „Fuck. Das gibts nicht. Lass dich halt nicht verarschen, hat auch keinen Sinn“ und wieder mal mein kaum zu stoppendes inneres Nicken. Und auch wenn jetzt bei dir und auch bei mir nichts an Gefühlen da war, was man näher zuordnen konnte, so bin ich mir jetzt einhundertprozentig bewusst, dass mir alle nachkommenden Gefühle von dir für mich egal sein werden. Ein weiteres Mal wird das hier nicht geschehen und mit diesem einen Mal hast du dir wohl auf ewig diese Chance vertan. Und vielleicht, so hoffe ich zumindest, kotzt dich dieser Gedanke des „Nie mehr eine Chance haben“ genauso an, wie mich dieser Gedanke des „Nicht einmal versucht haben können“.

Und auf Facebook meinen Beziehungsstatus von „in einer Beziehung“ zu „Single“ geändert. Und auf Twitter meinen Unmut gepostet. Und meinen Eltern erklärt, warum all das eine beschissene Idee war. And the needle returns to the start of the song and we all sing along like before.

Es ist schön, bevor es zu Ende ist. [Der Herbst]

(via  docadocaflickr)

Du bibberst, als du einatmest. Es ist kühler geworden, ganz langsam und doch hat es dich jetzt gerade überrascht. Ich halte dich fest. Halte deine Hand, als wir über den laubbedeckten Gehweg gehen. Es ist still, bis auf die spärlich vorbeifahrenden Autos und die seltenen Momente, wenn Kastanien nur knapp vor uns am Boden aufprallen.

„Ich liebe den Herbst, weißt du?“, frage ich dich, und ohne eine Antwort abzuwarten, setze ich fort. „Weißt du. Der Herbst hat etwas Magisches an sich. Und ist vielleicht auch die brutalste Jahreszeit. In allen anderen ist irgendetwas am Entstehen, oder in voller Pracht. Im Frühling sprießen die Blumen, im Sommer gedeiht alles und im Winter kriegen wir Schnee. Nur der Herbst. Der Herbst hält sich irgendwie nicht an diese Regel. Er tötet. Er ist eine Zeit der Resignation, etwas, um wieder einmal zu erkennen, wie verdammt vergänglich doch alles ist.“

„Und ich liebe die großartigen Nuancen der Blätter. Eigentlich mag‘ ich den Wald nicht, oder was sag ich … ich bin einfach nicht dieser naturverbundene Typ. Aber in einen herbstlichen Wald zu spazieren oder ihn mir aus der Ferne anzusehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Es zeigt sich in voller Pracht. Irgendwie sind das für mich schöne Gedanken.“

„Denn der Tod ist und bleibt überall. Vor allem der Herbst vor drei Jahren hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Für lange, lange Zeit. Manche Todesfälle sind eben anders als all die anderen. Manche dürfen ganz einfach nicht real sein, vor allem nicht jener eines Kindes. Und dann seh ich mir in diesem Jahr den Herbst an und erkenne endlich wieder das Wunderbare an dieser Jahreszeit.“

„Und höre auf, vor Tod und Vergänglichkeit Angst zu haben. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Und es gehört dazu. Vielleicht ist so ein Jahr ja auch nur eine Metapher für das Leben, und das Umgehen mit dem Tod. Im Herbst passiert es, man kann sich nicht einmal wirklich verabschieden. Im Winter vergräbt man sich, schützt sich in einer weißen Schicht von schwer auf einem lastenden Schnee. Bis der Frühling einen wieder den nötigen Aufschwung gibt, und man im Sommer zur Vollkommenheit zurückfinden kann. Zur neuen Vollkommenheit, natürlich. Verstehst du was, ich meine?“

„In Wahrheit zeigt mir der Herbst Jahr für Jahr wieder, dass ich nicht darauf vergessen soll, an mich zu denken. Mein Leben zu leben, genau so wie es mir gefällt. Vielleicht hilft dieses Resignieren ganz einfach dabei, zu erkennen, was einem wichtig ist. Wofür man zu kämpfen bereit ist. Warum es wichtig ist, hier zu sein.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Liebe. [Ein Abschiedsbrief]

(via  Sara Alfredflickr)

Hey, du.

Es war wohl nie schwieriger, irgendwelche Worte zu finden. Worte, die auch nur ansatzweise dem gerecht werden könnten, was mir auf dem Herzen liegt. Ich erinnere mich noch an deinen letzten Blick zurück, als du mit dem Auto in meiner Einfahrt umdrehtest und dann den Weg zu dir nach Hause in Angriff nahmst. Und ich weiß auch, was ich dabei fühlte. Es ist kein schönes Gefühl. Es ist nicht schön, zu spüren, dass da etwas ist, was hier nicht sein sollte.

Erinnerst du dich noch an unseren ersten Kuss? Es war ein Kampf, eine Überwindung, eine persönliche Mutprobe. Ich habe schon andere Mädchen geküsst, aber bei dir war es trotzdem etwas Anderes. Als sich unsere Lippen zum ersten Mal berührten, war ich einfach nur froh, dass wir saßen. Meine Knie zitterten und die Welt um mich herum verlor mehr und mehr an Bedeutung. Es war wohl eines der schönsten Gefühle, die ich bis heute verspürte. Ich weiß nicht, wie du dich fühltest, aber das tut hier nichts zur Sache. Das hier ist mein Brief.

Erinnerst du dich an den Abend am Lagerfeuer, oder als wir gemeinsam in der Wiese lagen, die Wolken Wolken sein ließen und die Sonne hinter uns für den damaligen Tag das Zeitliche segnete? Als das Blau des Himmels überschattet war von den wunderbarsten Nuancen des Abendrots? Oder als wir durch das alte Gewölbe dieser Buchhandlung wanderten, an den vielen Säulen und Durchgängen vorbeihuschten und du irgendwann mit einem Reclambuch vor mir standest? Gedichte von Erich Fried und du hauchtest sie mir leise in meine Ohren, dass sich meine Nackenhaare noch heute wohlig aufstellen, wenn ich daran denke.

Manchmal ist es nicht gut, darüber nachzudenken, was war. Wir waren ein Traum, wir passten zueinander wie. Ach, es gibt nichts, mit dem wir zu vergleichen wären. Wir lebten unser eigenes Leben, in unserer eigenen Welt, sobald sich unsere Hände berührten und unsere Schritte der gleichen Richtung folgten. Wir bauten uns unsere Traumschlösser gemeinsam auf, hatten den Mut, schon nach so kurzer Zeit die unzähligen Zimmer mit IKEA-Möbeln zu bestücken und aus dem Nichts, das vorher war, entstand etwas ganz Besonderes. Aber vielleicht haben wir uns irgendwo nicht genug angestrengt.

Irgendetwas muss passiert sein und ich kann mir nicht erklären, was es ist. Unzählige Tage habe ich mir schon den Kopf darüber zerbrochen und mir überlegt, welchen Auslöser das nur haben konnte. Ich weiß es bis heute nicht, meine Liebe. Aber irgendwie fühlt es sich gerade so unendlich falsch an, in deinen Armen zu liegen und so unendlich falsch, in ihnen wieder aufzuwachen.

Es war keine Bestimmung, kein Schicksal, dass wir uns trafen, kein Glück, dass wir uns küssten und kein Wunder, dass aus dir und mir wir wurde. Es passte ganz einfach, und es fühlte sich gut an. Ich weiß nicht, ob du sie auch hattest. Aber mein Bauch war tage-, wochen-, monatelang voller Schmetterlinge, die sich mit ihren Flügelschlägen beinahe überschlugen. Es war mir alles Recht, Hauptsache, ich würde dich sehen, dich hören, dich spüren, ganz nah hier bei meiner Seite. Aber jetzt? Würde ich dich nun eine Woche nicht sehen, nichts von dir hören, es würde mir trotzdem gut gehen. Die Schmetterlinge sind weg, meine Liebe, und irgendwie ist jetzt alles anders.

Habe ich dir jemals von meiner Theorie des perfekten Moments erzählt? Nein? Diese Theorie besagt, dass Liebe nicht zwangsläufig etwas Unendliches ist. Du weißt, wie sehr ich die Ewigkeit hasse. Aber woran ich glaube, ist die Liebe für genau diesen einen Moment. Überschwängliche Liebe. Liebe, so sehr, dass es einen selbst überrascht, dass man so zu lieben im Stande ist. Und dieser Moment kann nur einen Blick lang dauern, ein paar Wochen oder manchmal sogar Jahre. Dieser Moment wird gefüllt mit Geborgenheit, Nähe, Zärtlichkeit. Mit Auf-den-Händen-Tragen und Gemeinsam-die-höchsten-Berge-Überwinden. Und ja, ich glaube, unser Moment liegt hinter uns.

Das ist das Furchtbare am Mensch sein. Nicht einsehen zu wollen, was jeder andere sieht. Bestreiten, was ist, um vorzutäuschen, was nicht ist. Dein letzter Blick zurück, gestern oder wann immer das war. Er war anders als all die anderen Tage davor. Und wie du vielleicht bemerkt hast, war mein Blick leer, während ganz langsam die Erinnerungen an uns in meinem Gehirn zu rattern begannen. Ich blickte deinem Auto noch nach, bis es um die Ecke des Hauses verschwand und zündete mir eine Zigarette an. Scharrte mit meinen Füßen am Boden und musste beinahe heulen, als all das Schöne an mir vorbeizog.

Wir beide haben gewagt, wovor viel zu viele Menschen Angst haben. Wir haben unsere Einsamkeit geteilt und begonnen, uns wortlos zu verstehen. Ein Blick von dir reichte oft schon, um mir den Mut zuzusprechen, den ich oft brauchte, um im täglichen Leben zu bestehen. Du hast mir Botschaften dagelassen, kleine Post-Its, wenn du mal früher weg musstest und ich noch schlief. Ich liebte es, wenn ich dann, nach dem Aufstehen aufs Klo ging, und mich eines deiner Post-Its daran erinnerte, mich hinzusetzen. Du bist der erste Mensch, der mich in seiner Nichtpräsenz so sehr zum Lachen brachte.

Und jetzt fühlt es sich plötzlich so komisch an. Sind es die Schmetterlinge, die in meinem Bauch womöglich ratzeputz verdaut wurden? Ist es womöglich die hoffende Gewissheit, dass uns nichts mehr auseinanderbringen könnte. Oder ist es vielleicht sogar deshalb, weil die Liebe fehlt? Ja, ich habe mir selbst Letzteres immer wieder durch den Kopf gehen lassen.

Doch dann spüre ich trotzdem wieder diese einzigartige Vorfreude, wenn mein Handy vibriert, ich abhebe und Sekunden warte, bis du dein erstes, fragendes „Hallo?“ zu mir rübersendest. Und ich fühle mich immer noch so nah bei dir, wenn du mir ganz zärtlich durch die Haare streichst, wenn wir wieder einmal nebeneinander einschlafen, Gesicht an Gesicht, Hand an Körper. Es darf nicht die Liebe sein, weißt du. Nicht das, nicht jetzt.

Vielleicht habe ich mir mit diese Theorie des richigen Moments ja irgendein Hirngespinst zusammengesponnen. Vielleicht besagt diese Momenttheorie ja einfach nur, dass es am Besten wäre, gemeinsam mit den Schmetterlingen zu gehen. Schmetterlinge sind wie Feuerwerkskörper und wenn die einmal erloschen sind, ist da eben auch nur mehr das Schwarz des Himmels. Vielleicht fühlt es sich nur deshalb so verdammt falsch an, weil wir in gewisser Weise ganz einfach berechenbar wurden. Aus unserer Liebe wurde Brauchen. Wir haben uns auf eine ungesunde Abhängigkeit eingelassen.

Wir haben es verlernt, verliebt zu sein. Wir spüren noch immer, dass wir etwas ganz Besonderes sind, aber es fühlt sich anders an. Veränderungen sind angsterregend und mir fehlt der Mut. Ich liebe dich, ja, das mache ich. Aber, warum ich dir eigentlich diesen Brief schreibe. Liebe mich. Zeige mir mit jeder Faser deines Körpers, dass du mich liebst, nimm mich in den Arm und fang mich auf, denn ich fühle mich gerade dem Fallen so nah. Mehr ist es nicht. Nur einmal noch dieses Gefühl.

Und dann können wir ganz rational vorgehen. Wir wären dann nicht mehr diese Menschen, die bei jeder Rolltreppe auf- und abwärts, küssend die gestressten Linksüberholer aufhalten. Wir könnten auch auf den Pärchensitz im Kino verzichten, weißt du. In Wahrheit ist es mir eben doch lieber, auf beiden Seiten meines Sitzes eine Lehne für mich zu haben. Und wenn du Lust auf Chinesisch und ich auf Pizza habe, dann machen wir das auch. Wir sind nicht eins. Wir hätten wohl auch nie dieses Gefühl bekommen sollen.

Ich glaube, jetzt ist es gerade noch rechtzeitig genug, um wieder damit zu beginnen, du und ich zu sein. Du und ich und wir beide hätten die Möglichkeit, ein außergewöhnliches Leben zu führen, mit dir an meiner Seite. Wir hätten die Macht, all unsere Träume zu verwirklichen und würden niemals aufgeben. Niemals. Wir haben aufgehört, verliebt zu sein. Vielleicht ist es jetzt unsere Aufgabe, uns täglich neu zu verlieben.

Es wäre schön, wenn wir das schaffen würden, weißt du.

Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Wenn wir es nicht schaffen, dann ist es okay. Wir sind auch keine Menschen, die Wunder vollbringen können. Wir sind auch nur genau solche Menschen, die manchmal ganz einfach mit dem offenen Mund in einen Haufen Hundescheiße stolpern. Wir dürfen uns irren und wir dürfen auch der Liebe freien Lauf lassen. Die Liebe ist nicht für ewig, nichts ist für ewig, nichts.

Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Aber vielleicht kommt irgenwann einmal der Tag, an dem ich deine Post-Its wutentbrannt von allen Stellen der Einrichtung herunterreiße und am Klo ganz einfach aus Protest stehen bleibe. Wenn du neben mir einschläfst und ich kein Auge zubekomme. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass nach dem Ende der Schmetterlinge, früher oder später auch ein Ende von allem hier ansteht.

Wenn das wirklich eintreten sollte, dann lass uns ehrlich zueinander sein. Zueinander und zu jener Welt, die außerhalb der Unseren ihren Alltagstrott ausbreitet. Lass uns nicht nach Gründen suchen, oder nach Möglichkeiten, wie wir es eben doch schaffen könnten. Weil wir es ja doch nicht würden. Wir würden uns einen Plan für die Zukunft zusammenschustern, was wir nicht alles tun würden, um diese Beziehung aufrecht zu erhalten, und in Wahrheit schaufeln wir weiter und weiter ein Grab für unsere Wunschvorstellung. Lass es uns bitte akzeptieren, lass uns darüber reden.

Wir sind keine Zauberer und wir schaffen auch keine Wunder. Wir sind ordinary people. Mit der architektonischen Kraft, Schlösser bis hoch in den Himmel zu bauen. Aber wir haben auch die Fähigkeit, all das wieder einstürzen zu lassen. Und wenn wir mal unter einem unserer Trümmer begraben liegen, sollten wir wissen, dass es genau so gut war. Das es das jetzt war und dass ein Wiederaufbau nur wenig Sinn hätte. Lass uns die Zerstörer unseres Imperiums sein und schenken wir uns dann einen letzten Kuss.

Finished: 23:03 Uhr, 19. September 2010
In gewisser Weise eine Inspiration:
hoch21 mit
Ein Brief über Liebe [2008]
Bald auch auf: NEON.de, jetzt.de
und womöglich auch als Podcast

Wir sollten beenden, was nicht ist, um nicht zu enden, wie wir sind.


via  David Barrie (Flickr)

Du hast es gespürt, schon seit einiger Zeit, und einige Gedanken später formulierst du dein Abschiedskonzept als kleine Ode an das Ende. Wie ein kleiner Junge sitze ich vor dir, erhebe dich langsam auf eine Bühne und ziehe mich in die Mitte des einsamen Publikums zurück. Es ist die Ruhe vor dem Sturm und in mir türmt sich die Vorstellung, wie es denn werden würde. Ob die Inszenierung passt, ob die Pointen sitzen, ob der Vorhang denn nun wirklich fällt.

Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir’s, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. (1)

Hör‘ ich dich sagen und weiß eben doch, dass du nicht der Werther bist und ich nicht dein bester Freund bin. Du stehst immer noch vor mir und ringst nach Worten, und immer wenn du darum ansetzt, loszulegen, versagt deine Stimme. Ich will mir nichts ankennen lassen, und doch werde ich etwas unruhig und bestürzt über die Unprofessionalität der Akteurin.

Wo es hinführen soll? Dort, wo es hinführt. Würde es nicht dort hinführen, dann soll es auch nicht dort hinführen. Also führt es ohnehin dort hin, wo es hinführen soll. (2)

Und wieder nicht, wir sind kein Leo und keine Emmi, keine E-Mail-Bekanntschaft. Wir sind wahrscheinlich nicht einmal ungefähr so fesselnd wie sie. Dein Souffleur scheint versagt zu haben, immer noch stehst du vor mir und unruhig hältst du den Zettel in der Hand. Bis ich schließlich endlich bemerke, dass wir auf der Couch liegen, du auf meinem Bauch, ich unter dir, im TV läuft irgendein Mist. Du blickst zu mir hoch und flüsterst.

Weißt du. Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr. Ich glaube, es ist besser so.

Ich murmle ein „Mhm.“ und streiche dir durchs Haar. Und höre die letzten Verse auf der Bühne, genau wenige Momente bevor sich der Vorhang schließt und das Publikum von den Sesseln aufhüpft um zu applaudieren.

Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen, jemanden gehen zu lassen, wissen, wann es Abschied nehmen heißt. Nicht zulassen, dass unsere Gefühle dem im Weg stehen, was am Ende wahrscheinlich besser ist für die, die wir lieben. (3)

1 – Die Leiden des jungen Werther – Johann Wolfgang von Goethe
2 – Gut gegen Nordwind – Daniel Glattauer
3 – Der träumende Delphin – Sergio Bambaren

Du hast mich verstanden, als ich vor deiner Tür stand, etwas zitternd und mit der Bitte auf den Lippen, einfach nur mal abzuhauen.

Langsam treiben wir auf dem See entlang, etwas hilflos versuche ich, unser Boot zu rudern. Du hast mich verstanden, als ich vor deiner Tür stand, etwas zitternd und mit der Bitte auf den Lippen, einfach nur mal abzuhauen. Du hast das Nötigste eingepackt, und dann sind wir losgefahren. Fremde Straßen, unbekannte Autobahnen, überraschende Abfahrten. Und irgendwo ein See.

Da war es plötzlich, dieses nicht ganz sicher aussehende Boot. Uns war es egal, wir haben ganz wenig gesprochen, seit ich dich abgeholt habe. Du steigst ein, das Boot wackelt und ich folge dir, schnapp mir die Ruder und jetzt sind wir hier. Irgendwie auf einem See, irgendwohin unterwegs. Es ist warm hier draußen.


via  theartistbloo (Flickr)

„Da!“
– „Hm?“
„Da, schau mal. Das ist … eine Insel, glaub ich.“

Du hast Recht und ich bin richtig erstaunt, wie gut du in dieser Dunkelheit die Umgebung untersucht hast. Ich rudere auf das ‚Land in Sicht‘ zu. Es ist gut, dass du da bist.

Als wir die Insel, die so völlig überraschend hier in diesem See auftauchte, erreichen, ziehe ich noch schnell das Boot an Land. Wir wollen nicht stranden, wollen nicht von heute an hier gefangen sein, ohne einer Ahnung, wann hier der nächste Flüchtling vorbeikommt. Ja, ich bin geflohen, weil mich, trotz allem, irgendwie alles zu erdrücken droht.

Wir setzen uns in der Nähe des Ufers hin, und ich – furchtbar aufgewühlt und vollkommen irritiert – lege meinen Kopf in deinen Schoß. Langsam streichst du mir zärtlich durch meine Haare, kraulst mir das Gesicht. Immer noch haben wir kaum etwas gesagt.

„Ich dachte nicht, dass es so kommen würde.“
– „Hm?“
„Ach, ich weiß nicht. Es … es wird mir gerade einfach irgendwie zu viel. Ich lade mir zu viel auf, obwohl ich selbst weiß, dass ich nicht dazu im Stande bin, es zu schaffen. Und nein, das ist keine chronische Selbstunterschätzung sondern meine Erfahrung  aus meiner eigenen Erwartungshaltung. Ich enttäusche mich nur zu gerne selbst.“
– „Mhm.“
„Ich muss endlich mal wieder versuchen, das kleine bisschen Chaos zu beseitigen. Ich verliere den Überblick. Aber weißt du was?“
– „Hm?“
„Ich dachte nicht, dass es so weit kommen würde. Da lerne ich mich plötzlich von einer ganz neuen Seite kennen, stolpere von neuen Erfahrungen in wunderbare Erkenntnisse. Es wäre eigentlich gerade wieder das Up nach Jahren der Downs, weißt du? Und jetzt das.“

Die Sterne stolzieren am Himmelszelt entlang und manchmal treffen Wellen auf diese Insel ein.

„Aber weißt du, auch wenn es dir gerade nicht gut geht. Ich spür‘ das. Ich hab‘ mir das schon bei dem Telefonat heut‘ Nachmittag gedacht. Auch wenn es dir gerade scheiße geht. Ich kenne dich ja nun doch schon ein bisschen. Du schaffst das.“
– „Glaubst du wirklich?“
„Mhm. Du schaffst das. Du hast diese Ausdauer, die so vielen Leuten fehlt. Und ich glaub‘ auch nicht, dass es jetzt wieder bergab geht. Solche Tage hat doch jeder einmal. Auch wenn das Drumherum eigentlich perfekt ist, plötzlich fühlt man sich wieder so hilflos, wie ein Kleinkind, dass durch und durch auf die Bezugspersonen angewiesen ist.“

Ich sehe dich an. Als du diese Sätze sagtest, hast du deinen Blick auf die Weite des Sees gerichtet. Jetzt senkst du dein Gesicht zu mir, lächelst mich an, streichst mir weiter durchs Haar. Küsst mich und gibst  mir so einen kleinen Teil meiner Zuversicht zurück, die mir auf dem Weg durch die vergangenen Tage wohl verloren ging.

Es wird schon irgendwie, da bin ich mir sicher. Du lässt dich zurückfallen, gibst mir deine Hand, und gemeinsam betrachten wir noch eine Zeit lang die hellen Punkte über uns. Ich robbe zu dir rüber, ganz nah an dich ran. Und küsse dir ein Danke auf deine Schulter. Für alles.

Du hast mir keinen Zettel da gelassen, keine Nachricht, nicht einmal eine Ananas.

Und irgendwann bist du ganz einfach verschwunden. Hast deine Kleidung gepackt, dich im Flur angezogen, bist in die Schuhe hineingestolpert und so leise und unscheinbar die Tür auf und von außen wieder zugemacht. Du hast mir keinen Zettel da gelassen, keine Nachricht, nicht einmal eine Ananas.

Es dauert noch eine Stunde bis ich es bemerke, dass ich meine Nase nicht mehr auf deine Schulter lege, dass meine Hand nicht mehr deinen Bauch berührt. Dass da einfach nur mehr diese gähnende Leere bleibt und keine Zeit für einen Kuss, und keine Zeit für ein Wiedersehen.

via  BLW Photography (Flickr)

Gähnend quäle ich mich aus dem Bett, in Boxershot gehe ich in die Küche und gieße mir den Kaffee von vorgestern in die Tasse, mit der Milch von früher. Mein Kopf ist noch Opfer der vergangenen paar Nächte und das Wetter ist ja irgendwie auch nur für’n Arsch. Mein Handy vibriert, zwei Zimmer weiter, ich stolpere über Pizzaschachteln, eine Carrerabahn und einen Fleckerlteppich. Bis ich wieder auf mein Bett falle, die Tasse in meiner Hand schwappt gesellig über, und ich versinke mit dem Kopf unterm Lattenrost.

„Scheiße, verdammte!“, fluche ich noch, als ich die grüne Taste mit meinem Daumen einzudrücken versuche und irgendwie elegant verdreht den Weg zu meinem Ohr suche. „Ich?“ Erst jetzt bemerke ich, dass ich keine Ahnung habe, wer mich hier gerade mehrfach verletzt hat. Fahrlässig und so. ‚Mama‘ steht oben und ich denk‘ mir nur: Hey. Die alljährliche Siegerin für den beschissensten Moment um ihren Sohn anzurufen hat wieder einmal gewonnen. Tadaa! Meine Mama. „Nein, Mama. Nicht du.“ „Und?“ „Alles scheiße, Mama. Hab‘ grad Kaffee ausgeschüttet im Bett, hab‘ keine Smacks mehr, kein Marmelade, kein Nutella.“ „Scheiße, verdammte!“ Ich lasse das Handy wieder fallen, lege mich parallel zum Äquator ins Bett, den Kopf auf einen Arm liegend, und schlürfe den eiskalten Kaffee.

Manchmal ist es so auch einfach einfacher. Wenn man nicht betteln muss, um endlich das Bett verlassen zu müssen. Die weißen Wände scheinen mich schön langsam zu erdrücken. Und nein, ich erwarte mir jetzt nicht, dass du dich meldest, mir eine SMS schreibst, oder mich einmal anrufst. Weil du wohl genau weißt, dass es jetzt wohl das Beste ist, wenn nichts ist. Wenn wir nur mal wieder Gesicht an Gesicht einschlafen, wenn wir unsere gemeinsame Zeit genießen. Wir wagen uns nicht zu tief hinein, tapsen vorsichtig voran. Warum sollten wir auch mehr versuchen? Warum sollten wir den Schein erhalten, als wär‘ da mehr.

Wir laufen uns schon wieder über den Weg und vielleicht gehst du auch wieder einmal mit mir nach Hause. Und trotzdem ist das ein Scheißtag heute! Man denke nur an diesen Kaffeefleck hier im Bett. Beim Blick aus dem Fenster fällt er mir auf, dieser außergewöhnlich blaue Fleck zwischen all dem Grau des Frühherbstes, oder Spätfrühlings (oder beschissenen Sommers). Ich versenke meine Nase in deine Polster, sauge den Duft deiner Haare auf.

Eigentlich sollte ich nicht zu viel nachdenken. Eigentlich. Und …

Oh. Kuchen. Am Boden. Wie gesagt, das wird ein guter Tag!

Smalltalk und so.

»… und dann kam sie noch mal schnell zurück, weil sie ja ihr Buch vergessen hatte.«
– »Und?«
»Emily heißt sie. Aber irgendwie habe ich es nicht geschafft, ihr meinen Namen zu sagen. Oder nachzubrüllen, quer durch den Waggon. Oder was auch immer.«

Sarah lacht. Erwartungsgemäß. So etwas kann wohl auch nur mir passieren.

»Und glaubst du, dass du sie wiedersehen wirst?«
– »Ja. Also … ich meine: Natürlich würd‘ ich sie gerne wiedersehen.«
»Es muss sich eben einfach nur die Möglichkeit ergeben, nicht wahr?«
– »Mhm.«

Sarah ist eine hübsche junge Frau, hellbraune Haare, schöne Augen und bemerkenswert schöne Lippen. Und, was mir in der kurzen Zeit, in der ich sie nun kenne, schon aufgefallen ist: ihre Augen wirken traurig. Zwar erwartungs- und hoffnungsvoll, aber im aktuellen Sein furchtbar traurig.

Es ist immer noch kaum etwas los hier auf den Gängen des Studentenheims. Und hier, etwas abgeschotet vom ewigen Lärm der Straßen, bekommt man es beinahe mit der Stille zu tun. Ich weiß nicht, die wievielte Zigarette wir hier nun schon rauchen.

»Und, wann hast du deine erste Vorlesung, diese Woche?«, frage ich und überlege.
– »Ach, erst irgendwann morgen oder übermorgen.«
»Ich auch so ungefähr.«
– »Heute Abend Lust, mit ein paar Freunden und mir auf einen Kaffee zu gehen?«

Nein, ich hätte nichts Besseres tun. Und ja, ich würde es bereuen, wenn ich da heute nicht mitkommen würde. Überraschend spontan sage ich zu und irgendwann trennen sich für die kommenden Stunden unser Weg, die Telefonnummern ausgetauscht. Ich gehe zurück in mein Zimmer, zufrieden mit dem Leben, irgendwie.

Während all der Gedanken nun, die auf mich einströmen, taucht Emily wieder auf. Nach diesem bisher wunderbaren Tag, dem ersten Kennenlernen, den ersten halbmutigen Schritten hier in dieser neuen Umgebung, ist sie plötzlich wieder Bestandteil meiner Gedanken. Ich werde sie nicht finden, nicht auf Facebook, nicht auf Twitter, denn ich weiß ja nichts von ihr. Nichts, bis auf ihren Vornamen und die Gewissheit, eine sehr interessante Frau kennengelernt zu haben. Ich versuche mich zu erinnern, ihr Gesicht. Aber es schwindet. Wengistens habe ich mir den Namen gemerkt, selbst das ist schon etwas Besonderes.

Ich versuche zu lesen, telefoniere mit Freunden, die seit unserem Abschluss quer übers ganze Land verteilt ihre neuen Lebensmittelpunkte gefunden haben. Oder sie suchen sie immer noch. Es ist eben nicht immer so, dass der erste zaghafte Schritt der Richtige ist. So etwas darf man nicht erwarten. Überhaupt.

Erwartungen sind dafür geschaffen, um sich am Schluss in Schutt und Asche zu verwandeln. Und die schmerzhaftesten Minuten oder Stunden, manchmal sogar Tage und Wochen sind die, wenn man zusehen muss, wie die Erwartungen ganz langsam in sich zusammenbrechen. Wenn Wunschträume ihr Ende im Realisieren der Utopie erleben. Und da hilft es auch nicht, die Augen ganz fest zuzukneifen und seine Gedanken weit abschweifen zu lassen. Dafür sind wir nicht geschaffen, wir Menschen. Aber vielleicht ist es genau deshalb so gut, wenn wir durch so etwas durch müssen.

Die Nacht legt sich schön langsam über die immerwache Stadt. »Brrrrr.« » Brrrr.« Sarah.

»Hallo?«
– »Hey! Immer noch Lust? … Perfekt. Wir treffen uns in 15 Minuten unten beim Eingang. Nicht zu spät kommen, klar?«
»Passt, perfekt!«

Etwas matt steh‘ ich von meinem Bett auf, krame mein liebstes Shirt und meine gemütlichste Hose raus, werfe mich in Schale (ein kurzer Blick in den Spiegel, das wars) und mache mich auf den Weg zu Sarah und ihren Freunden. Ich hasse so etwas normalerweise. Etwas Neues zu sein, in einer Gruppe Altbekanntem. Alle haben sich etwas zu erzählen und nur manchmal fragt jemand höflicherweise nach, was ich denn so studiere und wo ich aufgewachsen bin und solche Dinge. In solchen Momenten werde ich nur zu gerne mit Smalltalk beladen, und aus reiner Freundlichkeit gebe ich immer und immer wieder die ewig gleichen Antworten darauf.

»Hey!«
»Hey Noah! Komm, wir wollen schon losgehen.«

Wir sind zu fünft. Drei Frauen, zwei Männer.

»Ich bin Stefan!«

Der Größte der Gruppe spricht mich als Erster an, er sieht freundlich aus und scheint, so rein auf den ersten Eindruck reduziert, ein recht unkomplizierter Mensch zu sein. »Schön dich kennenzulernen, Noah!«

Die Freude ist ganz (rein freundlicherweise) meinerseits: »Gleichfalls! Und du wohnst auch hier im Studentenheim?«

Stefan nickt. »Ja, ich bin nun schon das zweite Jahr hier. Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht.«

Ein Satz für alte Menschen. Aber aus Stefans Mund hört es sich richtig so an. Ich, am Anfang meines Studiums, kann mir wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, wie schnell zwei Semester vefliegen können.

»Und von wo kommt du?«

Uh, bald werden uns wohl die Gesprächsthemen ausgehen. Und wir sind noch nicht einmal in … (ja, wohin geht es eigentlich?) angekommen. Ich erkläre ihm meine Herkunft, was natürlich am Besten mit der nächstbesten Stadt und dem nächstgelegenen See funktioniert. Er nickt, er war da schon einmal. Campen. Und er erklärte mir, dass er nicht unweit von mir (was sind schon 30 Kilometer) aufgewachsen ist.

Flott wandern wir durch die beleuchteten Straßen der Wiener Innenstadt. Überall grell strahlende Auslagen, hie und da Leute, die an Cocktails schlürfend, sich unterhaltend, im Gastgarten sitzen. Es ist ein warmer September, müsst ihr wissen. Manchmal kommt man auch an Clubs vorbei, wo 16:9-Türsteher ihr Unwesen treiben und für Sicherheit sorgen. Und was mir immer noch faszinierend vorkommt: Es ist Montag Abend, und in jedem einzelnen der unzähligen Lokale sind Menschen. Das gastronomisch Positive an einer Großstadt: man braucht im Grunde genommen nicht viel bieten und hat trotzdem meist volles Haus.

»Hier sind wir!«, sagt Sarah, hält dabei die Tür auf. Nacheinander betreten wir dieses kleine, nette Café. Und jetzt, bei meinen ersten Schritten in diesem Lokal weiß ich noch gar nicht, dass das in Zukunft so etwas wie ein Stammlokal für Sarah und mich, durchschnittlich ein Päckchen Zigaretten, einer Überdosis Koffein und natürlich stundenlangen Gesprächen sein wrid. Aber der erste Duft ist selbst jetzt noch in meiner Nase aufzufinden. Kaffee mit Rauchgestank. Ich liebe es schon jetzt.

Ein Tisch mit fünf Sesseln (Lederüberzug!) und genügend Platz ist schnell gefunden, die junge Kellnerin bringt uns rasch die Speise- und Getränkekarten.

»Stefan kennst du ja bereits.«

Zustimmend nicke ich.

»Das ist Marlene. Und Kathrin.«
– »Hey!«
»Hey!« – »Hey!«

Der Beginn eines (überraschend) langen Abends.

Bedingungslos leben.

Als die Berührung deiner Hand noch keine Bedeutung hatte und der Kuss auf die Wange nicht vorsichtig geschah. Als wir ziellos agierten und furchtlos träumten. Als die Liebe noch nicht ihre ganze Komplexität ausgepackt hatte. Und das Leben durch ungewohnte Schamlosigkeit uns ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Als wir Dinge wie Eifersucht, Neid oder Misstrauen noch nicht einmal kannten. Als wir für niemanden funktionieren mussten.

Doch jetzt ist alles anders. Und es wird wohl nie wieder so sein. Wir können nicht mehr ungewohnt laut atmen, wenn wir nebeneinander sitzen, können uns nicht berühren, ohne dass sich unsere Blicke treffen, mal fragend, mal nicht. Wir können uns nicht mehr treffen und uns verführen lassen, von dem Eis und den warmen Himbeeren. Alles hat sich verändert und nichts ist mehr einfach.

Wir haben aufgehört zu sein, was wir nie wagten. Wir haben uns verstummen lassen, uns unterkriegen. Wir müssen funktionieren, müssen das sein, was man von uns erwartet.

Aber das will ich nicht. Ich möcht‘ dir ganz sanft ins Ohr flüstern, wie gern ich dich mag und möchte dir zeigen, dass ich dich liebe oder eben nicht und ich würde dich an der Hand nehmen, dir in die Augen sehen und würde mit dir gehen. Hinauf zu einem einsamen Platz und wir würden nach Sternschnuppen Ausschau halten. Und es wäre egal, wann irgendjemand morgen raus müsse, oder ob es zu kalt ist, oder ob da irgendwo Tierchen herumkrabbeln. Ob wir das nun tun sollten oder nicht. Es wäre alles egal und das würde uns die Macht geben, unsterblich zu sein, in diesem einen Moment. Wir könnten stolpern, fallen, uns weh tun, und es wäre alles egal. Wir müssten niemanden etwas beweisen und hätten die Leichtigkeit zurückgewonnen. Und wir würden uns nicht fragen, ob die Gefühle stark genug, die Gedanken tief, die Berührungen zart genug sind. Ob es das ist oder ob da vielleicht doch noch etwas danach kommt. Wir würden ohne Erwartungen in unser neues altes Leben starten. Wir würden endlich wieder einmal bedingungslos leben.

Foto: JAIRO BD | flickr
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Inspiration: Du machst mich fühlen wie tanzen – Amy&Pink

Pleasure and pain.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

„Ich möchte Abschied nehmen. Ich möchte ihn noch einmal sehen. Als du mich damals gefragt hast, damals, als Opa starb, ob du mich holen sollst, habe ich nein gesagt. Weil ich nicht realisiert habe, dass das die letzte Möglichkeit sein sollte, wo ich seinen Körper sehen würde. Das soll hier nicht auch so sein. Ich will ihn noch einmal sehen.“

Meine Mutter nickt. Sie versteht, was ich meine. Und im Laufe des Tages würde sie auch kommen, die Nachricht, dass ich die Möglichkeit bekommen würde. Wir alle würden sie bekommen. In 2 Tagen würde sein Begräbnis stattfinden. Es ist eine beschissene Zeit, gerade. Morgen ist Allerheiligen und die (katholische) Welt trauert um ihre Verstorbenen, oder feiert, dass sie ihren Weg durch das Leben absolviert haben. Was auch immer. Freakin‘ bullshit, das Ganze. Wie kann man den Tod von jemandem feiern, der gerade erst einmal eineinhalb Jahre alt geworden ist. Und wusch. Innerhalb eines Moments eben nicht mehr da war? Scheiß Glauben, scheiß Kirche. Ihr wisst schon. Scheiß Gott!

Ich war nie der zutiefst gläubige Mensch, auch wenn es normalerweise einfach sein sollte, mich für irgendetwas zu gewinnen. Aber jetzt gerade habe ich den letzten Funken Glauben an Gott, das höhere Wesen der katholischen Lehre, verloren. Falls er überhaupt exisitert. Und falls er wirklich so etwas ist, wie man ihn sich vorstellt, ist er ein unglaubliches Arschloch. So etwas macht man nicht, so etwas tut man keinem Menschen an. Nur Arschlöcher tun sowas.

Die Idiotie des Alltags und des Lebens holt uns in unserer Familie ein. Mein Vater hat seit 2 Tagen kaum mehr etwas gegessen, meine Mutter legt ständig Timis Kleidung zusammen, muss oft unterbrechen, weil sie weint. Und kann trotzdem nicht damit aufhören. Und meine Schwester liegt erwartungsgemäß die meiste Zeit herum und weint und manchmal schläft sie auch. Und ich mache mich auf, um mit unserem Pfarrassistenten und in dieser Zeit unglaublich wichtigen Freund das Begräbnis zu besprechen.

Ich würde die Fürbitten schreiben und sie auch vortragen. Und ich würde auch einen längeren Text vorlesen. Meine Mutter und … was mich überraschte, meine Schwester baten mich, das zu tun. Mein ganz persönlicher Abschied von der wichtigsten Person meines bisherigen Lebens. Ja, natürlich werde ich das tun. Ich habe zwar keine verdammte Ahnung, wie ich mich so lange auf den Beinen halten soll, wie ich meine Stimme so lange klar und deutlich benutzen kann. Aber ich werde es natürlich tun, einfach nur, weil es für Timi ist.

Nachdem ich das Pfarramt verlassen habe, wage ich mich in die Kirche. Aus Erzählungen habe ich erfahren, dass vor dem Altar ein Bild von Timi aufgestellt worden sei. Und eine Schüssel voll Sand, wo die Bewohner unseres mir ansonsten so negativ erscheinenden Ortes Kerzen anzünden könnten, um zu zeigen, dass wir nicht allein sind. Ich öffne die Tür, der kalte Geruch der Kirche strömt in meine Nase. Niemand sonst ist hier. Niemand außer mir. Dutzende Kerzen stecken im Sand und ich stehe vor ihnen. Nehme mir eine, zünde sie an, stecke sie dazu. Sehe mir, im Kerzenschein, minutenlang Timis Gesicht. Wie er da so fröhlich am Tisch sitzt, in der guten Vergangenheit. Und irgendwann breche ich (ich breche, wirklich) zusammen, falle schmerzhaft auf meine Knie, und weine. Weine von ganzem Herzen und aus tiefstem Schmerz und es wäre mir scheißegal, wenn sich jetzt plötzlich die Kirche füllen würde. Ich weine. Lasse alles heraus, wische mir die Tränen aus dem Gesicht, gehe zum Auto und fahre nach Hause.

Am Abend kommt sie schließlich, die Möglichkeit. Wir würden noch einmal seinen Körper sehen, aufgebahrt in der Leichenhalle, eingehüllt in ein Lammfell in diesem verdammt kleinen Sarg. Hier ist sie, diese eine, beklemmende Stimmung, die ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Man fühlt sich fehl am Platz, man traut sich kaum, auf den Sarg zuzugehen, will nicht zusehen, wie andere es vor einem tun. Und dann geht man schließlich hin und zieht die Spieluhr ein weiteres Mal auf, greift ihm sanft über die Wangen, die weiß geschminkt alle Flecken überdecken versuchen. Ein Kuss auf die Stirn, schwarze Lippen. Und das Gefühl: das ist nicht Timi. Das ist eine Puppe. Das ist er nicht. Und in diesem Moment wurde mir die bittere Wahrheit bewusst: Ich hätte ihn nicht noch einmal sehen sollen. Ich hätte die Erinnerung behalten sollen, ich habe mir ein Teil des Schönen rauben lassen. Was bleibt ist das Bild des Sarges, die kalte Haut des Kindes, die Melodie der Spieluhr.

Wir lassen meine Schwester alleine, in der Leichenhalle. Sie solle entscheiden, wann sie den Sarg schließen möchte. Umarmungen, Abschiede, noch einmal in die Kirche. Und wieder dasselbe. Keine Kraft mehr in den Beinen, keine Kraft mehr in mir. Breche zusammen, neben meinen Eltern. Kann kein Wort sprechen, meine Eltern geben mir die Zeit, die ich brauche. Doch ich bemerke: Weinen ist etwas viel zu Persönliches. Alleine zu weinen ist besser. Aber ich wage es nicht alleine zu sein.

Am Abend fahre ich zu meinen Freunden, zu jedem Einzelnen, überreiche ihnen die Parte, rede und weine. Das ist wohl der tränenreichste Tag von allen. Ich rede und weine und fühle mich geborgen, auch wenn ich weiß, dass ich meine Freunde dadurch in eine beschissene Lage bringe. Mir zu helfen ist nicht möglich, einzig einfach nur da zu sein erscheint mir Hilfe genug. Ich genieße die Zeit außerhalb der kleinen kaputten, der unseren Welt.

Zuhause angekommen, im Bett, kralle ich meine Fingernägel in meine linke Schulter, schließe die Augen, spüre die heruntergeschabte Haut, die tief hinein gedrückten Wunden. Der ganze Schmerz durchfährt meinen Körper. Zufrieden schlafe ich ein.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away

Am Jahrmarkt. [Ein Dialog]

„Hab‘ ich dir eigentlich schon einmal die Geschichte erzählt, als ich, als ich mit einer Achterbahn fuhr, nur so knapp verhindern konnte, dass ich wild um mich herum alles vollkotze?“
– „Nein. Und. Du-uh?“
„Ja.“
– „Du hast ja wirklich keinen blassen Schimmer von Romantik.“
„Ach. Doch, sicher.“
– „Also?“
„Hm. Du willst also Riesenrad fahren. Mir soll’s recht sein. Komm, gehen wir.“

„Haben wir uns eigentlich schon mal geküsst. Wenn nicht, dann müssen wir das da oben tun. Das macht man so.“
– „Ach komm.“
„Was?“
– „Nichts. Und ja, wir haben uns schon geküsst. Wir kennen uns ja auch schon lang genug.“
„Bist du eigentlich schwindelfrei?“
– „Ja. Bin ich. Und los, lass uns einsteigen.“

„Oh, wir fahren ja gar nicht mehr.“
– „Nein. Aber wir haben doch einen schönen Ausblick, hier ganz oben, siehst du?“
„Mhm. Ja. Wirklich … schön.“
– „Und? Irgendetwas, das du mir sagen möchtest?“
„Ja klar.“
– „…“
„Hab‘ ich dir eigentlich schon mal die Geschichte erzählt, als ich mich im Riesenrad vollgekotzt habe?“
– „…“
„Also ja?“
– „…“
„Du-uh?“
– „…“
„…“
– „Du willst also Schluss machen?“
„…“
– „…“
„Zuckerwatte?“

Foto: flickr | iamagenious
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