In der Gegenwart angekommen.

In der Gegenwart angekommen. Vieles hat sich verändert, vieles ist nun vollkommen anders. Anders als ich es selbst erwartet habe. Hannah habe ich noch ein, zwei Mal gesehen. Selbst wenn ich mit meinen Freunden ausging, sind wir uns kaum begegnet. Es hat lange gedauert, bis ich über den Schmerz, den unsere gemeinsame Unfähigkeit uns ganz einfach zu lieben, in mir verursacht hat, hinweggekommen bin. Und auch heute noch denke ich oft an die schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben, zurück. Ja, es war eine schöne Zeit.

Gerade bin ich auf dem Weg nach Wien. Stehe am Bahnhof, wo vielleicht noch zwei oder drei andere Menschen auf denselben Zug in die gleiche Richtung warten. Meine Sporttasche ist kaum gefüllt, mein Kopf schon wieder irgendwo anders. Im Grunde genommen habe ich noch sehr wenig realisiert, dass sich mein Lebensmittelpunkt schon in Kürze von diesem einen provinziellen Menschenhaufen in die 1,5 Millionen Metropole verlagern wird. Im Moment denke ich einfach nur daran, wie ich die zweieinhalb Stunden andauernde Zugfahrt bestmöglich überbrücken kann.

Ich habe nicht viel geliebt in den letzten zwei Jahren. Natürlich gab es da das eine oder andere Mädchen, in welches ich mich verkuckt habe, manchmal gingen meine Gefühle sogar darüber hinaus. Aber ungefähr jedes Mal bin ich damit auch auf die Fresse gefallen. Einseitigkeit tut einer Beziehung niemals gut, selbst wenn sie gerade erst im Entstehen ist. Es waren hübsche junge Frauen, nett, liebenswürdig. Aber irgendwie verspürten sie eben nicht dasselbe wie ich und immer mal wieder bin ich dann im Regen gestanden, kurz nachdem meine Gefühle und meine Erwartungen alles zu übersteigen schienen. Es hat sich nicht viel getan in den letzten paar Monaten. Nicht viel.

Ich habe die Schule abgeschlossen, nicht mit Bravour, aber schließlich doch irgendwie. Und ich habe meinen Zivildienst abgeleistet, scheinbar ebenfalls nur irgendwie. Ich habe den Sommer genossen und die Nächte gelebt. Ja, selbst wenn es mir die Liebe so schwer machte, sie zu mögen, hat das Leben mich immer weiter und weiter gezogen bis ich bemerkte, dass ein beinahe andauerndes Lächeln auf meinem Gesicht ruht. Der Zug fährt ein.

Jetzt im Nachhinein erinnert mich die Szene des Einsteigens in den schon da überfüllten Zuges an die vielen Filmszenen amerkanischer Antikriegsfilme, als die jungen Rekruten, nur bepackt mit einer Tasche und vielen Erinnerungen, in den Bus stiegen, um die Reise ins Ungewisse aufzunehmen. Es wirkt vielleicht ein wenig melodramatisch, aber schließlich war ich bisher erst ein oder zwei Mal in Wien und wagte somit einen sehr überraschenden und doch schon jahrelang geplanten Weg in die Großstadt.

Es wird getuschelt, ich werde hie und da angesehen als wäre ich vom Mond, vorsichtig zwänge ich meinen Körper und das Gepäck an unnötig den Weg versperrenden Gesellschaften. Bis ich schließlich irgendwo einen freien Platz finde, auf einem dieser Vierer-Plätze, in deren Mitte sich ein kleiner Tisch befindet. Meine Sitznachbarn nicken nur, als ich frage, ob denn dieser eine Platz frei wäre, und setzen dann unentwegt ihre Konversation fort. Über die Wetterkapriolen der letzten Tage reden sie, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als hurtig den iPod auszupacken, die Kopfhörer einzustöpseln, auf »Play« zu drücken und schließlich mit geschlossenen Augen und dem Kopf gegen das Zugfenster gelehnt, einzuschlafen.

»Ihre Fahrkarten, bitte!«

Mit einem Mal bin ich wieder wach, blicke mich vollkommen überfordert im ganzen Zug um und versuche durch das Fenster hindurch in der Dunkelheit herum Umrisse zu entdecken, die mir verrieten, wo wir uns jetzt gerade befanden. Erst ein paar Sekunden später realisiere ich, dass der Zugschaffner immer noch auf meine Fahrkarte wartete, und beginne hektisch in meiner Tasche zu wühlen.

»Hier, bitte!«

Klick-Klack.

So viel Aufregung wegen so wenig Klick und Klack. Nachdem ich meine Geldbörse wieder verstaut habe, die Kopfhörer wieder richtig platziert, sucht mein Kopf schon wieder den Weg in Richtung Zugfenster, als ich bemerke, dass sich die Umstände hier im Waggon verändert haben. Es ist eindeutig leerer geworden. Nur wenige, die schon da saßen, als ich einstieg, befinden sich jetzt noch im Zug. Scheinbar eine ganze Schulklasse hat das Abteil verlassen. Und zu guter Letzt bemerke ich, dass eine hübsche, junge Frau meine neue Sitznachbarin ist. Sie sieht mich an, grinst bis über beide Ohren und meint nur: »Hey!«

Verdammt. Ich war ihr aufgefallen. Und wahrscheinlich grinst sie nur, weil ich mich gerade so furchtbar idiotisch anstellte, als mich der Schaffner überraschte. Bitte keinen Smalltalk, bitte keinen Smalltalk. Bitte keinen Smalltalk.

»Hey!“«
– »Sorry, dass ich lache. Ähm, es sah einfach so lustig aus, als du aus dem Schlaf hochgeschreckt bist.«

Mir ist das natürlich peinlich. Aber wenigstens ist sie ehrlich und sagt frei heraus, warum ich sie so wunderbar belustigte.

»Das sind die schlimmsten Momente. Ich bin furchtbar, so kurz nach dem Aufwachen. Da sollte man mich liebe nicht ansprechen.«

Vielleicht springt sie ja auf diesen Zug auf und versucht nicht weiter, dieses relativ belanglose Gespräch aufrecht zu erhalten. Denn, es ist spät nachts und ich habe einfach keine Lust, mit wildfremden Leuten Smalltalk zu führen. Vor allem im Zug, wo es kaum eine Fluchtmöglichkeit gibt.

»Wie weit fährst du?«, fragt mich die junge Frau schräg gegenüber. Sie hat scheinbar keine Lust, still zu sein.
– »Wien. Und- … und du?«
»Mal sehen. Keine Ahnung.«
– »Das ist ja mal eine Ansage.«

2 thoughts on “In der Gegenwart angekommen.”

  1. Okay, innerhalb der zwei Auszüge hast du es geschafft, mir die beiden so nahe zu bringen, dass ich wissen will, wie es weitergeht. Ich glaube, mehr braucht eine Geschichte auf den ersten Seiten nicht.

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