So wie du.

Wenn wir uns gegenübersitzen, das Glas oder die Tasse oder irgendetwas Unbeständiges in unseren Händen, die Blicke herumschweifend, mal treffend, mal ihr Ziel verfehlend. Und reden. Du über dich und du über mich und ich über dich und ich über mich. Und wir jedes Mal vergessen über dieses eine Etwas zu reden. Über uns. Über das Wir, dass wir beide sind.

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Und das schlaflos im Bett liegen, wenn Gedanken an dich mal wieder die Überhand nehmen, weil mein Herz und wohl auch mein Kopf nichts anderes zulassen wollen und die Nacht doch nur unnütz ist, wenn man den Großteil davon verschläft. Und ich aufwache, weil Gedanken an dich mich nicht mehr schlafen lassen wollen.

Ich genieße jede einzelne Minute, die wir miteinander verbringen, liebe unsere Gespräche. Du hast dich in den vergangenen Tagen und Wochen zu einer unglaublich wichtigen Person für mich entwickelt hast. Und ich würde dir gerne sagen, wie wichtig du mir bist und dass mein Herz dich gerne mal in seine Arme schließen möchte und dass du und ich, wir beide, ein tolles Wir abgeben.

Und dann höre ich etwas, das meine Gefühle in den vergangenen Monaten auf den Kopf zu stellen wagt, will nicht glauben und kann nicht verstehen. Und diese Stimme in mir, die behauptet, dass so falsch ich nicht liegen kann und dass irgendetwas ja doch nicht stimmt. Und in Wahrheit möchte ich nur, dass du siehst, was für ein Mensch ich bin. Dass du siehst, wie sehr ich mich um dich sorge, wie viel du mir bedeutest. Will, dass du bemerkst, dass ich etwas Besonderes bist. So wie du.

St. Pölten. [Ein Spaziergang]

Beim Stöbern durch mehr als 5 Jahre Neon|Wilderness bin ich irgendwann auch wieder einmal auf das Projekt „Like I’m Home“ gestoßen. Die besten Plätze von daheim. Von da, wo ich aufgewachsen bin und eine großartige Zeit erlebte. Aber zuhause ist nicht unbedingt da, wo ich herkomme. Sondern genau dort, wo ich mich wohl fühle. Und das ist gerade (und mit großem Abstand) St. Pölten. Am heutigen (freien) Samstag habe ich mir dreieinhalb Stunden Zeit genommen, mal quer durch die Stadt zu spazieren.











Und du.

Foto: bebo82 | Flickr

Und dein Lächeln, das ich jedes Mal wieder so sehr genieße, und mir wünsche, dass du es genau in diesem Moment nur für mich offenbart hast. Und die Gespräche, die wir führen, als würden wir uns schon ewig kennen und die Stille, wenn dieses eine Lied in der Playlist irgendeines Lokals auftaucht. Und dein Blick, der mich jedes meiner Worte beraubt und mich plötzlich so furchtbar angreifbar macht.

Und die Ungewissheit, die mich seit Wochen an nichts anderes mehr denken lässt und mich Pläne schmieden lässt, die meinem fehlenden Mut nur allzu gerecht werden. Und die mich bis in meine Träume verfolgt, wo plötzlich alles so einfach, und deine Nähe so wunderbar ist. Und der erste Wimpernschlag am Morgen, der mir weismachen will, dass all das eben doch nicht passiert ist.

Und mein verträumter Blick ins Nirgendwo, wenn ich plötzlich wieder versuche, aus dem Jetzt zu verschwinden. Und ich mich wiederfinde, irgendwo mit dir und ich nur darauf warte, bis diese Seifenblase zerplatzt und ich mit einem Lächeln zurückkehre zur Realität und ich mir wünsche, das alles bitteschön so einfach sein soll.

Und ich in diesem Auf und Ab an wünschenden Gedanken und zermürbenden Zweifeln und der Angst, dass all das doch nur Einbildung ist. Und doch wieder die Abende mit dir, die zu Nächten oder zu Morgen werden und die letzten Tage und Wochen zu den Schönsten, Besten und Erinnerungswürdigsten seit Jahren haben werden lassen.

Und dieses eine Gefühl, das ich nach so langer Zeit wieder einmal fühle und die Hoffnung, dass es dieses eine Mal wahr wird. Und die Schmetterlinge in meinem Bauch und das fast schon ungesunde Lächeln auf meinem Gesicht und das Gefühl, genau jetzt, genau hier richtig zu sein. Ich habe mich verliebt. In dich. Ich wünschte, du weißt das.

Heimat.

Frühling. 05022011

In den vergangenen paar Tagen, zum Nachdenken nahezu prädestiniert dazu, kam mir immer wieder das Wort „Heimat“ in den Kopf. Heimat und dass es so etwas womöglich gar nicht gibt. Keinen fixen Ort, kein Haus, in das man immer wieder zurückkehren kann. Nicht das Haus, in dem man aufwuchs, in dem man das erste Mal aufs Töpfchen ging, mit Freude das erste „Sehr gut“ und Jahre später mit Tränen das erste „Nicht Genügend“ nach Hause brachte. Das Haus, in denen man das erste Mal Sex hatte, das für wenige Tage mal der wunderbarste Ort der Welt war, als unzählige Freunde und ich ohne Sorgen übers Morgen einfach so in den Tag hineinlebten und mit Decken die große Wiese mit Leben füllten.

Bis vor wenigen Wochen war Heimat dieses eine alte Haus, auf dessen Türbogen „1862“ prangt und dessen dicken Wände mir immer wieder Träume von Menschen, die darin wohnten, ermöglichten. Heimat waren für mich meine Eltern, die Teil dieses Zufluchtortes waren, mein Zimmer, das nach all den Jahren nichts Geordnetes, nichts „Erwachsenes“ beinhalten durfte. Heimat war es, früher mit dem kleinen Eimer die Haselnüsse einzusammeln, oder meiner Mutter im Gemüsebeet mehr oder weniger behilflich zu sein. Egal was passierte, egal was ich angestellt habe, oder was mir angetan wurde. Hierher konnte ich kommen, konnte zuhause ankommen und in diese eine, geschützte, in diese meine Welt eintauchen. Hinter mir die Türe schließen und war plötzlich wieder sicher.

Vielleicht lacht ihr jetzt, wenn ich euch sage, dass ich die vergangenen Jahre, seit ich studiere, fast jeden Tag meine Eltern angerufen habe. Dass wir diesen einen verdammten Smalltalk führten, den ich normalerweise so sehr hasse, und dass wir uns manchmal auch auf wirklich wichtige Gespräche eingelassen haben. Ein Stückchen Heimat übers Telefonnetz. Ein verzweifelter Versuch, nicht loslassen zu müssen. Irgendwann, in den vergangenen Wochen, habe ich damit aufgehört. Habe mein Handy liegen lassen. Weil ich mich wohl zum ersten Mal auf dieses neue Leben, auf St. Pölten eingelassen habe, auf meine Reisen nach Wien oder zurück in diesen kleinen Ort, von dem ich mich damals aufmachte. Weil ich seit Jahren wieder einmal so etwas spüre, was ich als Leben bezeichnen möchte. Als bedingungsloses Leben, als ein Eintauchen, in das, was mich durch und durch glücklich macht.

Wien musste unter meinem Wunsch nach Heimat leiden, und ich mit ihm. St. Pölten war das komplette Gegenteil und doch nicht das Richtige. Erst in den letzten Monaten, in denen ich 90 Prozent meiner Zeit in dieser kleinen Stadt, weitab von dieser ominösen „Heimat“ verbrachte, mit zwei großartigen Freunden als die wohl besten Nachbarn. Und einem wachsenden Freundeskreis drumherum, mit Lokalen, in denen man bis 4 Uhr früh sitzen konnte, und Lebensmittelgeschäfte, die uns sogar bis 22 Uhr eine 50er-Packung Frühlingsrollen verkaufen. Und dann komme ich das erste Mal seit Wochen wieder zurück von St. Pölten und fühle es. Dass es das war.

Das mit diesem einen Mal das kleine imaginäre Schildchen über der Tür, dieses „Heimat“, nicht mehr hier ist. Dass es für mich nur mehr Unterkunft, und nicht mehr Zufluchtsort ist. Meine Eltern mir nicht weniger wichtig geworden sind, aber das Leben drumherum viel wichtiger. Warum ich immer wieder hier zurückkehre? Für die wenigen Tage, die ich gemeinsam mit meinen Eltern verbringe, für die vielen Abende, die ich mit meinen Freunden erlebe. „Heimat“ ist das nicht mehr, nur mehr ein Zwischenstopp.

Das Schildchen findet man jetzt übrigens nicht plötzlich vor meiner Wohnungstür in diesem Studentenheim. „Heimat“ hat nicht einfach nur den Ort gewechselt. Sie hat eine Art Evolution durchlebt, hat sich von etwas Örtlichem zu einem Gefühl entwickelt. Wenn ich mit Freunden am Boden sitze, eine Flasche Bier in der Hand, eine Zigarette in der anderen, Gespräche über Gott und die Welt und über uns (mit all unseren Einzelheiten), wenn wir stundenlang kochen, gemeinsam einkaufen oder durch leere Straßen schlendern. Das ist für mich Heimat. Oder wenn ich mit einer ganz gewissen Person treffe, mich mit ihr unterhalte, ihr nah bin. Genau das ist Heimat.

Heimat ist für mich dieser imaginäre Ort, an dem ich ganz einfach ich sein kann. Ohne mir irgendwelche Gedanken machen zu müssen, ob ich hierher passe. Heimat ist die Nähe zu geliebten Menschen. Heimat ist das Ende der Selbstaufgabe. Heimat ist genau dieser Frühling hier. Heimat ist Liebe.

Better way.

Auch hier draußen bekomme ich nicht viel mit. Irgendwann pendelt sich auch das Tempo zwischen den Sargträgern und mir, dem Kreuzträger, ein. Wir gehen den Weg entlang, vorbei am Supermarkt, der Bank, vorbei an der Durchzugsstraße unseres Dorfes, welches von der Feuerwehr kurzzeitig abgesperrt wurde. Und, als wolle irgendwer uns noch ein Schnippchen schlagen, bleiben wir schließlich vor den sich schließenden Bahnschranken stehen. Niemand redet miteinander, wir hören ihn herannahen, ich versuche zu erraten, aus welcher Richtung er kommt. Die Schranken öffnen sich. Jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zum Friedhof.

Unter uns sind Familienmitglieder, die von Timi so wenig wie möglich mitbekommen haben. Cousinen, die ihn ein oder zwei Mal gesehen haben, oder Großväter, die sich nur bedingt für Sohn und Enkelsohn interessierten. Es sind die falschen Leute hier, denke ich mir, als ich das Kreuz ans Grab lehne und mich umsehe. Mein Blickfeld wird wieder größer, ich sehe den Nebel in der Ferne, spüre die Kälte. Irgendwann ist all der Fokus auf meine Schwester gerichtet. Sie hat die Aufgabe – zu welcher Zeit auch immer – den angebundenen Luftballon in Herzform vom Sarg zu lösen. Unter den Klängen von Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“, welches sich in diesem Tag von einem der schönsten, zu einem der furchbarsten Lieder entwickelt. Eine Cousine durchbricht schon wieder den nötigen Abstand, dringt zu meiner Schwester durch, steht heulend neben ihr. Sie weiß wenigstens, was sie tut, lässt die Cousine links liegen, bis diese selbst bemerkt, dass sie fehl am Platz ist. Heute gibt es nur eine, die ihr Kind verabschiedet. Und diese Möglichkeit gehört ganz ihr allein.

Der Luftballon steigt hoch, und, das überrascht uns alle, ist trotz des Wetters noch lange Zeit zu sehen. Gerhard kommt auf uns zu, meint zu mir „Er fliegt Richtung Osten. Osten bedeutet Hoffnung.“ Hoffnung worauf? Dass Timi morgen wieder quietschlebendig hereinspaziert und unser Leben auf den Kopf stellt? Hoffnung darauf, dass wir schnell vergessen können? Hoffnung darauf, dass das alles irgenwann ein Ende nimmt? Mir fehlt jeder Glaube an Hoffnung in diesem Moment.

Langsam wird der Sarg runtergelassen, langsam verschwindet Timis Körper in diesem Loch. Die Menschen werfen Rosenblätter nach, und Spielsachen. Wir wollen ihn nicht unter Erde begraben, sondern mit bunten Blättern bedecken. Ich bin unter den Letzten, will mich ja nicht aufdrängen, nehme mir Zeit. „Auf Wiedersehen, Timi.“ Und suche mir anschließend eine kleine Mauer, einen stillen Ort und weine. Weine zum ersten Mal seit Tagen. Nicht viel, nur wenige Tränen, meine Eltern und Gerhard, unser Pfarrassistent, kommen auf mich zu. Bemerken schnell, dass ich gerade niemanden brauche und schließlich doch jeden. Meine Mutter umarmt mich, mein Vater und Gerhard meinen noch einmal: „Hast du gut gemacht.“ und „Lass es raus.“ Hier ist sie, die Trauer. Hier ist es, das Ende einer furchtbaren Woche, der Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Das Begräbnis ist Geschichte, hat funktioniert. Ich habe funktioniert. Aber das brauche ich jetzt nicht mehr.

Meine Schwester bittet, mit einigen Freunden nach Hause fahren zu können, um zu reden, um zusammen zu sein. Deshalb fahren meine Eltern und ich zu meinem Onkel und meiner Tante, die für die Verwandtschaft, die von weiter her kommt, vorgesorgt hat. Trinken Bier, Wein, Wasser, reden über Timi, über das Begräbnis, ich bekomme Lob. Immer wieder die Worte: „Du hast das gut gemacht“, „Einen besseren Bruder kann man sich nicht wünschen“, „Wir sind stolz auf dich“. Hohle Phrasen. (1) Ich habe es nicht deshalb getan und würde mich dafür hassen, wenn das der Grund gewesen wäre. Ich habe es für Timi gemacht, für meine Schwester, meine Mutter. Dass der Text andere berührt, ist okay. War aber nicht Voraussetzung. Ich habe das getan, was in meiner Macht stand, habe mich etwas übernommen, aber das passt schon so. Die Stimmung im wenige Kilometer von zuhause entfernten Haus meiner Verwandten ist überraschend lebendig. Zwar wird immer mal wieder über all das geredet, aber es scheint, als habe das Begräbnis auch meinen Eltern einen Punkt ermöglicht. Vorerst zumindest.

Stunden später kommen wir nach Hause. Sitzen noch gemeinsam im Wohnzimmer, sehen fern, manchmal gehe ich eine rauchen. Irgendwann kommt eine Freundin meiner Schwester von ihrem Zimmer herunter, erzählt die Geschichte. Dass meine Schwester etwas trinken wollte, den Schmerz sozusagen mit Alkohol betäuben, und irgendso ein bescheuerter asozialer Mistkerl jetzt ernsthaft versucht, meine Schwester am Tag des Begräbnisses ihres Sohnes anzumachen. Ich, von Grund auf nicht der mutigste Typ, erzähle auch meinen Eltern davon, und wage schließlich doch den Weg hinauf. Bitte ihn heraus, erkläre ihn für vollkommen gestört und bitte ihn zu gehen. Mehrfach, bis er es schließlich einsieht. Das musste nicht sein und das hätte auch nicht so sein sollen. Aber kann man hier irgendjemandem, außer diesem Arschloch, einen Vorwurf machen?

Während die Welt schon wieder die Rückkehr zur Routine fordert und nur mehr der kommende Sonntag vor den Banalitäten des Alltags schützt. Während rundherum die Welt zusammenbricht, ein Kind zu Grabe getragen wurde, ein Luftballon gelöst. Während man stets versucht Haltung zu wahren und jetzt an einem Punkt angekommen ist, wo es einfach nicht mehr geht. Hier kann man niemanden einen Vorwurf machen. Nicht heute, nicht jetzt. Wohl nie.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel., 03.11.2007

Walk away.

Als ich aufwache, weiß ich, was heute passieren wird. Sechs Tage sind vergangen, seit ich diesen einen Anruf von meiner Mutter in der Zivildienststelle erhalten habe. Sechs lange Tage, in denen ich manches Mal über mich selbst hinausgewachsen bin, und doch wieder jene Momente hatte, die mir zeigten, dass ich eben auch nur ein Mensch bin. Heute wäre der große Tag, das Begräbnis. Eine Kirche voll mit Leuten, bis auf den Rand alles besetzt. Ich habe nicht gut geschlafen. Wie hätte ich auch. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag. (1)

Irgendwann dusche ich mich, und ziehe diesmal nicht den beinahe schon ausgeleierten schwarzen Pulli an, sondern meinen Anzug. Gleich würde es soweit sein, aber hier, in diesem Haus, mit einer hektisch herumlaufenden Mutter, und einem Vater, der die letzten Tage schon in Trance verbracht hat. Ich muss hier raus, und fahre zu Timis Eltern. Irgendwann stehen wir vor der Kirche, sehen den Strom, der unentwegt in das große Gebäude im Ortszentrum hineinzieht. Manche bemerken mich, kommen her. Auch meine beste Freundin und ihre Schwester, die selbst in Tränen ausbrechen, während sie mich umarmen. Ich weine nicht. Meine Familie und ich gehen erst in die Kirche, als der Strom vorbei ist. Hinten stehen schon die Leute, die Plätze sind gefüllt, auf der rechten Seite sehe ich noch eine Reihe mit Freunden. Ansonsten sehe ich nichts. Setze mich neben meine Eltern, auf den linken Rand der linken Sitzreihen. Die zusammengefalteten Zettel in meiner Sakkotasche krame ich immer wieder hervor, nur um sicher zu gehen, nichts vergessen zu haben. Manchmal reiche ich meinen Eltern oder meiner Schwester Taschentücher aus meiner anderen Sakkotasche. Aber ich weine nicht. Ich zittere nur, wie ich es schon immer getan habe. Zittere leise vor mich hin und glaube, zusammenbrechen zu müssen.

Gerhard, unser Freund und Pfarrassistent, hat berührende und sehr persönliche Worte gefunden, irgendwann kommen die Fürbitten, die ich mit fester Stimme vortrage. Es ist so unruhig still hier. Später teilen noch die Arbeitskollegen meiner Mutter an alle Besucher des Begräbnisses Buttons aus. Buttons mit einem Schmetterling; nicht als Erinnerung an diesen Tag hier, sondern in Erinnerung an diesen kleinen Jungen. Dann die Worte von Timis Taufpatin und schließlich mein Text. Jenen Text, den ich nur einen Tag nach Timis Tod geschrieben habe. Jenen Text, um den mich meine Schwester und meine Mutter gebeten haben. Zitternd gehe ich die wenigen Treppen hinauf zu jenem Platz, wo normalerweise immer die Lesung vorgetragen wird. Hinter mir ist es still, niemand hustet, vereinzeltes Schluchzen.

„Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.“

Beginne ich und bin einfach nur froh, es doch zu wissen. Zwei A4-Zettel voll Worte, die ich nicht an die Gäste hier richtete. Ich blicke blind in die Menschenmasse, kann keine Gesichter entdecken, und richte viel öfter die Worte an den Sarg, der nur etwas neben mir steht.

„(…) Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können, wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst. (…)“

Manchmal habe ich das auch getan. Habe versucht, ihm den „kleinen Prinzen“ vorzulesen, bis ich bemerkte, dass er davon zwar vieles, aber eindeutig nicht müde wurde. Und ich ihn dann am Kopf streichelte, bis er neben mir, im Bett seiner Großeltern, eingeschlafen ist. Manchmal habe ich das auch getan und würde es so gerne wieder tun.

„(…) Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. (…)“

Das sind wohl die treffendsten Worte. Es war ein Flügelschlag und du warst nicht mehr da. Hast dich aus dem Staub gemacht, ohne auch nur einmal Lebewohl zu sagen. Hast mich, uns, hier zurückgelassen und einfach so aufgehört zu atmen. Wie konntest du nur?

„(…) Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.“

Beim letzten Satz, mit Blick auf den Sarg, versagt beinahe meine Stimme, sie wird etwas weinerlich. Beende den Satz und ernte wieder Stille. Nur das Schluchzen meiner Schwester und jenes erbitterte meiner Mutter. Auf dem Weg zurück blicke ich in ihre Gesichter, kann nicht lange hinsehen, mein Vater, mit verheultem Gesicht, klopft mir auf den Oberschenkel. „Gut gemacht.“ Ich höre mir „Tears in Heaven“ an, ein Lied, über den Tod eines Kindes, am Begräbnis eines eben solchen. „Would you know my name, if I saw you in heaven?“ Innerlich muss ich lachen. Weil ich mich erinnere, wie ich ihm immer wieder vorsagte, wie sein Name war, und wie der meine lautete. Sagen konnte er ihn jedoch nie. Würde er denn meinen Namen kennen?

Irgendwie hat es sich so ergeben, dass ich die Aufgabe bekomme, das Holzkreuz, jenes, was für die kommenden Monate unser Familiengrab schmücken würde, zu tragen. Während hinter uns der Trauerzug aus dem familiären Umfeld zum Friedhof geht. Ich halte es vor mir, halte es etwas hoch. Der daran festgemachte Teddy, die mit Draht befestigten Schmetterlinge. Mir läuft Gänsehaut über den Rücken, als sich die gesammelte Kirche erhebt, als, ich mit dem Kreuz voran, meine Onkels und Cousins mit Timis Sarg dahinter, langsamen Schrittes die Kirche verlassen. Ich erkenne keine Gesichter, erkenne niemanden, und lebe die kommenden Minuten weiter in meiner ganz eigenen Welt.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel., 03.11.2007

Route.

Als ich es schaffe, wieder richtig auf die Beine zu kommen, sammle ich noch all meine anderen Dinge vom Boden auf. Hier hat irgendetwas gewütet und selbst jetzt brummt mein Kopf noch wahnsinnig. Wo – verdammt – bin ich hier nur gelandet. Wer war dieser ominöse Mann und wie komme ich jetzt nach Hause.

Ich krame schon wieder nach dem Telefon, will irgendeinen meiner Freunde anrufen. Die könnten mir wohl schon sagen, worum es geht. Doch das Adressbuch ist leer, alle Nachrichten gelöscht. Und das Guthaben, so erfahre ich, als ich die Auskunft anrufen möchte, ist auch alle. Ich kann also nur angerufen werden, aber es weiß doch niemand, dass ich gerade jemanden brauche.

Ich bin irgendwo außerhalb der Stadt gelandet, viel zu ländlich hier. Der Baum, der mir die Nacht über Schatten gespendet hat, rückt schön langsam in den Hintergrund, als ich mich, guter Zuversicht, auf den Weg mache. Wohin? Ich weiß es nicht. Immer wieder blicke ich mich nach diesem Typen um, oder zumindest nach Kameras. Ich werde beobachtet. Und will eigentlich einfach nur mal wieder gemütlich in mein Bett fallen.

Möchte einfach mal wieder die Zeitung durchblättern und nach Morden und Vergewaltigungen durchsuchen. Das ist meine Bestimmung, das ist mein Tick. Sonst will ich gar nichts. Telefon.

– „Hör auf, dir Gedanken zu machen.“
„Hm?“
– „Du bist gedankenverloren. Konzentriere dich.“
„Oh-… ok. Aber kann mir mal jemand erklären …“

Wieder der misstrauische, umherschweifende Blick. Ich bleibe stehen. Warum war ich eigentlich hierher gekommen? Da kam es mir wieder. Ich kenne den Baum. Hier bin ich schon einmal aufgewacht, mit diesem violetten Fahrrad. Und … und jetzt wollte ich herausfinden, worum es eigentlich geht. Telefon.

– „Und?“
„Das ist der richtige Weg.“
– „Eben.“

[Zu den bisherigen Teilen der Fortsetzungsgeschichte]

Reason to mourn.

Jetzt ist es schließlich soweit. Keiner hält es mehr wirklich zuhause aus, will weg. Von den kleinen Fingerabdrücken, die Timi noch Tage zuvor auf dem Backrohr hinterlassen hat, von den unzähligen Kerzen, die beinahe schon altarartig um einige wenige Bilder aufgestellt wurden. Ich bin froh, als mein Vater mich fragt, ob wir gemeinsam durch halb Oberösterreich fahren. Parten austeilen, reden, weinen. Zu unseren Verwandten und unseren Freunden.

Auch meine Schwester sucht wieder den Kontakt. Hat Freunde um sich, sucht Nähe, Hilfe, will nicht mehr allein sein. Wir fahren zuerst nur wenige Kilometer, zu einem meiner Onkel, überreichen die Parte, reden, weinen. Ich bin meistens der ruhende Pol in dem Ganzen, füge Worte hinzu, wo sie meinem Vater manchmal ganz einfach fehlen. Kann die vergangenen Tage minutengenau beschreiben, weiß, wann was passierte. Und natürlich auch, wann was passieren wird. Wir bitten ihn, seinen Sohn, einen anderen Onkel und dessen Sohn, gemeinsam Timis Sarg von der Kirche bis zum Friedhof zu tragen. Natürlich lehnen sie nicht ab. Und vielleicht wissen wir selbst auch gar nicht, was wir hier von ihnen verlangen. Ein Kind zu Grabe tragen ist, selbst wenn es nicht das Eigene ist, eine Folter. Eine Folter der ganz besonderen, psychisch und physisch furchtbar belastenden Sorte.

Schließlich geht es hoch in den Norden Österreichs, zu einer Tante, einem Onkel und meiner Großmutter väterlicherseits. Einige Male muss meine Tante ihr erklären, was mit Timi passiert ist, immer wieder ist sie erschrocken und scheint doch nicht zu verstehen. Minuten später hat sie es schon wieder vergessen und fragt, wie es meiner Schwester mit ihrem Kind gehe. Nach einigen Versuchen geben wir auf. „Es geht ihm gut.“ Und hoffen es und halten es beinahe nicht mehr aus. ‚Es geht ihm gut.‘ hallt es noch einige Zeit in meinem Kopf nach, die Gespräche während der stundenlangen Autofahrten beschränken sich auf einige wenige Worte, manchmal hören wir Georg Danzer, manchmal keinen Radio. Denken nicht daran, was kommen wird und wollen vergessen, was zuhause gerade abläuft. Bei seinen Freunden, die er normalerweise jede Woche sieht, kann er nur weinend die Hände vors Gesicht halten, während sie ihm eine Umarmung schenken, und mir, dem nicht weinenden Sohn einen Schulterklopfer und eine Beileidsbekundung erbringen.

Im Laufe des Tages, am Vormittag und auch am Abend war ich drei oder vier Mal wieder in der Kirche. Habe gewartet, bis sie leer war, bevor ich mich reinsetzte. Habe versucht, leiser zu atmen, habe minutenlang die weißen Wände der Kirche betrachtet. Das Bild Timis, die unzähligen Kerzen, die zu seinem Ehren angezündet worden sind. Und auch wenn Gott ein Arschloch ist, sollte er überhaupt existieren, die Kirche, der Ort, diese Stille. Sie bringt den nötigen Rhythmus rein, sie gibt mir Halt, einen Zufluchtsort. Sie zeigt mir, wie es ist, ohne Sorgen zu sein. Ohne dem Druck, den ich mir selbst auferlegt habe, in dieser einen Situation, der schwersten in meinem bisherigen Leben, zu funktionieren. In der Kirche muss ich nicht funktionieren, kann meinen Tränen freien Lauf lassen, kann auch mal ganz einfach zusammenbrechen, wie man es eigentlich nur aus Telenovelas kennt. Hier ist der Platz meiner Trauer, und hier soll er auch bleiben.

Und manchmal bin ich anschließend auch zur Leichenhalle gefahren, habe die große Türe verschoben und mich kurz reingestellt. Mir immer wieder das Bild und die Parte, den Sarg und die unzähligen Spielsachen angesehen. Habe mich darüber geärgert, dass die Kerzen hier elektronisch sind und dem Ganzen irgendwie das Flair nehmen. Diese Momente werfen mich immer wieder zurück zu diesem einen Tag, an dem wir seinen Leichnam noch einmal sehen durften. Das Bild läuft dauernd vor meinem geistigen Auge ab. Seine blasse Haut, die überschminkten, aber sichtbaren schwarzen Flecken in seinem Gesicht, die Haut, die sich wie mattes Porzellan anfühlte. Sobald irgendjemand anderer bei der Tür hereinblickt, gebe ich der Person die Hand, erhalte Beileid oder spende es selbst und haue ab. Will einfach nur weg hier von dem Platz, halte es nicht aus, wenige Meter entfernt vom toten Körper meines Neffen zu stehen.

Am Abend fahren meine Mutter und ich gemeinsam zu meiner Großmutter. Jene, die nur wenige Kilometer entfernt wohnt und welche als eine der Ersten davon erfahren hat. Immer noch hat sie ihr baumwollenes Taschentuch in Griffweite liegen, fragt nach dem Warum und wischt sich Tränen aus den Augen. Abwechslung bietet mein Cousin und seine Frau. Und auch Sebastian, deren Sohn, der es, nachdem er seine ersten kindlichen Ängste vor dem bärtigen, haarigen Brillending ablegte, mich als Spielkumpanen ins Herz geschlossen hat. Ein Jahr, bevor Timi das Licht der Welt erblickte, stieß Sebastian in unser aller Leben. Und auch heute, obwohl er scheinbar die verspannte Situation erkannte, fordert er mich auf, mit ihm zu spielen.

Eigentlich will ich nicht. Will nicht wieder Kinderspielsachen in die Hand nehmen und will nicht irgendetwas Lustiges spielen, weil die Welt ganz einfach nicht lustig ist. Aber ich ringe mich dazu durch, setze mich zu ihm auf den Boden, räume seine Spielebox aus. Und auch er weiß damit richtig umzugehen. Schenkt mir ein Lächeln nach dem anderen, lacht über meine bemühten Witze, schmiegt sich an mich. Auch wenn es wohl das melancholischste Spielen aller Zeiten war, hat es mir doch so einiges gebracht.

Morgen wird Timis Begräbnis sein. Viele Menschen werden kommen. (2) Im Grunde genommen habe ich nicht daran gedacht, obwohl ich keine Chance hatte, darauf zu vergessen. Mein Text ist gedruckt, meine Fürbitten ebenso, der Ablauf bekannt, die CD gebrannt. Xavier Naidoo wird singen, und auch Eric Clapton kommt vorbei, Herbert Grönemeyer singt über den „Weg“. Alles ist bereit. Außer mir. Der Anzug, das Hemd, die neue schwarze Krawatte hängen bereitwillig in meinem Zimmer, die Kerzen sind schon wieder angezündet. Gute Nacht, Timi. Ich muss schlafen, ich denk an dich und hoffe, dass du morgen stolz auf mich bist.

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(1) Etwas Ablenkung., 02.11.2007

Whipping boy.

Als ich meine Augen öffne, ist der eindeutig beschissenste Tag für Menschen wie uns, die gerade ihre schlimmste Zeit durchmachen müssen. Allerheiligen, wenige Tage, nachdem ein eineinhalb Jahre altes Kind die Augen für immer schließen musste, das passt ganz einfach nicht ins Konzept. Ein normaler Tag am Friedhof würde es wohl nicht werden.

Wir, meine Familie, wie so wohl nur in diesen wenigen kommenden Wochen bestehen würde, haben beschlossen, wieder einmal in die Leichenhalle zu sehen. Der Sarg wurde geschlossen, gestern, von meiner Schwester. Nachdem wir ihn alle noch einmal sehen konnten, ich ein letztes Mal seine Spieluhr aufzog und ihm einen Kuss auf den eiskalten, puppenartigen Kopf gab. Wir würden an keinem Grab stehen sondern unser Entsetzen in kleiner Gruppe teilen. Abschied nehmen in einer ungeahnten Härte. Der Schmerz. Dieser nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.(1)

Meine Mutter, die immer und immer wieder die kleinen Hosen und Shirts von Timi zusammenlegt. Immer und immer wieder, sie wieder auseinander reißt, und es noch einmal versucht und weint. Das Wetter passt zu unserem Leben, der Nebel setzt sich für lange Zeit fest, eisige Kälte, ein unaufhaltbarer Wind zieht vorbei und ich möchte mich fallen lassen, möchte mich vom Wind davon tragen lassen, möchte einfach nicht da sein. Dieser Schmerz lässt mich taub werden, und ich vergesse schon wieder auf mich selbst.

Jetzt ist wohl auch keine Zeit dafür, etwas auf sich zu achten. Ich werde gebraucht und auch wenn die Last wohl kaum vorstellbar ist, versuche ich sie gut zu meistern. Während meine Eltern und meine Schwester, meine Oma und irgendwie mein gesamtes Umfeld in eine Art Koma verfallen ist, treibe ich mich selbst immer wieder an. Lasse es nicht geschehen, dass etwas ungeschehen bleibt. Das bin ich nicht gewohnt von mir, und es war wohl auch noch nie, dass ich so sehr gebraucht wurde.

Immer und immer wieder lese ich mir meinen Text durch, den ich geschrieben habe. Diesen einen Text, den ich in zwei Tagen am Begräbnis vorlesen würde. Mein Herz pocht, in Gedanken an diesen Moment. Und ich zittere wieder. Zum weinen ist keine Zeit mehr und dann tippe ich auch noch die Fürbitten in den Computer. Wie würde es wohl sein, einem Menschen, dem wohl wichtigsten Menschen meines bisherigen Lebens, diese zwei A4-Seiten zu widmen, nur mit ihm zu reden und ihm vor versammelter Menschenmasse, die nun trauern oder nur Mitleid zeigen wollen, mein Herz ausschütte. Ich weiß es nicht, und ich kann es mir auch nicht einmal ausmalen, wie es denn wirklich werden würde.

Nachdem die Pseudofriedhofsbesucher abgezogen sind, irgendwann Richtung Abend, sind wir schon wieder dort. Beinahe fühle ich mich hier schon zuhause, wenn da nur nicht diese Leichenhalle, dieser Kindersarg und darin verschlossen ein lebloser Körper wäre. Wenn das alles nicht meine Familie betreffen würde, wenn das alles hier nicht unsere Welt wäre. Kerzen brennen, rund um den Sarg liegen Spielsachen verteilt, seine Spielsachen, mit denen er noch vor Tagen gespielt hat.

Irgendwann einmal bricht ein älterer Mann in die Idylle, in das gemeinsame Trauern, in diese unbequeme Leichenhalle, als er einen Blick hineinwirft, und lauthals sich darüber freut, dass er jetzt endlich wisse, von wem dieses Kind sei. Wir, einige von uns, haben ihn nach draußen gedrängt, haben die Tür geschlossen, und am Liebsten hätte ich ihm noch gerne eine verpasst. Er hat die Stille durchbrochen, hat keinen Anstand. Mein Herz pocht bis zum Anschlag, Wut steigt auf und ich bin froh, dass er das Weite sucht. Dieses Arschloch hat es kaputt gemacht, dieser Vollidiot ist in ein „Wir“ gestürmt, das zurzeit eben nichts anderes verträgt.

Zuhause ist es still. Bei uns ist es üblicherweise selten still, aber seit Tagen passiert alles nur gedämpft. Auch die Übertragung der Schallwellen. Es ist das Atmen, das ich manchmal vernehme, das Schluchzen, wenige Worte. Aber keine Worte würden all dem, was jetzt gerade passiert, gerecht werden. Wir schweigen uns an, obwohl wir uns doch unterhalten, wir umarmen, wir rauchen, wir blicken mit feuchten Augen in die Ferne, den Wald, der hie und da durch den Nebel blitzt, verbringen die meiste Zeit am Balkon, wohl um eins mit der Kälte zu werden. Obwohl wir das schon sind.

Und wenn wir alleine sind, meine Eltern und ich, machen wir uns Gedanken um meine Schwester. Unterhalten uns, wie wir ihr jetzt helfen könnten und wie wir es in Zukunft tun können. Es entsteht der Entschluss in mir, meine ehemalige Psychologielehrerin anzuschreiben. Keine Ahnung, warum ich gleich an sie gedacht habe, aber ihr muss ich schreiben. Muss ihr erzählen, was uns passiert ist, muss sie fragen, ob meine Schwester zu ihr kommen könne. Sie würde schließlich nicht hingehen, dafür aber jemand anderer.

Auf all den vier Fensterbänken in meinem Zimmer habe ich Teelichter platziert. Ich weiß nicht mehr warum, vielleicht im Glauben, dass Timi es irgendwo sehen wird. Dass er weiß, dass wir ihn vermissen, und dass er hier ein verdammt großes Loch hinterlassen musste. Immer wenn ich zu Bett gehe, zünde ich sie an, lege mich unter den Tuchent, krümme mich zusammen, kralle mir meine Fingernägel in meine Schulter, denke nach. Immer nur nachdenken. Bis selbst das weh tut. (2) Und irgendwann wird es schließlich Mitternacht. Und irgendwann schlafe ich schließlich ein.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein letztes Mal., 01.11.2007
(2) Etwas Ablenkung., 02.11.2007
Tweet von gestern Nacht

Und dann verliere ich dich.

Kurz ziehen. 07122010

Und dann verliere ich dich und habe keine Ahnung, wie ich mich fühlen soll. Möchte verstehen, warum das Ganze so passieren musste, und möchte dich anbrüllen und möchte dich umarmen und dir klarmachen, dass man so schnell nicht aufgeben kann und darf und es ganz sicher wieder besser wird. Aber du nennst mir Gründe, und ich verstehe sie nicht. Denn in Wahrheit erzählst du mir nur die Oberbegriffe, aber jeder tiefergehende Frage blockst du ab, lässt nicht mit dir reden, blockierst und lässt mich so zurück.

Du hättest dir keinen beschisseneren Zeitpunkt aussuchen können, um komplett aus meinem Leben abzuhauen. „Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.“ Das waren Zeitangaben, die uns beiden wohl lieb waren, aber du hast dich damit wohl selbst übertroffen. Und ich kann es kaum fassen, dass jemand etwas aufgibt, was jahrelang so etwas wie ein Fixpunkt war. Bin enttäuscht und aufgewühlt und schenke dem Ganzen viel zu viel Gedankengut. Kann nicht aufhören, darüber nachzudenken und Gründe zu finden, die zu finden nicht sind.

Ich kann nicht verstehen und möchte dich einfach vergessen. All die Jahre, die wir so oft Seite an Seite verbracht haben, möchte ich vergessen. Dass ich es nicht kann, das weißt du so gut wie ich. Und hoffe insgeheim, dass das nicht nur so eine Laune von dir ist, denn damit hast du alles zerstört. Alles was schon in leichten Trümmern lag, hast du zu Kieselsteinen zerschlagen und wenn du wieder einmal meine Schulter zum Ausweinen brauchst, werde ich nicht da sein. Und ich werde es wohl auch nie wieder sein.

Du hast den einfachsten Ausstieg genützt, hast dich gescheut vor einer notwendigen Aussprache, hast meine Worte unterbrochen und willst plötzlich du selbst sein. Ich war, bis vor kurzem, nur ich wenn ich dich und viel andere meiner Freunde bei mir wusste. In Gedanken, in Person oder in geschriebenen Worten. Ich bin gespannt, wie ich deinen Platz nachbesetzen werde und die Fußspuren, die du hinterlassen hast, schlussendlich wegwischen kann. Du hast es vermasselt, ein für alle mal. Und genau das tut mir Leid.