Ansprüche. [19]

„Du hast zu hohe Ansprüche.“

Du bist nicht die erste Person, die mir das sagt. Ich überlege. Welche Ansprüche habe ich? Ein Mensch muss interessant sein, muss lieben können und gebraucht werden. Ein Mensch muss mir vertrauen können und ich ihm. Sind das denn all zu hohe Ansprüche, die ich an einen Menschen stelle, der nicht nur sein Bett sondern sein Leben mit mir teilen möchte?

„Du erwartest dir zuviel. Du erwartest, dass es wieder so passiert. Dass es wieder so romantisch sein wird, das langsame Heranbahnen, das Herzklopfen beim ersten Nebeneinander einschlafen, die kalten Füße beim ersten Kuss. So wird es nicht wieder. Und das ist einfach deine Wunschvorstellung und daran kann all das nur scheitern.“

Mache ich das wirklich? Erwarte ich zuviel? Ist der Wunsch nach ein bisschen Romantik etwa verboten? Es wird wohl wirklich nicht wieder so sein, weil Menschen anders sind und genau dieser Unterschied so wundervoll ist. Aber kann es nicht anders schön sein? Kann man sich nicht kennenlernen, sich in einem Gespräch verlieren und später in ihren Augen. Kann man nicht einfach einschlafen, neben diesem Menschen, und sich einfach nur wohl fühlen, dass er da ist und hier bei mir ist?

„Es läuft fast nie so ab. Nicht wirklich. Liebe ist kompliziert. Liebe ist jener Teil der Mathematik unserer Leben, den wir wohl nie verstehen werden. Liebe funktioniert nicht sondern sie passiert einfach. Auch wenn es kompliziert ist, und wenn auswegslose Situationen einen fordern. Aber bleibe nicht an dem Damals so hängen, sondern lasse neue Erlebnisse zu. Neue Eindrücke und neue Enttäuschungen. Das gehört dazu. So ist die Liebe.“

Vielleicht hast du ja recht. Vielleicht habe ich, womöglich vollkommen unbewusst, diesem Ideal nachgehangen. Habe die wesentlichen Dinge aus den Augen verloren, habe schablonenartig Erlebnisse verglichen. Ich möchte endlich mal wieder von neuen Eindrücken erdrückt und von Enttäuschungen auf den Boden geworfen werden. Möchte wieder einmal vollkommen glücklich einschlafen. Und endlich mal wieder kompliziert lieben.

Foto: Laura Mary | flickr

Vermissen. [18]

Manchmal, da schreibe ich Briefe. Ohne Empfänger. Ich schreibe sie, und wünsche mir, dass du sie bekommst. Dass du es erfährst. Ich will dich teilhaben lassen, an hier, an all dem, an mir. Will dir zeigen, was aus mir schon geworden ist. Möchte dir erklären, warum all das passieren musste. Aber all die Nachrichten kommen nicht an. Du hast keine Adresse mehr.

Doch manchmal, da falte ich die Zettel zusammen, stecke sie in ein Kuvert und lecke die ekelhafte Klebespur ab. Klebe es zu und werfe es in die alte Schuhschachtel. Dort liegen sie alle, wohlig versammelt, in trauter Einsamkeit. Dein Name ziert jedes Kuvert, aber du liest es nicht. Liest nicht meine Worte. Liest nicht mein Leben.

Und manchmal, da frage ich mich, ob du mich siehst. Ob du sehen kannst, was ich hier so erlebe. Ob du es spürst, wenn es mir mal nicht gut geht. Ob du weinst, wenn ich es tue. Ob du den Schmerz mit mir teilst und lachst, wenn ich schon Tränen der Heiterkeit in den Augen habe. Ob du immer noch da bist, irgendwo in meiner Nähe. Mir unsichtbar folgst, auf all meinen Wegen, durch all meine Träume.

Denn manchmal. Ja, manchmal. Da vermisse ich dich. Vermisse dich so sehr, dass kein Wort es je beschreiben könnte. Wenn der Kloß im Hals immer größer wird, und ich nichts mehr sagen kann, ohne meine weinerliche Stimme preiszugeben. Wenn ich Bilder von dir sehe oder Videos, oder wenn allein schon Gedanken oder Erinnerungen in mir auftauchen. Und die Tränen ihren Weg finden. Dann, ja. Dann vermisse ich dich. Oder wenn ich von dir rede, von unserer gemeinsamen Zeit, vom wundervollen Leben mit dir. Wenn ich lache, weil mir dein Lachen so nahe ist. Dann vermisse ich dich und bin unglaublich froh darüber, dich vermissen zu können.

Foto: j_chapple147, Flickr

Sturmwarnung. [17]

„Es soll Regen geben.“ Doch wir sitzen hier seit Stunden, trinken Wein und sind einfach nur am Leben.1 Der Wind rauscht durch die Bäume, reißt Blätter mit und macht auch vor unseren Haaren nicht Halt. Unaufhaltsam bahnt er sich den Weg, und ich sehe dich an. Es macht dir nichts aus. Du beobachtest die schwarzen Wolken, wie sich uns immer weiter nähern und bist erstaunt. Und vollkommen still. Es würde dir wohl auch nichts ausmachen, wenn es jetzt wild zu regnen beginnen würde. „Wir sollten gehen.“

Doch du bewegst dich nicht. Dieser Sommer, der innerhalb weniger Minute in Richtung Herbst abbog. Du saugst ihn auf, lässt ihn nicht los. Du blickst mich nicht mal an, als ich ein weiteres Mal versuche, dich von hier wegzulocken. Ich lasse mich zu dir nieder.

„Eine Sturmwarnung, siehst du.“, murmle ich noch, aber erwarte schon nicht mehr, dass du mich hörst. Du bist in deiner ganz eigenen Welt und kommst erst wieder zurück, wenn es dir genehm ist. Ich will dich nicht stören, will es aber doch auch spüren. Möchte versuchen, mit dir einzutauchen. Doch es geht nicht. Ganz hinten, am See, kommen schon die ersten Tropfen auf dem Wasser an.

„Komm, gehen wir!“, sagst du. Hüpfst auf, nimmst deine schon gepackte Tasche, drehst dich zu mir um, gibst mir die Hand. „Wir müssen weg hier.“ Und langsam tauchst du auch wieder heraus, aus der Stille. „Wunderschön, oder?“ – „Hm?“ – „Dieser Wechsel. Zuerst die Sonne und plötzlich diese düsterne Welt, diese dunkle Zeit.“ Du hast Recht. „Und der See, der plötzlich vollkommen still wird.“ Ich drehe mich um. Das war mir gar nicht aufgefallen. Aber du sagst die Wahrheit. So ruhig war er den ganzen Tag über nicht.

Die ersten Tropfen erreichen uns. „Komm, beeil dich.“, rufst du mir zu, ein paar Schritte vor mir mit dem Laufen beginnend. Und ich bleibe einfach mal stehen und genieße meinen ersten Sommerregen in diesem Jahr.

1 Juli – Tage wie dieser

Glauben. [16]

I

Gott. Pfft. Wie kann man nur an Gott glauben.
Wem sagst du das.
Ist doch vollkommen dumm. Eine schöne Ausrede. Ein feiger Zufluchtsort.
Mhm.
Als wolle man sich nicht wirklich mit dem Leben auseinander setzen. Als wolle man alles vorbestimmt sehen. Als suche man nach einer Unterstützung bei der Akzeptanz des Nicht-Akzeptierbaren.
Mhm.
Man kann doch nicht ernsthaft an einen Gott glauben, oder?
Nicht wirklich, nein.

II

Ich werde da meistens wütend. Wenn mir jemand von seinem Glauben erzählt und dass es so etwas wie einen gütigen Gott gibt.
Ich verstehe dich.
Wie kann man so etwas nur behaupten? Gäbe es so etwas wie einen gütigen Gott, wäre mein Leben anders verlaufen.
Mhm.
Einem unsichtbaren Nichts die Macht über unser Leben zu geben?
Nein.
Gott ist ein Arschloch. Gäbe es ihn.
Ein Arschloch, ja.

III

Glaubst du?
Ja.
Woran?
An die Liebe.
Du bist kitschig.
Nein, nein, du verstehst mich falsch.
Ach?!
Ja, die Liebe.

IV

Die Liebe also?
Mhm. Die Liebe, die jeder Mensch in sich trägt. An diese Liebe, ja, an die glaube ich.
Hm.
Und daraus resultierend an das Gute im Menschen.
Das Gute.
Mhm. Und daran, dass es keinen falschen Weg gibt. Dass wir uns durch unsere Entscheidungen dorthin tragen lassen, wo wir uns wohlfühlen. Wir können alles erreichen.
Ist das nicht naiv?
Glauben ist immer naiv. Aber ich liebe es, naiv zu sein.

V

Ich glaube, du hast recht.
Worin?
Ach, nur so.
Ist das nicht ein kleines bisschen naiv?


Es sind zumindest schöne Gedanken.
Und eine schöne Liebe.
Was?
Die unsere, du und ich. Ich glaube daran.
Für immer?
Nein.
Nicht.
Nur solange es sich gut anfühlt. Der Weg wird sich zeigen.

Foto: Jessica Lares, Flickr

Vernunft. [15]

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Tell you the story of who I am. [14]

„Du kennst mich nicht.“

Ich habe gelogen. In Wahrheit kennst du mich viel besser als alle anderen hier. So viele Zeit hast du mit mir verbracht, hast mir zugehört, als die Welt um mich herum einzustürzen drohte. Du hast mir die Hand gehalten, bist neben mir gesessen, als Tränen der einzige Weg waren, um mich vor dem unbändigen Schmerz zu beschützen. Du hast immer die richtigen Worte gefunden, hast deinen Arm um mich gelegt und unzählige Stunden damit zugebracht, einfach nur für mich da zu sein.

Du hast mich kennengelernt, mit all meinen Träumen. Hast sie niemals belächelt, sondern mich angespornt. Hast mir Mut gemacht und angestupst, wenn ich mich selbst nur zu gerne in Zweifeln zu verlieren sah. Und mit all meinen Makeln, die ich lange Zeit vergeblich vor dir zu verbergen versuchte. Du hast dich mit mir beschäftigt, hast mir gezeigt, dass es so vieles mehr gibt. Und dass niemand perfekt zu sein braucht. Denn erst diese Makel schaffen es, aus mir einen einzigartigen Menschen werden zu lassen.

Du bist mit mir wach geblieben, als mich der Schlaf nicht einholen wollte. Hast mit mir geredet, über Dinge, die ich nur selten als Gesprächsthema wähle. Hast nicht in Wunden gestochert, sondern mir endlich mal die Möglichkeit gegeben, es auszusprechen. Das Furchtbare, das Erdrückende mir von der Seele zu reden. Du hast es geschafft, dass ich mich weiterentwickle, dass ich beginne, mich selbst zu akzeptieren.

Ich habe mich dir geöffnet, habe mich verletzbar gemacht. Habe begonnen, dich zu lieben, dir zu vertrauen, dir nah zu sein. Habe mich schließlich auch abhängig gemacht.

„Du kennst mich nicht.“, wiederhole ich.

Und lüge. Denn in Wahrheit kennt mich niemand so wie du. Und vielleicht macht mir das am meisten Angst. Denn was, wenn du plötzlich nicht mehr da wärst? Wenn unsere Wege sich irgendwann trennen, wenn unsere Liebe sich in entgegengesetzte Richtungen entwickeln? Du kennst mich wie niemand anderer. Und liebst mich trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb. So etwas wie dich gibt es nicht so oft.

Und du. Und ich. [13]

„Liebst du mich?“
Diese eine Frage
Diese drei Worte
Und du. Und ich.

„Nein.“
Eine Antwort
Ein Faustschlag
Und du. Und ich.

„Ich brauche dich.“
Die Wahrheit
So ehrlich
Und du. Und ich.

„Ich kann es nicht.“
Das Aufgeben
Die Resignation
Und du. Und ich.

„Lassen wir es sein.“
Die Kapitulation
Der Abschied.
Und du. Und ich.

„Wir scheitern.“
Das Ende
Von du. Und ich.
Das Ende
Von uns.

Es fehlt hier jemand. [12]

Die Tür steht offen. Keiner denkt daran, sie zu schließen. Hier fehlt jemand, hier kommt noch jemand. So wie er all die Tage zuvor immer kam, kaum die Türklinke erreichend, tapsend auf dem knarzenden Boden. Wir können die Türe nicht schließen. Es fehlt hier jemand.

Und so steht sie offen. Die Menschen gehen ein und aus, kommen die Treppe hoch und verlieren sich in den Zimmern. Und übersehen beinahe das Loch, das dieser eine Mensch hinterlassen hat. Vergessen das, was geschehen war und uns alle zu anderen Menschen hat werden lassen. Zu lange Zeit ist es schon vorbei. Zulange Zeit fehlt hier schon jemand.

Die Tür steht offen. Und manchmal läuft er herein, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, mit seiner natürlichen Gabe, auch mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Und ich hebe ihn hoch und möchte ihn den anderen zeigen. Möchte ihnen zeigen, dass es ihm gut geht und dass wir nicht traurig sein sollen. Dann gehe ich, mit ihm auf dem Arm, durchs ganze Haus, hinaus in die Wiese, setze mich mit ihm hin und sehe zu, wie er voller Lebensfreude mit dem Ball herumläuft. Und niemand ist da, der es sehen kann. Ich bin ganz alleine mit ihm. Und dann wache ich auf und in solchen Momenten sind es Tausend Messerstiche, die mich in die Realität zurückholen. Diese Momente, die mich erkennen lassen, dass es nicht so ist, wie es sein sollte. Seiten Jahren fehlt hier jemand.

Und manchmal versuche ich, die Tür zuzustoßen. Um dem allen ein Ende zu setzen. Doch ich schaffe es nicht. Vielleicht ist noch nicht die richtige Zeit dafür. Vielleicht wird es sie aber auch nie geben.

Küchengedanken. [11]

abendessen zubereiten. an dich denken. lächeln.

ich könnte dir stundenlang zusehen.

so wie du da stehst. gedankenversunken, mit deinem zerzausten haar, mitten in einer andere welt, an dem ort, an dem du dich so gern mit dir triffst.

ich könnte dir stundenlang zusehen.

ganz bei der sache, konzentriert auf dein tun, ruhig, geerdet und meditativ. immer wieder die gleiche bewegung ausführend, rhythmisch, harmonisch, einem tanz gleich. unzählige wiederholungen, gleichmäßig, fließend, fast zärtlich. dein blick nach innen gerichtet, die welt um dich herum versinkt, du bist ganz bei dir und deinem tun.

ich könnte dir stundenlang zusehen.

wenn du dann langsam wieder auftauchst aus deiner welt, mich wahrnimmst und mir zulächelst. wenn wir gemeinsam weitermachen, du mich hineinnimmst in dein tun, wir miteinander da stehen, schweigend und einander nah, um letztlich dann das, was geworden ist gemeinsam zu genießen. lustvoll.

ich könnte dir stundenlang zusehen, wenn du gemüse schneidest und essen für mich kochst.

@nedo04 … schreibt Gedanken über das Leben … Gedanken mitten aus dem Leben … Geschichten über Menschen, denen sie begegnet … Texte, die sie gerne mit anderen teilt. Dazwischen immer wieder einen Espresso. Oder Zwei. Oder … ach, lassen wir das. (Okay, sie trinkt zu viele Espressi) – Nachzulesen sind ihre Texte auf  einem Blog mit dem Titel „Espressi around the world“ (what else….)