In der Gegenwart angekommen.

In der Gegenwart angekommen. Vieles hat sich verändert, vieles ist nun vollkommen anders. Anders als ich es selbst erwartet habe. Hannah habe ich noch ein, zwei Mal gesehen. Selbst wenn ich mit meinen Freunden ausging, sind wir uns kaum begegnet. Es hat lange gedauert, bis ich über den Schmerz, den unsere gemeinsame Unfähigkeit uns ganz einfach zu lieben, in mir verursacht hat, hinweggekommen bin. Und auch heute noch denke ich oft an die schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben, zurück. Ja, es war eine schöne Zeit.

Gerade bin ich auf dem Weg nach Wien. Stehe am Bahnhof, wo vielleicht noch zwei oder drei andere Menschen auf denselben Zug in die gleiche Richtung warten. Meine Sporttasche ist kaum gefüllt, mein Kopf schon wieder irgendwo anders. Im Grunde genommen habe ich noch sehr wenig realisiert, dass sich mein Lebensmittelpunkt schon in Kürze von diesem einen provinziellen Menschenhaufen in die 1,5 Millionen Metropole verlagern wird. Im Moment denke ich einfach nur daran, wie ich die zweieinhalb Stunden andauernde Zugfahrt bestmöglich überbrücken kann.

Ich habe nicht viel geliebt in den letzten zwei Jahren. Natürlich gab es da das eine oder andere Mädchen, in welches ich mich verkuckt habe, manchmal gingen meine Gefühle sogar darüber hinaus. Aber ungefähr jedes Mal bin ich damit auch auf die Fresse gefallen. Einseitigkeit tut einer Beziehung niemals gut, selbst wenn sie gerade erst im Entstehen ist. Es waren hübsche junge Frauen, nett, liebenswürdig. Aber irgendwie verspürten sie eben nicht dasselbe wie ich und immer mal wieder bin ich dann im Regen gestanden, kurz nachdem meine Gefühle und meine Erwartungen alles zu übersteigen schienen. Es hat sich nicht viel getan in den letzten paar Monaten. Nicht viel.

Ich habe die Schule abgeschlossen, nicht mit Bravour, aber schließlich doch irgendwie. Und ich habe meinen Zivildienst abgeleistet, scheinbar ebenfalls nur irgendwie. Ich habe den Sommer genossen und die Nächte gelebt. Ja, selbst wenn es mir die Liebe so schwer machte, sie zu mögen, hat das Leben mich immer weiter und weiter gezogen bis ich bemerkte, dass ein beinahe andauerndes Lächeln auf meinem Gesicht ruht. Der Zug fährt ein.

Jetzt im Nachhinein erinnert mich die Szene des Einsteigens in den schon da überfüllten Zuges an die vielen Filmszenen amerkanischer Antikriegsfilme, als die jungen Rekruten, nur bepackt mit einer Tasche und vielen Erinnerungen, in den Bus stiegen, um die Reise ins Ungewisse aufzunehmen. Es wirkt vielleicht ein wenig melodramatisch, aber schließlich war ich bisher erst ein oder zwei Mal in Wien und wagte somit einen sehr überraschenden und doch schon jahrelang geplanten Weg in die Großstadt.

Es wird getuschelt, ich werde hie und da angesehen als wäre ich vom Mond, vorsichtig zwänge ich meinen Körper und das Gepäck an unnötig den Weg versperrenden Gesellschaften. Bis ich schließlich irgendwo einen freien Platz finde, auf einem dieser Vierer-Plätze, in deren Mitte sich ein kleiner Tisch befindet. Meine Sitznachbarn nicken nur, als ich frage, ob denn dieser eine Platz frei wäre, und setzen dann unentwegt ihre Konversation fort. Über die Wetterkapriolen der letzten Tage reden sie, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als hurtig den iPod auszupacken, die Kopfhörer einzustöpseln, auf »Play« zu drücken und schließlich mit geschlossenen Augen und dem Kopf gegen das Zugfenster gelehnt, einzuschlafen.

»Ihre Fahrkarten, bitte!«

Mit einem Mal bin ich wieder wach, blicke mich vollkommen überfordert im ganzen Zug um und versuche durch das Fenster hindurch in der Dunkelheit herum Umrisse zu entdecken, die mir verrieten, wo wir uns jetzt gerade befanden. Erst ein paar Sekunden später realisiere ich, dass der Zugschaffner immer noch auf meine Fahrkarte wartete, und beginne hektisch in meiner Tasche zu wühlen.

»Hier, bitte!«

Klick-Klack.

So viel Aufregung wegen so wenig Klick und Klack. Nachdem ich meine Geldbörse wieder verstaut habe, die Kopfhörer wieder richtig platziert, sucht mein Kopf schon wieder den Weg in Richtung Zugfenster, als ich bemerke, dass sich die Umstände hier im Waggon verändert haben. Es ist eindeutig leerer geworden. Nur wenige, die schon da saßen, als ich einstieg, befinden sich jetzt noch im Zug. Scheinbar eine ganze Schulklasse hat das Abteil verlassen. Und zu guter Letzt bemerke ich, dass eine hübsche, junge Frau meine neue Sitznachbarin ist. Sie sieht mich an, grinst bis über beide Ohren und meint nur: »Hey!«

Verdammt. Ich war ihr aufgefallen. Und wahrscheinlich grinst sie nur, weil ich mich gerade so furchtbar idiotisch anstellte, als mich der Schaffner überraschte. Bitte keinen Smalltalk, bitte keinen Smalltalk. Bitte keinen Smalltalk.

»Hey!“«
– »Sorry, dass ich lache. Ähm, es sah einfach so lustig aus, als du aus dem Schlaf hochgeschreckt bist.«

Mir ist das natürlich peinlich. Aber wenigstens ist sie ehrlich und sagt frei heraus, warum ich sie so wunderbar belustigte.

»Das sind die schlimmsten Momente. Ich bin furchtbar, so kurz nach dem Aufwachen. Da sollte man mich liebe nicht ansprechen.«

Vielleicht springt sie ja auf diesen Zug auf und versucht nicht weiter, dieses relativ belanglose Gespräch aufrecht zu erhalten. Denn, es ist spät nachts und ich habe einfach keine Lust, mit wildfremden Leuten Smalltalk zu führen. Vor allem im Zug, wo es kaum eine Fluchtmöglichkeit gibt.

»Wie weit fährst du?«, fragt mich die junge Frau schräg gegenüber. Sie hat scheinbar keine Lust, still zu sein.
– »Wien. Und- … und du?«
»Mal sehen. Keine Ahnung.«
– »Das ist ja mal eine Ansage.«

Dem Ende so nah.

Heute ist gestern vor zwei Jahren. Ich stehe in dieser einen Einfahrt, scharre mit den Füßen den Kies hin und her. Ich sollte reingehen, und anklopfen oder klingeln. Je nachdem. Es ist heiß hier, die Sonne brennt herunter und immer mal wieder watscheln pseudojunge Menschen in grellen Dreiviertelhosen und klappernden Flip-Flops vorbei, in Gespräche vertieft, Zigaretten inhalierend. Auch ich werfe meine Zigarette auf den Boden, trete darauf und wage es endlich, den Wohnungskomplex zu betreten.

Da steh ich nun vor dieser Tür und warte. Worauf denn bitteschön? Was ist das hier bloß? Warum habe ich mich trotz allem doch auf den Weg hierher gemacht? Ich weiß es nicht und mit einem mutigen „Klopf-Klopf“ überwinde ich mich zum ersten Mal an diesem Tag. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Obwohl, eigentlich möchte ich schon jetzt wieder kehrt machen, und einfach nur raus aus diesem Wohnblock, rein in mein Auto und weg mit mir. Aber als dieser Gedanke noch unentschlossen durch meinen Kopf schießt, öffnet Hannah schon die Türe.

»Hey.«
»Hey.«

Recht viel gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich zu sagen. Wir hatten uns schon seit Monaten nicht wirklich etwas zu sagen, wir sahen uns zwar noch hin und wieder, schwiegen uns aber immer mehr an. Und nicht dieses Schweigen, das manchmal sehr förderlich und wichtig in einer Beziehung sein kann. Nein. Dieses Ungute. Wo beide sich eigentlich Dinge an den Kopf werfen wollen, die Zunge aber nicht wirklich dazu im Stande ist. Und deshalb schweigt man. Ich warte darauf, dass sie die Tür noch einen Spalt weiter öffnet, damit ich zu ihr hinein kommen kann.

»Ähm. Du Hannah, können wir wo ungestört reden?«
»Hm. Komm … komm‘ nicht rein. Lass … lass‘ uns spazieren gehen.«

Okay. Planänderung. Ich habe etwas Anderes erwartet, aber da ich ja manchmal doch auch meine spontane Seite heraushängen lasse, warte ich noch, bis sie in Schuhe und Jacke hineinschlupft, den Schlüssel von diesem Tisch im Gang nimmt und ich ihr schließlich folgen kann. Wir verlassen das Haus, gehen quer über den Parkplatz. Ich kenne den Weg. Hinauf zu diesem einen Hügel, der oben mit unzähligen Bäumen gesäumt ist. Und vor diesem Wald steht diese eine Bank. Obwohl es einen unglaublichen Ausblick über unsere Heimatstadt ermöglicht, scheint es so, als würden nur wir hierher kommen. Jedes Mal, wenn wir langsamen Schrittes den Hügel hinaufeilen, sind wir ganz alleine. Und während Hannah während des Anstieges kein einziges Mal ihren Blick hebt, sehe ich sie unentwegt an. Der Mut möchte mich hier gerne zurücklassen. Warum denn das Ganze? Es kann doch wieder werden.

Und das obwohl ich mich eigentich schon entschieden habe. Ich habe nicht wirklich Probleme, Entscheidungen zu treffen, nein. Viel mehr habe ich Angst davor, mit den Konsequenzen zu leben. Wir gehen den Hügel hinauf, und … mit etwas Fantasie könnte man sich das Ganze wie eine Postkarte vorstellen. Dieser kleine, in Herbstfarben blühende spätsommerliche Wald, die furchtbar grüne Parkbank davor und wir, wie wir von schräg unten hineinspazieren. Ich wollte ja eigentlich nie Vorlage für eine der grässlichsten Postkartenmotive sein. Aber über sowas denkt man ja normalerweise nicht wirklich nach.

Als wir schließlich vor dieser einen Bank stehen, Hannah hat mich unentwegt all die Minuten scheinbar gezwungenermaßen angeschwiegen, lasse ich mich gleich fallen, nehme Platz. Irgendwie zweifelnd bleibt sie noch stehen, schaut hinab in den Horizont der sich dem Ende zuneigenden Sonne.

»Du wolltest reden?«
»Ja. Denkst du nicht auch, dass wir das endlich mal tun sollten?«

Mein Ton wirktt irgendwie bissig, wenig einfühlsam, etwas unbeholfen.

»Und?«
»Hm.« Der Mut hat mich schlussendlich doch verlassen. Wie soll ich denn diese Konversation denn nun beginnen?
»Was fühlst du eigentlich, Noah?« Hannah sagte das mit einer solch furchtbaren Zärtlichkeit, beinahe mit Fürsorge und Gefühl.
»Nichts, Hannah. Nichts mehr.« Tadaa! Da war er wieder. Der Mut.

Nichts außer Wut, Schmerz und diesem verdammten Gefühl, dass der eigene Stolz ein wenig angeknackst ist. Aber das brauche ich ihr doch jetzt nicht erzählen … sie weiß ja wahrscheinlich selbst, was sie kaputt gemacht hat. Und hey, niemand behauptet hier, ich sei fehlerlos. Aber wenigstens habe ich mich stets bemüht, niemanden mit meinen Aktionen zu verletzen. Und dieses Kunststück hatte sie in den letzten Wochen und Monaten unzählige Male mit Bravour gemeistert.

Zum ersten Mal heute (und wahrscheinlich schon seit Langem) blickt sie mir in die Augen. So starr und scheinbar zutiefst gefühlskalt die meinen sind, so tränengefüllt werden plötzlich die Ihren.

„Ich … ich muss.“ – Nichts wie weg von hier. Schnell, bevor ich wieder in Versuchung gerate, ihr die Tränen wegzuwischen, bevor der salzige Fluss ihre Lippen erreicht. Weg, bevor ich sie in den Arm nehme und scheinbar doch wieder alles beim Alten zu bleiben scheint. Schnellen Schrittes, nicht zu ungestüm, verlasse ich diese grässliche Postkarte und lasse sie einfach so zurück.

Nein, ich bin nicht gefühlskalt. Nicht ich. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als würde ich tausendfach mehr fühlen, als all die anderen Menschen hier. Was natürlich unglaublicher Blödsinn ist, aber allein dieser Gedanke macht mir klar, dass ich keineswegs gefühlskalt sein kann. Und warum nun das Ganze hier? Es stimmt wohl, dass es schönere Möglichkeiten gibt, um sich voneinander zu trennen. Aber kennt ihr das, wenn die Enttäuschung einfach viel zu groß ist, um auch nur ansatzweise menschlich und … ja, mit Gefühl zu agieren? An diesem Punkt bin ich eben gerade. Und vielleicht ist das ja einfach so, dass Frauen in solchen Momenten einfach heulen müssen. Oder ist es womöglich die Tatsache, dass ich mit diesem einen Wort es geschafft, sie aus dieser, ihrer Illusion zurückzuholen. Zurück in die Realität (welche ferner … ach, ihr wisst schon.)

Es konnte einfach nicht mehr besser werden; zu viel war schon passiert, zu viel haben wir zwischen uns kommen lassen. Aber, damit ihr mich jetzt nicht falsch versteht: Hannah ist eine großartige, wundervolle und vor allem wunderschöne junge Frau. Und wir hatten auch wirklich eine tolle Zeit miteinander. Seit … ja, beinahe einem Jahr waren wir nun ein Paar und eigentlich waren es ja doch nur die letzten zwei Monate, in denen alles zerstört wurde. Zumindest fühlt es sich so an. Hier sind sie, die Ruinen unserer gemeinsamen Liebe.

Wisst ihr, was ich glaube? Wir haben uns zur falschen Zeit unter den komplett falschen Umständen getroffen. Es war eine schöne Zeit, na klar, aber vielleicht haben wir uns beide weiterentwickelt und jetzt ist es wahrscheinlich scheißegal. Wir hätten alles versuchen können, aber diese Liebe zu retten … unmöglich. Wir wollten es nämlich selbst nicht mehr. Sie nicht … und ich scheinbar auch nicht.

Da ist es, mein Auto. Die Zentralverriegelung löst sich und ich steige ein. Ein letztes Mal blicke ich zu dieser Postkarten(anti)idylle hoch. Hannah sitzt da immer noch, blickt in den Himmel und ja, ich glaube, sie weint noch.

Menü – Mitteilungen – Neue Mitteilung verfassen
»Es tut mir Leid …«
Senden an – Kontakte – H
H wie Hannah. Verdammt.

So stark und stolz ich sein wollte, so schwach bin ich es jetzt.

Gedankenkunst.

Und ich überlege, ob ich die Fortsetzungsgeschichte ohne Titel aus dem Jahre 2007 wieder auferstehen lassen soll. Oder ob ich vielleicht nach und nach, chronologisch richtig „Volle Distanz. Näher zu dir“ hier schreiben und veröffentlichen werde. Und wie ich es mir wieder angewöhne, vollkommen fiktive Geschichten zu schreiben. Ich bin vor kurzem über einen  alten Text gestolpert: 30. November 2007, Bad Day. Und habe bemerkt, dass ich damals viel fantasievoller war, und heute wohl gefühlvoller. Damals war es die Philosophie, die ich liebte, jetzt ist es der Pathos. Ich kann ehrlich nicht sagen, was jetzt besser ist. Was denkt ihr?

Du-uh?

„Du-uh?“
– „Mhm.“
„Du-uh? Weißt du eigentlich, wo wir hinmüssen?“

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Es ist Nacht, nein, Morgen. Es ist beunruhigend still hier und im Grunde genommen ist das auch nicht meine Stadt. Aber jetzt den Unwissenden spielen? Nein.

– „Mhm. Natürlich. Siehst du? Da hinten.“

Ich deute etwas unverständlich in die vor uns liegende Gegend. Hie und da huscht das Auto eines notorischen Frühaufstehers oder eines betrunkenen Zu-Bett-Gehers an uns vorbei und meine Fußsohlen beginnen schön langsam zu brennen. Ich scheine sie mit meinem Versuch, den vollen Durchblick vorzutäuschen, etwas beruhigt zu haben. Und während wir uns merklich langsam und immer wieder anhaltend fortbewegen, legt sie ihren Kopf an meinen Arm, umklammert ihn, und schließt für einen kurzen Moment auch ihre Augen.

„Es war schön, heut‘ Nacht.“
– „Mhm.“

Es ist heiß. Der Asphalt glüht noch und die gerade aufgehende Sonne übt weiter ihre bekannte Wärme aus. Wir wanken immer noch voran, als ich plötzlich ein mir bekanntes Gebäude entdecke. Erleichtert atme ich durch, und auch sie scheint es bemerkt zu haben. Sie lässt ihre feste Umklammerung los und stellt sich vor mich. Ein Kuss. Eine Überraschung.

„Danke fürs Nachhausebringen.“
– „Kei-… keine Ursache.“

Irgendeine Glocke schlägt hier gerade ganze sechs Mal. Sie nimmt meine Hand, zieht mich mit. Ihr müder Blick ist verschwunden, wir gehen zu meinem Auto, mit dem wir heute hierhergekommen sind. Verzweifelt suche ich in meinen Taschen, sperre das Auto auf. Wir legen Fahrer- und Beifahrersitz um, heute schlafen wir nämlich ganz bequem in diesem Fahrzeug. Ich reiche ihr einen Polster, stopfe meinen eigenen unter meinen Kopf. Und irgendwie liegen wir beide in diesem Auto, direkt gegenüber, blicken uns an und denken irgendwie gar nicht ans Einschlafen. Sie sucht nach meiner Hand und als sie sie endlich erwischt, hält sie sich fest. Ich erwidere ihre Suche nach Nähe. Wir sehen uns an. Ich beuge mich nach vorne, küsse sie, lege meinen Kopf wieder auf meinen Polster. Und während ihre Augen schön langsam wieder müde werden, sehe ich sie unentwegt an. Das. Jetzt. Hier. Der Moment. Ihre Hand. ‚Schlaf gut.“, denk ich mir. An Schlafen ist in meinem Kopf nicht zu denken.

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Sommermorgensonne.

Die Schuhe in der einen Hand, dich neben mir. Gehen wir langsam und die unsicher richtige Richtung. Wir wollten ja eigentlich mit dem Bus fahren, aber scheinbar ist die Stadt zu blöd dafür. Es ist schon wieder Morgen und die Sonne kommt da hinten, drei, vier, fünfzehn Ampelkreuzungen später irgendwo hoch und deckt diesen Teil dieser unbekannten Stadt in ein ganz besonderes Ambiente.

Wir reden über Gott und die Welt. Okay, in Wahrheit: Kein Gott, dafür ganz viel Welt. Die Welt mit uns und um uns und die ganze Scheiße dieser Welt, und unsere Scheiße. Und während die ganze Nacht eigentlich wunderbar warm war, kühlt es jetzt, unverständlicherweise wieder ab. Wir sind uns immer noch nicht sicher, ob das hier der richtige Weg ist. Der Sonne entgegen kann aber doch nie falsch sein.

Das Leben und die Liebe. Unser immer wiederkehrendes Thema, all die vielen Jahre, die wir uns jetzt schon kennen, und all die vielen sonnenaufgangsgetränkten Morgen, die wir leicht betrunken nach Hause getorkelt sind. Wir sind älter geworden, viel älter. Wir haben vieles erlebt, und auch vieles verloren. Wir haben wunderbare Hochs gehabt, und atemraubende Tiefs. Und dann gehen wir hier heute, nebeneinander, und reden von eben diesem einen Thema. Liebe.

Und wieder einmal merke ich, dass wir uns nicht verändert haben. Die Antworten klingen zwar klüger, die scheinbare Abgebrühtheit wurde amateurhaft antrainiert. Aber im Grunde genommen haben wir die selben Probleme wie vor fünf Jahren. Haben die selben Gedanken, die gleichen Gefühle. Und sind immer noch unfähig, die richtige Entscheidung zu treffen. Oder selbst herauszufinden, was denn nun die Richtige sei.

Während die Sonne von Minute zu Sekunde immer höher steigt, möchte ich mich ganz einfach auf den Randstein des Gehwegs setzen, die Beine von mir gestreckt, und mir mit dir das Aufwachen des großen orangegelbroten Kolosses ansehen. Und vielleicht auch einfach nur schweigen. Einfach nur da sitzen und nichts tun. Und irgendwann, das sag‘ ich dir, wird es verschwinden. Die Angst vor dem Unüberwindbaren, die Komplexität der Kompliziertheit, deine und meine Probleme. Daran glaube ich, ganz fest. Ganz, ganz fest.

Es war schön hier, der Weg hier. Mit dir hier. So enden sie am Besten, die Freitag- oder Samstagsabende. Irgendwann am späten Vormittag des Folgetages. Irgendwo in einer fremden Stadt, in einem Studentenheimzimmer mit 8 Leuten, die quer am Boden verstreut zu schlafen versuchen. Und es war mir wirklich eine Ehre, mit genau dir das erste Mal bei McDonalds zu frühstücken und mit genau dir unabsichtlich unseren Eistee über die ganze McDo-Theke auszuschütten. Du wirst mir fehlen, wenn die jetzt knapp ein Jahr einfach weg bist, weißt du. Deshalb müssen wir noch so viele Sonnenaufgänge sehen, so viel reden und irgendwann den Fast-Food-Videoabend machen. Eindeutig!

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Du, entschuldige, aber.

Du, entschuldige, aber ich glaub‘ ich hab‘ mich in dich verliebt. Ich weiß nicht ob es richtig ist, oder ob mir nur mal wieder mein Kopf und mein Herz in perfekt zerstörerischer Symbiose brutal in die Magengegend boxen möchten. Aber zumindest fühlt es sich so an, als würde ich etwas mehr für dich empfinden, als mir wahrscheinlich gut täte. Aber das hier soll keine Entschuldigung für meine Gefühle sein. Ich möchte dich einfach nur bitten, mir nicht andauernd von den Liebschaften zu erzählen. Schön, dass du es dir gut gehen lässt. Mich haut‘ sowas nur etwas aus der Bahn. An schönen Abenden und so.

Drogen und Sex.

Drogen. Und Sex. In Wahrheit sind es doch genau diese beide Dinge, die ein Leben hie und da wieder hochleben lassen. Also außersphärisch hoch. Bei Drogen nichts Wildes, bei Sex genau das Perfekte. Alles, was einem in dem Moment eben am Besten erscheint. So einfach ist es, das Leben, wisst ihr?

Kein Richtig/Falsch. Kein Gut/Böse. Nur das, was einem gerade einfach nur gut tut. So zu leben macht Spaß, so zu fühlen ist wunderbar. Ihr solltet das mal ausprobieren.  Es ist großartig.

Menschenmasse.

Zentimeter vor meinem Gesicht hältst du, siehst mir in die Augen und beginnt plötzlich zu schwören. Zu schwören, dass das hier nicht beabsichtigt sei, und dass du nur wegen der Menschenmasse so knapp vor mir stehst. Und du erklärst mir, dass du es trotzdem schön findest und langsam nimmst du auch meine Hand. Und am Ende des Schwures glaube ich zu hören, wie du uns beide einfach hier wegwünscht. Raus aus dem hier und hinein in unsere Traumvorstellung. Ich schließe die Augen und du beginnst mich zu umarmen. Auch ich lege meine Arme um dich und meinen Kopf auf deine Schulter. Und plötzlich, da glaube ich beinahe, dass wir beide nun einfach hier wegfliegen würden. Als wäre all das hier nie geschehen und als hätte nichts auch nur bedingte Bedeutung.

Ein Kompliment.

Auch wenn es jetzt womöglich ein kleines bisschen wie Selbstbeweihräucherung aussieht: Sarah hat mir vor kurzem via Telefon, so weit weg von da wo ich war, ein wirklich nettes Kompliment gemacht. Ich sei so … wunderbar unkompliziert. Ja, das höre ich gerne. Und wenn ich so schön vor mich hinlebe, und trotz all dem Gefühlswirrwarr und der Gedankenachterbahn, im Grunde genommen bin ich wirklich unkompliziert. Vielleicht aber auch vor allem, weil ich ein Chaot der Terminplanung bin, ich mir über wichtige Dinge maximal fünf Minuten davor kurz mal Gedanken mache und sorglos einfach hineinstolpere oder einfach auch nur deshalb,  weil ich so dezent verplant bin. Ich weiß es nicht. Aber unkompliziert zu sein ist doch echt etwas Schönes, nicht wahr?

Sonntage.

Sonntage sind furchtbar. Noch dazu sonnige Sonntage, mit Fußball im Fernsehen und dem Gedanken an bevorstehende Prüfungen im Hinterkopf. Da wird man plötzlich so herrlich unproduktiv und wundert sich am Ende des Tages, warum man mit jedem Schluck aus der Energy-Drink-Dose müder und müder wird. Dafür hat man mit Freunden einen schönen Platz am nahegelegenen Fluss, den Pennerplatz und das Kebab-„Restaurant“ unsicher gemacht. Und noch dazu glänzt das Studentenheimzimmer in beinahe ungewohnten Sauberkeit. Irgendwie sind Sonntage auch zu etwas gut. Eigentlich.