Vielleicht lieber morgen.

Jetzt könnt ihr abschalten. Wirklich. Ich bitte euch. Das wars.

Ihr kennt das wahrscheinlich. Das Funkensprühen, wenn man sich in die Augen blickt. Der Schmetterlingssex im Bauch, der dieses Kribbeln erzeugt. Der Gedankenkollaps in wunschertränkten Hoffnungen. Jeder kennt das irgendwie. Und jeder weiß wohl, dass man es sich nicht herbeiwünschen kann, und es geht auch nicht auf Kommando einfach weg. Worauf ich hinaus möchte. Ich liebe dieses Gefühl, aber ich habe es seit Monaten nicht mehr verspürt. Und das ist auch gut so.

„Man kann nicht keine Lust auf Liebe haben.“, meinte kürzlich ein Freund zu mir, aufgrund eines Eintrages, in welchem ich schrieb, dass ich bis Frühling wohl nichts mehr mit Liebe zu tun haben wolle. Wobei er wohl sehr recht damit hat. Wenn es kommt, dann kommt es eben. Das ist wie Weihnachten und Ostern. Man rechnet einfach nicht damit und wusch ist es da. In dem was wir gerade im Tutorial besprechen, wäre das also die „structure“. Wie ich mich dann darauf einlasse, dass ist die „agency“. Schon klar. In die Struktur wird man hineingeworfen, in das Verliebtsein verliebt man sich mal eben so. Aber es kommt immer so drauf an, wie man sich selber darauf einlässt. Und ob man sich denn überhaupt einlässt.

Ja. Man liest schon richtig. Monsieur Melodramatique. Dieser Typ, der sich monatelang fragte, warum seine Exfreundin kein bisschen mehr für ihn empfindet, der sich ständig fragte, wann er denn endlich die Frau seines Lebens kennenlernen würde. Ja, dieser Mann wird sich auf nichts einlassen. Vor allem auf nichts, wo das Scheitern schon vorbestimmt ist. Liebe muss immer auf beiden Seiten stattfinden. Wie es ist, wenn es eben nicht so sein sollte, das habe ich schon zur Genüge zu spüren bekommen. Und sollte sich irgendwann einmal irgendjemand in mich verlieben, werde ich definitiv eines tun. Warten. Und sollte ich bemerken, dass ich nicht das geben kann, was von mir erwartet wird. Wenn ich bemerke, dass ich jemandem Schmerzen zufüge, dann würde ich die Notbremse ziehen. Ich kenne all das schon. Ich will nicht so sein, wie den Menschen, den ich in manchen Zügen verabscheue. 

Vielleicht lieber morgen. Vielleicht lasse ich mir jetzt einfach mal Zeit. Mit allem, irgendwie. Unter Druck gesetzt habe ich mich schon immer. Ich liebte es manchmal, und manchmal machte es mich aber auch nur einfach kaputt. Und auch das hat mir bis zu einem bestimmten Punkt Spaß gemacht, nur das Problem war, dass von da an alles unkontrollierbar weiterverlaufen ist. Ich erlebe gerade den größten Wandel in meinem Leben. Neue: Stadt, Bekanntschaften, Aufgaben, Visionen, Träume. Alles neu. Eben. Da könnte jetzt auch Liebe stehen. Schon klar: Neue Liebe neues Glück klingt immer gut. Aber wenn ich alles auf einmal haben möchte, dann sind Mittwoche wie gestern nicht ausgeschlossen. Und dann würde sich das vermehren und über die ganze Woche ausbreiten. Darum lasse ich es einfach. Ja. Wie sagt man so schön? Auf mich zukommen. Und werde mich jetzt auch zum ersten Mal so hineinstürzen, wie es sich gehört. Auch mal eine langweilige Vorlesung nicht besuchen, um mit Freunden auf ein Bier zu gehen (okay, das hatten wir schon ein, zwei Mal). Man muss nicht alles planen. ¡Viva la espontaneidad. Zugegeben, ich kann kein Spanisch. Aber, warum nicht mal wieder alles auf gemütlich, auf spontan, auf humorvoll setzen. Das wär doch was. Das wär ein völlig neues Erlebnis.

Und so mache ich nichts anderes, als irgendwie Spaß zu haben. Ich habe zwar erst heute eine Einladung zum Speed Dating abgelehnt. Aber das Leben ist viel zu kurz, um jetzt gerade in Zeiten persönlicher Unzufriedenheit die Welt zu hassen. Da kommt noch was. Vielleicht lieber morgen. Aber ich wollte nur anführen. Bei mir ist grad nicht. Funkensprühen und so. Kein Schmetterlingssex und kein Gedankenkollaps. Nichts. Und ich fühle mich. Ja. Gut.

Aber jetzt. Abschalten. Bitte. Da kommt nichts mehr.

Bild: Ein Ausschnitt aus dem Album Freischwimmer der Band Echt

Tenderly.

Minuten vergehen. Man möchte nicht glauben, was all diese Worte womöglich zu bedeuten haben. Alles wirkt so unwirklich, so fern. Und doch berührt es einen, wie schon lange nicht mehr. Man möchte weinen, möchte schreien. Ist wütend und traurig und besorgt zugleich. Kann keine Worte finden, die den Gefühlszustand auch nur ansatzweise beschreiben könnten. Möchte schreien und möchte schweigen. Lenkt sich ab mit dem Gefühl, gerade etwas falsch zu machen.

Eine Umarmung später. Alles scheint wieder gut, und doch wird nichts mehr so sein wie es war. Alles hat sich verändert von dem Punkt an, an dem die Entscheidung gesetzt wurde. Man hätte sich so vieles zu sagen gehabt, so many days ago. Jetzt wäre es beinahe zu spät gewesen. Und man ist einfach nur froh, dass das Ende nicht das war, was man in den schlimmsten Momenten zu vermuten wagte. Das Schicksal hat entschieden, und man nimmt sich vor, sich zu verändern. Verbessern. Man hat so viel versäumt, hat Möglichkeiten unberührt gelassen. 

Man sitzt da. Und erfreut sich der Nachricht. Erfreut sich der Sonne. Was mag da nur geschehen sein. Kaum ist es zu verstehen, und doch fühlt man mit, als wäre man. Als wäre man. Dabei gewesen. Als hätte man miterlebt, wie all die Probleme begonnen hatten. Als all das seinen schrecklichen Lauf nahm. Doch man war es nicht. Und vielleicht ist es genau das, was einen weinen lässt. Was einen wütend macht. Und traurig. Die Tatsache, nicht immer dagewesen zu sein. Beinahe unverzeihlich.

Foto: sallyrye

Sick and tired.

Ein Text basierend auf einem Gedankenpups.

Wie geht es dir dabei. Hast dich doch zu dem Menschen entwickelt, der du nie sein wolltest. Den du vor die Tür setztest, als es schon viel zu spät war. Wie ist es, genau die Person zu sein, der man auszuweichen gewohnt war. 

Da bist du. Nur wenige Meter von mir entfernt, das erste Wiedersehen nach unzähligen Monaten. Ich sehe dich, mehrmals, drehe mich offensichtlich zu dir um, möchte nicht näher kommen, möchte nur bemerkt werden, möchte ein Winken oder ein „Hallo.“ Und gehe schließlich weiter. And I kept the thoughts until i fell asleep, hours later.

Du warst zu jung, als wir uns trafen. Viel zu jung. Ich hätte es vorher wissen müssen, und ich hätte es doch nicht akzeptiert, da mein Herz ja etwas total anderes dazu zu sagen hatte. Es war eine schöne Zeit, jene mit dir und uns. Es war wundervolles Leben, high above the sky. Unvergesslich und viel zu lange noch wünschte ich mir ein Happy End. Doch Happy Ends sind retro. Total out. In diesem Jahr und in meinem Leben. Nichts passiert einfach so. Außer. Außer, dass man sich mehr und mehr voneinander wegentwickelt.

Will ich dich überhaupt noch sehen? Ich weiß, du bist noch immer so hübsch wie damals. Trägst immer noch diese coolen Tücher um deinen Hals, hast immer noch so unglaublich schöne Augen. Ja, ich weiß es. Aber ich weiß auch, dass du jeden Kontakt vermeidest. Schon klar, du hast Stress. Das versteht man. Aber ein Stündchen hin und her ist sich seit einem Jahr nicht mehr ausgegangen. Wenn ich keine Stunde für irgendeinen Menschen, der mir irgendwann einmal etwas mehr bedeutet hatte, opfern kann. Wenn der Stress so groß wäre, ich würde mich erschießen. 

Weißt du eigentlich, wie oft ich dein Geburtstagsgeschenk in meinen Händen halte. Diese Schneekugel, mit auswechselbaren Bildern von uns und dir. Sie steht immer noch in meinem Regal, und ich kann sie einfach nicht wegräumen. Und gegen die Wand werfen ebenso nicht. Das schon gar nicht. Am Liebsten würde ich sie dir vor deine Tür stellen, mit einem Brief, der erklärt, wie viele Momente mir diese Schneekugel schon beschert hat. Wo ich zurückfalle in die Erinnerungen von damals. Und mich oft aufs Bett setzen muss, um die Eindrücke und Erinnerungen wirken zu lassen. 

Wir sind schon so weit voneinander entfernt. So weit wie ich nie von einem ehemals geliebten Menschen sein wollte. So weit, wie du es dir wahrscheinlich erhofft hattest. Jetzt ist es also so, wie es vermutlich sein soll. Und ich werde wohl glücklich sein, dass du deinen Kopf durchgesetzt hast. Du hast die einzigartige Chance verpasst, mich (und all meine neuen Veränderungen) erneut kennenzulernen. Du hast aufgegeben, als ich noch immer Hoffnung hatte. Hier ist es. Das Resultat. Ich bin dann mal weg.

Und wenn du dir dann noch erlaubst, mit einer Freundin von mir und dir über mich zu sprechen. Über die Art Beziehungstyp, der ich vermeintlich sein soll. Du hast doch keine Ahnung von Beziehung. Lebe doch einfach dein Leben. Ja, genau. Das Leben, dass meinem von damals sowas von ähnlich ist. Mache doch so viele verdammte Fehler und suche weiter nach dir. So wirst du dich nie finden, und das kann ich dir genau sagen. Doch irgendwann wird auch noch die Zeit kommen. Deine Zeit. Doch zurzeit nervst du einfach nur.

Deine Art mich zu ignorieren. Deine Art, abwesend zu sein. Deine Art, wie ich dich passiv miterlebe. Du, dein verdammtes Leben, ihr nervt einfach. Ihr nervt mich bis aufs Blut und mich nerven die Gedanken an dich. Ich bin dann mal weg und beginne einen neuen Teil meines Lebens. Und zum Abschluss wollte ich eben nur mal wieder etwas sagen. 

Foto by [ priotography ]

What tomorrow.

„Kannst du nicht schlafen?“ – „Nn.“ Müde antwortet er in seinen Polster hinein, jeden Konsonanten einzeln und teilnahmslos betonend. Der neue Tag liegt in seinen ersten Morgenstunden und aus den Boxen erklingen unbekannte Laute einer französischen Chanson-Sängerin. Der zweite Tag schon, voll mit leeren und überflüssigen Stunden, in diesem Bett, in dieser Dunkelheit. Er hasst solche Tage. Solche Momente. Vollkommen auf sich allein gestellt, zu dieser heillosen Zeit. 

Die verwünschenswertesten Stunden des ganzen Tages. Die gesamte Welt schläft, nur manche versuchen mit Kreuzworträtsel den schwer erreichbaren Schlaf zu finden, oder mit Fernsehen, und irgendwo üben sicher noch ein paar Menschen gerade Beischlaf aus. Es gibt wahrscheinlich keine Minute, in welcher nicht Hunderte oder Tausende Menschen gerade Sex haben. Aber darüber möchte er sich jetzt keine Gedanken machen. Er möchte schlafen.

Gedanken verfolgen ihn. Gespräche mit seiner besten Freundin. Oder Träume. Wunschträume, Tagträume, Erinnerungen, Hoffnungen. Gerade in solchen Stunden kommen sie einem unter. Bohren sich tief in das Gehirn, geben kaum Zeit, die Augen lange genug geschlossen zu halten, um den Schlaf auf irgendeine Art und Weise zu erzwingen. Er könne noch spazieren gehen, meint er, aber sogleich lässt er auch diesen Gedanken fallen. Es ist beinahe ein Uhr dreißig. Irgendwann bekommt jede Dunkelheit ihr furchteregendes Antlitz. Er könnte nur wenige Meter gehen, um dann aufgeregt, mit laut pochendem Herzen ins Bett zurückzukehren. Und es regnet. Es hat keinen Sinn wenn es regnet.

Und so lauscht er weiter der Musik. Isländischer Pop ist es nun. Es zieht dahin, die ganze Nacht verliert an Macht, wenn sie so zwanghaft versucht, ihn wach zu halten. Es hat keinen Sinn. „Kannst nicht schlafen, wie?“ – „Nn.“ Der Polster ermöglicht die wiederholte Dämpfung des Gesprochenen. Nein, er kann nicht schlafen. Aber es gibt doch nur eine Möglichkeit, um all das zu überwinden.

Und langsam schließt er die Augen. Irgendwann wird er schon kommen. Irgendwann. Früher oder später.

helmet13

Weil a bissal Glick fia di nu laung ned reicht.

Dei Lochn. I hob’s nu imma in Erinnerung. So unvagesslich und so einzigartig. Wia soi des netta weidageh. Jetzt, noch so fü Tog und so fü Wochn. I wü di ned vagessn. Oba i schoffs a koan Tog, wie i ned zehn oder zwanzg Moi an di denk. Egal wo i hischau, ois erinnert ma an di. Wie soid i do nur irgendwia fertigwern mit oi dem Schmerz und oi de Gedaunken.

Aufoamoi warst du weg und mein Wunsch, di nuamoi zu seng, bereu i beinahe jeden Tog. Wia du do dortgleng bist, so koid, so zart. Dei Haut so sanft, dei Körpa so tot. Nia werd i des Büd vagessn, nia wieda werd i an di denka kinna, ohne a des letzte Büdl mit dia zu seng. Des geht nimma weg und es duat weh. So vadaumt weh, wia si des nur gaunz wenige vorstön kinnan.

Wei a bissal Glick fia di nu laung ned reicht. I wünsch da, dass da guad geht. Wünsch ma, dasd amoi lochst, nur fia mi. I wünsch ma, dass i di irgendwaun wieda moi gspia. Dei Wärm und deine wundaschen Aung seng kau. I wünsch da nua des Beste, und hoff, dass uns, de do bleim haum miasn, dass irgendwaun a uns wieda guad geht. Oba wos sog i, es wiad nia wieda so sei, wia’s scho amoi woa. Nia wieda wird mei Mama so wunschlos glückli sei, so befreit lochn, wias sis mit dia dau hot. Nia wieda wiad mei Papa a so großartiga Großvota sei und nia wiada wird dei Mama a gaunz a normales, glückliches Lem führn. Und i werd woi a jeden Tog an di denka.

Fia di reicht ka bissal Glick. Du soist ois Glick da Wöd erfahrn. Dia sois so guad geh, jiatzt, wo du weg bist, und i oiwei glaubt hob, i kau di vor oim Schlimmn beschützen. I hos ned kinna. Und dafür schenk‘ i da mei Herz, und meine Gedaunkn. I schenk da oi mei Liebe und an Kuss schick i da a. Du warst a außagewöhnlicha Mensch und i kau nua oiwei jeden Text üba di mit de Worte beendn: I lieb‘ di. Fia imma. Und i gfrei mi scho drauf, wenn ma uns endli wiedasehn.

The Riddle. Solved.

Da wurde aber auch mächtig gemutmaßt. Und was soll ich sagen. Nach einer siebzehnminutigen Interviewerei gestern und einer elfminütigen Abänderung wird meine Telefonrechnung diesen Monat jene vom letzten defintiv übersteigen. Und ich denke, jetzt ist es an der Zeit, euch das große Rätsel aufzulösen.

Die ersten Gedanken von Luca und René und der Gedankenblitz während einer Toilettensitzung von Lucy hatten Recht. Ich komme in die NEON. Ich und Neon. Was und wieso und weshalb und warum. Die wirklich wunderbar nette Redakteurin Annabel Dillig arbeitet für eine der nächsten Ausgaben an einer Reportage. Das Thema könnte man mit „Wenn aus Liebe Abhängigkeit wird“ beschreiben. Ich weiß noch gar nicht, wie viel ich verraten darf, aber nun gut.

Sie wurde auf mich, einen alteingesessenen NEON.de-User aufmerksam durch einen Text, den ich im April 2007 geschrieben habe. Ohne großen Hintergedanken muss ich zugeben. Ein minimal literarischer Liebestext, vollkommen autobiografisch. Hier kann man ihn auf NEON nachlesen, und hier in meinem Blog. Zugegeben, jetzt, nach so langer Zeit war es unglaublich interessant, ihn wieder zu lesen. Und da der Text so wunderbar zur Reportage passte, kontaktierte sie mich.

Gestern eben das Interview, welches für mich, so gesehen, als erstes Interview, wo es um meine Person ging, ever, wunderbar unproblematisch war. Annabel war freundlich und ich mit meinem oberösterreichischen Dialekt manchmal wunderbar unverständlich. Aber schließlich wurde alles aufgeschrieben. Nach einer Abänderung heute Nachmittag ist der Text fertig und wandert ins Layout. Das wars also schon, werdet ihr jetzt fragen.

Beinahe. Denn Annabel gibt meine Telefonnummer auch noch an die Foto-Redaktion weiter. Und die werden mich demnächst besuchen (ist ja kein so großer Weg von München zu mir). Also kommt auch ein Bild rein. Von mir. Von mir zuhause. Oder so. Ach, da muss ich noch mein Zimmer aufräumen. Oder … ach.

Naja, die NEON hat in Deutschland eine Auflage von über 200.000 Exemplaren. Ich werde mich höchstwahrscheinlich in der September-Ausgabe befinden (erscheint Mitte August), und bin schon mal selbst gespannt, wie es sein wird. Und wenn ihr euch das nun alle kauft, vielleicht bemerken sie dann, dass sie mich öfter in die Zeitung reinbringen müssen. Wobei …

Ich kann jetzt ganz ungeniert sagen, dass dies mein größter Erfolg in Medien bisher ist. Ich las bei einer Lesung meine Texte und bekam Anerkennung. Ich wurde in Tageszeitungen veröffentlicht und bekam Anerkennung. Aber die NEON. Das ist einfach sowas von bombastisch. Ein so großes Medientier hatte ich noch nie zuhause im Streichelzoo. Mein großer Durchbruch also? Als was. Ne. Nur ein wunderbares Ereignis. Ein schönes Geschenk für den schüchternen Egozentriker.

Und gerade der erste Satz in der ersten Nachricht von Annabel –

Gerade habe ich deinen Text „Führe mich sanft“ gelesen, den du 2007 auf NEON.de veröffentlicht hat. Er hat mich sehr bewegt!

– spornt mich wieder an. Am Buchprojekt weiterzuarbeiten und wieder vermehrt minimal literarisch zu schreiben. Denn das ist ja mein Ziel. Zu bewegen, in welche Richtung auch immer.

Eine Information, wann ich wo, wie zu finden bin, erhält ihr kurz vor Beginn der jeweiligen Ausgabe. Und so. Das wars. Pah. Überraschung! Hm.

Lebendig bleiben.

Manche wissen schon, wie sehr ich der düsteren Literatur des Michel Houellebecq verfallen bin. Seit mehr als einem Jahr lese ich ein Buch nach dem anderen, bin beeindruckt und geschockt. Und liebe jedes einzelne Buch. Sein kurzes Büchlein über die Dichtung hat mir zu denken gegeben. Gerade nach dem Tod meines Neffen und all meinen Erlebnissen.

Die Welt ist entfaltetes Leid. An ihrem Ursprungsteht ein Knoten aus Leid. Alle Existenz ist eine Ausdehnung und ein Zermalmen. Alle Dinge leiden, bis sie sind. Das Nichts erhebt vor Schmerz, bis das Sein erlangt: in einer furchtbaren Krise.

Die Wesen werden immer verschiedenartiger und komplexer, ohne etwas von ihrer ursprünglichen Art zu verlieren. Ab einem bestimmten Bewusstseinsniveau entsteht der Schrei. Aus ihm leitet sich die Dichtung ab. Und ebenso die artikulierende Sprache.

Die erste dichterische Handlung besteht darin, zum Ursprung zurückzukehren. Mithin: zum Leid.

Die Modalitäten des Leids sind wichtig; wesentlich sind sie nicht. Jedes Leid ist gut; jedes Leid ist nützlich; jedes Leid trägt Früchte; jedes Leid ist ein Universum.

Houellebecq beginnt so sein Buch. Und ich muss ihm nach all den Monaten, nach diesem Jahr einfach nur zustimmen. Erst heute, als ich meiner Mutter von dem bevorstehenden Interview erzählte, und ihr erklärte, warum gerade ich ausgewählt wurde, meinte sie. Dass du deine besten literarischen, deine bewegendsten, deine besten Texte stets in Zeiten der Trauer geschrieben hast. Und ich musste ihr zustimmen. Es war mir selbst aufgefallen, wie heftig leer die erste Woche nach dem Tod meines Neffen war. Und wie ich dann in meinen minimal literarischen Texten aufblühte. Seither, seit diesem Monat voll Geschichten, hatte ich nie mehr diese vollkommene Kreativität, dieses Können, diese Gedanken, diese sprachliche Schiene. Alles entstanden aus Leid.

Houellebecq meint, dass Dichtung, Literatur oder Kunst im Allgemeinen keinen Bestand hätte, wenn das Leid nicht den Künstler umhüllen würde. Eine beinahe heftige Aussage, denn ist es denn richtig, für die Kunst zu leiden. Sich in Situationen des Lebens zu stürzen um Leid empfangen zu können. Wohl kaum. Das Leid kommt und geht. Nach einem Tod. Nach einer Trennung. Denn auch die Trennung, das Ende einer Liebe bedeutet Leid. Man leidet, bemitleidet. Sich selbst vor allem. Aber auch das scheint seine Wirkung zu haben.

Lebendig bleiben. Ein schöner Titel für dieses Buch. Mit dem Ziel, lebendig zu bleiben, verschwende ich die Kunst. Ich lebe und verliere mich in Kreativitätslosigkeit. Manchmal, ein kurzes Aufblitzen, eine beinahe genialer Einfall, ein Geschenk. Und die Worte sammeln sich. Aber viel mehr lebe ich. Lebe in diesem Leben, welches durch Leid erschüttert wurde, doch das Leid nimmt nicht Überhand. Ich habe seit vielen Monaten nicht mehr geweint, wachse an meinen Erlebnissen, an meinem Leben. Jeden Morgen stehe ich mit einem Lächeln, mit Lebensfreude auf. Und hoffe, kein Leid empfangen zu müssen. Das Wichtigste, so scheint es mir, ist es, einfach lebendig zu bleiben.

Schwülheit vs. Sonnenstich.

Während am Mississippi unzählige Dämme brechen und Indonesien von einem Taifun heimgesucht worden ist, liegt hier in Österreich eine unnatürliche Schwülheit in der Luft. Das Thermometer zeigt zwar nur 28 Grad an, doch in dieser Nachmittagssonne sollte man wohl definitiv die direkte Sonneneinstrahlung verhindern. Sonst bekommt man neben einem deftigen Sonnenbrand auch noch einen wahrlich nicht lustigen Sonnenstich dazu.

Ich bin wieder zuhause. Nach dem netten Beisammensein und Grillen bei Elisabeth am Freitag und dem Dancing@2Parties gestern bin ich heute mehr als nur müde. Es sind wohl nur 8 Stunden, die ich seit Freitag geschlafen habe. Aber dafür war es wieder einmal ein erinnerungswürdiges Wochenende. Und alles in allem kann man sagen, dass der Sommer wohl hiermit begonnen hat. Mit Grillen am Lagerfeuer und Parties im Outback. Ein wirklich schönes Erlebnis.

Heute hätte ich ja eigentlich genug Zeit. Um mich auszuschlafen. Aber da meine Mutter übermorgen ihren fünfzigsten Geburtstag feiert, werden heute und wahrscheinlich morgen und auch noch darüber hinaus immer Gratulanten aufkreuzen. Ich, als schweigender Dummie [dammi] weiß von allem, darf aber ihr nichts davon erzählen. Und es ist, zugegeben, eine schwere Aufgabe. Ja, meine Mutter wird fünfzig Jahre alt. Und ich habe erwartungsgemäß keinen blassen Schimmer, was ich ihr denn nun schenken soll. Weiß irgendjemand, was sich fünfzigjährige Frauen wünschen?

Ich habe, trotz der heutigen Müdigkeit, dieses Wochenende so richtig an Energie getankt. Ich bin quietschefröhlich, erfreue mich an allem und möchte einfach nur noch sagen, dass dieser Sommer, laut Prognosen, einer der Coolsten meines bisherigen Lebens werden wird. Sagen wir einfach mal so.

Sommernacht.

Die Nacht ist lau. Wir alle sitzen um dieses Lagerfeuer herum und genießen das Zirpen der Grillen. Weniger als die Hälfte dieser Gruppe ist mir bekannt, nenne ich Freunde. Wir sitzen hier und lauschen dem Mond und den Sternen. Sprechen über Gott und die Welt und über uns. Manchmal kommen auch lustige Erinnerungen hoch, die wir miteinander hatten. Wir alle lernen uns kennen. Mit den einen mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft, und mit den anderen baue ich jedes Mal wieder dieses wunderbare Gefühl von Freundschaft auf.

Wir haben es uns nicht anders verdient. Diese Restwärme des schwülen Tages, diese gemütliche Wiese, dieser Platz. Und dieses Treffen. Organisiert von einem von uns. Nur, um ihre Freunde von weit weg zu sich zu holen und ihnen ihre besten Freunde vorzustellen. Wie großartig diese Idee, wie wunderbar die Umsetzung. Fast scheint es so, als wäre selbst das Wetter für diesen Abend, diese Nacht geplant.

Lange Gespräche, ein Witz, ein Lachen. Unmengen an Alkohol, die Wurst, die wir über dem Lagerfeuer grillen. Und von irgendwo weit her die Musik aus dem CD-Player. Die Stille und das ständige Gespräch und das Kennenlernen und das Anfreunden. Die Begegnung und. Ein Kuss. Ein Moment. Und Stille.

Für diesen einen Moment gehört die Welt nur mir allein.

And here I stand.

Ich habe versagt. Habe ein Versprechen, das ich dir gegeben habe, nicht gehalten. Ich habe dich nicht vor all den schlimmen Dingen auf unserer Welt beschützt. Ich war nicht da, in dem Moment, in dem du mich am meisten brauchtest. Ich war nicht da und wahrscheinlich werde ich mir dies auf ewig nicht verzeihen. Diese eine Nacht, diese eineinhalb Jahre, dieses Leben.

Ich wollte immer, dass es dir gut geht. Dein Lächeln bewirkte Wunder, du warst der Inbegriff des Mensch gewordenen Sonnenscheins. Und jetzt bist du weg und ich frage mich, ob es Absicht war, dass nun alle von dir sprechen, deinen Namen in den Mund nehmen und nach wenigen Worten schon befeuchtete Augen haben. Ich denke, dass die schlimmste Sache ist, wie du gegangen bist. Still und leise, sanft und ruhig. An etwas, wovon wir zuvor nur selten gehört hatten. One in a million, wie man so schön sagt.

Jetzt, immer noch, nach acht Monaten, treffen wir auf Leute, die von deinem Schicksal erfahren haben. Allerweiteste Bekannte kommen auf uns zu und rütteln die Erinnerung wach. Vergleichen unser Schicksal mit irgendeinem banalen aus ihrer Vergangenheit. Wollen einfühlend sein und zerstören doch viel mehr, als man glaubt. Aber das wissen sie nicht und ich will es ihnen nicht sagen. Ich bewege mich einfach weg von ihnen.

Und jetzt sitze ich oft da. Am Balkon, mit Blick auf den bewölkten Himmel, den Bach beim Rauschen zuhörend und eine Zigarette inhalierend. Und denke. An die Zeit danach. An deine letzte Umarmung. An dein Lächeln, deine kleinen Hände, deine Stimme. Deine Augen und unsere gemeinsame Zeit. Und ich kann es einfach nicht fassen, dass sie vorüber ist. Dass ich nie wieder mit dir über Betten hüpfen kann und wir nie wieder gemeinsam essen werden. Manchmal sitze ich auch in der Arbeit und erwische mich dabei, wenn in wenigen Sekunden die heftigsten Eindrücke auf mich einprasseln. Dann schüttle ich den Kopf und versuche zu entkommen.

Aber das ist es. Ich wollte immer, dass es dir gut geht. Vielleicht geht es dir jetzt gut, ich wünsche es dir. Niemand sonst hat es so verdient wie du. Du warst ein großartiger Freund und der wichtigste Teil unserer Familie. Warst ein Zauberer und doch nur ein Kind. Ein Baby, könnte man fast sagen.