Walk away.

Als ich aufwache, weiß ich, was heute passieren wird. Sechs Tage sind vergangen, seit ich diesen einen Anruf von meiner Mutter in der Zivildienststelle erhalten habe. Sechs lange Tage, in denen ich manches Mal über mich selbst hinausgewachsen bin, und doch wieder jene Momente hatte, die mir zeigten, dass ich eben auch nur ein Mensch bin. Heute wäre der große Tag, das Begräbnis. Eine Kirche voll mit Leuten, bis auf den Rand alles besetzt. Ich habe nicht gut geschlafen. Wie hätte ich auch. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag. (1)

Irgendwann dusche ich mich, und ziehe diesmal nicht den beinahe schon ausgeleierten schwarzen Pulli an, sondern meinen Anzug. Gleich würde es soweit sein, aber hier, in diesem Haus, mit einer hektisch herumlaufenden Mutter, und einem Vater, der die letzten Tage schon in Trance verbracht hat. Ich muss hier raus, und fahre zu Timis Eltern. Irgendwann stehen wir vor der Kirche, sehen den Strom, der unentwegt in das große Gebäude im Ortszentrum hineinzieht. Manche bemerken mich, kommen her. Auch meine beste Freundin und ihre Schwester, die selbst in Tränen ausbrechen, während sie mich umarmen. Ich weine nicht. Meine Familie und ich gehen erst in die Kirche, als der Strom vorbei ist. Hinten stehen schon die Leute, die Plätze sind gefüllt, auf der rechten Seite sehe ich noch eine Reihe mit Freunden. Ansonsten sehe ich nichts. Setze mich neben meine Eltern, auf den linken Rand der linken Sitzreihen. Die zusammengefalteten Zettel in meiner Sakkotasche krame ich immer wieder hervor, nur um sicher zu gehen, nichts vergessen zu haben. Manchmal reiche ich meinen Eltern oder meiner Schwester Taschentücher aus meiner anderen Sakkotasche. Aber ich weine nicht. Ich zittere nur, wie ich es schon immer getan habe. Zittere leise vor mich hin und glaube, zusammenbrechen zu müssen.

Gerhard, unser Freund und Pfarrassistent, hat berührende und sehr persönliche Worte gefunden, irgendwann kommen die Fürbitten, die ich mit fester Stimme vortrage. Es ist so unruhig still hier. Später teilen noch die Arbeitskollegen meiner Mutter an alle Besucher des Begräbnisses Buttons aus. Buttons mit einem Schmetterling; nicht als Erinnerung an diesen Tag hier, sondern in Erinnerung an diesen kleinen Jungen. Dann die Worte von Timis Taufpatin und schließlich mein Text. Jenen Text, den ich nur einen Tag nach Timis Tod geschrieben habe. Jenen Text, um den mich meine Schwester und meine Mutter gebeten haben. Zitternd gehe ich die wenigen Treppen hinauf zu jenem Platz, wo normalerweise immer die Lesung vorgetragen wird. Hinter mir ist es still, niemand hustet, vereinzeltes Schluchzen.

„Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.“

Beginne ich und bin einfach nur froh, es doch zu wissen. Zwei A4-Zettel voll Worte, die ich nicht an die Gäste hier richtete. Ich blicke blind in die Menschenmasse, kann keine Gesichter entdecken, und richte viel öfter die Worte an den Sarg, der nur etwas neben mir steht.

„(…) Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können, wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst. (…)“

Manchmal habe ich das auch getan. Habe versucht, ihm den „kleinen Prinzen“ vorzulesen, bis ich bemerkte, dass er davon zwar vieles, aber eindeutig nicht müde wurde. Und ich ihn dann am Kopf streichelte, bis er neben mir, im Bett seiner Großeltern, eingeschlafen ist. Manchmal habe ich das auch getan und würde es so gerne wieder tun.

„(…) Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. (…)“

Das sind wohl die treffendsten Worte. Es war ein Flügelschlag und du warst nicht mehr da. Hast dich aus dem Staub gemacht, ohne auch nur einmal Lebewohl zu sagen. Hast mich, uns, hier zurückgelassen und einfach so aufgehört zu atmen. Wie konntest du nur?

„(…) Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.“

Beim letzten Satz, mit Blick auf den Sarg, versagt beinahe meine Stimme, sie wird etwas weinerlich. Beende den Satz und ernte wieder Stille. Nur das Schluchzen meiner Schwester und jenes erbitterte meiner Mutter. Auf dem Weg zurück blicke ich in ihre Gesichter, kann nicht lange hinsehen, mein Vater, mit verheultem Gesicht, klopft mir auf den Oberschenkel. „Gut gemacht.“ Ich höre mir „Tears in Heaven“ an, ein Lied, über den Tod eines Kindes, am Begräbnis eines eben solchen. „Would you know my name, if I saw you in heaven?“ Innerlich muss ich lachen. Weil ich mich erinnere, wie ich ihm immer wieder vorsagte, wie sein Name war, und wie der meine lautete. Sagen konnte er ihn jedoch nie. Würde er denn meinen Namen kennen?

Irgendwie hat es sich so ergeben, dass ich die Aufgabe bekomme, das Holzkreuz, jenes, was für die kommenden Monate unser Familiengrab schmücken würde, zu tragen. Während hinter uns der Trauerzug aus dem familiären Umfeld zum Friedhof geht. Ich halte es vor mir, halte es etwas hoch. Der daran festgemachte Teddy, die mit Draht befestigten Schmetterlinge. Mir läuft Gänsehaut über den Rücken, als sich die gesammelte Kirche erhebt, als, ich mit dem Kreuz voran, meine Onkels und Cousins mit Timis Sarg dahinter, langsamen Schrittes die Kirche verlassen. Ich erkenne keine Gesichter, erkenne niemanden, und lebe die kommenden Minuten weiter in meiner ganz eigenen Welt.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel., 03.11.2007

Du zitterst.

Zigarette

Als sich die Nacht um uns verdichtet, deuten nur mehr die glühenden Spitzen unserer Zigaretten unseren Standort an. Jedes Mal, wenn du an ihr ziehst, kann ich dein Gesicht betrachten, nur für einen kurzen Moment. Du zitterst.

Ich würde mich ganz nah zu dir stellen. Würde dich umarmen, mit meinen Armen an deinem Rücken dir Wärme schenken, würde dir durch unsere Umschlungenheit all meine übermäßige Wärme abgeben. Nur damit du endlich zu zittern aufhörst. Und du könntest dich an mich kuscheln, könntest mir mit deinen Händen durch meine Haare streichen. Und mir deine Gedanken, all deine Gedanken ins Ohr flüstern.

Mein nächster Zug erhellt nun mein eigenes Gesicht. Du siehst mich an. Deiner sonst überschwänglichenFröhlichkeit sind Angst, Stille und Dunkelheit nachgefolgt. Nicht einmal deine Hand kann ich halten.

Wir sind uns noch viel zu fern. Obwohl ich mich dir so oft so nahe fühle.

Feels Like The First Time.

Das Warten und dieser kurze Moment.

Wenn ich meine Augen schließe, bleiben sie es nicht. Sie zittern vor sich hin. Mit der Musik in den Ohren, gefühlvoll und traurig. Aber nicht der Grund für dieses Gefühl heute. Für dieses Gefühl jetzt. In letzter Zeit habe ich manchmal diesen Anflug von komischem Kribbeln im Bauch. Kein schönes Gefühl, eher störend und beunruhigend. Nicht verliebt grummelnd sondern verstört krabbelnd. Ich wüsste nicht, was genau das sein könnte, aber in genau diesen Momenten schaffe ich es nicht, die Augen zu schließen.

Sie zu schließen und nicht sofort zu beginnen, mit Gedankenfetzen um mich zu werfen. Ganz still sitze ich dann vor dem Computer oder auf dem Balkon oder in meinem Bett und alles stürzt herein und ich habe keine Ahnung, was denn nun los ist. Warum ich mich so fühle, und was ich hier jetzt nun eigentlich fühle und ich warte und denke nach und manchmal kommen mir die unglaublichsten Gedanken und manchmal auch wunderbare Ideen und dann lenke ich mich ab und sehe in die Sterne oder in den blauen Himmel oder ich schließe die Augen ganz fest, sodass ich kein Zittern zulasse.

Oft denke ich auch an ihn, und wie schön es jetzt wäre, wenn er hier wäre. Und wie bescheuert ich es finde, wenn man sagt. Sein Körper ist jetzt zwar tot, aber er lebt in eurer Erinnerung, in euch, weiter. Ja, dort lebt er und jedes Mal wenn irgendetwas passiert, was er genauso getan hat, und wenn ich am Kühlschrank oder an der Ecke mit den Bildern vorbeigehe, sehe ich sie mir an, zum Tausendsten Mal, und zum tausendsten Mal verstumme ich. Nach außen hin und auch ganz innen drin. Ich habe nichts zu sagen, und ich frage mich ständig, ob es das ist. Ob er so in mir weiterleben soll, als Beweis, dass Vergangenes so großartig war und die Gegenwart nur das Resultat einer Substraktion oder der miese Rest einer Division ist. Wenn es so ist, weiß ich nicht, ob er nicht einfach nur tot sein könnte. Einfach nur tot, und die Erinnerung würde nich jedes Mal wieder aufflackern und die Erinnerung würde mir nicht mehrmals täglich eine Hieb in die Magengegend geben. Aber es ist doch die Erinnerung, das ist es doch, was mir bleibt. Und so denke ich nach.

Ich denke nach und komme einfach nicht weiter. Seit Tagen ist es nun schon so und ich sträube mich dagegen, aber jedes Mal, wenn die Sonne untergegangen ist, wenn ich im Wohnzimmer sitze oder auf meinem Bett, wenn die ganze Welt schläft und ich vielleicht gerade meine letzte Zigarette hinter mir habe, dann kommt dieser Moment. Und ich fürchte mich etwas vor den Gedanken und den Ideen und vor den Augen, die zittern. Und ich freue mich dann schon auf den nächsten Tag und die Sonne und die Unbeschwertheit und alles. Doch dieses Gefühl bleibt noch einige Zeit und geht nicht. Und das jeden Tag und. Und ich finde keine Antwort auf all die Fragen, keine Fragen auf all die Antworten.